Stiefmuttchen. Meine Geschichte - Tony Bard - E-Book

Stiefmuttchen. Meine Geschichte E-Book

Tony Bard

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Beschreibung

Es war einmal: Ein idyllisches Schloss. Eine glückliche Familie. Ein überwundenes Trauma. Doch der Schein trügt. Ein Fön, der in das Badewasser geworfen wird. Ein paar giftige Tropfen in eine Tasse Tee. Ein unfreiwilliger Aufenthalt in einem Wald. Und dann die Geschichte mit dem Apfel. Da will jemand wen loswerden. Aber wer wen? Nichts ist so wie es scheint. Wer ist wirklich gut, wer ist wirklich böse? Wer ist der Täter und wer das Opfer? Wer glaubt, die Geschichte zu kennen, irrt. Die die weiß, was wirklich passiert ist, ergreift nun das Wort: die Stiefmutter. Wenn sie nicht für sich spricht, wird es sonst niemand tun. Denn die meisten haben ja schon eine Meinung – über sie und ihre Stieftochter, das arme unschuldige Kind. Immer die gleiche Geschichte? Nein, hier ist eine andere Perspektive zu lesen. Die Erzählung eines sich zuspitzenden Klimas der Lügen, Verleumdungen und Vorverurteilungen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann intrigieren sie noch heute.

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Seitenzahl: 40

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tony Bard

Stiefmuttchen. Meine Geschichte

Märchen aus anderer Perspektive (und als Krimi)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Stiefmuttchen - Meine Geschichte

Impressum neobooks

Stiefmuttchen - Meine Geschichte

Märchen aus anderer Perspektive (und als Kriminalgeschichten)

Tony Bard

Vorhin hat meine Stieftochter versucht, mich zu töten. Sie hat den Fön in mein Badewasser geworfen. Ich war noch in der Wanne wohlgemerkt. Wie immer hat sie meine Privatsphäre nicht respektiert, die Badezimmertür aufgerissen und unter dem Vorwand, dass sie gerade in diesem Bad ihre Lieblingshaarspange vergessen hat, plötzlich den Fön angemacht und in meine Richtung geworfen.

Dazu ist mehreres zu sagen: erstens haben wir hier am Anwesen mehrere Badezimmer, sie hat ihr eigenes, sie hat in meinen eigentlich nichts zu suchen. Zweitens war es nicht das erste Mal, dass sie versucht hat, mich loszuwerden.

Meine Stieftochter war immer schon ein Biest. Kinder können grausam sein, das weiß eigentlich jeder, will nur kaum jemand hören. Gegen jemand der niedlich ist und Kulleraugen hat, zieht man den Kürzeren. „Du bist doch die Erwachsene“, sagt man sich dann, erkläre ihr doch einfach, warum sie keine Lügengeschichten über dich erzählen soll.

Ich versuche mein Bestes, ruhig und vernünftig zu bleiben. Auch wenn ich eines zugeben muss: ich habe schon als Kind andere Kinder nicht gemocht. Zu laut, zu nervend. Und Kinder nicht zu mögen, ist eines der wenigen Tabus heutzutage. Der einzige Grund, warum ich lange überlegen musste, ob ich meinen Mann auch wirklich heiraten möchte, war seine Tochter. „Sie ist seine kleine Prinzessin“ hat es geheißen. Das verheißt nichts Gutes habe ich mir gedacht. Ich habe Recht behalten.

Aber meine immer schon vorhandene mangelnde Begeisterung für alles Kindliche hat nichts mit meiner jetzigen Einschätzung des Verhaltens meiner Stieftochter zu tun. Ich weiß, was sie getan hat. Nur glaubt mir auch deswegen keiner, weil meine fehlende Bereitschaft Kinder zu vergöttlichen, schon seit jeher bekannt war. „Ich halte den täglichen Umgang mit Kindern für uninteressant“ habe ich schon als Teenager meinen Freundinnen gesagt, wenn sie sich für Babynachrichten von irgendwelchen Prominenten begeistern hatten. Das ist natürlich in meiner aktuellen Situation nicht gerade hilfreich. „Die war ja immer schon eine Kinderhasserin“ wird jetzt getuschelt.

Misstrauen gegenüber einem Kind, in einer Zeit in der Kinder in der kollektiven Wahrnehmung angebetet und auf ein Podest gehoben werden, ist natürlich besonders unpassend. Zur allgemeinen Hysterie um den optimalen Umgang mit Kindern, gesellt sich in meinem Fall noch die Opferrolle der Kleinen.

Begonnen hat alles mit dem Tod ihrer Mutter. Seitdem gilt sie hier bei allen, den Bediensteten, den Bekannten, Verwandten, Besuchern als rohes Ei. Die arme Kleine, die ihre Mutter so früh verloren hat. Sie wurde permanent daran erinnert, wie böse das Schicksal zu ihr war. Es hatte sie mit einem ungeheuerlichen und ungerechten Schlag getroffen.

Durch Widrigkeiten stärker werden, das war nicht die Strategie, die verfolgt wurde. Sagt man „Wollen wir jetzt nicht die Hausaufgaben machen?“ heißt es „Setzen Sie sie nicht unter Druck!“. Sagt man „ Ist es nicht zu kalt für diese zarten Schuhe?“ heißt es, „Sie kann selbst entscheiden, was sie anzieht!“ Das Personal, das sie permanent umgibt – jene Kindermädchen, Köchinnen, Dienstboten aller Art, die sich schon lange im Haushalt haben halten können – haben diese Verteidigungsmechanismen im Laufe der Zeit so internalisiert, dass sie gar nicht merken, dass ihren Schutzreaktionen gar kein Angriff zugrunde lag.

So wurde sie auf das Leben vorbereitet. In Watte gepackt, verhätschelt von Kinderfrauen, Köchinnen, Chauffeuren und allen sonstigen Bekannten verfestigte sich in der Kleinen die Gewissheit, etwas Besonderes zu sein. Niemand sonst trug so ein hartes Schicksal. Von ihr durfte man gar nichts verlangen, sie hatte ihren Teil an Unbill vom Leben schon abbekommen. Als Opfer durfte sie sich alles erlauben.

Der tragische Tod ihrer Mutter war eine verpasste Gelegenheit, ihr zu zeigen, dass sie überlebensfähig und tapfer sein konnte. Stattdessen übernahmen Selbstmitleid und permanentes Kränkeln und Schwächeln die Regie. Ihre Stimmungsschwankungen bestimmen, was passieren muss. Ein Minimum an Rücksichtnahme auf andere kann man doch nicht von so einem kleinen Kind verlangen, das seine Mutter verloren hat. Jede Schwierigkeit musste ihr seitdem selbstverständlich aus dem Weg geräumt werden. Das Leben war ihr schon in jungen Jahren etwas schuldig.

Als ich in ihr Leben trat, war sie sieben. Ihre Mutter hatte sie mit zwei Jahren verloren. Seitdem tanzte alles nach ihrer Pfeife. Sie wurde für Nichtichgeiten gelobt. Es wurde ihr permanent bestätig, was für ein hübsches Kind sie war. Ihre Spielkameraden konnten ihr selbstverständlich nie das Wasser reichen – zu dumm der eine, zu hässlich die andere, aus einer zu schlechten Familie, usw.

Ein anderes Mal habe ich sie erwischt als sie etwas in meinen Tee geträufelt hat. Eine harmlose Kontaktlinsenreinigungslösung wie sich später herausgestellt hat, aber die Absicht war klar zu erkennen.