Herz aus Moos und Schatten - Sarah Scheumer - E-Book

Herz aus Moos und Schatten E-Book

Sarah Scheumer

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Beschreibung

Atmosphärisch wie ein Studio Ghibli-Film Atmosphärisch wie ein Studio Ghibli-Film In der Hafenstadt Nohedam wandeln finstere Naturgötter, auf deren Reich die Stadt einst gebaut wurde. Bald soll die große Flut kommen, die die Götter in das ersehnte Ewigreich bringt. Damit sie mitkommen darf, muss die Halbgöttin Nor für ihren Ziehvater und Herrscher des Götterclans Aufträge erledigen. Doch dann verliebt sie sich in einen Menschen und beginnt, sich an ihre leiblichen Eltern zu erinnern, deren Tod ein dunkles Geheimnis umgibt. Als Tochter beider Welten muss sie ihre eigene Macht entdecken – und für ihre Unabhängigkeit, das Wohlergehen ihres Clans und ihre Liebe kämpfen. »Schrullige Charaktere in einem düsteren Hafenviertel aus brackigen Kanälen, finsteren Gassen und Hinterhöfen – hochatmosphärisch, voller wunderbarer Details und originell bis auf die Knochen. Sarah Scheumer gelingt etwas, an dem viele scheitern: Ihr Schauplatz ist so lebendig wie ihre liebenswerten Figuren.« Kai Meyer, SPIEGEL-Bestsellerautor

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: Kristina Langenbuch Gerez

Karte: Sarah Scheumer

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Andrea Barth Guter Punkt, München nach einem Entwurf von Sarah Scheumer

Coverabbildung: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Karte

1

Ein Klopfen

2

Knollen und Moosgötter

3

Der Sumpf ist hier

Etwas, das zu viele Augen hat

4

Schlammgeschäfte

5

Marigold

6

Werftgeflüster

Warum hast du das gemacht?

7

Flutnacht

Wohin auch sonst?

8

Zähne und Geheimnisse

9

Du! Du!

Zusammenhalten

10

Geht es dir gut?

11

Okingsbaum

12

Souterrainsonne

13

Aster

14

Tee und Holunder

15

Regen und Gold

16

Wie ein Schatten

17

Blumengeschenke

18

Ich muss mich bei dir entschuldigen

Lange genug am Leben bleiben

19

Brückengott

20

Über die Schwelle

21

Spatzennacht

22

Eine Seele im Torf

23

Sune

24

Marigoldsuppe

25

Kein falsches Wort

26

Liev

27

Du siehst jemanden

28

Ein neuer Klang

29

Ein ganzes Dasein beenden

30

Wenn du gehst

31

Okingsreich

32

Etwas auf der anderen Seite

33

Eintopf und Tee

34

Verpasste Gelegenheiten

Die Tochter einer Gottheit

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für Mama, die immer mein Zuhause ist.

Karte

1

Ein Klopfen

In der Ruhe des Kanals dachte Nor kurz darüber nach, die Tür einzutreten. Das grün lackierte Holz war ohnehin morsch, zerfressen von der Feuchtigkeit der Wasserstraßen. Aber zu ihrem Bedauern hatte sie noch nie eine Tür eingetreten, und Chaos zu verursachen, war grundsätzlich eine schlechte Idee, wenn man kein Mensch war.

Sie stand so lautlos im Halbdunkel auf der kleinen Betonfläche des Anlegers, dass sie der Morgennebel hätte sein können, der gerade auf den Stein der Stadt sank. Bloß missmutiger war sie und vor Kopfschmerzen ganz kratzbürstig. Das Kinn im weiten Kragen ihrer Jacke vergraben dachte sie an ihr Bett, in das sie jetzt gerne gestiegen wäre. Stattdessen hob sie die Hand für ein Klopfen. Drei Mal prallten ihre Fingerknöchel auf die Hintertür des Imbisses, sodass die drei Ringe aus Sumpfholz an ihrem Handgelenk klapperten.

Um sie herum regte sich gerade erst der frühe Morgen im Küstenviertel. An der nächsten Kanalkreuzung wurden verärgerte Rufe unter der Trostbrücke laut, als ein zu schnell fahrendes Boot Wellen schlug, und von den Gästen an der Vorderseite des Imbisses trieben einige Gesprächsfetzen und hin und wieder ein Schlürfen zum Kanalufer. Der Duft von Tintenfischsuppe zog um die Ecke aufs Wasser, zusammen mit dem Aroma von grünem Tee, der bitter und lauwarm aus einer Isolierkanne gezapft wurde.

Die Gäste hätten sicher etwas dagegen gehabt, von Nor belauscht zu werden. In den alten Vierteln wusste man noch einiges über Gottheiten – Dämonen, Onsichtige! –, und die Bewohner kamen schneller darauf, sie zu jagen, als anderswo in der Stadt. Die kalten Finger im Filz ihrer Jackentaschen vergraben, nahm sie sich vor, dass sie keine Minute brauchen würde, ehe sie vorne aus dem Imbiss wieder hinausspazierte, ausgerechnet unter dem Talisman gegen böse Geister hindurch.

Hinter der Tür ertönten Schritte. Die Scharniere knarzten, und warmes Licht fiel auf den Anleger. Eine Straßenkatze, die gerade noch neben ihr im Wasser nach Laub geangelt hatte, schlüpfte durch die Tür, bevor der Mann dahinter es verhindern konnte. Sein Versuch, sie mit einem kräftigen Tritt zu erwischen, war zu träge.

Nor verengte die Augen.

»Vorsicht mit deinen Füßen, wenn du sie behalten willst«, flüsterte sie, aber der Mann überhörte ihre Worte.

Auch sein Blick strich über sie hinweg, als könnte er einfach nicht richtig an ihr hängen bleiben. Das schützende Symbol auf ihrer Stirn kribbelte, heute gemalt mit weißer Kalkpaste im hellen Kontrast zu ihrem schwarzen Haar. Es war die einzige Zeichnung auf ihrem Körper, die sie wegwischen konnte, alle anderen waren ihr dunkel unter die Haut gestochen, verborgen unter ihrer Kleidung. Dem Mann stellten sich die Nackenhaare auf, als sie an ihm vorbeiging wie etwas, das gar nicht richtig da war. Er hielt ihr trotzdem die Tür auf, so wie man es unwillkürlich für jemand Fremden tat, der einem in einen Laden folgte.

Während er hinter ihr den Riegel vorschob, machte sie zwei Schritte in den Raum hinein. Er war eine Mischung aus Anlegehäuschen und Lager für den Imbiss und roch nach dem muffigen dünnen Teppich auf dem Steinboden und klebrigen Fischsaucenflaschen in den Regalen. Durch den offenen Küchengang und den Dunst aus großen Kochtöpfen konnte Nor bis zum Tresen an der Gasse vorne sehen, an dem die Gäste in der Kälte standen. Wer um diese Uhrzeit Tintenfischsuppe aß, hatte oft Schichtarbeit hinter sich. Hafenvolk oder Leute vom Großmarkt, ein paar so jung wie Nor selbst. Eine kleine Gruppe war gerade angekommen, die vielleicht etwas zu feiern gehabt hatte, hungrig und lachend. Ein verliebtes Pärchen war dabei, ein Mädchen, das die Hand in den Locken eines Jungen vergrub, um ihn im offenen Eingang neben dem Tresen zu küssen. Nors Blick löste sich von seinen Lippen, die im roten Licht der Neonlampe an der Imbisswand leuchteten.

Der Mann, der Nor geöffnet hatte, widmete sich einem Außenborder auf einer Werkbank. Die andere Person im Raum war die Imbissbesitzerin, die am Durchgang zur Küche an einem Plastiktisch saß und rauchte, neben sich ein eng beschriebenes Buch für Warenein- und Ausgänge. Maure Jeenke, über viele Ecken verwandt mit dem Mann an der Werkbank, Enno Jeenke. Sie stützte den Ellenbogen auf einen geöffneten Jutesack, auf den Nor es abgesehen hatte.

Erst vor einer knappen Stunde hatte Maure als Zwischenhändlerin mit ihrem Boot einige Waren zum Alten Zollkanal in der Stadtmitte gebracht. An einem der ehemaligen Zollgebäude hatte sie die Sachen abgegeben und dabei trotz aller unheimlichen Geschichten über die Leute, mit denen sie handelte, die Feldknütten unterschlagen.

Die seltenen Wurzelknollen, die teuer über den Hafen importiert werden mussten, lagen nun zum Teil auf dem Tisch verschüttet, vielleicht, um die Qualität zu prüfen. Schon jetzt rochen sie scharf und würzig wie die Salbe, die Bukker daraus herstellen wollte. Möglichst noch an diesem Morgen, weil er damit Wunden heilte, die nicht warten konnten.

Während Nor eine der Knollen vom Boden aufhob, lauschte sie dem Herzschlag der Anwesenden, dem des Kochs am Elektroherd in der Küche, dem der Frau vor ihr und dem des etwas unsauberen Mannes an der Werkbank. Das Geräusch eines schwachen Herzens, das sein Bestes gab. Noch waren alle ruhig, aber Nors Anwesenheit durchdrang die Luft wie etwas, das nur lange genug im Wasser ziehen musste, um aufzufallen. Sie legte die Knolle zu den anderen auf den Tisch und setzte ein paar klare leise Worte in die Luft.

»Die sollten hier lieber nicht so offen herumliegen.«

Die Frau blinzelte und senkte den Blick, als kämen die Worte aus ihren eigenen Gedanken. Aber statt sie im Jutesack zu verstauen, damit Nor sie mitnehmen konnte, schob sie die Knollen nur halbherzig mit den Armen zusammen und beobachtete dann wieder die Küche, den rauchenden, selbstgedrehten Glimmstängel dicht vor den Lippen.

»Pack das Zeug wenigstens wech«, brummte Enno. »In der Küche können wir das auch nicht brauchen.«

»Ich gehe heute Vormittag in die Straten und verkauf die Knollen an Kasjas Restaurant.« Maure tippte auf ihren Glimmstängel und ließ Asche auf eine der Knollen fallen. Nor sah auf das graue Pulverhäufchen auf der Knollenschale und starrte der Frau dann in die teilnahmslose Miene, während sie darüber nachdachte, ihr die Finger zu brechen.

Maure bewegte sich in leichtem Unbehagen, aber sie ignorierte das Gefühl, beobachtet zu werden. »Ich warte ein paar Tage, und dann lasse ich mich gut von den Schippers bezahlen«, fügte sie hinzu.

Der Mann schnaubte. »Kasja nimmt nichts Geklautes.«

»Sie nimmt, was sie kriegen kann, wie alle in den Straten«, antwortete Maure, während Nor zu einem Regal ging und einen Sack Zwiebeln zwischen ranzigen Kanistern ausleerte. Ihr Magen knurrte dabei, weil sich ein neuer Duft über den Geruch von Tintenfischsuppe legte. In der Küche wurde gerade eine Ladung Stinte in eine Pfanne gegeben. Kleine Fische, frisch gebraten und mit einem Schuss Zitrone und Salz, die Nors Sinne aus dem Halbschlaf holten. Sie würden sich hervorragend für ein Frühstück eignen.

Der Mann wischte ein Teil des Außenborders mit einem schmutzigen Tuch ab. »Kasja nimmt dir das Zeug nicht ab. Sie würde ihre guten Beziehungen riskieren.«

Maure schnaubte. »Ihre Beziehungen zu Dämonen?«

Sie redete von Gottheiten. Nor bedachte sie erneut mit einem verärgerten Blick, während sie an den Tisch trat und direkt unter ihrer Nase eine Knolle nach der anderen in ihren leeren Zwiebelsack steckte. Maure erschauderte, während sie fahrig Nors Armbewegung auf dem Tisch verfolgte. Als sie aufsah und ihr Blick hängen blieb, wich Nor zurück, die Sinne auf Maures Herzschlag gerichtet.

»Kasja handelt mit ganz normalen Leuten«, sagte Enno hinter ihr. »Hör auf, ständig von Märchen zu reden.« Trotz seiner Worte rieb er sich den Nacken, als könnte er jetzt spüren, dass etwas hier war, das nicht in diesen Raum gehörte.

Nor wartete auf einen passenden Moment, um die letzten beiden Knollen von der Tischplatte zu nehmen. Sie waren zu selten, um auch nur eine einzige zurückzulassen. Nur noch ein Griff nach dem fast leeren Sack, den sie mit einem Ruck unter Maures Ellenbogen wegziehen wollte, und sie konnte gehen. Das Problem war, dass die Stinte gerade erst gewendet wurden und noch gute zwei Minuten brauchten. Jetzt, da sie sich das Frühstück in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, den Imbiss ohne zu verlassen.

»Böse Geister sind’s«, brummte die Frau. »Und dumm genug, sich beklauen zu lassen.«

»Gottheiten«, flüsterte Nor. Natürlich waren sie in den Märchen, die sich die Stadtbewohner erzählten, furchterregend und böse. Geschichte wurde schließlich von den Gewinnern geschrieben.

Maure schauderte und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Eine Falte bildete sich zwischen ihren Brauen, während sie sich zur Hintertür umsah. »Hat es geklopft?«

Enno folgte ihrem Blick. »Da war eine Katze auf dem Anleger.«

»Wozu machst du zu so einer Stunde die Tür zum Kanal auf?« Sie tat, als wäre sie bloß schlecht gelaunt, aber an ihren nackten Unterarmen bildete sich eine Gänsehaut. »Da kann man sich alles Mögliche einfangen.«

Für seine Antwort senkte der Mann die Stimme. »Und ich hab dir gesagt, dass sie sich die Ware zurückholen, wenn du sie beklaust!«

»Es riecht auch komisch«, sagte Maure, dabei fand Nor, dass die Luft jetzt vollkommen vom Duft der fast fertigen Stinte erfüllt wurde. Ihr Magen knurrte erneut, sodass sie eine Hand auf ihren Bauch presste. »Wie Erde, wenn’s regnet. Oder trockene Blätter. Ich weiß nicht …«

»Das ist der Regen. Es wird Herbst, und die Stadt modert vor sich hin.« Trotz seiner Worte öffnete Enno noch einmal die Hintertür. Er blickte auf den leeren Anleger und das finstere Wasser des Kanals. Das Boot, das zum Imbiss gehörte, war gerade nicht da, vielleicht hatte Maure jemanden auf einen Botengang geschickt. Auf anderem Wege gelangte man normalerweise nicht auf den Anleger. Vom Ufer der Gasse war ein großer Sprung nötig. Mit Anlauf, wie Nor jetzt wusste, und etwas Geschick bei der Landung, um nicht direkt weiter über die Kante der Betonfläche ins Wasser zu stolpern.

Sie hatte vor dem Sprung lange gezögert, weil sie nie Schwimmen gelernt hatte. Fahrlässig in einer Stadt mit so vielen Kanälen, hatte Oddo einmal mit seiner nassen Torfstimme gegackert.

Während Maure zur Tür sah, flüsterte Nor einen weiteren Gedanken in ihre Richtung. »Du solltest dir das genauer ansehen«, sagte sie, und da hielt Maure es plötzlich für eine gute Idee, aufzustehen und sich zu strecken, um einen besseren Blick auf den Kanal zu haben.

Nors hölzerne Armreife klapperten, als sie eilig nach den letzten zwei losen Knollen und dem Jutesack griff und alles zusammen im Zwiebelsack verstaute.

»Wer ist da?«, fragte Enno in den Raum.

Maure sah vom Anleger zu Nor und kniff die Augen zusammen. »Die Knollen!«, stieß sie aus. »Leg die Knollen wieder hin!«

Ein heftiger Fluchtinstinkt jagte durch Nors Körper, aber in diesem Moment nahm der Koch die Pfanne mit den fertigen Stinten vom Herd. Er kippte sie auf ein Rost mit Küchenpapier und begann, sie auf Holzspieße aufzuteilen, sodass aus Nors Flucht ein angespanntes Zögern und Abwägen wurde.

»Mach Platz«, blaffte sie Maure an, die sich hastig in den Küchendurchgang stellte und trotz ihrer sichtbaren Angst versuchte, nach dem Jutesack zu greifen. Nor stieß sie beiseite, sodass sie rückwärts gegen den Tisch polterte. Enno rief eine Warnung, und als wäre damit endgültig ein Bann gebrochen, bekam der Imbiss Nors Anwesenheit zu fassen.

Vorne am Tresen wurde es ruhig, und auch der junge Koch an der Küchenzeile drehte sich um. Nors Blick heftete sich an den Spieß mit fünf wunderschönen, perfekt gebratenen Stinten in seiner Hand. Sie wurde kaum langsamer, um ihm den Fischspieß aus seinen Händen zu ziehen, aber es reichte Enno, sie zu erwischen. Er stürzte an Maure vorbei und packte Nor an den Haaren. Sie ließ den Knollensack fallen, um nach ihrem Messer zu greifen, in der anderen Hand den Spieß mit den Stinten, aber er zerrte sie schon rückwärts.

Er ließ ihr Haar los und drängte sie an die Wand, mit der ihr Hinterkopf kollidierte. Er packte ihre Kehle, während er mit weit aufgerissenen Augen ihren Blick traf. Fast sah er nur eine junge Frau – schwarzes Haar, die Jacke aus dunklem Filz, in deren weitem Kragen sie gern verschwunden wäre, ein Symbol aus Kalk auf ihrer Stirn, das für ihn keine Bedeutung hatte. In ihrer Miene eine Mischung aus Schmerz und Ärger. Aber sein Entsetzen galt ihren Augen. Nors Familie fand, sie hätten die Farbe von milchigem Solewasser, an dessen Grund kaum sichtbar dunkle Steine lagen. Wäre sie eine vollkommene Gottheit, hatte Medora einmal zu ihr gesagt, hätte sie einst eine mineralische Bergquelle gewesen sein können oder der Meernebel, der frühmorgens über grauem Wasser stand und Schiffe in die Irre leitete.

Für den Mann war gerade sicherlich nur wichtig, dass er in all dem Weiß keine Pupillen erkennen konnte.

»Kein Mensch!«, stieß er voller Schrecken aus, und in Nor regte sich bei den Worten eine Erinnerung, die sie seit ihrer Kindheit endlos weit verdrängt hatte. Sie krächzte, weil keine Worte an seinem Klammergriff um ihre Kehle vorbei passten. Mit großer Überwindung ließ sie den Spieß Stinte fallen und bekam ihr Messer unter der Jacke in die Finger.

»Fass das Ding nicht an!«, rief Maure, während Nors scharf geschliffene Klinge in sein Handgelenk eindrang. Offenbar spürte er den Schmerz nicht, denn als warmes Blut an seiner Hand und von dort an ihrem Hals hinablief, lockerte sich sein Griff kein Stück.

Ihr zweiter Messerhieb ging daneben, weil er sie bereits von der Wand wegzerrte, die Augen immer noch weit aufgerissen. Er schrie ihr wie von Sinnen ins Gesicht – »Raus! Raus! Raus!« – und drängte sie auf die Hintertür zu, während sie Mühe hatte, auf den Füßen zu bleiben.

»Ertränk es!«, schrie Maure von der Küche aus. »Tu es in den Kanal!«

Nors linker Ellenbogen kollidierte mit dem Türrahmen, dann war sie zurück auf dem Anleger. Sie hatte noch nicht wieder Luft geholt, als der Mann sie über die Kante ins Wasser schubste. Er ließ sie los, während sie untertauchte, aber noch bevor sie wieder durch die Wasseroberfläche brechen konnte, grub sich seine Hand erneut in ihre Haare, um sie nach unten zu drücken.

Sie klammerte sich blind an seinen Arm, in der anderen Hand noch ihr Messer, das sie nicht dem Kanal überlassen wollte. Mit aufkommender Panik versuchte sie, mit den Füßen Halt unter dem Anleger zu finden, aber der Beton war zu glitschig. Sie wand sich und trat um sich, aber ihre Stiefel wurden so schwer, als würde Moriya daran ziehen, die Flussgöttin, von der die Menschen auch heute noch glaubten, dass sie Kinder ins Wasser zog, die zu nah am Ufer spielten.

Der Mann hielt eisern ihren Kopf fest. Sie spürte, wie er über dem Wasser versuchte, ihre Finger von seinem Arm zu biegen, um ihren Klammergriff loszuwerden.

Ihr Treten im Wasser führte zu nichts, so wie Panik es eben an sich hatte, und ihr Messer glitt nutzlos über die Unterseite des Anlegers, die schräg bis zur Wand des Kanals gemauert war. Etwas schien die Klinge mit einem Ruck zu packen, aber als sie daran zerrte, wurde ihr klar, dass sie bloß irgendwo stecken geblieben war.

Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Das kalte Wasser lähmte ihren Körper, und der Mann hielt sie unnachgiebig fest, als hätte sich sein Arm in Stein verwandelt, entschlossen, das Unheil im Kanal zu ertränken.

Während ihr die Luft knapp wurde, schossen ihr derbe Flüche durch den Kopf, Ärger über sich selbst und die verlockenden Stinte und ganz allgemeiner Zorn auf die Menschen. Aber dann, während ihre Gedanken schon fahriger wurden und ihre Lunge zu brennen begann, tauchte noch etwas anderes auf. Worte, die sie vor einer Ewigkeit gehört und seitdem lange vergessen hatte. Eine warme, liebevolle Stimme von früher, von der sie gar nicht gewusst hatte, dass sie sich noch an sie erinnern konnte.

Bitte sei immer vorsichtig, ja? Ich würde nie wieder glücklich werden, wenn dir etwas passiert.

Während ihre Lunge nach Luft verlangte, diese furchtbare menschliche Lunge, um die sie nie gebeten hatte, zwang sie sich, ihr Messer loszulassen. Mit beiden Händen packte sie Ennos Arm, krümmte sich und trat gegen die glitschige Wand unter dem Anleger. Der Druck auf ihren Kopf wurde für einen Augenblick größer, als der Mann vornüber vom Anleger kippte und über sie hinweg in den Kanal stürzte. Sein Körper tauchte ins Wasser, etwas traf hart auf ihre Schulter und ihre Rippen, und plötzlich war alles Chaos und Wasserwirbel, jedes Gefühl für oben und unten verloren. Seine Hand noch in ihren Haaren verheddert, zog er sie für einen schrecklichen Moment mit sich, bevor er losließ und ein Tritt ihren Oberschenkel traf.

Ihre Hände streiften die Wand, an ganz anderer Stelle als erwartet, und sie stieß sich den Kopf am Beton. Aber dann fand sie die Kante des Anlegers. Mit letzter Kraft tauchte sie aus dem Wasser auf, hustend und röchelnd. Mit steifen Gliedern und schwerer Kleidung kämpfte sie sich auf die Betonfläche, so hektisch, dass dabei Moos unter ihren Fingern spross. Die Pflänzchen fanden keinen Halt auf der Betonoberfläche und machten sie bloß rutschiger. Trotzdem schaffte sie es nach oben.

Nor richtete sich auf, die Kleidung wie eine durchtränkte Bleidecke an ihrem Körper, und sah die Schaulustigen, die sich im Hinterzimmer des Imbisses versammelt hatten. Sie gafften, die Augen geweitet, als wäre Nor aus ihren gemeinsamen Albträumen gestiegen. Die Reste der Kalkzeichnung liefen ihr in die Augen, aber sie sah trotzdem den Knollensack auf dem Boden zwischen den Imbissgästen, die im Schrecken erstarrt waren. Ohne einen weiteren Herzschlag abzuwarten, rannte sie los, griff im Laufen nach dem Sack und stieß dabei einen Mann beiseite. Die Leute wichen zurück.

»Lasst es raus!«, rief jemand schrill.

»Dafür ist es zu spät«, fiel ihm eine Frau ins Wort, vielleicht in der Angst, dass dieser ganze Imbiss dem Unheil zum Opfer fallen könnte, wenn Nor entkam und ihresgleichen von diesem Vorfall berichtete.

»Ertränkt es!«, blaffte Maure erneut, als Nor gerade an ihr vorbei war.

Jemand setzte ihr nach, aber sie war schneller. Auf ihrer Flucht kollidierte sie in der Küche mit gestapelten Kisten voller Fischfang, die dabei umkippten, und weil im Ausgang zur Gasse das junge Pärchen stand, das sich eben noch geküsst hatte, sprang sie auf den Tresen. Auf dem klebrigen Holz riss sie Soßenflaschen und einen Besteckkorb um und brachte einen Hocker zu Fall, hinter dem sie auf dem Asphalt der Straße landete.

»Du gehörst nicht hierher!«, glaubte sie noch jemanden rufen zu hören, als sie floh, und vielleicht war damit nicht nur das Küstenviertel, sondern diese ganze Welt gemeint, und dann hätte man ihr das nicht extra sagen müssen.

2

Knollen und Moosgötter

Kurz vor der Brücke über den Alten Zollkanal spürte Nor, dass ihr ein Gott folgte. Sie hörte kein Herz, weil Götter keines besaßen, und es dauerte einige Sekunden, bis sie ihn bemerkte, weil sie so mit sich selbst beschäftigt war. Sie zitterte heftig, obwohl es ungewöhnlich viel brauchte, um sie zum Frieren zu bringen, und sie roch nach Kanalwasser, einer Mischung aus Schlick, Algen, Öl und undefinierbarem Dreck. Es hatte zu regnen angefangen, sodass es auf die Dächer des Viertels und ihren Kopf pladderte, und außerdem schmerzte ihr Knie. An ihrer Hand brannte eine Abschürfung, und durch ihre Innereien wühlte sich etwas, das sich am ehesten nach Zorn anfühlte.

Zum wiederholten Male rieb sie sich über die Kehle, um das Gefühl loszuwerden, von einem Fremden gepackt zu werden.

Nor.

Sie sah über die Schulter, aber hinter ihr lag nur der Seilerplatz in der Stadtmitte, eingefasst von mehrstöckigen Fassaden und Arkaden. In diesem Teil Nohedams wirkten die Gebäude wie modrige Paläste, die aus den umliegenden Wasserstraßen wuchsen und im wolkenverhangenen Morgen froren. Die Meeresluft fraß am Gestein. Selbst die Plastikstühle, an denen sie vorbeiging, vor einem Café gestapelt und mit einer Kette gesichert, waren rau und matt.

Die Brücke im Blick, den Knollensack an ihre nasse Jacke gedrückt, dachte sie an die Stimme aus ihrer Kindheit, an die sie sich erinnert hatte. Als wäre sie zum ersten Mal seit etlichen Jahren wieder darauf gekommen, über sie nachzudenken. Ausgerechnet nach diesem Zwischenfall, nach dem sie nicht emotional und weich, sondern bloß wütend sein wollte.

Nooor, drängte der Gott in ihren Gedanken, ein Gefühl, als würden fremde Fingerspitzen durch ihren Kopf gleiten. Er verbarg sich vor ihrem Blick, aber sie erkannte ihn an seiner weichen Stimme, an seinem Wesen, das vielleicht einmal zwischen feuchten Baumwurzeln oder unter regennasser Baumrinde entstanden war. In einem Zuhause, in dem er Weisheiten und List gesammelt hatte, lange bevor diese Stadt die Landschaft unter sich begraben hatte.

Wenige Meter vor dem Zollkanal kribbelte ihr Ohr, bevor er ganz dicht hineinflüsterte. »Ein Mädchen schenkte einem Gott eine Knolle.«

»Nichts da«, fiel sie ihm ins Wort. Es kostete Kraft, unter seiner Forderung nicht einzuknicken. Geschichten, ob geflüstert oder nicht, waren in dieser Stadt so eine Sache. Einmal in die Welt gesetzt, konnte man ihnen schwer widerstehen, vor allem, wenn sie von einer alten Gottheit kamen.

Das Aroma der Knollen, das durch den feuchten Jutesack sickerte, hatte ihn angelockt. Aber dicht vor ihr lag bereits die Zollinsel, lang und schmal, eingeklemmt zwischen zwei Wasserstraßen. Die Gebäudereihe, die darauf thronte, Büros und etliche Warenspeicher, war einmal im Besitz der Hafenbehörde gewesen. Die heutige Hafenbehörde hatte ihre Räumlichkeiten seit einigen Jahrzehnten weiter den Kanal hinunter Richtung Küste, aber die Verwaltung nutzte noch zwei der Gebäude an der Südspitze der Insel. Mit dem nördlichen Teil verhielt es sich wie mit Nor, wenn sie ihre Stirnbemalung trug: Die Menschen kamen einfach nicht darauf, länger über die Gebäude nachzudenken.

Schon bevor sie die Brücke über den Alten Zollkanal betrat, nahm sie die geheime Betriebsamkeit hinter den Mauern wahr. Listige, in allerlei Handel verstrickte Gottheiten, mit denen Nor ihr Zuhause teilte. Ein paar Fenster waren erleuchtet, und unter dem steinernen Türbogen, durch den man in das Gebäude mit der Giftküche gelangte, hing eine Laterne und spendete warmes Licht.

Als sie die Brücke verließ, dicht am Geländer aus alten Stahlträgern der Hafenindustrie vorbei, beschloss der Gott auf ihren Fersen, sie wenigstens zu ärgern, wenn er schon keine von den Feldknütten bekam. Sie spürte, dass er nach ihrer Wahrnehmung tastete … kurz bevor ihr der Boden plötzlich weicher vorkam, als gäbe unter dem Steinpflaster ein Moorboden nach. Sie stolperte und rettete sich mit einem Ausfallschritt.

»Bacol hat sich Tee aus diesen Knollen gewünscht«, warnte sie. Niemand wagte es, sich an Bacols Zutaten zu vergreifen.

Du lügst, kleine Nor. Und Bacol ist gerade nicht zu Hause.

Enttäuscht presste sie die kältestarren Kiefer aufeinander. Eigentlich hatte sie sich von Bacol trösten lassen wollen. Er war schon am vergangenen Nachmittag nicht da gewesen, als sie für ihre Aufträge losgegangen war.

Sie schob die Finger in ihre Jackentasche und ertastete ein paar kanalgetränkte Kräuter. Sie wirkten nicht sonderlich begehrenswert im fahlen Licht und zwischen ihren Fingern, die eine ganz ungesunde Farbe angenommen hatten, so als wäre sie tatsächlich ertrunken. Sie löste den Blick von der Abschürfung auf ihrer Hand, an der unangenehm der nasse Filz ihres Jackenärmels rieb.

»Ich hätte hier noch Spitzwegerich, den ich dir überlassen könnte«, sagte sie. »Aber nur, wenn ich ohne weitere Spielereien zur Giftküche komme.«

»Abgemacht«, willigte er hastig ein, diesmal mit einer hörbaren Stimme, die im frühen Morgen klang, als würde jemand auf einen Baumstumpf trommeln. Sie hielt die beiden Blätter in die Höhe, die sofort verschwanden. Aber der Gott riss sich nur für wenige Sekunden zusammen. Als sie den Türbogen mit der Laterne erreichte, hinter dem ein steinerner Gang ins Erdgeschoss hineinführte, bildete sie sich plötzlich Fußgetrappel ein, das in ihrem Rücken rasend schnell auf sie zukam – weil er wusste, dass Nor das von allen Dingen auf dieser Welt am meisten hasste.

Das Geräusch folgte ihr in den Gang und um die Ecke, bis zur Durchreiche der Giftküche, vor der Nor mit rasendem Herzen herumfuhr.

»Musker!«, blaffte sie, und als hätte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn erkannt hatte, fielen seine Bemühungen in sich zusammen. Die Angst in ihrer Brust löste sich auf, und Musker wurde direkt vor ihr sichtbar. Sein Gesicht kam ihr ganz nah. Es schien aus hellem Holz gemacht, schmutzig vom Alter und mit etlichen Rillen und zwei großen Augenhöhlen, in denen je ein Stielauge wie ein kleiner schwarzer Pilzkopf schimmerte. Er wirkte irreführend gelassen und gütig. Das waren die Reste der Weisheit, die sich über die Jahrhunderte angesammelt hatte, sich inzwischen unter seinem körperlichen Verfall jedoch wieder verflüchtigte.

Sie sah nicht alles von ihm – die Gottheiten der Zollinsel hatten ein Talent dafür, sich so zu verbergen, dass man sie nicht im Ganzen wahrnahm. Es schien, als würde man einfach nicht genau genug hinsehen, was erklärte, warum die Stadtbewohner sie in ihren alten Geschichten Onsichtige nannten. Aber ihr stieg sein Geruch nach morschem Holz in die Nase, und er hatte außerdem einen Klang. In seiner Nähe glaubte sie manchmal zu hören, wie dicke Tropfen auf weichen Grund fielen.

»Warst du schwimmen, kleine Nor?« Musker kam so nah, dass sein Gesicht fast ihre Nase berührte. Seine kleinen Augen funkelten, während er auf eine spannende Geschichte hoffte.

Neugierige, bösartige, listige Götter.

»Natürlich nicht. Ich bin nur durch den Regen gelaufen.«

Sie legte den Knollensack auf den Holztresen – sicheres Gebiet, über das Bukker herrschte. Die Durchreiche war gute zwei Meter lang, mit einem schmalen Tresen aus speckigem Holz und blickdichten Schiebefenstern. Der Küchenboden dahinter knarzte, bevor sich eine Fensterseite öffnete.

»Du hast lange gebraucht«, sagte Bukker, das Gesicht im Gegensatz zu Muskers zu schwer zu fassen und zu schattig, um zu sagen, ob es aus Holz bestand. So als würde er eine Kapuze tragen oder als könnte man einfach nicht genau genug hinsehen wie beim Blick in einen dunklen hohlen Baumstamm. Nur seine Augen bemerkte sie manchmal, wenn sich kurz das Licht der Lampen darin spiegelte. Er nahm den Sack an sich, dem Musker mit langem Hals hinterherblickte.

»Gerade so lange, wie man für den Hin- und Rückweg braucht, das Viertel ist ja nicht gerade nebenan.«

Außerdem hatte sie auf dem Rückweg auf die Hochbahn verzichtet, mit der sie auf dem Hinweg gefahren war. Ohne ihre Schutzzeichnung wäre Nor darin aufgefallen, eingesperrt in einem der Waggons zwischen all den Menschen, die mit der ratternden Bahn durch den Morgen fuhren.

»Aber fast nebenan, kleine Nor, nur ein paar Straßen und Plätze und Brücken und Kanäle dazwischen …« Während er sprach, verschwand Bukker wieder im Küchenraum, aus dem es nach Pflanzengrün roch.

Darin befanden sich, säuberlich aufgereiht in den Regalen oder von der Decke hängend, allerlei Schätze aus dem Umland Nohedams, Eschenrinde, Schafgarbe, Myrte, etliche Kräuter und Samen, die den Gottheiten in Form von Pasten, Rauch und Getränken halfen, ihre Schmerzen zu lindern. Zudem drang Wärme aus der Küche in das steinerne Erdgeschoss, denn in einem Ofen glühte Kohle, über der Bukker etwas ausräucherte. Dazu besaß er Kochplatten, die denen im Tintenfischimbiss sehr ähnlich sahen.

In den Vorratsregalen stand kein Gift weit und breit. Den irreführenden Namen hatte Nor der Küche gegeben, als sie noch klein gewesen war.

In der falschen Dosis wird alles zu Gift, hatte Bukker damals gesagt, um sie davon abzuhalten, an seine Vorräte zu gehen. Seitdem nannte sie seinen Arbeitsplatz eine Giftküche, und das hatte sich in den Wortschatz der übrigen Gottheiten eingeschlichen.

Bukker tauchte ein zweites Mal auf, öffnete die Schiebefenster ganz und stellte eine Tasse Kräutertee auf der Durchreiche ab – scheinbar für niemanden. Aber sobald die Tasse stand, wurde eine Hand sichtbar. Lange Finger legten sich wie Ranken um das Porzellan, und dann berührte ein Mund den Tassenrand. Ein Gott wurde direkt neben Nor im Gang sichtbar.

Sie sah nicht lange hin. Der Gott kam ihr nicht bekannt vor, sodass sie vorsichtig sein musste. Unter den Gestalten, die das Zollviertel bevölkerten, gab es auch einige sehr seltene Gäste. Sie harrten an anderen Orten der Stadt aus, um ihr kränkliches Dasein in dieser Welt zu verschlafen. Das waren meist die Götter, die am wenigsten menschlich aussahen, während sich einige andere über die Jahrhunderte so viel von den Stadtbewohnern eingefangen hatten, dass man sie im Dämmerlicht mit ihnen verwechseln konnte.

Wenn Bukker sich richtig zeigte, konnte man ihn von sehr weit weg für einen kleinen stämmigen Mann mit Buckel halten, auf den einfach kein Licht fallen wollte.

»Meine schützende Paste ist leer«, sagte sie. »Kannst du mir neue mitgeben?«

»Ich habe dir erst vorgestern eine Dose mitgegeben.«

»Jetzt ist sie aber nicht mehr brauchbar.« Sie zog die Nase hoch und schmeckte dabei den Kanal im Rachen. »Ich habe sie verloren«, log sie.

»Ich habe gerade keinen Kalk da, nur Kohle.«

»Das ist mir egal, solange sie genauso wirkt.«

Bukker antwortete nicht, aber sie sah, wie er eine kleine leere Dose aus einem Regal holte.

»Kann ich drinnen warten?«, fragte sie mit einem sehnsüchtigen Blick an ihm vorbei zum Ofen. Aus ihren Haaren und der Kleidung tropfte immer noch Wasser, das sich zusammen mit ihrer Fassung zu einer Pfütze an ihren Stiefeln sammelte. Sie sollte wirklich schlafen gehen. Manchmal musste man einfach schlafen, um sich zusammenzuklauben.

Bukker öffnete die knarzende Holztür neben der Durchreiche. Keine andere Gottheit hätte sich über diese Schwelle getraut, nicht einmal dann, wenn Bacol gerade in einem ganz anderen Stadtviertel unterwegs war. Bukker hätte es ihm verraten.

»Du hast es immer gut, Nor«, murmelte Musker, bevor sich die Tür hinter ihr schloss. Sie ging geradewegs auf den Ofen zu.

»Mich verfolgt das Pech«, sagte sie, während sie sich zitternd so dicht ans Feuer stellte, dass die Hitze schmerzte. Eine Maus war ihr aus dem Weg gehuscht, aber jetzt kam sie zurück in die Wärme.

Bukker sah zur Tür, als könnte das Pech gleich dort auftauchen. »Hast du jemanden wütend gemacht?«

»Ich meine keinen Gott, der mich verfolgt, ich meine einfach das Pech selbst.« Vielleicht hatte sie diese Redensart bei den Menschen aufgeschnappt.

Er schwieg, während sie ihm dabei zusah, wie er neue Paste für sie anrührte. An seinen Händen und Unterarmen hatte sich Moos angesiedelt, für das Nor verantwortlich war. Sie glaubte, dass er die Pflänzchen heimlich goss, wenn niemand hinsah, oder vielleicht lebten sie auch vom Wasserdampf aus seinen Töpfen.

Bukker war der Erste gewesen, dem sie das Moos gezeigt hatte, das unter ihren Fingerspitzen wuchs. Als sie noch klein gewesen war, hatte sie an einem Regal geknibbelt und die Fingernägel in die Maserung gedrückt und dann aus Langeweile kleine Pflänzchen in die Rillen gesetzt wie in einem winzigen Blumenbeet. Bukker hatte es gesehen und sie auf die Füße gehoben – sie war etwa fünf gewesen – und hatte ihr gesagt, sie solle schnell zu Bacol laufen und es ihm zeigen.

Bis zu dem Moment war ihr nicht klar gewesen, dass sie jemanden damit beeindrucken könnte. Vor lauter Stolz und Vorfreude war sie den ganzen Weg zu Bacol gerannt, nur um sein Arbeitszimmer leer vorzufinden. Sie hatte auf dem Sessel gewartet, bis er endlich aufgetaucht war.

Du kannst mir später zeigen, was du mir unbedingt zeigen willst, hatte er dann gesagt, wie immer abgelenkt von seiner Arbeit. Aber als sie ihm das Moos schließlich vorgeführt hatte – unter einiger Anspannung, weil es nicht immer auf Kommando klappte –, war er beeindruckt gewesen. An den Stolz, den sie gefühlt hatte, erinnerte sie sich immer noch.

»Für die Kohlepaste möchte ich im Gegenzug neuen Schlamm«, sagte Bukker. »Unsere Reste reichen bloß noch für den Flutabend.«

»Das ist mein Hauptgeschäft«, erinnerte sie ihn. Tatsächlich würde sie in wenigen Stunden eine Halle an der Stratenküste verpachten, die für die Heilerde vorgesehen war. Sie musste nur vorher die nassen Sachen ausziehen und sich kurz unter einer Decke zusammenrollen. Sie hätte liebend gern noch etwas gegessen, aber das konnte sie auf den Vormittag verschieben. Früher hatte Bukker oft etwas zu essen für sie gehabt, nachdem die Gottheiten herausgefunden hatten, dass sie sich als halber Mensch von den gleichen Sachen ernähren musste wie die Stadtbewohner. Eine Zeit lang hatte er Spaß daran gehabt, ihr verschiedene Gerichte vorzusetzen.

Jetzt warf er ihr bloß einen verstohlenen Blick über die Schulter zu. Vielleicht kam sie ihm heute besonders jämmerlich vor, auch wenn sie ihm eigentlich immer ein wenig leidtat in ihrem halb garen Dasein.

»Die Flut war letzte Nacht sehr stark«, sagte er. »Wir müssen nicht mehr lange hierbleiben, kleine Nor.«

»Sie ist wirklich stark«, antwortete sie, obwohl die morgige Springflut nur so vielversprechend war wie jede andere, also nicht vielversprechend genug.

Es wunderte sie, dass Bukker überhaupt vom Übergang sprach, das tat er normalerweise selten. Nicht mal ein Gott konnte Jahrhunderte lang die Fluttage kommen und wieder gehen sehen und dabei immer aufs Neue auf Erlösung aus dieser Welt hoffen.

»Gerade noch hier, und dann schwemmt es uns schon nach drüben, Nor«, sagte er. »Alles wird sich plötzlich richtig anfühlen, und diese Stadt wird uns endlich vergessen.«

»Hauptsache, auf der anderen Seite ist es warm.«

Bukker reichte ihr eine flache Dose, die er mit Kohlepaste gefüllt hatte. Während er anschließend die geretteten Knollen an der Küchenzeile untersuchte und eine davon auf einer feinen Reibe zu schaumiger Paste verarbeitete, spielte sie mit dem Gedanken, ihm vom Imbiss zu erzählen, aber dann schwieg sie doch. Ihr Hals verschloss sich, als sie darüber nachdachte. Sie stellte fest, dass sie sich von Bukker eine Umarmung wünschte, aber es war einige Jahre her, dass er sie zuletzt umarmt hatte, vielleicht zuletzt mit zwölf oder dreizehn, und in diesem Augenblick fiel ihr auf, dass das wohl eher von ihr ausgegangen war als von ihm.

»Willst du mich nicht etwas fragen, Nor?«

»Was fragen?«

»Hast du es vergessen? Du bist vergesslich in letzter Zeit, ist dir das aufgefallen?«

»Ich vergesse nichts.«

»Einen Kopf wie ein Sieb bekommst du. Vielleicht werden Menschen in deinem Alter ja vergesslich.«

Ich bin kein Mensch.

»Ich weiß von jeder vergangenen Sekunde in dieser stinkenden Welt. Und ich bin noch nicht besonders alt.« Ungefähr zwanzig, soviel sie wusste. »Wahrscheinlich halten mich meine Kopfschmerzen vom Denken ab.«

»Wenn du das sagst. Erinnerst du dich an das hier? Das wolltest du bei mir abholen.«

Er legte etwas neben dem Ofen ab, das lose in Jute eingeschlagen war.

»Sicher«, sagte sie leichthin und hoffte, dass ihm ihr verdutzter Blick nicht auffiel. Als sie den Stoff beiseiteschlug, kam eine einzelne Zange zum Vorschein. Was in aller Welt hätte sie mit einer Zange anstellen sollen?

»Du bist vergesslich, kleine Nor.«

Sie wickelte die Zange wieder in das Tuch und fragte sich, ob Bukker sie bloß hereinlegen wollte. »Ich glaube eher, dass du dir Sachen einbildest, alter Giftkoch. Vielleicht hast du das von den Menschen, die bilden sich auch gerne Dinge ein.«

»Ich bin nie draußen«, antwortete er, was er ständig behauptete. Er tat gerne so, als würde sein Hunger ihn nie in die Straßen treiben. Seiner Behauptung nach verhinderten die heilenden Pflanzen der Giftküche, dass er sich vom Übel dieser Stadt ernähren musste. Aber Nor wusste, dass sich ausnahmslos jeder von ihnen in der Stadt ernährte und dabei ganz langsam vergiftete. Sie sah es an Bukkers angestrengter Haltung und manchmal im unruhigen Spiegeln seiner Augen, als hätte das Schwarz ein massiges wütendes Eigenleben.

Als sie schweigend die Zange einsteckte, ging er zu einer Pinnwand, von der er einen Zettel zupfte und ihr hinhielt. »Hier ist noch was zu tun.«

Sie erkannte eine Adresse am Barghoog, geschrieben mit schwarzer Tinte, aber sie sah nicht lange hin. »Ich habe frei.«

»Es gibt immer Arbeit.«

»Ich habe Feierabend.«

»Hast du dir das von den Menschen abgeguckt?«

»Ist Bacol zu Hause?«, fragte sie nur einen Moment, bevor sich etwas veränderte. Auf dem Gang entstand eine leichte Unruhe unter den Gottheiten, die in der Nähe der Giftküche herumlungerten, und Bukkers Blick streifte die Tür.

Die Maus, die an einer Fußleiste geschnuppert hatte, erschreckte sich und flitzte davon.

Nor spürte die Veränderung auf der Zollinsel, während sie draußen etwas im Morgen hörte. Sie steckte die Kohlepaste ein und nahm die angeblich bestellte Zange im Jutetuch an sich. Als sie in ihren nassen Stiefeln die Küche verließ und unter dem Türbogen am Kanalufer stehen blieb, kehrte über die Südbrücke ein Gott heim. Über die Oberfläche des Kanals ging ein Zittern. Das Wasser veränderte sich in seiner Anwesenheit, als würde in der Tiefe kurz eine Strömung entstehen, die sich daran erinnerte, einmal ein lebendiger Fluss statt öligem Brackwasser gewesen zu sein. Bacol musste die Geduld ausgegangen sein, sich zu beherrschen.

Er ließ seine Tarnung von sich rutschen, die wie ein dunkler Mantel von ihm abfiel und am Ufer hinab ins Wasser sank. Selbst aus dieser Entfernung konnte Nor spüren, dass etwas sehr Mächtiges darunter zum Vorschein kam. Als hätte sein Wille, sich zu verbergen, nur noch bis zur Zollinsel gereicht, betrat er die Brücke so, dass ein aufmerksamer Passant ihn im frühen Morgenlicht hätte sehen können.

Er erreichte das schmale südliche Ufer der Zollinsel und betrat das Tilthaus, dessen Eingang ihm am nächsten war.

Obwohl die Giftküche weiter nördlich lag, hatten sich die Gottheiten im Gang zurückgezogen. Nur Musker ließ noch einmal seine weiche Stimme hören.

»Bacol hat schlechte Laune«, murmelte er, bevor er aus Nors Wahrnehmung verschwand.

3

Der Sumpf ist hier

Mit der Zange unter der Jacke, die sie ganz sicher nicht bestellt hatte, lief Nor das Ufer an den Speichergebäuden entlang bis zum Tilthaus, das sich mittig auf der Zollinsel befand und in dem die Büros der Hafenverwaltung untergebracht waren. Sie gelangte durch einen Nebeneingang zu einem verwaisten Treppenaufstieg, der wegen der Kälte und Feuchtigkeit des Kanals nach muffigem Teppichläufer roch. Im zweiten Stock mischte sich trotz des frühen Morgens Kaffeegeruch in die Luft.

Das Völkchen am Tintenfischimbiss hätte die langen Gänge und Büroräume elitär geschimpft, ein Ort aus Holzfurnier, Messing und roten Teppichen, an den die Bewohner der Küste und der Straten genauso wenig passten wie Nor. Aber wenn man sich auskannte, konnte man im zweiten Stockwerk die gesamte Gebäudereihe durchqueren. Bacol nahm diesen Weg oft nach Hause, und sie hatte vor, ihn einzuholen.

Sie erreichte die Flügeltür zu einem Marmorfoyer, wo sie einem Mann im Anzug begegnete und sich darüber ärgerte, dass sie ihre Stirnzeichnung nicht erneuert hatte. Sie eilte an ihm vorbei, während ihre Stiefel bei jedem Schritt nasse Geräusche machten.

»Entschuldige!«, rief der Mann ihr streng nach, auch wenn er sie nur flüchtig gesehen haben konnte.

Sie ignorierte ihn, weil sie Bacols Anwesenheit in dem Foyer wahrnahm, zusammen mit dem Geruch von Wasser und Schlamm. Um sich zu verbergen, brauchte er keine Kohlezeichnung, er konnte die Menschen sehen oder nicht sehen lassen, was er wollte. Wenn er durch das Tilthaus wanderte, um die Leute bei ihrer Arbeit zu beobachten, wirkte er für sie wie ein normaler Mann oder war einfach gar nicht zu sehen. Die anderen Gottheiten hielten sich aus den Büros der Menschen fern, doch in der Stadt erzählte man sich trotzdem, dass mit den Speichergebäuden der Zollinsel etwas nicht stimmte.

»Das hier ist kein öffentliches Gebäude«, rief der Mann hinter ihr.

Bei seinen Worten wandte sich Bacol vor ihr in der Tür zum angrenzenden Gebäude um und wurde größer wie ein schwerer Schatten, der immer mehr Masse annahm.

Nor sah ihn nicht immer ganz deutlich. Sein Körper schien in einen Umhang aus getrockneter Rinde und fest gewordenem Sumpfwasser gehüllt, und manchmal verfing sich ihr Blick kurz auf dunklen Rippenbögen, die aussahen, als wären sie ein paar Zentimeter tief in Wasser eingesunken. Aber immer sah sie seine etlichen Augenhöhlen – einige in der oberen Reihe und darunter noch weitere, aus denen glänzende Schwärze in die Welt blickte. Ihre erfrorenen Muskeln entspannten sich in seiner Nähe, als würde sie erst jetzt richtig nach Hause kommen.

Sie nahm auch seinen Klang wahr, der sie an die stumme Strömung unter schwerem Wasser erinnerte. Wie das Gurgeln in dumpfer Tiefe, der man nichts entgegensetzen konnte und die diesen ganzen Raum füllte, als wäre für den Gott nicht genügend Platz im Gebäude. Der Sumpf selbst war hier.

Der Mann auf ihren Fersen sah nichts von ihm. Er überholte Nor, um ihr den Weg abzuschneiden, und da blieb ihm im Hals stecken, was er hatte sagen wollen. Sein Blick fiel auf ihre nassen Haare, die verwaschene Kalkzeichnung und ihre Augen. Wann immer sie derart angestarrt wurde, spürte sie, dass für das Unwohlsein, das sie anderen bereitete, mehr verantwortlich sein musste als ihr bloßes Aussehen. Etwas, das einen Instinkt der Menschen weckte und sie warnte. Es verriet ihre Andersartigkeit und machte den Leuten Angst, vielleicht gerade deshalb, weil sie nur fast ein Mensch war. Etwas nicht ganz Richtiges.

Das Starren hätte sie nicht derart stören sollen, weil sie Menschen hasste und ohnehin nur darauf aus war, diese Welt gemeinsam mit den anderen zu verlassen. Aber ihre Laune sank trotzdem noch weiter, was sicher auch daran lag, dass sie gerade erst beinahe ertrunken wäre und das allerlei Gefühle mit sich brachte, egal wie viel man sonst so erlebte.

Während sie langsamer wurde, bohrten sich Bacols Blicke in den Rücken des Mannes, und Nor fühlte sich kurz, als wäre sie wieder klein und hätte sich in den Kontorgebäuden in Schwierigkeiten gebracht. Sie sah den Moment, in dem Bacol in den Kopf des Anzugträgers eindrang. Der Mann verlor sie aus dem Blick, und weil sie dabei einen Ausfallschritt machte und an ihm vorbeiging, schien er zu glauben, dass sie mitten durch ihn hindurchgegangen wäre. Er zog die Schultern hoch und sah an sich hinab, und dann nahm Bacol ihm die Erinnerung an das Zusammentreffen mit ihr.

Stattdessen schien der Mann jetzt etwas anderes zu sehen – er bewegte die Hand durch die Luft und versuchte, irgendetwas zu vertreiben, das Bacol ihm in den Kopf setzte.

Was sieht er?, hätte sie als Kind gefragt und von Bacol jedes Mal eine andere Antwort bekommen. Obwohl er sie großgezogen hatte, gab es Dinge, die er nicht mit ihr teilte.

Diesmal schwieg sie, während der Mann in den angrenzenden Büroraum stolperte. Als die Tür hinter ihm zufiel, hatte Bacol sich schon umgewandt. Sie folgte ihm, als würde sie jetzt zu dem Schlepptau aus Schatten gehören, die er mit sich nach Hause nahm.

Sie verließen das Foyer auf einen Treppenabsatz, von dem aus sich beim Blick nach unten der Vuller ausbreitete. Das Gebäude mit dem eigenwilligen Namen klemmte zwischen dem Tilthaus und dem Gebäude dahinter, in dessen Erdgeschoss sich die Giftküche befand. Im Grunde war der Vuller nur ein schmaler hoher Saal aus Teppichen, Holzfurnier und Marmor. Eine teure Platzverschwendung, hatte Bacol ihn mal genannt.

Nor gefiel es, dass er ihr Zuhause vom Tilthaus und den Menschen darin trennte.

»Wie war es an der Alten Börse?«, fragte sie auf dem Weg die Treppe hinunter.

Abgesehen davon, dass sie seine Nähe tröstend fand, hatte sie ein Anliegen, über das sie schon die ganze Nacht nachgedacht hatte. Aber sie drückte sich noch einen Moment davor, ihn darauf anzusprechen.

Auf ihre Frage hin hörte sie nur so etwas wie ein langes Ausatmen. Aber auf dem Weg über die teuren alten Teppiche ließ Bacol ein paar zerknitterte Dokumentseiten fallen. Ein Vertrag, der offenbar seinen Zweck erfüllt hatte und nicht einmal mehr in Gabbas Archiv gelegt werden musste. Nor erkannte einen Namen, als sie daran vorbeiging.

»Und wie geht es Thiel?«, fügte sie hinzu.

Bacols Stimme klang, als würde sie sich aus dem Schweigen seiner Nacht befreien, sie war dunkel und noch belegt. »Fast hätte ich ihm den Kopf wie einen Schraubverschluss vom Hals gedreht.« Seine Laune hob sich ein wenig. »Aber für einen Mann, der so gerne hinterlistige Verträge macht, liest er erstaunlich selten das Kleingedruckte.«

In wütenden Nächten, in denen sie die Stadt kaum ertragen konnte, verstand sie nicht, warum er Menschen wie Thiel nicht einfach aus dem Weg schaffte. Dafür, dass er und seine Vorfahren das Land der alten Gottheiten so vollkommen ausgenommen hatten. Für seine Gier, die für so viel Leid sorgte. Aber Bacol antwortete auf solche Wünsche meist, dass alle Leute in dieser Stadt gerade genau da wären, wo sie sein sollten, und von seinen Geschäften verriet er kaum jemandem Details, nicht einmal ihr. Er hatte seine Arbeit und sie ihre, Aufträge auf kleinen Zettelchen, die für sie bei Bukker gesammelt wurden.

Bacol betrat den seitlichen Steingang des angrenzenden Gebäudes. Im oberen Stockwerk ähnelte die sogenannte Speicherkathedrale den Büros des Tilthauses, lauter Räume, in denen Bacol und die anderen sich um Handelsgeschäfte oder andere Verwicklungen in der Stadt kümmerten. Dazu gab es ein Archiv und etliche Ecken, die einzelne der alten Wesen für sich beanspruchten, obwohl sie keinen Schlaf brauchten.

Der Säulengang aus nacktem grauem Stein und die große Halle im Herzen des Gebäudes verrieten, was daraus ursprünglich einmal hatte werden sollen. Man hatte es nach der Gründungszeit als Kathedrale geplant, der erste und letzte Versuch, der Stadt eine neue Religion aufzudrücken. Sie hatte nicht einmal Türme bekommen. Noch während der Bauarbeiten war sie zur Erweiterung der damaligen Hafenbehörde umfunktioniert worden, was nur bewies, dass die Stadtbewohner noch gieriger waren als die Kirche.

Im Erdgeschoss hatte man die Fenster zugemauert, um ein Warenlager daraus zu machen, und dort befand sich auch die Giftküche. Auf den hohen Außenwänden sorgten Zeichen in der alten Sprache der Götter dafür, dass die Menschen schon seit Jahrhunderten nicht mehr über das Gebäude nachdachten. In Nors Gedächtnis hielt sich hartnäckig die Information aus ihrer Kindheit, dass die Symbole mit Blut gemalt waren, aber vermutlich hatte Medora ihr das nur eingeredet.

Bacol betrat die große Halle, die noch ihr Gewölbe hatte, obwohl darüber der Boden für die Büroetage eingezogen worden war. Hoch an der Wand schimmerte ein Fresko im ersten Morgenlicht, das den früheren Übergang zeigte: Alte Gottheiten, die diese Welt vor vierhundert Jahren verlassen hatten, während Bacol und die anderen zurückgeblieben waren. Auch sein Bruder war auf dem Fresko zu erkennen, in genau dem Augenblick, in dem er diese Welt verließ und eine neue erschuf.

Aber Bacol schenkte der Darstellung an diesem Morgen keine Aufmerksamkeit. Erst jetzt bemerkte sie die beiden flachen Dosen, die an einer Schnur an seinen Fingern hingen. Er überquerte den Steinboden und hängte sie auf der anderen Seite zu den übrigen Dosen an die Wand, zwischen Bündeln aus Kräutern und dem aus Steinschalen aufsteigenden Rauch, der dafür sorgen sollte, dass die Gottheiten, deren Seelen er in die Dosen gesteckt hatte, länger am Leben blieben. Wenn die kränkelnden Körper sie im Stich ließen, war es ihre letzte Chance, lange genug als nackte Seele auszuharren, bis der Tag des Übergangs kam.

Aber er kam nicht, also vertrockneten sie und starben nach Wochen oder Monaten endgültig, ohne je ewigen Frieden zu finden.

Kurz beschlich Nor die Angst, dass es Medora sein könnte, die in einer der Dosen steckte, obwohl Bacol ihre Seele sicher nicht so nebensächlich nach Hause getragen hätte. Als hätte sie ihre Gedanken gehört, tauchte die Gottheit außerdem in diesem Moment hinter ihr auf. Medora verriet sich durch die unnatürliche Stille, die sie umgab. Aus ihren Augen blickten jeweils mehrere Iriden und Pupillen wie schwarze Edelsteine, die jemand in dutzende kleinster Stücke zertrümmert hatte.

Die meisten Gottheiten hatten sich über die Jahrhunderte in der Stadt ein Aussehen und eine Stimme angeeignet, die männlicher war als Medoras. Nor vermutete, dass das an ihren bevorzugten Handelspartnern lag, die voreingenommen waren – was nicht gerade für sie sprach, aber was sprach schon überhaupt für menschliche Geschäftspartner? Medoras Starrköpfigkeit musste sie daran gehindert haben, sich anzupassen. Vor der Besiedlung der Menschen hatte sie wahrscheinlich über die Felswand im Norden der Stadt und die Steinböcke darin geherrscht, denn als sie sich bewegte, glänzte kurz das fahle Licht auf den Rillen ihrer Hörner, die sie sonst verbarg.

Ihre Stimme fiel glatt durch die kurze Stille.

»Du riechst nach Kanal.«

»Ich weiß.« Sie musste die Sachen ausziehen und ihre Stiefel trocknen, sie spürte schon seit einer halben Stunde ihre Zehen nicht mehr. Sie sah sich zu Bacol um, aber er war noch immer mit den Seelendosen beschäftigt. »Jemand hat versucht, mich zu ertränken«, sagte sie halblaut.

»Warum lässt du so was mit dir machen?«

Nors Stimmung sank weiter, auch weil sie noch einmal an die Stinte denken musste. »Habe ich ja nicht.«

Auf Medoras Lippen schimmerte Schwärze, was bedeutete, dass sie selbst vor Kurzem gegessen hatte. Keine Stinte natürlich. Sie hatte einmal zu Nor gesagt, dass sie sich gerne von verpassten Gelegenheiten ernährte, und dass die Menschen eine Menge davon sammelten.

Weil am Abend Flutnacht war, durften die Gottheiten seit Tagesanbruch nichts mehr essen, abgesehen von Bukkers Kräutermittelchen. Sie sollten nicht gierig und voll von menschlichem Unrat sein, wenn die Flut kam und sie bewertete. Aber Medora hatte sicher das letzte Zwielicht genutzt, und vielleicht war sie die Einzige, die es überlebt hätte, an einem Fastentag zu essen und anschließend Bacol über den Weg zu laufen.

»Was haben die Menschen sonst noch getrieben, außer dich zu ertränken?«, fragte sie jetzt. Sie war selbst viel in der Stadt unterwegs, aber sie tat gerne so, als wäre Nor den Menschen näher, und ärgerte sie damit.

»Sie haben gegessen und geraucht und sich gegenseitig angelogen und waren auf ihren eigenen Vorteil bedacht«, antwortete Nor, während Bacol am Okingsbaum vorüberging. Das Gerippe der alten Baumkrone war unter der Gewölbedecke an dicken Tauen befestigt. Sein Stamm hing durch ein in den Steinboden geschlagenes Loch und berührte unter dem Speicher schlammiges Grundwasser, aber das Holz war trotzdem vertrocknet.

Je mehr Fluten Nor miterlebte, desto weniger glaubte sie daran, dass der Baum je wieder auf eine davon reagieren würde. Auf die Gezeiten des alten Sumpflandes im Reich der Götter, das steigende und sinkende Wasser des Flussdeltas, von dem in dieser Welt nur noch menschengemachte Kanäle übrig waren. Die Flut war unsichtbar, sowohl für die Stadtbewohner als auch für die Gottheiten. Aber die Gottheiten spürten sie intensiv, und Nor fragte sich oft, ob die Menschen die Strömung wenigstens unterbewusst wahrnahmen – wie ein Ziehen und Drängen in ihrem Inneren, das sie sich nicht weiter erklären konnten oder wollten.

Falls Bacol Hoffnung für den bevorstehenden Flutabend hatte, ließ er sie sich nicht anmerken. Er verließ die Halle, und Nor folgte ihm auf seinem Weg nach oben in die teppichgedämpfte Ruhe der früheren Büros, obwohl sie sich so sehr nach ihrem Bett sehnte wie schon lange nicht mehr. In seinem Arbeitszimmer blieb sie unter dem Ring eines niedergebrannten Kerzenleuchters stehen, auf dem Teppich, in dem schon Garn durchs alte Muster schimmerte. Man sah Hinweise darauf, dass Nor als Kind viel Zeit in dem Zimmer verbracht hatte. Über der Fußleiste war die dunkelgrüne Tapete an einigen Stellen von der Wand geknibbelt oder bemalt, und zwischen einigen Dielen ragte vertrocknetes Moos hervor.

An den Wänden stapelten sich Bacols Reichtümer. Alles, was die Stadt je für wertvoll gehalten hatte, Bücher, Gold, Geld, Papiere, Schmuck. Dazwischen lagen zusammengerollte Karten des Hafens mit den Liegeplätzen von Containerschiffen, Kopien von Warenlisten und Handelsberichten. Die Hafeninsel vor der Stadt gehörte nicht zur ursprünglichen Bebauung, und das bedeutete, dass die Götter, die an diese Stadt gebunden waren, sie nicht betreten konnten. Bacol musste seinen Einfluss auf die wachsende Hafenwirtschaft über Umwege sichern.

Nor hatte sich daran gewöhnt, dass jede Straße dieser Stadt irgendwo am Wasser aufhörte. Am Ende der meisten Gassen und Treppen stand man irgendwann am Kanal oder dem Meer, und im Norden wurde die Besiedlung von einer Felswand begrenzt. Was machte es da, nicht über die Grenzen der Stadt hinauszukommen?

Lautlos betrat Medora hinter ihr das Zimmer. »Nor hat einen Tauchgang im Kanal gemacht«, sagte die Gottheit, und Nor fühlte sich dabei, als würde sie gleich noch einmal im Kanal versinken.

Bacol setzte sich an den Schreibtisch aus schwerem Sumpfholz. Er sah jetzt viel menschlicher aus, so als würde der Arbeitsplatz ihn an den Handel erinnern und seine Form sich daran anpassen. Er antwortete Medora, ohne aufzusehen.

»Und sie hat sich mit keinem Wort beschwert oder gemeckert.«

Hätte Nor wie die alten Götter einen Klang gehabt, wäre er in diesem Augenblick sehr hell und zufrieden gewesen. Bacol ließ es sie wissen, wenn er unzufrieden mit ihr war, aber die meiste Zeit spürte sie sein Wohlwollen, weil sie immerhin auch eine Menge Arbeit erledigte. Seit sie kein Kind mehr war und sich richtig nützlich machen konnte, fühlte sie sich weniger wie etwas Falsches in diesem Zuhause voller Gottheiten, und ihr passierten kaum noch Fehler.

Während sie einen Haufen nasser Belege für ihre erledigten Aufträge aus der Jackentasche zog und auf Bacols Tisch legte, gab sie sich einen Ruck, obwohl sie lieber nicht in Medoras Beisein gefragt hätte.

»Ich werde heute Mittag an der Küste sein und mich um die Lieferung neuer Heilerde kümmern«, begann sie und tastete nach den Holzringen unter ihrem Ärmel. »Ich habe mich gefragt, ob es eine Kerbe wert wäre, wenn ich Bukkers Vorräte wieder mit Heilerde gefüllt habe.«

Auf den drei Ringen reihten sich schon etliche Kerben dicht an dicht. Zwei waren voll, aber auf einem gab es noch eine Lücke, die für zwei Kerben reichte. Als sie jünger gewesen war, hatte sie mal in der Nacht vor einer vielversprechenden Flut versucht, das Holz selbst zu bearbeiten, aus Angst, dass der Übergang kam und sie zu wenig Kerben hatte, um von Bacol ins Ewigreich mitgenommen zu werden. Aber die Ringe bestanden wie sein Schreibtisch aus Sumpfholz, viel zu hart, um es mit einem einfachen Messer zu bearbeiten.

»Ich verpachte heute Mittag die Halle an der Stratenküste, damit die Schippers uns beliefern«, fügte sie hinzu.

»Wirst du ungeduldig, Nor?«, fragte Bacol, aber sie hörte seine Worte kaum.

Etwas stimmte mit den Holzringen nicht. Ihre Fingerspitzen tasteten über zwei Ringe, aber den dritten bekam sie nicht zu fassen. Sie schloss unauffällig die Hand außen um den Ärmel, während Furcht durch ihren Körper kroch, aber auch auf diese Weise konnte sie nur zwei Ringe fühlen.

Das Gerangel mit Enno im Imbiss schoss ihr unwillkürlich durch den Kopf, sein grobes Schubsen, ihr Rückwärtsstolpern und Fallen, die Schramme an ihrem Handrücken. Ihre Furcht trieb den Rest Wärme aus ihrem Körper, aber sie ließ sich nichts anmerken. Bacol unterschrieb etwas – in der Schrift der Menschen, die er makellos beherrschte –, aber Medoras Blick lag auf Nor.

Die Gottheiten konnten keine Herzen hören, das war Nors alleinige Fähigkeit wie die Sache mit dem Moos. Aber sie musste sehen, dass Nor ganz steif geworden war. Mühsam entspannte sie die Muskeln und konzentrierte sich auf andere Gedanken. Unter Gottheiten aufzuwachsen, brachte es mit sich, listig zu sein, also brachte sie ein Thema auf den Tisch, das zu ihrer Anspannung passte.

»Ich hatte bloß eine lange Nacht«, sagte sie verspätet. »Ich glaube, ich habe mich heute an etwas erinnert.« Ihre Stimme musste anders klingen als sonst, denn Bacol hob den Kopf, und sein Blick nagelte ihren fest. Ganz kurz lag seine vollkommene Aufmerksamkeit auf ihr, was sich immer gleichzeitig schön anfühlte und ein wenig so, als würde ein schweres Gewicht auf sie sinken. »Ich meine, an etwas von früher.«

Sie hatte das für sich behalten wollen. Bacols Ausstrahlung verfinsterte sich und erinnerte sie daran, warum sie nie von früher sprach. Sie wollte ihn nicht verärgern, vor allem nicht, nachdem er selbst eine lange Nacht gehabt hatte. Mit Bacol ließ sich gut über Geschäfte reden, aber ihre Eltern waren tabu. Sie wusste nicht einmal, wann sie das letzte Mal an sie gedacht hatte, und sie wollte es auch nicht, weil Schuld wie ein Monster war. Ein schlimmerer Dämon, als alle Gottheiten es je hätten sein können. Außerdem wusste sie nichts sonst, weder vom Aussehen ihrer Eltern noch von irgendetwas anderem aus den ersten Jahren ihres Lebens.

Sie schob die Hände in die Jackentaschen, um zu überspielen, dass sie vielleicht einen der Ringe verloren hatte. Bestimmt würde sie ihn gleich finden, wenn sie sich umzog.

»An eine Stimme, glaube ich«, fügte sie hinzu, obwohl sie längst sicher wusste, dass die Worte, an die sie sich erinnert hatte, ihrer Mutter gehörten.

»Und deshalb ist die Lieferung neuer Heilerde eine Kerbe wert?«, fragte Bacol, der sich nicht ablenken ließ.

»Sie wäre eher für die gesammelten Lieferungen der letzten Jahre. Ich habe heute Nacht einfach darüber nachgedacht, ich habe irgendwie an früher gedacht.«

Bacol fragte nicht weiter nach. Sie schien auf seiner Geduld herumzutrampeln, während er sie schweigend beobachtete, und wenn sie noch länger so hektisch an die Kerben und den Armreif dachte, würden die Gedanken in die Luft dieses Zimmers sickern. Also gab sie ihrem Fluchtgedanken nach.

»Du kannst es dir ja durch den Kopf gehen lassen«, erwiderte sie, was nicht wirklich nach etwas klang, das sie normalerweise gesagt hätte. »Ich gehe jetzt erst mal meine Stiefel ausleeren.«

Sie sah Medora nicht an, als sie an ihr vorbei zur Tür ging. Auf dem Flur wurden ihre Schritte eiliger, trugen sie die Treppe hinunter und direkt in ein Badezimmer, das niemand außer ihr benutzte. Als sie die Tür zugezogen hatte, streifte sie vor dem Waschbecken hastig ihre Jacke ab und blickte auf ihr Handgelenk, an dem wirklich nur zwei Ringe hingen.

Sie sah zur anderen Hand, aber natürlich trug sie den dritten Ring nicht neuerdings dort. Voller Panik stieg sie aus ihrer restlichen Kleidung, schüttelte sie aus und drehte alles auf links und stieg sogar aus ihrer durchtränkten Unterwäsche. Mit weit geöffneten Augen – als könnte sie ihn dann eher entdecken – drehte sie sich um sich selbst und suchte den Fliesenboden ab.

Kurz fragte sie sich, ob sie den Ring bei Bukker verloren hatte, aber sie wusste, dass das nicht stimmte. Wenn er in den Kanal gefallen war, musste das schwere Sumpfholz sofort versunken sein, aber auch das glaubte sie nicht. Das Gefühl, beraubt worden zu sein, setzte sich in ihr fest, und sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Sie würde es nicht ertragen, mit den Kerben noch einmal von vorne anzufangen, nicht, nachdem der dritte Ring fast voll gewesen war.

Mit kreisenden Gedanken wusch sie ihre Kleidung im Waschbecken aus und spülte sich auch die Haare und die Kalkreste vom Gesicht, bevor sie zurück in ihre Unterwäsche stieg. Die Stiefel in der Hand und den Kleiderberg unter den Arm geklemmt verließ sie das Bad mit einer Miene, als wäre alles wie immer. Sie nahm die steinerne Wendeltreppe zwischen den unvollendeten Kathedralentürmen, die im Gang zwischen den beiden Turmsockeln endete, und versuchte dabei, sich zu beruhigen. Es half nichts, den Kopf zu verlieren. In dieser Stadt verschwand nichts so leicht für immer, und außerdem war ihr früher Vormittag voller Arbeit.