Unter dem Tisch - Karin Rothe - E-Book

Unter dem Tisch E-Book

Karin Rothe

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Beschreibung

Magdeburg während des Zweiten Weltkriegs. Ein Mädchen beschreibt aus ihrer Perspektive die Geschehnisse des Krieges. Sie erfährt vieles dadurch, dass sie häufig unter dem Tisch sitzt, während die Erwachsenen sich unterhalten. Die autobiographische Erzählung schildert eindringlich das Leben und Überleben während des Krieges in einer zerstörten Stadt.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Der Puppenwagen

Zwiebeln

Unsere Straße

Unsere Steinhäuser

Der Vorbeimarsch

Die Zeugenaussage

Leuchtplaketten

Lehrer Berger

Die Hochzeit

Anhänger und anderes

Der Salatkopf

Das fünfte Kind

Schuhcreme

Die Papiere

Der liebe Nachbar

In Bunkern

Die Evakuierung: Im Viehwagen

In Stendal

Das Ende des Krieges

Spargel

Brennendes Flugzeug

Militärbestecke

Eine Flasche Saft

Ende der Evakuierung

Quartiersuche

Hausdurchsuchungen

Hunger

Stoppeln

Katzenbraten

Essbares

Fehlende Arbeit

Eisige Zeiten

Schattenspiele

Wiederaufnahme des Schulbeginns

Die Einheitsschule

Brötchen

Schwimmen

Frauen in Männerhosen

Schuhe

Peinliche Schmierereien

Im Kohlentender

Junge Pioniere

Läusedoktor

Verkleidungen

Typhus

Ein Brief

Nürnberger Prozess

Tanzen

Verhaftungen

Das erste Schulfest

Väterchen Stalin

Rütteln an meinem Weltbild

Der Puppenwagen

Frau Rüttner kam. „Sei schön artig“, hatte meine Mutter vorher wie immer zu mir gesagt. Ich gab Frau Rüttner die Hand, machte einen Knicks und nahm meinen Platz unter dem Tisch auf dem Längsbalken ein. Ich guckte durch die Fransen der gehäkelten Tischdecke in den Raum und auf die Erwachsenen. Der Tischbalken war mein Platz, wenn Kundinnen zur Anprobe zu meiner Mutter kamen. Ich hörte zu, was erzählt wurde. Niemand schenkte mir dabei jemals Beachtung. Ich kannte alle Kundinnen und merkte auch den Unterschied, wie meine Mutter mit ihnen umging. Bei manchen hörte sie den Erzählungen der Frauen nur zu und sagte selbst kaum etwas, außer über das jeweilige Kleid, das sie schneidern sollte. Einige Kundinnen jedoch ließen nicht nur die Prozedur der Anprobe über sich ergehen, sondern setzten sich danach mit meiner Mutter zusammen an den kleinen Tisch am Fenster und redeten. Sie lasen Briefe von der Front vor, die sie gerade erhalten hatten, oder klagten, wie lange sie keinen bekommen hatten. Frau Rüttner redete von ihrer Tochter.

Abends, wenn ich im Bett lag und neben mir die Nähmaschine meiner Mutter surrte, dachte ich an den Puppenwagen, den weißen, aus Peddigrohr geflochtenen Puppenwagen mit dem hoch und runter klappbaren Verdeck. Ich träumte von ihm mit offenen Augen und schob ihn in Gedanken unsere Straße entlang, fuhr mit ihm den Bordstein hinunter und drückte auf die Lenkstange, um wieder den Bordstein hinauf zu kommen. Wie sehr wünschte ich mir diesen Wagen, genau diesen.

Manchmal ging meine Mutter auch zur Anprobe zu Frau Rüttner. Mich nahm sie mit. Den ganzen Weg entlang dachte ich nur an den Puppenwagen. An einigen Tagen hatte ich den Mut, meine Mutter zu bitten, sie solle doch fragen, ob Frau Rüttner uns den Puppenwagen verkaufen würde. Ich merkte, dass meine Mutter in diesem Fall große Hemmungen hatte. „Der gehört doch ihrer Tochter“, kam die Antwort. „Sie wird sich nicht davon trennen wollen.“ Eine große Tochter braucht doch keinen Puppenwagen, dachte ich, und außerdem ist sie in einem Heim. Trotzdem verstand ich ein bisschen die Bedenken meiner Mutter. Meine Sehnsucht nach dem Puppenwagen wuchs und wuchs, ich konnte kaum mehr an etwas anderes denken. Als wir wieder auf dem Weg in Frau Rüttners Wohnung waren, sagte meine Mutter: „Heute frage ich.“ Sie wünschte sich für mich auch den Puppenwagen. Es war Krieg, und schon lange gab es kein wertvolles Spielzeug mehr zu kaufen.

Meine Mutter fragte, und Frau Rüttner führte uns in das Zimmer ihrer Tochter. Dort war alles so geblieben, die Möbel, das Spielzeug und alle persönlichen Gegenstände hatten ihren Platz behalten. Frau Rüttner zeigte auf den Puppenwagen, schüttelte den Kopf und weinte.

Einige Zeit später kam sie wieder zu uns, diesmal nicht zur Anprobe. Ich saß wieder unter dem Tisch. Frau Rüttner reichte meiner Mutter einen mit der Maschine geschrieben Brief. Beide Frauen weinten. Dann sprachen sie. Ich hörte, dass man die Tochter mit einer Spritze umgebracht hatte. Viele geisteskranke Menschen waren schon so getötet worden. In dem Brief stand als Todesursache: Lungenentzündung. Die Tochter ist 21 Jahre alt geworden. Von diesem Tag an habe ich mich geschämt, dass ich mir den Puppenwagen gewünscht hatte.

Zwiebeln

Am Ende der Häuserzeile, in der wir wohnten, befand sich ein kleiner Lebensmittelladen. Meine Mutter kaufte dort oft Kleinigkeiten ein, besonders Waren, die es nicht auf Lebensmittelmarken gab. Die Ladeninhaberin, eine kleine, dickliche Frau, war mit meiner Mutter auch privat etwas vertraut. Das merkte ich als kleines Kind, weil die beiden Frauen sich oftmals über Dinge unterhielten, die nichts mit Einkaufen zu tun hatten. Ich selbst ging manchmal allein in den Laden, um mir für zehn Pfennig ein Päckchen Brausepulver zu kaufen. Ich kannte die Krämersfrau also auch gut, obwohl sie mit mir oder den anderen Kindern nie sprach. Sie lächelte uns nur liebevoll an.

An dem einen Tag, der mir wie eingebrannt im Gedächtnis geblieben ist, standen in dem Laden drei junge Frauen. Sie trugen die abgerissene, vergraute Kleidung aller Zwangsarbeiterinnen. Diese Frauen kamen aus der Schraubenfabrik, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter den Häusern befand.

Beim Betreten des Ladens grüßte meine Mutter überhaupt nicht. Sonst, wenn keine anderen Kunden anwesend waren, sagte sie immer „Guten Tag“ und bekam die gleiche Antwort. Ich kannte die Unterschiede des Grüßens. Waren Kunden im Geschäft, kam von beiden Seiten der Pflichtgruß „Heil Hitler“. Mit welchen Worten sollte sie vor den Ohren dieser Frauen grüßen? Sie blieb stumm. Meine Mutter hielt mich fest an der Hand und drückte sich an die Wand. Was wir hörten, war gefährlich. Die Frauen bettelten um Zwiebeln. Zwiebeln gab es ohne Marken. Es ging nicht um das Geld, das die Frauen nicht besaßen, es ging um das Verbot und die Gefahr, die Gebote der Machthaber zu brechen. Der Hunger der drei Frauen und wohl auch das Verlangen nach etwas Frischem ließ sie alle Gefahr vergessen. Sie kannten meine Mutter nicht. Auch ich als Kind war eine Gefahr. Hätte ich doch davon jemandem erzählen können. Die Frauen flehten weiter um Zwiebeln, für jede nur eine, bitte. Die Krämersfrau traute uns nicht. Konnte man in dieser Zeit überhaupt jemandem trauen? Mir tat es so leid, dass wir gerade zu diesem Zeitpunkt in den Laden gekommen waren. Ich fühlte, ohne uns hätten die drei Frauen Zwiebeln in ihrer Kleidung verstecken können. Meine Mutter drückte wortlos meine Hand, wie sie es immer tat, wenn sie mich zu etwas auffordern wollte. Sie sagte aber keinen Ton. Beklommen gingen wir aus dem Laden hinaus, schweigend nach Hause. Ich hatte Schweigen schon begriffen, ich fragte und sagte nichts. Der Einkauf war verschoben worden.

Unsere Straße

Die Straße war für uns Kinder ein Paradies. Ich gehörte zu den zehn bis zwölf Kindern, die meisten von uns waren fünf bis sechs Jahre alt, die eine feste Spielgemeinschaft bildeten. Ein paar Kinder gingen schon in die Schule, sie gaben den Ton an. Wir spielten sehr intensiv zusammen, aber fast nur auf der Straße, ganz selten in einer der Wohnungen. Unser Spiel fing morgens an, wurde durch das Mittagessen unterbrochen und hörte erst auf, wenn der Laternenanzünder kam und die Straßenbeleuchtung aufflammte. Dann musste ich durch das schwach beleuchtete Treppenhaus bis in den dritten Stock nach oben laufen. Ich hatte panische Angst. Schon bei Tageslicht fürchtete ich mich vor den Bildern der bunten Glasscheiben. Ich konnte nicht erkennen, was sie darstellten und so fantasierte ich Gestalten in sie hinein. Das Funzellicht zauberte bedrohlich wirkende Schatten auf die Wände. Sie huschten mit mir die Treppe hinauf, sie griffen nach mir. Manchmal brachte mich ein großer Junge nach oben. Ich war ihm sehr dankbar.

Wir Kinder kannten viele Spiele, und allen gaben wir uns mit voller Inbrunst hin. Es waren Kreisspiele, Kieseln, Murmeln, das Mutter- und Kind-Spiel oder wir buddelten in den Sandbergen am Ende der Straße. Dort wurden von Polen neue Häuser gebaut. Ein Deutscher bewachte die Zwangsarbeiter und brüllte Befehle. Alles, was wir trieben, war äußerst spannend. Doch jedes Spiel wurde von uns sofort unterbrochen, wenn der Eiswagen kam. Er war weiß und aus Holz, ein einziges Pferd zog ihn und nur ein Mann gehörte dazu. Sobald er hinten am Wagen die beiden Flügeltüren öffnete, umlagerte eine ganze Horde Kinder den mürrischen Mann und seine begehrte Fracht. „Nicht hineinklettern!“ sagte er jedes Mal, wenn er sich eine glitzernde quadratische Eissäule über die Schulter hievte, um sie in irgendeine Wohnung für den Eisschrank zu bringen. Natürlich kletterten einige größere Jungen doch hinein, um die dicksten abgeplatzten Eisbrocken zu ergattern. Wir kleineren Kinder mussten uns mit den Splittern vorne im Wagen begnügen. Das Eis war kalt und glatt und schmeckte nach nichts. Für uns hatte es einen herrlichen Geschmack, den Geschmack nach geklautem Eis. Wir lutschten mit Genuss und von unseren unterkühlten roten Händen tropfte das Wasser.

Auf der Straßenseite des Hauses, in dem wir wohnten, stand eine Wasserpumpe mit einem langen, zweifach gebogenen Schwengel. Sie war grün angestrichen, mit verschnörkelten Ornamenten verziert und bestand aus Gusseisen. Eigentlich war sie nur als Pferdetränke gedacht. Wir Kinder betrachteten sie aber ausschließlich als unsere Pumpe, ihr Wasser war unser Wasser. Ein Kind musste den Pumpenschwengel hoch und runter bewegen, wir anderen Kinder hingen der Reihe nach mit schief gehaltenem Kopf und zum Trichter geformten Mund unter dem stoßweise heraustretenden dicken Strahl. Das Wasser war sehr kalt und schmeckte unangenehm fad. Wenn ein Kutscher sein Pferdefuhrwerk auf die Pumpe zusteuerte, rannten wir Kinder ganz schnell vor ihm hin und tranken uns satt. Dann überließen wir gnädiger Weise dem Kutscher die Pumpe, damit er die Wassereimer für die Pferde, meistens waren es zwei vor einem Gespann, füllen und die Tiere tränken konnte. Die Pumpe war ein fester Bestandteil in unseren Spielen. Wir konnten aus ihr trinken, wir konnten uns unter dem dicken Strahl nass machen und wir konnten einen Bach entstehen und im Rinnstein fließen lassen. Kleine Holzstückchen oder Blätter wurden zu Booten. Welches Boot schwimmt schneller? Welches Boot wird mit dem Wasser in den Gulli gespült? Welches Boot bleibt auf der Fahrt oder auf einer Sprosse des Kanaldeckels hängen? Manchmal gab es Ärger, keins von uns Kindern wollte lange pumpen. Am Anfang des Krieges gab es noch den dicken Schutzmann mit seinem steifen Helm, dem breiten Gürtel und dem Gummiknüppel. Er schritt stets in sich nie veränderndem Tempo würdig unsere Straße ab, drehte sich immer in gleicher Weise nach allen Seiten um und sah über uns Kinder hinweg. Er war für uns die absolute Respektsperson. Von den Eltern wurde er auch als bequeme Erziehungshilfe benutzt, als Buh-Mann. Kam er unsere Straße entlang, rannten wir von der Pumpe weg. Dann wussten wir, dass sie nicht für uns, sondern für die Zugpferde gebaut worden war.

Jedes Haus hatte ein Kellerfenster mit einer Rutsche nach innen. Außen bedeckten Holz- oder Eisenklappen die Öffnungen, die Kohlenklappen. Der Kohlenmann brachte mit seinem Pferdegespann die Kohlensäcke. Bevor er mit dem Abladen begann, fütterte er meist sein Pferd. Zuerst wurde es getränkt, dann bekam es den Hafersack umgehängt. Sich selbst stülpte der Kohlenmann einen Lederschutz, aus Kapuze und Rückenteil bestehend, über und hievte sich einen Kohlensack nach dem anderen über die Schulter. Er schüttete die Briketts aus den Säcken in die Kellerfenster hinein. Sie rutschten in den Kellergang. Der Empfänger der Kohlen musste dann stundenlang mit Eimern die Briketts in seinen Keller tragen und dort an einer Wand aufschichten. Die Straße blieb schmutzig mit dickem braunem Staub bedeckt zurück. Für uns Kinder begann jetzt die geliebte Schmiererei. Auf den Staub kleckerten wir Wasser, zogen Schuhe und Strümpfe aus und patschen in der braunen Brühe umher. Wir drückten auch unsere Hände hinein und stempelten unsere Abdrücke an die Häuserwände. Manchmal bekamen wir von vorbeigehenden Passanten Schimpfe.

Doch dieses Spiel hörte bald auf. Alle Kellerfenster, auch die Kohlenklappen wurden mit Betonklötzen zugestellt. Drei oder vier an den Enden abgerundete Betonsäulen wurden vor jedem Fenster waagerecht aufeinander geschichtet. Sie sollten bei Bombenangriffen die Menschen in den Kellern vor Splittern und vor den Druckwellen der explodierenden Bomben schützen. Für uns Kinder wurde dieser Kellerfensterschutz zu Sitzplätzen. Es war nur so verdammt schwer, dort hochzukommen. Die Blöcke waren höher als wir groß waren und der Beton hatte scharfe Spitzen. Wir schürften uns oft die Knie oder die Schenkel auf. Das tat weh und blutete.

Bald kam noch ein Spiel hinzu. Wir sammelten Bombensplitter. Zu dieser Zeit gab es nur nachts Angriffe. In unserer Straße wurde kein Haus getroffen, auch später nicht. Wir suchten die Splitter in benachbarten Straßen. Das entsetzte meine Mutter. Sie redete ernsthaft mit mir, ich solle mich nicht aus der benannten Abgrenzung fortbewegen. Die Abgrenzung ging rechts bis zu den Rohbauten, links bis zum schwarzen Platz, einem Freiraum zwischen der Häuserzeile und der angrenzenden Villa mit ihrem Garten und dem weißen Holzzaun. Den Namen hatte dieses Stück Erde von uns Kindern bekommen, weil der Boden schwarz war. An den Rändern wuchsen Gras und Unkraut. Dort spielten wir auf Decken mit unseren Puppen, sonnten uns oder beobachteten durch die Lücken in der Hecke und durch die Sprossen des eleganten weißen Holzzaunes das Treiben im Garten der Villa. Über dieses Anwesen redeten die Erwachsenen nicht, sie taten so, als ob es gar nicht vorhanden wäre. Wir Kinder sahen von unseren Beobachtungsplätzen aus auf die braunen und schwarzen Uniformen und auf junge Damen mit hochgesteckten Haaren und luftigen Sommerkleidern. Die ehemaligen Besitzer dieser Villa gab es nicht mehr. Meine Mutter hatte sie nur vom Sehen gekannt, sie waren vornehm gewesen. Wenn ich ihr von dem Treiben hinter dem Zaun erzählte, warf sie nur den Kopf nach hinten und reagierte nicht. Manchmal verließ sie den Raum. Weitere Ängste beherrschten meine Mutter, sie schärfte mir immer wieder ein, mit niemandem, vor allen Dingen nicht mit Männern, mitzugehen. Nie! Ich versprach es, machte jedoch eine Einschränkung. „Mit einem Mann gehe ich mit, der hat eine so schöne Uniform. Der Mann ist lieb. Ich bringe ihn manchmal bis zum Ende der Straße. Ich hole ihn auch ab. Ich weiß, wann er nach Hause kommt.“ Meine Mutter war entsetzt. „Wer ist das? Du musst ihn mir zeigen!“ Das war leicht. Der Mann wohnte genau unserem Haus gegenüber und trug eine braune Uniform und glänzende schwarze Stiefel. Von unserer Wohnung aus konnte man ihn sehen, wenn er aus dem Haus kam. Eines Tages saß ich mit meiner Mutter auf dem Balkon, ich zeigte ihr den Mann. Meine Mutter sagte nichts. Was sollte sie jetzt sagen? Dieser SA-Mann war in der Straße als fanatischer Parteigenosse gefürchtet. Ich bekam keine Antwort und war irritiert. Durfte ich nun oder durfte ich nicht? Ich wusste es nicht und unterließ meine Begleitung. Einige Jahre später, der Krieg war vorbei und die Russen hatten nach den Amerikanern Magdeburg besetzt, fürchteten wir diesen Mann wieder. Er trug jetzt die Uniform eines russischen Offiziers und arbeitete auf der Kommandantur. Mehrmals fuhren am Tag Militärautos vor und einfache Soldaten brachten Pakete und andere Dinge in die Wohnung.

Unsere Steinhäuser

Vor den Rohbauten standen zu Quadern aufgeschichtet weiße Bausteine und lagen die großen Berge von feinem Sand. Wenn die Polen nicht da waren, nahmen wir Kinder die Baustelle in Besitz. Eigentlich war es uns verboten. Aus den Steinen bauten wir uns Häuser. Reihe um Reihe schichteten wir sie zu Wänden auf, ziemlich hoch, wir wollten doch darin stehen können. Unsere Häuser hatten mindesten zwei Räume. Aus Brettern und Steinen bauten wir Tische und Stühle. Ein Dach bekamen wir nie nicht richtig hin, das Bauholz war meist zu kurz und die von uns darauf gelegten Steine fielen immer wieder herunter. Zum Glück, wir hätten von einem vollständigen Dach erschlagen werden können, auch von unseren wackligen Mauern. Meine Eltern erklärten mir immer und immer wieder, wie gefährlich unser Spiel mit den Steinen sei.

Wenn keine größeren Kinder auf der Straße waren, buddelten wir im Sand. Wir gruben tiefe Gänge in den Berg hinein, bohrten unsere Arme bis zur Achselhöhle in den feuchten Sand oder krabbelten den hohen Berg hinauf und rutschten auf dem Po hinunter. Der Sand verteilte sich über die ganze Straße. Wenn die Polen morgens mit einem Lastkraftwagen gebracht wurden, mussten sie zuerst unsere Steinhäuser, manchmal standen drei oder vier von ihnen vor den Rohbauten, abtragen und wieder zu kompakten Säulen aufschichten und den Sand auf den Haufen kehren. Die Polen sahen uns böse an, der deutsche Bewacher schimpfte auf uns. Die Polen waren dürre, graue Gestalten. Wir Kinder haben nicht verstanden, dass wir sie ständig in Schwierigkeiten gebracht hatten. Eines Tages wurde nicht mehr gebaut, wir sahen keinen einzigen Menschen mehr auf der Baustelle. Der Krieg fraß das noch einigermaßen normale Leben auf. Die Steine wurden täglich weniger. Sie wurden gestohlen, man brauchte sie ja auch nicht mehr für die Baustelle. Erst lange nach dem Krieg wurden die Häuser fertiggestellt.

Der Vorbeimarsch