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"Sventje und der Rabe Kohlhaas" ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem mutigen Mädchen und einem skurrilen Raben. Die neunjährige Svenja kann abends nicht einschlafen. Immer dasselbe. Zur Schlafenszeit ist sie putzmunter, liegt im Bett und langweilt sich. Bis plötzlich ein Rabe auftaucht, Rabe Kohlhaas und ihr einen Tauschhandel vorschlagt...
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Einschlafen
Warten
Der Ring
Drei Tage lang
Der Plan
Wer ist Herr Waldemar?
Bei Oma
Der Streuner
Schätze
Wo wohnt Herr Waldemar?
Oh weh, wieder so ein Abend. Mama sagt: „Schlaf schön, gib dir diesmal Mühe!“ Vater sagt: „Heute nicht so lange wach bleiben! Schlaf schön.“ So geht es Abend für Abend und Sventje bleibt wach. Sie möchte gerne einschlafen, doch es geht nicht. Nie geht es. Da hilft es nichts, wenn sie die Zudecke umdreht, damit sie ein bisschen kühler ist, da nützt es nichts, wenn sie an die Decke starrt, ohne zu blinzeln. Es hilft auch nichts, wenn sie unter der Bettdecke heimlich mit der Taschenlampe liest. Auch das macht nicht müde. Sie bleibt wach. Es ist stinklangweilig.
Flatter, flatter, brrrr, klatsch! „Was ist das?“ schrie Sventje und zuckte zusammen. Mit einem Satz sprang sie an das Fußende ihres Bettes und drückte sich in die Ecke. „Hab ich dich erschreckt?“ – „Wer bist du?“ – „Na, das siehst du doch, ich bin der Rabe Kohlhaas.“ Auf der Bettdecke saß ein großer blau-schwarzer Vogel mit blanken kugelrunden Augen. „Du kannst nicht schlafen? Ich auch nicht, das heißt, wenn man so sagen darf, ich will nicht. Ich schlafe lieber am Tage im Kartoffelkorb.“ – „Im Kartoffelkorb? Vögel schlafen doch im Nest.“ – „Oh, ist das ein schöner Ring, der funkelt und blitzt. Den will ich haben! Du hast doch nichts dagegen, hä?“ – „Den Ring, den gebe ich nicht her. Niemand bekommt den. Du bist aber ein komischer Vogel. Ich glaube, ich träume.“ – „Keinesfalls, du bist hellwach und das jeden Abend, ich wollte sagen, jede Nacht. Für kleine Mädchen ist es schon längst Nacht. Weißt du, der Ring passt viel besser zu mir.“ – „Ich bin kein kleines Mädchen, ich bin schon neun“, empörte sich Sventje. „Und du, du Rabe Hasenkohl, hast gar keine Finger und kannst ihn nicht aufsetzen.“ Der Rabe reckte stolz seinen Kopf in die Höhe und sagte: „Erstens heiße ich nicht Hasenkohl, ich heiße Kohlhaas und außerdem will ich den Ring in meine Schatzkiste legen.“
Der Rabe hopste auf den Nachttisch und saß jetzt genau neben dem Ring. Er beugte seinen Kopf nach links, dann nach rechts, hüpfte um den Ring herum und beäugte ihn von allen Seiten. „Ich mache dir einen Vorschlag, Sventje. Da du mir den Ring nicht schenken willst, werde ich ihn mir verdienen.“ – „Weder geschenkt noch verdient, den Ring kriegst du nicht!“ Sventje schnellte aus ihrer Ecke im Bett hervor und griff sich den Ring. Sicher war sicher. „Und wenn du glaubst, ich hätte Angst vor dir, dann hast du dich geirrt.“ - „Du hast dir nicht angehört, wie ich mir den Ring verdienen will, liebe Sventje. Pass auf! Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Und dann, natürlich nur, wenn sie dir gefallen hat, gibst du mir den Ring.“ – „Nein habe ich gesagt“, protestierte Sventje, „und damit basta! Der Ring ist von meinem Freund.“
Wild entschlossen sprang Sventje aus dem Bett und jagte den Vogel aus dem Fenster. Diesmal hatte Rabe Kohlhaas einen großen Schreck bekommen. Er wollte wieder zurück zu Sventje fliegen, aber das Fenster war zu. Fast hätte er sich den linken Flügel gebrochen. Jammernd flog er nach Hause zu Herrn Waldemar. Herr Waldemar schnarchte in seinem Bett und so konnte der Rabe Kohlhaas unbemerkt durch das geöffnete Oberlicht hineinschlüpfen. Er dachte an den Ring.
Den ganzen Tag über war Sventje sehr still gewesen. Sie plapperte und fragte nicht wie sonst, sie musste an den Raben denken. Hatte sie vielleicht doch geschlafen und alles nur geträumt? Nein, sie war wach gewesen, der Ring lag ja am Morgen in ihrem Bett am Fußende. Würde Rabe Kohlhaas wiederkommen? Fast wünschte sie es sich.
„Schlaf schön, mein Schatz, gib dir Mühe, sagte die Mama. „Aber heute mal schnell einschlafen“, befahl der Papa und gab ihr einen Gutenachtkuss. Sventje brummte eine Antwort und als die Eltern aus ihrem Zimmer gegangen waren, sagte sie: „Ihr habt gut reden, ihr könnt bis nachts fernsehen oder sonst was. Ihr seid gemein!“ Sventje stand wieder aus ihrem Bett auf. Sie lehnte sich aus dem Fenster und sah in die Dunkelheit. „Na wartet! Wenn ich groß bin, dann gehe ich erst dann ins Bett, wenn ich so richtig obermüde bin“, presste Sventje zwischen den Lippen hervor. „Ha“, lachte sie, „aber Mama und Papa haben keine Ahnung vom Raben Kohlhaas, das ist mein Geheimnis.“
Sie überlegte, ob der Rabe auch heute Abend kommen würde, und schlüpfte wieder in ihr Bett. Sie stellte sich schlafend.
Sventje wartete und wartete. Fast wäre sie eingeschlafen, aber sie wollte nicht. Warum kommt Rabe Kohlhaas nicht? Hatte er nur kräftig gelogen und sich wichtig gemacht? Er wollte doch den Ring haben. Den bekommt er nicht, schwor sich Sventje.
Flatter, flatter, schschscht, Landung auf der Bettdecke. „Da bin ich wieder, siehst du, wie versprochen. Wo ist der Ring?“ Der Rabe sah sich im Zimmer um. Nirgends konnte er ihn entdecken. „Wo hast du den Ring, hä?“ fragte er Sventje und hielt seinen Kopf ganz schief. „Meinen Ring? Meinst du den?“ fragte Sventje zurück und streckte kurz ihre linke Hand unter der Bettdecke hervor. Der Rabe hopste auf den Ring zu, doch der war blitzschnell wieder unter der Decke verschwunden.
„Hast wohl Angst, ich klaue, hä.? Das tue ich nie und nimmer. Herr Waldemar hat mir beigebracht, das Klauen ganz gemein ist und man sich alles selbst verdienen muss. Er sagt dazu nicht Klauen, sondern Stehlen. Ich finde das Wort Klauen aber viel besser.“ Sventje hatte sich im Bett aufgesetzt und betrachtete den Raben. „Weißt du, Kohlhasenrabe, ich glaube, du lügst.“ – „Ich? Ich lüge nicht und ich klaue nicht. Ich bin ein ehrbarer Rabe. Und außerdem, sag bitte meinen Namen richtig. Ich sage ja auch nicht Bentje oder so zu dir. Also bitte Rabe Kohlhaas, wenn ich höflichst bitten darf.“ – „Also gut, Krähe Kohlhaas.“ Der Rabe hopste entsetzt auf der Bettdecke rückwärts, drehte sich um und flog aus dem Fenster davon. Am nächsten Abend kam er nicht, am übernächsten sah Sventje den Raben auch nicht und am dritten Abend hatte sie die Hoffnung fast aufgegeben.
Sventje lag in ihrem Bett und überlegte, ob sie ihn vielleicht doch zu sehr gekränkt hatte. Er war so stolz auf seinen Namen. „Hätte ich Rabe Kohlhaas doch nur nicht gehänselt“, sagte sie zu sich. Sventje war hundemüde, ihre Beine zuckten und ihre Augen brannten und trotzdem konnte sie beim besten Willen nicht einschlafen. Vater hatte das Licht ausgeschaltet und ihr strengstens verboten, es wieder anzumachen. Der Mond schien ins Zimmer. Sventje hatte sich ans Fußende gelegt, weil sie nach draußen gucken wollte. Schwarz, grau und golden sah es im Garten aus. Der alte Nussbaum mit seinen weiten Zweigen zeichnete gruselige Gestalten an den Himmel. Die bewegten sich. Die Geräusche der Nacht drangen ins Zimmer. In der Ferne bellte ein Hund. Das hatte Sventje gern. Dann klang die Luft so sauber.
Ganz heiß war der Ring in ihrer Hand geworden, nicht der Ring, den sie von ihrem Freund geschenkt bekommen hatte, nein, der von Tante Gerda, ihr Geburtstagsgeschenk von vor drei Jahren, ein Kinderring.
