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Sie träumt von ihrer ersten großen Story. Er kämpft um den Sieg. Und manchmal schreibt das Leben die spannendsten Geschichten.
Cara hat ihr Ziel klar vor Augen: eine Karriere als Sportjournalistin. Das Praktikum bei der Hellington Post ist ihre Chance, zu zeigen, was in ihr steckt. Doch statt über ihre Leidenschaft Rugby zu schreiben, wird sie ausgerechnet zur Schwimm-EM nach Dublin geschickt. Cara ist verzweifelt - sie hat doch gar keine Ahnung vom Schwimmsport! Und am Beckenrand fühlt sie sich völlig fehl am Platz.
Dann begegnet sie Luke, dem Star der irischen Nationalmannschaft. Mit einem Lächeln, das jeden Rekord bricht, bietet er an, ihr die wichtigsten Regeln des Schwimmsports zu erklären.
Luke weckt Gefühle in ihr, mit denen sie nicht gerechnet hat. Doch sie spürt den Druck, der auf ihm lastet. Und auch Cara jongliert zwischen beruflichen Träumen und familiären Verpflichtungen. Gemeinsam müssen sie herausfinden, ob ihre Liebe stark genug ist, um der Strömung standzuhalten ...
Blitzlicher, Schlagzeilen und das erste Kribbeln, das alles verändert - mit den Tropes Friends to Lovers, Found Family und einem echten Good Guy.
ONE. Wir lieben Young Adult. Auch im eBook!
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Über dieses Buch
Titel
Kapitel 1
Cara
Kapitel 2
Luke
Kapitel 3
Cara
Kapitel 4
Luke
Kapitel 5
Cara
Kapitel 6
Luke
Kapitel 7
Cara
Kapitel 8
Luke
Kapitel 9
Luke
Kapitel 10
Cara
Kapitel 11
Luke
Kapitel 12
Cara
Kapitel 13
Luke
Kapitel 14
Cara
Kapitel 15
Luke
Kapitel 16
Cara
Kapitel 17
Luke
Kapitel 18
Cara
Kapitel 19
Luke
Kapitel 20
Cara
Kapitel 21
Luke
Kapitel 22
Cara
Kapitel 23
Luke
Kapitel 24
Cara
Kapitel 25
Luke
Kapitel 26
Cara
Kapitel 27
Luke
Kapitel 28
Cara
Kapitel 29
Luke
Kapitel 30
Cara
Kapitel 31
Luke
Kapitel 32
Cara
Kapitel 33
Luke
Kapitel 34
Cara
Epilog
Luke – 1 Jahr später
Über die Autorin
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Cara hat ihr Ziel klar vor Augen: eine Karriere als Sportjournalistin. Das Praktikum bei der Hellington Post ist ihre Chance, zu zeigen, was in ihr steckt. Doch statt über ihre Leidenschaft Rugby zu schreiben, wird sie ausgerechnet zur Schwimm-EM nach Dublin geschickt. Cara ist verzweifelt – sie hat doch gar keine Ahnung vom Schwimmsport! Und zwischen Beckenrand und Pressetribüne fühlt sie sich völlig fehl am Platz.
Dann begegnet sie Luke, dem Star der irischen Nationalmannschaft. Mit einem Lächeln, das jeden Rekord bricht, bietet er an, ihr die wichtigsten Regeln des Schwimmsports zu erklären – und weckt Gefühle in ihr, mit denen sie nicht gerechnet hat. Doch sie spürt den Druck, der auf ihm lastet. Und auch Cara jongliert zwischen beruflichen Träumen und familiären Verpflichtungen. Gemeinsam müssen sie herausfinden, ob ihre Liebe stark genug ist, um der Strömung standzuhalten ...
Stefanie Collins
Swept by Love
Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich vor einem Rugby-Spiel zuletzt so aufgeregt gewesen war. Als Chefredakteurin der Schülerzeitung hatte ich in den letzten Jahren beinahe jedes Spiel an der Samuel Beckett Secondary School verfolgt und darüber berichtet. Es war für mich also längst zur Routine geworden. Doch nun stand ich nicht auf dem Parkplatz meiner Schule, sondern vor dem Stadion des Hellington RFC, des Rugby Union Vereins der nächstgrößeren Stadt zu Coldwyn. Und ich war nicht als Schülerreporterin hier. Denn ich war keine Schülerin mehr. Zumindest so gut wie.
Ein stolzes Grinsen huschte über mein Gesicht, als ich mir dessen wieder einmal bewusst wurde. Vor zwei Wochen hatte ich meine letzte Prüfung an der Samuel Beckett geschrieben. Die Prüfungsergebnisse hatte ich zwar noch nicht erhalten und die offizielle Verabschiedung aus der Schule stand noch aus, doch die neu gewonnene Freiheit spürte ich bereits deutlich. Und ich war so was von bereit für den nächsten Abschnitt meines Lebens.
Vor einer Woche hatte ich den ersten Schritt zu meiner Traumkarriere als Sportredakteurin gemacht und mein Praktikum bei der Hellington Post gestartet. Meine beste Freundin Brianna hatte darüber nur den Kopf geschüttelt. Für sie war es unverständlich, warum ich nicht, genau wie sie selbst, wenigstens ein paar Wochen Urlaub machte.
»Ausschlafen, in der Sonne liegen, lesen, ein bisschen Sightseeing. Oder eben direkt eine Weltreise machen wie Amber«, hatte sie vorgeschlagen, als ich ihr von meinen Plänen erzählt hatte. Doch für mich gab es nichts Schöneres, als Sportveranstaltungen zu besuchen und darüber Artikel zu schreiben. Ich freute mich deshalb ganz besonders, heute das Freundschaftsspiel zwischen dem Hellington RFC und der Rugby-Mannschaft aus Pottsmith begleiten zu dürfen. Und zwar als richtige Journalistin – mit offiziellem Presseausweis, einem professionellen Fotografen als Begleitung und einem vorab geplanten Interview-Termin mit einem Profi-Spieler. Lediglich das Notizbuch in meinen Händen war dasselbe wie in den letzten Monaten.
Ich blätterte noch einmal durch die Notizen, die ich mir bereits gemacht hatte, während ich auf Paul und Mona wartete.
Mona war in der Sportredaktion der Hellington Post für die Gaelic Games und Rugby zuständig und sollte den Bericht über das heutige Spiel schreiben. Paul, der Sportfotograf, versorgte den Artikel mit Bildmaterial. Und ich durfte die beiden begleiten und meine ersten Erfahrungen im »Außeneinsatz« sammeln, wie der Chefredakteur Mr Garrett es formuliert hatte.
Nachdem ich letzte Woche das Team der Hellington Post und, anhand der zuletzt erschienenen Artikel, auch die Sprache der Zeitung kennengelernt hatte, durfte ich diese Woche bereits an den ersten Artikeln arbeiten. Gestern hatte ich gemeinsam mit Mona ein grobes Konzept für den heutigen Bericht entworfen: In einer kurzen Einleitung wollten wir die beiden Rugby-Mannschaften in die regionale Konkurrenz einordnen, dann würde der Spielbericht folgen. Zum Abschluss sollte es einen Ausblick auf die neue Saison geben, die in einigen Wochen anlaufen würde.
Am Freitag stand dann bereits meine erste eigene Abgabe an: ein Bericht über das Pre-Season-Rugby-Spiel zwischen den neuseeländischen All Blacks und den Springboks aus Südafrika. Das internationale Top-Spiel wurde live im Fernsehen übertragen, die Hellington Post war für Fans damit nicht gerade die erste Anlaufstelle, um Informationen über dieses Spiel zu erlangen. Doch im Artikelverzeichnis sollte es natürlich nicht fehlen, und für mich war es eine gute Übung. Dass Mr Garrett nichts Besonderes von meinem Bericht erwartete, beruhigte mich einerseits und spornte mich gleichzeitig an. Denn je niedriger die Erwartungen an mich waren, desto einfacher konnte ich sie übertreffen.
Die Tribüne füllte sich langsam. Ich straffte die Schultern, als würde ich mir selbst beweisen wollen, dass ich meinen neuen Job meistern würde, und hielt Ausschau nach Mona und Paul. Von meinen Kollegen war jedoch bisher nichts zu sehen. Kurzerhand zog ich mein Handy hervor, um die Wartezeit zu überbrücken, und tippte eine Nachricht an meine Freunde.
So merkwürdig, ein Rugby-Spiel zu begleiten, bei dem Josh und Harry nicht dabei sind.
Josh McKee und Harry Callaghan waren nicht nur meine Freunde, sondern auch die Top-Spieler von Coldwyns Schulmannschaft gewesen, doch genau wie ich hatten sie nun ihren Abschluss gemacht.
Die erste Nachricht in der Gruppe war von Josh:
Stell dir mal vor: In ein paar Jahren wirst du mich wieder interviewen können, nur, dann sind wir beide Profis.
Ich antwortete ihm sofort.
Ich freue mich schon darauf.
Meine Nachricht ergänzte ich mit dem Herzaugen-Emoji. Josh war auf dem besten Weg, Rugby-Profi zu werden. Ab September würde er für Toulouse spielen, eine französische Mannschaft, die im internationalen Vergleich ganz oben mitspielte. Bis dahin begleitete er allerdings noch seine Freundin Amber auf ihrer Weltreise.
Der einzige meiner engsten Freunde, der also nicht direkt nach der letzten Prüfung die Koffer gepackt und das Land verlassen hatte, war Harry. Denn genau wie mir fiel es ihm schwer, seine Familie einfach zurückzulassen.
Viel Spaß beim Spiel! Zeig deinen Kollegen wie das geht, Queen of Rugby!
Briannas Nachricht ließ mich schmunzeln. Den Spitznamen hatte ich meinen zahlreichen Artikeln über Rugby in Coldwyn zu verdanken. Während der letzten Saison hatte ich so viele Berichte und Interviews veröffentlicht, dass der Titel sich seitdem hartnäckig hielt. Und irgendwie passte er zu mir. Denn mit keinem anderen Sport kannte ich mich so gut aus wie mit diesem.
Dies kam mir während des teilweise hektischen Spiels nun zugute. Für ein Spiel in der Regionalliga ging es zwischen dem Hellington RFC und den Pittsmith Panthers ungewöhnlich heiß her, was sich in johlendem Geschrei von der Zuschauertribüne widerspiegelte. Die Stimmung kochte hoch, als Pittsmiths Nummer acht auf Hellingtons Tor zulief. Zum ersten Mal schafften sie es in diesem Spiel über die 20-Meter-Linie. Doch kaum machte er zwei weitere Schritte, schoss Hellingtons Hooker auf ihn zu und riss ihn kompromisslos zu Boden. Sofort startete der Gegenangriff.
Je länger das Spiel lief, desto deutlicher wurde Hellingtons Überlegenheit, die sich letztlich auch im Endergebnis zeigte. Und in meinen Notizen, die Mona gerade prüfend überflog.
Eigentlich wusste ich, worauf ich bei einem Spiel achten musste, welche Momente entscheidend waren und was die Leser später interessieren würde. Trotzdem zog sich mein Herz unangenehm zusammen, während sie mein Notizbuch in den Händen hielt.
»Man merkt, dass das nicht dein erstes Rugby-Spiel war«, sagte Mona nickend und löste damit den Knoten in meiner Brust. »Deine Stichpunkte sind wirklich gut, da hätte ich selbst gar nicht mitschreiben müssen.«
Ich grinste bei ihren Worten und nahm mein Notizbuch wieder entgegen. Bevor ich mich für ihr Lob bedanken konnte, stieß Paul zu uns.
»Die Spieler sind jetzt bereit für Fotos und Interviews. Shane McMullers trifft uns gleich in der Mixed Zone.« Mit einem Winken bedeutete er uns, ihm zu folgen. Zur Sicherheit kontrollierte ich, ob der Presseausweis noch um meinen Hals hing und drehte ihn so, dass mein Name darauf lesbar war.
»Du hast unsere vorbereiteten Fragen parat?«, versicherte sich Mona, kurz bevor wir an der Sponsor Wall angekommen waren. Die Wand war über und über mit den Logos der Sponsoren des Hellington RFC bedeckt und würde uns als Hintergrund für unser Interview dienen. Bisher kannte ich solche Wände nur aus dem Fernsehen und es fühlte sich noch immer unwirklich an, dass ich selbst davor arbeiten würde.
Ich nickte knapp und hielt wie zum Beweis mein Notizbuch in die Höhe.
»Gut. Ich würde den Anfang übernehmen, aber du kannst dich gerne einklinken, wenn du dich bereit fühlst.«
»Okay!«
Ich versuchte mein breites Grinsen zu unterdrücken und einen professionellen Gesichtsausdruck zu wahren, als Hellingtons Captain schließlich zu uns stieß.
Auch Mona straffte die Schultern, prüfte noch einmal kurz, ob das Mikrofon eingeschaltet war und begann schließlich mit dem Interview.
»Shane McMullers, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Sieg. Können wir aus diesem ersten Freundschaftsspiel schließen, wie die kommende Saison verlaufen wird?«
Der Rugby-Spieler zeigte ein breites Lächeln. »Vielen Dank. Das hoffe ich natürlich.« Er lachte. »Nein, ich glaube, man kann daraus nicht viel ableiten. Die meisten unserer Top-Spieler sind noch in der Sommerpause. Heute war also vielmehr ein erster Test für neue Spieler und unseren besten Nachwuchs. Bis zum Saisonbeginn im September ist das Team aber auf jeden Fall gut eingespielt und bereit für eine erfolgreiche Saison.«
»Heute war ihr erstes ganzes Spiel seit Ihrer Verletzung. Wie fühlen Sie sich – sind Sie wieder voll einsatzbereit?«, schloss Mona direkt an.
»Es ist soweit alles gut verheilt und ich habe die letzten Wochen schon ganz normal mit dem Team trainiert. Für mich war es heute auch ein Testlauf, ob ich ein ganzes Spiel schmerzfrei durchhalte, und ich bin sehr optimistisch. Bis zum Saisonstart bin ich sicher wieder am Start.«
Mona nickte, bevor sie mit ihrer nächsten Frage fortfuhr: »Welche Ziele haben Sie für die bevorstehende Saison?«
»Natürlich will ich mit dem Team gut durch eine erfolgreiche Saison kommen. Das Ziel ist wie immer die Spitze der Tabelle. Mit Coach Ferguson haben wir da auch eine erfahrene Führung und können viel erwarten.«
Mona blätterte ihren Notizblock einmal um, und ich nutzte ihre Pause, um selbst eine Frage einzuwerfen.
»Können Sie etwas zu den Gerüchten sagen, dass es die letzte Saison von Coach Ferguson sein wird?«
Mona warf mir einen anerkennenden Seitenblick zu und ließ mich damit fast McMullers' Antwort überhören.
»Ich möchte hier nichts bestätigen – aber auch nichts dementieren. Sobald es dazu offizielle Informationen gibt, werden Sie es sicherlich erfahren.«
»Gibt es denn schon Pläne für einen Nachfolger?«, hakte Mona nach, ließ den Rugby-Spieler nicht so leicht davon. Doch er blieb hart.
»Dazu kann ich nichts sagen. Noch Fragen an mich?«
So, wie Shane McMullers die letzten beiden Worte betonte, war klar, dass er keine weiteren Fragen über Coach Ferguson dulden würde. Also schluckte ich meine Worte hinunter. Mona bedankte sich bei dem Spieler für seine Zeit, gratulierte ihm noch einmal zum Sieg und verabschiedete ihn.
»Gutes Timing mit der Frage zu Coach Ferguson«, sagte Mona, als wir die Mixed Zone verließen und uns zurück auf den Weg ins Redaktionsbüro machten.
»Hat leider nichts gebracht«, murmelte ich. Hätte ich meine Frage anders formulieren sollen, um eine Antwort zu erhalten?
»Aber wir haben es versucht.« Mona zuckte mit den Schultern. »Manchmal ist das so im Journalismus. Man wird niemals auf alle Fragen, die man hat, eine Antwort bekommen. Aber wenigstens kann man alle Fragen stellen.«
»So poetisch«, spottete Paul, doch Mona ließ sich davon nicht irritieren. Und als ich ihre Worte in mein Notizbuch kritzelte, zwinkerte sie mir hinter Pauls Rücken zu.
»Hilfst du mir direkt dabei, unser Interview in einen Artikel zu verpacken? Ich bin gespannt auf deine Ideen.«
»Klar«, antwortete ich mit einem Enthusiasmus, der meine Nervosität verdecken sollte. Es schien zu klappen, denn als wir schließlich wenig später an Monas Schreibtisch saßen, fragte sie neugierig nach meinen Vorschlägen für eine Headline.
»Ähm«, machte ich, mein Kopf plötzlich leer wie ein Rugby-Feld in der Halbzeitpause.
Mona gab mir einen Moment zum Nachdenken, doch jede Idee, die ich hatte, kam mir so banal und uninspiriert vor, dass ich sie nicht aussprechen wollte.
Shane McMuller im Interview – wie unkreativ war das? Trainerwechsel beim Hellington RFC? – Dazu hatten wir keine Aussagen bekommen. Helington RFC erwartet erfolgreiche Saison – tat das nicht jeder Rugby-Club?
»Was hältst du von Shane McMullers nach Verletzung wieder im Einsatz – träumt vom Spitzenplatz der Tabelle?«, schlug Mona vor. Ich nickte lediglich, dankbar, dass sie die Initiative ergriffen hatte. Denn obwohl ich schon unzählige Rugby-Artikel für die Schülerzeitung geschrieben hatte, fühlte ich mich gerade so, als würde ich das erste Mal in meinem Leben journalistisch schreiben.
***
Auch zu Hause lief es heute nicht so rund wie sonst. Denn als ich meine kleine Schwester Lucy am Abend fragte, wie weit sie mit ihren Hausaufgaben war, brauste sie wütend auf. Offenbar hatte ich einen wunden Punkt erwischt und bevor ich wusste, wie es dazu gekommen war, stürmte sie fluchend aus dem Haus.
Die Tür fiel hinter ihr mit einem lauten Knallen ins Schloss. Mit einem tiefen Seufzen holte ich mein Smartphone hervor.
Lucy ist gerade mal wieder abgedampft. Sagst du Bescheid, wenn sie bei euch angekommen ist?
Harry antwortete binnen einer Sekunde.
Klar, mach ich. Melde dich, wenn ich helfen kann.
Danke, das werde ich.
Noch bevor ich meine Nachricht abgeschickt hatte, wusste ich, dass sie gelogen war. So sehr ich meine Freundschaft zu Harry schätzte, dessen jüngere Schwester Gin die beste Freundin meiner jüngeren Schwester Lucy war – ich würde ihn niemals tatsächlich um Hilfe bitten. Ich bat niemanden um Hilfe. Das hatte ich in den letzten acht Jahren nie getan und ich würde jetzt nicht damit anfangen.
Kurz nach Mums Tod hatte unsere Nachbarin Mrs Coller die Scherben unserer Familie eingesammelt und mit mir wieder zusammengesetzt – ungefragt. Sie war einfach da gewesen, hatte getan, was sie konnte und mich nie um Erlaubnis oder meinen Dank gebeten. Inzwischen kümmerte ich mich um meine drei jüngeren Geschwister größtenteils allein.
Dad kämpfte noch immer gegen die Schnitte, die die Scherben in seinem Kopf hinterlassen hatten. Manchmal schaffte er es, sie auszublenden, doch meist zog er sich in sein Zimmer zurück und vergrub sich in Arbeit. Und ich hatte es gelernt zu akzeptieren. Wir waren keine klassische Familie mit Vater, Mutter und Kindern. Aber das war okay. Wir bekamen schließlich alles wunderbar hin.
Dass eine Teenagerin ihre zickigen Phasen hatte und nach einem Streit aus dem Haus stürmte, war nicht besonders untypisch. Im Gegenteil. Manchmal war ich froh darüber, dass Lucy ihre Pubertät voll und ganz auslebte. Denn ich hatte meine damals einfach übersprungen.
Jetzt gerade wünschte ich mir allerdings, Lucy würde endlich erwachsen werden. Endlich auch mal eigene Aufgaben übernehmen. Endlich ...
Ein schrilles Piepen riss mich aus meinen Gedanken.
Shit!
Ich hetzte zurück in die Küche, zog die Pfanne vom Herd und riss das Fenster auf. Noch während ich auf den Esstisch kletterte, um den nervigen Rauchmelder auszumachen, betrat Oscar die Küche.
»Was ist denn hier los?«, brüllte er gegen den Lärm des Rauchmelders an. Sein Zwillingsbruder Charlie erschien hinter ihm, beide Hände auf die Ohren gepresst.
Schnell löste ich die Batterie aus dem Plastikgehäuse und das schrille Piepsen verstummte schlagartig.
»Ich habe das heiße Öl in der Pfanne vergessen«, erklärte ich und konnte nur mit Mühe ein Fluchen unterdrücken. Zum Glück war außer dem Rauch, der den Feueralarm ausgelöst hatte, nichts weiter passiert.
»Oh, kommt jetzt die Feuerwehr?«, fragte Oscar aufgeregt.
»Nein«, sagte ich und lachte. »Der Rauch zieht schnell von alleine wieder ab. Da brauchen wir keine Feuerwehr.«
»Schade.« Er verzog den Mund zu einer Schnute, hüpfte jedoch kurz darauf schon wieder fröhlich zu mir hinüber. Charlie folgte ihm wie ein Schatten, die Augen noch immer so groß wie Räder, aber zumindest hatte er inzwischen die Hände runtergenommen.
»Alles okay bei dir, Großer?«, fragte ich.
»Wo ist Lucy?«
Ich seufzte. Wie so oft hatte Charlie mit seinen feinen Fühlern direkt gemerkt, dass wir uns gestritten hatten. Und jedes einzelne Mal machte es mein Herz schwer, wenn ich meinen kleinen Bruder so traurig sah – und mein Ärger auf Lucy verpuffte. Zumindest beinahe.
»Sie ist bei Gin. Zur Schlafenszeit ist sie bestimmt wieder da.« Ich setzte einen unbekümmerten Gesichtsausdruck auf, als wäre Lucy einfach so zu ihrer Freundin gefahren. Und tatsächlich schien er daran zu glauben.
»Wollt ihr mir beim Kochen helfen?«, fragte ich, um Charlie auf andere Gedanken zu bringen, und erntete begeisterte Jubelrufe. Ich gab Oscar das Gemüse zum Waschen und Charlie den Sparschäler, bevor ich mich selbst daran machte, Zwiebeln und Knoblauch klein zu hacken.
Die Zwillinge arbeiteten einträchtig daran, das Gemüse für die Lasagne vorzubereiten und erzählten mir nebenbei von dem Lego-Set, das ihr Freund Henry vor ein paar Tagen zum Geburtstag bekommen hatte.
»Man kann daraus entweder einen Astronauten, ein Raumschiff oder einen Weltraumhund bauen«, erklärte Charlie.
»Ich würde das Raumschiff machen. Aber Henry hat den Hund als Erstes gebaut.«
»Am coolsten ist der Astronaut. Der kann sogar seinen Rucksack abnehmen.«
»Nein, das Raumschiff ist doch viel besser«, widersprach Oscar. »Das kannst du durch die Luft fliegen lassen und richtig auf Weltraummission gehen.«
»Der Astronaut schwebt im Weltraum auch. Da braucht der gar kein Raumschiff. Er kann einfach einen Weltraumspaziergang machen.«
Schmunzelnd lauschte ich der Diskussion meiner achtjährigen Brüder mit einem Ohr, während ich die gehackten Zwiebeln und den Knoblauch in die Pfanne gab. Ein leises Zischen verriet, dass das Öl bereits heiß war. Ich bewaffnete mich mit einem Kochlöffel und sorgte dafür, dass die Zwiebeln gleichmäßig anschwitzten. Und dass ich nicht wieder den Rauchmelder auslöste. Für diesen Abend hatten wir eindeutig genug Chaos gehabt.
Eins, zwei, drei – atmen. Eins, zwei, drei – atmen.
Mit kräftigen Armzügen zog ich mich durchs Wasser. Meine Füße schlugen in einem gleichmäßigen Rhythmus auf und ab und sorgten dank der Kurzflossen für einen schnellen Vortrieb. Ich konzentrierte mich auf meine rechte Hand, drehte sie mit dem Daumen nach unten und tauchte ins Wasser. Den Arm so weit wie möglich gestreckt glitt ich einen kurzen Moment, machte dann den nächsten Zug. Ich spürte das Wasser, das ich wegschob, an meinem Körper vorbeiziehen und grinste. Meine Druckphase war gut, obwohl meine Muskeln bereits müde wurden. Doch ich machte einfach weiter. Armzug um Armzug.
»Schöne Druckphase, gefällt mir«, bestätigte Coach Robinson, als ich für eine kurze Pause zwischen zwei Durchgängen am Beckenrand hielt.
»Nimm die Frequenz ein bisschen runter und gleite noch mehr. Die Flossen machen dich schnell genug.«
Sein Blick machte deutlich, dass meine Pause schon wieder vorbei war. Keine Zeit zum Verschnaufen – und erst recht nicht, um mit meinen Trainingskollegen zu plaudern.
Ich nickte, drückte die Schwimmbrille wieder fest und richtete meine Aufmerksamkeit auf den Sekundenzeiger der Trainingsuhr, die an einer Wand neben dem Becken befestigt war. Noch vier Sekunden. Drei, zwei, eins.
Mit einem kräftigen Stoß drückte ich mich von der Wand weg, machte unter Wasser einige Delfinkicks und durchbrach schließlich mit einem ersten kraftvollen Armzug die Wasseroberfläche.
Strecken, gleiten, ziehen, atmen. Strecken, gleiten, ziehen.
Eine halbe Stunde später stemmte ich mich mit letzter Kraft aus dem Becken. Meine Arme fühlten sich so schwer an, als würden daran Bleiketten hängen. Meine Beine brannten bei jedem Schritt. Und mein Puls erholte sich nur langsam von den Sprints, die direkt vor dem Ausschwimmen noch auf dem Plan gestanden hatten.
Ich gab mir noch einen Moment zum Durchschnaufen, während ich meine Kurzflossen, das Schwimmbrett und die anderen Trainingsutensilien in meinem Rucksack verstaute. Dann ging ich zu dem kleinen Tisch hinüber, an dem Coach Robinson und seine Assistentin Eliza O'Neill über unsere gerade beendete Trainingseinheit diskutierten.
»Ich bin mir sicher, da geht noch mehr«, beteuerte Coach O'Neill und tippte auf die Notizen, die vor ihr lagen. »Vielleicht durch eine Drehung der Handflächen. In der Unterwasserphase kippen die ab und an leicht weg.«
»Dann legen wir in der nächsten Einheit den Fokus darauf. Maddys Atmung hat mir gerade schon viel besser gefallen, dann können wir dieses Thema wieder nach hinten schieben.«
Coach O'Neill nickte und notierte sich einige Stichpunkte, Coach Robinson sah endlich zu mir auf. Seine grauen Augen schienen mich noch immer zu analysieren, und unwillkürlich streckte ich meinen Rücken durch.
»Luke, großartige Zugphase heute. Wenn du die auch in Dublin zeigst, rockst du das.«
Ich grinste bei dem Lob. Es tat gut zu wissen, dass der Coach an mich glaubte.
»Aber deine Wenden müssen wir noch verbessern. Du hast zwar jeweils nur eine davon, aber du weißt ja – jedes Hundertstel zählt.«
»Zum Glück schwimmen wir auf einer 50-Meter-Bahn«, sagte ich und verzog meinen Mund zu einer Grimasse. Wenden waren noch nie meine Stärke gewesen.
»Wenn du bei diesen Europameisterschaften eine solide Leistung zeigst, stehen in wenigen Monaten die Europäischen Kurzbahnmeisterschaften an«, sagte der Coach. Und obwohl er mir damit nur verdeutlichen wollte, dass ich unbedingt an meinen Rollwenden feilen musste, brachte er mich erneut zum Lächeln.
Es fühlte sich noch immer surreal an, dass ich tatsächlich zu den Europameisterschaften fahren würde. Doch in weniger als einem Monat ging es bereits los. In zweiundzwanzig Tagen, um genau zu sein. Seit ich erfahren hatte, dass ich mich für das irische Nationalteam qualifiziert hatte, zählte ich die Tage. Und mit jedem weiteren Tag stieg die Anspannung, die Nervosität, aber vor allem auch die Vorfreude.
»Dann sehen wir uns heute Abend zum Wendentraining?«, fragte ich und hoffte auf einen freien Nachmittag.
»Exakt. Aber denk an die Pilates-Einheit mit Eliza nachher.«
»Klar«, sagte ich, hätte aber am liebsten aufgestöhnt. Coach O'Neill kannte bei den Pilates-Übungen keine Gnade. So beansprucht, wie meine Muskeln sich jetzt schon anfühlten, würde es nachher kein Spaß werden. Doch ich wusste, dass unsere Einheiten in diesem Trainingslager akribisch aufeinander abgestimmt waren. Die Coaches wussten ganz genau, wie viel unserem Körper guttat und wann der Punkt überschritten wurde.
Lediglich meine Freizeit litt unter unserem straffen Programm, aber auch das war ich bereits gewohnt. Ab dem Moment, in dem ich mit vier Jahren das Schwimmen gelernt hatte, hatte der Sport immer mehr Zeit meines Lebens in Anspruch genommen. Spätestens, seit ich für das irische Juniorenteam auf internationale Wettkämpfe gefahren war, hatte mein Alltag praktisch aus nichts anderem mehr bestanden als Schwimmen, Schule, Essen und Schlafen.
Die Schule hatte ich inzwischen abgeschlossen – pünktlich zum Start des Trainingslagers. Doch das bedeutete nicht, dass mir jetzt mehr Freizeit blieb. Denn dadurch, dass ich diesen Sommer das erste Mal nicht mehr im Juniorenteam, sondern bei den richtigen Profis mitschwimmen würde, war mein Trainingspensum noch weiter angestiegen. Und obwohl ich es manchmal bedauerte, dass ich kaum etwas von den Dingen machen konnte, die normale Achtzehnjährige erlebten, konnte ich mir nichts Besseres vorstellen.
Das Schwimmen war schon immer meine größte Leidenschaft gewesen. Ich liebte es, im Wasser zu sein. Ich liebte es, mich mit kraftvollen Zügen durchs Becken zu ziehen und nur Wellen zu hinterlassen. Und ich liebte es, mein Können zu zeigen, mich mit anderen zu messen – und zu gewinnen.
Ich konnte es kaum erwarten, bald gegen die besten Schwimmer Europas anzutreten. Dass die Europameisterschaften dieses Jahr auch noch in Irland, in meiner Heimat, stattfanden, befeuerte meine Euphorie noch weiter. Meine Familie bei meinem ersten internationalen Profi-Wettkampf dabei zu haben, bedeutete mir sehr viel. Denn sie waren diejenigen, die mir diese Karriere ermöglichten. Und sie waren gleichzeitig meine allergrößten Fans. Allerdings waren sie, direkt nach meinen Coaches, auch diejenigen, die jedes Detail über meine Performance analysierten und über jede Entwicklung Bescheid wissen wollten. Meine regelmäßigen Anrufe, um sie auf den neuesten Stand zu bringen, waren also nur halbwegs freiwillig – auch wenn der Anlass diesmal äußerst positiv war. Meine Bestzeit über die 50-Meter-Freistil war heute zum Greifen nah gewesen. Wenn ich in den Meisterschaften noch ein paar Hundertstel schneller war, knackte ich sie – und qualifizierte mich mit ein wenig Glück sogar für das Halbfinale.
Ich verabschiedete mich von den Coaches und meinen Teamkameraden, die nun selbst ihre Trainingsbewertung nach und nach abholten, und machte mich auf den Weg zu meinem Hotelzimmer. Dort angekommen schmiss ich meinen Schwimmrucksack in die Ecke, mich selbst aufs Bett und wählte die Nummer meiner Mutter.
»Luke, wie schön, dass du anrufst«, sagte sie, als sie abhob. »Dein Dad und ich haben gerade über dich gesprochen. Beziehungsweise über deine Konkurrenz. Hast du schon gehört, dass Zlatan Babovic mit Dopingvorwürfen konfrontiert wurde?«
»Ja, Coach Robinson hat es mir heute früh erzählt«, sagte ich. Der Kroate, von dem Mum sprach, war der gleiche Jahrgang wie ich und mein direkter Konkurrent. Schon seit Jahren begegneten wir uns auf Wettkämpfen, und jedes Mal hatte wieder ein anderer von uns beiden die Nase ein winziges bisschen vorne. Genau wie bei mir war seine Hauptlage das Rückenschwimmen.
»Ich kann nicht glauben, dass er wirklich dopt. Er ist so ein lieber Junge«, sagte Mum, die Zlatan ebenfalls kannte. »Und seine Mutter ist so eine herzensgute Frau. Ich weiß noch, wie sie vor ein paar Jahren ihren Regenschirm mit mir geteilt hat, als ihr bei diesem furchtbaren Starkregen im Freibad geschwommen seid.«
»Ich habe keine Ahnung, ob er es tut oder nicht«, gab ich zu. »Eigentlich würde ich es nicht erwarten, aber das habe ich bei Micah damals auch nicht.«
Micah, ein Schwimmer aus Großbritannien, mit dem ich mich ebenfalls viele Jahre gemessen hatte, war erst vor ein paar Monaten wegen unzulässiger Substanzen im Blut gesperrt worden.
»Das stimmt. Man weiß es wohl nie wirklich«, murmelte Mum. Dann schien ihr plötzlich einzufallen, dass ich sie nicht angerufen hatte, um über meine Konkurrenten zu sprechen.
»Wie läuft es im Trainingslager? Moment, ich hole Peter.«
Ich wartete ab, bis sich auch Dad am anderen Ende des Telefons meldete, und begann zu erzählen. Wie erwartet überschlugen sich meine Eltern vor Begeisterung, als ich ihnen von meiner Freistil-Zeit erzählte.
»Das ist fantastisch!«, jubelte Mum.
»Und das war nur im Training. In der EM wirst du sicherlich noch ein paar Hundertstel schneller schwimmen. Das Adrenalin bringt dich zu Höchstleistungen«, sagte Dad.
»Genau das hat Coach Robinson auch gesagt.« Ich lachte.
»Der Mann ist ja auch ein Genie.« Ich konnte den Stolz aus Dads Stimme heraushören, was mich erneut auflachen ließ.
»Wie läuft es mit den Staffeln?«, fragte Mum, die im Kopf vermutlich gerade meine EM-Starts durchging. Ich würde insgesamt über vier verschiedene Disziplinen antreten – 50-Meter-Freistil und 100-Meter-Rücken, sowie bei zwei 4×100-Meter-Staffeln: der Freistil-Staffel der Männer und der Lagen-Staffel im Mixed-Team.
»Die klappen super«, sagte ich. »Da ich beide Male als Erster ins Wasser gehe, habe ich keine Staffelablöse. Das macht es einfacher.«
»Als würdest du das nicht hinbekommen«, empörte sich Dad.
»Klar würde ich das«, beschwichtigte ich ihn. »Aber die anderen sind viel erfahrener. Die haben schon bewiesen, dass sie es können.«
»Und das wirst du auch. Du wirst sie alle umhauen. Du wirst ihnen zeigen, wie man in Irland schwimmt.«
Dads motivierende Worte ließen meine Fingerspitzen kribbeln. Am liebsten wäre ich sofort auf den Startblock geklettert, doch ein wenig musste ich mich noch gedulden. Noch zweiundzwanzig Tage.
***
Meine Motivation war ungebrochen, als ich zwei Tage später mit meinen Teamkollegen beim Mittagessen saß. Es gab Vollkornnudeln mit Gemüsesoße, ein typisches Schwimmergericht, das viele Kohlenhydrate, wenig Zucker und dennoch ausreichend Geschmack enthielt. Und so, wie es der Koch dieses Sporthotels zubereitete, schmeckte es geradezu himmlisch.
»Wer ist nachher bei einer Schnorchelrunde dabei?«, fragte Patrick mit vollem Mund.
Heute hatten wir den Nachmittag frei, erst um achtzehn Uhr stand die zweite Trainingseinheit des Tages auf dem Plan.
»Bin dabei«, sagte Maddy sofort. »Dafür, dass wir schon seit vier Tagen an diesem wunderschönen Fleckchen Erde sind, habe ich noch viel zu wenig davon gesehen.«
Ich nickte zustimmend. Das Sporthotel, in dem unser Trainingslager stattfand, hatte wirklich einen phänomenalen Standort. Das Mittelmeer lag direkt vor uns, es gab einen privaten Meerzugang über eine lange Steintreppe, die über den felsigen Strand direkt ins Wasser führte. Im Umkreis lagen einige kleinere Städte, die allesamt malerisch und sehenswert sein sollten, doch ich bezweifelte, dass wir für einen Sightseeing-Ausflug die Zeit haben würden. Ein kleiner Schnorchel-Tauchgang war daher genau das richtige.
Erst, als ich auf den glatten Steinstufen, die zum Meer führten, beinahe ausrutschte, hinterfragte ich diese Entscheidung. Die untersten Stufen, die bei Flut vom Meer komplett verschluckt wurden, waren mit so vielen Algen bewachsen, dass sie kaum Halt boten.
Ich wollte gerade Nicholas, der direkt hinter mir lief, warnen, als er auch schon über die Treppe schlitterte und mit einem unkontrollierten Satz ins Wasser stürzte.
Maddy, die noch auf den sicheren, trockenen Stufen stand, brach in lautes Gelächter aus und steckte nicht nur mich, sondern auch die anderen mit an.
»Da sieht man es mal wieder«, sagte Sarah feixend, sobald Nicholas luftschnappend nach oben kam. »Für das Land bist du einfach nicht gemacht.«
»Für das Wasser dafür umso mehr«, fügte Nicholas hinzu, tauchte ab, machte einige kräftige Delfinkicks und kam wenige Meter entfernt wieder an die Oberfläche. »Worauf wartet ihr? Zum Schnorcheln muss man normalerweise rein ins Meer.«
Wieder lachte Maddy auf, bewegte sich allerdings nicht von ihrer trockenen Stufe weg. Ich setzte meine Tauchmaske auf die Augen, machte einen vorsichtigen Schritt an die Kante der untersten Stufe und sprang mit einem beherzten Köpper ins Meer. Mit einem kräftigen Atemzug blies ich meinen Schnorchel aus und senkte meinen Blick auf die Unterwasserwelt, die sich mir bot.
Ich sah durch das klare Wasser einen Schwarm winziger Fische direkt unter mir vorbeihuschen, große Steckmuscheln klappten langsam auf und zu, ein roter Krebs wackelte seitwärts über den Meeresboden.
Eine Berührung an meiner Schulter riss mich von dem Anblick los. Ich hob den Kopf, begegnete unter Wasser Nicholas' Blick. Mit zusammengekniffenen Augen deutete er auf einen Fisch, der nur wenige Meter von uns entfernt an einer Alge knabberte. Dann hob er seine Hand und zeigte auf mich. Seine Geste und sein amüsierter Blick sagten eindeutig: Schau mal, das bist du.
Ich zeigte Nicholas den Mittelfinger, musste jedoch so sehr dabei lachen, dass ich Wasser in meinen Schnorchel bekam. Mit einem Prusten tauchte ich wieder auf und sah mich nach den anderen aus unserer Gruppe um. Maddy und Sarah standen noch immer an Land, Patrick war bereits zu uns gestoßen.
»Kommt schon«, rief ich den beiden Frauen zu. »Das Wasser ist wirklich warm!«
»Zu warm offenbar«, entgegnete Sarah. »Da sind total viele Quallen.« Mit einem Finger deutete sie auf eine Stelle rechts von mir. »Ich weiß schon, warum ich lieber im Becken als im Freiwasser schwimme.«
Ich nahm meinen Schnorchel wieder in den Mund und sah prüfend in die Richtung, in die Sarah gezeigt hatte. Und tatsächlich, nicht weit von mir schwebten mehrere Quallen – und sie waren feuerrot. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, scannte die Unterwasserwelt um mich herum ab, aber ich entdeckte keine weiteren Quallen.
»Siehst du noch mehr?«, fragte ich Sarah trotzdem zur Sicherheit. Ich hatte keine Lust, mich zu verbrennen und die nächsten Tage mit Schmerzen zu verbringen. Ich konnte mir so kurz vor der EM keine Verletzung leisten,. Und die anderen eigentlich auch nicht.
»Ach komm, mach dir nicht in die Hosen«, rief Patrick jedoch und tauchte in Richtung der Quallen. Offensichtlich sah er damit kein Problem.
»Lasst uns einfach in die andere Richtung schwimmen«, schlug Nicholas vor, und ich folgte ihm. Auch Maddy traute sich endlich ins Wasser, lediglich Sarah blieb stehen.
»Ich gehe sicher, dass Patrick keinen Scheiß baut«, rief sie uns zu und bedeutete uns, nicht auf die beiden zu warten.
Gemeinsam mit Nicholas und Maddy schnorchelte ich durch die Bucht, den Blick stets aufmerksam auf die Unterwasserumgebung gerichtet. Wir begegneten keinen weiteren Quallen, dafür entdeckten wir unzählige Fische, mehrere Seeigel und sogar einen goldschimmernden Seestern.
Als wir schließlich wieder an der Treppe ankamen, war von Sarah und Patrick nichts mehr zu sehen.
»Sehr interessant«, murmelte Maddy und verzog die Lippen zu einem verschmitzten Grinsen.
»Was ist interessant?« Nicholas und ich tauschten einen ahnungslosen Blick.
»Habt ihr nicht bemerkt, wie die beiden umeinander herumtänzeln? Da läuft was, das spüre ich.«
»Meinst du echt?«, fragte Nicholas überrascht.
»Die haben doch gerade ganz andere Dinge im Kopf«, widersprach ich. Neben dem Schwimmtraining, dem mentalen Training, dem Krafttraining, dem Lauftraining und allen anderen Vorbereitungen für die Europameisterschaften hatte in meinem Leben gar nichts anderes mehr Platz. Schon gar nicht eine Romanze.
»Du hast andere Dinge im Kopf«, sagte Maddy und betonte das du dabei besonders. »Aber Sarah und Patrick sind beide nicht das erste Mal in der Nationalmannschaft. Und wer weiß schon, ob es wirklich etwas Ernstes ist zwischen den beiden. Vielleicht haben sie einfach nur ein wenig ... Spaß.«
Maddy grinste. Nicholas zuckte unbeteiligt mit den Achseln. »Mir egal, sollen sie machen, wie sie wollen.«
»Solange Sarah in der Staffel gut schwimmt«, warf ich ein. Sie übernahm in unserer Lagen-Staffel die Freistil-Strecke.
»Die beiden sind Profis. Die machen das schon.« Maddy schien sich dessen sicher zu sein, und ich vertraute ihr. Sie hatte für solche Dinge schon immer mehr Gespür gehabt als ich. Und sie wusste, wie viel mir die bevorstehenden Meisterschaften bedeuteten – denn sie begleitete mich seit beinahe zehn Jahren auf dem Weg dahin. Maddy war, genau wie ich, schon einige Jahre für das Juniorenteam gestartet und hatte dieses Jahr ihr Debüt auf der Profi-Ebene. Seit knapp zehn Jahren trainierte sie ebenfalls in Blakely. Immer wieder hatten wir uns dabei die Trainingszeit geteilt und waren gemeinsam auf einer Bahn geschwommen. Durch die vielen Stunden, die ich dadurch mit ihr im und auch außerhalb des Wassers verbracht hatte, waren wir eng zusammengewachsen. So eng, dass wir wie Geschwister füreinander waren. Zumindest stellte ich es mir so vor – da wir beide Einzelkinder waren, hatten wir keine Vergleichsobjekte.
Nicholas trainierte ebenfalls in Blakely, war jedoch einige Jahre älter als wir. Daher kannte ich ihn zwar flüchtig schon beinahe genauso lang wie Maddy, richtig kennengelernt hatte ich ihn allerdings erst in den letzten Tagen unseres gemeinsamen Trainingslagers. Und wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden.
Die meisten Menschen hielten das Schwimmen für einen totalen Einzelsport. Und im Wettkampf stimmte das auch. Vom Startpfiff bis zum Anschlag war ich vollkommen auf mich allein gestellt. Doch alles andere, was dazu gehörte, um ein erfolgreicher Schwimmer zu werden, war Teamwork. Jedes Training war besser, wenn ich mich nicht allein durch den Plan kämpfen musste. Jeder Wettkampf wurde zur Party, wenn ich alte Freunde und Bekannte traf. Und ohne die Unterstützung meiner Trainer, meiner Familie und meiner Teamkameraden wäre ich niemals an den Punkt gekommen, an dem ich jetzt war.
Ich war also unglaublich dankbar für die Menschen in meinem Leben. Denn sie alle waren der Grund dafür, dass ich das machen konnte, was ich liebte.
Meine Finger flogen über die Tastatur. Mein Artikel über die Versetzungen und Transfers der Rugby-Spieler über die Sommerpause war so gut wie fertig. Es fehlte nur noch ein winziger Absatz über den neuen Trainer für Dullowine, der mit Erfahrungen aus Frankreich nun sein erstes irisches Rugby-Team übernehmen würde. Doch meine Finger waren nicht schnell genug. Ich war gerade mitten im Satz, als Mona von ihrem Schreibtisch aufstand.
»Kommst du auch?«
»Ja, Moment, ich muss nur noch ... jetzt.«
Mit einer schwungvollen Bewegung setzte ich den letzten Punkt, speicherte meinen Artikel ab und folgte Mona aus unserem Büro.
Die meisten Mitarbeitenden der Sportredaktion saßen bereits im Meeting-Raum, als wir zu ihnen stießen. Lediglich unser Kollege John und der Chefredakteur Mr Garrett fehlten noch. Kaum hatte ich mich jedoch auf einem der Stühle, die um den großen Tisch aus weißem Holz standen, niedergelassen, betrat Mr Garrett den Raum und schloss die Tür hinter sich.
»Schön, dass alle da sind, dann können wir ja direkt anfangen.« Er setzte sich ebenfalls und klappte seinen Laptop auf, während ich erneut durchzählte. Wieder kam ich nur auf fünf, inklusive Mr Garrett und mir.
»Was ist mit John?«, sprach Mona meinen Gedanken aus.
Mr Garrett seufzte. »Und damit sind wir direkt beim Thema.«
Alarmiert sah ich zu unserem Chefredakteur hinüber. Ich kannte Mr Garrett noch nicht gut genug, um die Situation einschätzen zu können, doch die Stimmung im Raum wurde schlagartig unruhig. Mona und die anderen machten sich offenkundig Sorgen und automatisch fragte auch ich mich, was passiert sein könnte.
Mr Garrett räusperte sich, bevor er den Blick von seinem Laptop löste und uns, einen nach dem anderen, ernst ansah.
»John hatte einen Verkehrsunfall. Auf dem Weg zur Arbeit heute Morgen wurde er von einem Auto erfasst und schwer verletzt.«
Aoife schlug sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund, Paul riss die Augen auf, Mona stieß einen Fluch aus. Ich blieb reglos, wie in Schockstarre.
»Er ist stabil, keine Sorge. Heute Vormittag wurde er bereits operiert, jetzt muss er sich einfach auskurieren«, sagte Mr Garrett beschwichtigend. Doch auch ihm ging der Unfall sichtlich nahe.
»Wie ist es denn passiert?«, fragte Paul.
»Genau weiß ich das leider auch nicht. Johns Frau hat mir nur eine kurze Nachricht geschrieben. Aber eines steht fest: Hätte er seinen Fahrradhelm nicht aufgehabt, wäre es deutlich schlimmer ausgegangen.«
Ich schluckte. Sofort musste ich daran denken, wie meine Schwester Lucy vor ein paar Tagen nach unserem Streit aus dem Haus gestürmt war, um zu ihrer Freundin Gin zu fahren. Mit dem Fahrrad – und sicherlich ohne Helm. Sie war wohlbehalten dort angekommen, das hatte Harry mir wenige Minuten später geschrieben. Aber was, wenn es nächstes Mal nicht so war? Ich nahm mir vor, Lucy noch einmal auf das Thema anzusprechen und lenkte dann meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Kollegen.
»John wird mindestens sechs Wochen auf Krücken laufen. Wenn überhaupt ist er also nur eingeschränkt verfügbar – und das stellt uns vor ein ziemliches Problem.«
»Die Europameisterschaft«, warf Paul ein, und Mr Garrett nickte.
»Wie sieht es denn kapazitätsmäßig Anfang August bei euch aus?«, fragte er und richtete seinen Blick zuerst auf Mona.
»Also effektiv ab nächster Woche?«, fragte sie, während sie am Handy ihren Kalender öffnete. »Ich habe schon diverse Interviews vereinbart, Spieltermine an den Wochenenden und meine Artikelserie zur Einstimmung auf die kommende Rugby-Saison muss bis Mitte August fertig werden. Also eigentlich bin ich voll.«
»Das hatte ich befürchtet«, murmelte Mr Garrett. »Aoife, bei dir ist es wahrscheinlich nicht besser, oder? Zumal du ja ohnehin nicht die komplette Berichterstattung übernehmen könntest.«
»Ich würde dir ja anbieten, meine Stunden kurzfristig zu erhöhen, aber so spontan bekomme ich die Kinderbetreuung nicht organisiert. Vor allem keine zwei Wochen lang.«
»Nein, das verlangt auch niemand«, widersprach Mr Garrett sofort. »Dann muss ich wohl auf die Schnelle einen freien Mitarbeiter auftreiben.«
»Oder Cara macht es.«
Monas Worte brachten mein Herz zum Stocken. Ich machte was?
»Meinst du, sie ist schon so weit?«, fragte Mr Garrett, als wäre ich überhaupt nicht hier.
»Sie kann das. An ihren Artikeln musste ich vor der Freigabe nur noch Kleinigkeiten anpassen, die waren echt gut. Und sie hat die Kapazitäten.«
Ich wollte mich über Monas Lob freuen, konnte mich aber gerade nicht wirklich darauf einlassen. Ich war viel zu abgelenkt davon, was hier gerade passierte. Auch wenn ich noch nicht verstanden hatte, was es eigentlich genau war.
»Außerdem bin ich ja auch noch dabei«, brummte Paul.
Mr Garrett sah langsam zwischen den beiden hin und her, bis sein Blick schließlich auf mir liegen blieb.
»Cara, was meinst du? Bist du bereit für deinen ersten großen Einsatz?«
Automatisch nickte ich. Ich machte dieses Praktikum, um einen Fuß in die Sportredaktion zu bekommen und Erfahrungen zu sammeln. Dafür musste ich auch an die Front.
»Okay, dann probieren wir das. Bestimmt kann euch John aus dem Home-Office unterstützen, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Und Paul, du hast die Führung.«
»Aye, Captain«, sagte er und tippte salutierend mit einer Hand an seine Cap.
»Um die Hotelbuchung und die Presseakkreditierung kümmere ich mich. Wenn ihr also keine dringenden Themen habt, sehen wir uns zu unserem regulären Meeting am Freitag wieder.«
Während Mr Garrett sprach, tippte er auf seinem Laptop herum und sah erst wieder auf, als ich gerade den Raum verlassen wollte.
»Ah, Cara, bleib doch noch einen Moment. Dann können wir direkt alles besprechen.«
Ich nickte und setzte mich wieder zu ihm an den Besprechungstisch. Mr Garrett wartete noch, bis unsere Kollegen den Raum verlassen hatten, bevor er sich zu mir drehte und mir seine volle Aufmerksamkeit schenkte.
»Zunächst einmal vorweg: Wie gut kennst du dich mit dem Schwimmsport aus?«
»Nicht so gut wie mit Rugby«, gab ich zu, »aber ganz okay, denke ich.« Ich hatte den Seal Award, beherrschte also die Grundzüge verschiedener Schwimmarten, konnte mich mehrere Meter am Stück über Wasser halten und Ringe vom Boden auftauchen. Das reichte doch, oder?
»Weißt du was, Cara?« Mr Garrett lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Beine übereinander. »Ich halte wirklich große Stücke auf dich. Dein Engagement für deine Schülerzeitung war beeindruckend. Dein journalistisches Talent ist unübersehbar. Also mache ich dir ein Angebot: Wenn du die Europameisterschaften gut über die Bühne bringst, dann kannst du im September mit einem Volontariat in der Sportredaktion starten. Zwei Jahre, Vollzeit. Was sagst du?«
Ich blinzelte, als würde mein Kopf so schneller verarbeiten, was Mr Garrett mir gerade mitgeteilt hatte. Ein Volontariat war der nächste Schritt nach einem Praktikum. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Und er wurde mir direkt zu Füßen gelegt?
»Das – das wäre großartig«, stammelte ich und versuchte mich daran zu erinnern, wie man gleichzeitig atmete und sprach. Doch mein Gehirn war noch zu sehr damit beschäftigt, meine Zukunft auszumalen. Das Volontariat würde mir die Türen öffnen, auf die ich seit Jahren hinarbeitete. Ich konnte es damit zu einer großen Tageszeitung oder zu einem erfolgreichen Sportmagazin schaffen. Ich musste nur ein paar überzeugende Artikel abliefern. Zu den Europameisterschaften im Schwimmen – wovon ich absolut keinen Schimmer hatte. Verdammt, was hatte ich mir hier eingebrockt?
»Na dann – liefere mir eine Berichterstattung, die mich umhaut!«
Mit einem breiten Lächeln bedeutete Mr Garrett mir, dass ich nun ebenfalls entlassen war. Von den widersprüchlichen Gefühlen, die in mir um die Vorherrschaft tobten, schien er nichts mitzubekommen. Ich bedankte mich noch einmal hastig, bevor ich die Glastür hinter mir schloss und zurück zu meinem Arbeitsplatz ging. Erst als ich sicher war, dass Mr Garrett mich nicht mehr sehen und hören konnte, quietschte ich einmal überfordert auf. Ich war nicht sicher, ob das Glücksgefühl oder die beunruhigte Sorge in mir diesen Laut verursacht hatte.
***
Als ich meinen Freundinnen am Abend per Videochat von Mr Garretts Angebot erzählte, übernahm die sorgenvolle Angst die Überhand. Um wirklich das Volontariat antreten zu können, musste ich professionelle, fundierte und interessante Artikel zu den Schwimm-Europameisterschaften liefern. Wie in aller Welt sollte ich das schaffen?
»Ich kann doch nicht einmal besonders gut schwimmen. Und ich weiß so gut wie gar nichts über diesen Sport.«
»Und das hast du Mr Garrett so gesagt?« Briannas Stimme klang blechern durch die Lautsprecher meines Laptops.
»Natürlich nicht«, entgegnete ich. »Sonst hätte ich den Job wohl kaum bekommen.«
»Guter Punkt.«
»Und was willst du jetzt machen?«, fragte Amber, die gemeinsam mit ihrem Freund Josh vor dem Bildschirm saß.
»Du kannst immer noch absagen«, warf Brianna ein.
Obwohl ich selbst auch schon daran gedacht hatte, überfiel mich bei ihrem Vorschlag ein überraschend starker Widerwille.
»Aber das willst du nicht, oder?« Josh hatte mich längst durchschaut. Er wusste, wie viel mir Mr Garretts Angebot bedeutete. Sportredakteurin zu werden war mein großer Traum, schon solange ich denken konnte. Also musste ich diese Chance nutzen, die sich mir bot.
»Meint ihr, ich bekomme das hin?«, fragte ich, sprach meine Sorgen direkt an. Noch bevor jemand darauf antworten konnte, hob ich ermahnend meinen Zeigefinger. »Das ist jetzt kein fishing for compliments, ich will wirklich eure ehrliche Meinung dazu wissen. Ich weiß, dass ich gute Artikel schreiben kann. Ich weiß auch, dass ich als Schülerreporterin schon wertvolle Erfahrung gesammelt habe. Ich weiß, wie man über Sportveranstaltungen berichtet und wie man Interviews führt. Aber ich habe keine Ahnung vom Schwimmen.«
»Wie lange hast du noch Zeit bis zur EM?«, fragte Amber.
»Nächsten Donnerstag ist der erste Tag, wir werden schon am Mittwoch anreisen und erste Eindrücke sammeln.«
»Dann hast du also noch eine Woche, um dich vorzubereiten. Wenn du die Zeit nutzt, um das Wichtigste über diesen Sport und die stärksten Schwimmerinnen und Schwimmer zu lernen, kriegst du das ganz sicher hin.« Amber klang so überzeugt, dass ich ihr wirklich gerne glauben wollte.
»Hör auf sie. Sie hat auch mich durch die Deutschprüfungen gebracht – sie weiß, wie man sich auf Dinge vorbereiten muss«, sagte Josh mit einem schiefen Grinsen, das Amber leicht zum Erröten brachte.
»Außerdem bist du da ja nicht allein. Du sagst, Paul ist verantwortlich dafür, dass alles läuft. Also bist du zwar die Redakteurin, aber wenn irgendetwas sein sollte, wissen deine Kollegen und auch Mr Garrett, dass du eigentlich erst in deiner dritten Praktikumswoche steckst. Du hast sicherlich noch einen Nesthäkchen-Bonus, falls tatsächlich etwas schiefgehen sollte.« Brianna lächelte mich durch den Laptop-Bildschirm aufmunternd an.
»Also ist das von euch ein Ja?
