Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Buch fuer alle Tierfreunde und - vielleicht - fuer alle, die respektlos mit unserer Umwelt umgehen.. Es ist nicht lang und man liest es, ohne Eile, in ein paar Stunden. . Aber dieses Buch ist, aufgrund der Geschichte (fast einem Maerchen gleich,) auch ein Anstoss zum Nachdenken: Im Grunde: "Auch der Mensch ist nur ein Tier !... auch das Tier ist nur ein Mensch ?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
A.F. Della Gorra
Straocchio's Traum
... ah, koennt' ich nochmal von vorne anfangen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Traeum' ich oder wach' ich?
Impressum neobooks
San Lodisio - nur ein Feldweg, ein paar mickrige Häuser und eine alte heruntergekommene Kirche...
Vom Rest der Welt fast vergessen, schlief der kleine Weiler in den Hügeln der Langhe, an der Grenze zwischen Piemont und Ligurien, still vor sich hin.
Dinng-Donng – Diinng-Doonng!
Auch heute, an diesem herrlichen Sonntagmorgen, dem ersten richtigen Frühlingstag dieses Jahres, läuteten die Glocken von SanLodisio um die Gläubigen zur Messe zu rufen. Ein lauer Wind trug den Ton bis hinunter ins Tal, streichelte den Wald, in dem die Vögelchen aus vollem Herzen das Ende des Winters bejubelten, streichelte die Wiesen, wo die kleinen Häschen, fröhlich herum tollend, die ersten Löwenzahnblätter anknabberten, um dann endlich die paar Häuschen von Nizzè zu erreichen und dort die letzten übrig gebliebenen Menschen zu rufen. Und es waren wirklich nur wenige, die übrig Gebliebenen. Diejenigen, die sich wehrten gegen den Ruf der Stadt, die das Landleben vorzogen, wo der Mensch noch Mensch war, das Tier noch Tier und wo das Getreide noch genauso respektiert wurde wie das Wasser das aus den Quellen sprudelte.
In Nizzè lebte ein alter Mann und er lebte in einem alten Haus; die Wände waren rußgeschwärzt, weil er sie nur alle fünf oder sechs Jahre neu anstrich. Geweißt wurden die Wände in dieser Gegend immer nur mit Kalk – nicht weil die Leute arm waren, sondern weil sie geizig waren (und das sind sie auch heute noch). Der alte Mann hatte natürlich auch einen Namen, er hieß Lorenzo, aber alle nannten ihn „Straocchio“, weil er – und das unterschied ihn von allen anderen – ein blaues und ein braunes Auge hatte. Lorenzo liebte es, in den Sommernächten den Himmel zu betrachten und dann behauptete er:
„Die Sterne sind verdammte Seelen die in der Unendlichkeit durch das Firmament vagabundieren müssen.“
Viele sagten deshalb, Lorenzo sei ein versponnener Schwätzer. Aber wie wir alle wissen, überall auf der Welt, wenn jemand etwas erzählt, das die anderen nicht verstehen, dann wird er als Scharlatan abgetan. Lorenzo war nunmehr schon fünfundachtzig Jahre alt, aber das sah man ihm nicht an, im Gegenteil, er wirkte sehr viel jünger.
Lorenzo hatte in seinem langen Leben nie eine Frau und Kinder gehabt, deshalb hatte er auch niemals geweint – weder aus Sorge noch aus Freude. - Doch, einmal, einmal hatte er vor Freude geweint!
Als er noch ganz jung war, hatte er sein Herz verschenkt. Greta, die kleine Schwester von Elisa, die später seinen besten Freund Alberto geheiratet hatte, schien ihm ein Engel auf Erden zu sein. Sie kannten sich schon seit den Kindertagen und das Mädchen, zart und blond, hatte immer ein freundliches Lächeln für ihn, aber, beschützt von drei Brüdern, hatten sie fast nie die Gelegenheit allein mit einander zu sprechen oder gar zu tanzen.
Just heute, an diesem herrlichen Sonntag, feierte Lorenzo seinen fünfundachtzigsten Geburtstag und er freute sich ganz besonders, endlich wieder, wie so oft in all diesen Jahren, zu Fuß bis zur Kirche von San Lodisio gehen zu können. Wie immer, wie jedes Jahr, hatte es auch in diesem Frühling geregnet; Tag für Tag, Woche für Woche. So war selbst er, der eingefleischte Naturmensch, gezwungen gewesen, mit den jungen Leuten (für ihn alle unter achtzig Jahren), im, ach so geliebten Auto, zu fahren. Fast niemanden reizte es heute noch, sich zu Fuß durch die Wiesen und Wälder auf den Weg zu machen; mit offenen Augen die Natur zu erleben, wie Straocchio es liebte, da man doch die kurze Strecke bequem in wenigen Minuten im Auto zurücklegen konnte. Obwohl er immer wieder mit Begeisterung erzählte was sie alles, eingeschlossen in ihren wunderschönen Autos, verpassten, ordnete man ihn im allgemeinen nur als alten, verschrobenen Kauz ein.
Tatsächlich war er nicht nur ein alter Kauz, sondern, und vor allem, auch ein Zyniker; sagte er doch immer:
“Mein bester Freund war ein Hund.“
Lorenzo zog es schon immer vor, allein mit seinem Hund, in seinem alten Haus zu leben. Sie aßen immer beide zur gleichen Zeit, gingen zur gleichen Zeit schlafen und standen zur gleichen Zeit wieder auf. Sie gingen immer recht früh zu Bett, die beiden, denn Lorenzo hatte, zum Beispiel, nicht einmal einen Fernseher.
„Das ist Teufelszeug!“
beteuerte er immer wieder (und vielleicht hatte er auch gar nicht so Unrecht!); er hatte nur ein altes Radio, um die geliebten Fußballspiele zu hören. Er war ein Fan von Inter Mailand und, ehrlich gesagt, trotz seiner Abneigung gegen jede Technologie, versäumte er es selten, am Sonntag Nachmittag gemeinsam mit den wenigen restlichen Nachbarn, die sich zu diesen Gelegenheiten vollzählig in der Bar einfanden, die Spiele im Fernsehen zu verfolgen und zu diskutieren. Aber er war nicht nur Tifoso von Inter, sondern ganz besonders von einem großartigen Spieler: und zwar von Mariolino Corso. Nicht nur, dass er sein treuester Fan war, er war auch bereit jede Wette auf ihn zu setzten, denn er behauptete, er sei der beste Spieler der Welt und er würde mindestens ein Tor an jedem Sonntag in den Kasten donnern. Aber fast jedesmal musste Lorenzo am Ende blechen!
Mit dem festen Vorsatz, heute wirklich nicht, wie so oft, zu spät zur Messe zu erscheinen, machte er sich auf den Weg: ein kleines Männchen, gerade mal einen Meter und fünfundfünfzig hoch, mit wenigen grauen Haaren unter dem alten Filzhut versteckt, aber mit glatt rasiertem Kinn (er rasierte sich immer, wenn er zur Messe ging), klobige Arbeitsschuhe – natürlich ordentlich geputzt - und ein Wanderstock aus Rotem Hartriegel, von dem später noch die Rede sein wird. Also, eine Art Waldgnom sozusagen. Er machte sich also zeitig, mindestens eine Stunde früher als gewöhnlich, auf den Weg.
„So kann ich trotzdem den herrlichen Frühlingstag genießen und alles, was mich interessiert, in Ruhe betrachten.“
Schon nach wenigen Minuten jedoch verlangsamte sich sein Schritt und er fiel in sein gewohntes Tempo, das heißt, er blieb immer wieder stehen, um, hier eine Blume, dort ein Insekt, zu beobachten. Er war wirklich ein Naturfreund, dieser Straocchio. Sein Blick schweifte versonnen über die Hügel, die Wälder und die Wiesen. Er konnte sich niemals daran satt sehen: das frische, leuchtende Grün der jungen Blätter im Kontrast zu den schneeweiß bedeckten Bergen am Horizont. Hunderte von wilden Orchideen säumten den schmalen Pfad der nun am Rande eines alten, vergessenen Obstgartens entlang führte, wo das Gesumme fleißiger Insekten, auf der Suche nach Nektar, nur noch vom Gezanke zahlreicher Spatzen übertönt wurde, die ihrerseits auf der Suche nach einem „Frühstück auf Insektenbasis“ waren. Lorenzo blieb ein Weilchen stehen, um den unbestellten Obsthain zu betrachten und dachte an die alten Zeiten, als dieser noch mit viel Mühe und Liebe bearbeitet wurde und jedes Jahr üppig Früchte trug. Der kleine Pfad führte nun steil nach unten und Lorenzo betrat den Wald, der ruhig und still die Talsohle ausfüllte. Die dunklen Kiefern glitzerten im ersten Sonnenlicht, das nun auch bis hier hinunterreichte. Tausende von winzigen Wassertröpfchen schimmerten wie eine fantastische Weihnachtsdekoration. In allen Farben brach sich das Licht und verzauberte den Wald. Plötzlich erinnerte er sich an einen solchen Morgen, viele, viele Jahre waren inzwischen vergangen, als er und sein bester Freund Alberto eben dieses Naturschauspiel bewunderten.
„Sag' mal, Straocchio,“ hatte Alberto damals begeistert vorgeschlagen, „wollen wir nicht ein paar von diesen Zweigen mitnehmen, um an Weihnachten unsere Stuben zu schmücken?“
Wie hatte Straocchio damals über seinen Freund gelacht! Allen, aber auch allen, hatte er es erzählt. Ob das wirklich nett von ihm war?
Doch sofort erholte er sich von der Selbstkritik und sah sich, erstaunt den Kopf schüttelnd, um: kein einziges Tier war zu sehen! Kein Reh, nicht mal ein Hase, nur hier und da die Spur eines Wildschweins, dass sich in der vergangenen Nacht wohl in einem Schlammloch gesuhlt hatte, das vom starken Regen der letzten Tage zurück geblieben war. Und tatsächlich, nicht weit entfernt sah Lorenzo dann auch einen dicken, alten Baum, dessen Stamm ganz deutlich die Spuren trug, die das Tier hinterlassen hatte als es sich daran geschrubbert hatte. Aber da, plötzlich, tauchte aus dem Nichts ein kräftiges rotbraunes Eichhörnchen auf, um dann, von einem Ast zum anderen schwingend, zwischen den jungen grünen Blättern einer alten Kastanie wieder zu verschwinden.
„Heh, du, Haselnussräuber, hast wohl die Jagdsaison glücklich überlebt, was?“
brummte Lorenzo, wenn er auch, im Grunde seines Herzens, froh war, endlich einen der geliebten Waldbewohner zu Gesicht bekommen zu haben. Denn, auch wenn diese niedlichen rotbraunen Nager schon seit langem unter Naturschutz standen, waren es doch wenige der sogenannten „Jäger“, die auf diesen kulinarischen Leckerbissen verzichtet hätten, der doch in vergangenen Zeiten auf der täglichen Speisekarte der Bauern gestanden hatte. Und, zugegeben, auch er, früher, als noch reichlich Wild in den Wäldern lebte, schulterte gern jeden Sonntag auf dem Weg zur Messe seine alte Beretta, auf die er sehr, sehr stolz war. Um die Wahrheit zu sagen: fast alle seiner Freunde boten immer wieder und immer mehr Geld um sie ihm abzukaufen, weil auch sie überzeugt waren, dass dies das beste Gewehr war. Aber er blieb immer unbeeindruckt, nicht zuletzt, weil er es nicht nötig hatte. Geld hatte er ja genug! Also, er schulterte früher immer seine Barette und auf dem Weg zur Kirche besorgte er sich gleich den Sonntagsbraten. Und, um ehrlich zu sein, ein Eichhörnchen, das sich sein ganzes Leben lang nur von Beeren, Nüssen und Kastanien ernährt, ist eine echte Delikatesse für die man auch heute noch etwas riskieren könnte. – Wer weiß, vielleicht nächsten Sonntag? Er könnte ja, wie in alten Zeiten, das Gewehr in dem hohlen Stamm der riesigen, alten Kastanie verstecken. „Dort kommt sowieso niemand vorbei, die Jagdsaison ist schon zu ende und spazieren geht auch niemand mehr,“ dachte Lorenzo.
