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Die 'Studien über Hysterie' von Sigmund Freud und Josef Breuer markieren einen Wendepunkt in der Auffassung psychologischer Erkrankungen und leiten die Anfänge der Psychoanalyse ein. Dieses Werk vereint Fallstudien und theoretische Abhandlungen, die einen tiefgreifenden Einblick in die Natur der Hysterie bieten und dabei sowohl medizinische als auch psychologische Perspektiven beleuchten. Die Sammlung zeichnet sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Unbewussten in der psychischen Gesundheit aus und hat die Grundlage für moderne psychotherapeutische Methoden geschaffen. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, und Josef Breuer, ein renommierter Physiologe und Psychologe, brachten ihre jeweiligen Fachkenntnisse ein, um die komplexe Dynamik psychischer Störungen zu entschlüsseln. Ihre Zusammenarbeit war fundamental für die Entwicklung neuer Verständnisse psychischer Prozesse und stellte etablierte Konzepte der Psychiatrie und Neurologie infrage. Dieses bahnbrechende Werk reflektiert die wissenschaftliche und kulturelle Milieu der Zeit und bot einen neuen Rahmen für das Verständnis menschlicher Emotionen und ihrer Auswirkungen auf das Verhalten. 'Die Studien über Hysterie' sind essenziell für jedermann, der sich für die Ursprünge der Psychoanalyse, deren Methoden und deren revolutionären Impact auf die Behandlung psychischer Störungen interessiert. Die Sammlung bietet eine fesselnde Lektüre, die nicht nur Bildungswerte, sondern auch tiefe Einblicke in menschliches Verhalten und seine pathologischen Ausprägungen gewährt. Leser werden eingeladen, die komplexe Beziehung zwischen Arzt und Patient sowie die therapeutische Kraft der Sprache und des Dialogs zu erforschen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 525
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Im Spannungsfeld zwischen körperlichem Symptom und verborgener seelischer Erfahrung tastet dieses Buch nach einer neuen Sprache des Leidens. Studien über Hysterie, verfasst von Josef Breuer und Sigmund Freud, erschien 1895 und gilt als ein frühes Fundament der späteren Psychoanalyse. Das Werk bewegt sich im Genre der medizinisch-psychologischen Fallstudie und ist im intellektuellen Klima des Wiener Fin de Siècle verankert, mit Blick auf klinische Praxen in Mitteleuropa. Breuer und Freud verbinden sorgfältige Beobachtung mit theoretischer Rahmung und eröffnen damit einen neuen Zugang zu Phänomenen, die damals als „hysterisch“ klassifiziert wurden. Ihre Darstellung zielt auf Nachvollziehbarkeit, ohne den Anspruch auf endgültige Gewissheiten zu erheben.
Ausgangspunkt sind Patientinnen und Patienten, deren Leiden sich medizinisch nicht hinreichend durch nachweisbare organische Befunde erklären lässt und die in merkwürdigen Symptombildern Ausdruck finden. Breuer und Freud dokumentieren diese Fälle in einer Stimme, die klinische Nüchternheit mit behutsamer Aufmerksamkeit für subjektive Erfahrungen verbindet. Das Leseerlebnis ist dadurch zweifach: einerseits protokollarisch und methodisch, andererseits erzählerisch, weil Lebensumstände und Beschwerden in zusammenhängenden Darstellungen entfaltet werden. Ohne Sensationslust, aber mit forschender Hartnäckigkeit wird die Frage verfolgt, wie seelische Konflikte körperlich werden können. So entsteht ein Text, der Beobachtung, Deutung und Zurückhaltung balanciert und Lesende in einen tastenden Erkenntnisprozess einlädt.
Formal gliedert sich das Buch in ausführliche Kasuistiken und anschließende theoretische Erörterungen, die Begriffe und Verfahren ordnen. Besonders hervor tritt die sogenannte kathartische Methode, die unter Einsatz von Hypnose und Erinnerungsarbeit versucht, die Entstehung einzelner Symptome nachzuvollziehen. Entscheidend ist dabei weniger ein spektakulärer Effekt als die feine Rekonstruktion von Zusammenhängen: wann Beschwerden auftreten, welche Situationen sie begleiten, welche verdrängten Affekte mitschwingen. Die Autoren machen transparent, wo ihre Beobachtungen sicheren Boden gewinnen und wo sie tastend bleiben, und schaffen so einen Rahmen, der Theorie an die Grenzen des empirisch Sichtbaren bindet.
Zentrale Themen sind Erinnerung, Affekt und Körper, vor allem die Frage, wie belastende Erfahrungen in andere Ausdrucksformen ausweichen können. Die Fallbeschreibungen arbeiten heraus, dass Symptome eine Art innerer Logik besitzen, die erst im Kontext persönlicher Lebensgeschichten lesbar wird. Damit verbindet sich eine frühe Theorie des Traumas, die nicht als abschließende Erklärung, sondern als heuristisches Werkzeug auftritt. Ebenso bedeutsam ist die Aufmerksamkeit für Zeitlichkeit: das Wiederkehren, das Aufschieben, das stockende Erzählen. Zwischen Beobachtung und Interpretation entfaltet sich eine Denkbewegung, die psychische Dynamik in ihrer Komplexität ernst nimmt, ohne ihr Rätsel vorschnell zu glätten.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch bedeutsam, weil es Grundfragen der Psychotherapie in einer frühen, ungeschönten Form verhandelt: Was heißt es, einem Symptom zuzuhören? Welche Rolle spielen Erzählbarkeit und Beziehung in der Behandlung? Zugleich zeigt der historische Kontext eine kritische Rückseite: die damaligen Geschlechterzuschreibungen und die Gefahr der Suggestion, die Breuer und Freud selbst reflektieren und methodisch zu begrenzen versuchen. Gerade diese Spannung zwischen bahnbrechender Öffnung und problematischer Rahmung macht die Lektüre produktiv. Sie schärft den Blick für gegenwärtige Debatten über Trauma, somatische Marker, therapeutische Allianz und die Verantwortung, Hypothesen immer wieder an Erfahrung rückzubinden.
Stilistisch begegnet man einer Prosa, die das späte 19. Jahrhundert erkennen lässt: terminologisch präzise, mit ausgreifenden Sätzen, zugleich durch anschauliche Beobachtungen geerdet. Die Doppelautorschaft erzeugt Nuancen im Ton, wenn klinische Notizen mit theoretischer Systematik kontrastieren. Wer liest, bewegt sich zwischen Krankenakte, Werkstattbericht und Essay, ohne dass die Ebenen sich vollständig verschmelzen. Dieses Changieren verleiht dem Text eine besondere Spannung, denn der Erkenntnisweg bleibt sichtbar. Das Buch fordert konzentrierte Lektüre und belohnt mit dem Blick in ein Denken im Entstehen, das seine eigenen Voraussetzungen prüft und methodische Konsequenzen mit vorsichtiger Konsequenz zieht.
Studien über Hysterie ist damit weniger ein abgeschlossener Kanon als eine Einladung zum Mitdenken über die Beziehung von Körper, Erinnerung und Sprache. Wer sich darauf einlässt, erhält einen historisch klar situierten, dennoch erstaunlich gegenwärtigen Ausgangspunkt, um die Entwicklung psychodynamischer Konzepte und die Ethik klinischer Begegnung nachzuzeichnen. Ohne Details der Fälle vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass das Buch seine Leserinnen und Leser nicht mit fertigen Antworten, sondern mit präzise formulierten Fragen versorgt. In dieser Haltung liegt seine anhaltende Aktualität: die Bereitschaft, das Unverstandene ernst zu nehmen und methodisch verantwortet zu erkunden.
Studien über Hysterie, 1895 gemeinsam von Josef Breuer und Sigmund Freud veröffentlicht, verbindet klinische Beobachtung mit einer neuartigen psychologischen Erklärung hysterischer Symptome. Das Werk wendet sich an zeitgenössische Medizin und Psychiatrie und stellt Hysterie nicht primär als organisches Defizit, sondern als psychogenes Geschehen dar. Es gliedert sich in eine einleitende theoretische Mitteilung, mehrere ausführliche Fallgeschichten und abschließende Überlegungen zur Behandlung. Leitend ist die Frage, wie seelische Erlebnisse körperliche Symptome hervorbringen können und unter welchen Bedingungen therapeutisches Verstehen diese Symptome beeinflusst. Damit markiert das Buch den Übergang von neurologischer Beschreibung zu dynamischer Psychologie.
In der vorangestellten Mitteilung formulieren die Autoren eine Grundthese: Hysterische Phänomene entstehen, wenn belastende Erlebnisse nicht ausreichend psychisch verarbeitet werden und der gebundene Affekt sich in körperliche Zeichen umsetzt. Symptome gelten als sinnhafte, wenn auch verschlüsselte, Folgen konkreter Erlebnisse. Methodisch wird gefordert, die einzelnen Symptome bis zu den auslösenden Situationen zurückzuverfolgen und den zugehörigen Affekt zur Entladung zu bringen. Hypnose dient hier zunächst als Hilfsmittel, um Erinnerungen zugänglich zu machen. Daraus ergibt sich eine klare Behandlungslogik: Aufdeckung, Verknüpfung, emotionale Durcharbeitung und daraus folgende Symptomveränderung.
Breuers umfangreiche Fallgeschichte einer unter einem Pseudonym geführten Patientin zeigt exemplarisch, wie systematisches Erzählen und Erinnern zu einzelnen Symptomen führt und diese in der Therapie modifiziert. Schrittweise werden traumatische Szenen und ihre affektive Ladung rekonstruiert, um die Entstehungsbedingungen körperlicher Zeichen nachvollziehbar zu machen. Das Fallmaterial betont die Bedeutung von Situationsketten, nächtlichen Zuständen veränderter Wachheit und der genauen zeitlichen Zuordnung von Auslösern. Ohne die späteren Entwicklungen vorwegzunehmen, stützt diese Darstellung die Hypothese, dass sprachliche Bearbeitung unintegrierter Erlebnisse eine lindernde Wirkung hat, und unterstreicht den Stellenwert eines strukturierten, geduldigen therapeutischen Vorgehens.
Freuds eigene Fallstudien erweitern den methodischen Rahmen und variieren die Technik. Neben der Hypnose nutzt er etwa Drucktechniken und fördert freiere Assoziationen, um Erinnerungsfolgen zugänglich zu machen. In den unter Pseudonymen publizierten Fällen werden unterschiedliche Beschwerdebilder und biografische Konstellationen gezeigt, die jeweils spezifische Auslöser, Affekte und Konflikte sichtbar machen. Freud betont wiederholt, dass Symptome mehrfach bestimmt sind und in symbolischer Beziehung zu prägenden Erlebnissen stehen. Zugleich treten Hindernisse der Erinnerung, Umgehungen und Widerstände hervor, die eine engere therapeutische Mitarbeit erfordern und die reine Suggestion als unzureichend erscheinen lassen.
Aus den klinischen Beobachtungen leiten die Autoren zentrale Begriffe ab: Widerstand als aktive Kraft gegen das Erinnern, Überdeterminierung als Mehrfachursächlichkeit von Symptomen sowie die Notwendigkeit affektiver Entladung und gedanklicher Verknüpfung. Erste Hinweise auf ein besonderes Beziehungsgeschehen zwischen Patientin oder Patient und Behandelnden werden benannt, ohne bereits eine ausgearbeitete Theorie daraus zu machen. Technisch rücken Ausdauer, Genauigkeit und ein möglichst störungsfreies Setting in den Vordergrund, während die Grenzen der Hypnose sichtbar werden. Die Fallanalysen zielen damit auf eine methodisch kontrollierte, nachvollziehbare Herleitung psychischer Ursachen anstelle bloßer Klassifikation.
Im theoretischen Ausblick verdichtet sich die Leitidee: Hysterie wird als sinnhaftes, wenn auch unbewusst organisiertes seelisches Geschehen beschrieben, dessen körperliche Zeichen einer psychischen Logik folgen. Breuer bleibt dabei eher vorsichtig und physiologisch anschlussfähig, während Freud stärker die Dynamik innerer Konflikte betont und die Relevanz biografischer Verletzungen unterstreicht. Differenzen in Gewichtung und Begründung zeichnen sich ab, ohne im Band programmartig entschieden zu werden. Gemeinsam ist die Forderung nach einer Psychotherapie, die die individuellen Bestimmungsgründe ernst nimmt, statt Symptome isoliert zu bekämpfen. Damit verschiebt sich der Fokus von äußerer Beschreibung zu innerem Zusammenhang.
Die nachhaltige Wirkung des Buches liegt in der Begründung eines klinischen Denkstils, der die Geschichte, Affekte und Konflikte der Patientinnen und Patienten ins Zentrum rückt. Studien über Hysterie etabliert Fallgeschichte und methodische Rekonstruktion als wissenschaftliche Werkzeuge und eröffnet den Weg zu späteren psychoanalytischen Konzepten. Zugleich relativiert das Werk rein organische Erklärungen, ohne die somatische Dimension zu leugnen. Seine übergeordnete Aussage bleibt: Körperliche Symptome können Ausdruck seelischer Zusammenhänge sein, die durch sorgfältiges Verstehen und dialogische Bearbeitung veränderbar werden. Diese Einsicht prägt bis heute Psychotherapie und psychosomatisches Denken.
Die Studien über Hysterie erschienen 1895 bei Franz Deuticke in Leipzig und Wien, verfasst von Josef Breuer und Sigmund Freud, die beide in Wien praktizierten. Der unmittelbare Kontext war die spätkaiserzeitliche Medizinlandschaft der Habsmonarchie, geprägt von der Universität Wien und dem Allgemeinen Krankenhaus. Wichtige Bezugsorte waren zudem das Physiologische Institut Ernst Brückes sowie die Psychiatrische Klinik unter Theodor Meynert. International wirkten Jean-Martin Charcots Lehrtätigkeit an der Pariser Salpêtrière und die Suggestionstheorie der École de Nancy um Hippolyte Bernheim als Leitsterne. Zwischen diesen Institutionen zirkulierten Methoden wie Hypnose, systematische Fallbeobachtung und klinische Demonstration, die den Rahmen des Buches vorgaben.
Im späten 19. Jahrhundert verschob sich die Deutung der Hysterie von alten leiblich-gynäkologischen Vorstellungen hin zu neurologischen und psychologischen Modellen. Charcot popularisierte eine klinische Nosologie der Hysterie und setzte Hypnose zu Demonstrations- und Diagnosezwecken ein; seine Vorführungen und Bildserien prägten die europäische Fachwelt. Gleichzeitig betonte die Nancy-Schule die Rolle der Suggestion und Alltags-Hypnose. In den deutschsprachigen Ländern etablierten sich Neurologie und Psychiatrie als eigenständige Fächer, während Diagnosen wie Neurasthenie und Hysterie gesellschaftliche Debatten über Nervosität anfachten. Diese Konstellation schuf den intellektuellen Raum, in dem Breuer und Freud psychische Mechanismen hysterischer Symptome als zentrale Fragestellung formulierten.
Freud hatte Medizin an der Universität Wien studiert, arbeitete im Labor Ernst Brückes und absolvierte ab 1882 klinische Stationen am Allgemeinen Krankenhaus. 1885/86 erhielt er ein Stipendium für die Salpêtrière, wo er Charcots klinische Demonstrationen verfolgte. Zurück in Wien übersetzte er Charcots Vorlesungen ins Deutsche und machte die Lehren der Nancy-Schule bekannt. Parallel publizierte er neurologische Arbeiten und wandte hypnotische Verfahren therapeutisch an. Die Zusammenarbeit mit Breuer mündete 1893/95 in gemeinsame Aufsätze über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene, die den Band vorbereiteten. Damit verbanden sie experimentelle, klinische und sprachliche Zugänge, die zuvor in getrennten Traditionen gepflegt worden waren.
Josef Breuer war ein erfahrener Wiener Arzt und Physiologe; zusammen mit Ewald Hering beschrieb er 1868 den Hering–Breuer-Reflex der Atemregulation. In den Jahren 1880–1882 behandelte er die Patientin, die in den Studien über Hysterie als Anna O. erscheint. Im Verlauf dieser Behandlung entstand die sogenannte kathartische Methode, bei der unter Hypnose affektgeladene Erinnerungen wiedererlebt und abgereagiert wurden; die Patientin prägte dafür die Bezeichnungen talking cure und chimney sweeping. Breuers Fallbeschreibung und Freuds klinische Erfahrungen mit Hypnose bildeten die empirische Basis des Bandes, der Fallgeschichte und theoretische Reflexion systematisch miteinander verschränkte.
Der Band vereint fünf ausführliche Fallgeschichten mit einem theoretischen Teil. Unter Pseudonymen schildern die Autoren die Fälle Anna O. (Breuer) sowie Emmy von N., Katharina, Lucy R. und Elisabeth von R. (Freud). Methodisch stehen Hypnose und die kathartische Technik im Vordergrund; zentral sind Begriffe wie Abreagieren, Konversion und fixe Idee. Im theoretischen Teil beziehen sich Breuer und Freud auf zeitgenössische Arbeiten zu Dissoziation und doppeltem Bewusstsein, insbesondere auf Pierre Janet, und argumentieren für psychogene Ursachen hysterischer Symptome. Damit rücken sie Erinnerungen, Affekte und sprachliche Formulierungen als therapeutisch relevante Größen ins Zentrum der Krankenbehandlung.
Die Studien spiegeln auch die soziale Realität einer bürgerlichen, urbanen Patientenklientel im Fin de Siècle. Hysterie wurde in Statistiken und Fallberichten überwiegend Frauen zugeschrieben, auch wenn die Autoren männliche Fälle diskutierten. Die ausführlichen, wörtlich wiedergegebenen Patientenäußerungen verliehen Betroffenen eine ungewohnt prominente Stimme innerhalb der medizinischen Literatur. Die unter dem Pseudonym Anna O. dargestellte Patientin wurde später durch Forschung als Bertha Pappenheim identifiziert; sie wurde eine bedeutende Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin. Damit verknüpft der Band klinische Beobachtung mit zeitgenössischen Debatten über Geschlechterrollen, Moral und die Grenzen damals üblicher somatischer Therapien.
Die unmittelbare Rezeption war gemischt: Befürworter sahen einen innovativen Zugang zu schwer einzuordnenden Symptomen, Kritiker bemängelten die Abhängigkeit von Hypnose und die Suggestibilitätsproblematik. Innerhalb der Fachwelt blieben Prioritätsfragen gegenüber Janet umstritten. Freud entwickelte in den Folgejahren die Methode weiter, reduzierte die Hypnosepraxis und setzte auf freie Einfälle und Übertragung; die 1896 eingeführte Terminologie Psychoanalyse und die 1900 erschienene Traumdeutung bauten auf den Studien auf. In Wien warb Freud in einem kleinen Kreis von Kollegen um Anerkennung, bevor die neue Richtung international Resonanz fand und das Werk retrospektiv an Bedeutung gewann.
Als Zeitdokument kommentiert das Buch den Übergang von einer streng somatischen, laborzentrierten Medizin zu einer klinischen Psychologie, die Subjektivität ernst nimmt. Es zeigt, wie klinische Rituale, bildgebende Evidenz und Autorität an der Salpêtrière mit der Erzählbarkeit von Leidensgeschichten konkurrierten und kooperierten. Die Studien über Hysterie verbinden Protokoll, Theorie und therapeutische Intervention zu einem Modell, das die Moderne mit ihren Nervenkrankheiten, Geschlechterdebatten und Wissenschaftsidealen spiegelt. In dieser Doppelrolle – als klinischer Bericht und als Reflexion über die epistemischen Mittel der Zeit – wurde der Band zu einem Bezugspunkt späterer Debatten über Geist, Körper und Erinnerung.
Wir haben unsere Erfahrungen über eine neue Methode der Erforschung und Behandlung hysterischer Phänomene 1893 in einer „Vorläufigen Mittheilung"[1]veröffentlicht und daran in möglichster Knappheit die theoretischen Anschauungen geknüpft, zu denen wir gekommen waren. Diese „Vorläufige Mittheilung" wird hier, als die zu illustrirende und zu erweisende These, nochmals abgedruckt.
Wir schliessen nun hieran eine Reihe von Krankenbeobachtungen, bei deren Auswahl wir uns leider nicht bloss von wissenschaftlichen Rücksichten bestimmen lassen durften. Unsere Erfahrungen entstammen der Privatpraxis in einer gebildeten und lesenden Gesellschaftsclasse, und ihr Inhalt berührt vielfach das intimste Leben und Geschick unserer Kranken. Es wäre ein schwerer Vertrauensmissbrauch, solche Mittheilungen zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, dass die Kranken erkannt und Thatsachen in ihrem Kreise verbreitet werden, welche nur dem Arzte anvertraut wurden. Wir haben darum auf instructivste und beweiskräftigste Beobachtungen verzichten müssen. Dieses betrifft naturgemäss vor allem jene Fälle, in denen die sexualen und ehelichen Verhältnisse ätiologische Bedeutung haben. Daher kommt es, dass wir nur sehr unvollständig den Beweis für unsere Anschauung erbringen können: die Sexualität spiele als Quelle psychischer Traumen und als Motiv der „Abwehr", der Verdrängung von Vorstellungen aus dem Bewusstsein, eine Hauptrolle in der Pathogenese der Hysterie. Wir mussten eben die stark sexualen Beobachtungen von der Veröffentlichung ausschliessen.
Den Krankengeschichten folgt eine Reihe theoretischer Erörterungen, und in einem therapeutischen Schlusscapitel wird die Technik der„ kathartischen Methode“ dargelegt, sowie sie sich in der Hand des Neurologen entwickelt hat.
Wenn an manchen Stellen verschiedene, ja sich widersprechende Meinungen vertreten werden, so möge das nicht als ein Schwanken der Auffassung betrachtet werden. Es entspringt den natürlichen und berechtigten Meinungsverschiedenheiten zweier Beobachter, die bezüglich der Thatsachen und der Grundanschauungen übereinstimmen, deren Deutungen und Vermuthungen aber nicht immer zusammenfallen.
April 1895.
1 Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Neurologisches Centralblatt 1893, Nr. 1 und 2.
(Vorläufige Mittheilung.)
Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.
Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose[1] die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf’s Deutlichste und Ueberzeugendste darzulegen.
Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll erscheinen.
In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das accidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei „traumatischer“ Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen Phänomenen.
Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, dass die verschiedensten Symptome, welche für spontane, sozusagen idiopathische Leistungen der Hysterie gelten, in ebenso stringentem Zusammenhang mit dem veranlassenden Trauma stehen, wie die oben genannten, in dieser Beziehung durchsichtigen Phänomene. Wir haben Neuralgien wie Anästhesien der verschiedensten Art und von oft jahrelanger Dauer, Contracturen und Lähmungen, hysterische Anfälle und epileptoide Convulsionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie gehalten hatten, Petit mal und tikartige Affectionen, dauerndes Erbrechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die verschiedensten Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichtshallucinationen u. dgl. mehr auf solche veranlassende Momente zurückführen können. Das Missverhältniss zwischen dem jahrelang dauernden hysterischen Symptom und der einmaligen Veranlassung ist dasselbe, wie wir es bei der traumatischen Neurose regelmässig zu sehen gewohnt sind; ganz häufig sind es Ereignisse aus der Kinderzeit, die für alle folgenden Jahre ein mehr minder schweres Krankheitsphänomen hergestellt haben.
Oft ist der Zusammenhang so klar, dass es vollständig ersichtlich ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und kein anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die Veranlassung in völlig klarer Weise determinirt. So, um das banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affect, der während des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann Uebelkeit und Erbrechen erzeugt und dieses als hysterisches Erbrechen monatelang andauert. Ein Mädchen, das in qualvoller Angst an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmerzustand und hat eine schreckhafte Hallucination, während ihr der rechte Arm, über der Sessellehne hängend, einschläft; es entwickelt sich daraus eine Parese dieses Armes mit Contractur und Anästhesie. Sie will beten und findet keine Worte; endlich gelingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. Als sich später eine schwere, höchst complicirte Hysterie entwickelt, spricht, schreibt und versteht sie nur englisch, während ihr die Muttersprache durch 1½ Jahre unverständlich ist. – Ein schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, die Mutter spannt alle Willenskraft an, um sich ruhig zu verhalten, und es nicht zu wecken; gerade in Folge dieses Vorsatzes macht sie („hysterischer Gegenwille“!) ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später bei einer anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut ruhig verhalten will, und es entwickelt sich daraus ein Tik, der als Zungenschnalzen durch viele Jahre jede Aufregung begleitet. – Ein hochintelligenter Mann assistirt, während seinem Bruder das ankylosirte Hüftgelenk in der Narkose gestreckt wird. Im Augenblick, wo das Gelenk krachend nachgibt, empfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüftgelenk, der fast 1 Jahr andauert u. dgl. mehr.
In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so einfach; es besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phänomen, wie der Gesunde sie wohl auch im Traume bildet; wenn etwa zu seelischem Schmerze sich eine Neuralgie gesellt, oder Erbrechen zu dem Affect moralischen Ekels. Wir haben Kranke studirt, welche von einer solchen Symbolisirung den ausgiebigsten Gebrauch zu machen pflegten. – In noch anderen Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem Verständniss offen; hieher gehören gerade die typischen hysterischen Symptome, wie Hemianästhesie und Gesichtsfeldeinengung, epileptiforme Convulsionen u. dgl. Die Darlegung unserer Anschauungen über diese Gruppe müssen wir der ausführlicheren Besprechung des Gegenstandes vorbehalten.
Solche Beobachtungen scheinen uns die pathogene Analogie der gewöhnlichen Hysterie mit der traumatischen Neurose nachzuweisen und eine Ausdehnung des Begriffes der „traumatischen Hysterie“ zu rechtfertigen. Bei der traumatischen Neurose ist ja nicht die geringfügige körperliche Verletzung die wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreckaffect, das psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich aus unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die meisten hysterischen Symptome Anlässe, die man als psychische Traumen bezeichnen muss. Als solches kann jedes Erlebniss wirken, welches die peinlichen Affecte des Schreckens, der Angst, der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft, und es hängt begreiflicher Weise von der Empfindlichkeit des betroffenen Menschen (sowie von einer später zu erwähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebniss als Trauma zur Geltung kommt. Nicht selten finden sich anstatt des einen grossen Traumas bei der gewöhnlichen Hysterie mehrere Partialtraumen, gruppirte Anlässe, die erst in ihrer Summirung traumatische Wirkung äussern konnten, und die insofern zusammengehören, als sie zum Theil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch anderen Fällen sind es an sich scheinbar gleichgiltige Umstände, die durch ihr Zusammentreffen mit dem eigentlich wirksamen Ereigniss oder mit einem Zeitpunkt besonderer Reizbarkeit eine Dignität als Traumen gewonnen haben, die ihnen sonst nicht zuzumuthen wäre, die sie aber von da an behalten.
Aber der causale Zusammenhang des veranlassenden psychischen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist nicht etwa von der Art, dass das Trauma als Agent provocateur das Symptom auslösen würde, welches dann, selbstständig geworden, weiter bestände. Wir müssen vielmehr behaupten, dass das psychische Trauma, resp. die Erinnerung an dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss, und wir sehen den Beweis hierfür in einem höchst merkwürdigem Phänomen, welches zugleich unseren Befunden ein bedeutendes praktisches Interesse verschafft.
Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer grössten Ueberraschung, dass die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affect wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affect Worte gab. Affectloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos; der psychische Process, der ursprünglich abgelaufen war, muss so lebhaft als möglich wiederholt, in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen“ werden. Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen handelt, diese: Krämpfe, Neuralgien, Hallucinationen – noch einmal in voller Intensität auf und schwinden dann für immer. Functionsausfälle, Lähmungen und Anästhesien schwinden ebenso, natürlich ohne dass ihre momentane Steigerung deutlich wäre.[2]
Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine unbeabsichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die Procedur von seinem Leiden befreit zu werden, und diese Erwartung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende Factor. Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, bei welcher ein höchst verwickelter Fall von Hysterie auf solche Weise analysirt und die gesondert verursachten Symptome auch gesondert behoben wurden, stammt aus dem Jahre 1881, also aus „vorsuggestiver“ Zeit, wurde durch spontane Autohypnosen der Kranken ermöglicht und bereitete dem Beobachter die grösste Ueberraschung.
In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus, dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schliessen: der veranlassende Vorgang wirke in irgend einer Weise noch nach Jahren fort, nicht indirect durch Vermittelung einer Kette von causalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ursache, wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die Thränensecretion hervorruft: der Hysterische leide grösstentheils an Reminiscenzen.[3]
Es erscheint zunächst wunderlich, dass längst vergangene Erlebnisse so intensiv wirken sollen; dass die Erinnerungen an sie nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle unsere Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen wir durch folgende Erwägungen einiges Verständniss für diese Thatsachen.
Das Verblassen oder Affectloswerden einer Erinnerung hängt von mehreren Factoren ab[1q]. Vor allem ist dafür von Wichtigkeit, ob auf das afficirende Ereigniss energisch reagirt wurde oder nicht. Wir verstehen hier unter Reaction die ganze Reihe willkürlicher und unwillkürlicher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäss die Affecte entladen: vom Weinen bis zum Racheact. Erfolgt diese Reaction in genügendem Ausmaass, so schwindet dadurch ein grosser Theil des Affectes; unsere Sprache bezeugt diese Thatsache der täglichen Beobachtung durch die Ausdrücke „sich austoben, ausweinen“ u. dgl. Wird die Reaction unterdrückt, so bleibt der Affect mit der Erinnerung verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte, wird anders errinnert als eine, die hingenommen werden musste. Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psychischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst charakteristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden als „Kränkung“. – Die Reaction des Geschädigten auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig „kathartische“ Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaction ist, wie die Rache. Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die That, mit dessen Hilfe der Affect nahezu ebenso „abreagirt“ werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaction durch That, Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst die affective Betonung.
Das „Abreagiren“ ist indess nicht die einzige Art der Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus des Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn sie nicht abreagirt wurde, in den grossen Complex der Association ein, sie rangirt dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Correctur durch andere Vorstellungen. Nach einem Unfall z. B. gesellt sich zu der Erinnerung an die Gefahr und zu der (abgeschwächten) Wiederholung des Schreckens die Erinnerung des weiteren Verlaufes, der Rettung, das Bewusstsein der jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an eine Kränkung wird corrigirt durch Richtigstellung der Thatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen, durch Leistungen der Association den begleitenden Affect zum Verschwinden zu bringen.
Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Eindrücke, jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „vergessen“ nennen und das vor allem die affectiv nicht mehr wirksamen Vorstellungen usurirt.
Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, dass jene Erinnerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer vollen Affectbetonung durch lange Zeit erhalten haben. Wir müssen aber als eine weitere auffällige und späterhin verwerthbare Thatsache erwähnen, dass die Kranken nicht etwa über diese Erinnerungen wie über andere ihres Lebens verfügen. Im Gegentheile, diese Erlebnisse fehlen dem Gedächtniss der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande völlig oder sind nur höchst summarisch darin vorhanden. Erst wenn man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Geschehnisse ein.
So reproducirte eine unserer Kranken in der Hypnose ein halbes Jahr hindurch mit hallucinatorischer Lebhaftigkeit alles, was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen Jahres (während einer acuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr unbekanntes Tagebuch der Mutter bezeugte die tadellose Richtigkeit der Reproduction. Eine andere Kranke durchlebte theils in der Hypnose, theils in spontanen Anfällen mit hallucinatorischer Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor 10 Jahren durchgemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis zum Momente des Wiederauftauchens grösstentheils amnestisch gewesen war. Auch einzelne ätiologisch wichtige Erinnerungen von 15–25 jährigem Bestande erwiesen sich bei ihr von erstaunlicher Intactheit und sinnlicher Stärke und wirkten bei ihrer Wiederkehr mit der vollen Affectkraft neuer Erlebnisse.
Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, dass diese Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur Usur eine Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich nämlich, dass diese Erinnerungen Traumen entsprechen, welche nicht genügend „abreagirt“ worden sind, und bei näherem Eingehen auf die Gründe, welche dieses verhindert haben, können wir mindestens zwei Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen die Reaction auf das Trauma unterblieben ist.
Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die Kranken auf psychische Traumen nicht reagirt haben, weil die Natur des Traumas eine Reaction ausschloss, wie beim unersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, oder weil die socialen Verhältnisse eine Reaction unmöglich machten, oder weil es sich um Dinge handelte, die der Kranke vergessen wollte, die er darum absichtlich aus seinem bewussten Denken verdrängte, hemmte und unterdrückte. Gerade solche peinliche Dinge findet man dann in der Hypnose als Grundlage hysterischer Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Kinder).
Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den Inhalt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen Zustände bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse beim Kranken zusammengetroffen haben. Als Veranlassung hysterischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose auch Vorstellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, ihre Erhaltung dem Umstande danken, dass sie in schweren lähmenden Affecten, wie z. B. Schreck, entstanden sind, oder direct in abnormen psychischen Zuständen wie im halbhypnotischen Dämmerzustand des Wachträumens, in Autohypnosen u. dgl. Hier ist es die Natur dieser Zustände, welche eine Reaction auf das Geschehniss unmöglich machte.
Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammentreffen und treffen in der That oftmals zusammen. Dies ist der Fall, wenn ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand von schwerem lähmendem Affect oder von verändertem Bewusstsein fällt; es scheint aber auch so zuzugehen, dass durch das psychische Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen Zustände hervorgerufen wird, welcher dann seinerseits die Reaction unmöglich macht.
Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, dass die nicht durch Reaction erledigten psychischen Traumen auch der Erledigung durch associative Verarbeitung entbehren müssen. In der ersten Gruppe ist es der Vorsatz der Kranken, welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und dieselben somit möglichst von der Association ausschliesst, in der zweiten Gruppe gelingt diese associative Verarbeitung darum nicht, weil zwischen dem normalen Bewusstseinszustand und den pathologischen, in denen diese Vorstellungen entstanden sind, eine ausgiebige associative Verknüpfung nicht besteht. Wir werden sofort Anlass haben, auf diese Verhältnisse weiter einzugehen.
Man darf also sagen, dass die pathogen gewordenen Vorstellungen sich darum so frisch und affectkräftig erhalten, weil ihnen die normale Usur durch Abreagiren und durch Reproduction in Zuständen ungehemmter Association versagt ist.
Als wir die Bedingungen mittheilten, welche nach unseren Erfahrungen dafür maassgebend sind, dass sich aus psychischen Traumen hysterische Phänomene entwickeln, mussten wir bereits von abnormen Zuständen des Bewusstseins sprechen, in denen solche pathogene Vorstellungen entstehen, und mussten die Thatsache hervorheben, dass die Erinnerung an das wirksame psychische Trauma nicht im normalen Gedächtniss des Kranken, sondern im Gedächtniss des Hypnotisirten zu finden ist. Je mehr wir uns nun mit diesen Phänomenen beschäftigten, desto sicherer wurde unsere Ueberzeugung, jene Spaltung des Bewusstseins, die bei den bekannten classischen Fällen als double conscience so auffällig ist, bestehe in rudimentärer Weise bei jeder Hysterie, die Neigung zu dieser Dissociation und damit zum Auftreten abnormer Bewusstseinszustände, die wir als „hypnoide“ zusammenfassen wollen, sei das Grundphänomen dieser Neurose. Wir treffen in dieser Anschauung mit Binet und den beiden JANET zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei Anästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt.
Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satz: „Die Hypnose ist arteficielle Hysterie“ einen anderen an die Seite stellen: Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoidon Zuständen. Diese hypnoiden Zustände stimmen bei aller Verschiedenheit unter einander und mit der Hypnose in dem einen Punkte überein, dass die in ihnen auftauchenden Vorstellungen sehr intensiv, aber von dem Associativverkehr mit dem übrigen Bewusstseinsinhalt abgesperrt sind. Unter einander sind diese hypnoiden Zustände associirbar, und deren Vorstellungsinhalt mag auf diesem Wege verschieden hohe Grade von psychischer Organisation erreichen. Im Uebrigen dürfte ja die Natur dieser Zustände und der Grad ihrer Abschliessung von den übrigen Bewusstseinsvorgängen in ähnlicher Weise variiren, wie wir es bei der Hypnose sehen, die sich von leichter Somnolenz bis zum Somnambulismus, von der vollen Erinnerung bis zur absoluten Amnesie erstreckt.
Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der manifesten Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem der Affect die pathogene Erinnerung mit ihren somatischen Folgeerscheinungen ansiedelt. Dies Verhalten entspricht der disponirten Hysterie. Es ergibt sich aber aus unseren Beobachtungen, dass ein schweres Trauma (wie das der traumatischen Neurose), eine mühevolle Unterdrückung (etwa des Sexualaffectes) auch bei dem sonst freien Menschen eine Abspaltung von Vorstellungsgruppen bewerkstelligen kann, und dies wäre der Mechanismus der psychisch acquirirten Hysterie. Zwischen den Extremen dieser beiden Formen muss man eine Reihe gelten lassen, innerhalb welcher die Leichtigkeit der Dissociation bei dem betreffenden Individuum und die Affektgrösse des Traumas in entgegengesetztem Sinne variiren.
Wir wissen nichts Neues darüber zu sagen, worin die disponirenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie entwickeln sich oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Gesunden so häufigen „Tagträumen“, zu dem z. B. die weiblichen Handarbeiten so viel Anlass bieten. Die Frage, wesshalb die „pathologischen Associationen“, die sich in solchen Zuständen bilden, so feste sind und die somatischen Vorgänge so viel stärker beeinflussen, als wir es sonst von Vorstellungen gewohnt sind, fällt zusammen mit dem Problem der Wirksamkeit hypnotischer Suggestionen überhaupt. Unsere Erfahrungen bringen hierüber nichts Neues, sie beleuchten dagegen den Widerspruch zwischen dem Satz: „Hysterie ist eine Psychose“, und der Thatsache, dass man unter den Hysterischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten und kritischsten Menschen finden kann. In diesen Fällen ist solche Charakteristik richtig für das wache Denken des Menschen, in seinen hypnoiden Zuständen ist er alienirt, wie wir es alle im Traum sind. Aber während unsere Traumpsychosen unseren Wachzustand nicht beeinflussen, ragen die Producte der hypnoiden Zustände als hysterische Phänomene in’s wache Leben hinein.
Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hysterischen Dauersymptome aufgestellt haben, können wir auch für die hysterischen Anfälle wiederholen. Wir besitzen, wie bekannt, eine von Charcot[2] gegebene schematische Beschreibung des „grossen“ hysterischen Anfalles, welcher zufolge ein vollständiger Anfall vier Phasen erkennen lässt, 1. die epileptoide, 2. die der grossen Bewegungen, 3. die der attitudes passionnelles (die hallucinatorische Phase), 4. die des abschliessenden Deliriums. Aus der Verkürzung und Verlängerung, dem Ausfall und der Isolirung der einzelnen Phasen lässt Charcot alle jene Formen des hysterischen Anfalles hervorgehen, die man thatsächlich häufiger als die vollständige grande attaque beobachtet.
Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die der attitudes passionelles an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, liegt in ihr die hallucinatorische Reproduction einer Erinnerung bloss, welche für den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, die Erinnerung an das eine grosse Trauma der κατ’ ἐξοχὴν[3] sogenannten traumatischen Hysterie oder an eine Reihe von zusammengehörigen Partialtraumen, wie sie der gemeinen Hysterie zu Grunde liegen. Oder endlich der Anfall bringt jene Geschehnisse wieder, welche durch ihr Zusammentreffen mit einem Moment besonderer Disposition zu Traumen erhoben worden sind.
Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus motorischen Phänomenen bestehen, denen eine phase passionelle fehlt. Gelingt es bei einem solchen Anfall von allgemeinen Zuckungen, kataleptischer Starre oder bei einer attaque de sommeil, sich während desselben in Rapport mit dem Kranken zu setzen, oder noch besser, gelingt es den Anfall in der Hypnose hervorzurufen, so findet man, dass auch hier die Erinnerung an das psychische Trauma oder an eine Reihe von Traumen zu Grunde liegt, die sich sonst in einer hallucinatorischen Phase auffällig macht. Ein kleines Mädchen leidet seit Jahren an Anfällen von allgemeinen Krämpfen, die man für epileptische halten könnte und auch gehalten hat. Sie wird zum Zwecke der Differentialdiagnose hypnotisirt und verfällt sofort in ihren Anfall. Befragt: Was siehst Du denn jetzt, antwortet sie aber: Der Hund, der Hund kommt, und wirklich ergibt sich, dass der erste Anfall dieser Art nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund aufgetreten war. Der Erfolg der Therapie vervollständigt dann die diagnostische Entscheidung.
Ein Angestellter, der in Folge einer Misshandlung von Seiten seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, in denen er zusammenstürzt, tobt und wüthet, ohne ein Wort zu sprechen oder eine Hallucination zu verrathen. Der Anfall lässt sich in der Hypnose provociren und der Kranke gibt nun an, dass er die Scene wiederdurchlebt, wie der Herr ihn auf der Strasse beschimpft und mit einem Stock schlägt. Wenige Tage später kommt er mit der Klage wieder, er habe denselben Anfall von Neuem gehabt, und diesmal ergibt sich in der Hypnose, dass er die Scene durchlebt hat, an die sich eigentlich der Ausbruch der Krankheit knüpfte; die Scene im Gerichtssaal, als es ihm nicht gelang, Satisfaction für die Misshandlung zu erreichen u. s. w.
Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Anfällen hervortreten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen auch in allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns als Gründe hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie diese betreffen sie psychische Traumen, die sich der Erledigung durch Abreagiren oder durch associative Denkarbeit entzogen haben; wie diese fehlen sie gänzlich oder mit ihren wesentlichen Bestandtheilen dem Erinnerungsvermögen des normalen Bewusstseins und zeigen sich als zugehörig zu dem Vorstellungsinhalt hypnoider Bewusstseinszustände mit eingeschränkter Association. Endlich gestatten sie auch die therapeutische Probe. Unsere Beobachtungen haben uns oftmals gelehrt, dass eine solche Erinnerung, die bis dahin Anfälle provocirt hatte, dazu unfähig wird, wenn man sie in der Hypnose zur Reaction und associativen Correctur bringt.
Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles lassen sich zum Theil als allgemeine Reactionsformen des die Erinnerung begleitenden Affectes (wie das Zappeln mit allen Gliedern, dessen sich bereits der Säugling bedient, zum Theil als directe Ausdrucksbewegungen dieser Erinnerung deuten) zum anderen Theil entziehen sie sich ebenso wie die hysterischen Stigmata bei den Dauersymptomen dieser Erklärung.
Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles ergibt sich noch, wenn man auf die vorhin angedeutete Theorie Rücksicht nimmt, dass bei der Hysterie in hypnoiden Zuständen entstandene Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die vom associativen Verkehr mit den übrigen ausgeschlossen, aber unter einander associirbar, ein mehr oder minder hoch organisirtes Rudiment eines zweiten Bewusstseins, einer condition seconde darstellen. Dann entspricht ein hysterisches Dauersymptom einem Hineinragen dieses zweiten Zustandes in die sonst vom normalen Bewusstsein beherrschte Körperinnervation, ein hysterischer Anfall zeugt aber von einer höheren Organisation dieses zweiten Zustandes und bedeutet, wenn er frisch entstanden ist, einen Moment, in dem sich dieses Hypnoidbewusstsein der gesammten Existenz bemächtigt hat, also einer acuten Hysterie; wenn es aber ein wiederkehrender Anfall ist, der eine Erinnerung enthält, einer Wiederkehr eines solchen. Charcot hat bereits den Gedanken ausgesprochen, dass der hysterische Anfall das Rudiment einer condition seconde sein dürfte. Während des Anfalles ist die Herrschaft über die gesammte Körperinnervation auf das hypnoide Bewusstsein übergegangen. Das normale Bewusstsein ist, wie bekannte Erfahrungen zeigen, dabei nicht immer völlig verdrängt, es kann selbst die motorischen Phänomene des Anfalles wahrnehmen, während die psychischen Vorgänge desselben seiner Kenntnissnahme entgehen.
Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist bekanntlich der, dass zunächst in hypnoiden Zuständen ein Vorstellungsinhalt gebildet wird, der dann, genügend angewachsen, sich während einer Zeit von „acuter Hysterie“ der Körperinnervation und der Existenz des Kranken bemächtigt, Dauersymptome und Anfälle schafft und dann bis auf Reste abheilt. Kann die normale Person die Herrschaft wieder übernehmen, so kehrt das, was von jenem hypnoiden Vorstellungsinhalt überlebt hat, in hysterischen Anfällen wieder und bringt die Person zeitweise wieder in ähnliche Zustände, die selbst wieder beeinflussbar und für Traumen aufnahmsfähig sind. Es stellt sich dann häufig eine Art von Gleichgewicht zwischen den psychischen Gruppen her, die in derselben Person vereinigt sind; Anfall und normales Leben gehen neben einander her, ohne einander zu beeinflussen. Der Anfall kommt dann spontan, wie auch bei uns die Erinnerungen zu kommen pflegen, er kann aber auch provocirt werden, wie jede Erinnerung nach den Gesetzen der Association zu erwecken ist. Die Provocation des Anfalles erfolgt entweder durch die Reizung einer hysterogenen Zone oder durch ein neues Erlebniss, welches durch Aehnlichkeit an das pathogene Erlebniss anklingt. Wir hoffen, zeigen zu können, das zwischen beiden anscheinend so verschiedenen Bedingungen ein wesentlicher Unterschied nicht besteht, dass in beiden Fällen an eine hyperästhetische Erinnerung gerührt wird. In anderen Fällen ist dieses Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall erscheint als Aeusserung des hypnoiden Bewusstseinsrestes, so oft die normale Person erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in solchen Fällen auch der Anfall, seiner ursprünglichen Bedeutung entkleidet, als inhaltslose motorische Reaction wiederkehren mag.
Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche Bedingungen dafür maassgebend sind, ob eine hysterische Individualität sich in Anfällen, in Dauersymptonen oder in einem Gemenge von beiden äussert.
Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dargelegte Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sie hebt die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagirten Vorstellung dadurch auf, dass sie dem eingeklemmten Affecte derselben den Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt sie zur associativen Correctur, indem sie dieselbe in’s normale Bewusstsein zieht (in leichterer Hypnose) oder durch ärztliche Suggestion aufhebt, wie es im Somnambulismus mit Amnesie geschieht.
Wir halten den therapeutischen Gewinn bei Anwendung dieses Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heilen wir nicht die Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten ja nichts gegen die Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch während des productiven Stadiums einer acuten Hysterie kann unser Verfahren nicht verhüten, dass die mühsam beseitigten Phänomene alsbald durch neue ersetzt werden. Ist aber dieses acute Stadium abgelaufen, und erübrigen noch die Reste desselben als hysterische Dauersymptome und Anfälle, so beseitigt unsere Methode dieselben häufig und für immer, weil radical, und scheint uns hierin die Wirksamkeit der directen suggestiven Aufhebung, wie sie jetzt von den Psychotherapeuten geübt wird, weit zu übertreffen.
Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der Bahn gemacht haben, die zuerst Charcot so erfolgreich mit der Erklärung und experimentellen Nachahmung hysterotraumatischer Lähmungen betreten hat, so verhehlen wir uns doch nicht, dass damit eben nur der Mechanismuss hysterischer Symptome und nicht die inneren Ursachen der Hysterie unserer Kenntniss näher gerückt worden sind. Wir haben die Aetiologie der Hysterie nur gestreift und eigentlich nur die Ursachen der acquirirten Formen, die Bedeutung des accidentellen Momentes für die Neurose beleuchten können.
Wien, December 1892.
1 Wiederabdruck aus dem „Neurologischen Centralblatt“,1893,Nr. 1 u. 2.
2Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und Binet klar erkannt, wie die beifolgenden Citate zeigen: Delboeuf, Le magnétisme animal. Paris 1889: „On s’expliquerait dès lors comment le magnétiseur aide à la guérison. Il remet le sujet dans l’état oû le mal s’est manifesté et combat par la parole le même mal, mais renaissant.“ – Binet, Les altérations de la personnalité. 1892. p. 243: „. . . peut-être verra-t-on qu’en reportant le malade par un artifice mental, au moment même où le symptôme a apparu pour la première fois, on rend ce malade plus docile à une suggestion curative.“ – In dem interessanten Buche von P. Janet: L’automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die Beschreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen durch Anwendung eines, dem unserigen analogen Verfahrens erzielt wurde.
3Wir können im Texte dieser vorläufigen Mittheilung nicht sondern, was am Inhalte derselben neu ist, und was sich bei anderen Autoren wie Moebius und Strümpell findet, die ähnliche Anschauungen für die Hysterie vertreten haben. Die grösste Annäherung an unsere theoretischen und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegentlich publicirten Bemerkungen Benedikt’s, mit denen wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden.
Frl. Anna O[4] …, zur Zeit der Erkrankung (1880) 21 Jahre alt, erscheint als neuropathisch mässig stark belastet durch einige in der grossen Familie vorgekommenen Psychosen; die Eltern sind nervös gesund. Sie selbst früher stets gesund, ohne irgend ein Nervosum während der Entwicklungsperiode; von bedeutender Intelligenz, erstaunlich scharfsinniger Combination und scharfsichtiger Intuition; ein kräftiger Intellect, der auch solide geistige Nahrung verdaut hätte und sie brauchte, nach Verlassen der Schule aber nicht erhielt. Reiche poetische und phantastische Begabung, controlirt durch sehr scharfen und kritischen Verstand. Dieser letztere machte sie auch völlig unsuggestibel; nur Argumente, nie Behauptungen hatten Einfluss auf sie. Ihr Wille war energisch, zäh und ausdauernd; manchmal zum Eigensinn gesteigert, der sein Ziel nur aus Güte, um Anderer willen, aufgab.
Zu den wesentlichsten Zügen des Charakters gehörte mitleidige Güte; die Pflege und Besorgung einiger Armen und Kranken leistete ihr selbst in ihrer Krankheit ausgezeichnete Dienste, da sie dadurch einen starken Trieb befriedigen konnte. – Ihre Stimmungen hatten immer eine leichte Tendenz zum Uebermaass, der Lustigkeit und der Trauer; daher auch einige Launenhaftigkeit. Das sexuale Element war erstaunlich unentwickelt; die Kranke, deren Leben mir durchsichtig wurde, wie selten das eines Menschen einem andern, hatte nie eine Liebe gehabt und in all den massenhaften Hallucinationen ihrer Krankheit tauchte niemals dieses Element des Seelenlebens empor.
Dieses Mädchen von überfliessender geistiger Vitalität führte in der puritanisch gesinnten Familie ein höchst monotones Leben, dass sie sich in einer für ihre Krankheit wahrscheinlich maassgebenden Weise verschönerte. Sie pflegte systematisch das Wachträumen, das sie ihr „Privattheater[5]“ nannte[2q]. Während alle sie anwesend glaubten, lebte sie im Geiste Märchen durch, war aber angerufen immer präsent, so dass niemand davon wusste. Neben den Beschäftigungen der Häuslichkeit, die sie tadellos versorgte, gieng diese geistige Thätigkeit fast fortlaufend einher. Ich werde dann zu berichten haben, wie unmittelbar diese gewohnheitsmässige Träumerei der Gesunden in Krankheit übergieng.
Der Krankheitsverlauf zerfällt in mehrere gut getrennte Phasen; es sind[3q]:
A. die latente Incubation. Mitte Juli 1880 bis etwa 10. December. In diese Phase, die sich in den meisten Fällen unserer Kenntnis entzieht, gewährte die Eigenart dieses Falles so vollständigen Einblick, dass ich schon deshalb sein pathologisches Interesse nicht gering anschlage. Ich werde diesen Theil der Geschichte später darlegen.
B. die manifeste Erkrankung; eine eigenthümliche Psychose, Paraphasie,
[1]
Strabismus convergens,
[2]
schwere Sehstörungen, Contracturlähmungen,
[3]
vollständig in der rechten obern, beiden untern Extremitäten, unvollständig in der linken obern Extremität, Parese
[4]
der Nackenmusculatur. Allmähliche Reduction der Contractur auf die rechtseitigen Extremitäten. Einige Besserung, unterbrochen durch ein schweres psychisches Trauma (Tod des Vaters) im April, auf welche
C. eine Periode andauernden Somnambulismus folgt, der dann mit normaleren Zuständen alternirt; Fortbestand einer Reihe von Dauersymptomen bis December 1880.
D. Allmähliche Abwicklung der Zustände und Phänomene bis Juni 1882.
Im Juli 1880 erkrankte der Vater der Patientin, den sie leidenschaftlich liebte, an einem peripleuritischen Abscess,[5] der nicht ausheilte und dem er im April 1881 erlag. Während der ersten Monate dieser Erkrankung widmete sich Anna der Krankenpflege mit der ganzen Energie ihres Wesens, und es nahm niemand sehr Wunder, dass sie dabei allmählich stark herabkam. Niemand, vielleicht auch die Kranke selbst nicht, wusste, was in ihr vorgieng; allmählich aber wurde ihr Zustand von Schwäche, Anämie, Ekel vor Nahrung so schlimm, dass sie zu ihrem grössten Schmerze von der Pflege des Kranken entfernt wurde. Den unmittelbaren Anlass bot ein höchst intensiver Husten, wegen dessen ich sie zum erstenmale untersuchte. Es war eine typische Tussis nervosa[7].[6] Bald wurde ein auffallendes Ruhebedürfniss in den Nachmittagsstunden deutlich, an welches sich abends ein schlafähnlicher Zustand und dann starke Aufregung anschloss.
Anfangs December entstand Strabismus convergens[8]. Ein Augenarzt erklärte diesen (irrigerweise) durch Parese des einen Abducens.[7] Am 11. December wurde Patientin bettlägerig und blieb es bis 1. April.
In rascher Folge entwickelte sich, anscheinend ganz frisch, eine Reihe schwerer Störungen.
Linksseitiger Hinterkopf-Schmerz; Strabismus convergens (Diplopie[8]) durch Aufregung bedeutend gesteigert; Klage über Herüberstürzen der Wand (Obliquus-Affection[9]). Schwer analysirbare Sehstörungen; Parese der vordern Halsmuskeln, so dass der Kopf schliesslich nur dadurch bewegt wurde, dass Patientin ihn nach rückwärts zwischen die gehobenen Schultern presste und sich mit dem ganzen Rücken bewegte. Contractur und Anästhesie[10][10] der rechten obern, nach einiger Zeit der rechten untern Extremität; auch diese völlig gestreckt, adducirt und nach innen rotirt; später tritt dieselbe Affection an der linken untern Extremität und zuletzt am linken Arm auf, an welchem aber die Finger einigermaassen beweglich blieben. Auch die Schultergelenke beiderseits waren nicht völlig rigide. Das Maximum der Contractur betrifft die Muskeln des Oberarms, wie auch später, als die Anästhesie genauer geprüft werden konnte, die Gegend des Ellbogens sich als am stärksten unempfindlich erwies. Im Beginne der Krankheit blieb die Anästhesieprüfung ungenügend, wegen des aus Angstgefühlen entspringenden Widerstandes der Patientin.
In diesem Zustande übernahm ich die Kranke in meine Behandlung und konnte mich alsbald von der schweren psychischen Alteration überzeugen, die da vorlag. Es bestanden zwei ganz getrennte Bewusstseinszustände, die sehr oft und unvermittelt abwechselten und sich im Laufe der Krankheit immer schärfer schieden. In dem einen kannte sie ihre Umgebung, war traurig und ängstlich, aber relativ normal; im andern hallucinirte sie, war „ungezogen“, d. h. schimpfte, warf die Kissen nach den Leuten, soweit und wenn die Contractur dergleichen erlaubte, riss mit den beweglichen Fingern die Knöpfe von Decken und Wäsche und dgl. mehr. War während dieser Phase etwas im Zimmer verändert worden, jemand gekommen oder hinausgegangen, so klagte sie dann, ihr fehle Zeit, und bemerkte die Lücke im Ablauf ihrer bewussten Vorstellungen. Da man ihr das, wenn möglich, ableugnete, auf ihre Klage, sie werde verrückt, sie zu beruhigen suchte, folgten auf jedes Polsterschleudern und dgl. dann noch die Klagen, was man ihr anthue, in welcher Unordnung man sie lasse u. s. f.
Diese Absencen waren schon beobachtet worden, als sie noch ausser Bett war; sie blieb dann mitten im Sprechen stecken, wiederholte die letzten Worte, um nach kurzer Zeit weiter fortzufahren. Nach und nach nahm dies die geschilderten Dimensionen an und während der Acme[11] der Krankheit, als die Contractur auch die linke Seite ergriffen hatte, war sie am Tag nur für ganz kurze Zeiten halbwegs normal. Aber auch in die Momente relativ klaren Bewusstseins griffen die Störungen über; rapidester Stimmungswechsel in Extremen, ganz vorübergehende Heiterkeit, sonst schwere Angstgefühle, hartnäckige Opposition gegen alle therapeutischen Maassnahmen, ängstliche Hallucinationen von schwarzen Schlangen, als welche ihre Haare, Schnüre und dgl. erscheinen. Dabei sprach sie sich immer zu, nicht so dumm zu sein, es seien ja ihre Haare u. s. w. In ganz klaren Momenten beklagte sie die tiefe Finsterniss ihres Kopfes, wie sie nicht denken könne, blind und taub werde, zwei Ichs habe, ihr wirkliches und ein schlechtes, dass sie zu schlimmem zwinge u. s. w.
Nachmittags lag sie in einer Somnolenz[11],[12] die bis etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang dauerte, und dann erwacht, klagte sie, es quäle sie etwas, oder vielmehr sie wiederholte immer den Infinitiv: Quälen, quälen.
Denn zugleich mit der Ausbildung der Contracturen war eine tiefe, functionelle Desorganisation der Sprache eingetreten. Zuerst beobachtete man, dass ihr Worte fehlten, allmählich nahm das zu. Dann verlor ihr Sprechen alle Grammatik, jede Syntax, die ganze Conjugation des Verbums, sie gebrauchte schliesslich nur falsch, meist aus einem schwachen Particip-praeteriti gebildete Infinitive, keinen Artikel. In weiterer Entwicklung fehlten ihr auch die Worte fast ganz, sie suchte dieselben mühsam aus 4 oder 5 Sprachen zusammen und war dabei kaum mehr verständlich. Bei Versuchen zu schreiben schrieb sie (anfangs, bis die Contractur das völlig verhinderte) denselben Jargon. Zwei Wochen lang bestand völliger Mutismus[12],[13] bei fortwährenden angestrengten Versuchen zu sprechen wurde kein Laut vorgebracht. Hier wurde nun zuerst der psychische Mechanismus der Störung klar. Sie hatte sich, wie ich wusste, über etwas sehr gekränkt und beschlossen, nichts davon zu sagen. Als ich das errieth und sie zwang, davon zu reden, fiel die Hemmung weg, die vorher auch jede andere Aeusserung unmöglich gemacht hatte.
Dies fiel zeitlich zusammen mit der wiederkehrenden Beweglichkeit der linksseitigen Extremitäten, März 1881; die Paraphasie[9] wich, aber sie sprach jetzt nur englisch, doch anscheinend, ohne es zu wissen; zankte mit der Wärterin, die sie natürlich nicht verstand; erst mehrere Monate später gelang mir, sie davon zu überzeugen, dass sie englisch rede. Doch verstand sie selbst noch ihre deutsch sprechende Umgebung. Nur in Momenten grosser Angst versagte die Sprache vollständig oder sie mischte die verschiedensten Idiome durcheinander. In den allerbesten, freiesten Stunden sprach sie französisch oder italienisch. Zwischen diesen Zeiten und denen, in welchen sie englisch sprach, bestand völlige Amnesie. Nun nahm auch der Strabismus ab und erschien schliesslich nur mehr bei heftiger Aufregung, der Kopf wurde wieder getragen. Am 1. April verliess sie zum erstenmale das Bett.
Da starb am 5. April der von ihr vergötterte Vater, den sie während ihrer Krankheit nur sehr selten für kurze Zeit gesehen hatte. Es war das schwerste psychische Trauma, das sie treffen konnte. Gewaltiger Aufregung folgte ein tiefer Stupor etwa zwei Tage lang, aus dem sie sich in sehr verändertem Zustande erhob. Zunächst war sie viel ruhiger und das Angstgefühl wesentlich vermindert. Die Contractur des rechten Armes und Beines dauerte fort, ebenso die, nicht tiefe, Anästhesie dieser Glieder. Es bestand hochgradige Gesichtsfeldeinengung. Von einem Blumenstrauss, der sie sehr erfreute, sah sie immer nur eine Blume zugleich. Sie klagte, dass sie die Menschen nicht erkenne. Sonst habe sie die Gesichter erkannt, ohne willkürlich dabei arbeiten zu müssen; jetzt müsse sie bei solchem, sehr mühsamem „recognising work“ sich sagen, die Nase sei so, die Haare so, folglich werde das der und der sein. Alle Menschen wurden ihr wie Wachsfiguren, ohne Beziehung auf sie. Sehr peinlich war ihr die Gegenwart einiger nahen Verwandten, und dieser „negative Instinct“ wuchs fortwährend. Trat jemand ins Zimmer, den sie sonst gern gesehen hatte, so erkannte sie ihn, war kurze Zeit präsent, dann versank sie wieder in ihr Brüten, und der Mensch war ihr entschwunden. Nur mich kannte sie immer, wenn ich eintrat, blieb auch immer präsent und munter, solange ich mit ihr sprach, bis auf die immer ganz plötzlich dazwischen fahrenden hallucinatorischen Absencen.
Sie sprach nun nur englisch und verstand nicht, was man ihr deutsch sagte[5q]. Ihre Umgebung musste englisch mit ihr sprechen; selbst die Wärterin lernte sich einigermaassen so verständigen. Sie las aber französisch und italienisch; sollte sie es vorlesen, so las sie mit staunenerregender Geläufigkeit, fliessend, eine vortreffliche englische Uebersetzung des Gelesenen vom Blatte.
Sie begann wieder zu schreiben, aber in eigenthümlicher Weise; sie schrieb mit der, gelenken, linken Hand, aber Antiqua-Druckbuchstaben, die sie sich aus ihrem Shakespeare[31] zum Alphabet zusammen gesucht hatte.
Hatte sie früher schon minimal Nahrung genommen, so verweigerte sie jetzt das Essen vollständig, liess sich aber von mir füttern, so dass ihre Ernährung rasch zunahm. Nur Brod zu essen verweigerte sie immer. Nach der Fütterung aber unterliess sie nie den Mund zu waschen, und that dies auch, wenn sie aus irgend einem Grunde nichts gegessen hatte; ein Zeichen, wie abwesend sie dabei war.
Die Somnolenz am Nachmittag und der tiefe Sopor[13][14] um Sonnenuntergang dauerten an. Hatte sie sich dann ausgesprochen (ich werde später genauer hierauf eingehen müssen) so war sie klar, ruhig, heiter.
Dieser relativ erträgliche Zustand dauerte nicht lange. Etwa 10 Tage nach ihres Vaters Tod wurde ein Consiliarius[14][15] beigezogen, den sie wie alle Fremden absolut ignorirte, als ich ihm all ihre Sonderbarkeiten demonstrirte. „That’s like an examination“ sagte sie lachend, als ich sie einen französischen Text auf englisch vorlesen liess. Der fremde Arzt sprach drein, versuchte sich ihr bemerklich zu machen; vergebens. Es war die richtige „negative Hallucination“, die seitdem so oft experimentell hergestellt worden ist. Endlich gelang es ihm, diese zu durchbrechen, indem er ihr Hauch ins Gesicht blies. Plötzlich sah sie einen Fremden, stürzte zur Thüre, den Schlüssel abzuziehen, fiel bewusstlos zu Boden; dann folgte ein kurzer Zorn- und dann ein arger Angstanfall, den ich mit grosser Mühe beruhigte. Unglücklicherweise musste ich denselben Abend abreisen, und als ich nach mehreren Tagen zurückkam, fand ich die Kranke sehr verschlimmert. Sie hatte die ganze Zeit vollständig abstinirt, war voll Angstgefühlen, ihre hallucinatorischen Absencen erfüllt von Schreckgestalten, Todtenköpfen und Gerippen. Da sie, diese Dinge durchlebend, sie theilweise sprechend tragirte,[16] kannte die Umgebung meist den Inhalt dieser Hallucinationen. Nachmittags Somnolenz, um Sonnenuntergang die tiefe Hypnose, für die sie den technischen Namen „clouds“ (Wolken) gefunden hatte. Konnte sie dann die Hallucinationen des Tages erzählen, so erwachte sie klar, ruhig, heiter, setzte sich zur Arbeit, zeichnete oder schrieb die Nacht durch, völlig vernünftig; ging gegen 4 Uhr zu Bett, und am Morgen begann dieselbe Scene wieder, wie Tags zuvor. Der Gegensatz zwischen der unzurechnungsfähigen, von Hallucinationen gehetzten Kranken am Tag und dem geistig völlig klaren Mädchen bei Nacht war höchst merkwürdig.
Trotz dieser nächtlichen Euphorie verschlechterte sich der psychische Zustand doch immer mehr; es traten intensive Selbstmordimpulse auf, die den Aufenthalt in einem 3. Stockwerk unthunlich erscheinen liessen. Die Kranke wurde darum gegen ihren Willen in ein Landhaus in der Nähe von Wien gebracht (7. Juni 1881). Diese Entfernung vom Hause, die sie perhorrescirte, hatte ich nie angedroht, sie selbst aber im stillen erwartet und gefürchtet. Es wurde nun auch bei diesem Anlass wieder klar, wie dominirend der Angstaffect die psychische Störung beherrschte. Wie nach des Vaters Tod ein Ruhezustand eingetreten war, so beruhigte sie sich auch jetzt, als das Gefürchtete geschehen war. Allerdings nicht, ohne dass die Transferirung unmittelbar von drei Tagen und Nächten gefolgt gewesen wäre, absolut ohne Schlaf und Nahrung, voll von (im Garten allerdings ungefährlichen) Selbstmordversuchen, Fensterzerschlagen und dgl., Hallucinationen ohne Absence, die sie von den andern ganz wohl unterschied. Dann beruhigte sie sich, nahm Nahrung von der Wärterin und sogar Abends Chloral[15].[17]
Bevor ich den weiteren Verlauf schildere, muss ich noch einmal zurückgreifen und eine Eigenthümlichkeit des Falles darstellen, die ich bisher nur flüchtig gestreift habe.
Es wurde schon bemerkt, dass im ganzen bisherigen Verlaufe täglich Nachmittags eine Somnolenz die Kranke befiel, die um Sonnenuntergang in tieferen Schlaf überging (clouds). (Es ist wohl plausibel, diese Periodicität einfach aus den Umständen der Krankenpflege abzuleiten, die ihr durch Monate obgelegen hatte. Nachts wachte sie beim Kranken oder lag lauschend und angsterfüllt bis Morgens wach in ihrem Bette; Nachmittag legte sie sich für einige Zeit zur Ruhe, wie es ja meistens von der Pflegerin geschieht, und dieser Typus der Nachtwache und des Nachmittagschlafes wurde wohl dann in ihre eigene Krankheit hinüber verschleppt und bestand fort, als an Stelle des Schlafes schon lange ein hypnotischer Zustand getreten war). Hatte der Sopor etwa eine Stunde gedauert, so wurde sie unruhig, wälzte sich hin und her und rief immer wieder: „Quälen, quälen“ immer mit geschlossenen Augen[4q]. Andrerseits war bemerkt worden, dass sie in ihren Absencen während des Tages offenbar immer irgend eine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren Beschaffenheit einzelne gemurmelte Worte Aufschluss gaben. Nun geschah es, zuerst zufällig, dann absichtlich, dass jemand von der Umgebung ein solches Stichwort fallen liess, während Patientin über das „Quälen“ klagte; alsbald fiel sie ein und begann eine Situation auszumalen oder eine Geschichte zu erzählen, anfangs stockend in ihrem paraphasischen[18] Jargon, je weiter, desto fliessender, bis sie zuletzt ganz correctes Deutsch sprach. (In der ersten Zeit, bevor sie völlig ins Englischsprechen gerathen war.) Die Geschichten, immer traurig, waren theilweise sehr hübsch, in der Art von Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ und wahrscheinlich auch nach diesem Muster gebildet; meist war Ausgangs- oder Mittelpunkt die Situation eines bei einem Kranken in Angst sitzenden Mädchens; doch kamen auch ganz andere Motive zur Verarbeitung. – Einige Momente nach Vollendung der Erzählung erwachte sie, war offenbar beruhigt oder, wie sie es nannte, „gehäglich“ (behaglich). Nachts wurde sie dann wieder unruhiger und am Morgen, nach zweistündigem Schlafe war sie offenbar wieder in einem anderen Vorstellungskreis. – Konnte sie mir in der Abendhypnose einmal die Geschichte nicht erzählen, so fehlte die abendliche Beruhigung, und am anderen Tag mussten zwei erzählt werden, um diese zu bewirken.
Das Wesentliche der beschriebenen Erscheinung, die Häufung und Verdichtung ihrer Absencen zur abendlichen Autohypnose, die Wirksamkeit der phantastischen Producte als psychischer Reiz und die Erleichterung und Behebung des Reizzustandes durch die Aussprache in der Hypnose, blieben durch die ganzen anderthalb Jahre der Beobachtung constant.
Nach dem Tode des Vaters wurden die Geschichten natürlich noch tragischer, aber erst mit der Verschlimmerung ihres psychischen Zustandes, welche der erzählten gewaltsamen Durchbrechung ihres Somnambulismus[18] folgte, verloren die abendlichen Referate den Charakter mehr minder freier poetischer Schöpfung und wandelten sich in Reihen furchtbarer, schreckhafter Hallucinationen, die man Tags über, schon aus dem Benehmen der Kranken hatte erschliessen können. Ich habe aber schon geschildert, wie vollständig die Befreiung ihrer Psyche war, nachdem sie, von Angst und Grauen geschüttelt, all diese Schreckbilder reproducirt und ausgesprochen hatte.
Auf dem Lande, wo ich die Kranke nicht täglich besuchen konnte, entwickelte sich die Sache in folgender Weise. Ich kam Abends, wenn ich sie in ihrer Hypnose wusste, und nahm ihr den ganzen Vorrath von Phantasmen ab, den sie seit meinem letzten Besuch angehäuft hatte. Das musste ganz vollständig geschehen, wenn der gute Erfolg erreicht werden sollte. Dann war sie ganz beruhigt, den nächsten Tag liebenswürdig, fügsam, fleissig, selbst heiter; den zweiten immer mehr launisch, störrig, unangenehm, was am dritten noch weiter zunahm. In dieser Stimmung, auch in der Hypnose, war sie nicht immer leicht zum Aussprechen zu bewegen, für welche Procedur sie den guten, ernsthaften Namen „talking cure[19]“ (Redecur) und den humoristischen „chimney-sweeping[20]“ (Kaminfegen) erfunden hatte[6q]
