Under Water - Matt De la Peña - E-Book

Under Water E-Book

Matt De la Peña

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Beschreibung

Überleben ist erst der Anfang Sonne, Meer und Mädchen in Bikinis - so schlimm wird der Ferienjob auf dem Luxuskreuzfahrtschiff schon nicht werden, denkt sich Shy. Aber dann erschüttert ein ungeheures Erdbeben Kalifornien und löst einen Tsunami aus ... Und das ist erst der Anfang …

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Matt de la Peña

Under Water

Aus dem amerikanischen Englischvon Bettina Münch

Deutscher Taschenbuch Verlag

 

 

 

 

 

 

Für meine wunderschöne Frau Caroline

 

 

 

 

 

 

Shy steht allein auf dem Honeymoon-Deck, den Bauchladen mit eisgekühlten Wasserflaschen vor der Brust.

Er wartet.

Es ist der sechste Tag auf seiner ersten Fahrt als Ferienaushilfe bei Paradise Cruise Lines. Tagsüber ist er Handtuchboy am Pool auf dem Lido-Deck. Abends Wasserboy. Aber die Bezahlung ist gut. Sogar mehr als das. Einmal mehr überschlägt er, wie viel für ihn zusammenkommen wird, bis die Schule wieder losgeht. Drei achttägige Reisen, plus Trinkgeld, abzüglich Steuern. Genug, um seiner Mom auszuhelfen und sich trotzdem noch ein paar neue Klamotten anzuschaffen und vielleicht mit einem weiblichen Wesen essen zu gehen.

Shy tritt an die Reling, während er sich das Abendessen vorstellt.

Er bei einem echten Date mit einem Mädchen.

Natürlich wird er in einem richtig feinen Laden reservieren. Mit Stoffservietten. Und in der Nobelnische ihm gegenüber ein tolles Mädchen. Jessica aus der Volleyballmannschaft vielleicht. Oder Maria aus seiner Straße, die ihm über die Speisekarte zu lächelt.

»Bestell dir, was du willst«, würde er sagen. »Schon mal Surf ’n’ Turf probiert? Nein, ehrlich, ich lade dich ein.«

Ja, er würde es ganz lässig angehen.

Bei bewölktem Himmel ist der Mond nachts kaum mehr als ein verschwommener Fleck über dem Schiff. Und der Ozean wie schwarzer Filz. Schwer zu sagen, wo die Luft aufhört und das Wasser anfängt.

Aber man kann es hören.

Das ist noch so etwas, was Shy nie vermutet hätte, bevor er diesen Luxusreise-Job bekam. Der Ozean spricht mit einem. Vor allem nachts. In raunenden Stimmen, die keine Ruhe geben. Nicht mal, wenn man schläft.

Es kann einen ganz kirre machen im Kopf.

Shy sieht einen Passagier aus der Luxury Lounge treten. Die dicke gläserne Schiebetür bleibt gerade lange genug offen, dass einige Töne des Orchesters herausdringen. Drinnen läuft eine festliche Veranstaltung, die der Leuchtfeuerball genannt wird. Mit Geigen, Harfen und allem Drum und Dran. Hunderte herausgeputzte Bonzen lassen es sich gut gehen und trinken Champagner. Shy hat heute Abend die Aufgabe, jedem, der herauskommt, um frische Luft zu schnappen, Wasser anzubieten.

Wie diesem Typen. Mittleres Alter, schütteres Haar, der Anzug, in dem er steckt, zwei Nummern zu klein.

Shy setzt sich mit seinem Bauchladen in Bewegung und fragt: »Eine eiskalte Flasche Wasser, Sir?«

Der Mann stiert die beschlagene Flasche sekundenlang an, als verwirre sie ihn. Dann fängt er an zu grinsen und greift zum Portemonnaie. Mit zwei stark geäderten weißen Fingern hält er Shy einen gefalteten Geldschein hin.

»Sorry, Sir«, sagt Shy zu ihm. »Aber wir dürfen kein –«

»Sagt wer?«, unterbricht ihn der Mann. »Nimm es, Kleiner.«

Nach einem kurzen Anstandszögern schnappt sich Shy den Schein und schiebt ihn tief in die Tasche seiner Uniform. Wie er es immer macht.

Der Mann öffnet die Wasserflasche, nimmt einen kräftigen Zug und fährt sich mit dem Jackenärmel über den Mund. »Hab mich mein Leben lang abgestrampelt, um es bis hierher zu schaffen«, sagt er, ohne Blickkontakt aufzunehmen. »Top-Wissenschaftler auf meinem Gebiet. Mitbegründer einer eigenen Firma.« Er sieht Shy an. »Genug Geld, um mir in drei verschiedenen Ländern Ferienhäuser zu kaufen.«

»Gratuliere, Sir –«

»Nicht!«, fährt ihn der Mann an.

Shy starrt ihn an. »Nicht was?«

»Sag mir nicht das, was ich deiner Ansicht nach hören will.« Er schüttelt angewidert den Kopf. »Sag etwas, das wahr ist. Sag mir, dass ich fett bin.«

Verwirrt schaut Shy aufs Meer.

Der Typ ist zweifelsohne fett, aber wenn Shy während seiner ersten sechs Tage im Job irgendetwas gelernt hat, dann, dass man Luxuspassagieren mit »wahr« nicht zu kommen braucht. Sie wollen, dass man ihnen auf die Schulter klopft. »Sag den Typen, wie genial sie sind, und steck die Kohle ein.« Das war das Motto seines Zimmergenossen Rodney. Aber dieser Kerl hier passt nicht ins Raster.

Der Mann seufzt und fragt: »Wo kommst du eigentlich her, Kleiner?«

»San Diego.«

»Ach was? Und von wo dort?«

Shy schiebt den Bauchladen von links nach rechts. »Wahrscheinlich haben Sie nie davon gehört, Sir. Aus einem kleinen Stadtteil names Otay Mesa.«

Der Mann lacht so gequält, als leide er dabei Schmerzen. »Und du willst mir gratulieren?« Er schüttelt den Kopf. »Was für eine Ironie.«

»Wie bitte?«

Er entlässt Shy mit einer Handbewegung und schraubt seine Flasche wieder zu. »Glaub mir, ich kenne Otay Mesa. Liegt gleich unten an der Grenze.«

Shy nickt. Er hat keine Ahnung, worauf der Mann hinauswill, aber auch davor hat Rodney ihn gewarnt. Wie exzentrisch Luxuspassagiere sein können. Vor allem die, bei denen sich die Vorderzähne von zu viel Rotwein schon rosa gefärbt haben.

Einen Moment lang ist es still und Shy bereitet seinen Abgang vor, als der Mann sich plötzlich umdreht und sich mit dem Finger ins eigene Gesicht zeigt. »Tu mir einen Gefallen, Kleiner.«

»Natürlich, Sir.«

»Merk dir diese feige Visage.« Der Mann tippt sich an die Schläfe. »Sie ist der Inbegriff der Korruption.«

Shy runzelt die Stirn und versucht, den Mann zu begreifen.

»So sieht der aus, der dich verraten hat. Ich. David Williamson. Vergiss das nicht! Es steht alles in dem Brief, den ich in der Höhle hinterlassen habe.«

»Ich glaube nicht, dass ich Ihnen folgen kann, Sir.«

»Natürlich kannst du das nicht.« Wieder schraubt der Mann seine Wasserflasche auf und wendet sich dann dem Ozean zu. Er trinkt nicht. »Ich habe es mir zum Beruf gemacht, mich vor Leuten wie dir zu verstecken. Und ich war sehr erfolgreich damit. Aber verrat mir eins, Kleiner: Wie soll ich mit all dem Blut an meinen Händen weiterleben?«

Shy gibt es auf, ihn begreifen zu wollen, und konzentriert sich stattdessen auf die Resthaarfrisur des Typen. Es ist eine der dreistesten Varianten, die er je gesehen hat. Der Scheitel sitzt knapp über dem linken Ohr und trotzdem glaubt der Kerl, er könnte mit ein paar drahtigen Strähnen eine dermaßen imposante Grundfläche abdecken.

Vielleicht hat er das mit »Verstecken« gemeint. Noch drei störrische Fusseln auf dem Kopf und sich trotzdem einbilden, sie wären die perfekte Tarnung für seine blank polierte Kuppel. Es erinnert Shy an die Denkweise kleiner Kinder beim Versteckspiel. Daran, wie sein Neffe Miguel immer das Gesicht ins Sofakissen gedrückt hatte, weil er glaubte, wenn er niemanden sehen konnte, sei er selbst auch nicht zu sehen.

Wieder hört Shy Flöten und Harfen und wendet sich zwei älteren Frauen zu, die gerade in glitzernden Partykleidern aus der Lounge getreten sind. Beide halten ihre High Heels in der Hand und lachen.

»Hallo, Ladys«, sagt er und geht auf sie zu. »Möchten Sie vielleicht eine eiskalte Flasche Wasser?«

»O ja!«

»Das klingt fantastisch, Herzchen!«

Erstaunt darüber, dass zwei gut betuchte Frauen über kostenloses Trinkwasser so außer sich geraten können, reicht er ihnen zwei Flaschen.

»Vielen Dank«, sagt die größere und beugt sich vor, um sein Namensschild zu lesen. »Shy?«

»Jawohl, Ma’am.«

»Das ist aber ein seltsamer Name«, sagt die andere Frau.

»Tja, mein alter Herr ist auch ziemlich seltsam.«

Alle drei lachen ein wenig und die Frauen öffnen ihre Wasserflaschen und trinken mit artigen Schlucken.

Nachdem er die von Paradise empfohlene Dosis Small Talk abgesondert hat, zieht sich Shy von den Frauen zurück und schaut wieder auf das dunkle Wasser, das sie umgibt. Tausende Meilen geheimnisvollen Salzwassers. Heimat von weiß Gott was. Dickbäckigen Meeresbodenbewohnern, glitschigen elektrischen Aalen und mietshausgroßen Walen, die stinksauer durch die Gegend schwimmen, weil sie keine echten Zähne haben.

Und hier steht Shy, auf dem obersten Deck dieses glitzernden weißen Riesenpotts. Zweihunderttausend Tonnen und so lang wie ein Sportstadion und schafft es trotzdem, sich über Wasser zu halten.

Shy erinnert sich an die Reaktion seiner Grandma, als sie erfuhr, dass er sich um einen Sommerjob auf einem Kreuzfahrtschiff beworben hatte – zwei Wochen bevor sie krank wurde. Sie huschte in ihr Zimmer und kam gleich darauf mit einem Sammelalbum zurück, in dem sie vorblätterte bis zu einigen Artikeln über den Anstieg von Haiangriffen in den letzten zehn Jahren.

Shy musste mit ihr in die öffentliche Bücherei gehen und im Internet ein Foto von einem Paradise Cruise Liner aufrufen.

»Oh, mijo«, hatte sie ganz aufgeregt gehaucht. »Das ist das größte Boot, das ich je gesehen habe.«

»Siehst du, Grandma? Mit so einem Ding kann sich ein Hai wirklich nicht anlegen, stimmt’s?«

»Ich wüsste nicht, wie.« Sie sah auf den Bildschirm und dann zu Shy. »Aber ich habe Bilder von ihren Zähnen gesehen, mijo. Eine Reihe über der anderen. Und du glaubst wirklich nicht, dass sie den Boden einfach durchbeißen können?«

»Nicht, wenn der Boden aus einem halben Meter dickem Stahl besteht.«

Mit leerem Blick und den Gedanken bei seiner Grandma starrt Shy aufs Meer hinaus, als er aus den Augenwinkeln einen verschwommenen Schatten wahrnimmt, der auf die Reling klettert.

Er fährt herum.

Der Glatzenverstecker.

»Sir!«, ruft er, aber der Typ schaut nicht einmal auf.

Shy legt die Hände trichterförmig um den Mund und ruft noch lauter: »Sir!«

Nichts.

Jetzt begreifen auch die beiden älteren Frauen, was vor sich geht. Keine von ihnen sagt oder tut etwas.

Shy reißt den Bauchladen herunter und sprintet quer übers Deck. Erreicht den Mann gerade in dem Moment, als dieser sich auf der anderen Seite der Reling ablässt und springen will.

Shy streckt die Hand aus und packt ihn am Arm. Schnappt sich mit der anderen den Jackenkragen und umklammert den Stoff mit der Faust. So hält er den Mann, der neben dem Schiff in der Luft hängt.

Es geht alles so schnell.

Keine Zeit zum Nachdenken.

Der Mann baumelt über dem Abgrund. Zwanzig Stockwerke oder mehr von der Dunkelheit entfernt und viel zu schwer für einen allein, rutscht er Shy Stück für Stück aus den Händen.

Shy schlingt das rechte Bein um die Reling, um nicht selbst hinübergezogen zu werden, und ruft über die Schulter: »Holen Sie Hilfe!«

Eine der Frauen läuft durch die Glastür in die Lounge. Die andere schreit Shy ins Ohr: »O mein Gott! O mein Gott! O mein Gott!«

Der Glatzenverstecker starrt Shy direkt in die Augen. Bis zu diesem Moment hat er sich mit der Hand an Shys Unterarm geklammert. Doch jetzt lässt er los.

»Was machen Sie da?«, schreit Shy ihn an. »Halten Sie sich fest!«

Der Mann schaut nach unten.

Shy packt noch fester zu. Beißt die Zähne zusammen und versucht, den Mann heraufzuziehen. Aber das ist unmöglich. Er ist nicht stark genug. Und er steht einfach zu ungünstig.

Wieder sieht er über die Schulter und ruft um Hilfe.

Die zweite Frau weicht mit schleppenden Schritten zurück in Richtung Lounge. Die Wasserflaschen aus Shys Cooler rollen hinter ihr über das Deck.

Shy spürt, wie ihm der Ellenbogen des Mannes durch die Finger rutscht. Er muss irgendetwas tun. Sofort. Aber was?

Sekunden vergehen.

Er lässt den Kragen des Mannes los, um auch mit der anderen Hand seinen Arm zu umklammern. Direkt unterhalb des Ellbogens. Jetzt hält er ihn mit beiden Händen. Und verschränkten Fingern. Shy zittert am ganzen Leib, während er den Mann weiter festhält. Schweiß läuft ihm über die Stirn und in die Augen.

Sein um die Reling geschlungenes Bein verkrampft sich.

Sekunden später hört er ein Ratschen. Der Anzug des Mannes platzt am Ärmel auf. Hilflos sieht Shy mit an, wie die Nähte vor seinen Augen nachgeben. Zeitlupenartig. Schwarze Fäden springen auseinander und hängen da wie winzige Würmer.

Dann folgt ein lautes Reißgeräusch und der Mann stürzt schreiend in die Tiefe. Fällt mit wildem Blick rückwärts, rudert mit Armen und Beinen.

Mit einem kaum merklichen Aufspritzen verschwindet er unten in der Dunkelheit.

Shy!, ruft jemand.

Aber Shy starrt unverwandt über die Reling ins Dunkel. Versucht, zu Atem zu kommen. Versucht zu denken.

Shy, ich weiß, dass du mich hörst.

Andere Passagiere drängen jetzt aufs Deck. Gedämpftes Gemurmel. Über ihm springt ein Scheinwerfer an, der helle Strahl kriecht über die Wasseroberfläche. Bringt aber nichts zum Vorschein.

Hör auf mit dem Quatsch, Alter. Wir müssen uns beeilen und zur Southside.

Der Ozean raunt weiter wie vorher. Als wäre rein gar nichts geschehen und als würde auch nie etwas geschehen.

Shy sieht auf seine Hände.

Er hält immer noch den leeren Ärmel des Mannes umklammert.

Überleben ist erst der Anfang …

1. Tag

1 Rodney

»Ernsthaft, Shy. Steh auf.«

Shy drehte sich in seiner Koje um.

»Zwing mich nicht, dir eins auf die Rübe zu geben.«

Shy öffnete die Augen einen Spalt weit.

Big Rodney ragte über ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt.

Während die Wirklichkeit langsam zurückströmte, sah Shy sich in ihrer kleinen Kabine um: kein Ärmel in seinen Händen. Sie waren auf einer völlig anderen Reise – unterwegs nach Hawaii, nicht nach Mexiko. Der Mann war vor sechs Tagen gesprungen.

»Ich weiß, dass du’s nicht vergessen hast«, sagte Rodney.

»Was vergessen?«, erwiderte Shy, während er sich aufsetzte und die Augen rieb, obwohl er wusste, dass Rodney die Antwort stressen würde – weil Rodney alles stresste. Also erklärte er ihm mit einem Lächeln: »War nur ’n Scherz, Mann. Natürlich hab ich’s nicht vergessen. Du siehst doch, dass ich schon angezogen bin, oder?«

»Ich wollte schon was sagen.« Mit eingezogenem Kopf verschwand Rodney im Badezimmer und kam mit einer elektrischen Zahnbürste zurück, die ihm surrend über die Zähne fuhr, während er etwas Unverständliches vor sich hin murmelte.

Shy stand auf, ging zu seiner Kommode und zog eine braune Papiertüte aus dem Safe, den er nie benutzte.

Es war Rodneys neunzehnter Geburtstag. Ein paar Leute wollten heute Abend auf dem Mannschaftsdeck draußen vor der Southside Lounge feiern. Als Shy seinen Dienst am Pool um neun Uhr beendet hatte, war er in seine und Rodneys Kabine heruntergekommen, um zu duschen und sich umzuziehen, dann aber tief und fest eingeschlafen. Was kein großes Wunder war, wenn man bedachte, dass er die Nacht davor kaum ein Auge zugetan hatte. Oder die Nacht davor. Oder die davor …

Er sah auf die Uhr: schon nach elf.

Rodney ging wieder ins Bad und wischte sich mit einem Handtuch den Mund ab, als er zurückkam. Der Typ war erstaunlich flink für einen Offensive Lineman. »Ich habe gesagt, dass du dich im Schlaf hin und her gewälzt hast, Alter. Wieder vom Springer geträumt?«

»Nein, von deiner Mutter«, erklärte ihm Shy.

»Ah, verstehe. Wir haben einen zweiten Komiker an Bord.«

Der Selbstmord mochte sechs Tage her und auf einer völlig anderen Reise passiert sein, aber seither sah Shy jedes Mal, wenn er die Augen schloss, den Glatzenverstecker vor sich. Wie er aus seiner Wasserflasche trank oder sich über Korruption ausließ oder seinen Arsch über die Reling schob – und sein fleischiger Arm langsam Shys jämmerlichem Griff entglitt.

Noch schlimmer war, dass das Gesicht des Mannes mitten im Traum mit dem von Shys Grandma verschmolz, deren Augen sich durch ihre unheimliche Krankheit langsam mit Blut füllten.

Shy warf Rodney die Papiertüte zu.

»Du hast ein Geschenk für mich, Alter?«, sagte Rodney. »Was ist es denn?«

»Was hättest du denn gern?«

Rodney sah an die Decke und tippte sich an die Stirn, als denke er nach. Dann erklärte er: »Wie wär’s mit einer schönen Frau in Dessous?«

Shy lachte übertrieben. »Glaubst du, ich kann zaubern, oder was?«

»War nur ’n Scherz, Alter«, sagte Rodney. »Schön muss sie nicht unbedingt sein. Du weißt, dass ich nicht wählerisch bin.«

Shy zeigte auf die Tüte. »Mach sie einfach auf.«

Rodney faltete sie auf und zog das Buch heraus, das Shy ihm besorgt hatte: Daisy kocht! Lateinamerikanische Küche, die begeistert.

»Ich hab’s im Geschenkshop entdeckt.«

Rodney hatte das Buch umgedreht und las die Beschreibung auf der Rückseite.

»Wenn du ein berühmter Koch werden willst«, erklärte ihm Shy, »musst du wissen, wie man Tamales und Empanadas zubereitet. Ich und Carmen könnten so was wie deine Testesser sein.«

Mit glasigen Augen sah Rodney Shy an.

Das Geschenk bewies, dass Shy sich an ihr erstes Gespräch auf ihrer ersten gemeinsamen Reise erinnerte. Als Rodney erwähnt hatte, dass er gern Koch in New York City werden würde.

Aber Tränen?

Im Ernst?

»Komm her, Alter«, sagte Rodney und breitete die Arme aus.

»Nö, schon gut«, erklärte Shy und schob sich in Richtung Tür. Rodney war ein leidenschaftlicher Umarmer, der nicht wusste, wohin mit seiner Kraft. Und Shy nicht gerade der gefühlsduselige Typ.

»Jetzt stell dich nicht so an, Shy. Komm her und umarm deinen Kumpel.«

Stattdessen wandte sich Shy zur Tür und sagte: »Wir müssen uns beeilen, damit du zu deiner Party –«

Zu spät.

Rodney packte ihn am Arm und zog ihn an die Brust. Genauso musste es sich anfühlen, von einem Burmesischen Python erdrückt zu werden.

»Du bist ein echter Freund«, sagte Rodney mit vor Rührung brüchiger Stimme. »Das ist mein Ernst, Shy. Wenn ich ein weltbekannter Koch werde und sie mich in eine dieser Vormittagsshows im Fernsehen holen, um irgendetwas vorzuführen … Pass nur auf, dann benenne ich ein Gericht nach meinem mexikanischen Compadre. Wie wär’s mit Soufflé Shy?«

Normalerweise hätte Shy irgendeinen Spruch darüber losgelassen, dass Rodney eher ein Gesicht fürs Radio habe, aber er konnte nicht klar denken. Rodney schnitt ihm die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn ab.

2Eine Crew innerhalb der Crew

Shy und Rodney setzten sich an einen Tisch auf der überfüllten Außenterrasse, an dem Carmen, Kevin und Marcus einen Stapel dampfender Pizzaschachteln bewachten.

»Habt euch ganz schön Zeit gelassen«, sagte Marcus.

Rodney zeigte auf Shy. »Nicht meine Schuld. Er hat schon wieder von dem Typen geträumt, der gesprungen ist.«

Shy starrte ihn an. Noch vor einer Viertelstunde hatte der Kerl wegen eines Kochbuchs geflennt und jetzt machte er sich über Leute lustig, die Albträume hatten?

Carmen klappte die oberste Schachtel auf: »Die hier haben sie gerade für dich vorbeigebracht, Rod. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Big Boy.«

»Herzlichen Glückwunsch«, stimmten auch die anderen ein.

Rodney bedankte sich mit einer schnellen Umarmung über dem Tisch und zog sich dann sein erstes Pizzastück auf einen Pappteller. Dann ein zweites und ein drittes.

Der Duft von Peperoni und Käse stieg Shy so heftig in die Nase, dass ihm kaum Zeit blieb, Carmen anzuschmachten. Sein Magen knurrte, als er mit den anderen in die Schachtel langte. Er klappte ein großes Stück so gut es ging zusammen und biss seitlich hinein.

Es gab für die Crew zwei Aufenthaltsräume an Bord, einen an jedem Ende des Schiffes, aber dieser hier war Shys Favorit. Die Southside Lounge.

Für zahlende Passagiere gab es alle erdenklichen Annehmlichkeiten: Luxusspas und -pools, verschiedene Kasinos, Fünf-Sterne-Restaurants, Tanzklubs, Theater, Gourmetbuffets, die die ganze Nacht geöffnet hatten. Aber die richtige Party fand hier unten statt, im Crewbereich. Gegen Mitternacht, wenn die meisten ihren Dienst beendet hatten, wurde überall gefeiert, in den Gängen, den Bars, den Aufenthaltsräumen. Eine bunte Mischung gut aussehender, junger Leute aus sämtlichen Teilen der Welt.

Heute Abend war es besonders voll, weil eine neue Reise begonnen hatte. Noch war niemand ausgelaugt und es gab jede Menge frische weibliche Gesichter zu begutachten – Shys liebster Zeitvertreib. Sämtliche Tische quollen über. Alle tranken, redeten und lachten. Spielten Poker. Eine Gruppe Japanerinnen saß an der Bar und verleibte sich Schnäpse ein. Vor der gegenüberliegenden Wand schwangen ein paar Brasilianerinnen die schönen Hüften zu Reggaemusik.

Ein älterer Schwarzer, an den Shy sich von seiner ersten Fahrt erinnerte, saß allein in der Nähe der Reling und schrieb in ein ledergebundenes Notizbuch. Wilde graue Haare. Geflochtener Kinnbart. Er sah aus wie eine Art schwarzer Einstein oder wie ein Terrorist – dabei machte er an Bord nichts anderes, als Schuhe zu putzen.

Es war ziemlich seltsam, einen alten Kerl in der Mannschaft zu haben, aber Shy bezweifelte, dass Leute in seinem Alter das Schuhputzen richtig draufhatten.

 

Während sich die anderen über die wenigen freien Tage unterhielten, die sie fern vom Schiff verbracht hatten, dachte Shy an einen nicht sehr lange zurückliegenden Geburtstag. Vor zwei Jahren hatten ihn seine Mom, seine Schwester und seine Grandma zu einem College-Basketballspiel begleitet. In der Halbzeit wurden drei Platznummern ausgerufen und die Leute, die dort saßen, aufs Spielfeld heruntergebeten, wo sie mit Korbwürfen Preise gewinnen konnten. Shy konnte es kaum glauben, als seine Schwester ihn darauf aufmerksam machte, dass er auf einem der Glücksplätze saß.

Er ging mit den beiden anderen Teilnehmern aufs Spielfeld hinunter und stand in der brechend vollen Arena, während der Spielleiter die Regeln erklärte. Jeder von ihnen sollte einen Korbleger, einen Freiwurf, einen Drei-Punkte-Wurf und einen Wurf von der Mittellinie aus absolvieren. Für einen Treffer gab es einen Geschenkgutschein von Pizza Hut. Zwei Treffer erbrachten zwei Eintrittskarten für das nächste Heimspiel. Für drei Treffer erhielt man eine Loge für einen selbst und fünf weitere Gäste. Und wenn man mit allen vier Würfen traf, einschließlich dem von der Mittellinie, erhielt man von der Bank, die die Sportarena sponserte, einen Sparbrief über zweitausend Dollar.

Der erste Werfer war ein alter Kerl, dem die Haare büschelweise aus den Ohren wuchsen. Er traf jedes Mal daneben.

Als Nächstes warf ein kurzhaariges, burschikos wirkendes Mädchen mit Timberland-Tretern. Sie schaffte den Korbleger und den Freiwurf.

Dann war Shy an der Reihe.

Er absolvierte den Korbleger mit Board und tütete in null Komma nichts den Freiwurf ein. Dann versenkte er den Dreier ohne Ringberührung und hörte, wie die Menge unruhig wurde. Als Shy zur Mittellinie hinausdribbelte, verkündete der Sprecher: »Wenn dieser junge Mann auch den Halfcourt-Shot verwandelt, Ladys und Gentlemen, geht er heute Abend um zweitausend Dollar reicher nach Hause!«

Shy stand wenige Schritte hinter der Mittellinie und sah in die Menge. Einige Leute waren auf den Beinen und feuerten ihn an. Ein einmaliges Gefühl. Er sah seine Mutter und seine Schwester klatschen, während seine Gran am Geländer lehnte und Fotos schoss, von denen er wusste, dass sie in einem ihrer berühmten Sammelalben landen würden. Er atmete tief durch und wandte sich dann dem weit entfernten Korb zu, dribbelte los, machte zwei schnelle Schritte und führte den Ball aus Hüfthöhe nach oben.

Er sah die Kugel in Superzeitlupe durch die Luft fliegen. Sah, wie sie am Board abprallte und geradewegs durch den Ring tropfte.

Die Menge explodierte.

Ein Repräsentant der Bank überreichte Shy einen übergroßen Scheck. Zwei Riesen. Shy hielt ihn hoch und lachte in sich hinein. So etwas passierte einem dahergelaufenen Niemand wie ihm normalerweise nicht. Er war bloß ein Typ, der irgendwo an der Grenze zu Mexiko lebte. Wussten sie das nicht?

 

Immer noch beseelt von der Erinnerung, griff Shy nach einem zweiten Pizzastück. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis er wieder lachen konnte. Auch wenn er es nie zugeben würde, hatte es in seinem Kopf etwas angestellt, einen Typen vom Schiff stürzen zu sehen. War schwer wegzustecken, der Scheiß.

Shy nahm einen Bissen und beschloss, sich auf der Terrasse noch einmal umzusehen. Vielleicht konnte es eine der neuen Frauen mit Carmen aufnehmen. Das war ein kleines Spiel, mit dem er sich manchmal die Zeit vertrieb. Er war noch nicht fertig damit, als ihm auffiel, dass Kevin ihn von der anderen Seite des Tisches aus anstarrte.

»Was ist?«, fragte Shy.

»Wir müssen reden«, sagte Kevin mit seinem schwachen australischen Akzent. »Sobald du gegessen hast.«

»Ich muss den Lido noch fertig machen«, erklärte ihm Shy. Der Poolbereich war seine letzte Aufgabe an diesem Abend.

»Dann machen wir es zusammen.«

Shy zuckte die Achseln und biss wieder in sein Pizzastück. Es war ungewöhnlich, dass Kevin so erpicht darauf war, mit ihm zu reden. Allerdings arbeiteten sie nicht zusammen, daher konnte sich Shy nicht vorstellen, in Schwierigkeiten zu sein.

Er sah, wie Rodney ein weiteres Pizzastück in die Höhe hielt und fragte: »Ihr wisst, wer die hier für uns gemacht hat?«, um dann mit dem Daumen auf sich zu weisen. »Gerade als ich ausstechen wollte, kommt der Küchenchef zu mir und sagt: ›Tja, tut mir leid, Rodney. Wir haben gerade eine Bestellung für vier Pizzen reingekriegt. Es würde uns echt helfen, wenn du die noch in den Ofen schiebst, bevor du gehst.‹ Alter, ich hatte schon die Schürze aus und alles.«

»Und das hast du gemacht?«, fragte Marcus.

Rodney zuckte die Achseln. »Keine Wahl.«

»Mist«, sagte Carmen und sah Shy an. »Sie haben deinen Kumpel sein eigenes Geburtstagsessen machen lassen.«

»Ich wünschte, sie hätten es ihn auch noch ausliefern lassen«, sagte Shy. »Dann hätten wir ihm den Arsch mit Trinkgeld vollstopfen können.«

Alle lachten, sogar Rodney, der sagte: »Apropos Trinkgeld. Erzähl den anderen, was dir der Kerl zugesteckt hat, bevor er in den großen Teich gesprungen ist.«

Shy griff in die Tasche seiner Uniform und hielt eine Hundertdollarnote hoch. »Ist mir erst wieder eingefallen, als wir heute an Bord gegangen sind.«

Kopfschüttelnd bediente sich Rodney abermals an der Pizza. »Und ich sage zu ihm: ›Was hast du dafür gemacht, Alter? Ihm einen runtergeholt?‹«

»Ich hab ihm nur eine Flasche Wasser gegeben«, sagte Shy und starrte auf das Geld des Glatzenversteckers. Offiziell war es der Crew nicht erlaubt, Trinkgeld anzunehmen. Doch das hielt niemanden davon ab, es trotzdem zu tun. Für Shy war dieser Hundertdollarschein aber irgendwie kein Trinkgeld. Es kam ihm einfach nicht richtig vor, es für irgendwelchen Blödsinn auszugeben.

Carmen streckte die Hand aus und sagte: »Du kannst es gern mir geben, vato. Genau das schuldest du mir dafür, dass ich mit dir befreundet bin.«

Shy tat, als würde er ihr das Geld auf den Handteller legen, doch sobald sie die manikürten Finger um den Schein schließen wollte, riss er ihn wieder an sich und schob ihn in die Tasche. »Da musst du schon schneller sein.«

Carmen schnitt eine Grimasse und kniff ihm von hinten in den Arm.

Shy war erleichtert, als er sah, dass Kevin in das Lachen der anderen einfiel. Was immer er mit ihm besprechen wollte, konnte so wichtig nicht sein.

»Nur damit ich das richtig verstehe«, sagte Marcus und wischte sich die Hände an einer Serviette ab. »Wenn du dir den Schein gleich angesehen hättest, hättest du dem Kerl womöglich das Leben retten können?«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Shy.

»Wenn mir einer Hunderter zusteckt, gehen bei mir sämtliche Warnlichter an.«

»Vielleicht bin ich einfach gut in dem, was ich mache«, sagte Shy und grinste ihn spöttisch an.

»Niemals«, sagte Carmen.

»Ja, schon klar.« Marcus lachte und biss in sein Pizzastück.

»Manche Gäste geben einfach gern solche Trinkgelder«, sagte Kevin. »Weil sie Eindruck schinden wollen.«

»Ich habe mal einen Fünfziger gekriegt, dafür, dass ich ein Karaoke-Mikro ausgerichtet habe«, erzählte Carmen. »Auf der vorletzten Fahrt.«

»Mann oder Frau?«, fragte Rodney.

»Mann. Warum?«

»Du weißt doch, dass diese reichen weißen Typen eine Schwäche für dich haben, Carm. Du bist für sie so eine Art scharfer Taco.«

Carmen boxte Rodney gegen die Schulter. Dabei konnte es sich Shy einfach nicht verkneifen hinzusehen, als ihr das Shirt den wunderschönen braunen Rücken hinaufrutschte.

»Hammer«, sagte Marcus. »Fünfzig sind echt eine Menge für einen mexikanischen Pfannkuchen.«

Carmen fischte ein Stück Kruste aus der halb leeren Pizzaschachtel und bewarf ihn damit. Marcus duckte sich jedoch rechtzeitig weg und die Kruste flog über die Reling in den Pazifik. »Aber Waffeln mit Hühnchen hältst du für Nobelessen, oder was?«, sagte sie.

»Im Vergleich zu einer Schüssel armseligem Tacosalat?«

Jetzt lachten alle, auch die Gruppe der schwedischen Crewmitglieder am Nachbartisch, wie Shy bemerkte.

»Nur damit du Bescheid weißt«, sagte Rodney, »hier gelten alle als Nobelhäppchen. Sieh dich doch um, Alter. Paradise stellt nur Leute ein, die was hermachen.«

Shy sah, wie sich alle am Tisch gegenseitig musterten. Dabei war das gar nicht nötig. Rodney hatte recht. In der Crew sahen praktisch alle gut aus, vor allem die Gruppe, in der Shy gelandet war.

Kevin war ein kantiger australischer Outdoor-Typ. Mit strubbeligen blonden Haaren und Dreitagebart. Er war mit einundzwanzig der Älteste und Erfahrenste am Tisch. Wenn er nicht gerade auf einem Paradise-Luxusliner Martinis mixte, ließ er sich in ganz Europa als Unterwäsche-Model ablichten.

Marcus war der fest angestellte Hip-Hop-Tänzer an Bord. Ein hübscher schwarzer Kerl aus Crenshaw und heimlicher Technikfreak. Dank Popping, Locking und all der anderen Breakdance-Verrenkungen, die man kaum für möglich hielt, war er unglaublich gut durchtrainiert. Jedes Mal, wenn er bei einer Tanzvorführung auf der großen Bühne am Pool sein Uniformhemd fallen ließ, konnte Shy zusehen, wie alle seine Bauchmuskeln anstarrten. Sogar die klapperdürren, weißen alten Damen aus den Südstaaten.

Carmen war das einzige weibliche Wesen in ihrer Gruppe. Sie war achtzehn, Halbmexikanerin genau wie Shy, und stammte aus National City, einer Stadt in der Nähe von Otay Mesa. Sie leitete das allabendliche Karaoke und sang in einigen der Shows mit. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Shy kaum ein Wort herausgebracht. Sie hatte lachend mit der Hand vor seinem Gesicht herumgewedelt und Rodney gefragt, ob er stumm sei.

Das einzige Problem mit Carmen war, dass sie zu Hause einen Verlobten hatte. Irgendeinen reichen weißen Knaben, der Jura studierte. Sie lasse den Brilli in der Kabine, behauptete sie, weil Verlobungsringe für Trinkgelder Gift seien.

Schließlich wandten sich alle Augen Rodney zu.

Er ließ ein halb aufgegessenes Pizzastück mit Salami sinken und sagte: »Was?«

Der ganze Tisch grinste ihn an.

»Ich zähle nicht mit, Leute«, sagte er. »Sie schließen meinen fetten Arsch nicht ohne Grund in der Küche ein.«

Alle lachten.

Rodney war ein knapp zwei Meter großes Landei mit einem grauenhaften Bürstenhaarschnitt. Und schiefen Zähnen. Er war vor einigen Monaten von Iowa nach Irvine gezogen, um an der dortigen Uni für die Anteaters Football zu spielen. Sein Fitnesstrainer hatte ihm den Job auf dem Schiff verschafft, wo er dem Küchenchef des Destiny-Speisesaals zur Hand ging. In seiner Freizeit las Rodney Liebesromane, futterte Gummibärchen aus sackgroßen Tüten und hörte mit seinen riesigen Kopfhörern Christina Aguilera.

Während sie allmählich ihre Mahlzeit beendeten, dachte Shy darüber nach, wie er ins Bild passte. Er war kein Unterwäsche-Model wie Kevin, das wusste er. Aber er war groß für einen Halbmexikaner. Und er konnte mit Bällen umgehen. Zu Hause nannten ihn die Mädchen »Hübscher« und bezeichneten ihn als guten Fang – auch wenn ein Fang in Otay Mesa wahrscheinlich etwas anderes war als ein Fang auf einem Paradise- Kreuzfahrtschiff.

Diese Gedanken wälzte er immer noch hin und her, als er sich durch die Menge schlängelte, um seinen fettigen Pappteller in den Mülleimer neben der Bar zu werfen. Als er sich wieder umdrehte, stand Kevin vor ihm. »Bereit?«

»Klar«, sagte Shy. »Aber was ist los?«

»Heute Morgen hab ich zufällig was mitangehört.« Kevin entsorgte seinen Teller ebenfalls. »Ich dachte mir, ich warne dich lieber.«

Warnen? Eine Welle der Nervosität rollte durch Shys Magen.

»Lido-Deck, hast du gesagt?«, vergewisserte sich Kevin.

Shy nickte. Während er sich hinter Kevin durch die dicht gestellten Tische zum Ausgang schlängelte, sah er über die Schulter zu Carmen zurück.

Alles okay?, formte sie tonlos mit den Lippen.

Shy zuckte die Achseln und ging durch die Tür.

3Der Mann im schwarzen Anzug

Shy folgte Kevin mehrere Treppen hinauf und durch das Atrium, das geradewegs einem Kunstmagazin entsprungen zu sein schien. Übergroße Gemälde an sämtlichen Wänden, frische Blumenarrangements in großen bunten Vasen, Kronleuchter mit Kristallkaskaden und klassische Musik, die leise aus gut versteckten Lautsprechern perlte.

Wo immer sie einem Gästepaar begegneten, das sich auf einem nächtlichen Spaziergang befand, grüßten sie mit einem Lächeln und einem leichten Neigen des Kopfes.

»Ma’am.«

»Sir.«

Sie marschierten bis ans andere Ende des Schiffs und hinaus aufs Lido-Deck, auf dem Shy auf dieser Reise den Großteil seiner Arbeitszeit verbringen sollte. Der Schiffsarzt war zu dem Schluss gekommen, dass es am besten sei, Shy vom Honeymoon-Deck fernzuhalten – zumindest bis er genügend Zeit gehabt habe, »den Selbstmord zu verarbeiten«. Dann hatte er Shy ein Fläschchen mit Tabletten überreicht, die ihn beruhigen sollten. Doch schon die erste hatte dafür gesorgt, dass er sich hohl und dumpf fühlte. Wie ein künstlicher Mensch. Er hatte den Rest in den Müll geworfen.

Sie gingen ans hintere Ende, wo der Infinity-Pool im Mondlicht glitzerte. Im Whirlpool hockten immer noch einige Leute, obwohl er vor über einer Stunde geschlossen worden war. Ein Mann und drei junge Frauen. Als sie Kevin und Shy näher kommen sahen, stand der Typ auf und sagte: »Zeit zu gehen, was?«

»Tut mir leid, Sir«, erklärte ihm Shy. »Ich muss für heute schließen.«

Der Typ sprang tropfnass aus dem Whirlpool und sah die Mädchen an. »Ihr habt den Mann gehört. Es wird Zeit, sich nach drinnen zu verziehen.«

Shy sah zu, wie die drei Bikinimädchen aus dem Whirlpool stiegen. Sie waren jünger als die meisten anderen Passagiere, Mitte zwanzig vielleicht, und sahen höllisch gut aus. Nur eine winzige Spur schlechter als Carmen, wenn sie in einem Zweiteiler steckte – und das wollte etwas heißen.

Der Typ steckte bereits in Hemd und Cargohosen, kam zu Shy und Kevin herüber und sagte: »Es muss echt Nerven kosten, Abend für Abend Leute aus dem Becken zu scheuchen. Tut mir leid, Jungs. Ich heiße übrigens Christian.«

Shy schüttelte dem Typen die Hand und stellte sich vor.

Kevin tat das Gleiche.

Christian sah aus wie einer GQ-Werbung entsprungen. Hellblaue Augen, gemeißeltes Kinn, ein Anflug von Bartstoppeln um das Gesicht. Lange, sandblonde Haare bis auf die Schultern, die immer noch nass waren und ihm aufs Hemd tropften.

»Komm schon, Dr. Christian«, rief eines der Mädchen.

Der Typ zwinkerte Kevin und Shy zu. »Hab gerade das Medizinstudium abgeschlossen. Wir feiern ein bisschen. Man sieht sich.« Er drehte sich um und ging in Richtung Atrium davon. Die Mädchen folgten ihm eines nach dem anderen. Shy schaute ihnen nach und fragte sich, wie es wohl wäre, ein völlig anderes Leben zu führen. Im Begriff zu sein, Arzt zu werden. Derjenige zu sein, der bedient wird, statt selbst zu bedienen. Derartige Gedanken waren ihm nie gekommen, ehe er das erste Mal ein Luxuskreuzfahrtschiff betreten hatte.

Als sie fort waren, drehte sich Shy zu Kevin um und fragte: »Also, wovor wolltest du mich warnen?«

»Der hatte alle Hände voll zu tun, was?«, sagte Kevin und starrte auf die nassen Fußabdrücke, die die Mädchen hinterlassen hatten. »Hätte nichts dagegen gehabt, ihm auszuhelfen. Er hätte mich nur fragen müssen.«

»Ganz deiner Meinung«, sagte Shy und fing an, weiße Liegestühle an ihren Platz zurückzustellen, liegen gelassene Handtücher aufzusammeln und Rückenlehnen aufrecht zu stellen. Es waren mehr als zweihundert Liegen, die jeden Morgen vor Sonnenaufgang perfekt in Reih und Glied stehen mussten.

Er umrundete die zweite Reihe und bog zum Hauswirtschaftsraum ab, während er noch einmal fragte: »Die Warnung, Kev.«

»Richtig«, sagte Kevin und hob ein Handtuch auf, das Shy runtergefallen war. »Also, als ich heute Morgen nach oben kam, bin ich direkt in die Bar, um mit meinen Vorbereitungen anzufangen. Aber die Vorratskammer war abgeschlossen, was mir total auf den Sack ging. Ich also den ganzen Weg rauf zu Paolos Büro, um den Schlüssel zu holen und – Du bist Paolo schon begegnet, oder?«

»Der Leiter vom Sicherheitsdienst.« Shy drückte die Tür des Hauswirtschaftsraums auf, nahm den Handtuchstapel von der Schulter und ließ ihn in den Wäschebehälter fallen. Kevin warf sein Handtuch hinterher. Claudia, eine Deutsche, die Shy auf seiner ersten Reise kennengelernt hatte, winkte ihnen zu und schob den Rollwagen zur Wäscherei.

»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte Kevin. »Du hast nach dem Selbstmord ein paar Stunden mit ihm verbracht, nicht? Jedenfalls konnte ich nicht gleich rein in sein Büro, weil schon jemand drinnen war. Ein Mann im schwarzen Anzug. Und rate mal, über wen er Paolo ausgefragt hat?«

»Über mich?«

»Über dich.«

Shy blieb stehen. »Warum?«

Doch ihm war, als wüsste er die Antwort bereits.

Der Glatzenverstecker.

»Als guter Freund«, sagte Kevin, als Shy wieder daranging, die Liegestühle zurechtzurücken, »habe ich hinter der Tür, wo mich keiner sehen konnte, gewartet und zugehört. Der Schwarze Anzug will alles Mögliche über diesen Shy wissen. Wer ist er? Woher kommt er? Was hat er mit dem Springer bequatscht, bevor die Sache ins Auge ging? Und dabei schlägt er einen richtig scharfen Ton an, was ich auf einem Paradise- Schiff noch nie erlebt habe. Paolo steht praktisch über allen, verstehst du? Also gehört dieser Typ wahrscheinlich nicht zur Crew.«

Shy schüttelte frustriert den Kopf. »Wie oft muss ich das denn noch erklären? Ich habe dem Kerl bloß eine Wasserflasche gegeben. Und als er springen wollte, habe ich ihn am Arm gepackt, aber er war zu schwer. Ich konnte ihn nicht festhalten. Was wollen sie denn noch hören?«

Natürlich ließ er die merkwürdige Unterhaltung aus, die er mit dem Glatzenverstecker geführt hatte. Davon hatte er noch niemandem erzählt. Aber sie ergab sowieso keinen Sinn. Und er hatte angenommen, je weniger er angab, mit dem Mann gesprochen zu haben, desto schneller würden sie ihn in Ruhe lassen.

So viel zu dieser Theorie.

»Ganz ruhig«, sagte Kevin. »Ich bin nur der Überbringer der Nachricht. Außerdem hat es sich für mich so angehört, als hätte Paolo ihm die richtigen Antworten gegeben. Aber der Schwarze Anzug war nicht zufrieden. Er wollte deine Akte. Und deinen Arbeitsplan.«

Shy riss ein feuchtes Handtuch von einem Stuhl. »Das ist doch verrückt, Kev. Hat Paolo sie ihm gegeben?«

»Keine Ahnung«, sagte Kevin. »Es klang so, als wäre das Gespräch in dem Moment zu Ende, also habe ich mich verdrückt.«

Unter weiterem Kopfschütteln brachte Shy eine letzte Ladung Handtücher in den Hauswirtschaftsraum und ließ sie in den leeren Behälter fallen. Wie sollte er diesen Mist jemals hinter sich lassen, wenn alle anderen ihn ständig wieder heraufbeschworen?

Er wandte sich dem schicken Whirlpool zu, schaltete die Düsen aus, den Wasserfall und die Heizung und begann die Spezialabdeckung darüberzuziehen. Alles, was Shy gewollt hatte, war ein Sommerjob, bevor sein letztes Schuljahr begann. Und als seine Mentorin ihm von ihren Verbindungen zu Paradise Cruise Lines erzählte, hatte sich das neu und exotisch angehört. Wenn er noch einmal von vorn anfangen könnte, würde er sich stattdessen bei einem ganz normalen Laden bewerben. Subways zum Beispiel oder dem Big-O-Tires-Reifenhändler. Wenigstens versuchte niemand sich umbringen, wenn er einen Satz Goodyear-Schlappen kaufte.

»Kapierst du es denn nicht?«, fragte Kevin, der Shy wie ein Schatten folgte. »Die Leute, mit denen wir es hier zu tun haben, sind keine normalen Kreuzfahrtpassagiere. Es sind die Reichsten der Reichen. Wir hatten hier schon Ex-Präsidenten. Schauspieler. Auf meiner ersten Reise war Donald Trump dabei.«

»Was ist, wenn ich losgehe und den Kerl selbst aufstöbere?«, schlug Shy vor. »Vielleicht kann ich mit ihm reden. Die Sache aus der Welt schaffen.«

»Du kannst es versuchen«, sagte Kevin und sah an Shy vorbei. »Ich vermute, er gehört zum FBI oder irgendwas weit oben. Und wenn dir der Springer nichts gesagt hat vor seinem Abgang, hast du nichts zu befürchten, oder?«

Shy ging zum Infinity-Pool hinüber und zog den Skimmer aus der Halterung. Dann fischte er einen winzigen Papierfetzen, ein Haarband und ein paar kleine Käfer aus dem Wasser. Er wusste nicht recht, was er denken sollte. Das FBI? So etwas war ihm noch nie passiert. Er wünschte, er könnte den Rest der Reise im Schnelldurchlauf hinter sich bringen, um zu seinem einfachen Leben in Otay Mesa zurückzukehren – obwohl auch das inzwischen gehörig durcheinandergewirbelt war, jetzt, wo seine Grandma gestorben war.

Shy bemerkte, dass Kevin schon wieder an ihm vorbeisah und die Hände in den Taschen vergrub.

»Seltsam«, murmelte Kevin.

»Was?«, fragte Shy.

Kevin starrte kopfschüttelnd zu Boden. Dann zischte er Shy leise zu: »Dreh dich nicht um, aber ich glaube, jemand beobachtet uns schon die ganze Zeit.«

»Wer?«, fragte Shy. »Der Typ im schwarzen Anzug?«

Kevin zuckte die Achseln.

»Der, den du gesehen hast?«

»Ich bin mir ziemlich sicher.«

Shy erstarrte mit dem Skimmer in der Hand. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Die Sache wirkte plötzlich viel ernster. Als stecke er womöglich wirklich in Schwierigkeiten.

»Hör mal«, sagte Kevin. »Bring deine Arbeit hier zu Ende und geh in deine Kabine. Ich rede morgen früh als Erstes mit Paolo.«

Shy verstaute den Skimmer.

Er hatte das Gefühl, als würden ihm die Augen des Mannes ein Loch in den Rücken brennen. Oder bauschte er die ganze Sache nur auf? So oder so fühlte es sich nicht gut an, hier draußen allein zu sein. »He, Kev?«, sagte er leise. »Was dagegen, wenn du noch ein paar Minuten hierbleibst?«

Kevin warf Shy einen Blick zu, der ihm versicherte, dass er sich auf ihn verlassen konnte. »Ich rühre mich hier nicht vom Fleck.«

 

 

 

 

 

 

4Schlaflos

Shy konnte nicht schlafen. Wieder einmal.

Er warf sich in seiner Koje hin und her, lauschte Rodneys an- und abschwellendem Schnarchen und sah zu, wie die digitalen Ziffern auf seinem Uhrenradio wechselten. Unfähig, seinen Gedanken Einhalt zu gebieten, starrte er an die Decke …

Er sah den Mann im schwarzen Anzug vor sich, der mit einer Skimaske über dem Gesicht in sein Zimmer schlich. Mit einem Buschmesser sich seinem Hals näherte, die Haut aufschürfte, auf ihn losging, bis Laken, Decken und das brettharte Kissen mit Blut besudelt waren.

Er sah den Glatzenverstecker vor sich, der ihm aus den Händen entglitt, nur dass dieser jetzt mit Handschellen an ihn gefesselt war und Shy mit über die Bordwand zog. Sie fielen und fielen einem wirbelnden Ozean entgegen, der sie verschluckte und ebenso wenig aus seinen Klauen ließ wie das Bermudadreieck.

Shy dachte an die letzten Stunden seiner Grandma. Wie sie angefangen hatte, sich im Krankenhausbett die Haut zu zerkratzen. Seine Mutter draußen vor dem Quarantänezimmer weinte. Mit den Fäusten gegen das dicke Glas hämmerte und die Schwestern anschrie. Und er selbst sich weder bewegen noch sprechen oder auch nur atmen konnte.

Es war fast drei Uhr früh, als Shy es schließlich aufgab, schlafen zu wollen. Er warf die Decken von sich und ging zu Rodneys Computer, um seine E-Mails zu checken.

Nur eine Nachricht im Posteingang.

Von seiner Mutter.

Ob er sie bitte morgen über Skype anrufen könne? Zwischen seinen Diensten? Sie habe beunruhigende Neuigkeiten, die sie ihm lieber nicht per E-Mail mitteilen wolle. »Bitte, Shy«, stand in der Mail. »Ich weiß, dass du auf dem Schiff viel zu tun hast. Nimm dir ein paar Minuten Zeit für deine Mom. Ich bin das reinste Nervenbündel im Moment und muss dringend mit dir reden.«

Shy las die Nachricht noch zwei weitere Male, ohne zu blinzeln.

Das letzte Mal hatte sie mit ihm reden wollen, nachdem bei seiner Grandma die Romero-Krankheit diagnostiziert worden war. Und als Kevin reden wollte, war es um einen Kerl im schwarzen Anzug gegangen, der sich nach ihm erkundigt hatte. Der gleiche Kerl, der sie am Pool beobachtet hatte.

Alle diese »Gespräche« hatten sich am Ende als schlechte Neuigkeiten entpuppt.

Er schrieb ihr, dass er sich zwischen zwei und halb drei Uhr in Skype einloggen würde. Morgen Nachmittag. Dann klappte er den Computer zu und verließ die Kabine, um durch die Gänge zu laufen und nachzudenken.

 

Das Schiff war wie eine Geisterstadt. In Shys Fantasie rollten Steppenläufer durch die Gegend. Ständig rechnete er damit, ein Rudel schwarz gekleideter FBI-Agenten in irgendwelchen Ecken lauern zu sehen, aber sie waren alle leer.

Das gewaltige Schiff hob und senkte sich kaum merklich unter Shys Turnschuhen. Nur winzige Bewegungen der Dielenbretter, die allerdings dazu führten, dass er sich unkoordiniert fühlte, während er, müde und gequält vom Schlafmangel, ein paar Treppen hinaufstieg.

Er ging durch eines der Oberklassedecks. Rustikale Lampenhalterungen, denen man das Aussehen altmodischer Laternen gegeben hat, blitzblanke gerahmte Spiegel, Echtholztüren mit Messinggriffen, Messingschlössern und -klopfern.

In diese Oberklassedecks wurde eine Menge Geld gesteckt.

Allein in die Gänge.

Wie würde es sich wohl anfühlen, als jemand anderes geboren zu sein?, fragte er sich. Nicht als einfaches Crewmitglied, das keinen Schlaf fand, sondern als Erste-Klasse-Passagier, der von einer durchgemachten Nacht im Kasino zurückkehrte. Er würde mit seinem Kartenschlüssel eine dieser schicken Türen aufschließen, seinen Gewinn auf einen Tisch aus Eichenholz werfen, sich, während er durch das Kabinenfenster aufs Meer hinaussah, aus seinen Kleidern schälen, neben seine megaheiße Frau ins Bett legen und die seidenen Laken bis ans Kinn ziehen.

Die Leute in der Oberklasse schliefen wahrscheinlich in null Komma nichts ein.

Shy stieg hinauf aufs Honeymoon-Deck und stellte sich genau an die Stelle, an der ihm der Glatzenverstecker entglitten war. Seine erste Rückkehr an den Ort des Verbrechens. Er schlang sogar das rechte Bein um die Reling, um sich zu vergegenwärtigen, wie es sich angefühlt hatte. Kam sich aber bloß dumm dabei vor, also zog er das Bein wieder heraus, stand einfach nur da und starrte ins dunkle Wasser.

Lauschte dem ununterbrochenen Raunen.

Immer noch unfähig, ihm eine Bedeutung zu entnehmen.

Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit er aus dem Bus gestiegen war, um auf seine erste Kreuzfahrt zu gehen – obwohl es erst elf Tage waren. Er erinnerte sich, aus dem Fenster geschaut zu haben, als der Bus quietschend zum Stehen gekommen war. Da lag das gewaltige, funkelnde Schiff. Es überragte alles um sich herum, selbst das, was an Land war – er konnte seine Ungeheuerlichkeit gar nicht fassen. Der riesige schneeweiße Rumpf, gesäumt von Rettungsbooten mit orangefarbenem Boden und Reihen über Reihen quadratischer Fenster. Das gläserne Atrium ragte vom höchsten Deck in den Himmel auf. Vom Bug führten dicke synthetische Taue zum Pier, wo sie an eingelassenen stählernen Haken festgemacht waren. Der Name »Paradise« zog sich in riesigen geschwungenen Buchstaben quer über den Rumpf.

Regungslos lag es im Wasser.

Und wartete auf ihn.