EIN WOLF SIEHT ROT - Tony Bard - E-Book

EIN WOLF SIEHT ROT E-Book

Tony Bard

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Beschreibung

Eine Geschichte, die alle zu kennen glauben. Die armen Opfer, der böse Täter. Doch ist wirklich alles so, wie es scheint? Er fühlt sich sicher. Der Wald gehört ihm. Das ist sein Revier. Er ist der Wolf. Den Menschen versucht er aus dem Weg zu gehen. Er will keinen Ärger. Aber kommt er an gegen all die Projektionen und Mythen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf prägen? Wer hat Angst vor dem bösen Wolf? Das Mädchen in Rot vielleicht? Ein Märchenklassiker aus einen anderen Perspektive.

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Seitenzahl: 43

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tony Bard

EIN WOLF SIEHT ROT

Meine Geschichte. Märchen aus anderer Perspektive (und als Krimi)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EIN WOLF SIEHT ROT

Impressum neobooks

EIN WOLF SIEHT ROT

Ich liebe den Wald. Besonders in der Nacht. Ich kenne jedes Geräusch. Ich bin auf der Hut, aber mich kann nichts überraschen. Ich spüre keine Angst. Ich verbreite sie

Jede Jahreszeit ist mir recht. Jedes Wetter. Die verschiedenen Arten von Regen mit ihren unterschiedlichen Gerüchen. Ich husche durch den Schnee genauso wie durch staubige ausgetrocknete Lichtungen. Harte Bedingungen kann ich ertragen. Je höher der Schnee, desto besser. Aufstöbernde Blätter, festgefrorene Erde, matschiger Schlamm, ich passe mich an. So wie alle vor mir.

Der Wald ist meine Bühne. In den entbehrungsreichen Zeiten im Winter fällt es mir nicht schwer, genügsam zu sein. Ich weiß, was ich im Februar, der erfahrungsgemäß am kältesten ist, zu tun habe. Eis und Schnee lassen sich bezwingen. Wenn der Frühling dann durchbricht und seine eigenen Geräusche und die Vögel mitbringt, herrscht jedes Mal Aufbruchsstimmung.

In einer sich ständig verändernden Umgebung ist mein Instinkt die einzige Konstante, die ich zum Überleben brauche. Ich bin ein Einzelgänger. Es gibt langsam wieder mehr von uns. Sehr langsam. Nachdem wir jahrhundertelang verfolgt und fast ausgerottet wurden, hat man uns plötzlich nachgeweint. Man vermisste uns. Fast zu spät. Typisch Mensch.

Wir wurden beinahe vernichtet. Nun streifen wir durch unsere neugeschaffenen Reviere. Man hat uns wieder in die Natur entlassen. Doch die Zeit im geschützten Lebensraum hat ihre Spuren hinterlassen. Wir haben uns verändert. Wir schließen uns nicht mehr unbedingt anderen an. Wir sind auch alleine zu Überlebenskünstlern geworden. Ich jedenfalls fühle mich alleine sicherer. Keine Rivalen, weniger Zores. Jedenfalls bin ich deswegen nicht Teil eines Rudels. Ich vermisse keine Gesellschaft. Mein Leben nach meinen Regeln.

Wenn ich den Geruch einer Beute aufnehme, lege ich los. Und wenn ich sie erlege gehört sie mir alleine. Keine Politik die ins Spiel kommt, keine Gruppendynamik. Diese Begriffe und diese Kategorisierungen habe ich von den Forschern übernommen, die uns beobachten. Die so tun als würden sie zu uns gehören, aber doch immer auf der Hut sind und uns einordnen und bewerten. Ich habe mich da nie täuschen lassen. Sie sind anders diese Menschen. Und sie beurteilen uns.

Ich bin in einem der von Menschen geschaffenen Gehege geboren worden. An diese Zeit kann ich mich kaum erinnern, weil meine Zeitrechnung erst mit meiner Entlassung in die Freiheit beginnt. „Ansiedlung in der natürlichen Umgebung“ würden die Menschen wohl sagen. Zuerst eine Umgewöhnung, vielleicht sogar eine Phase der Desorientierung. Aber dann: Freiheit. Freiheit. Freiheit.

Auf mich gestellt. Unbeobachtet. So wie es sich gehört. So wie es richtig ist für mich. Der Wald ist mein Revier. Ich habe nach meiner „Entlassung“ eine kurze Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich auf meine Instinkte verlassen kann. Ich kannte mich aus, auch wenn ich dieses Leben in der Freiheit nicht kannte.

Aber ich blicke nicht zurück. Das Jetzt zählt. Das Jetzt verlangt meine Aufmerksamkeit. Jedes Geräusch. Jeder Geruch. Da sein. Präsenz zeigen wenn nötig.

Ich weiß über alle Abläufe im Wald Bescheid. Ich weiß wer wann wo ist. Wenig kann mich überraschen. Veränderungen fallen mir gleich auf. So wie derzeis: Die alte Frau, die im Wald wohnt, bekommt jetzt häufiger Besuch. Von einem jüngeren weiblichen Jungmensch.

Ich bin wie alle vor mir ein Meister im Sich anpassen um zu überleben. Ich kann auch damit umgehen, dass so viele Menschen im Wald unterwegs sind. Eigentlich mein Gebiet, aber sie durchqueren es zu Fuß, auf ihren komischen Geländerädern, alleine oder in Rudeln.

Einige sehe ich immer wieder. Sie sehen mich nicht, dazu bin ich zu vorsichtig. Man kann ihnen nicht trauen. Wer weiß, vielleicht werfen sie oder ihr frecher, undisziplinierter Nachwuchs mit Steinen auf mich oder sie spinnen sofort Lügengeschichten und behaupten, ich hätte sie attackieren wollen. Das hätte dramatische Konsequenzen für alle Waldbewohner, besonders für mich und meinesgleichen. Also am besten vermeiden, die Menschen.

Aber trotzdem erkenne ich ein paar wieder, die häufig durch den Wald gehen. Die einen, weil sie Pilze sammeln, die anderen weil sie freiwillig immer wieder die gleiche Strecke ablaufen.

Dazu zählt auch die junge Frau mit der roten Mütze.

Soweit ich mich erinnere waren die Behausung der Alten und die von ihr bewirtschafteten Gründe unter drei großen Eichenbäumen immer schon da. Sie ist sehr umtriebig. Egal zu welcher Tageszeit ich an ihrem Territorium vorbei schleiche, sie ist mit irgendetwas beschäftigt. Sie jätet oder pflanzt oder erntet oder was weiß ich. In aller Früh aber genauso auch bei schon angebrochener Dunkelheit. Für mich interessiert sie sich nicht. Sie muss ahnen, dass es mich gibt. Ich hinterlasse ja Spuren, wenn ich um ihr Gebiet herumstreiche. Aber gesehen hat sie mich noch nicht. Ich sie schon. Meine Sinne und meine Tarnungskünste sind gleichermaßen stark ausgeprägt.