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Seine Macht ist unglaublich, doch sie hat ihren Preis Clark Kent war schon immer schneller und stärker als seine Mitschüler. Aber er meidet das Rampenlicht um jeden Preis, denn auf sich aufmerksam zu machen bedeutet, sich in Gefahr zu bringen. Doch für Clark wird es zunehmend schwerer, seine Kräfte zu kontrollieren und seine Heldentaten geheim zuhalten. Als er den Hilferufen eines Mädchens folgt, trifft er auf Gloria Alvarez und deckt ein dunkles Geheimnis auf: Eine feindliche Macht bedroht seine Heimatstadt Smallville. Zusammen mit seiner besten Freundin Lana Lang macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Denn bevor Clark die Welt retten kann, muss er zunächst Smallville beschützen.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2019
SEINE MACHT IST UNGLAUBLICH, DOCH SIE HAT IHREN PREIS …
Clark Kent war schon immer schneller und stärker als seine Mitschüler. Aber er meidet das Rampenlicht um jeden Preis, denn auf sich aufmerksam zu machen bedeutet, sich in Gefahr zu bringen. Doch für Clark wird es zunehmend schwerer, seine Kräfte zu kontrollieren und seine Heldentaten geheim zu halten. Als er den Hilferufen eines Mädchens folgt, trifft er auf Gloria Alvarez und deckt ein dunkles Geheimnis auf: Eine feindliche Macht bedroht seine Heimatstadt Smallville. Zusammen mit seiner besten Freundin Lana Lang macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Denn bevor Clark als Superman die Welt retten kann, muss er zunächst Smallville beschützen.
»Wir alle sollten uns wie Clark Kent für Gerechtigkeit einsetzen – ob mit oder ohne Umhang.«
Jason Reynolds, Autor von »Ghost«
Titel der DC Icons Series:
Leigh Bardugo,
Wonder Woman
Kriegerin der Amazonen
Sarah J. Maas,
Catwoman
Diebin von Gotham City
Marie Lu,
Batman
Nightwalker
Matt de la Peña,
Superman
Dawnbreaker
Für die Außenseiter überall auf der Weltund für diejenigen Lehrer,die uns wahrnehmen
Das Unwetter war fast ohne Vorwarnung gekommen. Ein Blitz ließ Clarks Brillengläser kurz aufleuchten, während er sich mit drei Teamkameraden aus seiner ehemaligen Footballmannschaft unter der Markise des Java Depot zusammendrängte. Sie alle schauten in den starken Regen hinaus, der unvermittelt auf die Straßen des Ortszentrums von Smallville niederprasselte. Der Wolkenbruch zwang sie, sich dicht aneinanderzupressen – es war fast wie zu alten Zeiten, damals, als Clark und seine Footballtruppe wie Pech und Schwefel zusammengehalten hatten.
Er bezweifelte jedoch, dass sie sich jemals wieder so nahekommen würden.
Nicht nachdem er sie im Stich gelassen hatte.
Clark hatte schon immer über die gewaltige Macht von Gewittern gestaunt, die selbst seine eigenen mysteriösen Kräfte klein erscheinen ließ. Für andere hingegen war das Unwetter nicht mehr als ein Ärgernis. Ein älterer Geschäftsmann hielt sich eine Aktentasche über den Kopf und sprintete zu einem silbernen SUV, entriegelte die Tür mit seinem Funkschlüssel und hechtete hinein. Eine kleine gefleckte Katze huschte völlig durchweicht hinter einen großen Müllcontainer, um dort ein trockenes Plätzchen zu finden, wo sie das Ende des Regengusses abwarten konnte. Und hinter ihnen, hinter dem großen Fenster des Cafés, saßen völlig ungerührt ein Dutzend Menschen, die sie alle kannten, an kleinen runden Tischen, tranken Kaffee, redeten oder machten ihre Hausaufgaben.
»Wir können nicht den ganzen Tag hier rumstehen«, überschrie Paul das Rauschen des Regens. »Kommt, rennen wir zur Bibliothek.«
Kyle verschränkte die Arme vor der Brust und wippte auf den Fersen nach hinten. »Alter, das ist eine verdammte Sintflut da draußen. Ich renne nirgendwohin.«
»Wir könnten es auch einfach hier erledigen.« Tommy warf einen Blick zu der geschlossenen Tür des Cafés hinüber und drehte sich zu Clark um. »Einverstanden, Großer?«
Clark zuckte die Achseln und fragte sich immer noch, was »es« war.
Und warum eigentlich niemand sonst in Hörweite sein sollte.
Er war ziemlich überrascht gewesen, als Tommy Jones, ein gedrungener Offensive Lineman, in der Schule an ihn herangetreten war und vorgeschlagen hatte, zusammen »abzuhängen«. Genauso überrascht war er gewesen, als Tommy dann im Café plötzlich zusammen mit dem gefeierten Runningback Paul Molina und dem Fullback Kyle Turner aufgetaucht war. Schließlich hatten sie fast zwei Jahre lang nichts mit Clark zu tun haben wollen – seit dem Tag, an dem er sich mitten im Schuljahr abrupt aus der Highschool-Mannschaft zurückgezogen hatte.
Jetzt waren sie alle hier und hingen wieder zusammen auf der Main Street ab.
Als sei es nie anders gewesen.
Aber Clark wusste, dass die Sache einen Haken haben musste.
Tommy hob den Schirm seiner Baseballkappe an und räusperte sich. »Ich nehme mal an, du kennst unsere Bilanz der vergangenen Saison«, begann er. »Wir sind irgendwie … na ja, hinter den Erwartungen zurückgeblieben.«
»Man könnte es auch noch ganz anders ausdrücken«, kommentierte Kyle, und Paul schüttelte widerwillig den Kopf.
Clark hätte es eigentlich wissen müssen. Bei diesem Treffen ging es um Football. Wenn Tommy, Kyle und Paul mit einer Sache zu tun hatten, ging es schließlich immer um Football.
»Wie dem auch sei, wir drei haben uns mal unterhalten.« Tommy schlug Clark mit seiner großen, fleischigen Hand auf die Schulter. »Nächstes Jahr sind wir alle in unserem letzten Highschool-Jahr. Und wir wollen uns mit einem Paukenschlag verabschieden.«
Ein gewaltiger Donner hallte über ihnen wider und ließ die drei Footballspieler zusammenzucken. Clark hatte eine derartige Reaktion noch nie verstanden. Dass sich selbst die mutigsten Menschen, die er kannte, durch ein bisschen Donner einen solchen Schreck einjagen ließen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr er sich von seinen Altersgenossen unterschied.
In diesem Moment bemerkte Clark etwas Seltsames.
Ungefähr dreißig Meter rechts von ihm stand mitten auf der Straße ein stockdürrer Mann Anfang zwanzig, der mit ausgestreckten Armen in den strömenden Regen hinaufstarrte. Er hatte eine kurze Stoppelfrisur und war von Kopf bis Fuß braun gekleidet. Braunes, langärmliges Hemd. Braune Hose. Braune Kampfstiefel. Clark hatte ein ungutes Gefühl bei seinem Anblick.
»Seht euch diesen Spinner an«, sagte Paul, der den Mann ebenfalls bemerkt hatte.
»Wen?«, fragte Tommy.
»Dort drüben.« Paul streckte die Hand aus, aber im gleichen Moment rumpelte ein langsam fahrender großer Sattelschlepper vorbei und versperrte ihnen die Sicht. Als der Laster sie passiert hatte, war der Mann verschwunden.
Paul runzelte die Stirn, kratzte sich seinen rasierten Hinterkopf und ließ den Blick über die leere Straße schweifen. »Vor einer Sekunde hat er noch dort gestanden. Das kann ich beschwören.«
Clark hielt ebenfalls Ausschau nach dem Mann. Auf den Straßen von Smallville erschienen nicht einfach so irgendwelche x-beliebigen Fremden, die ganz in Braun gekleidet waren, nur um Sekunden später wieder verschwunden zu sein. Wer war dieser Typ? Clark sah erneut durch das Fenster ins Java Depot und fragte sich, ob einer der Gäste des Cafés ihn gesehen hatte.
So schnell das Gewitter gekommen war, war es auch schon wieder vorbei und ging in einen leichten, gleichmäßigen Regen über. Dampf stieg von der durchnässten Main Street auf. Schwere Tropfen fielen von den Bäumen. Sie rannen über die Windschutzscheiben geparkter Autos und liefen im Zickzack an Straßenschildern hinab. Der Asphalt war ein Meer aus Pfützen.
»Kommt, gehen wir«, sagte Tommy und sie machten sich auf den Weg Richtung Stadtplatz. Clark hielt immer noch nach dem braun gekleideten Mann Ausschau.
Die vier Jungen mussten um eine Reihe orangefarbener Pylone herumlaufen, die einen der zahlreichen Baustellenbereiche absperrten. Eine boomende lokale Wirtschaft hatte im Laufe der vergangenen Jahre zu einer grundlegenden Verwandlung des Zentrums von Smallville geführt. Verschwunden waren all die mit Brettern vernagelten Ladenfronten und die heruntergekommenen Gebäude aus Clarks Jugend. An ihrer Stelle gab es jetzt modische Restaurants, Büros von Immobilienmaklern, einen im Entstehen begriffenen Komplex von Luxuswohnungen und zwei blitzblanke neue Bankfilialen. Es schien jetzt immerzu eine Vielzahl von Bauprojekten zu geben, darunter auch die künftige Zentrale der mächtigen Mankins Corporation. Aber an diesem Nachmittag wurde nicht gearbeitet. Das Unwetter hatte die Umgebung der Main Street in eine Geisterstadt verwandelt.
»Hör mal, Clark«, versuchte Tommy, das Gespräch da wieder aufzunehmen, wo er es unterbrochen hatte, »wir alle wissen, wie viel besser wir mit dir wären. Ich meine, es gibt einen Grund dafür, warum wir bei den Spielen, die wir im ersten Jahr mit dir gemacht haben, unbesiegt geblieben sind.«
»Ja, bis er uns dann im Stich gelassen hat«, schob Paul verächtlich hinterher.
Tommy warf Paul einen bösen Blick zu. »Was haben wir denn vorhin besprochen, Mann? Hier geht es darum, nach vorn zu schauen. Es geht um zweite Chancen.«
Clark schrumpfte förmlich zusammen.
Zwei Jahre waren vergangen, und noch immer machte ihm der Gedanke schwer zu schaffen, dass er die Mannschaft sitzen gelassen hatte. Und sie obendrein noch angelogen hatte. Er hatte das Footballspielen nicht aufgegeben, um sich ganz auf die Schule zu konzentrieren, wie er es damals allen erzählt hatte. Er hatte aufgehört, weil er bei so gut wie jedem Spiel vom ersten Moment an Punkte hätte machen können. Und der Drang, das Spiel zu dominieren – so falsch er auch schien – , war mit jedem weiteren Spiel nur stärker geworden. Bis er eines Tages bei einem Tackling im Training Miles Loften über den Haufen gerannt und ihn mit gebrochenen Rippen ins Krankenhaus befördert hatte. Und dabei hatte Clark nur etwa fünfzig Prozent gegeben. Nach dem Training war er die Tribünen hinaufgeklettert und hatte bis tief in die Nacht allein dort gesessen und über das nachgedacht, was er nun nicht mehr hatte beiseiteschieben können: wie drastisch er sich doch von den anderen unterschied. Und wie schlimm es wäre, sollte irgendjemand dahinterkommen.
In jener Nacht hatte er beschlossen, seine Stollenschuhe an den Nagel zu hängen.
Er hatte seither keinen Mannschaftssport mehr betrieben.
Als Tommy stehen blieb, stoppten auch alle anderen. »Ich komme einfach direkt zur Sache.« Er sah Kyle und Paul an, um sich dann wieder Clark zuzuwenden. »Wir brauchen dich.«
Kyle nickte. »Komm bald zurück, dann bist du noch vor dem Sommertraining wieder fester Bestandteil der Mannschaft. Verdammt, der Trainer würde dich wahrscheinlich sogar zum Kapitän machen.«
»Was sagst du dazu, Clark?« Tommy versetzte ihm einen spielerischen Hieb auf den Arm. »Können wir auf dich zählen?«
Clark wünschte sich nichts sehnlicher, als sich für diese Jungs ins Zeug zu legen. Die Schützer überzustreifen und wieder loszulegen. Wieder das Gefühl zu haben, Teil von etwas zu sein, etwas, das größer war als er selbst. Aber es war unmöglich. Mannschaftskameraden verletzen und sieben Touchdowns pro Spiel erzielen – wenn so etwas vor aller Augen geschah und sich herumsprach … Er konnte es einfach nicht riskieren. Seine Eltern hatten ihn gewarnt, wie gefährlich es werden konnte, sollte die Welt das Ausmaß seiner geheimnisvollen Fähigkeiten entdecken. Und auf keinen Fall wollte er seiner Familie Ärger machen. Seine Mitschüler neckten ihn bereits damit, dass er viel zu gut sei. Zu perfekt. Eben deshalb hatte er angefangen, eine Brille zu tragen, die er eigentlich gar nicht brauchte. Und dafür gesorgt, dass neben den Einsen auch einige Zweien auf seinem Zeugnis standen.
Clark rückte seine Brille zurecht und senkte den Blick Richtung Gehweg. »Ich wünschte wirklich, es ginge«, beschied er Tommy mit ausdrucksloser Stimme. »Aber ich kann nicht. Es tut mir leid.«
»Seht ihr?«, rief Paul. »Ich hab euch doch gesagt, dass wir ihm scheißegal sind.«
»Unglaublich«, fügte Kyle kopfschüttelnd hinzu.
Tommy wandte sich von Clark ab. »Immer mit der Ruhe, Leute. Wir können ihn nicht dazu zwingen, loyal zu sein, wenn er …«
Der Mann in Braun kam um die Ecke gebogen und schob sich mitten zwischen den vier Jungen hindurch. Dabei rempelte er Tommy an, sodass dem Jungen sein Eiskaffee aus der Hand glitt und zu Boden fiel.
Clark und seine alten Mannschaftskameraden waren für mehrere Sekunden sprachlos, bis Kyle den Plastikbecher mit einem Tritt über den Bürgersteig fliegen ließ und dem Mann hinterherrief: »Hey, Arschloch! Pass doch auf, wo du hinläufst, verdammt!«
Der Mann wirbelte herum und rief Kyle etwas auf Spanisch zu. Dann spuckte er auf den Bürgersteig und hielt ein kleines Messer hoch, als wolle er sie warnen, jetzt besser den Mund zu halten.
»Hey, er hat ein Messer!«, rief Paul.
Als Clark vor seine Freunde trat, sah er, wie nervös die blutunterlaufenen Augen des Mannes wirkten. Und er murmelte leise irgendetwas vor sich hin.
»Was sagt er?«, fragte Kyle an Paul gewandt, der Mexikaner war und zu Hause Spanisch sprach.
Paul schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Dass er nach Metropolis zurückwill oder so.«
Clark fragte sich, ob der Mann vielleicht auf Drogen war. Was sonst könnte seine blutunterlaufenen Augen und die Art erklären, wie er vorhin mitten im strömenden Regen gestanden hatte? Und jetzt starrte er Clark nicht einfach an. Er starrte vielmehr durch ihn hindurch. »Lassen wir ihn lieber in Ruhe«, meinte Clark, den Blick auf das Messer in der linken Hand des Mannes gerichtet. »Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.«
»Scheiß drauf«, murrte Kyle und schob sich an Clark vorbei. Er zeigte auf den Mann und rief: »Niemand rempelt einen von uns an, ohne sich zu entschuldigen. Meinst du, ich hab Angst vor deinem lächerlichen kleinen Messer?«
Der Mann machte einen Satz auf ihn zu, schwang blitzschnell das Messer und ließ die Klinge über Kyles Unterarm streifen, um dann sofort wieder zurückzuweichen.
Kyle sah auf das Blut, das an seinem Arm hinunterrann. Und richtete seinen Blick auf den Mann.
Dann brach die Hölle los.
Clark stürmte vorwärts, trat dem Mann das Messer aus der Hand und ließ es unter einen geparkten Wagen fliegen. Tommy und Paul warfen ihre Rucksäcke auf die Straße und griffen an. Sie drückten den Mann auf das harte, nasse Pflaster, aber es gelang ihm, sich aus ihrem Griff zu winden, aufzuspringen und zurückzuweichen.
Kyle machte Anstalten, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen, aber Clark zog ihn zurück. »Lass gut sein!«
»Oh, verflucht, nein! Er hat mir gerade den Arm aufgeschlitzt!« Er schloss sich Tommy und Paul an und die drei Jungen verfolgten den Braungekleideten, trieben ihn zwischen einer Reihe geparkter Autos in die Enge. Diesmal achtete Kyle darauf, dem Mann nicht allzu nahe zu kommen.
Clark wusste, wie einseitig der Kampf sein würde. Der Mann mit den verstörten Augen zeigte keine Furcht, aber drei massigen Footballspielern war er offensichtlich nicht gewachsen.
Clarks Instinkt sagte ihm, dass er dazwischengehen und alles beenden musste, bevor jemand ernsthaft verletzt wurde. Aber als er das letzte Mal in aller Öffentlichkeit auf seine Kräfte zurückgegriffen hatte, war die Sache katastrophal schiefgegangen. Es war im Winter gewesen. Er war auf dem Weg zur Bibliothek, als vor seinen Augen auf einer längeren vereisten Stelle des Highway 22 ein großer Sattelschlepper ins Schleudern geriet. Ohne nachzudenken, war er hinübergerannt und hatte mithilfe seiner Kräfte den gewaltigen Lastwagen aufgehalten, ehe er den Stand von »Alvarez Obst und Gemüse« am Straßenrand plattmachen konnte. Nur dass er irgendwie den Schwung des großen Sattelschleppers allzu sehr abgebremst hatte, sodass sein Auflieger umgekippt war und Dutzende von Ölfässern auf dem zweispurigen Highway gelandet waren. Öl war überall hingespritzt.
Clark würde nie vergessen, wie er dem Fahrer aus den Trümmern des Lasters geholfen hatte. Das Gesicht des Mannes war weiß wie ein Laken gewesen und sein Bein auf groteske Weise verdreht. Ob er wohl überhaupt verletzt worden wäre, wenn Clark erst gar nicht seine Nase in die Sache hineingesteckt hätte? Die Frage verfolgte Clark noch immer, und er hatte sich fest vorgenommen, erst einmal innezuhalten und nachzudenken, bevor er sich wieder auf eine derartige Weise in irgendetwas einmischte.
Aber von seiner Stimme konnte er ja wohl Gebrauch machen.
»Lasst ihn gehen, Leute!«, rief er seinen ehemaligen Mannschaftskameraden zu. »Das ist es nicht wert!«
Der Mann in Braun wich zurück, bis er gegen einen alten Laster knallte, dann schlüpfte er zwischen zwei geparkten Autos hindurch und rannte davon.
Tommy drehte sich zu Kyle um, griff nach dessen blutendem Arm und untersuchte die Schnittwunde. Paul lief schnaubend mitten auf die Straße, um sich seinen Rucksack zu holen.
Clark folgte dem Mann in Braun vorsichtig den nächsten Häuserblock entlang. Er musste sicherstellen, dass er wirklich das Weite suchte und nicht noch mehr Unheil anrichtete. Er blieb wie angewurzelt stehen, als der Mann plötzlich mit nackten Fäusten gegen einen zerbeulten weißen Pritschenwagen hämmerte, während der Fahrer sich hinter sein Lenkrad duckte. Clark stand reglos da und verfolgte völlig perplex das Geschehen. Was stimmte mit diesem Mann nur nicht? Und warum schlug er ausgerechnet auf diesen Pritschenwagen ein? Der Kleinlaster hatte einfach unschuldig mit laufendem Motor am Straßenrand gestanden. Und der Mann attackierte ihn mit schockierender Wildheit und schlug sich dabei die Fäuste blutig.
Dann machte er abrupt kehrt und stapfte in die andere Richtung zurück, hin zu Clark und den Footballspielern. Clark machte eine Bewegung, um ihm den Weg abzuschneiden, aber der Mann sprang nun stattdessen auf den silbernen SUV zu – den, in dem der grauhaarige Geschäftsmann immer noch das Ende des Regens abwartete. Der Mann in Braun riss die Fahrertür auf, zerrte den Geschäftsmann auf die Straße und kletterte in den Wagen, um den Motor anzulassen.
Clarks Augen weiteten sich vor Panik, als der SUV aus der Parklücke schlingerte und dann beschleunigte. Er raste direkt auf Paul zu, der immer noch auf der Straße kniete und gerade den Reißverschluss seines Rucksacks zuzog.
»Vorsicht!«, schrie Clark.
Paul erstarrte, als er den brüllenden Motor hörte.
Er kniete einfach nur da, eine leichte Beute.
Clark spürte die vertraute Schwerelosigkeit, wie immer, wenn er Warpgeschwindigkeit erreichte.
Seine Haut kribbelte und fühlte sich wie wund an.
Seine Kehle schnürte sich zu, als er lautlos auf die Straße sprang, den Blick auf den SUV gerichtet, der auf Paul zuschoss.
Clark berechnete instinktiv den Winkel, den er zum SUV einnahm, die Geschwindigkeit des Wagens und das drohende Maß der Zerstörung. In der letztmöglichen Sekunde hechtete er los. Und während er durch die Luft flog, blickte er in die wahnsinnigen Augen des Fahrers, der das Lenkrad umklammert hielt, und er sah, wie verloren der Mann war, wie verstört. In diesem Moment begriff Clark, dass er es hier mit einem Geschehen zu tun hatte, das viel weitreichender sein musste, als jeder von ihnen ahnen konnte.
Dann kam der mörderische Aufprall.
Während Mrs Sovak vor der Klasse einen monotonen Vortrag über die Geschichte der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten hielt, beobachtete Clark Pauls fruchtlosen Versuch, sich mit der linken Hand Notizen zu machen. Die ganze rechte Seite des armen Kerls war außer Gefecht gesetzt. Sein rechter Arm steckte in einer komplizierten Schlinge, die seiner ausgerenkten Schulter und seinem beschädigten Schultergelenk bei der Heilung helfen sollte.
Clark ging die Szene zum hundertsten Mal gedanklich durch. Wie er mit voller Geschwindigkeit mit Paul zusammengestoßen war. Wie sie über den nassen Asphalt in den Reifen eines geparkten Lieferwagens geschlittert waren. Die vergangene Woche über hatte er sich den Kopf zerbrochen, ob es nicht auch eine Möglichkeit gegeben hätte, seinen ehemaligen Mannschaftskameraden zu retten, ohne ihn zu verletzen. Aber wann immer er darüber nachdachte, kam er letztlich zum gleichen Schluss: Das brutale Tackling war unvermeidbar gewesen.
Oder etwa nicht?
Seine ehemaligen Mannschaftskameraden allerdings hielten sich an das, was sie selbst gesehen und erlebt hatten. Kyle und Tommy hatten den SUV gar nicht bemerkt, bis er in die Stützwand hineingekracht war, die man zum Schutz der Baustelle der neuen Mankins-Zentrale errichtet hatte. Und Clark hatte Paul mit einer solchen Wucht erwischt, dass sie weit drüben auf der anderen Seite der Straße gelandet waren. Also verstanden die anderen auch nicht, wie Paul überhaupt echte Gefahr gedroht haben konnte. Zumal die Polizei glaubte, die Mankins-Baustelle sei das eigentliche Ziel des Mannes in Braun gewesen. Nicht, dass sie ihn selbst hätten fragen können. Er lag im Koma. Und die Ärzte gingen nicht davon aus, dass er überlebte.
Jetzt dachten einige Jungen aus der Footballmannschaft, Clark hätte Paul absichtlich umgeworfen, aus Eifersucht. Und vielleicht hatten sie ja recht. Nicht, was die Eifersucht betraf, aber es war ja durchaus möglich, dass der SUV Paul gar nicht überfahren hätte.
Vielleicht hatte Clark die ganze Sache falsch eingeschätzt.
Es kam ihm so vor, als würde jedes Mal jemand verletzt, wenn er zu helfen versuchte. Und am Ende stand er als der Böse da.
Als versuche das Universum, seinen Spott mit ihm zu treiben, hörte Clark jetzt das leise Weinen von jemandem, der womöglich Hilfe brauchte. Es kam von einem Mädchen, da war er sich ziemlich sicher. Aber keines der weiblichen Gesichter um ihn herum wirkte auch nur im Mindesten bekümmert.
Zu Tränen gelangweilt vielleicht, aber nicht bekümmert oder verzweifelt.
Mary Baker schmatzte ihr Kaugummi und verschickte unter ihrem Pult heimlich Textnachrichten.
Olivia Goodman kaute auf den Fingernägeln, während sie sehnsüchtig aus dem Fenster des Klassenzimmers schaute.
Sherry Miller zeichnete eine Art Gruselszene mit einem Einhorn an die Seitenränder ihres Lehrbuches für Politikwissenschaft.
»Clark«, flüsterte Lana Lang neben ihm.
Das Weinen erinnerte Clark an Pauls leises Wimmern, als sie zu viert zugesehen hatten, wie die Einsatzkräfte den Mann mit einer Rettungsschere aus dem demolierten SUV befreit hatten. Nicht nur Pauls Schulter war übel zugerichtet gewesen, auch die Haut auf seinem Arm und an seiner rechten Gesichtshälfte war übel aufgeschürft worden, als er mit Clark über den nassen Asphalt geschlittert war.
Clark hatte natürlich keinen einzigen Kratzer davongetragen.
Selbst seine Brille, die ihm bei dem Zusammenprall heruntergefallen war, war unversehrt geblieben.
»Erde an Clark Kent«, flüsterte Lana, nun mit mehr Nachdruck. »Alter, was ist los mit dir?«
Diesmal drehte er sich zu seiner besten Freundin um und sah sie an. Sie trug die Kette mit dem ovalen Mondstein, die ihre Mutter ihr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte, sowie ein T-Shirt mit der Aufschrift: DIEZUKUNFTISTWEIBLICH. Ihr rotes Haar war zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, wie immer in der Schule, und das Einzige in ihrem Gesicht, was vage an Make-up erinnerte, war der Lippenbalsam, den sie aufgetragen hatte.
Wieso?, formte Clark mit den Lippen.
»Du bist heute irgendwie völlig durch den Wind«, flüsterte sie.
Wieder dieses Weinen. Er fragte sich, ob Lana es ebenfalls hören konnte. Oder … kam es von irgendwo außerhalb des Klassenzimmers?
Lana machte eine Bewegung in Richtung Paul. »Er wird schon wieder«, flüsterte sie. »Wenn du nicht gewesen wärest, wäre er heute gar nicht hier.«
Clark zuckte die Achseln und drehte sich wieder zu ihrer Lehrerin um. Er versuchte, sich auf Mrs Sovaks Endlosvortrag zu konzentrieren, in dem sie die Entwicklung der Wanderarbeit in Amerika aufschlüsselte. »In der Landwirtschaft gibt es Wanderarbeit und Migration schon seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert«, erklärte sie. »Die ersten Arbeitsmigranten waren Schuldknechte, die aus England kamen. Natürlich dürfen wir auch niemals die Gräuel der Sklaverei vergessen, durch die Afrikaner gegen ihren Willen in dieses Land gebracht wurden. Und in den Vierzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts kamen erstmals Zehntausende von mexikanischen Arbeitern auf der Suche nach einem Broterwerb über die Grenze. Diese spezielle Gruppe wird, wie ich schon sagte, im Zentrum unserer letzten Lektion stehen …«
Nicht, dass sich Clark nicht für das Thema interessierte. Sein Problem war, dass er einfach nicht aufhören konnte, Pauls Schlinge anzustarren. Dass er unaufhörlich im Geiste den Zwischenfall im Ortszentrum durchgehen und an den Mann mit dem Messer denken musste. Und außerdem war er jetzt auf das leise Weinen fixiert, das er noch immer hörte.
Mrs Sovak machte eine Pause und ließ ihren Blick über die Klasse schweifen. »Ich erzähle euch das alles nicht zu meinem Privatvergnügen, müsst ihr wissen. Es ist Stoff unserer Abschlussprüfung.«
Clark richtete sich kerzengerade auf, als ihr Blick auch ihn kurz streifte.
»Sicher habt ihr von den Demonstrationen im Ortszentrum gehört«, fuhr sie fort. »Dieses Thema ist heute so aktuell wie nur je. Wie wir mit der gegenwärtigen Situation umgehen, wird entscheidende Auswirkungen auf die Zukunft eurer Stadt und auch für die Farmen eurer Familien haben …«
Clark versuchte, das Weinen zu isolieren, aber ihm kamen dabei andere Geräusche in die Quere. Jessica Napier tuschelte hinten in der Klasse mit einer Freundin. »Tommys Party nächstes Wochenende wird der Hammer. Alle werden hingehen …«
Draußen im Flur ging ein Schüler mit Kopfhörern vorbei und hörte sich einen alten Countrysong an, der Clark vage bekannt vorkam.
In einem Raum am anderen Ende der Schule machte Kyle einen Witz darüber, wie er Willie Moore während des gestrigen Frühjahrstrainings niedergemäht hatte. Einer von Kyles Kumpels kicherte laut auf, dann schlug ein Schließfach zu.
Clark konnte sogar irgendwo am Himmel ein kleines Flugzeug hören. Eine einmotorige Propellermaschine, um genau zu sein. Er erkannte es an dem peitschenden Geräusch des Frontpropellers. Das Flugzeug flog irgendwo über eine benachbarte Gemeinde. Noonan vielleicht …
Nein, das war unmöglich. Noonan war zwar die nächste Stadt, aber der Ort war immer noch über dreißig Meilen entfernt.
Na toll, jetzt spielten ihm auch noch seine Sinne Streiche.
Er rieb sich mit den Handballen die Ohren und sah Mrs Sovak an.
Es war nicht nur sein Gehör, das sich veränderte. Alle seine Körperkräfte schienen stärker zu werden. Vor zwei Tagen hatte er geradewegs durch die Wand in das Klassenzimmer nebenan gesehen. Er hatte beobachtet, wie eine Neuntklässlerin einem anderen Mädchen einen Zettel hinschob, worauf dieses lautlos gelacht hatte. Diese neuen Fähigkeiten freuten ihn einerseits und jagten ihm andererseits eine Höllenangst ein.
Aber es war sein Gehör, auf das er sich jetzt konzentrierte.
Irgendwo in der Schule weinte ein Mädchen.
Ihr leises Schluchzen klang so verzweifelt, dass es schließlich alles andere in Clarks Kopf übertönte.
Er musste herausfinden, wer sie war. Und warum sie so traurig war.
»Clark«, unterbrach ihn erneut Lanas gedämpfte Stimme.
Diesmal wartete Clark, bis Mrs Sovak etwas an die Tafel schrieb, bevor er sich zu Lana umdrehte. Sie sah ihn an und ihre großen grünen Augen waren ganz schmal vor Besorgnis.
»Du benimmst dich in letzter Zeit wirklich seltsam«, stellte sie fest. »Selbst für deine Verhältnisse.«
Clark zuckte die Achseln und ignorierte den Seitenhieb. Lana hatte einen sechsten Sinn, wenn es darum ging, Leute zu durchschauen. Das machte sie auch zu einer so guten Reporterin. Und genau deshalb packte Clark in ihrer Nähe manchmal die Angst. Es gab so vieles, das er verborgen halten musste.
»Aber jetzt mal ganz ehrlich, ist alles in Ordnung? Ich bin für dich da, wenn du jemanden zum Reden brauchst.«
»Danke«, antwortete er. »Aber mir geht es gut. Ich habe nur …«
Der Gong verkündete das Ende der letzten Stunde und ersparte es ihm, den Satz zu Ende führen zu müssen. Stattdessen lächelte er Lana an und tat sein Bestes, um normal zu wirken. Er konnte ihr schließlich nicht anvertrauen, dass er jemanden am anderen Ende der Schule weinen hörte.
Sie würde es nicht verstehen.
Niemand würde das.
Als sie einer nach dem anderen aus dem Klassenzimmer marschierten, hob Lana die Hand, um eine Fussel von Clarks Kragen zu zupfen, und meinte: »Ach, da ist noch was, das ich dir erzählen muss. Die Ungerechtigkeiten im Fachbereich Sport gehen noch tiefer, als ich geglaubt habe. Ich habe gerade Beweise für einen Vertuschungsversuch im letzten Sommer gefunden.«
»Wie bitte? Du meinst in der Buchführung?«, fragte Clark.
»Ganz genau.« Schon jetzt, in der elften Klasse, war Lana die Chefredakteurin der Schülerzeitung. Sie war gut darin, Fragen zu stellen. Und noch besser darin, Antworten zu bekommen. »Kannst du dir vorstellen, dass etwas Derartiges direkt hier vor unseren Augen passieren kann? An der Smallville High?«
Die Story, an der Lana aktuell saß, drehte sich darum, wie viel vom Schulbudget auf den Sport verwendet wurde. Konkreter, auf den Jungensport. Noch konkreter, auf Football.
So war es schon immer gewesen zwischen Clark und seiner besten Freundin: An welcher Story auch immer sie gerade arbeitete, das Thema wurde zu einem Hauptbestandteil ihrer Gespräche. Lana probierte ihre Ideen gern erst einmal an Clark aus, und Clark gefiel es, Teil des investigativen Wirbelwinds zu sein, den sie entfachte.
»Zeigt sich Rice kooperativ?«, fragte Clark. Rice war die Rektorin der Schule.
»Oh ja, durchaus.« Lana fuchtelte ihm mit ihrem Handy vorm Gesicht herum. »Sie hat mir während der letzten zwei Schulstunden drei E-Mails geschickt.«
Clark grinste. Niemand anderes konnte einen mächtigen Erwachsenen so sehr ins Schwitzen bringen wie Lana Lang.
Die Flure waren voller aufgeregter Schüler, die sich auf das vor ihnen liegende Wochenende freuten. Clark und Lana schoben sich um eine Gruppe von Defensive Linemen aus der Auswahlmannschaft der Elftklässler herum, die in Vorbereitung auf ihr Training eine Art Sprechgesang anstimmten, der Clark vage aus seinem ersten Highschool-Jahr bekannt war. Dann duckten sie sich an einer sehr lauten Gruppe von Cheerleadern vorbei, die ihre Pompons schwangen. Nach einer Weile gelang es ihm, all den Lärm um ihn herum auszublenden und sich ganz auf das weinende Mädchen zu konzentrieren.
Was war da los?, fragte er sich. Hatte sie Schmerzen?
»Hör mal, Lana«, sagte Clark, als sie sich den Ausgangstüren näherten, »ich muss noch ganz schnell was erledigen.«
»Klingt irgendwie interessant. Was liegt denn an?«
»Ach, keine große Sache. Ich muss nur überprüfen, ob ich, ähm, ich hab da wohl vergessen, meine …«
»Lana?« Wenn man vom Teufel spricht. Rektorin Rice stand in der Tür des Sekretariats am Eingang, in ihren gewohnten grauen Anzug gekleidet. »Kann ich kurz mal mit dir reden?«
Clark und Lana wechselten wissende Blicke und Clark flüsterte: »Wir treffen uns in zehn Minuten an der Vordertreppe, ja?«
Lana nickte und wandte sich Rektorin Rice zu. »Natürlich, Frau Rektorin. Wollen Sie mich in Ihrem Rektorenzimmer sprechen?«
Clark sah Rektorin Rice und Lana nach, wie sie das Rektorenzimmer ansteuerten, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Weinen. Er folgte dem Geräusch durch den Umkleideraum der Neuntklässler und an der Turnhalle vorbei, wo sich gerade die Basketballmannschaft der Mädchen aufwärmte. Das Weinen führte ihn schließlich in ein leeres Klassenzimmer fast am anderen Ende der Schule.
Er erkannte das Mädchen sofort.
Gloria Alvarez.
Eine Schülerin aus dem Abschlussjahrgang, die er immer aus der Ferne bewundert hatte. Sie gehörte zu den wenigen an der Smallville High, die mühelos mit den verschiedenen hier vertretenen gesellschaftlichen Gruppen zurechtkamen. Am einen Tag aß sie mit dem Latino-Buchklub in der Bibliothek zu Mittag, und am nächsten Tag konnte ihr Clark dann begegnen, wie sie lachend zusammen mit einer Gruppe weißer Cheerleader über den Flur ging. Er wusste außerdem, dass sie eine der Schlauesten an der Schule war und so gut im Umgang mit Computern, dass sie richtig programmieren konnte.
Gloria saß in sich zusammengesunken an einem Pult in der ersten Reihe und wischte sich mit einem zerknüllten Papiertaschentuch die Tränen ab. Zuerst bemerkte sie Clark an der Tür nicht, und so blieb er einfach dort stehen und sah sie verlegen an. Ihr drohte offensichtlich keine Gefahr. Aber ihr Kummer war so schwer und herzzerreißend, dass er einfach nicht von ihr weggehen konnte. Er fragte sich, ob er selbst jemals irgendetwas so intensiv empfunden hatte.
War er zu dergleichen überhaupt fähig?
In gewisser Weise beneidete er sie geradezu um ihre Traurigkeit.
Er machte einen zaghaften Schritt nach vorn und räusperte sich. »Entschuldige bitte, aber … Ist alles in Ordnung mit dir?«
Gloria schaute erschrocken zu Clark auf. Ihre Augen waren gerötet, ihre Wangen tränenüberströmt.
»Tut mir leid«, murmelte Clark und wandte den Blick ab. »Ich bin nur – ich bin gerade vorbeigekommen oder was auch immer und …« Er fasste sie erneut ins Auge. »Was stimmt denn nicht?«
»Alles.« Gloria erhob sich, erstarrte dann und sah ihn an. »Leute verschwinden«, blaffte sie, »und niemand in dieser Stadt interessiert sich auch nur im Geringsten dafür.«
Ihre Worte trafen Clark völlig überraschend. »Wer verschwindet?«
Sie schüttelte den Kopf und schob sich an ihm vorbei durch die Tür. Clark schaute ihr nach, wie sie durch den überfüllten Flur eilte, und war verwirrt.
Und hilflos.
Leute verschwanden aus Smallville?
An diesem Tag dröhnte nach der Schule ein kleiner Hubschrauber über die Felder der nur wenige Meilen südlich von Smallville gelegenen Farm der Kents. Clark und sein Dad verfolgten den Hubschrauber, der gerade ein weiteres Mal über sie hinwegflog. Das dritte Mal in den letzten zwanzig Minuten.
Das gefiel Clark nicht.
Er hatte sich schon immer stark für den Schutz der Farm verantwortlich gefühlt. Und genauso empfand er auch, was den Schutz seiner in die Jahre gekommenen Eltern betraf. Das Gefühl war mit dem Älterwerden nur noch stärker geworden.
Hubschrauber waren in dieser Gegend ein seltener Anblick. Die meisten Farmer spritzten ihre Felder nicht mehr aus der Luft. Aber was Clark wirklich beunruhigte, war die Art, wie der Helikopter seine Bahnen in einem deutlichen Muster über den grauen Himmel zog – er glitt über ihr kleines Farmhaus hinweg, über den Teich und die Maisfelder und den Hühnerstall, dann senkte er sich tiefer hinab in der Nähe des großen Kraters, der direkt an ihre alte Scheune anschloss.
Wer immer in diesem Hubschrauber saß, suchte nach etwas.
Aber wonach?
Als Clark seine Besorgnis äußerte, tat sein Dad das Ganze mit einem Achselzucken ab. »Ich kann auch nicht behaupten, dass mir gefällt, was der Hubschrauber da macht, Clark. Aber es gibt kein Gesetz, das verbietet, über jemandes Besitz zu fliegen.«
Also konzentrierte sich Clark wieder auf das andere, mit dem Gesetz zusammenhängende Thema, über das sie eben gesprochen hatten: die umstrittene neue Regelung zur Personenkontrolle, die in Smallville zur Abstimmung stand. Dadurch sollte es Polizisten erlaubt werden, willkürlich Personen anzuhalten und zu durchsuchen, die ihnen irgendwie verdächtig erschienen – zum Beispiel, weil sie eine dunkle Hautfarbe hatten. Die Neuregelung war bereits in einigen Nachbarstädten als Gesetz verabschiedet worden, aber Clark wollte einfach nicht glauben, dass die Bürger Smallvilles etwas Derartiges befürworten würden. Oder etwa doch? »Also könnte die Polizei dann einfach jeden anhalten?«, fragte er seinen Dad. Clark dachte an das, was ihm Gloria über die Menschen gesagt hatte, die in Smallville verschwanden. »Jederzeit? Ohne Grund?«
Jonathan Kent wischte sich die Stirn am Ärmel seines Flanellhemds ab und wandte sich seinem Sohn zu. Clark fand, dass sein Dad in letzter Zeit gealtert wirkte. Da waren mehr graue Strähnen in seinem Haar. Mehr aufgedunsene Haut unter seinen Augen. All die Jahre der mühsamen Knochenarbeit auf der Farm holten ihn jetzt ein. »Die Bevölkerungszusammensetzung verändert sich, mein Sohn. Und einige Gemeinden … Ich glaube, sie haben Angst davor, wohin diese Veränderungen führen könnten.«
»Aber das ist rassistisch.«
Sein Dad musterte ihn einige Sekunden lang, bevor er antwortete: »Nun ja, das Ganze ist wahrscheinlich ein wenig komplizierter. Aber ich werde trotzdem dagegenstimmen.«
Clark nickte und stieß seine Schaufel zurück in den Boden. Trotz seiner Verärgerung gab er acht, nicht zu viel Kraft aufzuwenden. Er hatte in diesem Frühling bereits ein halbes Dutzend Schaufeln zerbrochen. Und seine Familie hatte kein Geld für derartige Extraausgaben. Aber die Vorstellung, dass auch nur irgendjemand in Smallville für ein Gesetz stimmen könnte, das es der Polizei gestattete, Autofahrer allein aufgrund der Farbe ihrer Haut anzuhalten, deprimierte ihn irgendwie.
Und was passierte, wenn sich die Menschen in dem Auto nicht ausweisen konnten? Durften die Polizisten sie dann einfach hinten in ihren Streifenwagen werfen und wegschaffen?
»Dieses Unwetter ist näher, als es den Anschein hat«, bemerkte Jonathan und spähte wieder in den Himmel hinauf. »Es ist wirklich keine gute Zeit zum Fliegen.«
»Was meinst du, wonach sie suchen?«
Jonathan schob einen losen Zaunpfahl zurück in eines der Löcher, die Clark gegraben hatte. »Was immer es ist, die da oben sollten lieber bald landen. Vor allem nach dem, was heute mit diesem Flugzeug passiert ist.«
Clark erstarrte. »Flugzeug?«
Jonathan stand ebenfalls für einen Moment stumm da. »Heute Nachmittag hat ein kleines Flugzeug draußen in der Nähe von Noonan eine Bruchlandung hingelegt. Die Pilotin hatte irgendwie den Motor abgewürgt, und dann hat sie es nicht mehr geschafft, die Maschine unter Kontrolle zu bekommen.«
Clark sah seinen Vater erschrocken an. Das Flugzeug, das er im Unterricht gehört hatte … Es war wirklich da gewesen. Seine Sinne hatten ihm also doch keinen Streich gespielt.
Es begann zu nieseln und der Himmel wurde rasch immer finsterer.
»Was ist mit der Pilotin?«, fragte Clark. »Hat sie überlebt?«
Sein Dad nickte und schaute wieder zu dem Hubschrauber hinauf. »Die Pilotin hat sich mehrere Knochen gebrochen. Aber soweit ich gehört habe, wird sie wieder heil und gesund werden.«
»Dad, ich …« Clark machte eine Pause, um darüber nachzudenken, was er eigentlich sagen wollte.
»Ja, mein Sohn?«
Clark schüttelte den Kopf bei der Vorstellung, wie absurd es klingen würde.
»Du kannst mir alles sagen«, betonte sein Dad. »Das weißt du.«
»Es ist nur … Ich habe dieses Flugzeug heute gehört.« Clark musste lauter sprechen, damit sein Dad ihn im Lärm des Hubschraubers verstehen konnte, der nun erneut über sie hinwegratterte. »Wie ist das möglich?«
Jonathan starrte Clark an. »Die ganze Strecke von Noonan herüber? Von der Schule aus?«
Clark nickte. Er hatte nie versucht, seine Kräfte vor seinen Eltern verborgen zu halten – es wäre ihm ohnehin nicht gelungen. Schon als er ein Kleinkind gewesen war, hatte es erste Anzeichen gegeben. Und eines Sommers, als Clark acht war, war Mr Peterman, ihr nächster Nachbar, mit seinem Quad auf ihren Ländereien umgekippt. Clark hatte in einem nahen Feld gespielt, als er die Hilfeschreie hörte. Er war zum Ort des Geschehens hinübergerannt und hatte sich, ohne eine Sekunde über die Unmöglichkeit der Aufgabe nachzudenken, darangemacht, den eine halbe Tonne schweren Wagen hochzuhieven, Zentimeter für Zentimeter, jeder Muskel seines Körpers zum Zerreißen gespannt, bis der darunter gefangene Mann schließlich herauskriechen konnte – woraufhin er prompt das Bewusstsein verlor. Es war leicht gewesen, Mr Peterman später davon zu überzeugen, dass er sich aus eigener Kraft befreit und Clark ihn lediglich dort gefunden hatte.
Ein andermal hatte er versehentlich im Ochsengehege der Kents den Draht eines Elektrozauns berührt. Funken waren geflogen. Die Luft hatte geknistert. Seine Haut hatte gezittert und gekribbelt, seine Handfläche war warm geworden, aber er hatte keinen Schmerz verspürt. Er war sich nicht einmal ganz sicher, was genau Schmerz überhaupt war. Er verstand ihn von der Idee her. Er hatte seinen Dad zusammenzucken und seine Hand schütteln sehen, nachdem er sich mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hatte. Und er hatte nie vergessen, wie sich Miles Loften an der 20-Yard-Linie vor Schmerz gewunden hatte, nachdem Clark ihm versehentlich die Rippen gebrochen hatte. Aber für Clark war Schmerz etwas anderes. Er war einfach ein geringfügiger, leicht unangenehmer Reiz. Und das war, wie er wusste, keineswegs normal.
Kurzum: Clarks Eltern wussten bereits, dass er etwas Besonderes war. Sie hatten ihn dabei beobachtet, wie er als Kind über die Farm gelaufen war und versucht hatte, alles hochzuheben, was nicht festgenagelt war. Sie hatten ihn schnell wie der Blitz rennen sehen. Aber diese neuen Kräfte waren etwas anderes. Sie erschienen ihm beinahe … übernatürlich. Wie nicht von dieser Welt.
Die Miene seines Dads blieb ausdruckslos, während er Clark weiterhin musterte.
Der Hubschrauber über ihnen flog einen Bogen, um einer dunklen Wolke auszuweichen, dann kam er zurück und donnerte ein weiteres Mal über sie hinweg, während der Regen stärker wurde. Clark rechnete die ganze Zeit schon damit, dass sein Dad sie in aller Eile vor dem Regen in Sicherheit bringen würde. Aber das tat Jonathan nicht. Vielleicht hielt er ihr Gespräch für zu wichtig, um es zu unterbrechen.
»Nun gut«, begann Jonathan schließlich, »ich weiß nicht, wie das möglich ist, aber …«
Das Knattern der Rotoren wurde von einem lauten Donnerschlag übertönt. Die nachfolgende plötzliche Stille ließ sie beide aufschauen. Hubschrauber sollten nicht mitten in der Luft einfach aufhören, Lärm zu machen. Clark dachte an das Flugzeug in Noonan.
Sie entdeckten den Hubschrauber beide gleichzeitig.
Er stürzte in der Nähe der alten Scheune Richtung Boden.
Wirbelte auf unnatürliche Weise in einer Art Todesspirale herab.
Clark widerstand dem Drang einzugreifen. Nach dem Vorfall mit Paul und dem SUV hatte er sich geschworen, seine Nase nicht mehr in Dinge hineinzustecken, die ihn nichts angingen. Er würde dadurch alles nur noch schlimmer machen. Er zuckte zusammen, als nun eine instinktive Energie seinen Körper durchströmte, mit einer solchen Wucht, dass er aus Versehen die Schaufel entzweibrach.
Der Hubschrauber war nur noch Sekunden davon entfernt, auf dem Acker der Kents einzuschlagen, als Clark die Einzelteile der Schaufel wegwarf und losstürmte.
»Clark!«, rief ihm sein Vater nach. »Warte!«
Während Clark über das Feld schoss, war er sich mit allen gesteigerten Sinnen der Dinge um ihn herum bewusst: der dicken Regentropfen, die wie Tränen am Himmel hingen, der gleichsam ohrenbetäubenden Stille, die seinen Körper umhüllte, des Atems, der ihm in der Lunge stockte. In Momenten wie diesem, wenn seine besonderen Kräfte die Kontrolle übernahmen und seine Gedanken ihnen das Feld räumten, kam ihm die irdische Welt kleiner und zerbrechlicher vor, als würden ihre Regeln nicht mehr gelten. Doch Clark wusste, dass das nur eine Illusion war. Die Schwerkraft würde den Helikopter trotzdem vom Himmel reißen. Der Aufprall auf dem Feld würde trotzdem von katastrophaler Wucht sein. Die Menschen im Hubschrauber würden sterben.
Er war derjenige, der hier irgendwie die Regeln brach.
Aber konnte er sie auch rechtzeitig brechen?
Mit einem verzweifelten Sprung schaffte er es unmittelbar vor dem Aufprall zum Helikopter und packte die Landekufen, einen Sekundenbruchteil bevor sie in den Boden gekracht wären. Er umklammerte den dicken Stahl mit beiden Händen und stemmte die Beine in den Boden. Als er jedoch versuchte, die Wucht des Aufpralls mit Rücken und Schultern aufzufangen, knickten Clarks Knie unter dem ungeheuren Gewicht und Schwung des Hubschraubers ein. Seine Muskeln schrien auf, sein Hals wurde so weit nach vorn gedrückt, dass sein Kinn fast seine Brust berührte.
Es kostete Clark seine ganze Kraft, im Schlamm zu knien, während die gewaltige Maschine in seiner Umklammerung hin und her zuckte und ruckelte. Doch er konnte sie nicht unter Kontrolle halten und sie stürzte mit einem ungeheuren Krachen auf die Seite. Die Rotorblätter gruben sich mit einem feuchten Klatschlaut in die weiche Erde und Splitter flogen in alle Richtungen.
Der Hubschrauber blieb nur Zentimeter von der alten Scheune entfernt liegen, am Rand des Kraters, der schon immer ein besonderes Merkmal dieses Teils der Farm gewesen war. Clark starrte voller Schreck auf die verbeulte Unterseite des Helikopters. Aus den Trümmern stiegen Rauch und Dampf in die Höhe.
»He!«, rief er, hob seine Brille vom Boden auf und setzte sie sich wieder auf die Nase. »Braucht da jemand Hilfe?«
Keine Antwort.
Er befürchtete schon, womöglich abermals versagt zu haben, aber bereits nach wenigen Sekunden war der Rauch dünner geworden und er entdeckte jemanden, der halb aus dem zerbrochenen Rückfenster hing.
Clark eilte hinüber und zog die leblose Gestalt aus dem Hubschrauber. Gerade noch rechtzeitig, denn nun fiel der Rest des Fensters in einem Stück aus dem Rahmen und zerbarst an der Seite des Helikopters. Clark unterzog den Kerl in seinen Armen einer raschen Inspektion. Es war ein Junge, den er aus der Schule kannte. Bryan Soundso. Er musste aus dem Cockpit geschleudert worden sein, als die Rotorblätter in den Boden gekracht waren. Sein Kopf war durch die Scheibe gekracht.
Bryans Augen waren geschlossen und seine bleichen Arme hingen schlaff herab.
»Alles in Ordnung, mein Sohn?«, rief Clarks Dad in der Ferne.
Je länger Bryan sich nicht regte, desto mehr breitete sich ein Gefühl der Übelkeit in Clarks Magen aus. Aber schließlich gab der Junge ein schwaches Stöhnen von sich und streckte blind eine Hand nach dem blutigen Kratzer auf seiner Stirn aus.
Mit einem Seufzer der Erleichterung legte ihn Clark auf dem Boden ab.
Bryan bewegte prüfend seine Arme und Beine, als wollte er sich davon überzeugen, dass er noch lebte.
Clark betrachtete sein dunkles, zerzaustes Haar. Seine tiefliegenden Augen und herabhängenden Schultern. Bryan war dünn wie eine der Zaunlatten, die Clark und sein Dad gerade repariert hatten. Doch da war ein Feuer in seinen Augen. Dann fiel Clark wieder ein, woher er Bryan kannte. Er war neu an der Schule und erst kurz vor Ende des Schuljahres dazugekommen.
»Was ist … passiert?«, brachte Bryan heraus.
»Es hat einen Unfall gegeben.« Clark deutete auf den Boden um den Hubschrauber herum. »Du kannst dich glücklich schätzen, dass du ausgerechnet hier gelandet bist. Im Schlamm.«
Bryan rappelte sich hoch. »Corey!«, schrie er und eilte um das zerbeulte Cockpit herum.
Zwei weitere Menschen kamen jetzt vorsichtig aus den Trümmern geklettert. Sie hatten beide mehrere Schnittwunden und Prellungen, aber wundersamerweise schien keine ihrer Verletzungen ernst zu sein. Der eine war ein Mann in mittleren Jahren mit Haarausfall. Er trug eine dünne Brille, die leicht verbogen war. Mit einem Handy in der rechten Hand stand er im Schlamm und schaute zwischen dem Hubschrauber und Clark hin und her. Sein Blick hatte etwas Beunruhigendes.
Der andere Passagier war nicht viel älter als Bryan. Aber er war größer. Und stämmiger. Sie sahen aus wie Brüder.
»Gott sei Dank ist dir nichts passiert, Corey«, rief Bryan.
Sein Bruder marschierte direkt zu Bryan hinüber und stieß ihm zornig den Finger in die Brust. »Was hast du dir da oben gedacht? Du hättest uns umbringen können!«
»Ich habe einfach nur eine Schleife gedreht, so wie du es …«
»Das Fliegen ist das Einzige, worin du eigentlich gut sein solltest, Bryan! Aber als Pilot bist du anscheinend ebenfalls eine Niete. Gott, kein Wunder, dass Mom und Dad dich für einen solchen Versager halten!«
Clark sah, wie Bryan sich schweigend abwandte.
Jonathan kam angetrabt, schwer atmend, nachdem er quer über das Feld gerannt war. Dankenswerterweise trat er nun zwischen die Brüder und sagte: »Immer mit der Ruhe, Jungs. Ich habe bereits Hilfe gerufen. Was zählt, ist, dass alle unversehrt geblieben sind.«
Clark staunte darüber, wie schnell sich das Benehmen von Bryans älterem Bruder nun veränderte. Vor zwei Sekunden hatte er seinen Bruder noch beschimpft. Jetzt lächelte er Clarks Dad an wie ein Treckerverkäufer mit einer Überdosis Koffein im Blut. Er streckte die Hand aus und sagte: »Genau das habe ich meinem Bruder gerade erklärt, Sir. Hauptsache, dass wir alle heil und wohlauf sind.«
Clarks Dad schüttelte dem jungen Mann zögernd die Hand.
»Ich bin Corey Mankins«, stellte der sich mit einem gekünstelten Grinsen vor. »Ist das Ihre Farm?«
Jonathan nickte.
Clark begriff, dass die beiden vor ihm nicht einfach irgendwelche Brüder waren. Sie waren vielmehr die einzigen Erben der mächtigen Mankins Corporation. Aber was machten sie in einem Hubschrauber über seiner Farm? Er betrachtete den Mann in mittleren Jahren mit der verbogenen Brille, der diskret mit seinem Handy Fotos zu machen schien. Er richtete es auf den kaputten Hubschrauber, die Scheune und den Krater, um es dann wieder in die Tasche zu stecken. Clark beobachtete den Mann argwöhnisch.
Als der Regen nun wieder stärker wurde, zeigte der Mann auf die alte Scheune und sagte: »Warum gehen wir nicht dort hinein und warten, bis der Regen …«
»Leider habe ich den Schlüssel nicht bei mir.« Clarks Dad machte einen Bogen um den zerstörten Helikopter herum, sodass er nun vor dem Scheunentor stand. Er griff nach dem verrosteten Vorhängeschloss und schaute zu dem baufälligen Gebäude hinauf. »Das Dach ist ohnehin ziemlich kaputt. Wir können uns hier unter der Dachtraufe unterstellen.«
Sie alle drängten sich unter den Teil des Dachs, der ein Stück überhing. Es hatte an mehreren Stellen Löcher, aber es bot immerhin einen gewissen Schutz vor dem Regen.
Jonathan hatte, was das am stärksten heruntergekommene Gebäude auf der Farm der Kents betraf, stets ein seltsam abwehrendes Verhalten an den Tag gelegt. Er hatte Clark erzählt, die Scheune sei gefährlich. Dass das ganze Ding jeden Moment einstürzen könne. Clark hatte niemals sonderlich darüber nachgedacht. Aber jetzt, als er sah, wie Corey und der Mann mit der Brille neugierige Blicke wechselten, fragte er sich, ob nicht doch vielleicht mehr dahintersteckte.
»Wo bleiben nur meine Manieren?«, wandte sich Corey an Jonathan. »Darf ich vorstellen? Dr. Paul Wesley, ein berühmter Wissenschaftler aus Metropolis. Und meinen Bruder Bryan haben Sie ja bereits kennengelernt. Wir drei haben hier draußen meteorologische Messungen vorgenommen, die uns bei der Erstellung unseres Ernteplans helfen sollen.«
Jonathan nannte seinen Namen und schüttelte ihnen die Hand.
Clark tat es ihm nach. Der Händedruck des Wissenschaftlers war besonders energisch, als versuche er, irgendeine Art von unausgesprochener Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Clark kämpfte gegen den Drang an, dem Mann zu zeigen, wie sich ein fester Händedruck wirklich anfühlte.
»Hören Sie, das mit Ihrem Feld tut mir leid«, fuhr Corey fort. »Mein Vater wird mit Freuden für jeden Schaden aufkommen, der …«
»Nein, nein, nicht notwendig«, schnitt ihm Clarks Dad das Wort ab. »Nur ein Haufen Schlamm und Dreck hier draußen. Und eine Scheune, die kurz vorm Einsturz steht. Ich mache mir eher Sorgen um euch, Leute.« Er wandte sich an den Wissenschaftler. »Also … meteorologische Messungen.«
»Genau«, sagte der Mann und schob seine Brille hoch. »Meine Firma ist spezialisiert auf Genom-Editierung und Umweltstrategien.«
»Die Zukunft der Landwirtschaft«, ergänzte Corey. »Indem wir die klimatischen Muster erkennen, können wir viel besser voraussagen, wann gepflanzt werden sollte, was gepflanzt werden sollte und wo es gepflanzt werden sollte. Es ist wie die vorbeugende Kontrolle von Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall auf einer ganz neuen Ebene. Je mehr wir die Landwirtschaft verwissenschaftlichen, umso effizienter können wir sein. Und Effizienz, wie Sie sicher wissen … Mr Kent war Ihr Name, nicht wahr?«
»Richtig.«
»Effizienz, Mr Kent, senkt die Preise und erhöht die Produktion. Alle gewinnen dadurch.«
Jonathan nickte höflich, aber Clark spürte, dass sein Dad genauso skeptisch war wie er selbst. Corey war ein Schwätzer und Schönredner. Clark und sein Dad hatten nie viel für Menschen übriggehabt, die so taten, als hätten sie die Antwort auf alles. Ganz gleich, wie reich sie waren.
Schon bald tauchten zwei Feuerwehrwagen am Ort des Geschehens auf.
Dann ein Krankenwagen. Und der stellvertretende Bezirkssheriff.
Deputy Rogers trug einen langen gelben Regenmantel und nach jeder Frage spähte er unter dessen übergroßer Kapuze hervor. Die meiste Zeit redete Corey, während Clark versuchte, sich aus der Sache herauszuhalten. Er stand einfach neben seinem Vater und warf gelegentlich einen Blick auf den niedergeschlagen wirkenden Bryan.
Rettungssanitäter brachten die drei Absturzopfer in den Krankenwagen, um ihre Verletzungen zu untersuchen, und Deputy Rogers folgte ihnen mit Notizblock und Stift und blaffte gelegentlich Anweisungen in sein knisterndes Funkgerät.
Als schließlich ein spezieller Tieflader-Abschleppwagen eingetroffen war, hatte sich der Regen in eine regelrechte Sintflut verwandelt. Clark und sein Dad kauerten sich unter einem zerfledderten Regenschirm zusammen, den Deputy Rogers ihnen gegeben hatte, während die Bergungsmannschaft damit beschäftigt war, den zerstörten Hubschrauber mehr schlecht als recht auf den Lastwagen zu laden. Corey bestand darauf, dass sie dabei nach seinen speziellen Anweisungen vorgingen.
Bevor der Tieflader abfuhr, kletterte Dr. Wesley auf die Ladefläche und griff in das Cockpit des Hubschraubers, um eine Art kleine Aktentasche herauszuholen. Clark hätte eigentlich erwartet, dass Deputy Rogers ihn auch nach dem Inhalt der Tasche fragen würde, aber der Regen war jetzt so heftig, dass sich offenbar alle ganz darauf konzentrierten, so schnell wie möglich fertig zu werden, damit sie in ihre trockenen Autos zurückkehren konnten.
Clark nahm Bryan beiseite. Der Arm des Jungen befand sich jetzt in einer Schlinge, die derjenigen ganz ähnlich war, die Paul in der Schule getragen hatte, und ein frisches Klammerpflaster bedeckte die Schnittwunde an seiner Stirn. »Alles in Ordnung?«, fragte Clark und deutete auf den verletzten Arm.
»Das ist gar nichts«, antwortete Bryan mit einem gezwungenen Lächeln. »Nur eine Vorsichtsmaßnahme, bis sie röntgen können.«
Clarks Augen weiteten sich, als er auf Bryans Arm starrte. Plötzlich konnte er mitten durch die Schlinge hindurchschauen. Durch Haut und Muskeln und Knorpelgewebe. Er starrte auf Bryan Mankins’ Knochen – so deutlich sichtbar, als befänden sie sich außerhalb seines Körpers. Es machte ihm nichts aus, das Innere eines menschlichen Arms zu sehen. Er war in erster Linie einfach neugierig. Glücklicherweise waren alle Knochen, die er sehen konnte, intakt. Da waren keine Risse oder Brüche, nichts war ausgerenkt.
»Du hast mich aus dem Fenster gezogen, bevor die Scheibe auf mich herunterstürzen konnte«, sagte Bryan und rieb sich den Nacken. »Du bist ein richtiger … Du bist ein Held, Mann. Ich hätte ernsthaft verletzt werden können.«
