Stilles Strahlen - Marie Briese - E-Book

Stilles Strahlen E-Book

Marie Briese

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Beschreibung

Entdecke deine stille Stärke und strahle! Schüchtern sein ist keine Schwäche. Ganz im Gegenteil: gerade als stille Person trägst du eine innere Stärke in dir, die oft unterschätzt wird. Wenn du das Gefühl kennst, als schüchtern abgestempelt oder übersehen zu werden, dann mach dich bereit für eine Reise: raus aus der Schublade der Stillen, hinein in Gottes Bestimmung für dein Leben. Lerne dich selbst mit Gottes Augen zu sehen und erkenne: Gott hat dich bewusst so geschaffen, wie du bist. Er wünscht sich, dass du deine einzigartige Persönlichkeit entdeckst. Und deinen Wert ausstrahlst - auf deine leise Art und Weise!

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marie Briese

STILLES STRAHLEN

Weil echter Mut nicht laut sein muss

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7555-5 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6092-6 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2022 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH ·

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Hauptübersetzung:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002, 2006 und 2017 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (NLB)

Weiter wurden verwendet:

Hoffnung für alle® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.

Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. (HFA)

Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (GNB)

Bibelvers-Illustrationen: © Marie Briese. S. 37: Genesis 50,20; S. 45: Psalm 139,14; S. 99: Epheser 3,16; S. 117: Johannes 14,16a; S. 145: 2. Samuel 22,2-3.

Lektorat: Mirja Wagner, www.lektorat-punktlandung.de

Umschlaggestaltung: Astrid Shemilt // Büro für Illustration & Gestaltung, www.astridshemilt.com

Autorenfoto Buchumschlag: © Debora Ulrich

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

INHALT

Über die Autorin

Erstes Kapitel Durch den Nebel hindurch

Zweites Kapitel Wie ich mein »stilles Strahlen« entdeckte

Drittes Kapitel Der Moment, in dem ich verstand: »Ich bin genau richtig«

Viertes Kapitel Was alles in uns Introvertierten steckt

Fünftes Kapitel Von leisen Menschen und der lauten Welt

Sechstes Kapitel Survival-Kit für Stille

Siebtes Kapitel Sich selbst mit Gottes Augen sehen

Achtes Kapitel ÜBE-R-MUT – du kannst mehr, als du denkst

Epilog Zeit, zu strahlen!

Anhang

Anmerkungen

ÜBER DIE AUTORIN

Marie Briese (Jg. 1998) wohnt mit ihrem Mann in Siegen. Dort studiert sie Lehramt für Ev. Religionslehre und Deutsch. Sie arbeitet für die Ev. Kirchengeschichte der Universität Siegen. Während ihrer Seelsorgeausbildung und Studienzeit an der »BTA Wiedenest« wuchs ihr Interesse an Psychologie und Theologie. Am besten auftanken kann sie in der Natur oder beim Kraftsport.

ERSTES KAPITEL

DURCH DEN NEBEL HINDURCH

Stell dir vor, du wachst morgens nach einer langen und erholsamen Nacht in deinem Bett auf. Über Nacht haben sich deine Selbstzweifel, deine Scham, die Schüchternheit, wegen der du schon so viel verpasst hast, und die ständigen Fragen »Was wäre, wenn…?«, »Was denken die anderen bloß?« und »Blamiere ich mich hier gerade eigentlich total?« in Luft aufgelöst.

Ein Traum? Nein! Durch dein Fenster kannst du sehen, wie der Nebel sich lichtet, die Sonne den Himmel in den schönsten Farben färbt und deine Sicht immer klarer wird.

Okay, vielleicht verändert sich nicht alles, was dein Leben als stiller Mensch schwer macht, in nur einer Nacht. Aber – das weiß ich aus eigener Erfahrung – in vielen kleinen Schritten. Lass sie uns zusammen gehen! Lass uns zusammen strahlen!

Deshalb:

Schön, dass du hier bist! Warum? Weil ich dir etwas zu erzählen habe – meine Geschichte.

Ich werde hier aus meinem Leben berichten. Du denkst jetzt, das sei langweilig, denn schließlich tun das die meisten Menschen hier, aber die meisten sind nicht so wie ich und ich bin nicht so wie die meisten. Ich bin introvertiert und schüchtern. Also eigentlich würdest du von mir gar nichts mitbekommen, wie von den anderen Ruhigeren (in Deutschland machen wir ca. ein Drittel der Bevölkerung aus). Wenn du wissen willst, wie es sich als stiller Mensch (gut) lebt oder du sogar selbst einer von der »stillen Sorte« bist, dann lies weiter! Lass uns zusammen auf eine Reise gehen, bei der wir aufblühen und strahlen lernen!

Instagram-Posting vom 11.11.2017

Ein schmerzhaftes Gefühl

Was du gerade gelesen hast, ist der erste Post eines Blogs auf Instagram, den ich im November 2017 gestartet habe. Zu dieser Zeit war ich Studentin an einer Bibelschule und saß in einer Klasse toller, aber zu 90 Prozent extrovertierter Menschen. Das heißt: Sie waren laut, ich wollte Ruhe. Sie tanzten in den Pausen auf den Tischen, ich wollte noch mal über das nachdenken, was ich gerade im Unterricht gelernt hatte. Sie liebten gemeinsame Aktionen und konnten scheinbar nicht genug voneinander kriegen, und ich verbrachte meine wenige Freizeit am liebsten mit meinem Mann oder eben allein.

Und da war es wieder, das schmerzende und verwirrende Gefühl, irgendwie anders zu sein.

Vielleicht kennst du das auch. Dann darfst du jetzt wissen, dass du nicht allein damit bist. Egal, wo ich war, ich kam mir oft vor, wie der einzige stille Mensch auf dem gesamten Planeten. Ich war falsch – alle anderen richtig. Mir passierten ständig peinliche Missgeschicke – alle anderen waren perfekt. Ich überlegte mir jedes Wort, das meinen Mund verlassen sollte, ganz genau (vor allem, wenn es um persönliche Dinge ging) – alle anderen trugen ihr Herz auf der Zunge.

Doch gerade das möchte ich jetzt auch tun, möchte mein Herz auf Papier bringen und meine Geschichte mit dir teilen. Sie führte mich durch dichten Nebel, zu Sonnenaufgängen, klarer Sicht und schließlich zu meinem »stillen Strahlen«. In diesem Buch möchte ich meinen Reisebericht mit einem der dunkelsten Tage im Jahr 2014 beginnen und dir schonungslos ehrlich aus meinem Leben erzählen.

Mittlerweile ist es 2022 und ich habe gelernt, dass auch ich nicht allein bin und erst recht nicht die einzige Person, die sich manchmal nichts sehnlicher wünscht, als einfach im Erdboden zu versinken. Deshalb möchte ich dich an meinem Weg teilhaben lassen und dich zu deiner ganz persönlichen Reise ermutigen. Den Klappspaten zum Kurzfristig-Löcher-in-den-Erdboden-Graben brauchst du dann sicher nicht mehr einzupacken. Also, lass uns losgehen und aus dem Nebel treten!

Der Moment, in dem ich dachte: »Ich bin falsch«

Dass ich einer der stillen Menschen bin, ist mir seit fast zehn Jahren so richtig bewusst. Eine allzu lange Zeit ist das nicht. Dass ich irgendwie ein bisschen anders bin als die meisten Menschen, denen ich so begegne, wurde mir hingegen schnell klar. Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, erinnere ich mich vor allem an folgende Umstände:

Ich hatte dort viele Freunde, aber selten Lust, mich auch noch nachmittags mit ihnen zu treffen. Denn erstens war es ziemlich anstrengend, immer von Leuten umgeben zu sein, und zweitens hätte ich dann bei den Freunden zu Hause anrufen müssen – was wäre gewesen, wenn jemand Fremdes ans Telefon gegangen wäre? Oder wenn ich vergessen hätte, meinen Namen zu sagen? (Was mir tatsächlich einmal passiert und bis heute noch peinlich ist.) Ich glaube, du verstehst, dass ich das alles viel zu aufregend fand.

Der zweite Umstand hängt auch mit meinen Freunden zusammen. Ungefähr ab der vierten Klasse hatte ich plötzlich kaum noch welche. Das Ganze setzte sich in der Unterstufe fort. Der Grund: Sie fanden mich zu »erwachsen«, zu langweilig, einfach nicht so spontan und verrückt, wie sie es selbst waren. Das tat weh. Und es war verwirrend, denn die Erwachsenen – die Lehrer, meine Eltern, die Eltern meiner Freunde… – sie alle liebten mich! Zu dem Zeitpunkt ahnte ich schon, dass ich scheinbar in einer anderen Welt lebte als die Gleichaltrigen um mich herum. Die Vor- und Nachteile davon habe ich über die Jahre entdeckt und werde dir in diesem Buch mehr davon erzählen.

Aber geben wir der Sache doch mal einen Namen: Still sein – oder auch Introversion. Was ich bis zu einem grauen Februartag 2014 immer nur als sperriges Fremdwort für seltsame Menschen wahrgenommen und nicht mit mir in Verbindung gebracht hatte, stand plötzlich in einer WhatsApp-Nachricht von meinem wütenden und verletzten Ex-Freund. Introvertiert. Es traf mich mit einer Wucht, die mich fast dazu gebracht hätte, meine Gefühle, mein Innerstes vor Wut und Entsetzen in der Küche vor meiner ganzen Familie zu offenbaren – wer uns stille Menschen kennt, weiß, dass Gefühle und Gedanken für uns hauptsächlich zu einem Zweck gemacht sind: zum Fühlen und Denken, aber nicht zum Erzählen. So saß ich also da und las die Nachricht, die mir das Herz brach, mich an mir und vor allem an meinem Glauben zweifeln ließ: »Du bist viel zu introvertiert, um eine gute Christin zu sein.« Das war der Moment, in dem der Schmerz und die Verwirrung ungeahnte Ausmaße annahmen, aber gleichzeitig den Nebel, den diese Gefühle bis dahin produziert hatten, wegwehte. In dem Moment wurde mir klar: »Ich war falsch. Alles, was ich je für und mit Gott oder in meiner Gemeinde gemacht hatte, war falsch.« Die Nachricht gab mir zu verstehen: »Du musst dich auf eine bestimmte Weise verhalten oder gewisse Charakterzüge haben, um in den Augen der anderen Christen und in Gottes Augen wertvoll zu sein.«

Ich dachte lange darüber nach, wie der Absender dieser verletzenden Nachricht überhaupt zu der Aussage gekommen war. Nacht für Nacht drehte ich Runden auf meinem Gedankenkarussell: »Er hat schon recht. Ich war ja auf der letzten Freizeit lieber in meinem Zimmer oder mit den Leuten zusammen, die ich schon vorher kannte. – Aber ist das nicht auch einfach normal? Man muss ja nun nicht mit jedem supergut befreundet sein. – Na gut, ein bisschen mehr Mühe hätte ich mir schon geben können… – Warum bin ich denn nur so schüchtern? Ich traue mich ja im Gottesdienst noch nicht mal laut mitzusingen und das, obwohl ich gar nicht auf der Bühne stehe. Wenn mir jemand ein Kompliment macht für Dinge, die ich im Hintergrund geleistet habe, werde ich rot – oh Mann, ich bin echt undankbar. Kann Gott mich so überhaupt gebrauchen? Nimmt mich so irgendjemand ernst, wenn ich dann doch mal eine Andacht vor wenigen Leuten halte? Was soll das eigentlich mit dem Glauben? Was soll ich denn eigentlich mit dem Glauben, wenn ich eh niemals gut genug dafür sein werde?«

Wie du siehst, war diese Nachricht der Auslöser für eine Menge Selbstzweifel und Vorwürfe mir gegenüber. Sie war sogar fast der Weg, der mich von Gott wegführte, und das, obwohl ich ihn doch erst kurz zuvor richtig kennengelernt hatte. In diesem Moment kam es mir allerdings total logisch vor, dass stille oder schüchterne Menschen in Gemeinden fehl am Platz sind. Schon in dem Wort »Gemeinde« steckt das Wörtchen »gemein«1 – und das hing meiner Meinung nach viel mehr mit »gemeinsam« oder »Gemeinschaft« zusammen als für die meisten outgoing Menschen.2

Eine meiner Eigenschaften, die im Gegensatz zu meiner Zurückgezogenheit sogar sehr gut anzukommen schien, war die Zurücknahme meiner eigenen Meinung, meiner Ideen, ja, von allem, was ich mich wegen meiner Schüchternheit nicht zu sagen oder tun traute. Als ich das verstanden hatte, versuchte ich, genau das zu meiner Stärke werden zu lassen. Wenn ich schon nicht mit einer offenen Art punkten konnte, dann möglicherweise damit, immer und überall zu helfen. Es kam also nicht selten vor, dass meine Eltern ihre Teenietochter um 23 Uhr noch Kuchen backend oder sonntagmorgens um 6 Uhr einen Waffelteig vorbereitend in der Küche vorfanden.

Rückblickend musste ich mich über mich damals selbst wundern: Ich hatte mich freiwillig mehrmals in der Woche mit vielen Menschen getroffen, die alle meine Freunde waren oder zumindest so taten. Hatte mich mit Menschen getroffen, die Small Talk erwarteten und dass ich immer gut drauf war. War in Veranstaltungen gegangen, in denen gesungen wurde und es scheinbar darum zu gehen schien, wer sich am meisten einbringt oder am besten darstellt. Für diese Welt war ich nicht gemacht, das stand nun fest.

Damit blieben nur noch die folgenden Fragen, die ich in den nächsten Wochen in meinem nächtlichen Gedankenkarussell zu bearbeiten hatte: »Hat Gott stille und schüchterne Menschen überhaupt gewollt? Wenn ja, warum passen sie dann nicht in Gemeinden oder Kirchen? Bin ich wirklich so verkehrt und kann Gott tatsächlich nichts mit mir anfangen? Wie kann ich überhaupt ein sinnvolles Leben haben, wenn ich ›zu introvertiert‹ bin? Und was genau bedeutet das eigentlich, introvertiert?«

ZWEITES KAPITEL

WIE ICH MEIN »STILLES STRAHLEN« ENTDECKTE

Mein WhatsApp-Erlebnis mit der Erkenntnis, dass ich scheinbar anders bin als andere, lag nun schon drei Jahre zurück. Ich hatte das erste Jahr meiner Theologie-Ausbildung hinter mich gebracht und als Abschluss dieser ersten Zeit machten wir als Klasse eine Gruppenaktion.

Kennst du die »Warme Dusche«? Es geht darum, anderen Menschen ehrliche Komplimente zu machen. Für jede Person der Gruppe schreibt man ein Kompliment auf einen Zettel und am Ende der Aktion hält jeder dann ein Blatt Papier in der Hand, das ihm im besten Fall viel Mut macht und ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Aber weißt du was? Ich habe mich gar nicht darauf gefreut. Ich hatte sogar Angst davor, nachher richtig enttäuscht zu sein. Nicht von den anderen und dem, was sie über mich geschrieben haben, sondern von mir.

Im ersten Ausbildungsjahr war ich ziemlich schüchtern und verschlossener als so mancher Tresor. Die große Gruppe offener, stets gut gelaunt scheinender Menschen hatte mich so eingeschüchtert, dass ich irgendwann gar nicht mehr wusste, wie ich mich in einem ersten Schritt hätte öffnen können. Ich war zwar meistens freundlich und machte im Unterricht mit, aber sobald es um mich persönlich ging, wurde ich still, wenn nicht sogar rot. Und irgendwann nahm mich niemand mehr wahr. Damit ging es mir gut – dachte ich zumindest. Bis zu dem Tag, an dem wir uns gegenseitig Komplimente machen sollten, in schriftlicher Form – immerhin! Während ich von Zettel zu Zettel ging und meinen Mitschülerinnen und Mitschülern meine positiven Beobachtungen, die ich in den vergangenen Monaten gemacht hatte, aufschrieb, wurde ich mit jedem Schritt und jedem Wort trauriger. Es war meine eigene Schuld. Nur mir und meiner Schüchternheit hatte ich es zu verdanken, dass mich über zwanzig Leute nach einem Jahr – also nach mehr als 1000 Stunden, die wir miteinander verbracht hatten – nicht kannten. Was für Komplimente hatte ich bei diesen Voraussetzungen schon zu erwarten? Ich schraubte meine Erwartungen also runter, obwohl ich mir schon damals sicher war, dass ich Eigenschaften habe, die Komplimente verdienen. Nur konnte sie bis dahin keiner kennenlernen.

Das Ergebnis war fast so, wie ich es erwartet hatte. Es stand viel Oberflächliches auf meinem Zettel und manche beendeten ihre »netten« Worte sogar mit der Aufforderung, ich solle mich mehr öffnen, damit sie mich im nächsten Jahr besser kennenlernen könnten. Das mag ja vielleicht lieb gemeint gewesen sein, aber es zeigte mir auch, dass sie meine Art nicht richtig verstanden hatten. Sie konnten mein Verhalten einfach nicht einordnen. Allerdings gab es eine Ausnahme: eine Bemerkung, die mich wirklich berührt hat. Sie bestand zwar nur aus wenigen Wörtern und war in einer nicht ganz so schönen Handschrift geschrieben wie die meisten anderen Komplimente, aber sie traf mich mitten ins Herz – und dieses Mal positiv!

Wow, scheinbar hatte da doch jemand mehr in mir gesehen, als ich gedacht hatte. Ganz am Rand von meinem Zettel, voll mit mehr oder weniger ehrlichen Komplimenten, standen diese sechs Wörter. Unscheinbar, aber nachhaltig wirkungsvoll. Vielleicht hatte sie jemand dorthin geschrieben, der ebenfalls eher zu den ruhigen Menschen gehörte – passen würde es.

Das war meine Bestätigung: Da steckt wirklich etwas in mir, das es wert ist, gesehen zu werden. Für das ich Komplimente bekommen kann – und das Gott mit Sicherheit nicht ohne Grund in mich hineingelegt hat. Selten hatte jemand so passend und auch noch wertschätzend über meine Persönlichkeit gesprochen (bzw. geschrieben)! Mein ganzes Leben lang – und in schwierigen Momenten auch noch heute – denke ich, es sei falsch, still zu sein. Aber das stimmt nicht, und das wurde mir immer klarer!

Die Strahlkraft der Stillen

Auch stille Menschen haben »Strahlkraft«, nicht nur die Menschen, die sonst im Mittelpunkt stehen! Wir Stillen strahlen auf eine andere Weise als die »Stars« in unserem Umfeld, dafür aber mit einem besonders schönen Licht! Jede von uns trägt so viel Gutes in sich und kann so, wie sie ist, strahlen.

»Ihr seid das Licht der Welt – wie eine Stadt auf einem Berg, die in der Nacht hell erstrahlt, damit alle es sehen können« (Matthäus 5,14). Das sagt Jesus in seiner Bergpredigt und rate mal, wem dieser Satz gilt! Richtig, uns allen, die wir an ihn glauben. Egal, ob du gern im Rampenlicht stehst und die meiste Zeit Leute um dich herum brauchst, damit du glücklich bist, oder ob du stundenlang Zeit mit dir selbst verbringst und, wenn es darauf ankommt, mit Rat und Tat zur Stelle bist. Vielleicht macht dir der letzte Teil des Verses noch zu schaffen: »[…] damit alle es sehen können«. In anderen Übersetzungen steht dort: »Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben« (GNB). Das sagt mir, dass Gott jedem Menschen eine ganz besondere und einzigartige Strahlkraft geschenkt hat, die früher oder später aufleuchten wird. Auch wenn du gerade eher noch das Gefühl hast, er hätte sie hinter Zweifeln und Ängsten versteckt, oder du sie dir im Moment vielleicht noch kaum vorstellen kannst. Glaube mir: Sie ist da und wird zum Vorschein kommen.

Während meiner Schulzeit gab es ein Szenario, das sich ständig wiederholte: Ich hatte eine gute Idee und wollte sie zum Unterricht beitragen, aber gerade, als ich sie zu Ende gedacht hatte, kam auch schon die Angst in mir hoch, doch etwas Falsches zu sagen oder mich dabei irgendwie vor den anderen zu blamieren. Das fing ungefähr in der siebten Klasse an und bis zu meinem Abschluss hörte ich immer wieder diese innere Stimme, die Zweifel und Ängste in mir entstehen ließ, sobald ich mich melden wollte. Vielleicht kennst du diese Situation auch.

Die innere Stimme voller Zweifel und Ängste blieb zwar, aber irgendwann kam eine zweite innere Stimme dazu, die sagte: »Gott liebt dich. Er ist bei dir und findet dich so gut, dass er seinen Sohn für dich geopfert hat! Du kannst gar nichts falsch machen, wenn du dich jetzt meldest und sagst, was auch immer du sagen willst. Es ist egal, ob du dich versprichst oder etwas nicht ganz so Richtiges sagst. Und noch viel weniger wichtig ist, was deine Klasse von dir denkt! Die Hauptsache ist, dass Gott dich liebt – die anderen sollen doch von dir denken, was sie wollen!« Diese Gedanken haben mir Mut gemacht und mir oft geholfen, mich zu melden. Das Beste: Das Ganze war kein billiger Trick, sondern die Wahrheit. Gott liebt mich. Wenn ich das weiß, kann mir die Meinung der anderen über mich egal sein. Genauso liebt Gott dich. Du bist nicht abhängig von dem, was Menschen über dich denken oder sagen. Das befreit uns von dem Druck, immer alles perfekt machen zu wollen, und von der Angst, etwas Falsches zu sagen.

Ich stelle mir vor, dass Gottes Liebe wie ein Licht in mir drinnen scheint und mir Mut macht, mehr von mir zu zeigen. Das kann am Anfang ein kleiner Funke sein, der reicht schon. Sich einmal zu melden, ist für den Anfang genug. Später wird aus dem kleinen Licht vielleicht ein Strahlen und du magst irgendwann auch anderen zeigen, was du gut kannst oder wofür du dich interessierst. Probiere es mal aus! Versteck dich nicht hinter deiner zurückhaltenden Art oder Schüchternheit, weil du denkst, du bist es nicht wert, dass andere dich wahrnehmen. Du darfst gesehen werden, weil du gut bist, so wie du bist!

Die »Warme Dusche« am Ende meines ersten Ausbildungsjahres hat bei mir dazu geführt, dass ich auf der Reise zu meiner Persönlichkeit diesem Strahlen ein großes Stück nähergekommen bin! Der kleine Funke der Liebe Gottes ist mindestens zu einer Kerzenflamme geworden. Wer hätte gedacht, dass dazu jemand aus meiner Klasse nötig gewesen ist – ich jedenfalls nicht! Manchmal ist es gut, wenn andere unser Licht erahnen können. Manchmal brauchen wir es, dass jemand uns ansieht und uns zeigt, was Gott so alles in uns hineingelegt hat. Obwohl ich mich durch die mehr oder weniger freiwilligen Runden auf meinem Gedankenkarussell und meine sensible Wahrnehmung ziemlich gut kannte und die meisten Dinge mit mir selbst ausgemacht habe, brauchte ich jemanden, der diese wichtige Aufgabe für mich übernommen hat. Ganz schön angsteinflößend, oder? Aber das Stück Papier in der Gelddruckerei erfährt auch erst dann von seinem Glück, wenn ihm jemand von außen die 100 aufdruckt. (Was umgekehrt nicht bedeuten soll, dass wir uns negative Merkmale aufdrücken oder -stempeln lassen sollen!) Oft nehmen wir uns selbst aber ganz anders wahr, als die Menschen um uns herum uns sehen. Genau das ist der Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. In meinem Fall bedeutete das: Ich dachte, meine Klassenkameraden würden mich für eine langweilige oder sogar arrogante Person halten, die keine Zeit mit ihnen verbringen möchte. Sie aber – oder zumindest manche von ihnen – sahen mein Strahlen und die positiven Eigenschaften an mir.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns jemand sagt, dass wir wertvoll und geliebt sind, können wir letztlich »nur« auf das vertrauen, was Gott über uns denkt, und hoffen, dass es die Menschen um uns herum ähnlich sehen – was für den Anfang nicht schlecht ist! Doch wenn es dir jemand sagt oder wie in meinem Fall schreibt, dann kannst du es glauben! Ich selbst kann es mir gar nicht oft genug vor Augen führen: Ich bin geliebt. Wenn du es auch noch einmal für dich annehmen möchtest, gebe ich es dir hier schwarz auf weiß: Du bist wertvoll. Du bist geliebt!

Du darfst es glauben! Mir fällt es oft schwer, liebevolle Worte und Komplimente anzunehmen, dabei sind sie so hilfreich! Sie können mir bewusst machen, dass ich strahle und was ich ausstrahle. Dann liegt es nur noch an mir, das anzunehmen, in mein Strahlen zu treten und es zu nutzen, für mich, meine Mitmenschen und für Gott. Denn er ist die Quelle des Lichts!

Wie ich im letzten Post erzählt habe, dachte ich mein ganzes Leben lang, es sei falsch »still« zu sein. Aber das stimmt nicht. Zurückhaltende Menschen können auch strahlen wie die, die sonst im Mittelpunkt stehen! Jeder von uns trägt so viel Gutes in sich und kann so, wie er ist, strahlen – mal mehr, mal weniger auffällig. Versteck dich nicht mit deiner Introversion, weil du denkst, du bist es nicht wert, dass andere dich wahrnehmen. Du darfst gesehen werden, weil du gut bist so, wie du bist!

Instagram-Posting vom 26.11.2017

PROBIER’S SELBST

Nimm doch selbst einmal eine »Warme Dusche«. Schreibe auf, was du an dir magst. Vielleicht hängst du dir den Zettel an deinen Spiegel oder dorthin, wo du ihn oft sehen kannst. Du kannst die »Warme Dusche« auch ganz klassisch mit deinen Freundinnen und Freunden oder deiner Familie machen. So übst du, auf andere zuzugehen, und bekommst selbst bestimmt tolle Komplimente!

Stille Gespräche mit lauter Wirkung

Seit dem Tag der »Warmen Dusche« begann ich zu ahnen, dass es nichts Schlechtes ist, eine von der stillen Sorte zu sein. Langsam begriff ich, dass ich gut bin, so wie ich nun mal bin. Und ich hoffte, dass ich und auch die Menschen um mich herum das bald immer mehr sehen könnten. Da gab es nur zwei Herausforderungen und von denen erzähle ich dir jetzt.

Ironischerweise spielen in beiden Erzählungen nicht nur ich im Jahr 2017, sondern mal wieder auch andere Menschen eine ebenso wichtige Rolle. Da wäre zunächst eine Freundin, die mir die erste Herausforderung bewusst gemacht hat. Wir kamen im zweiten Ausbildungsjahr unserer theologischen Ausbildung in eine Klasse und hatten direkt eine Verbindung: unsere stille Art, hinter der sich aber viel verbarg. Während unsere Klassenkameraden mit 150 Menschen in einem lauten Speisesaal zu Mittag aßen, zogen wir die Ruhe vor – und uns deshalb zurück. Unsere Gespräche wurden von Ma(h)l zu Ma(h)l ehrlicher und tiefgründiger. Ich schätzte an ihr, wie sie sich für ihre Mitmenschen, also in dieser Situation für mich, interessierte und Fragen stellte, die über ein »Wie geht’s dir und was machst du so?« hinausgingen. Man sollte meinen, dass bei einem Gespräch zwischen zwei sonst stillen Menschen nicht viel rumkommt, aber meine Freundin blühte im Fragenstellen auf und ich, wie du merkst, erzähle gern, solange ich weiß, dass sich mein Gegenüber auch wirklich dafür interessiert oder es ein Thema ist, das mir viel bedeutet. Übrigens kann all das ziemlich typisch für Menschen mit einer stillen Art sein.

Also erzählte ich meiner neu gewonnenen Freundin auch von der Entdeckung meines »stillen Strahlens« und wie glücklich ich war, endlich einen Namen für das sonst so schmerzhafte und verwirrende Gefühl gefunden zu haben, das ich immer mehr überwand. Ich trat jeden Tag einen Schritt weiter in mein Strahlen, aber meine Freundin sagte wie aus dem Nichts:

Du weißt jetzt, wie du bist und dass das gut so ist, aber verstecke dich nicht hinter deiner Art! Drücke dich nicht vor Aufgaben und nimm deine Persönlichkeit nicht als Ausrede, manche Dinge nicht zu tun!

Wow, das hatte gesessen. Ich hatte gerade angefangen, all die vermeintlichen Vorteile meiner stillen Art kennenzulernen und dann sagte mir meine ebenfalls schüchterne Freundin, dass »still sein« keine Entschuldigung dafür ist, den Mund zu halten, wenn es um wichtige Dinge, Referate, Gruppenarbeiten oder anderes geht. Auf den ersten Blick scheinen uns Stillen diese Dinge nicht so zu liegen, aber sie hatte recht. Zwar konnte ich unsere Mittagspause, die wir fernab von den anderen aus unserer Klasse verbrachten, nach dieser Aussage nicht mehr ganz so genießen wie sonst – doch tiefe Gespräche sind nun mal das, was passiert, wenn zwei von der stillen Sorte sich treffen. Es aber nicht mehr nur dabei bleiben zu lassen, war die erste Herausforderung, der ich mich zukünftig zu stellen hatte.