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Coole Spionage-Serie für Alex-Rider-Fans - aufregende Technik, tolle Action und Abenteuer zum Nägelkauen! Die Cybercracks Zen und Caleb, auch bekannt als Spionage-Duo Swift & Hawk, sollen für den MI6 den Hackerangriff auf ein Robotik-Unternehmen untersuchen. Aber vor Ort warten nicht nur streikende Computer auf die Teens, sondern auch waffenfähige Roboter, die außer Kontrolle sind – und die versuchen, in die Stadt zu gelangen! Als Zen und Caleb den Virus-Code knacken, wird klar, dass der Hack Teil einer größeren Aktion ist. Der Weg zu den skrupellosen Drahtziehern führt über eine Gruppe radikaler junger Aktivist*innen. Swift & Hawk müssen sich einschleusen, um die tödlichen Pläne zu vereiteln. James Bond und Lara Croft waren gestern. Jetzt mischen Swift & Hawk das Action- und Agenten-Genre auf - mit Mut, Verstand und genialen Ideen! Auch Band 2 der Spionage-Serie ist aufregend und schnell wie ein gut gemachtes Videospiel.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Logan Macx
Swift & Hawk, Cyberagenten: Undercover-Einsatz
Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer
Swift & Hawk mischen die Spionage-Welt auf – mit Mut, Verstand und genialen Ideen!
Die Cybercracks Zen und Caleb, auch bekannt als Spionage-Duo Swift & Hawk, sollen den Hackerangriff auf ein Robotik-Unternehmen untersuchen. Aber vor Ort warten nicht nur streikende Computer auf die Teens, sondern auch waffenfähige Roboter, die außer Kontrolle sind – und die versuchen, in die Stadt zu gelangen! Als Zen und Caleb den Virus-Code knacken, wird klar, dass der Hack Teil einer größeren Aktion ist. Der Weg zu den skrupellosen Drahtziehern führt über eine Gruppe radikaler junger Aktivisten. Swift & Hawk müssen sich einschleusen, um die tödlichen Pläne zu vereiteln.
Band 2 der ultracoolen Spionage-Serie
Wohin soll es gehen?
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Viten
FÜR TALLY UND SHARKO
Es handelte sich um einen Notfall. Caleb Quinn und Zen Rafiq – auch bekannt unter ihren Codenamen Swift und Hawk – saßen festgeschnallt auf dem Rücksitz eines umgebauten Aston Martin mit Spezialausstattung und sahen durchs Fenster, wie die britische Landschaft mit annähernd einhundertsiebzig Stundenkilometern an ihnen vorbeirauschte. Ihr Ziel: eine Forschungseinrichtung in Cambridge, die zu dem amerikanischen Robotikunternehmen SolTech gehörte. Irgendein Verstoß in Sachen Cybersicherheit war dort vorgefallen, und ihre Mission – so hatte Professor Clay es ihnen zu Hause in London erläutert – bestand darin, zu verhindern, dass »eine peinliche Schlamperei sich zu einem sehr öffentlichen Desaster auswächst«.
Caleb und Zen besuchten eine besondere Schule mit computertechnologischem Schwerpunkt, das ARC Institute, wobei die Abkürzung im Namen für AI – also künstliche Intelligenz –, Robotik und Cybertech stand. Einige Monate zuvor waren sie beide von Professor Clay, der stellvertretenden Schulleiterin, in das von ihr geleitete geheime Möbius-Programm aufgenommen worden. Diejenigen Schülerinnen und Schüler des ARC, die Teil des Programms waren, setzten ihre einzigartigen Talente ein, um Hightech-Spionageprobleme zu lösen. An diesem Morgen nun hatte Clay persönlich die zwei aus dem Unterricht geholt und in einen der schuleigenen Elektroauto-Prototypen verfrachtet.
»Und wieso genau helfen wir SolTech?«, hatte Caleb gefragt.
»Eine Gefälligkeit«, war Clays schlichte Antwort gewesen. »Fordert Verstärkung an, falls es nötig wird. Mr Mitchell bringt euch hin.«
Und ebendieser Lance Mitchell saß jetzt am Steuer des Wagens und schlängelte sich mit unglaublicher Präzision – und in atemberaubender Geschwindigkeit – durch den Schnellstraßenverkehr. Mitch, wie er von allen genannt wurde, war der neue Sicherheitschef des ARC Institute. Fast zwei Meter groß, weiß, mit kantigem Kiefer und kurzem dunklem Haar – ein vormaliger US Navy SEAL, Teil eines Spezialeinsatzkommandos der US-Marine, dann Special Agent bei der CIA, ehe er sich mit siebenundvierzig Jahren selbstständig gemacht hatte.
Die Reifen quietschten, als der Wagen über drei Spuren hinwegflog und den Randstreifen entlangbretterte. Caleb zuckte unwillkürlich zusammen und krallte die Finger ins Armaturenbrett. Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm, dass Zen vollkommen unbekümmert die Unterlagen studierte, die Clay ihnen im ARC in die Hand gedrückt hatte.
»Ich muss sagen«, presste er hervor, »mir wäre um einiges wohler, wenn wir mit einem selbstfahrenden Auto unterwegs wären.«
Mitch grinste und fädelte sich lässig zwischen zwei Lastwagen ein. »So funktioniert das eben nach alter Schule, Kleiner. Früher haben wir all unsere Probleme mit Sprit und Knarren gelöst.« Er beschleunigte bis zum Anschlag. »Jetzt geben wir mal ein bisschen Gas mit diesem Baby.«
»Das ist ein Elektroauto, Mitch«, sagte Caleb. »Sie stehen auf dem Strompedal.«
»Und mit der alten Schule hat Ihre Generation keinerlei Probleme gelöst«, merkte Zen von der Rückbank aus an, ohne hochzuschauen. »Sondern alles bloß zehnmal schlimmer gemacht.«
Mitch schüttelte den Kopf. »Ihr ARC-Kids … cleverer, als gut für euch ist.«
Er riss am Steuer und drängte sich an einem Reisebus vorbei. Der Abstand zwischen Bus und Leitplanke war beinahe zu schmal für das Elektroauto – doch sie schossen noch gerade so hindurch.
»Falls Sie unseren Sicherheitsdienst auch auf diese Art managen«, bemerkte Caleb, »dann möchte ich nicht mit dabei sein, wenn Sie mal so richtig was riskieren.«
Eine gleichmütige künstliche Stimme ertönte aus den Lautsprechern des Wagens. »Unsere Reisezeit würde sich um siebzehn Minuten verkürzen, wenn wir die nächste Polizeiausfahrt nehmen.«
Es war Sam, Calebs selbst programmierte künstliche Intelligenz. Der Name stand als Abkürzung für Simulierter Autonomer Mediziner; ursprünglich hatte Calebs Dad Patrick die Software geschrieben, und zwar als medizinisches Hilfsprogramm. Doch seit dem Tod seines Vaters zwei Jahre zuvor hatte Caleb Sam maßgeblich aufgerüstet und erweitert. Sam kommunizierte mit der Welt in erster Linie über einen speziellen Handcomputer, den Caleb entworfen und gebaut hatte und Flex nannte.
»Diese Route führt über das Gelände einer Farm«, sagte Sam jetzt, »und dann entlang einiger sehr kleiner Nebenstraßen. Allerdings würden wir die erheblichen Verkehrsstauungen, die vor uns liegen, vermeiden.«
»Dann los«, entschied Caleb. »Je mehr Zeit wir vor Ort haben, desto besser.«
Mitch klebte inzwischen an der Stoßstange eines Transporters mit Klempnerlogo und lauerte auf eine Möglichkeit zum Überholen. »Bitte sagt mir nicht, dass wir uns von diesem Alexa-Teil, das du da gebastelt hast, herumkommandieren lassen.«
»Seien Sie nett, Mitch«, tadelte Caleb. »Sam ist tausendmal komplexer und weiter entwickelt als Alexa und Siri zusammen.«
»Die Ausfahrt liegt fünfhundert Meter vor uns«, informierte die KI. »Es ist eine Rampe, die direkt vom Standstreifen abgeht.«
Der Wagen zwängte sich durch eine Lücke im Verkehrsfluss, beschleunigte abermals.
»In Anbetracht des Gewichts dieses Autos und seiner Insassen«, sagte Sam, »müssen wir die Rampe mit einem außermittigen Winkel von dreiundzwanzig Grad und einer Geschwindigkeit von einhundertsiebenundzwanzig Kilometern pro Stunde nehmen, um den Zaun zu überwinden und sicher auf der jenseitigen Fahrspur zu landen.«
»Was?«, rief Mitch. »Wer hat gesagt, dass wir einen Zaun überspringen?«
»Kommen Sie schon, Mitch«, sagte Zen und legte die Möbius-Briefingakte beiseite. »Ich dachte, wir machen das hier nach alter Schule.«
»Leute, ihr habt ja keinen Schimmer, wie schwer es ist, einen Wagen so über ein Hindernis fliegen zu lassen, ohne dass wir abschmieren und uns überschlagen«, knurrte Mitch durch zusammengebissene Zähne. »Keinen blassen Schimmer.«
»Sie sind tatsächlich recht schwer für Ihre Größe und Ihr Alter, Mr Mitchell«, stellte Sam fest. »Wir brauchen mehr Tempo, wenn wir vermeiden wollen, den Zaun zu streifen, und eine sichere Landung anstreben.«
»Das nehme ich jetzt mal nicht persönlich …« Mitch schnaubte. »Okay, festhalten. Los geht’s.«
Caleb wurde in seinen Sitz gedrückt, als das Auto auf die schmale, ansteigende Ausfahrt zuschoss, die sich neben der Standspur öffnete und eigentlich der Polizei vorbehalten war. Sie wurden in die Luft katapultiert, segelten über den niedrigen Zaun, der die Schnellstraße begrenzte. Caleb umklammerte den Angstgriff über seinem Kopf – ganz gewiss würde der Wagen im Feld jenseits der Rampe eine Bruchlandung hinlegen. Dann aber tauchte ein Feldweg unter ihnen auf, und eine halbe Sekunde später krachten sie federnd nach unten, holperten vorwärts, schlingerten dabei von rechts nach links.
Mitch drückte noch einmal das Strompedal durch und kämpfte mit dem Lenkrad, mühte sich, den Wagen irgendwie unter Kontrolle zu bringen, ehe sie in einen nahen Graben schlitterten.
»Cool!«, rief Caleb.
»Ihre Fahrkünste können sich echt sehen lassen, Mitch!«, sagte Zen.
»Ich werde langsam zu alt für so was«, murmelte der Sicherheitschef. »Und jetzt, Sam?«
»Geradeaus an diesen Bäumen dort vorn vorbei«, antwortete die KI. »Dann folgen Sie der Abzweigung des Feldwegs nach rechts – die Piste führt zwischen den Farmgebäuden hindurch, die in etwa dreißig Sekunden in Sicht kommen.«
Der schnittige schwarze Wagen zischte an einem kleinen Gehölz vorbei und rumpelte über ein Viehgitter auf das Farmgelände. Als sie um eine Scheunenecke bogen, tauchte allerdings ein Traktor auf, der mit gesenkter Gabel direkt auf sie zuhielt. Caleb duckte sich auf seinem Platz, sicher, dass sie jeden Moment aufgespießt würden. Irgendwie jedoch gelang Mitch eine Handbremsendrehung – und das Auto rutschte stattdessen mitten durch einen imposanten Haufen … Pferdemist.
Einen Augenblick lang wurde alles dunkel; dann sprangen die Scheibenwischer an und schoben den Dung zur Seite. Caleb spähte durch die frei gewordenen Halbmondflächen im Einwegglas. Der Farmer starrte mit einem Ausdruck purer Fassungslosigkeit von seinem Traktor auf sie herab. Für ihn musste der Wagen wie eine Kreuzung aus einem Tarnkappenbomber und dem rasantesten Misthaufen der Welt wirken.
»Großartige Route, Sam«, sagte Mitch. »Ganz großartig.«
»Ist das sarkastisch gemeint, Mr Mitchell? Soll ich mein Unterprogramm zur Erfassung von Sarkasmus anwerfen, Caleb?«
»Nicht jetzt«, entgegnete Caleb. »Wir brauchen eine neue Anfahrtsbeschreibung.«
Die KI lotste sie von dem Gehöft und entlang einiger enger, gewundener landwirtschaftlicher Wege. Wenige Minuten später erreichten sie eine Hauptverkehrsader, die ins Zentrum von Cambridge führte. Mitch beschleunigte wieder und riss die letzten verbliebenen Kilometer ab, ehe er den Wagen geschickt durch einen viel befahrenen Kreisverkehr schlängelte, was ihnen ein wütendes Hupkonzert einbrachte. Kurz darauf jagte das Auto einen Einfassungszaun entlang.
»Ich schätze, dahinter befinden sich die Forschungsanlagen von SolTech«, sagte Zen und spähte durch ihr schmutziges Fenster.
»Das ist korrekt, Zen«, bestätigte Sam. »Die Zufahrtsstraße liegt zu unserer Linken. Ich registriere ein Sicherheitstor. Soll ich –«
»Einmal hacken, bitte, Sam«, kommandierte Caleb und krallte sich in das Armaturenbrett, als Mitch den Wagen mit kreischenden Reifen in die Linkskurve schleuderte. »Bring uns hinein.«
Sie zischten eine kurze Auffahrt hinunter, an deren Ende ein Tor auseinanderglitt. Die Lücke war noch nicht sehr breit, doch Mitch quetschte sie hindurch, ohne das Tempo zu drosseln. Ein großes blau-weißes Schild blitzte im Vorüberrasen auf, darauf der Slogan SOLTECH: ROBOTICS FOR TOMORROW.
Caleb entging nicht, wie Zen die Augen verdrehte. »Hübscher Claim«, meinte sie. »So was von originell.«
»Noch mehr Sarkasmus, Sam«, meinte Mitch grinsend. »Irgendwann wirst du da durchsteigen müssen. Vermutlich ist er die prägendste Eigenschaft der menschlichen Spezies.«
Das mistüberzogene Auto kam schlitternd vor dem Hauptgebäude des Komplexes zum Stehen, wurde von der dunklen, verspiegelten Glasfassade reflektiert. Ein Mann mit sandfarbenem Haar und Ziegenbärtchen, randloser Brille und einem glänzenden schwarzen T-Shirt, auf dem das Logo von SolTech prangte, stand vor dem Eingang. Er hatte in ein Handy gesprochen, starrte sie nun jedoch völlig perplex an.
»Ich vermute, das ist unser Empfangskomitee«, sagte Caleb.
»Laut Gesichtsscan handelt es sich um Dr. Aidan Lennox«, vermeldete Sam. »Den Direktor dieser Einrichtung.«
Mitch stellte den Motor ab, richtete seine schwarze Krawatte und brachte unter der Anzugjacke das Holster seiner Waffe in Position. »Bleibt dicht bei mir, ihr zwei«, sagte er. »Ich regele das.«
Sie stiegen alle zusammen aus. Der Gestank nach Mist war überwältigend; große Klumpen davon rutschten von Motorhaube und Türen und platschten dampfend auf den Asphalt. Nicht ganz der eiskalte Superagentenauftritt, den Caleb im Sinn gehabt hatte.
»Bitte sagen Sie nicht, dass Sie …«, hob Dr. Lennox mit amerikanischem Akzent an und ließ sein Handy sinken. »Sagen Sie mir nicht, dass Sie die Leute sind, die Tilda Clay geschickt hat.«
Mitch umrundete den Wagen. »Dr. Lennox«, grüßte er, »ich bin Lance Mitchell, Sicherheitschef am ARC Institute. Und diese beiden hier sind Caleb und Zen.«
Lennox’ Zweifel verwandelten sich in Verärgerung. Er musterte Zen mit ihrer Jeansjacke und den neonblauen Turnschuhen, dann Caleb im olivgrünen Hoodie, auf dessen Ärmeln orangefarbene Piranhas Richtung Handgelenk schwammen.
»Okay«, sagte er. »Mir war klar, dass Kids dabei sein würden – Clays Wunderkinder oder wie auch immer, aus ihrem Spezialprogramm. Aber ich hatte mir vorgestellt, dass sie auch ein Team von Technikern schicken würde. Eine ganze Lkw-Ladung an Ausrüstung. Sie wissen schon – Profis.« Er spähte über ihre Köpfe hinweg zum Tor. »Sie sind ernsthaft alles, was kommt?«
»Jep«, antwortete Caleb. »Bloß wir – das war’s.«
Unauffällig zog er das Flex aus seiner Tasche und schlang es sich ums Handgelenk. Es sah zwar aus wie ein handelsübliches Smartphone, hatte aber viel mehr zu bieten: Der Handcomputer war zum Bersten vollgestopft mit zusätzlichen Eigenschaften und Funktionen. Außerdem besaß er ein einzigartiges Gehäuse, das es Caleb erlaubte, das Flex in nahezu jede beliebige Form zu knicken oder zu dehnen. Bis vor Kurzem hatte er das Gerät über eine Reihe selbst programmierter Apps gesteuert, doch ein ungeplantes Notfall-Upgrade an Sam hatte dafür gesorgt, dass er nun alles über die KI lenken konnte. Er entfernte sich einige Schritte von dem stinkenden Wagen und ließ den Blick über das Gelände schweifen. Jenseits des Parkplatzes unterhielt sich eine Gruppe von SolTech-Angestellten in gedämpftem, nervösem Tonfall; die etwa dreißig Leute schienen soeben aus den Gebäuden evakuiert worden zu sein.
Mitch bedeutete Caleb und Zen, zu warten, und ging zu Lennox hinüber; er überragte den Direktor von SolTech um annähernd einen Kopf.
»Was weißt du über SolTech, Zen?«, fragte Caleb leise.
Robotik war Zens Spezialgebiet; in Sachen ultrafortschrittliche Hardware war sie ebenso fit wie Caleb bei allem, was mit Software zu tun hatte. Besonderes Geschick bewies sie immer wieder, wenn es darum ging, unglaubliche, nur insektengroße Mikrobots zu konstruieren.
»SolTech ist eines der weltweit führenden Robotikunternehmen«, erwiderte sie. »Wir stehen hier auf dem zentralen Forschungs- und Entwicklungscampus. Wobei der Großteil davon unterirdisch angelegt ist.« Sie knotete das Gummi am Ende ihres schwarzen Flechtzopfes neu. »Lies beim nächsten Mal doch einfach die Briefingunterlagen, Caleb.«
»Tut mir leid, Zen«, gab er zurück, »aber ich war minimal abgelenkt durch die Tatsache, dass wir versucht haben, den Landgeschwindigkeitsrekord auf der M11 zu brechen – ganz zu schweigen von Sams Abkürzung durch diesen Haufen –«
Zen stieß ihm ihren Ellenbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen, und ruckte mit dem Kopf zu Mitch und Lennox hinüber, die inzwischen in eine Unterhaltung vertieft waren. Caleb und Zen pirschten sich näher heran, um zu lauschen.
»Hören Sie, mir wurde Folgendes gesagt«, stellte Mitch nüchtern fest. »Bei Ihnen gab es einen ernst zu nehmenden Hackerangriff, Ihre Cybersicherheitsvorrichtungen wurden überwunden und die gesamte Einrichtung steht kurz vor dem Totalcrash. Sämtliche betriebsinternen Gegenmaßnahmen haben versagt. Das Letzte, was SolTech gebrauchen kann, ist, dass dieses Debakel an die Öffentlichkeit gerät und die Behörden des Vereinigten Königreichs sich einmischen – also haben Sie Ihre alte Freundin Tilda Clay angerufen, um sich zu erkundigen, ob das Dilemma womöglich auch anders zu lösen ist.«
»Es geht um einen Virus, richtig?«, hakte Caleb ein. »Jemand ist durch Ihre Firewalls geschlüpft – und hat etwas richtig Fieses auf Ihr System losgelassen?«
Lennox kniff sich in die Nasenwurzel. »Falls Sie glauben«, fing er an, »dass ich zwei Kids und ihrem … ihrem Babysitter, die soeben in einem Auto voller Pferdemist hier vorgefahren sind, uneingeschränkten Zugang zu dieser Einrichtung gewähre, uneingeschränkten Zugriff auf unsere vertraulichste Forschung, dann haben Sie offenbar den Verstand –«
»Rufen Sie Professor Clay an«, unterbrach ihn Mitch. Er nickte zu dem Handy in Lennox’ Hand. »Sie wird die Situation für Sie klären.«
Einen Moment lang stierte Lennox ihn finster an. Dann tippte er ein paarmal auf sein Display, hob das Telefon ans Ohr und stakste über den Parkplatz davon, bis er außer Hörweite war.
Caleb spähte zu Zen. »Meinst du, es wäre vertretbar, das Gespräch anzuzapfen?«, raunte er.
»Einhundertprozentig«, antwortete sie. »Findest du das Signal, Sam?«
»Selbstverständlich, Zen«, sagte die KI. »Ich stelle durch.«
Schon hallte Lennox’ Stimme aus dem Lausprecher des Flex, gerade laut genug, dass Caleb und Zen seine Worte verstanden.
»Soll das ein schlechter Scherz sein, Tilda? Wir stecken hier inmitten einer gigantischen Krise. Ich bitte um deine Topagenten – und wen schickst du mir? Wie alt sind die zwei überhaupt? Zwölf? Dreizehn?«
Mitch bedachte Caleb mit einem Seitenblick; er hatte sofort durchschaut, was los war. Der Sicherheitschef des ARC schob die Hände in die Taschen und seufzte; dann lehnte er sich dichter zu Caleb und Zen, drehte den Kopf, um ebenfalls mitzuhören.
Professor Clays Stimme schwebte durch die Leitung. Sie klang völlig unbeeindruckt. »Ich scherze nicht, Aidan. Du hast mir gesagt, dass du in einer üblen Klemme steckst, die deine Leute allein nicht in den Griff bekommen. Caleb und Zen sind extrem einfallsreich und verfügen zusammengenommen über Fertigkeiten, die perfekt auf dein Problem zugeschnitten sind. Sie haben sich in der Vergangenheit bereits bewiesen, das kannst du mir glauben.«
Eine kurze Stille trat ein. Lennox tigerte im Kreis, versuchte zu verdauen, was ihm soeben eröffnet worden war, starrte dabei mit zunehmend besorgter Miene am Hauptgebäude empor.
»Himmel«, meinte Caleb. »Er schaut aus, als rechne er damit, dass es jeden Moment in Flammen aufgeht.«
Zen beobachtete den SolTech-Direktor genau. »Das kann kein gutes Zeichen sein, Caleb.«
»Ich brauche vollkommene Geheimhaltung«, zischte Lennox. »Das ist dir klar, oder? Ich kann nicht zulassen, dass die – die örtliche Polizei oder Feuerwehr oder sonst irgendjemand den Komplex betritt. Der Vorstand von SolTech würde mich einen Kopf kürzer machen. Es gibt Dinge, die –«
»Du kannst auf das Möbius-Programm vertrauen, Aidan«, fiel Clay ihm ins Wort. »Und vergiss nicht: Wenn wir diese Sache in Ordnung bringen, bist du mir etwas schuldig.«
Und damit beendete sie die Verbindung. Lennox betrachtete stirnrunzelnd sein Handy, verstaute es dann in seiner Tasche, drehte sich wieder zu Caleb, Zen und Mitch um und nickte. Er würde sie einlassen.
»Schönen Dank, Professor Clay«, murmelte Caleb leise. »Gut geklärt.«
Ein schwaches halbes Lächeln huschte über Zens Gesicht. »Sie kann ziemlich überzeugend sein.«
Sie wurden im Eilschritt durch den Eingang des Hauptgebäudes in ein weitläufiges, leeres Atrium geführt, in dessen Mitte ein silbriger Baum aufragte. Sämtliche Oberflächen schimmerten glatt wie poliertes Glas. Auf gigantischen Bildschirmen liefen Filme, in denen fortschrittliche Roboter in Krankenhäusern arbeiteten, Gemüse schnippelten oder auf Baustellen Tragbalken stemmten. Das Logo von SolTech – eine stilisierte kupferrote Sonne – ploppte immer wieder auf, zusammen mit dem Slogan Robotics for Tomorrow.
»Folgender Deal«, sagte Lennox und wandte sich damit zum ersten Mal direkt an Caleb und Zen. »Tilda Clay ist eine Frau, der ich großen Respekt zolle. Sie spricht in den höchsten Tönen von euch beiden, also bin ich bereit, euch eine Chance zu geben. Aber die Uhr tickt, im wahrsten Sinne des Wortes, alles klar?« Er reichte Mitch eine Sicherheitsschlüsselkarte. »Die bringt Sie in einige der zutrittsbeschränkten Bereiche. Dort befindet sich –«
Etwas veränderte sich im Atrium. Caleb blickte sich um. Die Bildschirme froren ein; direkt über ihnen begann der Film, in dem eine Roboterhand ein Gänseblümchen pflückte, zu flackern, immer einige Bildsequenzen vor und zurück.
»Was ist hier los, Sam?«, raunte Caleb. »Empfängst du irgendwas?«
»In der Tat, Caleb«, antwortete die KI. »Ich fürchte, die Fail-Safe-Schaltungen versagen und ein Kollaps des kompletten Systems steht kurz bevor. Die Wahrscheinlichkeit, dass SolTech mit irgendeiner hoch entwickelten multilateralen Malware infiziert worden ist, liegt bei fünfundsiebzig Prozent. Die Schadsoftware versucht, alles zu übernehmen, überschreibt vermutlich gerade die Codebasis.«
Ein vertrauter, entschlossener Ausdruck war auf Zens Gesicht getreten. »Wir müssen zur Serverfarm«, sagte sie. »Sofort.«
Caleb wandte sich an Lennox. »Die Serverfarm liegt unterirdisch, schätze ich – im Keller des Gebäudes?«
Der Direktor nickte, marschierte bereits auf eine Reihe Fahrstuhltüren zu. »Unterste Etage«, sagte er. »Minus sechs.«
Mitch ließ sich zurückfallen. »Was erwartet uns dort unten, Dr. Lennox? Ich trage die Verantwortung für diese zwei. Ich muss genau wissen, in was wir uns da hineinbegeben.«
»Wir haben es hier mit einem Hackerangriff zu tun, Mr Mitchell.« Lennox zögerte. »Es gab ein paar … merkwürdige Meldungen von den Kollegen, die unten in den Laboren arbeiten. Aber wir folgen in dieser Einrichtung einer strikten Eindämmungsstrategie. Solange Sie sich geradewegs zur Serverfarm begeben, sollten keinerlei Probleme auftreten.«
»Keine Sorge, Mitch«, meinte Caleb. »Sam und ich haben uns SolTechs Betriebssystem schon ein bisschen näher angeschaut. Und Zen weiß im Prinzip alles über Robotik – wir kommen schon klar.«
Lennox blinzelte alarmiert. »Wer genau ist Sam? Und was soll das heißen, ihr habt euch das Betriebssystem schon ein bisschen näher angeschaut?«
Mitch ignorierte ihn. »Okay, Schlaukopf«, sagte er zu Caleb und legte die Schlüsselkarte auf das Bedienfeld. »Aber ihr bleibt hinter mir, verstanden? Nur für alle Fälle.«
Eine Doppeltür öffnete sich und Mitch betrat den Aufzug, der ebenso picobello war wie die Lobby. Die Rückwand wurde von einem weiteren Bildschirm ausgefüllt. Caleb und Zen folgten Mitch – doch Lennox stand noch immer im Atrium.
»Begleiten Sie uns etwa nicht, Dr. Lennox?«, fragte Mitch.
»Ähm, nein«, erwiderte der SolTech-Direktor und tat einen kleinen Schritt rückwärts. »Ich denke, ich bleibe hier oben.«
Caleb und Zen tauschten einen Blick.
»Interessiert Sie denn nicht, was dort unten los ist?«, hakte Mitch nach, und eine Spur Misstrauen klang in seiner Stimme mit.
»Nein, meine Verantwortlichkeit ist die Belegschaft. Aber ich wünsche regelmäßige Updates – einen vollständigen Bericht über alles, was Sie tun.«
»Wir sollten uns wirklich beeilen«, drängte Zen.
Mitch nickte und drückte den Knopf für das sechste Untergeschoss. »Wahrscheinlich besser so«, murmelte er, als die Türen sich mit einem leisen Zischen schlossen. »Ich bezweifle, das Dr. Lennox uns irgendwie von Nutzen gewesen wäre.«
Caleb konnte sich ein aufgeregtes Grinsen nicht verkneifen, während der Lift seinen Abstieg begann. Erneut fing er Zens Blick auf. Sie erwiderte sein Lächeln; es ging ihr offensichtlich nicht anders. Das war es: Swift und Hawk waren wieder in Aktion.
Mit einem Mal hielt der Fahrstuhl ruckartig an. Der Bildschirm wurde schwarz, das Lichtpaneel über ihren Köpfen flackerte, und ein tiefes Knarzen hallte von unten durch den Liftschacht zu ihnen herauf.
»Wir stecken zwischen dem dritten und vierten Untergeschoss«, vermeldete Sam. »Ich denke nicht, dass dieser Aufzug noch tiefer sinken wird. Der Virus hat ihn irgendwie blockiert.«
»Er hält uns vorsätzlich auf«, vermutete Caleb.
»Um uns auszubremsen?«, fragte Zen. »Damit wir es nicht rechtzeitig zur Serverfarm schaffen?«
»Jep.« Caleb pfiff leise durch die Zähne. »Wer auch immer ihn geschrieben hat, hat wirklich Ahnung von dem, was er oder sie tut.«
»Hey, Mitch«, sagte Zen. »Kriegen wir irgendwie die Türen auf?«
»Einen Versuch ist es wert.« Mitch trat an die Fahrstuhltüren und mühte sich, sie auseinanderzuzwingen. Bald erschien ein winziger Spalt, durch den das Jaulen eines elektronischen Alarms tönte. Zen und Caleb sprangen Mitch bei, und gemeinsam verbreiterten sie die Lücke noch ein wenig.
Unmittelbar vor ihnen befand sich die Betonwand des Aufzugschachts – doch zu ihren Füßen war eine Öffnung, vielleicht fünfzig Zentimeter hoch, durch die man von oben in eine weitere große Lobby spähen konnte. Der Raum lag im tiefroten Schein der Sicherheitsbeleuchtung. Sämtliche intelligenten vernetzten Möbel waren wild verschoben, als hätte eine Horde fliehender Leute sie achtlos angerempelt. Auf dem Boden verteilt lagen Papiere und Mappen, dazu ein paar abgeworfene Laborkittel, ein gesprungenes Tablet und ein einzelner nagelneuer Turnschuh.
»Der Virus schreitet in seiner Übernahme des kompletten Systems voran«, informierte Sam die Gruppe. »Wir müssen uns sputen.«
»Los, suchen wir die Treppe«, beschloss Zen. »Ab ins sechste Untergeschoss.«
»Na schön«, schnaufte Mitch und stemmte sich erneut mit aller Kraft gegen die Türen. »Ich klettere nach unten. Dann könnt ihr –«
Doch Zen duckte sich bereits durch den Spalt, baumelte kurz von der Liftkante und ließ sich dann in die Lobby darunter fallen.
»Ich hatte gesagt, ich gehe voran«, rief Mitch ihr hinterher.
»So ist Zen«, meinte Caleb nur. »Sie werden sich daran gewöhnen.«
Beide taten es Zen gleich und sprangen nach unten. Mitch traf schwer auf, geriet auf dem glatten Boden ein wenig ins Straucheln.
»Wo sind wir, Sam?«, fragte Caleb. »Hast du irgendwelche Gebäudepläne für uns?«
»Ich habe den Grundriss in SolTechs Zentralarchiv gefunden«, antwortete Sam. »Diese Etage ist für Tests an Prototypen reserviert. Die Serverfarm kann von hier aus über drei Treppenfluchten erreicht werden. Die nächste liegt am Ende des Flurs direkt vor euch.«
Zen hastete bereits auf den von Sam ausgewiesenen Korridor zu, als links von ihr, hinter einem Sichtfenster, eine Bewegung zu erhaschen war. Ein schrecklich schriller Heulton hob an – und begleitet von einem gleißenden Funkenfeuerwerk fraß sich ein kreisrundes Sägeblatt durch eine versiegelte Labortür in ebenjenem Korridor.
Mitch zog sofort seine Pistole, löste die Sicherung mit dem Daumen. »Was zur Hölle ist das?«
Die Tür krachte nach vorn, glatt aus den Angeln geschnitten, und ein Konstruktionsroboter wie jene, die sie oben in den Filmen gesehen hatten, trampelte in Sicht. Er hatte keinen Kopf, nur drei gewaltige Arme, die auf ganzer Länge mit Industriesägen, Bohrern und Rammen bestückt waren, dazu ein Paar kurzer, insektenartiger Beine. Er drehte sich in ihre Richtung; dabei sprang eine Ansammlung von LED-Lämpchen, die oben an seinem Rumpf angebracht waren, von Gelb auf Rot.
»Er scannt uns«, stellte Zen fest. »Ich glaube, er macht sich bereit, um –«
Abrupt setzte der Roboter sich wieder in Bewegung, wieselte flink in die Lobby, zielstrebig auf Zen zu. Sie tauchte in letzter Sekunde zur Seite weg aus seiner Bahn. Die Maschine wirbelte herum, noch während sie an Zen vorbeizog, und hackte mit ihrer Kreissäge nach ihr. Die Säge verfehlte ihr Ziel und teilte stattdessen ein niedriges schwarzes Ledersofa sauber in der Mitte.
Mitch richtete seine Pistole aus. »Zen!«, brüllte er. »Wohin ziele ich bei diesem Ding?«
»Die Beine – schießen Sie auf die Beine!«
Die Schüsse waren ohrenbetäubend – fünf davon, in so schneller Folge abgegeben, dass es wie ein einziger stotternder Knall klang. Der Roboter kippte zur Seite, als eines seiner Beine komplett abgerissen wurde, und sein Servosystem mühte sich, ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Etwas zischte haarscharf an Calebs Kopf vorbei, blitzte im roten Dämmerlicht auf wie ein winziger silberner Kolibri.
»Beetlebat!«, schrie er.
Beetlebat war einer der vielen leistungsstarken Miniroboter, die Zen im ARC-Turm gebaut hatte, und ihr persönlicher Favorit. Er glich einem metallischen Käfer mit Fledermausflügeln und gezwirbeltem Mäuseschwanz und hatte Zen und Caleb bereits aus mehr als einer haarsträubenden Klemme gerettet.
Am anderen Ende der Lobby war Zen auf einen glänzenden Rezeptionstisch gesprungen. Sie pfiff eins von Beetlebats Spezialkommandos – zwei kurze, hohe Töne – und deutete auf den angeschlagenen Konstruktionsroboter, gab Beetlebat dabei mithilfe eines winzigen elektronischen Moduls an ihrem Zeigefinger ein Zielsignal. Beetlebat flog eine Kurve, landete neben den LEDs oben auf dem Roboter-Torso und hakte seine Mandibeln um einen herausstehenden Draht, den er dann prompt mit sich zog, als er erneut abhob. Die Maschine erstarrte mit einem Ruck in ihren Bewegungen und stürzte scheppernd zu Boden.
Zens Bot flog zurück auf ihre Schulter. »Gut gemacht, Kleiner«, sagte sie, als er die Flügel einklappte. Dann hüpfte sie von der Rezeption und sah zu Caleb hinüber. »Los, komm – wir müssen zur Treppe.«
»Meine Meinung.«
Caleb trat um den gefallenen Roboter herum, und gemeinsam eilten sie in den Gang, der vor ihnen lag.
Mitch war nur wenige Schritte hinter ihnen, die Waffe immer noch im Anschlag. »Wieso hat dieser Roboter uns so angegriffen?«, fragte er. »Wieso hat er versucht, uns …«
Seine Stimme verlor sich. Zu beiden Seiten des Flurs waren Sichtfenster in die Wände eingelassen, gaben den Blick in verschiedene Labore und Testbereiche frei. Jeder einzelne Roboter, den sie erspähten, spielte verrückt: Die Maschinen gebärdeten sich wild in ihren Einhausungen, hämmerten gegen Türen und Wände, zerstörten alles in ihrer Reichweite. Sämtliche Zimmer waren schalldicht – was bedeutete, dass diese gigantische Roboterraserei gruselig stumm ablief.
»Okay«, sagte Zen. »Das ist echt beängstigend.«
Mitchs Kinnlade hing herunter. »Was … was läuft hier?«
»Das ist der Virus«, antwortete Caleb. »Dazu wurde er geschrieben: Er ersetzt den Code, der die normalen Betriebsfunktionen dieser Roboter definiert. Und verwandelt sie so in einen Haufen Killermaschinen.« Er verfolgte, wie etwas im weitesten Sinne L-Förmiges mit dem riesigen, leuchtend gelben Rollgabelschlüssel, der ihm als Arm diente, auf ein Fenster eindrosch. »Früher oder später werden sie hier ausbrechen. Und sich dann ebenso auf uns stürzen wie ihr Kollege dahinten.«
Zen runzelte die Stirn. »Wie kann man so was absichtlich programmieren?!«
Mitchs Blick wanderte von Caleb zu Zen. »Und … wie setzen wir dem Ganzen ein Ende?«
»Wir müssen die Server erreichen, bevor die Codebasis komplett überschrieben ist«, erklärte Caleb. »Dann können wir den Virus isolieren. Ein radikales Reset einleiten. Diese Teile zum Absturz zwingen.«
Zen nickte zu seinen Worten. »Das sollte klappen.«
»Wieso hat SolTech das nicht selbst versucht?«, fragte Mitch.
»Das ist so ziemlich das letzte Mittel der Wahl«, erläuterte Zen. »Damit zerstören wir die Software sämtlicher Bots. Und richten womöglich bleibenden Schaden an. Aber eine andere Chance haben wir nicht mehr.«
»Hol Lennox in die Leitung, Sam«, wandte Mitch sich an die KI. »Mal hören, was er denkt.«
»Ich fürchte, wir haben kein Signal«, erwiderte Sam. »Wir können keinen Kontakt zur Oberfläche herstellen. Das mag dem Virus geschuldet sein. Sofern es ihm tatsächlich gelingt, die Codebasis zu überschreiben, werden SolTechs Roboter selbstbestimmt. Wir sind dann aus ihrem System ausgesperrt – ohne jede Möglichkeit, sie zu kontrollieren oder zu beeinflussen. Die Maschinen folgen dann nur noch ihrer neuen brutalen Programmierung.«
Caleb schüttelte den Kopf. »Killerroboter, die Amok laufen. Nicht gerade das, was wir heute Morgen beim Aufstehen auf dem Zettel hatten.«
Mitch fluchte halblaut vor sich hin.
»Es gibt eine Menge Dinge, die SolTech uns verheimlicht«, stellte Zen fest und gestikulierte zu den Fenstern. »Diese Modelle sind viel weiter als alles, was je an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Viel fortschrittlicher.« Ihre Lippen kräuselten sich zu einem ironischen Lächeln. »Ich schätze, Robotics for Tomorrow ist doch ziemlich treffend.«
Mitch fischte eine Stabtaschenlampe aus der Jacke und befestigte sie an seiner Pistole. »Dann also ein radikales Reset«, sagte er. »Wie viel Zeit bleibt uns, Sam?«
»Das lässt sich schwer exakt bestimmen, Mr Mitchell«, antwortete die KI, »aber –«
»Nenn mich Mitch.«
»Das lässt sich schwer exakt bestimmen, Mitch, aber meiner Schätzung zufolge dürfte die ursprüngliche Codebasis in nicht mehr als vier Minuten und zweiunddreißig Sekunden unrettbar verloren sein.«
Das Möbius-Team wechselte Blicke. Dann sprinteten alle drei wie auf Kommando los.
Das Treppenhaus war dunkel, auf den Betonstufen glitzerten Glasscherben. Der Kegel von Mitchs Taschenlampe warf harte diagonale Schatten über die Wände, während sie abwärtshasteten. Nach nur einem Stockwerk allerdings versperrte ihnen ein Schuttberg den Weg.
»Die Wand ist eingestürzt«, kommentierte Mitch. »Schaut nach irgendeiner Form von Sprengstoff aus.«
»Sprengstoff?«, wiederholte Caleb. »Aber wie –«
»Wir durchqueren diese Etage«, entschied Zen. »Auf der anderen Seite muss es noch eine Treppenflucht geben.«
Sie sahen sich auf dem Absatz um. Die Tür zum fünften Untergeschoss war von einer gebogenen Stahlstange aufgebrochen worden.
»Ich habe ein richtig mieses Gefühl bei dieser Sache«, murmelte Caleb, als sie durch die Scherben staksten.
»Ich möchte deine Sorge ungern noch weiter befördern, Caleb«, sagte Sam, »aber der Übersichtsplan für diese Etage weist etwas Ungewöhnliches aus. Die Ebene ist für Beschussversuche angelegt.«
Caleb schluckte. »Sekunde, bedeutet das nicht …«
»Waffen«, knurrte Mitch. »Es heißt, dass hier Waffen getestet werden.«
Die aufgebrochene Tür führte sie in eine weitläufige Halle, ähnlich einer unterirdischen Sporthalle, allerdings erleuchtet von roten Notlichtern und verschleiert von beißenden Qualmwolken. An einem Ende waren schwere Barrikaden errichtet, die allem Anschein nach einen Beobachtungsraum schützten. Das Hauptareal war so groß wie ein Fußballfeld. Hier und da waren Hindernisse verteilt – niedrige Mauern, seichte Gruben, verschiedene Rampen und Schrägen – und die ausgebrannten Wracks von einem halben Dutzend gepanzerter Fahrzeuge.
In einem ebenen Bereich in der Mitte ragten zwei SolTech-Roboter auf. Beide regten sich nicht, als wären sie abgeschaltet. Einer hatte die Größe eines Minibusses – ein ungeschlachter, menschenähnlicher Rumpf, der mit einer Art Kampfpanzer verbolzt war. Der andere dagegen war leichtgewichtig, gebaut wie ein überdimensionaler Greyhound, allerdings mit sechs vielgelenkigen Beinen, die gegenwärtig unter ihm eingeklappt waren. Beide Roboter bestanden aus einem schimmernden, dunkelgrünen Material und ihre Seiten zierte die SolTech-Sonne.
Beinahe im selben Moment, in dem Caleb sie registrierte, erwachten die zwei Roboter zum Leben. Der hundeartige Bot erhob sich aus der Kauerstellung, seine LEDs flammten auf; der Panzerroboter rotierte auf seinem Fahrwerk, und ein Schussprüfer mit Laser tastete dabei den riesigen Raum ab. Er erfasste das Möbius-Team sofort. Eine seiner Schulterverkleidungen schob sich zurück und eine Minigun fuhr heraus, deren lange, zylindrische Trommel sich bereits drehte.
»LAUFT!«, brüllte Mitch.
Ganz in der Nähe, am unteren Ende eines kurzen Gefälles, befand sich eine gepanzerte Barriere. In allerletzter Sekunde hechteten sie dahinter, warfen sich zu Boden. Das Stakkato der Minigun war unfassbar laut – ein schrilles, mechanisches Kreischen. Hunderte und Aberhunderte Kugeln zischten über ihre Köpfe hinweg, zerfetzten Teile der Barriere und pulverisierten die Wand in ihrem Rücken.
Endlich hörte der Kugelhagel auf und die schreckliche Waffe kam sirrend zur Ruhe.
»Deshalb wollte dieser Widerling Lennox uns nicht einlassen«, sagte Zen wütend. »Das sind Kampfroboter – automatisierte Soldaten. Etwas, das absolut illegal ist.«
Caleb versuchte sich den Betonstaub aus den Augen zu reiben. »Und wenn der Virus hier alles komplett übernimmt, werden sie praktisch unaufhaltbar.«
»Wie viele davon gibt es?«, keuchte Mitch. »In der ganzen Anlage, meine ich.«
»Die Sensorenmesswerte des Flex lassen auf derzeit acht betriebsfähige Modelle schließen«, vermeldete Sam. »Womöglich befinden sich weitere in irgendwelchen Lagern.«
»Acht«, wiederholte Mitch. »Gott im Himmel.«
Einige Sekunden lang sprach niemand. Alle dachten das Gleiche: Sollte nur einer dieser Kampfroboter irgendwie hinaus auf die Straßen Cambridges gelangen, würde eine raffinierte Cyberattacke im Nu in ein Massaker ausarten.
»Feindliche Krieger«, ertönte eine leblose, künstliche Stimme. »Tretet vor mit erhobenen Händen. Ihr werdet getreu den Genfer Konventionen behandelt werden.«
»Das wage ich zu bezweifeln«, murmelte Mitch.
»Eine automatische Ansage«, flüsterte Caleb. »Sobald wir aus der Deckung kommen, pusten sie uns ins Nirvana.«
Das Rasseln von Gleisketten war zu vernehmen, dazu ein leises Tappen metallischer Füße. Die Roboter positionierten sich rechts und links von ihnen, schnitten jeden Fluchtweg ab. Caleb zermarterte sich das Gehirn. Ihm musste etwas einfallen – und zwar schnell. Er langte nach dem Flex, löste einen der sechs Vielzweckpins, die in das Gehäuse eingepasst waren. Sie ließen sich als Peilsender nutzen, als Wanzen, um jemanden abzuhören – oder auch als leistungsstarke Lautsprecher.
»Sam«, sagte er, »auf mein Kommando lässt du eine Terrorform-Audiodatei in voller Lautstärke aus diesem Pin schallen. Das Schienengewehr eines Bollwerk-Avatars sollte den Zweck erfüllen.«
»Verstanden, Caleb.«
Terrorform war ein Open-World-Sci-Fi-Game, das Caleb und Sam zusammen entwickelt hatten – und das Schienengewehr der Bollwerkklasse gehörte zu den verheerendsten Waffen, die darin zur Verfügung standen. Caleb rollte den Pin zwischen seinen Fingerkuppen, formte das flexible Material zu einer harten, etwa erbsengroßen Kugel. Eine dichte Staubwolke waberte durch den Raum, aufgewirbelt von dem Kugelfeuer der Minigun. Er schnippte den Pin hinein, sodass die kleine Hightech-Kugel hinter den Kampfrobotern auf dem Boden aufprallte.
Neben ihm hatte Zen sich in die Hocke erhoben. Sie hatte die Jadekette, die sie immer trug, in den Ausschnitt ihres T-Shirts gestopft und linste durch ein Einschussloch in der Barriere in Richtung des Beobachtungsraums.
»Da drin ist jemand«, stellte sie fest.
Caleb starrte sie an. »Einer der Leute von SolTech? Gefangen?«
»Nein … ich glaube nicht«, erwiderte Zen. »Mein Bauchgefühl sagt mir, das ist bedeutsam. Meinst du, du könntest die Audiodatei jetzt abspielen?«
»Leg los, Sam«, sagte Caleb.
Ein gigantischer, ratternder Knall erscholl auf der anderen Seite der Beschussversuchszone – die Explosion aus dem Lauf eines Schienengewehrs der Bollwerk-Avatare, beinahe so laut, als wäre sie echt. Sofort fuhren die beiden Kampfroboter herum und eröffneten ihrerseits das Feuer mit Miniguns und Mikroraketen. Riesige Stücke wurden aus Fußboden und Wänden gesprengt, sodass eine neue Wolke Staub und Schutt aufwallte.
»Wir sehen uns später, Leute«, rief Zen über den Lärm hinweg. »Tut nichts Dummes in der Zwischenzeit.«
Sie sprang nach vorn, umrundete die Ecke der Barriere. Ohne nachzudenken, zuckte Calebs Arm ihr hinterher, um sie aufzuhalten, und beinahe wäre er ebenfalls aufgestanden – doch Mitch zerrte ihn zurück.
Zen hetzte auf einen großen Lüftungsschacht in der Wand gleich neben dem Beobachtungsraum zu. Das Gitter davor war demoliert worden, hing lose herunter. Unter den Augen von Caleb und Mitch schlüpfte sie hinein und verschwand.
»Wunderbar!«, brüllte Mitch und schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Dieses Mädchen kann man gar nicht beschützen.« Er warf Caleb einen sorgenvollen Blick zu. »Aber sie kann auf sich selbst aufpassen, oder?«
»Jaaa«, erwiderte Caleb. »Besser als jeder andere, den ich kenne.«
»Dann schätze ich, wir sammeln sie am besten später wieder ein. Wir beide müssen nach unten zur Serverfarm. Jemand muss diese Dinger stoppen.«
Sie spähten über die Barriere hinweg. Rund dreißig Meter entfernt befand sich ein Notausgang, gegenüber dem Beobachtungsraum.
»Liegt dahinter ein Treppenhaus, Sam?«
»Korrekt, Caleb. Der Senderknopf des Flex funktioniert nach wie vor. Soll ich weiter die Audiodateien aus Terrorform darüber abspielen?«
»Alles, was dir einfällt«, trug Caleb ihm auf. »Monster. Explosionen. Vor allem einfach laut!«
Lautes Knallen und Wummern, untermalt von merkwürdigem Aliengeheul, brach los, gefolgt von dem donnernden und sehr realen Getöse des Waffenarsenals der Kampfroboter. Caleb und Mitch sprinteten Richtung Ausgang, hielten sich dabei so weit wie möglich in der Deckung. Die Tür war mit irgendeinem elektronischen Schloss gesichert. Mitch zielte im Laufen mit seiner Pistole, platzierte vier präzise Schüsse rings um die Klinke, um den Mechanismus zu zerstören, und trat dann mit aller Kraft dagegen. Die Tür sprang auf und gemeinsam rannten sie hindurch, fanden sich auf einem weiteren dunklen Treppenabsatz wieder.
»Wie weit, Sam?«, fragte Caleb.
»Achtundneunzig Meter. Meiner Schätzung zufolge wird die Codebasis in zwei Minuten und zweiunddreißig Sekunden komplett überschrieben sein. Caleb, womöglich kommen wir zu spät.«
»In solchen Situationen, Sam«, schnaufte Caleb, während sie die Treppe abwärtsspurteten, »ist es immens wichtig, positiv zu bleiben. Erinnere mich daran, dir das Prinzip Optimismus zu erklären.«
Die Tür am Fuß der Treppenflucht war glücklicherweise nur angelehnt; Caleb stürzte hindurch, so schnell er nur konnte. Dahinter erwartete ihn abermals eine weite Freifläche, diesmal vollgestellt mit Servertürmen. Das Ganze glich einem Irrgarten mit vier Meter hohen Wänden. Eine Deckenbeleuchtung gab es nicht, doch entlang der Serverfronten blinkten zahllose LEDs, sodass der Verlauf der einzelnen Reihen zu erahnen war. Sam ließ den Bildschirm des Flex aufscheinen und erhellte so einen Streifen des grauen Betonbodens. Aufgemalte Linien in unterschiedlichen Farben verloren sich in dem Labyrinth, offenbar dazu gedacht, die SolTech-Ingenieure zu bestimmten Bereichen zu leiten.
»Wohin müssen wir?«
»In die blaue Zone, Caleb. Am Ende von Turn 45-3C befindet sich ein Zugangsterminal. Wendet euch nach links. Zwölf Meter. Dann nach rechts und den Hauptgang hinunter.«
Caleb warf einen Blick über die Schulter. Mitch war wenige Schritte hinter ihm, der Lichtstrahl seiner Pistole durchschnitt die Dunkelheit, während er den riesigen Raum scannte. Caleb rannte weiter, schlitterte um die Ecke, sprintete ein Stück, rutschte erneut. Er erreichte einen kleinen gläsernen Würfel, in dessen Innern ein einzelnes Computerterminal in einen Schreibtisch eingelassen war. Davor waren drei Bildschirme aufgestellt, auf denen synchron der gleiche Warnhinweis blinkte: SERVER NICHT ERREICHBAR – BITTE WARTEN.
»Caleb«, meldete sich Sam, »uns bleibt nun noch genau eine Minute, ehe die Codebasis vollständig ersetzt ist.« Die KI schützte ein Zögern vor, fuhr dann in unbeschwerterem Tonfall fort: »Aber wir sind ein bewährtes Team. Wir haben bereits bei vielfacher Gelegenheit unter hohem Druck gute Arbeit geleistet. Wir können es schaffen.«
»Schon besser«, keuchte Caleb und hastete auf das Terminal zu. Er legte das Flex auf der Tischplatte ab. Eine Sekunde später war Sam in das Betriebssystem von SolTech eingedrungen und eine enge Reihe Code begann über die drei Screens zu strömen. »Okay, suchen wir nach den üblichen verräterischen Malware-Mustern. Irgendetwas, das schon einmal gemeldet wurde.«
»Nichts derart Offensichtliches zu finden, Caleb. Der Virus überschreibt die Codebasis direkt. Die den Robotern eigene verhaltensbasierte Erkennung und Hemmung ist bereits komplett eliminiert. In achtunddreißig Sekunden wird von dem ursprünglichen System nichts mehr übrig sein.«
Caleb setzte sich an den Schreibtisch und dehnte die Finger. »Okay, Sam, grab dich richtig tief hinein. Besorg mir alles, was von SolTechs Code übrig ist. Wir bringen dieses Chaos in Ordnung.«
»Du siehst jetzt alles in der Bildschirmanzeige. Übrig sind nur doch zweihundertneun Stammverzeichnisse. Einhundertsechsundneunzig. Einhundertzweiundachtzig.«
»Wenn sich der Virus schon nicht identifizieren lässt, dann speise ich einen eigenen ein. Mal schauen, ob wir einen Gegenhack starten können.«
Mitch trudelte am Eingang zu der kleinen Kabine ein. »Alles im Griff?«
»Auf dem besten Weg dorthin«, erwiderte Caleb, ohne sich umzudrehen. Seine Fingerspitzen hämmerten auf die Tastatur des Terminals ein. »Wobei ich sagen muss –«
Ein plötzlicher, knirschender Einschlag katapultierte ihn mit einem erschrockenen Schrei von seinem Stuhl in die Höhe. Zu seiner Linken hatte eine Salve Maschinengewehrfeuer ein dichtes Spinnennetzmuster in das verstärkte Sicherheitsglas gesprengt. Jenseits der Scheibe erkannte er einen bedrohlichen schwarzen Umriss, der sich zwischen den Servertürmen bewegte.
»Einer der Kampfroboter von oben. Muss deinem kleinen Trick auf die Schliche gekommen sein. Bleib, wo du bist. Ich kümmere mich darum.«
Es war das kleinere Modell, der sechsbeinige Greyhound, der nun rasant auf sie zusprang – er prallte mit größtmöglicher Wucht gegen die Glasscheibe, wie ein Rammbock mit Eigenantrieb. Ein schreckliches Krachen ertönte, und eine breite Partie der Wand gab nach, neigte sich leicht nach innen. Mitch lehnte sich aus der Kabine und schoss zweimal aus nächster Nähe, sodass das Mündungsfeuer die hohen Servertürme ringsum erleuchtete. Allerdings hatte der Roboter allem Anschein nach keine Schwachstellen und die Kugeln prallten nutzlos von ihm ab.
»Einhundertvier Stammverzeichnisse, Caleb«, sagte Sam. »Die Zeit ist gleich abgelaufen.«
Caleb zwang sich, wieder Platz zu nehmen und den Bot zu ignorieren, der sich jetzt zwischen die Türme zurückzog, zweifellos nur, um Anlauf für den nächsten Angriff zu nehmen.
»Wir schaffen es nicht«, murmelte Caleb und tippte wie im Wahn. »Dieser Virus ist zu schnell.«
»Wozu rätst du?«
»Ich schicke dir einen Ordner. Pack ihn in das allerletzte Stammverzeichnis. Wir stellen eine Falle.«
Innerhalb von kaum fünf Sekunden stellte Caleb eine falsche Befehlsdatei zusammen, von einer echten nicht zu unterscheiden, allerdings mit einer neuen, zusätzlichen Anweisung am Ende. Prompt schickte er sie an Sam – gerade als der Kampfroboter auf seinen Hinterläufen federte, um gleich loszustürmen. Sam navigierte das abstürzende Computersystem in unglaublichem Tempo und legte die Köderdatei im letzten Stammverzeichnis von SolTech ab.
Caleb saß stocksteif da, seine Finger schwebten einen Zentimeter über der Tastatur.
Der Roboterhund senkte den stumpfen, schaufelförmigen Kopf und galoppierte los.
Mit einem Mal erstarrten die Zahlen, die über die Bildschirme geströmt waren; die Stromversorgung sprang wieder an, Lichtleisten in der gesamten Serverfarm flammten auf und der attackierende Roboter blieb nur wenige Meter von dem Glaswürfel entfernt ruckartig stehen. Seine gekrümmten Metallklauen rutschten kreischend noch ein Stück über den Boden.
»Der Virus ist eingedämmt, Caleb«, verkündete Sam. »Ich habe ein radikales Reset eingeleitet. Alles, was von SolTechs Betriebssystem übrig ist, wird komplett heruntergefahren. Deine Falle hat funktioniert.«
Caleb spähte durch die gesprungene Scheibe. Der Hunderoboter faltete sich zusammen, verstaute seine Waffen und zog den Rammbockkopf ein – er deaktivierte sich selbst.
Mitch knipste seine Taschenlampe aus, nahm ein leeres Magazin aus der Pistole und hielt Caleb die offene Hand zum Einschlagen hin. »Caleb Quinn«, sagte er, als ihre Handflächen gegeneinanderklatschten. »Computerzauberer und Universalgenie. Was hast du da eben angestellt?«
Caleb atmete langsam aus; dann wirbelte er auf seinem Stuhl einmal um die eigene Achse. »Ich habe einen Fake-Befehl geschrieben. Der Virus konnte ihn nicht von den restlichen Dateiverzeichnissen unterscheiden. So habe ich ihm befohlen, seine vorige Aktion immer wieder zu wiederholen – also einen Ordner zu ersetzen, zu löschen, zu ersetzen, in Endlosschleife.«
Mitch gluckste. »Ich tue jetzt einfach so, als hätte ich das alles verstanden«, meinte er. »Los, komm, Kleiner, verschwinden wir von hier. Diese Nummer liegt weit über meiner Gehaltsklasse.«
Caleb griff sich das Flex und stand auf. »Wir müssen herausfinden, was aus Zen geworden ist.«
»Jaaa«, stimmte ihm der Sicherheitschef zu und schob seine Waffe zurück in ihr Holster. »Das steht an erster Stelle.«
Sie verließen die Kabine und liefen den Hauptgang der Serverfarm entlang.
»Caleb«, meldete sich Sam, »ich empfange merkwürdige Signale von den Kampfrobotern.«
»Signale?« Caleb runzelte die Stirn. »Was soll das heißen? Sie sind doch deaktiviert, oder?«
»Eine Art Countdown, scheint mir.« Die KI stockte kurz, als berechne sie etwas. »Caleb, ich denke, ihr solltet rennen.«
Der Lüftungsschacht war gerade hoch genug, dass Zen hindurchkrabbeln konnte. Nach einer Reihe von Biegungen und kurzen Steigungen gelangte sie an die Rückwand des Beobachtungsraums. Durch ein Stahlgitter erkannte sie die Person, die ihr zuvor ins Auge gefallen war.
Der junge Mann gehörte eindeutig nicht zu SolTech. Er trug enge schwarze Klamotten, eine Kapuze, Gesichtsmaske und Handschuhe und stand mit einem Smartphone in der Hand an der breiten Fensterfront. Zen ging auf, dass er die Kampfroboter dabei filmte, wie sie mit sinnlosem Herumgeballere auf Calebs Soundeffekte aus Terrorform reagierten.
Er war Teil der Cyberattacke – dessen war sich Zen sofort gewiss. Ihre Hackingkünste konnten sich zwar nicht mit Calebs messen, doch sie wusste, dass es um ein Vielfaches schwieriger wurde, den Ursprung eines Angriffs zu lokalisieren, wenn der Angreifer tatsächlich bei seinem Opfer einbrach und den Virus direkt vor Ort in das System einschleuste. Und natürlich – gesetzt den Fall, man entkam – wäre es im Anschluss für jedermann nahezu unmöglich, einem auf die Spur zu kommen. Einziger Haken: Ein solches Vorgehen war extrem riskant.
Zen löste vorsichtig das Gitter aus seiner Halterung und schlüpfte in den Beobachtungsraum, versuchte, so nahe wie möglich an den Fremden heranzupirschen. Plötzlich jedoch mähte die Minigun des Panzerroboters draußen quer über die Fenster. Selbst strapazierfähiges Panzerglas war für eine solche Beanspruchung nicht ausgelegt. Die Scheiben explodierten nach innen, zusammen mit einem Großteil des Betonrahmens. Zen und der Saboteur wirbelten herum, kauerten sich so klein wie möglich zusammen und bedeckten schützend ihre Köpfe.
Als Zen sich einige Augenblicke später wieder aufrichtete, starrte der Saboteur sie an. In dem dicken, beißenden Staubnebel war er kaum mehr als eine Silhouette. Doch so standen sie nun – eine Sekunde lang wie festgefroren – Auge in Auge.
Dann drehte der Saboteur sich abrupt um und rannte auf einen Ausgang am hinteren Ende der Halle zu. Zen folgte ihm instinktiv. Sie sprintete einen Durchgang entlang, bis sie am Fuß einer schmalen Leiter anlangte. Sie war an der Innenseite eines unbeleuchteten Schachts angebracht, der in die darüberliegende Ebene führte. Zen hörte den Saboteur über sich im Schatten. Beherzt packte sie die kalten Metallstreben und machte sich an den Aufstieg.
Eine Minute später schwang sich Zen aus einer Luke auf ein niedriges Dach an der Rückseite des SolTech-Hauptgebäudes auf Höhe der zweiten Etage. Zu ihrer Linken erhaschte sie eine Bewegung, eine staubige, schwarz gekleidete Gestalt turnte eine Regenrinne hinauf zum Hauptdach. Zen atmete einmal durch und nahm erneut die Verfolgung auf.
Gerade als sie das obere Ende des Regenrohrs erreicht hatte, sprang der Saboteur am anderen Ende des Dachs vom Gebäude. Mit rudernden Armen segelte er einer hohen Gerüstkonstruktion jenseits des Zauns entgegen, der das SolTech-Gelände umgrenzte. Die Lücke war gut und gern fünf Meter breit, doch der Saboteur schaffte es hinüber, bekam eine hervorstehende Stange zu fassen und verschwand dann hinter einem orangeroten Plastiknetzvorhang.
Zen war leidenschaftliche Sportlerin mit einem Regal voller Pokale, die ihr Zimmer im ARC schmückten. Sie hatte nicht vor, sich von diesem Kerl so einfach abhängen zu lassen. Also federte sie einige Sekunden auf den Fußballen, schüttelte die Arme, um sie zu lockern – und raste dann los, legte alles in ihren Sprint, fixierte dabei das Gerüst und eine mögliche Landestelle und verbiss sich jeden Gedanken an den gähnenden, zwei Stockwerke tiefen Abgrund, der mit jedem Schritt näher und näher kam.
Kaum war sie abgesprungen, schien die Zeit einen kuriosen Moment lang stillzustehen. Zen hörte und fühlte überhaupt nichts. Alles, was sie sah, waren die Stangen und Bohlen des Gerüsts, die vor ihr in der Luft schwebten wie ein gigantisches Gitternetz …
… und dann prallte sie jäh dagegen, und ein Balken erwischte sie schmerzhaft in Brusthöhe. Ihre Beine zappelten vorwärts, ihre Hände tasteten wild nach irgendetwas, woran sie sich festhalten konnte. Die linke erwischte ein Stück des Netzgewebes, die rechte eine knubbelige Schelle, die zwei Stangen miteinander verband – und Zen schwang sich daran nach oben, japste nach Luft, lachte beinahe vor Erleichterung und Staunen. Das war mit Abstand der weiteste und spektakulärste Sprung gewesen, der ihr je gelungen war. Sie wünschte, ihr Leichtathletikteam vom ARC hätte sie sehen können.
Irgendwo über ihr brüllte jemand – ein aufgebrachtes »Ey!«, das nicht Zen galt, sondern dem jungen Mann, den sie verfolgte. Durch Lücken im Gerüst erkannte sie, dass der Saboteur Kurs auf ein angrenzendes Gebäude genommen hatte.
Zwei zerkratzte Aluminiumleitern brachten sie auf seine Höhe – und vorbei an dem zornigen Bauarbeiter, dessen plumpem Versuch, sie zu schnappen, Zen mühelos auswich. Neben dem Gerüst erstreckte sich eine Reihe Flachdächer, die durch niedrige Mauern voneinander getrennt waren. Der Saboteur war bereits sechs Dächer entfernt und überwand soeben die Mauer zum siebten.
Zen kniff die Augen zusammen. Ein wenig war sie mit Parkour vertraut, sie hatte es als Grundlage für andere Wettkämpfe trainiert. Ältere Läufer hatten ihr erklärt, dass sich alles um den sogenannten Flow drehte – darum, einen Punkt zu erreichen, an dem die eigenen Reaktionen intuitiv und nahezu unmittelbar erfolgten. Im Vorwärtsrennen mühte sie sich, den Kopf freizubekommen und sich allein auf den schwarz gekleideten Rücken vor ihren Augen zu konzentrieren, darauf, die Distanz zu ihm zu verringern. Sie rannte schneller und schneller, fand ihren Rhythmus, übersprang die Mauern geradezu spielend leicht.
Die Dächer führten auf ein großes Kaufhaus. Nun flogen die beiden regelrecht: Zen verfolgte den Saboteur über Geländer und Feuerleitern, Luftschächte und Oberlichter hinweg. Sie schwangen sich hinunter in ein Dachterrassencafé und hüpften von Tisch zu Tisch, versprengten Besteck, Gläser und Teller mit Kuchen und Gebäck, begleitet vom empörten Geschrei der Kellner und Gäste. Der Saboteur war gut – richtig gut. Doch mit einem Mal rutschte er auf einem Teller aus und ging zu Boden, verschwand zwischen weißen Tischtüchern.
Eine ältere Dame erhob sich von ihrem Stuhl, rief mitten in das Chaos hinein: »Was um alles in der Welt tun Sie da?«
Zen hörte, wie ihr knochiger Begleiter nicht ohne eine gewisse Befriedigung in der Stimme meinte: »Ich hatte dir ja gesagt, du sollst das Tiramisu nicht bestellen, Agnes.«
Ganz kurz zauderte Zen – sie hatte den Saboteur verloren. Nein, da war er, kaum fünfzehn Schritte entfernt, wieder auf den Beinen. Gerade katapultierte er sich von einem Dessertwagen und aus dem Café.
Sie waren auf dem Weg in einen älteren Teil von Cambridge – vermutlich zu den Universitätsgebäuden, dachte Zen, während sie eine verschnörkelte Balustrade überwand und über das gerippte Dach einer Art Vorlesungssaal hetzte. Der Saboteur hatte seine Route zweifellos im Voraus geplant. Er umrundete einen Mauerturm und rannte eine steile, mit Terrakottaziegeln gedeckte Dachfläche hinunter, aus der mehrere Kamine und Dachfenster vorsprangen. Zen, die ihm weiter verbissen auf den Fersen blieb, hob die Füße im Laufen so hoch, dass sie nicht an den Ziegelkanten hängen blieben und eine Terrakottalawine ins Rollen brachten. Einige Schindeln lösten sich dennoch und ratterten abwärts, zerplatzten auf dem Boden. Nur indem sie ihr hohes Tempo unvermindert beibehielt – und sich in einem besonders brenzligen Moment an einem offenen Fenster festhielt –, gelang es ihr, zu verhindern, dass sie von ihnen mitgerissen wurde.
Vor ihr lag nun ein wahrlich uraltes Gemäuer: eine Kirche mit Zinnen und Wasserspeiern und unheilvoll aufragendem dunklem Spitzturm. Ohne zu zögern, machte der Saboteur einen Satz von dem geziegelten Dach auf ein halbrundes, kaum mehr als einen Meter breites Gesims. Er vollführte im Landen eine enge Vorwärtsrolle und rannte dann das Gesims entlang, bis er außer Sicht war. Zen imitierte seine Bewegung sechs Sekunden später – und kam dann schlitternd zum Stehen, aus ihrem Flow gerissen und mit vor Verwirrung gerunzelter Stirn.
Ende der Leseprobe
