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Drei Generationen von Frauen an Cornwalls stürmischer Küste – verbunden durch Liebe und Verrat.
Boskenna – stolz thront das Anwesen der Familie Trewin an Cornwalls rauer Steilküste. Als die Hausherrin Joan im Sterben liegt, kehren ihre Tochter Diana und ihre Enkelin Lottie dorthin zurück. Nach Jahren der Entfremdung sind sie gekommen, um sich zu verabschieden und ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen. Doch stattdessen erwartet sie die Enthüllung eines tragischen Geheimnisses, das Joan jahrzehntelang bewahrt hat. Es führt zurück ins Jahr 1962, zu den dramatischen Geschehnissen einer lauen Sommernacht, die seither einen dunklen Schatten auf das Leben der ganzen Familie werfen …
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Boskenna – stolz thront das Anwesen an Cornwalls rauer Steilküste. Als die Hausherrin Joan Trewin im Sterben liegt, kehren ihre Tochter Diana und deren Tochter Lottie dorthin zurück. Nach Jahren der Entfremdung sind sie gekommen, um sich zu verabschieden und ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen. Doch stattdessen erwartet sie die Enthüllung eines tragischen Geheimnisses, das Joan jahrzehntelang bewahrt hat. Es führt zurück ins Jahr 1962, zu den dramatischen Geschehnissen einer lauen Sommernacht, die seither einen dunklen Schatten auf das Leben der Frauen der Familie Trewin werfen …
Weitere Infos zu Liz Fenwick
sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin
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Liz Fenwick
Sturm über Cornwall
Roman
Aus dem Englischen
von Kristina Lake-Zapp
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »The Path to the Sea« bei HQ,
an imprint of HarperCollins Publishers Ltd, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung August 2021
Copyright © der Originalausgabe 2019 by Liz Fenwick
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: FinePic®, München
Ray Bradshaw/Moment/Getty Images
Difydave/E+/Getty Images
Redaktion: Gabriele Zigldrum
An · Herstellung: ik
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-25547-3V001
www.goldmann-verlag.de
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Für die Freundin, die mit mir auf die Reise meines Lebens gegangen ist und sie mit Lachen gefüllt hat, die meine Tränen und Geheimnisse geteilt und die Erinnerungen bewahrt hat, die mir ein Anker war, wenn die Wogen der Trauer mich davonzuspülen drohten.
Obwohl wir verschiedene Wege gewählt haben, lässt du mich an den Anfang denken und daran, wie weit wir gereist sind. Große Freundschaft erfordert keine Nähe, nur große Liebe.
Danke, Christine.
Zwei Wege teilen sich in einem Wald, und ich –
Ich nahm den, der weniger begangen war,
Und das veränderte mein ganzes Leben.
Robert Frost, Die Straße, die ich nicht nahm
Der Wegweiser
Kapitel 1
Lottie
3. August 2008, 23.30 Uhr
Alles war still bis auf das Geräusch der Wellen, die an den Strand rollten. »Alles Gute zum Monatstag«, sagte er.
Lottie runzelte die Stirn. »Zum Monatstag?« Träge drehte sie sich um und versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu erkennen. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«
Er fuhr mit dem Finger ihre Lippen nach. »Würde ich so etwas tun?«
»Ja.«
Sie lagen nebeneinander ausgestreckt, Hüfte an Hüfte, und sie spürte sein Lachen mehr, als dass sie es hörte.
»Wir sind jetzt seit anderthalb Monaten zusammen.«
»Dann feiern wir jetzt also nicht mehr nur ganze, sondern auch halbe Monate?«
Er küsste sie lange und intensiv, und als er mit der Hand über ihren nackten Rücken strich, gleich oberhalb der Jeans, wusste sie schon nicht mehr, worüber sie gerade gesprochen hatten.
»Ich feiere jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, die du mir gehörst.«
Sie hielt den Atem an und blickte hinauf in den Himmel. Über ihnen erstreckte sich die Milchstraße, geheimnisvoll und unendlich. Sie war völlig bezaubert. Das Universum mit all seiner Pracht erfüllte sie. Hier, an diesem Strand, umfangen von seinen Armen, wollte sie bleiben – für immer.
Und vielleicht würde es auch so kommen, vorausgesetzt, dieser Wunsch beruhte auf Gegenseitigkeit, und davon ging sie aus.
»Alex?«
»Ja?« Sein Arm schloss sich fester um sie.
»Wirst …« In diesem Augenblick fiel eine Sternschnuppe vom Himmel und versank im Meer. Sie wünschte sich von ganzem Herzen, dass sie den Rest ihres Lebens in Alex’ Armen verbringen dürfte, und rollte sich auf ihn.
»Hast du das auch gesehen?«
»Die Sternschnuppe?«
»Ja.« Er küsste sie.
»Hast du dir etwas gewünscht?«
Er nickte und strich ihr die Haare hinter die Ohren. »Hab ich.«
»Ich frage mich, ob du dir dasselbe gewünscht hast wie ich.«
»Das hoffe ich«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr.
Ihre Lippen suchten seinen Mund, während sie inständig betete, dass er für immer ihr gehören würde. »Verrat mir, was du dir gewünscht hast.«
»Nein, denn dann geht es nicht in Erfüllung.« Er zog sie noch enger an sich.
»Du bist alles, wovon ich jemals geträumt habe«, wisperte sie und schlang die Arme um ihn.
Er summte Gramps’ Lieblingslied, »A Kiss to Build a Dream On«, und sie küsste ihn und wusste, dass sie ihren Traum wahr werden lassen konnten – Alex und sie und Cornwall, für immer.
Seewege
Kapitel 2
Diana
3. August 2018, 12.00 Uhr
Die Bucht von St Austell glitzerte in der Ferne, als Diana Trewin nach links in Richtung Porthpean und Boskenna abbog. Einst hatte sie sich nach Boskenna verzehrt, hatte sich aus tiefster Seele gewünscht, sie könne nach Hause zurückkehren. Nacht für Nacht hatte sie ihr Kissen an die Brust gedrückt und sich eingeredet, sie könne die See hören, um dann davon zu träumen. In ihren Träumen schlenderte sie durch sonnenhelle Räume, sah die Pracht des alten Herrenhauses, hörte den Klang von Musik und Gelächter. Sie entdeckte neue Räume, neue Schätze, und dann wachte sie auf, und die Welt um sie herum war alles andere als strahlend und schön. Die Träume suchten sie immer noch heim, meist in stressigen Zeiten. Sie flüchtete sich in Fantasien von blauem Meer und blauem Himmel, von ausgedehnten Rasenflächen und einer Bibliothek, in der jedes Buch stand, das sie lesen wollte. Kein echtes Haus konnte mit dem mithalten, das sie sich in ihrer Vorstellung geschaffen hatte.
Gestern Nacht hatte sie erneut von Boskenna geträumt. Sie war durch die Räumlichkeiten des imposanten Hauses gestreift, hatte die atemberaubende Aussicht in sich aufgenommen, die sich ihr durch die großen Fensterscheiben bot, und Räume betreten, die sie bislang nicht gekannt hatte. Alles war schmerzlich vertraut und doch ganz neu, außerdem spürte sie, dass irgendetwas für sie unerreichbar bleiben würde – für immer. Diana vermutete, dass es sich dabei um ihren Vater handelte. Wenn sie nur noch ein weiteres Zimmer oder das richtige Buch im richtigen Regal fände, ginge eine geheime Tür auf, und ihre verlorene Kindheit würde erscheinen, zusammen mit ihrem Dad. Er würde ihr sagen, dass er bloß Verstecken gespielt habe, dass sie ihn habe suchen müssen – und nun sei er da. Aber sosehr sie sich auch bemühte – kein Buch, kein Drehregal, keine Geheimtür brachte ihr ihren Vater, Allan Trewin, zurück. Der Morgen brachte stets die Realität ans Tageslicht: Boskenna war kein Palast der Freuden, sondern ein in die Jahre gekommenes, zugiges Gebäude, in dem zwei alte Menschen lebten.
Nun war sie nur noch ein paar Minuten entfernt, die Fahrbahn wurde bereits enger; sie näherte sich dem Strand. Diana bog scharf ab und rollte durchs Tor auf das Gelände von Boskenna. Gestern war der Anruf gekommen, den jedes erwachsene Kind erwartete und gleichzeitig fürchtete, wenn die Eltern alt wurden. »Deine Mum liegt im Sterben«, hatte George Russell, der zweite Ehemann ihrer Mutter, am Telefon gesagt. Sie war sich nicht sicher, welche Gefühle ihre Rückkehr nach Cornwall in ihr auslösten, und genauso wenig wusste sie, was sie für ihre Mutter empfand. Aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Manche Dinge mussten eben erledigt werden.
Sie parkte neben Georges altem Jaguar und griff nach ihrer Reisetasche. Ein Schauder der Wiedersehensfreude überlief sie, als sie über die gekieste Auffahrt auf das Haus zuging. Seit sie Boskenna im Alter von acht Jahren verlassen hatte, war sie nur ein paarmal hierher zurückgekehrt. Damals war ihr das Herz gebrochen – und seitdem noch einige weitere Male –, doch mittlerweile war es wieder ganz, wenngleich geflickt. Es erinnerte ein wenig an das Dach des Verwalter-Cottages zu ihrer Linken, wo ein Stück blaue Teerpappe über eine der Traufen genagelt war.
Sie blieb vor der Tür des Haupthauses stehen und drehte sich zur Bucht um. Die Sonne brannte auf sie herab, vom Strand her schallten muntere Schreie zu ihr herauf. Die Welt drehte sich weiter, während irgendwo da drinnen ihre Mutter mit dem Tode rang. Diana zögerte, spürte dem starken Kontrast zwischen Leben und Tod nach, zwischen der glücklichen Ferienidylle unten in der Bucht und dem Alltag auf Boskenna.
Boskenna war schon immer etwas Besonderes gewesen. 1962 hatte Diana ihre letzten Sommerferien hier verbracht, hatte sich leichtfüßig inmitten interessanter Menschen bewegt, alle sonnengebräunt und salzverkrustet. An mehr erinnerte sie sich nicht, denn das eigentlich Wichtige hatten ihre Tränen ausgelöscht.
Eine Möwe landete auf dem Rasen und betrachtete sie aufmerksam mit schräg gelegtem Kopf, als wolle sie fragen, warum Diana hier war. Vermutlich aus Pflichtgefühl. Sie trat gegen einen Kieselstein. Diana und ihre Mutter, Joan Trewin Russell, hatten einander nichts mehr zu sagen. Schon seit Jahren nicht mehr. Wenn Diana ehrlich war, hatte sie versucht, ihren Kummer darüber in Arbeit zu ersticken. Die Jahre, in denen sie als Kriegsberichterstatterin um die Welt gereist war, hatten die Leere gefüllt, doch mittlerweile trat sie kürzer, und das hinterließ Lücken. Lücken, in die unerwünschte Gedanken und Fragen einsickerten.
Dianas Blick schweifte über den Rasen, und sie sah sich plötzlich als Kind, wie sie mit ihrer Mutter Fangen spielte. Sie lachte und Joan ebenfalls. Sie mussten sich einst nahegestanden haben, doch seit dem Tod ihres Vaters vor über fünfzig Jahren war diese Nähe verpufft. Ihre Mutter liebte Diana auf ihre Art und Weise. Diana wiederum hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als diese Liebe. Doch alles hatte sich verändert, und sie wusste, dass das mit jenem verlängerten Wochenende vor sechsundfünfzig Jahren zu tun hatte.
Die Haustür stand offen, und sie konnte nicht ewig auf der Schwelle stehen bleiben, so bestechend die Aussicht auch war. Bestimmt war George in der Nähe. Diana trat ein und ließ die Vergangenheit Vergangenheit sein, um sich auf das zu konzentrieren, was jetzt auf sie zukam.
Im Flur war es merklich kühler. Sie fröstelte. Die Zeitung auf dem runden Tisch in der Mitte der großzügigen Eingangshalle flatterte. Weil sie schon so früh am Morgen aufgebrochen war, hatte sie die Zeitungen, die sie im Abonnement bezog, nicht wie sonst von vorn bis hinten gelesen, doch sie hatte im Radio die Nachrichten gehört. Sie erinnerten sie auf unheimliche Weise an die aus jenem letzten Sommer, den sie hier in Cornwall verbracht hatte.
Diana strich die Seiten glatt und stellte eine leere Vase darauf. 1962 hatte die Welt am Rande eines Nuklearkriegs mit der Sowjetunion gestanden, und seit Kurzem hatte der große Bär wieder zu brüllen begonnen. Die Welt hatte sich weitergedreht und dachte, die Dinge hätten sich zum Besseren gewendet, doch die Menschen lernten wohl niemals dazu.
Sie warf einen Blick in den Salon, dann in das kleine, gemütliche Nebenzimmer, auch »Familienzimmer« genannt, aber George war nirgendwo zu sehen. Sie überlegte, ob sie nach ihm rufen sollte, doch sie zögerte. Alles war still, abgesehen von dem Brummen eines Rasenmähers und den Geräuschen, die der Wind vom Strand zu ihr heraufwehte. Die kleine Küche war ebenfalls leer. Nun blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als die Treppe zum Schlafzimmer ihrer Mutter hinaufzusteigen. Sie ließ ihre Reisetasche auf einen leeren Küchenstuhl fallen und ging langsam, Stufe für Stufe, nach oben. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen und wappnete sich. Sie hatte schon jede Menge tote und sterbende Menschen gesehen, aber sie wusste, dass das hier etwas anderes war. Hier ging es um ihre eigene Mutter.
Ein Husten hallte durch den Flur. Joan war also noch am Leben. Diana war nicht zu spät gekommen. Die Bodendielen knarrten, als sie den Flur entlangging. Sie kam an einem der großen Wandschränke vorbei. Diana wandte den Blick ab. Mit Sicherheit war er vollgestopft mit altem Krempel, und was in aller Welt sollte sie damit anfangen? Doch vielleicht war er auch leer. Das Anwesen war beinahe dreißig Jahre verpachtet gewesen. Erst als George 1990 in den Ruhestand trat, war Boskenna wieder Joans Zuhause geworden. Diana blieb stehen. Sie hatte vor Jahren das Testament ihrer Mutter gesehen. Boskenna würde an sie fallen, doch George hatte das Recht, bis zu seinem Tod hier wohnen zu bleiben. Joan hatte natürlich damit gerechnet, dass sie George überleben würde. Das war die normale Ordnung der Dinge, doch bei ihrer Großmutter hatte es ebenfalls nicht funktioniert. Caroline Penquite war an Leberzirrhose gestorben, lange bevor ihr Mann Edward das Zeitliche gesegnet hatte. Boskenna war nicht an ihn, sondern direkt an Dianas Mutter gegangen.
Sieben Stufen führten zu dem kleinen Absatz vor dem Schlafzimmer ihrer Mutter. Merkwürdig, dass sie sich daran erinnerte, aber sie war diese Stufen früher oft hoch- und wieder heruntergehüpft. Jetzt stand die Tür weit offen, in der Luft hing der Geruch von Krankheit. In unregelmäßigen Abständen hörte sie einen rasselnden Atemzug. Reglos blieb sie im Türrahmen stehen, doch sie blickte nicht zu ihrer Mutter, die in einem Sessel saß, sondern aus den Fenstern. Dieses Zimmer bot einen allumfassenden Ausblick – zumindest hätte es das getan, wären die Bäume regelmäßig gestutzt worden.
Boskenna war über die Jahre gewachsen – im selben Maße wie das Vermögen der Familie. Dieser Raum war bei der Erweiterung in den 1840er-Jahren hinzugekommen. Die Decken waren höher, die gesamte Front war zur See hin ausgerichtet. Zwanzig Jahre später war ein ebensolcher Flügel an der Nordseite des Hauses angebaut worden. Alle Fenster an der Vorderseite boten einen unvergleichlichen Ausblick aufs Meer. Die Augustsonne brannte auf Gribben Head hinab, die Bucht war voller weißer Segelboote – eine perfekte Postkartenidylle, nur dass sie nicht wusste, was sie auf eine solche Postkarte hätte schreiben sollen.
Sie konnte Carrickowel Point erkennen, die kleine Landspitze zur Linken, die direkt dem hinteren Gartenteil von Boskenna zu entspringen schien. Rechts konnte man durch die Bäume Black Head erkennen. Die Schönheit der Landschaft war atemberaubend, aber das war es nicht, was sie hier, auf der Schwelle zum Zimmer ihrer Mutter, festhielt. Es war die Furcht. Was albern war, denn bei ihren Einsätzen als Kriegsberichterstatterin war sie schnurstracks auf Männer mit Maschinengewehren in den Händen zugegangen, war selbst dann nicht stehen geblieben, wenn sie damit auf sie zielten, doch jetzt schaffte sie es kaum, sich vom Fleck zu rühren und sich zu ihrer sterbenden Mutter zu setzen. Was sollte sie sagen? Über diese Frage hatte sie während der gesamten Fahrt nachgedacht, hatte sich die verschiedensten Sätze zurechtgelegt und sie immer wieder verworfen. »Ich liebe dich«, war einer dieser Sätze. Doch sofort waren die Fragen, die Zweifel an die Oberfläche gekommen, die sie all die Jahre über in eine dunkle Ecke ihres Gehirns geschoben hatte und die sich doch nicht endgültig verdrängen ließen. Sie erinnerten Diana an Badeenten, die man als Kind unter Wasser drückte und die doch immer wieder hochploppten, ganz gleich, wie oft man versuchte, sie endgültig zu versenken.
Die Hände zu Fäusten geballt setzte sie einen Fuß vor den anderen, den Blick aufs Fenster gerichtet. Eine Möwe schoss vom Dach herab und segelte in Richtung Strand. Erschrocken fuhr Diana zusammen. Noch immer konnte sie ihre Mutter nicht ansehen, dabei war sie wiederholt mit dem Tod in seinen grässlichsten Erscheinungsformen konfrontiert worden.
Es war richtig gewesen von George, sie anzurufen, dennoch wäre es ihr leichter gefallen, zur Beerdigung zu kommen. Jetzt schon hier zu sein, gab ihr Zeit, und Zeit erforderte ein wie auch immer geartetes Handeln. Sie atmete tief durch. An diesem Ort, in diesem Zimmer war es ihr unmöglich, nicht an ihren Vater zu denken, zu vermissen, woran sie sich kaum noch erinnern konnte. Sie war acht gewesen, als er starb, und sie besaß nur ein einziges Foto von ihnen beiden. Als sie sich vor Jahren bei ihrer Mutter erkundigt hatte, ob es noch andere Aufnahmen gab, hatte die nur die Schultern gezuckt und behauptet, sie wisse nicht, was damit geschehen sei. Diana fiel es schwer, ihr zu glauben. Warum sollte sie nicht wissen, was mit den Bildern passiert war? Aber ihre Mutter war bei ihrer Antwort geblieben.
Um dieses eine Foto herum hatte sie all ihre Erinnerungen aufgebaut. Mrs Hoskine, die damalige Haushälterin, hatte es Diana ins Internat geschickt. Wenn sie die Augen schloss, sah sie den verblichenen Schnappschuss vor sich. Sie saß auf den Schultern ihres Vaters, beide blickten auf die Bucht und deuteten lächelnd in die Ferne. An jenem Tag war sie ein Pirat gewesen, der die sieben Meere besegelte, aber immer wieder nach Boskenna zurückkehrte. Boskenna war ihre Heimat. Heute würde sie die Worte »Boskenna« und »Heimat« niemals zusammen in einen Satz packen. Ihr letzter Besuch lag mittlerweile zehn Jahre zurück. Damals war sie wegen ihrer Tochter Lottie gekommen … ein künstlerisch begabtes, flatterhaftes und viel zu vertrauensseliges Mädchen.
Ihre Mutter röchelte, und Diana drehte sich zu ihr um. Joan hatte von Anfang an gewusst, was Lottie brauchte. Diana nicht. Sie hatte in ihrem Leben vieles nicht gewusst, nicht nur, was ihre Tochter anbetraf. Nun war sie vierundsechzig, noch immer auf dem Gipfel ihrer Karriere, doch bereit, es langsamer angehen zu lassen und den Weg für ihre Nachfolger freizumachen. Es war ihr beruflicher Erfolg, auf den sie stolz war – aber das war auch das Einzige. Ihrer mütterlichen Fähigkeiten konnte sie sich nicht gerade rühmen, die hatte sie von der Frau in dem Sessel erst lernen müssen. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, ihrer Tochter so nah zu sein, wie ihre Mutter es war. Selbst jetzt noch hinterließ die Eifersucht einen bitteren Geschmack auf ihrer Zunge.
Die Augen ihrer Mutter waren geschlossen, und Diana beobachtete, wie sich ihre Brust mühevoll hob und senkte. Ihr Verstand riet ihr, etwas zu sagen, damit Joan wusste, dass sie da war. Ihr Blick fiel auf ihr Spiegelbild in der Kleiderschranktür, doch da war noch etwas anderes. Diana blinzelte. Sie sah ein dunkelhaariges Kind vor sich. Doch das bildete sie sich nur ein. Sie war allein mit ihrer Mutter. Die einzige Person, die da im Spiegel zu sehen war, war Diana selbst. Sie bemerkte einen leichten Buckel und straffte eilig ihre Schultern.
Ein weiterer Schritt ins Zimmer, und sie stand am Sessel ihrer Mutter. Joans kurzes weißes Haar war gewaschen, aber nicht frisiert, was sie irgendwie verletzlich erscheinen ließ. »Verletzlich« war nicht gerade ein Wort, das Diana mit ihrer Mutter in Verbindung brachte. Die Pigmentflecken auf der Stirn und den Wangen waren nicht mit Make-up abgedeckt, trotzdem wirkte sie jünger, als sie war. Nur ihre trockenen, aufgesprungenen Lippen verzerrten das Bild.
»У меня не было выбора!« Ihre Mutter warf den Kopf vor und zurück.
»Wie bitte?« Diana beugte sich zu ihr, um sie besser zu verstehen.
»У меня не было выбора!«
»Mum, was um alles in der Welt redest du da?« Sie brachte ihr Gesicht nah an das ihrer Mutter, zuckte aber zurück, als sie deren säuerlichen Atem roch. Joans Augen öffneten sich weit, aber Diana war sich nicht sicher, was sie sah. Leer und ruhelos waren wohl die Worte, die ihren Zustand am ehesten beschrieben, und Diana fing an, die Szene vor sich wie in einer Kameraeinstellung zu betrachten. Die Kamera fuhr langsam durch den Raum, blieb an der Aussicht hängen und zoomte dann auf das Gesicht der Sterbenden. Auf einmal wurde ihr bewusst, was sie da tat, und sie ließ sich auf die Bettkante sacken. Das hier war kein Kriegsgebiet, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Es gab keinen Kameramann, und sie hatte kein Skript.
Kapitel 3
Joan
Freitag, 3. August 1962, 13.00 Uhr
Die Sonne bricht durch die tief hängenden Wolken, und ich blinzele gegen die Helligkeit an, als ich durch das Tor am Ende des Gartens auf den Küstenpfad schlüpfe. Kurz darauf erreiche ich den Wachtturm. Derzeit ist es ziemlich ruhig hier, nur wenige Wanderer machen sich auf den Weg zum Carrickowel Point. Obwohl der Wachtturm wegen des Krieges erbaut wurde, ist er ein friedlicher Ort. Wolken jagen über den Himmel und sprenkeln die See mit ihren Schatten. In der einen Minute scheint die Sonne, in der anderen regnet es – typisches kornisches Sommerwetter, und das verlängerte Bankfeiertagswochenende steht unmittelbar bevor. In den nächsten Stunden werden die Gäste eintreffen. Alles ist vorbereitet. Die Speisekammer ist gut gefüllt, das Menü besprochen, die Sitzordnung steht. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Alles ist so, wie es sein sollte, wie man es erwartet.
Ich stelle den Blumenkorb auf den Boden, klettere die Stufen zum Wachtturm hinauf und schiebe mit dem Fuß eine vergessene Zeitung zur Seite. Ein rascher Blick zeigt mir, dass sie zwei Tage alt ist. Irgendwer muss sich an diesen Ort zurückgezogen haben, um in Frieden die Nachrichten lesen zu können. Auch wenn Nachrichten, die in der Zeitung stehen, alles andere als friedlich sind. Immer geht es um den Kalten Krieg. Ich habe genug von Sirenenalarm, Nukleartests und unbeholfenen diplomatischen Bemühungen. Hier in Cornwall, weit weg von Moskau, möchte ich jener Welt entfliehen. Wir müssen mal abschalten. Um uns herum herrscht viel zu viel Anspannung. Ich reiße ein Streichholz an, halte es an meine Zigarette und nehme einen tiefen Zug. Als ich den Rauch langsam ausatme, sehe ich die Spuren meines rosa Lippenstifts auf der Zigarette und spüre, wie die Nervosität ein klein wenig von mir abfällt.
Die Welt steht am Rand einer Katastrophe, und doch kommt mir das in diesem Moment, da ich auf die Bucht unter mir blicke, ganz weit weg vor. Unwillkürlich muss ich lachen, und ich ziehe ein weiteres Mal an meiner Zigarette. Der Rauch verschleiert mir die Sicht auf den Strand, doch durch den grauen Dunst hindurch kann ich sehen, wie unser Segelboot auf die Küste zuhält. Allan und unsere Tochter Diana sind stundenlang auf dem Wasser gewesen, und die hereinbrechende Flut erlaubt es ihnen, zurück an den Strand zu segeln. Sie werden ausgekühlt und erschöpft sein, was nicht gerade ideal ist, wenn man bedenkt, dass wir in wenigen Stunden Gäste bekommen, aber es wird schon alles gut gehen. Bestimmt bin ich bloß ein bisschen neidisch, weil sie so viel Spaß hatten. Die Freiheit, einen Tag auf dem Wasser verbringen zu können, ist ein Geschenk, ein Vergnügen, das mir in diesem Sommerurlaub noch nicht zuteilwurde. Nach diesem Wochenende werde ich die beiden begleiten.
Ich drücke die Schultern nach hinten und lasse den Nacken kreisen. Seit ich aufgewacht bin, bin ich ununterbrochen in Bewegung. Sogar das Blumenschneiden hat mir nicht die Muße verschafft, nach der ich mich gesehnt habe. Anfangs hatte ich mich auf die Geschäftigkeit gefreut, die Wochenenden wie dieses mit sich bringen, habe mich auf das Schöne, das Oberflächliche konzentriert, doch jetzt ist jeder Muskel in mir angespannt vor Erwartung. Die nächsten Tage müssen perfekt werden. Die Sonne soll scheinen und Boskenna voller Lachen und Fröhlichkeit sein. Morgen werde ich einen neuen Gast beim Dinner begrüßen, einen wichtigen Gast. Jedes verfügbare Bett im Haus wird besetzt sein. Ich werfe einen Blick auf den Blumenkorb, wohl wissend, dass ich zum Haus zurückkehren und die Sträuße fertigstellen sollte, aber die Einsamkeit hier oben im Wachtturm ist Balsam für meine Seele. Ich schließe die Augen und versuche, zur Ruhe zu kommen, lausche dem Gesang eines Vogels und dem Rauschen des Meeres unter mir, doch ständig ziehen Namen und Gesichter an meinem inneren Auge vorbei, als hätte ich meine Liste mit den Vorbereitungen vor mir. Morgen Abend zur großen Dinnerparty werden achtzehn Personen erwartet, heute nur zehn.
In mancherlei Hinsicht wird es leichter, wenn wir nach Moskau zurückkehren – aber eben nur in mancherlei Hinsicht, wie mich mein Magen, der sich unwillkürlich zusammenschnürt, erinnert. Wenn das Leben doch nur aus Ballettunterricht an der amerikanischen Botschaft und Hilfe bei den Hausaufgaben für Diana bestehen würde! Ich strecke die Hand aus und drehe anmutig mein Handgelenk. Meine Ballettlehrerin würde mich loben. Ich lache. Sie hat keine Ahnung, dass ich alles verstehe, was sie sagt, vor allem das, was sie vor sich hin murmelt. Sie beobachtet uns mit Argusaugen und tut so, als würde sie von unseren Plaudereien vor und nach dem Unterricht nur wenig mitbekommen, doch sie ist nicht anders als die anderen Russen, mit denen wir regelmäßig verkehren. Nichts ist so, wie es scheint.
Ich biege die Finger und berühre den Beton des Wachtturms. Ich habe die Kriegsjahre hier in Porthpean geliebt. Meine Eltern blieben in Indien, doch sie waren der Ansicht, ich sei hier sicherer. Das stellte sich in Anbetracht des Dauerbombardements von Plymouth und der vielen Beinahe-Treffer entlang der Küste als Irrtum heraus, dennoch war es eine wunderbare Zeit. Das Haus war voller Flüchtlinge und Evakuierter, darunter auch ich. Meine Hauslehrerin unterrichtete uns alle, aber das meiste lernte ich von den Flüchtlingen, darunter ein französischer Koch, ein tschechischer Wissenschaftler, eine polnische Linguistin und Elena, eine russische Gräfin und entfernte Verwandte meiner Mutter.
Elena war nach dem Blitz, dem großen Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf London, auf unserer Schwelle aufgetaucht. Ich berühre das Emaille-Medaillon an meinem Hals. Es ist mein Glücksbringer. Es hat ihr gehört, und sie hatte es nicht getragen, als sie 1952 beim Überqueren einer Straße in London von einem Bus erfasst und tödlich verletzt wurde. Wir hatten während unserer gemeinsamen Zeit in Boskenna ein enges Verhältnis zueinander aufgebaut, und ich war sehr bewegt, als ich erfuhr, dass sie mir ihren Schmuck hinterlassen hatte. Ich lasse das Medaillon los. Ich liebe es, wie es sich auf meiner Haut anfühlt. Wegen der imperialen Verbindung trage ich es nicht in Moskau. Elenas gesamter Schmuck bleibt für unsere Sommeraufenthalte in Boskenna versteckt. Bei der Ankunft hole ich die Schatulle hervor und trage meinen Schmuck. Boskenna ist ein Hafen, hier strotzen wir vor Glück – ob mit oder ohne Medaillon.
Meine beiden Lieben unten am Strand bereiten alles für ein Kricketspiel vor, Allan trägt den Schläger, während Diana durch den Sand rennt und dann abrupt zum Stehen kommt. Ich kann sie von hier aus grinsen sehen. Eilig nehme ich den Blumenkorb und laufe über den Pfad auf sie zu.
Am Strand angekommen lasse ich den Korb fallen und streife meine Schuhe ab. Der Sand ist kühl und feucht, weil es zuvor geregnet hat. Diana wirft, und ich sprinte los, um den Ball zu fangen. Allan rennt hin und her und will den Ball abwehren, aber ich schnappe ihn mir lachend. Freudenschreie füllen die Luft, dann nimmt Diana den Schläger und macht sich bereit. Allan wirft so, dass es Diana gelingt, den Ball wegzuschlagen, und ich greife daneben. Diana rennt mit fliegenden Zöpfen los. Irgendwann schnappe ich mir den Ball doch, und Allan wirbelt unsere Tochter durch die Luft, dann kreiseln wir zusammen durch den Sand.
»Du bist dran, Mummy!«, ruft sie ausgelassen.
»Als Batsman bin ich ein hoffnungsloser Fall.«
Allan zieht die Augenbrauen hoch. »Ich kann nicht behaupten, dass deine Fähigkeiten auf dem Feld viel besser sind.« Er lacht leise. »Da ist dir sogar Salome noch um Längen voraus.«
»Natürlich ist sie das, Daddy. Hunde können hervorragend Bälle fangen.« Diana lächelt, und ich stelle mir sie und unseren Hund beim Ballspielen in den Parks von Moskau vor. Der Hund würde es hier genauso lieben wie wir.
»Versuch’s doch mal, Mummy!«
Ich drücke ihr einen Kuss auf die Nase und nehme den Schläger. In den Sommerurlauben vor dem Krieg habe ich oft am Strand Kricket gespielt. Allan macht einen Riesenwirbel um seinen Wurf. Ich höre, wie Diana hinter mir auf und ab hüpft, dann sehe ich, dass Allan den Ball fallen lässt und auf mich zuläuft. Stirnrunzelnd drehe ich mich um. Ein Segelboot steckt in Schwierigkeiten, ist auf die Felsen aufgelaufen, deren Spitzen die steigende Flut gerade eben bedeckt. Diana winkt wie verrückt, um die Besatzung auf sich aufmerksam zu machen. Es sieht nicht gut aus. So viel zum Thema »entspannte Familienzeit«. Zweifelsohne handelt es sich um Touristen, die hier das verlängerte Wochenende verbringen, aber der Wind und die Wetterbedingungen heute sind nicht gerade ideal für unerfahrene Segler. Bald wird der goldgelbe Sand vom Meer überspült sein und die Brise von Osten dafür sorgen, dass die unglücklichen Ausflügler immer mehr gegen die Felsen gedrückt werden.
Ich schüttele den Kopf. In etwa einer Stunde wird das Boot wieder frei sein, doch nicht, ohne einen gehörigen Schaden davongetragen zu haben.
Allan ist bereits im Wasser. Verdammt! Obwohl ich mich über ihn ärgere, genau wie über die Fremden, lächle ich. Allan ist ein ausgesprochen hilfsbereiter Mann, und das ist einer der Gründe, warum ich ihn liebe.
Diana und ich sehen zu, wie Allan, knietief in den Wellen, das Boot von der Seite packt und stützt, als es von einer Böe gepackt wird. Obwohl ich ihn nicht hören kann, weiß ich, dass er die Fremden anweist, das Segel einzuholen, doch allem Anschein nach haben sie so etwas noch nie gemacht. Es wäre lustig, ihnen bei ihren unbeholfenen Versuchen zuzusehen, würden nicht in Kürze die Gäste eintreffen.
Dianas Blick verfinstert sich. »Oh, das sind die Venns.«
»Die Leute, die dein Vater neulich erwähnt hat?«
Sie nickt, und im selben Moment hoffe ich, dass Allan sie nicht auf einen Drink ins Haus einlädt. Damit hat er schon die ganze Woche über gedroht. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann diese Leute in unseren Gesprächen aufgetaucht sind, doch erst gestern Abend hat er sie erneut erwähnt. Sie wirken völlig arglos und scheinen hoffnungslose Fälle zu sein, was das Segeln anbetrifft.
Es gelingt Allan, das Boot von den Felsen zu manövrieren. Er nimmt die Fangleine und zieht das Boot zu Diana und mir an den Strand. Dabei deutet er auf Boskenna, und mir sinkt der Mut. Ich habe jetzt weder die Zeit noch die Kraft für unerwartete Gäste. Allan sollte das eigentlich wissen, sollte spüren, dass mir das nicht passt, aber seit wir hier sind, ist er nicht mehr er selbst. Er kann einfach nicht abschalten – was allerdings kein Wunder ist, wenn man aus Moskau kommt, wo wir leben wie auf dem Präsentierteller. Doch seine Rastlosigkeit ist diese Woche anders, und ich mache mir Gedanken, weil ich nicht sagen kann, woran das liegt. Automatisch streiche ich mir mit der Hand über den Bauch. Meine letzte Fehlgeburt hat ihn härter getroffen als mich. Für einen Mann, der sich nie Kinder gewünscht hat, gibt er einen exzellenten Vater ab, was uns beide überrascht.
Einer der Segler springt vom Boot. Seine Badehose gibt viel zu viel Oberschenkel frei. Dazu trägt er ein leichtes Hemd mit Blumenmuster. Er sieht recht gut aus, aber abgesehen davon, dass er nicht segeln kann, hat er auch keinerlei Ahnung, wie man sich an einem Sommertag in Cornwall kleidet. Der Ostwind ist mitunter ziemlich frisch. Die Wettervorhersage verspricht für morgen strahlenden Sonnenschein und Wärme, aber das glaube ich erst, wenn es so weit ist. Im Augenblick versteckt sich die Sonne hinter den Wolken, und ich wäre nicht überrascht, wenn es Regen geben würde.
Diana nimmt meine Hand, und ich sehe auf sie hinab. Mit ihrem marineblauen Seemannspullover ist sie gut angezogen für einen Tag am Wasser. Sie hat ihre Baumwollhose bis zu den Knien hochgerollt – und gibt das typische Bild eines kornischen Mädchens ab mit ihrem dunklen Haar und den braunen Augen. Die Frau mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen dagegen, die jetzt aus dem Boot klettert, ist genauso unpassend gekleidet wie ihr Ehemann. Ich straffe die Schultern und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Ich bin genauso angezogen wie meine Tochter, während diese Frau für die Côte d’Azur zurechtgemacht ist mit ihrer eleganten weißen, kurzen Hose und der ärmellosen Bluse, die sie in der Taille geknotet hat, was ihren gebräunten Bauch zur Geltung bringt.
Zusammen mit Allan ziehen die Venns das Boot auf den Sand. Ich setze mein obligatorisches Lächeln auf und versuche, den Blick meines Mannes einzufangen, doch er ist ganz auf die Fremden konzentriert.
»Liebling«, wendet er sich schließlich mir zu. »Ich möchte dich mit Ralf und Beth Venn bekannt machen. Die Amerikaner, von denen ich dir erzählt habe.« Er strahlt die beiden mit seinem jungenhaften, verbindlichen Lächeln an, das ihn sehr viel jünger wirken lässt als seine sechsunddreißig Jahre. »Sie haben Penweathers gemietet.«
»Hallo.« Ich halte Beth Venn, die mich um einiges überragt, meine Hand hin, und sie streckt ihren gebräunten Arm aus. Ihr Händedruck ist schlaff. Ich bin nicht klein, aber ich muss aufschauen, um ihrem Blick zu begegnen, der nur kurz auf mir ruht.
»Willkommen in Cornwall«, sage ich, dann drehe ich mich zu Ralf Venn um und strecke ihm meine Hand entgegen. Sein Händedruck ist fest, doch er wendet sich ebenso schnell von mir ab wie seine Frau.
»Vielen Dank. Es ist wunderschön hier, nur das Segeln ist etwas anders als zu Hause.« Er grinst und weicht meinem Blick aus. Ich mag ihn nicht, obwohl er gut aussieht, und kann mir diese Reaktion selbst nicht recht erklären. Es fühlt sich an wie Eifersucht.
Ich ziehe fragend eine Augenbraue in die Höhe. »Tatsächlich? Gibt es dort etwa keine Segelboote?«
Er lacht, doch anders als die meisten Amerikaner, die ich kenne, weicht er meinem Blick immer noch aus. »Der war gut. Nein, wir kommen aus Chicago und sind bisher nur auf Seen gesegelt.«
»Verstehe.« Aber das tue ich nicht. Sein Akzent klingt ganz und gar nicht nach Mittlerem Westen.
»Ich habe die beiden für heute Abend auf einen Drink eingeladen, aber sie haben schon etwas vor.« Allan sieht mich an. Ich erwidere seinen Blick. »Deshalb kommen sie morgen Abend zum Dinner.«
Ich schlucke die Antwort herunter, die mir sofort auf der Zunge liegt. Morgen ist ein wichtiger Abend, und ich kann keine Unbekannten in der Gleichung gebrauchen. Aufgebracht funkele ich Allan an, dann drehe ich mich zu seinen neuen Freunden um und sage liebenswürdig: »Wie schön.«
»Sie haben Penweathers für ein ganzes Jahr angemietet, daher dachte ich, es wäre nett, wenn sie ein paar Leute kennenlernen.«
»Aber sicher doch.« Ich presse die Lippen zusammen, dann ziehe ich die Mundwinkel nach oben zu etwas, was einem Lächeln ansatzweise nahekommt. Zwei weitere Personen macht zwanzig. »Wunderbar. Dann sehen wir uns morgen Abend um halb sieben auf ein, zwei Drinks, und anschließend gibt es etwas zu essen.« Ich streiche mir eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und bin aus einem unerfindlichen Grund verlegen. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss zum Haus zurückkehren. Die ersten Gäste müssten jeden Moment eintreffen«, lüge ich. Als ich den Blumenkorb aufhebe, höre ich, wie Allan Pläne mit den Venns für den morgigen Tag macht. Er möchte mit ihnen und unseren Gästen das angekündigte gute Wetter genießen. Ein Stück kobaltblaues Seeglas fängt funkelnd einen Sonnenstrahl ein, und ich bücke mich und hebe es auf, dann steige ich mit einem langen Seufzer die Stufen zum Garten hinauf. Irgendetwas stimmt nicht mit den Venns, und ich habe keine Ahnung, was. Allerdings fehlt mir die Zeit, noch länger darüber nachzugrübeln.
Kapitel 4
Lottie
3. August 2018, 15.10 Uhr
Der Verkehr auf der A390 kam zum Stehen. Lotties Fingerknöchel wurden weiß. Würde sie es noch rechtzeitig schaffen? Warum nur hatte sie ihr Handy gestern Abend nicht aufgeladen? Als sie am Morgen aufgewacht war und ihr Smartphone eingesteckt hatte, waren drei Nachrichten von Gramps darauf gewesen, der sie um Rückruf bat. Die letzte hatte gelautet: »Mein liebes Mädchen, sie geht von uns. Ich glaube nicht, dass es noch lange dauert.« Seine Stimme war gebrochen, und Lottie hatte ein Schluchzen unterdrückt. Es war die letzte Nacht in ihrem Apartment gewesen, und ihr Wagen war bereits gepackt. Sie hatte nur noch die restlichen Sachen im Kofferraum verstauen und wegen der Schlüsselübergabe auf den Immobilienmakler warten müssen.
Von hier aus waren es noch drei Meilen bis Boskenna. Am liebsten hätte sie Gas gegeben und all die anderen Leute überrollt. Wussten die denn nicht, dass sie dringend nach Hause musste? Sie atmete tief aus und warf einen Blick auf die Treibstoffanzeige. Unter normalen Umständen würde das Benzin bis Boskenna reichen, aber bei diesem Verkehr könnte es knapp werden.
Um sich abzulenken, stellte sie das Radio an. Sie konnte ohnehin nichts tun – und das schien langsam zu ihrem Lebensmotto zu werden. Ray Charles sang »I Can’t Stop Loving You«, der Titelsong im Soundtrack ihres Lebens. Nur ein paar Töne, und sie war wieder im Sommer 2008.
In dem Sommer, der ihr gezeigt hatte, dass sich das Leben von einem Moment auf den anderen verändern konnte, und jetzt stand eine weitere Veränderung bevor. Der Reiseverkehr an einem Freitag im August war nie angenehm, aber das hier war brutal. Cornwall war voller Menschen und sie mittendrin, dabei war noch nicht einmal Feiertag. Sie würde alles dafür geben, dass dies ein ganz normaler Besuch wäre, doch sie hatte die Angst in Gramps’ Stimme gehört.
Wieder kam der Verkehr zum Erliegen, nur auf der Gegenfahrbahn ging es noch voran. Vor ihr musste es einen Unfall gegeben haben. Heute war angeblich der heißeste Tag des Sommers. Gedankenverloren verfolgte sie, wie die Nadel der Benzinanzeige ihres alten Fiesta immer wieder in den roten Bereich sackte. Genau wie ihr Bankkonto, das ebenfalls leer war. Seit der letzten Tankfüllung war sie zweihundertsechsundachtzig Meilen gefahren. Noch nie zuvor hatte sie ihre Finanzen, geschweige denn ihren Benzintank trockengelegt. In ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz befanden sich noch fünf Pfund, ihr Handy und sonst so gut wie nichts. Sie biss die Zähne zusammen und gab sich Mühe, an etwas Positives zu denken, was ihr im Augenblick ziemlich schwerfiel.
Die Fahrzeuge setzten sich wieder in Bewegung. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel. Im Auto befanden sich all ihre Habseligkeiten, aber auch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie wollte es nur rechtzeitig nach Boskenna schaffen, um noch einmal ihre Großmutter sehen zu können. Sie musste es schaffen. Ihr letzter Besuch dort war alles andere als gut verlaufen, und die Telefonanrufe danach hatten irgendwie gekünstelt gewirkt. Das durfte nicht ihr letztes Gespräch mit Gran gewesen sein, das würde Lottie nicht zulassen.
Mit zehn Meilen pro Stunde kroch sie über die verstopfte Straße, bis sie endlich die Ursache des Staus entdeckte: ein defektes Wohnmobil. Angespannt wartete sie darauf, dass der Motor ihres alten Fiesta zu stottern anfing und den Geist aufgab, aber er ließ sie nicht im Stich. Endlich bog sie links ab, fuhr vorbei an dem neuen Häuserkomplex und hielt sich dann ebenfalls links Richtung Porthpean. Der erste Anblick der St Austell Bay traf sie wie immer völlig unerwartet, obwohl sie diese Strecke schon tausendmal zurückgelegt hatte. Zum Greifen nahe war die Bucht von einer solchen Schönheit, dass ihr das Kinn herunterklappte. Die leuchtend blaue See glitzerte, Gribben Head ragte unter einem strahlend blauen Himmel ins Wasser hinein. Die Straße wurde jetzt immer schmaler, und ihr Herz schlug schneller vor Freude, doch diese Freude verflog schnell. Gran.
Noch bevor sie ein weiteres Mal abbog und mit dem letzten Tropfen Benzin durch die grünen Holztore rollte, die dringend gestrichen gehörten, kam Boskenna in Sicht – weiß, grün und blau. Haus, Rasen und Meer. Eine perfekte Harmonie. Friedlich. Nirgendwo anders fühlte sie sich mehr zu Hause als hier. Bis zur Uni hatte sie sämtliche Schulferien hier verbracht.
Lottie parkte, stieg aus und atmete tief ein. Der leichte Wind brachte den Geruch nach Meer und frisch geschnittenem Gras mit sich. Sie würde das schaffen, dachte sie und streckte das Rückgrat durch. Gramps brauchte sie. Als sie auf die Haustür zustrebte, entdeckte sie im Garten einen Mann mit breiten Schultern. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie zu ihm hinüber. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie Alex vor sich hatte, aber das konnte nicht sein. Das war bloß Wunschdenken, hervorgerufen durch den alten Song im Radio. Sie hatte seit zehn Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen, und die letzten Worte, die sie zu ihm gesagt hatte, waren mehr als ungerecht gewesen. Aber das war im Augenblick unwichtig. Alles, was jetzt zählte, war Gran. Lottie beschleunigte ihre Schritte. Aus dem Augenwinkel nahm sie ein Meer von riesigen violetten Schmucklilien vor der weißen Hauswand wahr, eine unglaublich intensive Farbe. Die Blüten leuchteten wie Tansanit. Boskenna war aus jedem Blickwinkel anders, aber diese Aussicht auf die Eingangstür mochte sie am liebsten. Sie hatte sie jedes Mal willkommen geheißen, genau wie jetzt.
Die Haustür schwang auf, und Gramps humpelte heraus, schwer auf einen Stock gestützt. Das war neu. Im Februar hatte er noch keinen Stock gebraucht. Lottie schluckte, dann schlang sie die Arme um ihn. »Gramps, es tut mir so leid, dass ich deine Anrufe verpasst habe.«
»Lottie, mein Schatz, mach dir deswegen keine Gedanken. Du bist hier, das ist alles, was zählt.« Sein Lächeln hätte nicht breiter sein können, aber er sah aus, als stünde er kurz vor einem Zusammenbruch. Er war achtundachtzig, sein Geburtstag lag erst einen Monat zurück, doch wie hatte er so schnell so stark abbauen können?
»Gran?« Sie suchte sein Gesicht nach Anzeichen von Hoffnung ab. Es gab keine.
»Sie schläft.« Er seufzte.
»Mum?«
»Noch oben, nehme ich an.« Er schüttelte den Kopf. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. »Ich habe sie noch nicht gesehen.« Seine Mattheit brach ihr das Herz, und am liebsten hätte sie ihn noch einmal in die Arme geschlossen. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte Paul sie begleitet, und vielleicht hatte sie deshalb nicht bemerkt, wie gebrechlich Gran und Gramps geworden waren. Sie war viel zu sehr darauf konzentriert gewesen, Paul eine schöne Zeit zu bereiten. Es war ihr nicht gelungen. Paul hatte Cornwall gehasst. Es hatte geschüttet, als würden sie eine Arche brauchen. Vielleicht hatte die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht, oder Cornwall wollte ihr ein Zeichen geben, das sie jedoch ignoriert hatte. Hätte sie bloß darauf geachtet!
Gramps schien geschrumpft zu sein seit ihrem letzten Besuch. Er war nie ein großer Mann gewesen, aber durchaus fit für sein Alter. Jetzt stand er vor ihr und wirkte einfach nur alt, sehr alt.
»Du hast bestimmt Durst auf einen Tee. Die Fahrt muss schrecklich gewesen sein.« Seine Stimme klang noch immer fest und markant durch jene spezielle Mischung aus englischem Vokabular und amerikanischer Aussprache, die sie ein bisschen an JFK in den alten Dokumentarfilmen erinnerte.
»Ist es in Ordnung, wenn ich schnell nach Gran sehe und dann eine Tasse Tee trinke?«
Er nickte.
»Ich verspreche auch, dass ich sie nicht wecke.«
»Ab mit dir!« Er lächelte.
Sie eilte die Stufen hinauf zum Zimmer ihrer Großmutter, platzte atemlos durch die Tür und blieb dann abrupt stehen. Gran saß schlafend in einem großen Lehnsessel. Ihre Haut war dünn und leicht gelblich, das weiße Haar lag platt an ihrem Kopf an. Lottie streckte die Hand danach aus. Das konnte sie richten. Einmal mit dem Kamm durchfahren, und schon sähe Gran wieder mehr aus wie Gran. Kämmen und ein bisschen rosa Lippenstift.
Der Schlauch einer Sauerstoffsonde hing über ihrer eingefallenen Wange. Vor sechs Monaten hatte sie noch im Garten gearbeitet. Die Kamelien standen kurz vor der vollen Blüte, und Gran hatte eine in die Höhe gehalten und gesagt: »Die roten Kamelien stehen für Liebe, Leidenschaft und Verlangen.« Sie hatte eine Blüte hinter Lotties Ohr gesteckt, dann hatte sie hinzugefügt: »Du weißt es, wenn du diese Dinge gefunden hast, und es wird genau dann passieren, wenn du am wenigsten damit rechnest.« Lottie hatte das für ein Zeichen gehalten, aber wenn es denn eines gewesen war, hatte sie es missverstanden. Sie hatte gedacht, Paul wäre derjenige, nach dem sie gesucht hatte, doch das stimmte nicht. Eine weiße Blüte war Gran vor die Füße gefallen. Lottie hatte sie aufgehoben und ihrer Großmutter gereicht. Auf Grans Lippen war ein Lächeln getreten, aber ihre Augen hatten traurig geblickt. »Die weiße Kamelie kann für Glück, Vollkommenheit und Liebenswürdigkeit stehen, doch in Japan bedeutet sie Tod und Unglück.«
Lottie sah sich im Raum um, doch sie konnte nirgendwo Blumen entdecken. Das war nicht richtig so. Sie war sich sicher, dass der Garten um diese Jahreszeit voll davon war. Gran hatte immer Blumen in ihrem Zimmer und im ganzen Haus stehen, sogar mitten im Winter. Wenn sie sich recht erinnerte, gab es einen ganz bestimmten duftenden Baum, der jetzt in voller Blüte stehen müsste. Blumen würden helfen, selbst wenn sie ambivalente Botschaften vermittelten.
Sie bückte sich und küsste Grans Wange. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. Ihre Großmutter regte sich nicht. Schweren Herzens wollte Lottie das Zimmer verlassen, doch plötzlich schlug Gran die Augen auf und lächelte.
»Lottie, meine Liebe.«
Lottie eilte an ihre Seite zurück.
»Ich freue mich so, dass du hier bist.« Sie warf einen Blick Richtung Tür. »Hast du deinen jungen Mann mitgebracht?«
Lottie sah zur Seite und zwang sich, einfach die ihr gestellte Frage zu beantworten. »Nein. Er ist weg.«
»Aha.« Gran musterte ihre Enkelin kurz, dann griff sie nach Lotties Hand. »Ich dachte, ich hätte die Stimme von deiner Mutter gehört.«
»Sie ist hier, aber ich habe sie noch nicht gesehen.«
Ihre Großmutter nickte und schloss die Augen.
»Kann ich dir etwas bringen?«
»Nein danke, Liebes. Ich bin nur müde … verzeih mir«, lehnte Gran lächelnd ab.
»Ruh dich aus. Ich besorge dir unterdessen ein paar Blumen.«
Ohne die Augen zu öffnen, erwiderte die alte Dame: »Das wäre schön. Vielen Dank.«
Lottie warf einen letzten Blick auf ihre Großmutter und kämpfte mit den Tränen. Wie hatte ihr nur entgehen können, dass Gran krank war? Vermutlich war sie zu beschäftigt mit ihrem eigenen Leben gewesen – und das war wahrhaftig ein Chaos.
Unten wehte der Geruch der See – der Ebbe, um genau zu sein – durchs offene Arbeitszimmerfenster herein. Mein Gott, wie sehr sie diesen Ort liebte! Auch wenn alles andere in ihrem Leben falsch war – hier zu sein war richtig. Lottie ging zu ihrem Wagen, um ihr Handy zu holen.
Drei Nachrichten von Sally, ihrer Anwältin und besten Freundin, waren eingegangen.
Jamie Sharp, ein Privatdetektiv, wird sich mit dir in Verbindung setzen. Habe ihm alles erzählt.
Lottie schluckte, als sie an die Kosten dachte, und öffnete die nächste Nachricht.
Mach dir keine Sorgen wegen der Kosten. Er schuldet mir einen Gefallen.
Sie blickte hinaus auf die Bucht. Dieser Jamie Sharp würde ihr wohl kaum helfen können. Die Polizei wusste nicht, wo Paul sich aufhielt, und seine Mutter auch nicht. Sie tippte auf die letzte Nachricht.
Er hat mich gerade angefunkt, um mir zu sagen, dass er etwas entdeckt hat. Ich liebe diesen Mann. Er meldet sich bei dir. Grüß deine Großeltern ganz herzlich von mir. Kuss und Umarmung, S.
Bin angekommen, schrieb Lottie hastig. Gran geht es gar nicht gut. Gramps hält sich tapfer. Danke für deine Hilfe. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun sollte.
Selbst wenn sie Paul aufspürten, wäre es zu spät. Seufzend nahm Lottie ihre Handtasche vom Beifahrersitz. Alles andere würde sie später holen. Erst einmal wäre es besser, wenn niemand mitbekam, dass sie all ihre Sachen bei sich hatte. Sie wollte auf keinen Fall, dass die anderen von ihrer gegenwärtigen Situation erfuhren und sich Sorgen um sie machten. Sie war achtundzwanzig Jahre alt und würde ihre Probleme allein lösen.
Sie schlenderte über den Kies zurück ins Haus. In der Eingangshalle blieb sie stehen und holte tief Luft. Boskenna war so wie immer, aber sie hatte sich verändert, seit sie das letzte Mal einen Fuß hierhergesetzt hatte. Die große Porzellanvase stand nach wie vor in der Ecke. Darin steckten genügend Schirme und Gehstöcke, um eine ganze Armee auszurüsten. Auf dem Tisch an der Wand unter dem großen Spiegel sah sie die Schale mit Seeglas, bedeckt von einer feinen Staubschicht. Lottie fuhr mit den Fingern über ein rund geschliffenes, trübes Stück Glas, das an einen Aquamarin erinnerte, vom Meer in die perfekte Form gebracht. Sie drehte es zwischen den Fingern und versuchte sich vorzustellen, wie ihre Großmutter es eines Morgens auf einem ihrer Strandspaziergänge gefunden hatte. Die Schätze des Strandes hatten Lottie zu ihrem Beruf inspiriert. Als Kind hatte sie Schmuck aus altem Gartendraht gebastelt. Vielleicht hätte sie Seeglas und andere Kostbarkeiten, die das Meer hervorbrachte, für ihre Kollektion verwenden sollen, dann wäre sie jetzt nicht pleite.
Hinter den Glastüren im Flur bedeckten wunderschöne blumenverzierte Porzellanteller die obere Hälfte der Wände. Dieser Teil des Hauses war in den 1840er-Jahren angebaut worden. Die Decke war hoch, die weiße Holzvertäfelung erreichte eine Höhe von einem Meter achtzig. Zu ihrer Rechten befand sich der Salon mit dem Piano und den Familienporträts, aber anstatt ihn zu betreten, ging sie weiter durch den Türbogen in das ursprüngliche Haus. Das Nachmittagssonnenlicht strömte durch die nach Süden gehenden Fenster und wärmte die breiten Bodendielen. Sofort schien sie das Haus mit seinen niedrigeren Decken zu umschließen wie eine lang ersehnte Umarmung. Anscheinend war sie nicht die Einzige, die sich hier wohlfühlte. Ein Spinnennetz zog sich von der Deckenlampe zu der großen Standuhr, aber das würde sie später mit einem Staubwedel entfernen. Sie machte sich im Geiste eine Liste: die Tore streichen, Staub wischen … Mit jedem Blick kam mehr dazu. War die Haushaltshilfe im Urlaub? Wenn ja, hätte sie keinen unpassenderen Zeitraum dafür wählen können.
Im Familienzimmer war der Teetisch gedeckt. Beim Anblick des rosa-weißen Battenbergkuchens mit seinem köstlichen Biskuit fing Lotties Magen an zu knurren. Gran lag im Sterben, aber das Leben hier in Boskenna nahm seinen Lauf wie immer.
Gramps humpelte auf sie zu, die Teekanne in einem gefährlichen Winkel in der Hand. Lottie nahm sie ihm eilig ab. Wie schaffte er das nur? Hatte er das Teegeschirr Stück für Stück hier hereingetragen?
»Hast du unterwegs zu Mittag gegessen?«, erkundigte er sich, und sie wandte sich ab und schüttelte den Kopf. Solange sie denken konnte, war er ihr Vertrauter gewesen, vor allem, wenn sie nicht mit Gran oder Mum reden konnte. Jetzt fand sie nicht den Mut, ihm zu gestehen, dass sie sich nicht mal ein Mittagessen leisten konnte. Eine solche Aussage würde eine Erklärung fordern, und die wollte sie nicht abgeben. Er hatte Paul nicht leiden können, und die Abneigung hatte auf Gegenseitigkeit beruht – einer der Gründe, warum sie ihre Großeltern und ihr geliebtes Boskenna seit jenem verregneten Wochenende im Februar nicht mehr gesehen hatte. Sie hätte auf Gramps hören sollen, aber im Nachhinein war man ja immer klüger.
Stirnrunzelnd ließ er sich in seinen Lieblingssessel am Kamin fallen. »Bist du so lieb und schenkst uns ein?«
Sie füllte seine Teetasse und rührte einen kleinen Löffel voll Zucker hinein. »Soll ich dir ein Stück Kuchen abschneiden?«
»Ja danke, aber nur ein kleines, bitte.«
Das silberne Kuchenmesser war angelaufen. Noch ein Job, den sie für die beiden erledigen könnte. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie bleiben würde, doch wenn sie schon mal hier war, konnte sie sich genauso gut nützlich machen. Sie schnitt sich ein dickes Stück Kuchen ab. Der Battenbergbiskuit mit seinem Schachbrettmuster stand sinnbildlich für ihre Kindheit. Ihr Leben war in Quadrate unterteilt gewesen: Zeit mit Mum, Zeit im Internat, Zeit in Boskenna, Zeit bei Freunden. Das Einzige, was nicht passte, war die identische Größe der Quadrate. Das Internat und Boskenna müssten größer sein. Im Augenblick war ihr Leben allerdings weit davon entfernt, ein Kuchen zu sein, und wenn doch, dann hätte er mit Sicherheit einen matschigen Boden und würde eher fade schmecken.
Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, als sie nach der zierlichen Kuchengabel griff. Zumindest die Gäbelchen befanden sich in tadellosem Zustand. Es dauerte einen Moment, bis der Zucker auf ihrer Zunge explodierte, auf ihren leeren Magen traf und sich mit dem Koffein des Tees vermischte. Über Gramps’ Schultern hinweg sah sie den Staub, der sich in den Ecken der Bücherregale sammelte. Zwischen den Büchern über die Heimatgeschichte standen einige ihrer Lieblingskinderbücher. Der Kuchen in ihrem Mund wurde trocken, als sie an ihre Großmutter dachte.
»Sag mir, was mit Gran ist«, bat sie ihren Großvater.
Er griff nach seiner Tasse. »Es sieht nicht gut aus.«
Darauf wusste Lottie nichts zu erwidern. Gramps blickte in seinen Tee. Seine Hand zitterte.
»Der Doktor sagt nicht viel.« Er schaute aus dem Fenster. »Sie ist fünfundachtzig …«
Lottie folgte seinem Blick. Gribben Head brütete in der Sonne. Sie hatte noch nie einen Sommer wie diesen erlebt. In London war es heiß und drückend gewesen, hier dagegen war die Luft frisch und roch nach Meer.
»Aber vor ein paar Monaten ging es ihr doch noch gut.«
»Das stimmt.« Seine Stimme klang wehmütig.
Lottie stand auf und kniete sich neben ihn. »Es tut mir so leid.«
»Mir auch. Mir auch.« Er tätschelte ihre Hand.
Ihre Mutter ging an der Tür zum Familienzimmer vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Lottie stand auf.
»Ich hoffe, sie kommt damit zurecht.« Gramps nickte in Richtung ihrer Mutter und drückte Lotties Hand. »Geh zu ihr.« Seine Stimme klang sanft, aber Lottie verstand. Gramps wusste, dass die Beziehung zwischen ihr und Mum nicht einfach war, genauso wenig wie die zwischen Mum und Gran. Gramps war sehr sensibel. Er konnte die Menschen leicht durchschauen, vor allem Lottie.
»Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Mir geht es gut. Ich werde jetzt nach deiner Großmutter sehen. Es dauert noch ein bisschen, bis die Pflegerin kommt«, sagte er und rappelte sich mühsam aus seinem Sessel auf, dann schloss er sie aufmunternd in die Arme und schob sie sanft zur Tür.
Kapitel 5
Lottie
3. August 2018, 16.30 Uhr
Als Lottie zur Haustür hinausging, bemerkte sie den Nebel, der vom Meer aufstieg und über den Rasen kroch. Gribben Head war verschwunden, der Wind war abgeflaut, die Luft unbewegt. In der Vergangenheit hatte sie immer gedacht, die Welt würde stehen bleiben, wenn dies passierte. Vor ihr ging ihre Mutter durchs Tor auf den Küstenpfad und schlug die Richtung ein, die zum Strand führte. Lottie rannte ihr nach.
»Mum?«
Ihre Mutter warf einen Blick über die Schulter und nickte, sagte aber nichts. Sogar aus der Entfernung bemerkte Lottie die Schatten unter ihren dunklen Augen. Wo war ihre Mutter in den letzten Wochen gewesen? Nach ihren Einsätzen brauchte sie stets eine gewisse Zeit, um sich wieder zu entspannen. Lottie wusste, dass sie jetzt besser nichts sagen sollte. Sie war einfach nur dankbar, dass ihre Mum auch hier war. Ihre Schritte verlangsamten sich. Sie rechnete damit, dass ihre Mutter Richtung Strand gehen würde, doch sie folgte dem Weg zur St Levan’s Church.
Bei der Kirche angekommen betrat sie den kleinen Friedhof neben dem Gebäude. Es gab nicht viele Gräber. Vor einem schlichten Stein aus Granit blieb sie stehen.
Allan Edward Charles Trewin
Geb. am 4. August 1926
Gest. am 5. August 1962
Geliebter Ehemann und Vater
Erst sechsunddreißig. So jung. Allan Trewin war ihr Großvater, und Lottie war schon vorher an seinem Grab gewesen, aber dies war das erste Mal, dass sie es zusammen mit ihrer Mutter besuchte. Irgendwie kam ihr das verkehrt vor, aber die wenigen Male, die Mum nach Boskenna gekommen war, konnte sie an einer Hand abzählen. Lottie schloss die Augen. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um über die Vergangenheit nachzugrübeln, auch wenn einem das auf einem nebelverhangenen Friedhof schwerfiel. Mittlerweile hatte der Nebel Porthpean überzogen, winzige Wassertröpfchen legten sich auf alles um sie herum, glätteten jede Oberfläche und ließen auch ihre Mutter, die völlig abwesend schien, weicher wirken.
Plötzlich drehte sie sich zu Lottie um. »Wer hat diese Blumen hierhergestellt?«
Lottie zuckte die Schultern. Soweit sie wusste, standen hier immer frische Blumen. Heute waren es leuchtend violette Schmucklilien mit roten Montbretien, die an Sternschnuppen erinnerten. Gran konnte sie nicht hergebracht haben, und dass Gramps dem ersten Mann seiner Ehefrau Blumen aufs Grab stellte, konnte sie sich auch nicht recht vorstellen. Die Leute waren seltsam, aber so seltsam nun auch wieder nicht.
»Lottie?«
Sie blinzelte. »Keine Ahnung.«
Ihre Mutter wandte sich wieder dem Grab zu.
»Warum sind wir hier, Mum?«
Ihre Mutter seufzte. »Sein Todestag nähert sich.« Sie fuhr mit dem Finger den Namen ihres Vaters nach, dann die Daten. Es musste furchtbar gewesen sein, ihn zu verlieren, als sie erst acht Jahre alt gewesen war, doch wenigstens hatte sie ihren Vater kennengelernt. Lottie hatte nie einen Vater gehabt. Nun, natürlich musste es irgendwo einen biologischen Erzeuger geben, doch ihre Mutter hatte beschlossen, seine Identität für sich zu behalten. Auch wenn es albern war, verspürte Lottie so etwas wie Eifersucht, dass ihre Mutter zumindest einen Grabstein besuchen konnte. Diana hatte nicht nur einen Vater gehabt, nein, sie hatte auch einen Stiefvater, selbst wenn sie Gramps nicht mochte. Lottie liebte Gramps, aber ihre Mutter machte sich nichts aus ihm – und das war noch höflich ausgedrückt. Den Grund dafür hatte Lottie nie verstanden. Soweit sie wusste, war Gran dreizehn Jahre lang Witwe gewesen, bevor sie wieder geheiratet hatte. Lotties Mutter war damals einundzwanzig gewesen und schon lange kein Kind mehr. Doch offenbar blieb man in mancherlei Hinsicht für immer ein Kind.
Sie spähte durch den Nebel und stellte fest, dass ihre Mutter noch immer mit dem Grabstein befasst war. Nichts ergab Sinn, schon gar nicht, jetzt hier zu sein. Gran lag im Sterben, und ihre Mutter stand auf einem nasskalten Friedhof und strich mit dem Finger über einen moosüberzogenen Grabstein. Lottie räusperte sich.
Ihre Mutter blickte auf, die Augen verschattet. Lottie kannte diesen Blick. So sah Mum aus, wenn sie Dinge in sich verschloss, wie beispielsweise das Grauen, das sie bei ihrer Arbeit sah. Lottie streckte den Arm aus und berührte sie an der Hand.
»Manches lässt einen niemals los.« Mums Stimme klang erstickt. »Alles hat sich verändert.«
Lottie umschloss die langen, eleganten Finger ihrer Mutter, die so anders waren als ihre. Als Diana sie ansah, bemerkte Lottie den Schmerz in ihren Augen, den sie gleich darauf wieder verbarg.
»Ich habe in die Vergangenheit geblickt, doch ich sehe so wenig.«
»Ach, Mum.« Lottie trat einen Schritt näher. »Hast du Gran gefragt?«
Sie nickte. »Sie spricht nicht darüber.«
»Es muss auch für sie schmerzhaft sein.« Lottie stellte sich die gebrechliche alte Dame in ihrem Schlafzimmer in Boskenna vor, die nicht im Mindesten an die vor Leben sprühende Frau mit dem hochgesteckten Haar und dem klassisch-schönen Gesicht auf den Schwarz-Weiß-Fotos im Haus erinnerte. Ihre Kleidung war elegant, das Make-up ganz im Stil der Sechziger- und Siebzigerjahre. Fotos von Allan Trewin gab es keine. Sein Tod musste grauenvoll für Gran und ihre Mutter gewesen sein. Gramps hätte bestimmt nichts dagegen gehabt, wenn Bilder seines Vorgängers im Haus gewesen wären, er war da völlig unkompliziert. Sie verdrängte das Lächeln, das ihr unweigerlich auf die Lippen trat, sobald sie an ihn dachte.
»Ich kann das mit klaren Erwachsenenaugen anschauen«, ihre Mutter deutete auf die Grabinschrift, »und ich weiß, dass mein Vater bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist.« Sie holte tief Luft. »Aber irgendetwas nagt an mir.«
»Wie meinst du das, Mum?«
Lotties Mutter schüttelte den Kopf, ohne den Blick von dem Granitstein zu wenden. »Ich habe nur eine einzige klare Erinnerung.«
»Und welche?«
Diana lächelte, und sofort wirkte ihr Gesicht jünger, entspannter, glücklicher. »Du weißt schon … Ich hab dir die Piratengeschichte doch so oft erzählt.« Sie wandte sich von dem Grabstein ab. »Etwas anderes fällt mir nicht mehr ein, und genau das macht mir zu schaffen.«
Lottie blickte auf ihre Hand, die die ihrer Mutter hielt. Ihre Haut erinnerte an die einer glatten Olive, die ihrer Mutter dagegen an eine zerknitterte englische Rose. Lottie sah nicht aus wie eine Engländerin, doch aus welchem Land ihr Vater stammen mochte, konnte sie nicht sagen. Sie wusste nur, dass er niemals aufgetaucht war, ganz gleich, wie sehr sie sich das gewünscht hatte.
Kapitel 6
Joan
3. August 1962, 16.35 Uhr
Die Blumen sind auf die Vasen verteilt, und ich habe zusammen mit unserer Haushälterin Mrs Hoskine ein letztes Mal die Zimmer kontrolliert. Allan und Diana sind immer noch nicht wieder da. Seufzend gehe ich zum Ende des Gartens und bleibe am Tor zum Küstenpfad stehen. Unter mir am Strand steht Diana im Sand und lässt zusammen mit Allan Steine über die Wasseroberfläche hüpfen. Sie lachen, dann bückt sie sich, hebt einen Kiesel auf und reicht ihn Allan. Er betrachtet ihn prüfend, dann gibt er ihn ihr zurück und achtet auf ihre Wurfhaltung. Der Stein hüpft zweimal, dann geht er unter. Allan wendet sich Beth, der Amerikanerin, zu. Ihr Mann spricht mit Diana, wobei er sie an der Schulter berührt. Ich runzele die Stirn. Allan soll auf Diana aufpassen, aber das tut er nicht. Er ist viel zu vertieft in sein Gespräch mit Beth, die er strahlend anlächelt. Etwas in mir zieht sich zusammen. Warum hat er diese beiden gestrandeten Amerikaner in unsere Welt gelassen? Versucht er wieder, die Leere zu füllen?
»Du ziehst ja ein finsteres Gesicht, Joan.«
