Swift & Hawk, Cyberagenten 1: Die Entführung - Logan Macx - E-Book

Swift & Hawk, Cyberagenten 1: Die Entführung E-Book

Logan Macx

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Beschreibung

Coole Spionage-Serie für Alex-Rider-Fans - aufregende Technik, tolle Action und Abenteuer zum Nägelkauen! Als ihre Familien von Terroristen entführt werden, landen die Freunde Caleb und Zenobia unverhofft in einem geheimen Programm des MI6 – und punkten sofort mit ihren Fähigkeiten: Caleb als genialer Programmierer und KI-Experte, Zen als Robotik-Crack und Kampfsportlerin. Unter den Decknamen Swift und Hawk bekommen die zwei den Auftrag, einen unknackbaren Code zu entschlüsseln. Es ist der Beginn einer gefährlichen Mission, die sie von Londons Kanalisation ins raue Hafenviertel Amsterdams und schließlich auf eine einsame norwegische Insel führt. Als die beiden dabei einem echten Superschurken auf die Spur kommen, müssen sie beweisen, was in ihnen steckt. James Bond und Lara Croft waren gestern. Jetzt mischen Swift & Hawk das Action- und Agenten-Genre auf - mit Mut, Verstand und genialen Ideen! Band 1 dieser neuen Spionage-Serie ist aufregend und schnell wie ein gut gemachtes Videospiel.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Logan Macx

Swift & Hawk, Cyberagenten – Die Entführung

Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer

Swift & Hawk mischen die Spionage-Welt auf – mit Mut, Verstand und genialen Ideen!

Als ihre Familien von Terroristen entführt werden, landen die Freunde Caleb und Zenobia unverhofft in einem geheimen Programm des MI6 – und punkten sofort mit ihren Fähigkeiten: Caleb als genialer Programmierer und KI-Experte, Zen als Robotik-Crack und Kampfsportlerin. Unter den Decknamen Swift und Hawk bekommen die zwei den Auftrag, einen unknackbaren Code zu entschlüsseln. Es ist der Beginn einer gefährlichen Mission, die sie von Londons Kanalisation ins raue Hafenviertel Amsterdams und schließlich auf eine einsame norwegische Insel führt. Als die beiden dabei einem echten Superschurken auf die Spur kommen, müssen sie beweisen, was in ihnen steckt.

Band 1 dieser neuen Spionage-Serie ist aufregend und schnell wie ein gut gemachtes Videospiel. Anschnallen, bitte!

Wohin soll es gehen?

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Viten

FÜR K, O, R, S, W – DIE IMMER WIEDER DANACH GEFRAGT HABEN.

Caleb Quinn hatte nie damit gerechnet, dass er seine Notfallroute tatsächlich einmal benutzen müsste. Er schlich zur Schlafzimmertür, lauschte angestrengt. Die Stimmen im Erdgeschoss gehörten seiner Mum und einer fremden Frau mit leichtem osteuropäischem Akzent. Ihre genauen Worte verstand Caleb nicht, doch die Unterhaltung klang immer weniger freundlich. Irgendetwas Merkwürdiges spielte sich hier ab.

Es war die erste Unterrichtswoche nach den Herbstferien. Caleb war kurz zuvor die Themse entlanggeradelt auf dem Weg von seiner Schule im Herzen Londons zu seinem Elternhaus im Stadtviertel Nine Elms. Er hatte seine Mum begrüßt, die in der Küche am Laptop arbeitete, und war dann die Treppe hinaufgerannt, um seine Schultasche abzustellen und sich ein paar Sachen zu schnappen. Sein Plan für den Abend hatte ganz einfach ausgesehen: Er würde etwas essen und anschließend für ein paar Stunden in sein Hightech-Computerlabor verschwinden, das er sich auf einem Lastkahn am nahen Nine Elms Pier eingerichtet hatte. Dort wollte er an einem großen Inhaltsupdate für Terrorform werkeln, dem Sci-Fi-Action-Abenteuer-Videospiel, das er selbst programmiert hatte.

Die Stimmen wurden lauter. Caleb beschloss, herauszufinden, was vor sich ging. Er griff sich das Flex – seinen superleistungsstarken Handcomputer, den er im Verlauf der letzten Monate höchstpersönlich designt und gebaut hatte. An solchen technischen Geräten hatte er schon herumgebastelt, noch bevor er sprechen konnte. Auf den ersten Blick wirkte das Flex wie ein ziemlich gewöhnliches Smartphone. Doch in Wirklichkeit war es viel mehr. Caleb hatte es aus einem ultrarobusten, elastischen Material gefertigt, das sich in jede beliebige Form knicken und falten ließ. Das Betriebssystem war allem, was man im Laden kaufen konnte, um Längen voraus und punktete mit einer einzigartigen Vielfalt besonderer Apps und Funktionen. Aktiviert wurden sie allesamt durch verschlüsselte Ein-Wort-Befehle. Einen davon murmelte er jetzt.

»Phantom. Mums Laptop.«

Die Phantom-App sandte die Augen und Ohren des Flex aus. Sofort erschien ein Bild der Küche auf dem Display, abgezogen von der Kamera des Computers seiner Mum. Caleb trat von seiner Tür weg und hockte sich aufs Bett, um die Szene genauer zu betrachten.

Harper Quinn lehnte an der Küchenanrichte. Sie war eine leitende CIA-Agentin, ursprünglich aus Kalifornien, inzwischen stationiert in der amerikanischen Botschaft nur einige Häuserblocks entfernt. Sie trug einen hellgrauen Businessanzug, der so geschnitten war, dass er ihre Seitenwaffe kaschierte, und darunter eine dunkelblaue Bluse. Ihr rotbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, und sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Dazu hatte sie die sachliche, kühle Miene aufgesetzt, die ihre Kolleginnen und Kollegen – wie Caleb aufgefallen war – sogar noch öfter zu sehen bekamen als er selbst.

Harper gegenüber auf der anderen Seite des Raums stand eine außergewöhnlich große Frau – mindestens einen Meter neunzig, schätzte Caleb. Ihr kantiger orangeroter Bob war an den Seiten rasiert und leuchtete grell im Küchenlicht. Gekleidet war sie wie eine Bikerin: mit schwarzer Lederjacke, Jeans und schweren Stiefeln. Ein silberner Ring glänzte in ihrer Augenbraue.

Auch zwei Männer erkannte Caleb. Einer – ein riesiger, bulliger Typ – lehnte im Durchgang zur Haustür und blockierte den Weg. Er hatte der Kamera den Rücken zugewandt und sein kahler Kopf streifte beinahe die Decke. Der andere, klein und schmächtig im Vergleich, stand hinter der Frau mit den orangeroten Haaren. Er hatte einen kurzen, hellgrünen Irokesenschnitt und zusammengekniffene Wieselaugen, die unablässig durch den Raum huschten, als suche er nach etwas, das ihnen einen Vorteil verschaffen könnte. Beide Männer trugen ähnliche Outfits wie die Frau, die aber ohne jeden Zweifel das Sagen hatte.

Caleb betrachtete die Besucher eingehend. Es war nicht allzu ungewöhnlich, dass seine Mum sich abends mit Kollegen oder sogenannten »Kontakten« traf. Doch die Leute vom Geheimdienst, die zu ihnen nach Hause kamen, wirkten normalerweise … nun ja, intelligenter. Er regelte die Lautstärke hoch.

»Also, habe ich das richtig verstanden?«, sagte Harper in skeptischem Tonfall. »Sie behaupten, dass Sie wichtige Informationen besitzen … aber um diese Informationen zu bekommen, muss ich Sie begleiten?«

Die andere Frau schenkte ihr ein humorloses Lächeln. »Das ist korrekt«, erwiderte sie. »Wir haben die Informationen, die Sie wollten, Agent Quinn. Und sogar noch mehr. Etwas, das Sie sich selbst ansehen sollten. Bitte, kommen Sie mit.«

Harper schüttelte den Kopf. »Unsere Beziehung basiert auf strikter Geheimhaltung, Ms Szabo. Es war abgemacht, dass Sie alles am vereinbarten Ort in Brüssel hinterlegen. Sie sollten überhaupt nicht in London sein. Und ganz bestimmt nicht in diesem Haus. Ich habe keine Ahnung, wie –«

»Meine Informationen betreffen Xavier Torrent. Und Sie müssen sich wirklich selbst ein Bild davon machen.«

Caleb beugte sich dichter über den Bildschirm des Flex. Xavier Torrent. Diesen Namen kannte er, ganz sicher – auch wenn ihm im Moment nicht einfallen wollte, wo er ihn bereits gehört hatte.

Auch seiner Mutter war er eindeutig vertraut. Obwohl sie angestrengt versuchte, es zu verbergen, merkte Caleb, wie beeindruckt, ja regelrecht begeistert sie war. »Nun gut«, sagte sie. »Schön. Wir finden sicher eine Lösung. Treffen Sie mich in dreißig Minuten an der U-Bahn-Station Vauxhall, bei Ausgang 4. Dann können wir –«

»Nein.« Die Frau – Szabo – stemmte eine Hand in die Hüfte. »Nein, Sie müssen uns jetzt begleiten. Das ist eine einmalige Gelegenheit. Und es dient außerdem Ihrer eigenen Sicherheit.« Sie zögerte. »Und Ihren Sohn müssen Sie auch mitbringen. Xavier Torrent wird wissen, dass wir Sie kontaktiert haben. Entweder wir handeln jetzt, oder die Chance ist vertan. Und es wäre für Sie und Ihren Sohn sicherer, wenn wir alle zusammen gehen.«

Einen langen Moment herrschte Stille. Der Wieseltyp schob sich einen Finger ins Ohr und bohrte darin herum, als steckte etwas in seinem Gehörgang fest. Caleb starrte auf seine Mum. Sie blieb völlig reglos und stumm.

»Sie verschwenden Zeit, Agent Quinn.« Szabo tat einen Schritt nach vorn, und ihre Lederjacke flappte auf und enthüllte eine Pistole im Schulterholster. »Holen Sie den Jungen. Dann brechen wir auf.«

»Er ist heute Abend nicht zu Hause«, antwortete Harper. Sie sprach überdeutlich, und Caleb hätte schwören können, dass sie dabei zu ihrem Laptop hinüberschielte, als wisse sie, dass er lauschte. »Er übernachtet bei einem Freund. Brian Beasley.«

Caleb stockte der Atem. Brian Beasley … gab es nicht.

Oha. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Brian Beasley war ein Codename – eine geheime Anweisung seiner Mum, ein Name, den sie sich gemeinsam überlegt hatten. »Wenn du mich jemals ›Brian Beasley‹ sagen hörst«, hatte sie mit ernster Miene gesagt, »dann verschwindest du auf der Stelle. Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin für solche Situationen ausgebildet. Aber du verschwindest. Geh zurück in die Schule. Und warte dort, bis ich mich bei dir melde.«

Caleb hatte es ihr versprochen. Seit sein Vater einige Jahre zuvor gestorben war, hatte er sich immer mehr an die geheimen Spionageaktionen seiner Mutter gewöhnt. Einmal, kurz nach Weihnachten, waren sie übers Wochenende nach Edinburgh gereist. Gleich am ersten Abend hatte Harper einen wichtigen Anruf des CIA erhalten; Caleb hatte allein durch die fremde Stadt zum US-Generalkonsulat fahren müssen, während sie im Hotel zurückblieb. Doch diesen speziellen Code hatten sie bisher noch nie benutzen müssen. Nie zuvor hatte es Probleme gegeben, die ihnen bis nach Hause gefolgt waren. Seine Vorahnung bestätigte sich: Das hier war ein Notfall.

Szabo war schlauer, als sie aussah. Sie hatte begriffen, was passiert war. Innerhalb von Sekunden durchquerte sie die Küche und riss Harper die Pistole aus der Jacke. Nun gab es keinen Zweifel mehr – eine Entführung war im Gange.

»Er ist hier«, fauchte sie. »Pyke, ab nach oben. Hol ihn.«

Widerwillig nahm der Irokesentyp seinen Finger aus dem Ohr. »Aber sie hat doch gesagt –«

»Vollidiot! Das war ein Code! Los, geh und schnapp dir den Jungen!«

Caleb war bereits vom Bett aufgesprungen und streifte einen schwarzen Hoodie über. Er stopfte das Flex zusammengefaltet in seine hintere Hosentasche und griff sich einen zerknitterten 10-Pfund-Schein vom Schreibtisch – sein komplettes Vermögen. Dann schlich er sich aus dem Zimmer.

Seine Notfallroute führte durch das Badezimmerfenster an der Rückseite des Hauses; allerdings befand sich das Bad am gegenüberliegenden Ende des breiten Treppenabsatzes, und er konnte schon hören, wie Pyke die Stufen herauftrampelte. Verdammt. Unmöglich würde er es rechtzeitig hinüberschaffen. Blitzschnell änderte er seine Strategie, bog ins Zimmer seiner Mum ab und rollte sich unter ihr Bett.

Doch Pyke hatte natürlich keinen blassen Schimmer, wo er suchen sollte. Zu Calebs Entsetzen marschierte der Irokesentyp an seinem Zimmer vorbei und geradewegs in das seiner Mum. Polternd schlug er die Tür zur Seite.

Caleb biss sich in die Wange und versuchte, nicht zu atmen. Der geringste Laut würde ihn verraten. Ein schaler Geruch nach Zigaretten und Bier breitete sich im Raum aus. Caleb verfolgte, wie ein Paar abgewetzter Motorradstiefel langsam um das Bett spazierte und Dreck in den hellblauen Teppich seiner Mutter trat.

Pyke hatte offenbar die Angewohnheit, Selbstgespräche zu führen. »Hier wird der Knirps wohl kaum sein, was? Das ist das Zimmer der Mutter. Sonst müsste ich mich schon sehr täuschen – und das gibt’s bei uns nicht, was, Pykey, alter Kumpel? Oh, na hallo – was haben wir denn hier? Sehr hübsches Foto …«

Der Gangster hielt direkt neben dem Bett inne. Caleb hätte die Hand ausstrecken und seine zerschlissenen Schnürsenkel aufziehen können. Stattdessen wandte er das Gesicht ab und robbte vorsichtig rückwärts.

»Das muss er sein, der Pimpf, den wir suchen.« Pyke schnaubte. »Rotziger kleiner Bengel, das erkenn ich sofort. Aber ein paar Tage mit der Chefin werden das schon richten, hmm?«

Caleb hörte seine Mutter vom Fuß der Treppe. »Ich habe es Ihnen gesagt, Szabo«, wiederholte sie nachdrücklich. »Er ist nicht hier. Da können Sie suchen, so lange Sie wollen.«

Doch Szabo ignorierte sie. »Krall«, wandte sie sich an den Riesen. »Schauen Sie nach, was dieser Volltrottel treibt.«

Pyke ließ das, was er in der Hand gehalten hatte, zu Boden fallen und bohrte seinen Stiefelabsatz hinein, sodass das Glas zerbarst. Caleb zuckte zusammen. Es war ein gerahmtes Foto, aufgenommen vor etwa einem Jahr: Darauf saß Caleb stolz auf dem Bug seines Lastkahns, das kastanienbraune Haar etwas kürzer als jetzt, und grinste im Sonnenschein.

Kralls schwere Schritte kamen die Treppe herauf. Pyke bewegte sich hastig in Richtung Tür, als habe er Angst vor dem Mann, der im Anmarsch war.

»Hier drin ist er nicht«, rief er und trat auf den Treppenabsatz hinaus. »Das ist das Zimmer der Mutter.«

Krall grunzte. Die beiden Männer schienen sich umzuschauen, um zu entscheiden, wo sie als Nächstes suchen sollten. Caleb atmete ein, sorgsam darauf bedacht, nicht allzu viele Teppichflusen zu inhalieren. Er musste die zwei irgendwie ablenken. Vorsichtig fingerte er das Flex aus seiner Tasche.

Die Quinns lebten in einer kleinen umgebauten Lagerhalle in Flussnähe. Als sie eingezogen waren, hatte die CIA ein erstklassiges Überwachungssystem installiert, wie es in den Häusern ihrer Topleute Standard war. Die Software, mit der es gesteuert wurde, hielt jedem Hackerangriff stand – glaubte jedenfalls die CIA.

»Spider Monkey«, flüsterte Caleb.

Das war die Allzweck-Hacking-App, die er ins Flex programmiert hatte. In weniger als zehn Sekunden überwand Spider Monkey drei angeblich unknackbare Passwörter und verschaffte Caleb ungehinderten – und unsichtbaren – Zugriff auf das Überwachungssystem. Er kroch unter dem Bett hervor und ging in die Hocke.

Draußen auf dem Treppenabsatz hatten die beiden Gauner sich aufgeteilt: Pyke schlug die Richtung zu Harpers Büro ein, während Krall sich in Calebs Zimmer wuchtete. Caleb beschlich das dumpfe Gefühl, dass Pyke der Nettere von beiden war – Krall klang und bewegte sich wie ein Urzeitmonster. Caleb hielt den Atem an und wartete, bis er sicher sein konnte, dass beide Männer es durch die jeweilige Tür geschafft hatten. Dann huschte er so schnell wie möglich über den Treppenabsatz.

Er war gerade ins Badezimmer geschlüpft, als eine Schimpftirade im Büro losbrach und der Lärm herunterfallender Kisten zu hören war. Allem Anschein nach hatte Pyke den Krempelschrank geöffnet, in dem Calebs Mum die Ordner mit ihren alten Fällen aufbewahrte. Nun pfefferte er Unterlagen zu Boden, trat wild danach und drehte sich dann wieder zum Treppenabsatz um. Gleich würde er herauskommen und sich das Badezimmer vornehmen.

Jetzt oder nie! Caleb rief das gehackte Überwachungssystem auf und tippte auf ein Kästchen mit dem Befehl LOCKDOWN: TÜREN.

Augenblicklich glitten verstärkte Stahlplatten seitlich aus den Türrahmen und verschlossen jeden Durchgang. Ein Alarm jaulte los – ein trommelfellzerfetzendes elektronisches Kreischen, das durch das gesamte Haus schallte.

Caleb hastete zum Badezimmerfenster, schob die Scheibe nach oben und schwang sich hinaus auf das Küchendach. Die frische Luft war eine Erleichterung. Wann immer das Heulen der Alarmanlage abschwoll, hörte er, wie Pyke und Krall mit den Fäusten gegen die Stahlpaneele trommelten und nach ihrer orangehaarigen Chefin brüllten.

Vorsichtig balancierte Caleb am Rand des Dachs entlang und hielt kurz inne, um einen Blick durch das Oberlicht zu werfen. Szabo eilte gerade zur Treppe, in der Hand Harpers Pistole. Sie rief etwas zu Krall und Pyke hinauf, hatte jedoch Mühe, sich über den ohrenbetäubenden Radau Gehör zu verschaffen.

Harper selbst hatte sich keinen Schritt von der Küchenanrichte wegbewegt. Caleb wusste, dass es für sie ein Leichtes gewesen wäre, diese Chance zu nutzen und Szabo zu entwaffnen, um so das Blatt zu wenden. Doch sie blieb, wo sie war. Noch während er zusah, nahm sie ihr Handy aus der Tasche, wischte einige Male mit dem Zeigefinger über das Display und steckte es wieder weg.

Der Alarm brach ab, die Stahlplatten zogen sich ebenso rasch in die Türrahmen zurück, wie sie erschienen waren. Eine Sekunde später vibrierte das Flex. Eine Nachricht von seiner Mum.

Gut gemacht. Ab in die Schule. Melde dich bei Professor Clay. X

Ein winziges Icon neben dem Text verriet Caleb, dass sie ihr Handy ausgeschaltet hatte.

Dann drang Harpers Stimme durch das Glas des Fensters. »Falscher Alarm«, sagte sie zu Szabo. »Einer Ihrer Leute muss ihn ausgelöst haben. Können wir jetzt mit diesen Spielchen aufhören? Ich habe Ihnen gesagt, der Junge ist nicht hier. Wir vergeuden Zeit. Ich komme mit. Also gehen wir.«

Caleb las die Nachricht ein zweites Mal. Ihm wurde klar, was gerade passierte: Seine Mum ließ sich mit Absicht entführen, um mehr in Erfahrung zu bringen – und um ihm eine Chance zur Flucht zu geben. Einen Moment lang starrte er in den klaren, tiefblauen Himmel, den im Westen erste Dämmerungsschlieren durchzogen. Er hatte eine Mission: Er musste zurück in die Schule und Professor Clay suchen. Sie würde wissen, was zu tun war.

Caleb ging auf eine spezielle Schule mit computertechnologischem Schwerpunkt: das ARC Institute. ARC war eine Abkürzung und stand für AI – also künstliche Intelligenz –, Robotik und Cybertech, die drei Hauptzweige des Lehrplans. Das Institut war in einem ultramodernen Hochhausturm mitten in London untergebracht, nur wenige Straßen von der St Paul’s Cathedral entfernt. Von Nine Elms aus brauchte man mit dem Rad etwa fünfundzwanzig Minuten – wobei Calebs Rekord bei einundzwanzig lag. Professor Tilda Clay war die stellvertretende Schulleiterin des ARC. Sie hatte ihre Wohnung im Turm und kümmerte sich um die gut vierzig Internatsschülerinnen und -schüler aus aller Welt, die ebenfalls dort lebten. Nun, nach Unterrichtsschluss, trug Professor Clay die Verantwortung für die komplette Einrichtung.

Clay war eine weltberühmte Expertin für Cybersicherheit, die bekanntermaßen enge Verbindungen zu diversen Geheimdiensten pflegte – daher war es nicht besonders überraschend, dass Calebs Mum ihn angewiesen hatte, sie ausfindig zu machen und zu informieren. Trotzdem erschien ihm die Vorstellung nicht gerade verlockend. Clay hatte sich ihren Ruf als strengste Lehrerin des ARC gebührend verdient. Sie konnte sehr harsch sein. Caleb hatte sich bei ihr schon öfters Nachsitzen eingehandelt für Vergehen, die absolut nicht seine Schuld waren. Offen gestanden hatte er ein klein wenig Angst vor ihr.

Caleb kletterte an einem Spalier hinunter in den Garten und schlüpfte durch die Hinterpforte, die zu einem Pfad am Fluss führte. Er duckte sich in die Schatten und schob sich langsam bis zur Ecke des Grundstücks, um einen Blick auf die Straße zu werfen.

Ein schwarzer Van parkte auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Haus. An der hinteren Tür war ein weiterer Gangster postiert und beobachtete die Umgebung. Diese Leute – wer immer sie sein mochten – waren Profis. Caleb hoffte, dass seine Mum wusste, was sie tat.

Vorsichtig zog er sich wieder zurück und schlug den Pfad entlang der Themse ein. Das späte Nachmittagslicht schimmerte auf der Wasseroberfläche. Der Fluss sah Tag für Tag anders aus, manchmal sogar von einer Stunde zur nächsten: mal funkelnd, dann wieder trüb und braun, beinahe so, als wäre er lebendig und hätte seine ganz eigenen Launen. Nach einigen Metern hielt Caleb an einem Steg inne, der zum Nine Elms Pier führte. Er spähte umher, zog dann seinen Schlüssel hervor, schloss das weiße Tor auf und trat auf die Pontonbrücke. Den Fluss hinauf lag die Battersea Power Station, ein ehemaliges Kohlekraftwerk, dessen vier monströse Schornsteine schnurgerade in den Himmel ragten.

Am Ende des kleinen Hafens dümpelte ein alter holländischer Lastkahn, dunkelgrün und blau gestrichen und mit verblasstem Blumenmuster an den Seiten. Die Bullaugen waren allesamt von schwarzen Rollos verdunkelt und auf dem Dach prangte eine kompakte, hochmoderne Satellitenschüssel. Am Bug des Kahns stand in geschwungenen Buchstaben der Name: Queen Jane, Approximately, nach dem Lieblingssong von Calebs Vater Patrick, der das Boot ausgebaut hatte. Patrick Quinn war ein britischer Computerwissenschaftler gewesen, bahnbrechend auf seinem Gebiet: der künstlichen Intelligenz in der Medizin. Ehe er krank geworden war, hatte ihm die Queen Jane als Labor gedient. Nun war sie Calebs Hauptquartier und der Ort, den er mehr liebte als jeden anderen auf der Welt. Er berührte ein Symbol auf dem Screen des Flex, das den höchsten Sicherheitsmodus des Lastkahns aktivierte. Jetzt würde es absolut niemandem gelingen, sich Zutritt zu verschaffen, ohne jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Calebs Fahrrad war in einem kleinen überdachten Ständer direkt am Wasser festgekettet. Rasch befreite er es und schob es zurück zum Tor, schwang sich dann in den Sattel und trat in die Pedale, immer den Pfad entlang stromabwärts. Im vergangenen Sommer hatte er bei den London BMX School Games eine Medaille gewonnen, er war also schnell – allerding raste er normalerweise nicht im Wettkampftempo durch die Innenstadt. Diese Fahrt jedoch war anders, und im Nu flog er regelrecht dahin, umkurvte die modernen Hochhäuser der neueren Stadtbezirke, das MI6-Gebäude, raste unter der Lambeth Bridge hindurch und vorbei an den Parlamentsgebäuden. Kurz vor dem London Eye verengte sich sein Weg und er musste einer großen Fußgängergruppe ausweichen. Doch schon wenige Minuten später zischte er über die Blackfriars Bridge mit direktem Kurs auf St Paul’s und das ARC.

In Calebs Kopf überschlugen sich die Fragen. Was lief hier? Wer waren diese Leute mit ihren Lederjacken und grellen Frisuren? Wieso hatten sie seine Mum entführt? Und was sollte Clay dagegen unternehmen?

Caleb nahm eine Abkürzung durch eine Seitenstraße, sprang mit einem Bunny Hop über die niedrige Kette zwischen zwei Betonpollern und bretterte dann über den asphaltierten Platz vor dem ARC-Turm. Die gewölbte Glasfassade ragte fünfunddreißig Stockwerke in die Höhe und reflektierte die Formen und Lichter der Stadt vor einem breiten Streifen Abendhimmel. Caleb rollte um das Gebäude und schloss sein Rad an.

Die Schule nahm die obersten zehn Etagen des Turms ein und war durch einen kleineren separaten Eingang auf der Rückseite zu erreichen. Caleb winkte in die Überwachungskamera. Mit einem scharfen Summen glitten die Türen auseinander. Im Vergleich zum Haupteingang war diese Lobby bescheiden eingerichtet, aber auch hier gab es polierten Steinboden und eine hohe Decke. Ein ausladender Bildschirm zeigte das Emblem der Schule, einen silbernen Bogen, der langsam vor einem blauen Hintergrund rotierte. Auf der linken Seite befand sich die Rezeption und dahinter war ein Aufzug. Um diese Zeit, kurz nach halb sieben, waren sämtliche normalen Angestellten längst nach Hause gegangen. Ein einsamer Wachmann wippte in seinem Drehstuhl hin und her, starrte aus der hinteren Fensterwand und trommelte einen Rhythmus auf seinen drallen Bauch.

Caleb versuchte, ruhig zu atmen, und strich sich das Haar glatt. Adrenalin pumpte nach der rasanten Fahrt durch seine Adern, und seine Nerven vibrierten vor Anspannung, doch er musste sich so gelassen wie möglich geben. Hier ging es um CIA-Angelegenheiten – je weniger Leute mitbekamen, was geschehen war, desto besser.

»Hey, Rufus«, begrüßte er den Wachmann. »Wie läuft’s?«

Der Mann schwang zu ihm herum. Er hob die Augenbrauen und kratzte sich träge den dünnen blonden Schnurrbart. »Schon zurück? Hast du was vergessen?«

»Genau genommen komme ich zum Übernachten«, antwortete Caleb und setzte ein klägliches Grinsen auf. »Ich habe festgestellt, dass ich morgen schon irre früh für eine Gruppenarbeit hier sein muss, noch vor dem Unterricht. Also habe ich mir überlegt, dass ich den Tag am besten gleich in der Nähe des Labors beginne.«

Rufus’ Miene blieb ausdruckslos. Caleb verbrachte tatsächlich hin und wieder die Nacht im ARC, wenn seine Mum beruflich unterwegs war, darum war sein Auftauchen nicht ungewöhnlich. Der Wachmann reichte ihm ein Tablet. »Bitte sehr.«

»Ist Professor Clay da?«, fragte Caleb und bemühte sich dabei um einen neutralen Ton. Er presste seinen Zeigefinger auf den Sensor; sein Schulfoto blinkte auf, zusammen mit seinen persönlichen Daten. »Ich muss mit ihr über etwas reden.«

Der Wachmann seufzte. Dann warf er einen prüfenden Blick auf den Bildschirm hinter seinem Schreibtisch. »Allem Anschein nach ist sie in der Bibliothek.«

Caleb bedankte sich und steuerte den Aufzug an. Die Bibliothek des ARC war im zweiunddreißigsten Stock, fast ganz oben im Turm – über den Klassenzimmern, Laboren und Technikräumen, den verschiedenen Aulas und Testzonen. Nur die Wohnetagen lagen noch darüber. Er drückte den Knopf des Lifts und atmete aus, als die Türen sich schlossen. Während der Aufzug nach oben surrte, versuchte er, sich seine Worte zurechtzulegen.

»Meine Mum steckt in Schwierigkeiten, Professor. Also, wahrscheinlich. Ich glaube, sie ist –« Nein, das klang schief.

»Diese komischen Leute sind bei uns zu Hause aufgekreuzt. Meine Mum meinte, ich solle Sie informieren.« Auch schief.

Der Aufzug kam zum Stillstand. Das Stockwerk, in dem sich die Bibliothek befand, war vollständig offen gestaltet, mit Glaswänden zu allen Seiten. Von hier oben die Londoner Sonnenuntergänge zu verfolgen, war ein echtes Spektakel: schillernde Türme und Häuserblocks, uralte Schlösser und Kathedralen und dazu das verschlungene indigoblaue Band der Themse.

Jetzt nahm Caleb das alles kaum wahr. Er hastete durch den Lernbereich zu den langen Gängen aus Bücherregalen und spähte in jeden einzelnen. Dabei entdeckte er etwa zehn Kinder aus unterschiedlichen Klassen und einige Lehrer; Professor Clay war jedoch nicht dabei. Die Bibliothekarin, Dr. Virdi, sagte ihm, dass Clay sich laut ARC-System derzeit im digitalen Archiv der Schule aufhielt. Also marschierte Caleb schnurstracks zu den Archivterminals. Alle waren unbesetzt. Er spürte, wie ihm ein Schauder über den Rücken kroch. Allmählich wurde das Ganze merkwürdig. Er zog sein Flex hervor und schickte über das ARC-Intranet – das private Netzwerk der Schule – eine Nachricht an Professor Clay.

Hallo, Professor Clay – ich muss mit Ihnen reden – dringend.

Clay war für ihre prompten und knappen Antworten bekannt. Doch nichts passierte. Eine volle Minute lang verharrte er vor Dr. Virdis Theke und starrte mit gerunzelter Stirn auf den Screen des Flex. Dann schob er das Gerät wieder in die Tasche und eilte zurück zu den Aufzügen.

Die Zimmer der Lehrer und Angestellten befanden sich im vierunddreißigsten Stock. Da er keine Zeit zu verlieren hatte, nahm Caleb die Treppe. Er hielt den Kopf gesenkt und vermied jeden Blickkontakt, bis er Professor Clays Apartment erreicht hatte. Er klopfte sechs Mal, holte tief Luft, zählte bis zehn und hämmerte wieder an die Tür. Dann legte er sein Ohr dagegen. Stille.

Wie betäubt schaute Caleb sich um. Was zum Teufel sollte er jetzt tun? Sich an eine andere Lehrkraft wenden? Vielleicht an Professor Gomez, den Leiter des Fachbereichs Mathematik … er war vermutlich der netteste Lehrer der Schule. Allerdings hatte seine Mum ihn ganz eindeutig zu Professor Clay geschickt. Caleb musste wirklich dringend mit jemandem reden, um irgendwie auszutüfteln, was es mit all dem auf sich hatte. Doch er musste auch vorsichtig sein. Nur jemand, dem er absolut und uneingeschränkt vertraute, kam infrage.

Sofort fiel ihm Zen ein – Zenobia Rafiq, seine beste und älteste Freundin. Sie war Internatsschülerin am ARC und hielt sich daher vermutlich ein Stockwerk tiefer in den Wohnbereichen auf. Mit einem Lächeln marschierte Caleb im Stechschritt zurück zur Treppe. Zen war allen in der Klasse immer einen Schritt voraus. Wenn irgendjemand ihm helfen konnte, die Situation zu verstehen, dann sie.

Wenig später erreichte Caleb die dreiunddreißigste Etage. Gerade wollte er die Tür des Treppenhauses aufstoßen, da hörte er auf der anderen Seite fieses Gelächter. Es klang nach Rivers und Cordero aus der Zehnten, zwei der größten Idioten am ARC. Wenn sie ihn bemerkten, würden sie ihn sofort wegen seines Videospiels Terrorform löchern – fragen, wie es damit lief seit der Veröffentlichung und wie viele Spieler er schon hatte, und ihm im üblichen sarkastischen Tonfall ihren Rat und ihre Meinung mitteilen. Das konnte er im Moment wirklich nicht gebrauchen. Also trat er zurück hinter die Tür, ließ sie passieren auf ihrem Weg zur Mensa – und hechtete dann über den Flur in den Gang, der zu Zens Zimmer führte.

Ihre Tür war nur angelehnt.

»Zen, bist du da drin?«, rief Caleb leise. »Ich bin’s. Ich bin zurück.«

Keine Antwort.

»Zen?« Er drückte die Tür auf. Das Zimmer dahinter war etwa zehn mal vier Meter groß. Am gegenüberliegenden Ende eröffnete ein bodentiefes Fenster einen weiteren atemberaubenden Ausblick – drei gigantische, glasverkleidete Wolkenkratzer, deren Westfassade soeben von den letzten Sonnenstrahlen in ein feuriges Orange getaucht wurde. Es gab ein Bett und einen Kleiderschrank, und eine Tür führte in ein winziges Badezimmer. Einige Regale waren mit mehreren Dutzend Büchern und einer Pokalsammlung bestückt, die von Kampfsportturnieren und anderen Sportveranstaltungen stammte.

Davon abgesehen nahmen Zens eigene Schöpfungen jeden verbliebenen Zentimeter des Raums ein. Caleb war der geborene Programmierer; er konnte mühelos ein Gerät wie das Flex zusammenbasteln – doch bei allem, was sich bewegen oder in irgendeiner Weise mit der realen Welt interagieren sollte, war er zweitklassig. Ganz im Gegensatz zu Zen. Hightech-Roboter waren absolut ihr Ding. Sie liebte es, ultraleichte Grafitkomponenten zusammenzubolzen und zum Leben zu erwecken. Entsprechend glich ihr Zimmer am ARC der Werkstatt einer genialen futuristischen Spielzeugerfinderin.

Caleb schaute sich um. Einzelne Teile hingen von der Decke, stapelten sich in den Ecken und lagen in Reih und Glied auf dem Fußboden. Darunter mechanische Gliedmaßen und Rümpfe, die teilweise beunruhigend menschlich wirkten, verschiedene Varianten von Flügeln und Flossen, Gleisketten, Führungsschienen und mindestens zehn unterschiedliche Arten von Reifen. Eine Werkbank erstreckte sich über eine komplette Seite des Zimmers, vollgepackt mit Wannen, die kleinere Elemente wie Drahtspulen, Schaltkreise und Batterien enthielten. An der Stecktafel dahinter hing jedes erdenkliche Werkzeug, von Mikroschraubenschlüsseln über Lötkolben bis hin zu einigen beeindruckenden Hochleistungsbohrern. Von Zen selbst fehlte allerdings jede Spur. War sie womöglich noch in der Mensa – oder vielleicht in einem der Gemeinschaftsräume?

Caleb wollte gerade losziehen, um nachzusehen, als er es hörte: ein leises Pochen. Er blickte umher. Etwas war draußen vor dem Fenster, in einer der oberen Ecken, und krabbelte über das Glas. Er erkannte es sofort: Beetlebat, einer von Zens raffiniertesten Robotern.

Beetlebat war ein Meisterstück der Robotik in Miniaturgröße, unglaublich komplex, ausgestattet mit genialen Funktionen – und viel mächtiger, als es den Anschein hatte. Zen hatte ihn am Ende des Sommersemesters nach monatelanger Arbeit fertiggestellt, wobei sie noch immer an Verbesserungen und zusätzlichen Fähigkeiten tüftelte. Beetlebat hatte in etwa die Maße einer großen Motte, und sein Körper erinnerte vage an den eines Insekts, allerdings mit langem, schlankem Schwanz, sechs vielgelenkigen Beinen und einem Paar fledermausähnlicher Flügel, die unter seinem schillernd glänzenden Rückenschild eingefaltet waren. Eine büschelige Antenne ragte ihm aus dem knopfförmigen Kupferkopf und sondierte die Umgebung.

Caleb runzelte die Stirn. Beetlebat war Zens ganzer Stolz und größte Freude; er lebte praktisch in ihrer Jackentasche. Um nichts in der Welt würde sie irgendwo ohne ihn hingehen – nicht einmal den Flur hinunter. Caleb eilte zum Fenster hinüber und öffnete eine schmale Scheibe an der linken Seite. Sofort krabbelte Beetlebat ins Zimmer, klappte die Flügel aus und glitt hinüber zur Werkbank, wo er in der breiten, tiefen Schale landete, in der Zen die Motorikfunktionen ihrer Roboter testete.

Caleb folgte ihm, setzte sich auf einen Hocker und knipste die Schreibtischlampe an. Der kleine Roboter war komplett erstarrt. Caleb zog sein Flex hervor, um einen schnellen Diagnosescan durchzuführen. Zu seiner Überraschung enthüllte ihm Beetlebats eingebauter Prozessor, dass der kleine Roboter bereits seit beinahe zwanzig Minuten um den ARC-Turm geschwirrt war – also etwa so lange, wie Caleb sich im Innern befand – und davor aus Richtung Bloomsbury gekommen sein musste, was mehr als einen Kilometer entfernt lag. Caleb war gar nicht klar gewesen, dass Beetlebat solche Entfernungen schaffte.

Plötzlich nahm er eine winzige Regung wahr: Beetlebat hatte eines seiner spindeligen Vorderbeine gehoben. Am Ende klappte sich eine skalpellartige Klinge im Miniaturformat aus und fing an, etwas in den Boden der Schale zu ritzen. Caleb beugte sich nach vorn. Fünf Wörter – oder zumindest Buchstabengruppen – erkannte er, die sich nun weiß von dem dunkelgrünen Plastik abhoben. Die Schrift war elegant, die Buchstaben mit feinen Schwüngen versehen wie auf alten Schatzkarten – eine typische Zen-Note.

Der Huf des Lamassu. BM.

Caleb lehnte sich zurück. Diese Botschaft galt ganz eindeutig ihm. Zen hatte Beetlebat offenbar darauf programmiert, die digitale Kennmarke des Flex anzupeilen – sie hatte ihn ausgeschickt, um Caleb zu finden. Und dann hatte Calebs Diagnosescan ein neues Unterprogramm gestartet und den Roboter dazu gebracht, diese Wörter in die Schale zu kratzen. Was sie allerdings bedeuten sollten, war ihm völlig schleierhaft.

Er tippte »Lamassu« in die Suchmaschine des Flex. Offenbar handelte es sich um uralte assyrische Schutzdämonen, die eine vage Ähnlichkeit mit Sphinxen hatten, jedoch anstelle eines Löwenkörpers den eines Bullen besaßen. In ganz London gab es nur zwei Lamassu-Statuen: ein zusammengehöriges Paar in der Sammlung des British Museum. BM, schoss es ihm durch den Kopf. Auf den Fotos ließ sich allerdings nichts Besonderes an ihren Hufen ausmachen.

Wieder spähte er in die Schale. Beetlebat hatte noch etwas hineingeritzt … ein klitzekleines, verschlungenes Symbol, wie eine auf die Seite gelegte Acht. Caleb blinzelte verblüfft. Eine Möbiusschleife.

Das Wort Möbius war innerhalb des ARC Institute mit einer speziellen Bedeutung aufgeladen, die über seine Definition in der Mathematik und insbesondere der Geometrie hinausging. Ständig wurde getuschelt über etwas, das sich »Möbius-Programm« nannte und von niemand Geringerem als Professor Tilda Clay geleitet wurde. Angeblich erhielten im Rahmen dieses Programms gewisse Schülerinnen und Schüler ungewöhnliche, extrem knifflige Aufgaben, die zum Beispiel etwas mit Programmierungen oder Hacking oder der Analyse merkwürdiger Hightech-Gadgets zu tun hatten. Wie die betreffenden Leute ausgewählt wurden, blieb ein Rätsel – jedenfalls nicht auf der Grundlage ihrer Schulleistungen oder dergleichen. Die Kandidaten schienen hauptsächlich aus den oberen Klassenstufen zu stammen, doch niemand von denen, die angeblich Teil des Programms waren, verlor jemals auch nur eine einzige Silbe darüber. Offenbar hatten sie alle einen Geheimhaltungseid abgelegt.

Manche glaubten, dass das ARC die Möbius-Aufgaben direkt von den britischen Geheimdiensten erhielt und die GCHQ, jene Nachrichtenbehörde, die sich mit Kryptografie, Verfahren zur Datenübertragung und der Fernmeldeaufklärung befasste, für einen Großteil der Finanzierung des Instituts aufkam. Nur so wäre es möglich, die Schule komplett studiengebührenfrei zu betreiben und für jeden zu öffnen, der die mörderischen Aufnahmeprüfungen bestand.

Nachdem Beetlebat seine Botschaft überbracht hatte, trippelte er aus der Schale und Calebs Ärmel hinauf und verschwand in der Tasche seines Hoodies. Mit einem Mal wirkte das Zimmer dunkler, die Einzelteile und halb zusammengebauten Roboter beinahe unheilvoll. Caleb wandte sich von der Werkbank ab, verschlang die Finger ineinander und dachte angestrengt nach. Wenn all das etwas mit dem Möbius-Programm zu tun hatte, handelte es sich ziemlich sicher um etwas sehr Ernstes. Immer stärker beschlich ihn das Gefühl, dass die Ereignisse des Abends miteinander in Verbindung standen. Die Botschaft seiner Mum hatte klar und eindeutig gelautet, er solle zu Professor Clay gehen – und nun hatte Zen ihm einen verschlüsselten Hinweis zukommen lassen, der auf Clays geheimes Programm anspielte. Das konnte unmöglich reiner Zufall sein.

Caleb gab sich einen Ruck und beschloss, Zens Zimmer eingehender zu inspizieren. Vom Waschbecken im Bad fehlte die Zahnbürste, einige Klamotten waren aus dem Kleiderschrank genommen worden, und Zens schwarzer Rucksack – den sie immer bei sich trug – hing nicht am Haken hinter der Tür. Sie war fort. Hatte das Gebäude verlassen. Und Beetlebat geschickt, um ihm mitzuteilen, wohin er sich auf den Weg machen sollte.

Caleb warf einen Blick auf das Flex. Professor Clay hatte noch immer nicht auf seine Intranet-Nachricht geantwortet. Damit fiel seine Entscheidung. Er würde Zens Fingerzeig folgen – überprüfen, was es mit dem Huf des Lamassu auf sich hatte. Möbius bedeutete Clay, dessen war er sich sicher: Sowie er Zen aufspürte, würde auch Clay nicht weit sein. Und dann bekäme er vielleicht endlich ein paar Antworten.

Als er Zens Zimmertür hinter sich zuzog, fiel ihm allerdings wieder ein, dass er sich zum Übernachten eingetragen hatte – mit dem Daumen auf diesem dummen Sensor. Beinahe hätte er laut gestöhnt. Ohne die Erlaubnis einer Lehrkraft durfte er die Schule nicht direkt wieder verlassen. Und an wen auch immer er sich wandte: Derjenige oder diejenige würde versuchen, seine Mum zu kontaktieren. Eventuell sogar Alarm schlagen. Und er selbst säße ewig im Turm fest, ohne etwas tun zu können.

Caleb konzentrierte sich: Hier war Quinn’scher Einfallsreichtum gefordert. Er betrat einen Aufzug und drückte den Knopf für die Lobby. Das Elektronikschloss der Schiebetüren am Eingang ließ sich mühelos überlisten – die Hälfte der Kids am ARC wusste, wie. Das wahre Hindernis verkörperte Rufus: Die ausdruckslose Miene und gelangweilte Art des Wachmanns waren nur Fassade. Seine Sinne waren scharf; es war möglich, ihn abzulenken, aber kein leichtes Unterfangen.

Zum Glück jedoch hatte Caleb das Flex – insbesondere dessen App Chameleon. Exakt diese Situation hatte er beim Programmieren im Kopf gehabt. Caleb öffnete das Hauptmenü und tippte auf Rufus’ Profil. Im Augenblick streamte der Wachmann ein Fußballspiel zwischen Portsmouth und Crewe, doch die Daten seiner Handykamera verrieten, dass er die Augen nur rund sechsundvierzig Prozent der Zeit auf dem Bildschirm hatte. Das reichte nicht – er war von dem Spiel nicht gefesselt genug. Somit würde er Caleb ganz gewiss entdecken, wenn er vorbeihuschte.

Caleb berührte das Symbol, das den Auswahlalgorithmus der App aktivierte. Innerhalb von Sekunden hatte das Gerät abgefragt, was Rufus sich in der Vergangenheit vorzugsweise angesehen hatte, und das gesamte Internet nach der bestmöglichen Übereinstimmung durchforstet, die auf jeden Fall seine Aufmerksamkeit fesseln würde. Das Ergebnis war ein Video mit dem Titel Dogs on Ice Vol. 16. Caleb wischte mit einem Finger über den Screen, brach damit die Fußballübertragung ab und ließ stattdessen die Hunde los. Gleichzeitig spielte das Flex das Video ebenfalls in einem kleinen separaten Fenster ab. Als Erstes trat eine Deutsche Dogge auf den Plan, die fröhlich über einen zugefrorenen See hüpfte. Im Nu verlor sie die Kontrolle über alle vier Beine gleichzeitig, platschte auf den Bauch und drehte sich so langsam im Kreis.

Der Aufzug erreichte die Lobby, und als die Türen sich öffneten, vernahm Caleb ein lautes, heiseres Glucksen. Rufus hatte sich zu dem Fenster hinter seinem Rezeptionsschalter umgewandt und sein Gesicht war im blauen Lichtschein seines Handys gebadet. Sein Stuhl wackelte ein wenig unter seinem Gelächter.

Caleb duckte sich und kroch an der Theke vorbei, während auf Rufus’ Bildschirm ein Labradoodle mitten im Sprint über einen zugefrorenen Fluss die Laufrichtung zu ändern versuchte, wobei seine wuscheligen rotbraunen Beine so hektisch übers Eis wischten, dass sie fast vor den Augen verschwammen. Das entlockte dem Wachmann ein weiteres wieherndes Auflachen. Caleb schüttelte den Kopf; er hätte seelenruhig aufrecht durch die Eingangshalle spazieren können, ohne aufzufallen. Rasch hackte er das Schloss der Schiebetüren, schlüpfte aus dem ARC-Turm und um die Ecke zu seinem Rad.

Zeit für einen Ausflug ins British Museum.

Caleb raste die Chancery Lane entlang und hüpfte auf den Bürgersteig, um nicht für eine rote Ampel bremsen zu müssen. Es war beinahe Viertel nach sieben und das British Museum somit offiziell seit mehr als zwei Stunden geschlossen. Wie genau, hätte er Zen gern gefragt, soll ich denn überhaupt zu diesem Lamassu kommen? Aber ihre Antwort konnte er sich mühelos vorstellen: Für ein Technikgenie wie Caleb Quinn sollte das doch kein Problem sein – oder? Er grinste verbissen in sich hinein. In Wirklichkeit war es ein gewaltiges Problem. Irgendwie musste er in das Museum einbrechen, den assyrischen Ausstellungssaal finden und dann ausknobeln, was so wichtig an dieser Statue und ihrem verdammten Huf war. Der Abend entwickelte sich zur echten Herausforderung.

Einige Minuten später rollte er die Great Russell Street hinunter. Inzwischen war es beinahe komplett dunkel und die Schatten wurden länger. Er bremste ab, um den Haupteingang des Museums näher in Augenschein zu nehmen. Rings um das Gebäude verlief ein hoher Eisenzaun, hinter dem sich viel zu viel freie Fläche bis zu den mächtigen Säulengängen des Gebäudes erstreckte. Die ganze Anlage wirkte mehr oder weniger uneinnehmbar.

Allerdings hatte sich in seinem Hinterkopf bereits ein Plan geformt. Auf Karten der Umgebung war ihm ein Lieferanteneingang am Montague Place auf der Rückseite des Museums aufgefallen. Dorthin fuhr er nun und radelte einmal daran vorbei, ohne anzuhalten. Die Tore waren hoch und die Kameras nicht zu übersehen. Am Ende der Straße schwenkte er nach links auf den Russell Square, stieg dort vom Rad und kettete es an. Dann zog er das Flex hervor.

»Spider Monkey«, murmelte er.

Die Hacking-App öffnete sich und lud bereits eine Liste aller Netzwerke der Gegend. Zwei gehörten zum British Museum. Das erste System war so simpel, dass die App es beinahe im Handumdrehen knackte. Das zweite – das Sicherheitssystem – erwies sich als etwas vertrackter. Der Account des Administrators musste sich auf dem Gelände befinden. Caleb ließ kurz davon ab und loggte sich erneut in das erste System ein, nutzte es, um einen falschen Account als hauseigener User zu erstellen, und erlangte somit vollen Zugriff auf die Admin-Protokolle. Dann machte er sich – abermals mithilfe von Spider Monkey – daran, über diesen Fake-Account das zweite System auszuhebeln. Im Nu war er digital eingedrungen – nun musste ihm das nur noch körperlich gelingen.

Zu Fuß ging er zurück zum Montague Place. Bis auf eine Katze, die unter einem geparkten Auto lauerte und in deren Augen sich die Lichter spiegelten, war die Straße verlassen. Caleb gab sich alle Mühe, ruhig zu schlendern, doch sein Puls beschleunigte sich stetig.

Der Hack hatte ihm offenbart, dass das British Museum mit einem dreistufigen Sicherheitssystem arbeitete: Es gab Wachpersonal in einem zentralen Kontrollraum, etliche Dutzend versteckter Kameras und ein Netzwerk aus guten alten Alarmanlagen – manche an Türen montiert, andere mit Bewegungssensoren verknüpft. Doch nachdem er mit viel Fingerspitzengefühl die Algorithmen von Spider Monkey ein wenig angepasst hatte, projizierte das Flex eine Art Schutzblase rund um Caleb – sie würde sämtliche Kameras, die er passierte, abschalten, und zwar für exakt so lange, wie er brauchte, um sich durch ihr Blickfeld zu bewegen. Vorausgesetzt, dass er sich an eine sorgsam geplante Route hielt und Bereiche mied, auf die zwei oder mehr Kameras gerichtet waren, würden die Bildschirme oben im Kontrollraum kaum mehr als ein wenig flackern – immer mal wieder einer und scheinbar in willkürlicher Reihenfolge. Mit ein wenig Glück würde das keinem der Wachleute auffallen. Ganz ähnlich würde es mit den Zeitschaltungen der Alarmanlagen ablaufen. Sobald er sich den jeweiligen Geräten näherte, würden sie für einen kurzen Moment umprogrammiert und glauben gemacht, es wäre mitten am Tag, sodass sie sich selbst deaktivierten.

Caleb überquerte die Straße und eilte auf die Tore des Lieferanteneingangs zu. Er war nur noch wenige Meter davon entfernt, als ein lautes Motorengeräusch die leere Straße entlangdröhnte. Der Frontscheinwerfer von etwas, das ausschaute wie ein Geländemotorrad, durchschnitt die Nacht. Caleb schnallte sich das Flex um sein Handgelenk und aktivierte abermals Spider Monkey. Sofort schwang das Tor auf. Er schlüpfte hindurch, ehe ihn jemand entdecken konnte.

Hinter ihm schlug das Eisen wieder zu. Caleb zuckte zusammen. Nachts klang alles so viel lauter. Er hastete die kurze Zufahrt zu dem garagenartigen Kellereingang hinab, dessen Rolltor sich nun ebenfalls hob. Lärmend. Und zermürbend langsam. Doch Caleb hielt den Kopf gesenkt – und kaum war der Spalt breit genug, duckte er sich darunter hindurch.

Im fahlen Licht des Flex-Displays schlich er in den hinteren Bereich der Ladezone, horchte mit gespitzten Ohren auf jedes Geräusch und fühlte sich wie ein Diamantendieb in einem alten Ganovenfilm. Sein Weg führte ihn einen dunklen Flur entlang und durch einen Raum, der offenbar als Umkleide für die Angestellten diente. Er ging in möglichst normalem Tempo, obwohl er am liebsten losgerannt wäre. Eine gleichmäßige Geschwindigkeit war elementar wichtig: Wurde er zu schnell, blieb Spider Monkey womöglich nicht ausreichend Zeit, um die nächste Kamera abzuschalten; war er zu langsam, würden die Kameras auffällig lange ausfallen. Eine Treppe und zwei Durchgänge später gelangte er in die hinteren Ausstellungssäle. Er zwängte sich durch einen Notausgang und bog nach rechts ab, in eine der Galerien des alten Ägypten.

Mumien. Der ganze Trakt war im Grunde ein uralter Friedhof für die Noch-nicht-so-ganz-Toten. Durch das gedimmte Licht erschienen die Schatten tiefer als gewöhnlich. Links von Caleb zeigten steinerne Reliefs Schlachtszenen und grausige Massaker, während in Vitrinen zu seiner Rechten eine Sammlung verwitterter Leichen in zerfetzten, verfärbten Bandagen ausgestellt war. Und direkt vor ihm schälte sich ein einzelner Sarkophag in einem Schaukasten aus der Düsternis, die Mumie darin mit eingesunkenem Gesicht, leeren Augenhöhlen und einem wie zum stummen Schrei geöffneten Mund. Caleb überlief es kalt und er wandte den Blick ab.

Er umrundete die nächste Ecke, nahm Kurs auf die Treppe, die in die assyrischen Säle mündete – doch vor ihm glomm etwas in der Dunkelheit und ließ ihn innehalten. Was zur Hölle war das?

Er pirschte näher und erkannte eine pechschwarze Statue, die den Körper eines Mannes, den Kopf eines Löwen, die Klauen eines Adlers sowie zwei Flügelpaare und den Schwanz eines Skorpions aufwies. Der Ausdruck auf dem verzerrten, teuflischen Gesicht war faszinierend: irgendwie grausam und zugleich auf eine schräge, unheimliche Art und Weise freundlich. Als hätte die Kreatur ihn erwartet. Caleb erschauderte und warf einen Blick auf die dazugehörige Plakette.

BRONZESTATUE AUS MESOPOTAMIEN, stand dort, DIE DEN DÄMON PAZUZU DARSTELLT, DATIERT UM 800 V. CHR. PAZUZU WURDE NACHGESAGT, ER VERFLUCHE —

An Calebs Handgelenk begann das Flex zu vibrieren. Er riss sich von dem Schild los und blickte auf den Screen. Mit der Kamerasabotage schien weiterhin alles in Ordnung zu sein – doch der Hauptalarm in der gigantischen Eingangshalle war soeben deaktiviert worden.

»Phantom«, flüsterte er.

Prompt erschien der Wachraum aus der Perspektive eines der Computer auf den Schreibtischen. Eine einsame Frau war zu erkennen, die sich in ihrem Drehstuhl fläzte. Die anderen beiden Wachleute waren verschwunden. Ein Kontrollgang?

Caleb lief weiter. Nun fiel es ihm noch schwerer, seine Schritte ruhig zu halten. Eine halbe Minute später betrat er den größten der drei zur assyrischen Ausstellung zählenden Räume: eine lange Galerie mit rechteckigem Grundriss, voller Obelisken, Urnen und Statuen antiker Gottheiten. Von den Marmorwänden hallten Fetzen eines entfernten Gesprächs: Die beiden ausgeflogenen Wachmänner marschierten soeben durch die Eingangshalle, waren mit Taschenlampen bewaffnet auf Patrouille. Caleb fluchte leise und huschte durch den Saal, so zügig er sich traute – bis die Statuen, die er gesucht hatte, direkt vor ihm aufragten, zu beiden Seiten eines gerundeten Torbogens postiert, riesig und unergründlich im Schummerlicht.

Die Lamassu waren wirklich außergewöhnlich bizarr: gigantische, sechsbeinige Bullen mit Engelsflügeln und den Köpfen bärtiger, Turban tragender Männer. Caleb erinnerte sich daran, was er in Zens Zimmer im ARC über sie gelesen hatte. Beinahe dreitausend Jahre zuvor hatten diese beiden Ehrfurcht gebietenden Wesen an den Toren des assyrischen Königspalasts gewacht – und nur ein hoffnungsloser Dummkopf hätte es wohl gewagt, zwischen ihnen hindurchzuspazieren, ohne vorher absolut sicherzustellen, dass er willkommen war. Denn die alten Assyrer waren … brutal gewesen. Anders konnte man es nicht ausdrücken.