Tagebuch eines Schattenlosen - Ilka Hoffmann - E-Book

Tagebuch eines Schattenlosen E-Book

Ilka Hoffmann

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Beschreibung

Theo C. kann es zuerst gar nicht glauben: Sein Schatten ist ihm abhanden gekommen! Wie soll er jetzt weiterleben? Ein Mensch ohne Schatten wird doch überall Anstoß erregen! Da kommt ihm das Angebot einer Firma für Ersatzschatten gerade recht. Aber kann er dem obskuren Schattenhändler vertrauen?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ilka Hoffmann

 

 

Tagebuch eines Schattenlosen

 

 

 

 

 

 

 

LiteraturPlanet

Impressum

 

 

© Verlag LiteraturPlanet, 2021

LiteraturPlanet

Im Borresch 14

66606 St. Wendel

 

www.literaturplanet.de

 

 

Titelbild: Pierre Bonnard (1867 – 1947): Selbstporträt vor einem Rasierspiegel (Wikimedia commons)

 

Über die Autorin:

Ilka Hoffmann, Jahrgang 1964, betreut bei LiteraturPlanet die Website und organisiert die Messeauftritte. Sie lebt abwechselnd in St. Wendel und in Frankfurt am Main, wo sie als Gewerkschafterin tätig ist. Als promovierte Erziehungswissenschaftlerin veröffentlicht sie auch regelmäßig pädagogische Fachartikel. Ein Schwerpunktthema, dem sie sich sowohl in ihren Publikationen als auch in ihrer Gewerkschaftsarbeit widmet, ist das Problem der sozialen Ausgrenzung. Das Tagebuch eines Schattenlosen ist ihre zweite Veröffentlichung bei LiteraturPlanet. Es handelt sich dabei um eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe des ersten Teils ihres 2008 in unserem Verlag erschienenen Romans Der Schattenhändler.

 

 

 

Die Kündigung

 

Samstag, 1. Juli

 

Heute ist die Kündigung gekommen. Ich habe zuerst gedacht, es handle sich um Werbung, weil auf dem Briefumschlag der neue, englische Name der Firma aufgedruckt war: Securitas – International Insurance Company. Klingt irgendwie albern, aber wer weltweit operieren möchte, kommt um solche Namensspielchen wohl nicht herum.

Sicher, die Kündigung war mit mir abgesprochen – aber getroffen hat sie mich trotzdem. Ob wohl Methode dahinter steckt, dass man sie mir ausgerechnet an einem Samstag zustellt? So ist der Empfänger ja praktisch gezwungen, sich erst einmal zu beruhigen, ehe er sich eventuell doch noch gegen die Entscheidung zur Wehr setzt. – Ach was, das ist denen doch ganz egal!

Wenn ich wenigstens jemanden hätte, mit dem ich über die ganze Sache reden könnte! Ich habe das Gefühl, ich müsste mir alles noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, aber allein komme ich irgendwie nicht weiter. Dafür fehlt mir einfach die Distanz zu dem Erlebten. Andererseits scheue ich aber auch davor zurück, mich anderen in meiner Nacktheit – so zumindest empfinde ich meinen Zustand – zu offenbaren.

So ist fürs Erste der Computer mein einziges Gegenüber – eine etwas einseitige Kommunikation, auch wenn Kollege Computer vielleicht einen ganz guten Beichtvater abgibt.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir diese Form von Selbstbespiegelung nicht nur keine Hilfe, sondern verstärkt eher meine Hilflosigkeitsgefühle. Besonders das Blinken des Cursors kann ich kaum ertragen. Es erinnert mich an das Herzklopfen, nachts, wenn man aus einem Alptraum erwacht und den eigenen Herzschlag zunächst für das Geräusch näher kommender Schritte hält. Ich sollte das lassen – es hat ja doch keinen Zweck.

 

 

Samstag, 1. Juli, abends

 

Jetzt bin ich doch froh, dass ich mich heute Morgen fürs Abspeichern entschieden habe. Immerhin ist damit ein Anfang gemacht, und jetzt, wo ich keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen werde, kann das alltägliche Tippen am Computer meinen Tagen vielleicht einen neuen Rhythmus geben. Natürlich bleibt fraglich, ob das zu etwas führt – aber einen Versuch ist es wert.

Den Tag heute habe ich völlig sinnlos vertrödelt. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, was ich wann gemacht habe. Wie soll es mir da gelingen, diese ganze Geschichte zu rekonstruieren, die doch viel weiter in die Vergangenheit zurückreicht? Vielleicht mache ich mir zuerst mal ein paar Notizen. Dann könnte ich auch diesem nervtötenden Blinken des Cursors eine Zeit lang entkommen.

 

 

Schattenlose Tage

 

Montag, 3. Juli

 

War im Büro, um meine Sachen abzuholen. Zwar ist der Auflösungsvertrag auf das Monatsende datiert – aber was hätte es mir schon gebracht, die Frist voll auszuschöpfen? So habe ich die Trennung immerhin ein wenig zu meiner eigenen Sache gemacht.

Die Kollegen schauen mich immer noch an, als würden sie meine "Nacktheit" zum ersten Mal bemerken. Aber habe ich denn etwas anderes erwartet? Wahrscheinlich empfinden sie mich wirklich als nackt, und daran kann man sich bei uns nun einmal nicht gewöhnen. Würde bei den Buschmännern ein Stammesmitglied im Anzug auf die Jagd gehen, wäre das schließlich ebenso wenig "salonfähig".

Da ich meine Situation selbst kaum ändern kann, wäre es wohl das Beste, sich offensiv dazu zu bekennen – mitten durch den Raum zu gehen, direkt durch die Bahn des größten Lichteinfalls, den all die ergonomischen Beleuchtungsanlagen erzeugen, ohne sich um die Blicke der anderen zu kümmern. Das Ungewöhnliche könnte zum Attribut eines Helden werden, wenn ich den Makel wie eine Auszeichnung trüge.

Aber ich schaffe das einfach nicht. Lieber nehme ich Umwege in Kauf und drücke mich möglichst eng an Wänden, Mauern und Ecken vorbei, wo meine Blöße nicht gleich auffällt. Schließlich empfinde ich diese ja auch selbst wie eine Wunde. Es ist eben gerade ihr wesentliches Kennzeichen, dass ich mich mir selbst wie anderen schutzlos ausgeliefert fühle.

Wer einen Makel in eine Auszeichnung umdeuten möchte, braucht doch eine gewisse Lust an der Provokation, die er dadurch für andere darstellt. Wenn man die Makelhaftigkeit des Makels dagegen selbst als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit erlebt, kann eine solche Umdeutung nie und nimmer gelingen. Stattdessen werden die anderen so eher noch in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt, was dann wiederum entsprechend auf einen selbst zurückwirkt – ein Teufelskreis.

 

Montag, 3. Juli, abends

 

Mein erster Tag als Arbeitsloser. Eigentlich müsste ich morgen zum Job Center gehen, aber ich warte damit lieber, bis es mal wieder einen Regentag gibt. Natürlich ist das im Prinzip unsinnig, denn das Licht im Innern der Räume wird dann wohl eher noch greller sein als jetzt. Trotzdem fühle ich mich irgendwie sicherer, wenn es draußen dunkel ist – und das ist bei einem solchen Behördengang schließlich auch nicht ganz unwichtig.

Mittlerweile habe ich mir auch ein paar Notizen gemacht. Mir ist aufgefallen, dass ich gerade über die Nacht, in der alles angefangen hat, so gut wie nichts mehr weiß. Oder vielmehr, dass mir selbst alles wie ein Traum vorkommt. Die Details – auf die doch alles ankommt, wenn ich mir klar werden möchte über das, was mit mir geschehen ist – sind wie weggeblasen. Die Straßen, das Mädchen, der Fluss – alles sieht aus wie ein Bild von Kubin, und ich selbst bewege mich darin wie ein Fremder, den die undurchsichtige Logik eines Traumes da hineingeworfen hat. Ich werde wohl ein paar "Ortstermine" ansetzen müssen, um bei meinen Rekonstruktionen Fortschritte zu erzielen.

 

 

Erinnerungsarbeit

 

Samstag, 8. Juli

 

Wenn man die Schleusen des Gedächtnisses erst einmal öffnet, ist es, als würde man regelrecht überflutet von den eigenen Erinnerungen. Erst sickern sie ganz langsam in das Bewusstsein ein, aber dann schwillt ihr Strom auf einmal so machtvoll an, dass man ihrer kaum noch Herr wird. Also sollte ich nun endlich versuchen, sie zu formen, um nicht in ihnen zu ertrinken.

Wenn die Erinnerungen aber noch unerträglicher werden, sobald sie Gestalt angenommen haben? Geht es dem Gekenterten etwa besser, wenn er das, was er für Schiffe am Horizont gehalten hat, als Wellentürme erkennt? Und lässt sich ein seiner Struktur nach immaterieller Stoff überhaupt formen?

Immerhin bin ich die Woche über nicht untätig gewesen. Mittwoch und Freitag habe ich recherchiert. Ich bin noch mal die Wege abgegangen, die ich damals eingeschlagen haben muss, und ich habe die Zeit gemessen, die man für die gesamte Wegstrecke benötigt. Offenbar ist alles viel schneller gegangen, als es mir in der Erinnerung vorkommt. Aber das war – angesichts der Bedeutung, die die Ereignisse für mich hatten – auch kaum anders zu erwarten.

Das Wochenende will ich für weitere Notizen nutzen. Am Montag könnte dann meine erste Arbeitswoche als "Gedächtnisrestaurator" beginnen.

Komisch, dass ich das Gefühl von Wochenende habe, obwohl ich doch nun gar keine Arbeitswoche mehr habe …

Den Weg zum Job Center habe ich nun auch endlich hinter mir. Am Donnerstagnachmittag – als es zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig geschüttet und sogar gewittert hat – bin ich buchstäblich ins kalte Wasser gesprungen und habe mich arbeitslos gemeldet.

Mir scheint, meine Strategie ist einigermaßen aufgegangen. Die Blitze, der Donner, der starke Regen – das sind einfach so vielfältige Reize, dass man nicht jeder ungewöhnlichen optischen Erscheinung Beachtung schenkt. Die übliche Unsicherheit im Verhalten mir gegenüber, gut, die hat es natürlich gegeben, aber einen Eklat konnte ich doch vermeiden.

Ich schweife ab … Ob ich mich wohl irgendwann dazu überwinden kann, den Dschungel der Vergangenheit nicht nur anzuschauen, sondern wirklich in ihn vorzudringen?

 

 

Geschichte eines Schattenverlusts/1

 

Montag, 10. Juli

 

Anstatt mir Notizen zu machen, habe ich das Wochenende mit lauter Nichtigkeiten verbracht. Dinge von A nach B geräumt, Staub gewischt, den ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte, alte Zeitungen sortiert …

Ich fliehe vor mir selbst. Ich habe Angst, denselben Ekel vor mir zu empfinden, der auch alle anderen aus meiner Nähe vertreibt. Es ist die Angst vor dem Schuss, den man auf eine elastische Wand abgibt, von wo er zurückprallt auf einen selbst, mitten ins Herz.

Aber ich habe keine Wahl mehr. Ich bin allein mit mir und muss mich vor mir selbst in Acht nehmen. Entweder löse ich den Schuss ganz bewusst aus, oder er löst sich ohne mein Zutun in mir und zerstört mich von innen heraus.

Also fange ich an.

 

1. Der Betriebsausflug

 

Alles begann in der Nacht vom 18. auf den 19. November vergangenen Jahres. Ein Betriebsausflug hatte uns in das benachbarte Hadderstetten geführt, wo wir – wie bei solchen Anlässen üblich – am Abend in einer Gaststätte einkehrten, um den Tag in feucht-fröhlicher Stimmung zu beschließen. Wir hatten hierfür das Lamm ausgewählt, weil ein Kollege mit einem Bruder des Wirts verwandt war und wir so erwarten durften, mit einer gewissen Zuvorkommenheit bedient zu werden.

Tatsächlich verlief der Abend dann auch zu unser aller Zufriedenheit. Strahlte der gewölbeartige Raum an sich schon eine gemütliche Atmosphäre aus, so waren unsere Tische auch noch so postiert, dass wir ihn von unserer Ecke aus gut überschauen konnten, ohne uns dabei ins Abseits gedrängt zu fühlen. Auch das Essen war hervorragend, ganz zu schweigen von dem sorgsam zusammengestellten Weinangebot. Wir durften die Weine sogar erst probieren, ehe wir uns für eine bestimmte Sorte entschieden.

Objektiv betrachtet, hatte der Abend nichts Außergewöhnliches an sich. Der übliche Abschluss eines Betriebsausflugs eben, mit der etwas gezwungenen Fröhlichkeit am Anfang, die sich dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf immer anzüglichere Witze und immer grelleres Gelächter zubewegt. Dennoch wird mir der Abend in besonderer Erinnerung bleiben. Schließlich waren das die letzten Stunden, die ich noch wie früher verbringen konnte, als Teil des Ganzen, ein Element unter vielen anderen in einer großen Menge.

Ich will nicht behaupten, dass ich mich damals besonders wohl gefühlt hätte in meiner Haut, aber auch diese Empfindung habe ich wohl mit den meisten anderen geteilt. Im Grunde sind einem diejenigen, mit denen man bei solchen Anlässen feiert, ja völlig fremd. Trotzdem bemühen sich alle, der betrieblichen Zwangsgemeinschaft bei dieser Gelegenheit einen Anschein von Freiwilligkeit zu geben. Natürlich ist die Harmonie nur eine vordergründige, das Ganze ist nichts weiter als ein Ritual – aber es dient eben doch der Sicherung des Betriebsfriedens und erleichtert so die alltäglichen Arbeitsprozesse ungemein.

Hinzu kommt, dass ich an jenem Abend endlich mit Lina – die damals noch relativ neu in unserer Firma war – näher ins Gespräch gekommen war. Sie arbeitete zu dem Zeitpunkt schon seit einigen Wochen in meinem Team mit, doch war es mir bis dahin nie gelungen, im Umgang mit ihr über die üblichen Freundlichkeitsfloskeln und Mittagspausenwitzchen hinauszukommen. Der von Kerzen und indirekter Beleuchtung nur schwach erhellte Raum begünstigte nun aber eine gewisse Vertraulichkeit untereinander.

Gleich bei ihrem Eintritt in den Betrieb hatte ich mich zu Lina hingezogen gefühlt. Natürlich hat dabei auch ihr Aussehen eine Rolle gespielt – ihr seidiges schwarzes Haar und ihre zarten, verletzlich wirkenden Gesichtszüge. Für mich jedoch beruhte ihre Anziehungskraft in erster Linie auf ihrer offenen, anderen zugewandten Art, die sowohl Lebenslust als auch eine gewisse geistige Neugier ausstrahlte.

Unsere Unterhaltung beim Betriebsausflug bestärkte mich noch in diesem Eindruck. Was mir besonders gefiel, waren die Leichtigkeit, mit der man mit Lina von einem Thema zum anderen überwechseln konnte, und die Unbefangenheit, mit der sie sich noch den entlegensten Fragen näherte. Bei alledem hatten wir viel zu lachen. Immer mehr trat das Geschehen um uns her in den Hintergrund. Durch eine unsichtbare Wand von den anderen getrennt, versanken wir in unserer eigenen Welt.

Im Rückblick scheint es mir fast, als hätte das Gespräch mit Lina die folgenden Ereignisse zumindest mit beeinflusst. Aber wahrscheinlich hat doch das eine mit dem anderen nichts zu tun, und es ist purer Zufall, dass ich mich später in das Hafenviertel verirrt habe. Ich weiß auch nicht, woher dieses Bedürfnis kommt, hinter allem besondere Ursachen und Beweggründe zu vermuten. Leichter zu ertragen ist mein Schicksal dadurch ja auch nicht.

 

 

Geschichte eines Schattenverlusts/2

 

Dienstag, 11. Juli

 

Ein seltsames Gefühl, sich selbst zum Helden der eigenen Geschichte zu machen … Ich spüre, wie ich mir selber fremd werde dadurch. Aber vielleicht ist das ja gerade der Trick bei der Sache: Wer das eigene Leben aus der Distanz betrachtet, nimmt auf einmal Dinge wahr, die ihm vorher, eingesponnen in sein eigenes Ich, gar nicht aufgefallen waren.

Das Ganze wäre wahrscheinlich anders, wenn ich die Geschichte mündlich erzählen würde. Dann könnte ich vor so mancher Wendung, die für mich wenig schmeichelhaft ist, eher ausweichen. Beim Schreiben aber funktioniert die Schranke der inneren Zensur nicht so gut. Da bin ich selbst mein einziges Gegenüber, niemand baut mir eine Brücke zu unverbindlichen Allgemeinplätzen, hinter deren Fassade sich Unannehmlichkeiten aller Art so trefflich verbergen lassen.

Also zurück zu dem Betriebsausflug …

 

2. Novembernebel

 

Am Ende des Abends verspürte ich nicht die geringste Lust, zusammen mit den Kollegen nach Lumenberg zurückzufahren. Ich wusste, dass von Hadderstetten noch spätabends Züge nach Lumenberg fahren. Deshalb beschloss ich, auf die lärmende Heimreise in dem engen Bus zu verzichten und noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort zu machen. Der Bahnhof lag auf der anderen Seite der Stadt, jenseits des Parks, so dass ich zwangsläufig noch ein paar Schritte gehen musste, um dorthin zu gelangen.

Natürlich war mein Verhalten durchaus ungewöhnlich. Den Kollegen gegenüber begründete ich es mit einem Freund, dem ich versprochen hätte, noch bei ihm vorbeizuschauen. Angesichts des leichten bis mittelschweren Alkoholisierungsgrades der Gesellschaft kam glücklicherweise niemand auf die Idee, diese – nachts um 11 – durchaus ungewöhnliche Erklärung anzuzweifeln.

Bei der Abfahrt des Busses erhaschte ich noch einen kurzen Blick von Lina, die vielleicht als Einzige spürte, warum ich nicht in den Bus einsteigen wollte. Dann machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof.

Ich hatte tatsächlich vor, nur noch ein wenig die frische Nachtluft zu genießen. Trotz der späten Stunde wollte ich quer durch den dunklen Park gehen und dann direkt nach Hause fahren. Der Zug musste meiner Erinnerung nach so gegen 12 fahren. Andernfalls hätte ich von Hadderstetten aus auch problemlos ein Taxi nehmen können.

Für eine Novembernacht war die Luft ausgesprochen mild. Nach den stickigen Stunden in der Gaststätte war es mir doppelt angenehm, sie in vollen Zügen einzuatmen. Ich ging, wie ich glaubte, geradewegs auf den Park zu, den ich am Ende der an dem Lokal vorbeiführenden Allee vermutete. Zwar zog sich der Weg länger hin, als ich angenommen hatte, doch machte ich mir darüber anfangs keinerlei Gedanken. Schließlich kannte ich mich in Hadderstetten bei Weitem nicht so gut aus wie in Lumenberg. Und konnte es nicht sein, dass mir die Allee bei Nacht – ohne den regen Straßenverkehr und das bunte Treiben vor den Geschäften – einfach länger vorkam als am Tag?

Erst als ich das Ende der Allee erreichte, fiel mir auf, dass ich in die verkehrte Richtung gelaufen war. Statt am Park fand ich mich an einer Durchgangsstraße wieder, hinter der die Allee in das enge Gassengewirr des Hafenviertels mündete.

Ich hätte nun wohl umkehren oder einen der wenigen Passanten nach dem Weg zum Bahnhof fragen müssen. Warum ich weder das eine noch das andere getan habe, weiß ich selbst nicht. Vielleicht hielt mich einfach eine Art Trotz davon ab, mir den zu so später Stunde doch recht ungemütlichen Fehler einzugestehen. Immerhin war der Weg zum Bahnhof nun etwa doppelt so lang wie von der Gaststätte aus. Also würde ich den Zug wohl verpassen und ein Taxi nehmen müssen. Das konnte ich mir dann aber genauso gut im Hafenviertel suchen.

So durchquerte ich die Unterführung, die Allee und Hafenviertel miteinander verbindet, und steuerte auf der anderen Seite einfach wahllos auf die erstbeste Gasse zu. Im Unterschied zu der Allee kam mir die Luft hier, in der Nähe des Flusses, feucht und schwer vor. Schon nach wenigen Metern umfing mich dichter Nebel, der im Lichtkegel der Straßenlampen als schwereloser Strom durch die Nacht floss.

Ohne zu wissen, wo ich mich befand, ging ich einfach weiter geradeaus. Irgendwann würde ich sicher auf einen größeren Platz stoßen, wo ich mir ein Taxi anhalten könnte – dachte ich. Tatsächlich muss ich mich aber ziemlich bald in dem Wegelabyrinth verlaufen haben. Immer schneller drehte sich der Reigen der Gassen um mich, immer enger umschloss mich die Nebelwand, und immer weniger Passanten kamen mir entgegen.

Diese Umstände können vielleicht auch die verhängnisvolle Entscheidung erklären, die ich kurz darauf getroffen habe. Heute verstehe ich selbst nicht mehr, warum ich an der nächsten Kreuzung, von der drei Gassen abgingen, nicht die mittlere und größte gewählt habe. Schließlich hätte man von ihr am ehesten annehmen können, dass sie aus dem Labyrinth herausführt. Leider bin ich aber in die Gasse zu meiner Linken eingebogen, aus der ein rötlicher Schein herausdrang.

 

 

Geschichte eines Schattenverlusts/3

 

Dienstag/Mittwoch, 11./12. Juli

 

Das finstere Bergdorf

 

Mitternacht … Das Gefühl, als würde das Leben in sich selbst zurückfließen. Niemand hat mehr einen Schatten, alles kehrt heim unter die weichen Flügel der Nacht.

Natürlich hängen diese Empfindungen auch mit meiner derzeitigen Situation zusammen. Für einen Schattenlosen ist die Nacht wie eine Tarnkappe, unter der er sein wahres Wesen verbergen kann. Andererseits hat die Nacht mir schon immer ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, ein Gefühl von innerer Ruhe und Zu-sich-selbst-Kommen.

Eine einzige Ausnahme fällt mir ein. Das war in einem abgelegenen Bergdorf, als ich spätabends von einer Gaststätte in mein Hotel zurückgehen wollte. Ich wusste zwar, dass es in dem Dorf keine Straßenlaternen gab. Mit einer derart undurchdringlichen Finsternis hatte ich jedoch nicht gerechnet. Es war, als wäre Gott auf einmal seiner Schöpfung überdrüssig geworden und hätte einen Mantel darüber gebreitet, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Da es in dem Dorf nur eine einzige Straße gab, war der Weg zum Hotel nicht zu verfehlen. Dennoch fühlte ich mich wie ein Astronaut, der frei im Weltraum schwebt und nicht mehr weiß, wie er zu seinem Raumschiff zurückfinden soll. Selten habe ich eine solche Erleichterung empfunden wie in dem Augenblick, als die Lichter der Herberge vor mir auftauchten.

Warum ich mich daran wohl gerade jetzt erinnere? Wahrscheinlich, weil ich – so seltsam das auch klingt – bei meinem nächtlichen Herumirren im Hafenviertel von Hadderstetten etwas Ähnliches empfunden habe, als ich mich dem Rotlichtviertel näherte.

 

3. Im Labyrinth des Rotlichtviertels

 

Das Rotlichtviertel als Zufluchtsort für einen verirrten Wanderer? Heute kommt mir das selbst ganz lächerlich vor. Und dennoch: Wenn ich mich genau an jenen Augenblick zu erinnern versuche, als ich mich der rötlich schimmernden Gasse näherte, steigt immer nur das Gefühl einer behütenden Wärme in mir auf.

Für die leicht bekleideten Damen, die vor den Hauseingängen herumstanden, war ich einer von denen, die sie für ein paar Minuten von dem feucht-kühlen Nebel befreien konnten. Entsprechend aufdringlich bemühten sie sich um mich. Spätestens da hätte ich wohl meinen Irrtum erkennen und umkehren müssen. Stattdessen habe ich aber einfach meinen Schritt beschleunigt, sobald mich eine der Damen von der Seite ansprach. So geriet ich rasch immer tiefer in die Gasse hinein, bis es schließlich gleichgültig war, ob ich weiter geradeaus ging oder umkehrte.

Die Stimmen, die an mich herandrangen, vermischten sich in meinem Kopf allmählich zu einem Chor, der demselben eintönigen, schrillen Rhythmus zu folgen schien wie die zuckenden Leuchttafeln, die mich von jedem zweiten Haus aus anbleckten: "Na Süßer wie wär's denn SUPER LIVE SHOW nanu so allein Süßer HIER GEHT'S ZUR SACHE hast du Lust Süßer komm doch mit STRIPTEASE so allein zu zweit ist's wärmer VIDEOKABINEN Süßer hast duLUST LUST LUST LUST LUST LUST ..."

Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde mich von schräg vorne jemand mit den Augen fixieren.

---ENDE DER LESEPROBE---