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Jason, der Querdenker, ist beileibe kein Gott, obwohl man denken könnte, in jedem seiner facettenreichen Abenteuer erfinde sich die Welt neu. Sei es im Schlaf oder im Wachtraum, geleitet von seinen intensiven inneren Bildern und seinem sonnigen Gemüt, überrumpelt er sämtliche Stolpersteine die das Schicksal für ihn bereit hält. Wer ist dieser Jason? Er weiß es selbst nicht. Vielleicht könnte man ihn als Schiffbrüchigen zwischen Illusion und Wirklichkeit bezeichnen. Liegt der Schlüssel zu seinem Selbst beiderseits des verschlossenen Schneckenhauses seiner Vergangenheit und dem unendlichen Tummelplatz seiner Visionen oder in einer gänzlich anderen Wahrheit? Basis dieses Episodenromans sind Heckmanns Bilderwelten. In gemalten Worten entfaltet sich Schritt für Schritt ein innerer Kosmos und verdichtet sich spielerisch zur Ganzheit von Traum und Realität.
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Reise im Kopf
Der Phönix
Planet Blue
Äquinoktium
Dreamland
Deep Sleep
Happy Hour
On the run
Die Stadt aus Sand
Oasis
Workaholic
La zone libre
Der Kongress
Die Reise
Die Insel der fischenden Katze
Zombie
Studentenfutter
Conquistadores
Die Apokalypse
Brainstorm
Micromax
Marinintim
Die Zauberbohne
Reflexions
Die Quelle
Timewalker
Der gute Ton
Die Beobachter
Le Monde Parallèle
Stormy day
Die dritte Dimension
Voyage, Voyage
Schüsselblumen
Katzenland
The Loop
Eva’s Apfel
By Accident
Nemo le petit
Die Kinder der Monde Parallèle
Bilderverzeichnis
Unablässiges Schaben und Kratzen am Schiffsrumpf hallte durch meine nachtflüchtigen Tagträume. Wie gerne hätte ich die Tage und Nächte dieses befremdenden Stillstands verschlafen. Seit meinem Sturz erinnerte ich mich an nichts mehr. Die Zeit stand still und als wollte mir die Natur vor Augen führen, dass ich ihr gleichgültig war, hingen die Segel reglos wie Leichentücher über meinem Kopf.
Kein Lüftchen bewegte sich und die Strömung zog mich immer tiefer in den Nebel. Die Solarpaneelen lieferten kaum noch Strom, und das Funkgerät beantwortete meine S.O.S. Rufe mit Tönen, die ich mehr oder weniger als Walgesänge interpretierte. Ein leichtes Klopfen an der Bordwand weckte mich aus meiner Lethargie. Ich beugte mich über die Reling und zog einen Kunststoffeimer aus dem Wasser. Immer mehr Plastik trieb heran und binnen Minuten war ich gänzlich von Müll eingeschlossen. Immerhin wusste ich jetzt, wo ich mich befand, der große pazifische Plastikstrudel hatte mich eingefangen.
Gedankenverloren beobachtete ich, wie der Unrat keine zwanzig Meter vor mir vom Nebel verschluckt wurde. Ein wohlbekanntes Ensemble aus unzähligen Plastiktüten, Kanistern, Styroporteilen, Kunststoffflaschen und Geisternetzen umringte das Boot. Durch die hohle Faust fokussierte ich einen zerknautschten Fußball, dann eine Zahnbürste, einen Gummihandschuh nebst Badehaube, einen Puppenkopf der auf und ab tauchte und wie um mich zu ärgern, ein gekentertes Spielzeugschiffchen, dass an der Bordwand entlang dümpelte.
In der Windstille erschien mir das umnebelte Chaos der einzige Bezugspunkt zur Realität. Die Flut der Dinge war mir befremdlich und vertraut zugleich. Von Zeit zu Zeit stocherte ich im Müllteppich, einzig um mich zu vergewissern, nicht an Land auf einer Abfalldeponie gestrandet zu sein. Es war beklemmend, ein elender Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Ich kam auf den Gedanken, ich sei tot und in der Hölle, dies sei die Quittung für mein unbekümmertes Konsumverhalten und ich triebe bis ans Ende der Tage in meinem eigenen Müll. Aus schierer Verzweiflung schrie ich in den Nebel nie wieder Plastik zu kaufen, sollte ich lebend aus dieser Hoffnungslosigkeit herausfinden.
Zur Untätigkeit verdammt begab ich mich unter Deck und überprüfte zum x-ten Male meine Reserven. Die angebrochene Flasche Rum würde den Tag nicht überleben, das war mir sofort klar. Danach müsste ich mich wohl oder übel mit dem verbliebenen Wasser begnügen. Der Tank war fast leer, doch hatte ich noch achtzehn Liter Mineralwasser, einzig meine aufkommende Aversion gegen Plastikflaschen stand deren Öffnung im Wege. Mit dem halben Päckchen Tabak, den zwei Blutwurstkonserven, der Packung Rosinen und den Kapern hauszuhalten, war bei Weitem diffiziler. Obwohl mir klar war, dass die Chancen eher unerfreulich für mich standen, war ich frohen Mutes, hoffte auf Sonne, klaren Himmel und günstigen Wind. Nach diesen zugegeben nicht gerade zielführenden Denkübungen verschlang ich sämtliche Vorräte auf einen Sitz, drehte akkurat eine Zigarette und schenkte mir großzügig den verbliebenen Rum ein.
Kaum saß ich in meinem Lehnsessel, schlich sich ein regelmäßiger dunkler Ton in die Stille der Kajüte. Ungläubig streckte ich den Kopf aus der Luke und lauschte in die graue Wand. Zunächst hörte ich nur meinen Pulsschlag in den Schläfen, doch dazwischen lag eindeutig der tiefe Basston eines Nebelhorns, der dröhnende Ton näherte sich rasch, zudem begann das Boot leicht zu schwanken. Ich stieg an Deck, der Plastikteppich hatte sich in Bewegung gesetzt. Geistesgegenwärtig sicherte ich mich noch mit einem Tau an den Deckhaken, bevor inmitten des ohrenbetäubenden Lärms des Nebelhorns ein Schiffsbug vor mir aufragte. Alles ging blitzschnell, das Boot kenterte und zerbrach. Wirbelnde Plastikteile waren das Letzte, was ich noch wahrnahm.
Kurz darauf blinzelte ich mit beengter Brust in ein schummriges, graues Nichts, in dem zwei trübe übereinanderstehende Lichter leuchteten. In der Totenstille wähnte ich mich in einem Traum. Unrast befiel mein Herz. Konnte es sein, dass ich tot war? Brust- und Kopfschmerzen sagten Gegenteiliges, auch mein Stöhnen war deutlich zu vernehmen. Beim Versuch, mich aufzurichten, wurde mir schwindlig und ich hatte das Gefühl, dass mich irgendetwas festhielt. Meine Bewegungsversuche hatten Wellen im Raum verursacht und das untere der zwei seltsamen Lichter begann jetzt auf und ab zu tänzeln.
Blitzartig wurde mir bewusst am Leben zu sein. Ich trieb auf einer Flüssigkeit, einem See vielleicht. In den von mir verursachten kleinen Wellen spiegelte sich ein verschwommener Vollmond. Nebel begrenzte meinen Horizont auf wenige Meter Sicht. Ich schwamm durch ein farbloses, feuchtes Nichts. Ein Tau quer über der Brust fixierte mich auf einem schwankenden Floß. Ich bewegte meine Arme, löste mühelos die Knoten und bekam wieder Luft. Dann kostete ich das Wasser, es schmeckte unternehmungslustig. Obwohl ich das unangenehme Gefühl nicht loswurde, tief zu schlafen, erschien mir alles Nachfolgende absolut real. Feuchtfröhlich trällerte ich Seemannslieder und triftete immer tiefer in den zeitlosen Hall meines Inneren Erlebens. Oft hielt ich rastlos inne und musste mich tastend umsehen, bevor ich verstand, was ich sehen wollte.
Die Reise begann recht unspektakulär. Mein altes Haus hatte ich zunächst angehoben, dann auf Räder montiert und mit allen Erinnerungen an den Wagen gehängt. Unweit von Mitternacht pinselte ich noch "Wherever I lay my head is my home" über die Nummernschilder und kurz danach war es so weit. Ich ließ den Motor an und mein bisheriges Leben hinter mir. Dichte Nebelschwaden nahmen mir sogleich die Sicht. Es war mir einerlei, ein Auge auf dem Kompass, eines auf der Straße fuhr ich unbeirrbar immer Richtung Süden. Das endlose graue Band rollte ununterbrochen unter mir hinweg und ich durchfuhr eine weiße, scheinwerferbeleuchtete Wand. Vielleicht war dies die Zufahrt ins Nichts. Ohne es zu ahnen, lotste mich die Einbahnstraße schnurgerade bis zu einem verschleierten Horizont, danach stieg sie unablässig in die Höhe. Im Blindflug bewegte sich der Wagen wie von selbst. Immer weiter, immer höher und nach einer nicht enden wollenden Fahrt durch den undurchdringlichen Nebel, öffneten sich die Wolken. Mir näherte sich die Morgenröte eines zeitlosen Augenblicks. Mittlerweile umkreiste ein Lachmöwenschwarm spöttisch mein Haus. Zwischen den letzten Nebelschwaden kam ich vor einem mysteriösen Schild zum Stehen. „The One-Way-Drive“. Ich hatte den Scheitelpunkt dieser eigenartigen Straße erreicht und befand mich jetzt in schwindelerregender Höhe unter einer Regenbogenbrücke. Rechts und links der schmalen Fahrspur ging es jäh hinab in die Tiefe. Eine Umkehr war ausgeschlossen. Hinter mir lag die bleierne Nebelwand der Nacht, vor mir die unendliche Weite eines wolkenlosen Himmels und das spiegelglatte Meer. Der Fahrweg führte steil hinab, direkt auf den Ozean zu. Kein Land war mehr auszumachen.
Kein Land? Da war ein Land. Die Straße führte direkt unter der Wasseroberfläche weiter. Mit den Augen konnte ich klar verfolgen, wie sie sich schnurgerade in der Tiefe verlor. Ohne nachzudenken, stieg ich ein, schaltete in den Leerlauf und löste die Bremsen. Gemächlich nahm mein Gespann Fahrt auf. Das Haus schob den Wagen unaufhaltsam vorwärts, immer schneller jagte ich die Straße hinunter. Die Tachonadel blieb bei 280 km/h stehen. In völliger Gelassenheit entzündete ich eine Zigarette und durchbrach ohne den geringsten Wellenschlag das dünne Häutchen der Wasseroberflächenspannung. Der Ozean flutete den Innenraum. Meiner Zigarette war dies gleichgültig, sie brannte selbstvergessen im Aschenbecher weiter. Ohne Schaden, Nässegefühl oder Atemnot tauchte ich hinunter ins Meer. Alles schien wie gewohnt, nur die Umgebungsfarbe hatte sich ins Bläulich-violette verändert und die Sonnenstrahlen warfen bunte Reflexe auf den Meeresgrund. Der Wagen rollte langsam aus und ich kontrollierte mich im Rückspiegel. Alles schien normal, weder Fischaugen noch Kiemen hatte ich bekommen. Der Motor ließ sich problemlos starten und blubberte regelmäßig. Schmunzelnd nahm ich mir vor, später nachzusehen, ob die Toilette und die Dusche im Haus noch funktionierten.
Delfine und Putzerfische begleiteten mich, während ich eine mit Relikten versunkener Kulturen angefüllte Trümmerlandschaft durchfuhr. Am Straßenrand lagen Säulen, Statuen, Einkaufswagen, Amphoren und Weichspülerflaschen, sie waren dicht besetzt von Muscheln und Korallen. Fischschwärme durchstreiften die Wracks von Öltankern und U-Booten, auch ein versunkenes Floß sah ich. Aus den Seetangwäldern lugten verfallene Kathedralen und Industrieanlagen hervor. Bunkerruinen versanken im Meeresboden. Überwältigt von den bizarren Formen und Farben der Unterwasserwelt, die in ihrer heiteren Lebendigkeit die leblosen Dinge des Menschen überwucherten und verdauten, versuchte ich erst gar nicht etwas geschichtlich oder wissenschaftlich zuzuordnen. Diese erstaunliche stille Welt und ihre Bewohner zogen mich vollständig in ihren Bann. Die Unterwasserfahrt verging dabei wie im Fluge. Inmitten der Schlummerstunde verließ der Fahrweg allmählich die Ebene der Ruinenfelder und führte hinab in die Tiefe. Ich ließ mich treiben. Die Straße verlief Schnurgeradeaus, das einzig Anstrengende war, ständig bremsbereit zu sein, um keinen Fisch zu überfahren.
Schleichend und unaufhaltsam verschwamm die Unterwasserlandschaft in einer unergründlichen Schwärze. Eine sternlose Meeresnacht begann. Die Reise war mir bisher hinter dem Lenkrad vergangen. Sitzfleisch und Magen meldeten sich gemeinschaftlich. Ich überlegte, die Fahrt zu unterbrechen, als die Scheinwerfer ein Schild aufleuchten ließen. „Rastplatz Ursprung. 2 Sehmeilen.“ Genau im richtigen Moment, denn bei meinem spontanen Entschluss loszufahren, hatte ich nicht bedacht, den Kühlschrank ordentlich aufzufüllen, zudem ein ausgiebiges Abendessen in Gesellschaft wäre nicht zu verachten. Der Rastplatz erwies sich bedauerlicherweise als ein verlassener Parkplatz mit Aussichtsplattform auf einen Phönix, was immer das auch sein mochte. Selbst wenn in der absoluten Dunkelheit etwas zu erkennen gewesen wäre, mit einer schönen Aussicht füllt sich kein leerer Magen.
Ernüchtert stellte ich den Wagen ab und sammelte im Scheinwerferlicht einige unvorsichtige Muscheln, Seegurken und Seetang, danach ging ich ins Haus und entzündete im Stockfinstern den Gasherd.
Das Licht der blauen Gasflamme war spärlich, jedoch ausreichend, um in der Kochnische zu werkeln. Ein kaum wahrnehmbarer roter Schein begann in die Küche zu leuchten. Ich schlenderte zum Küchenfenster und bemerkte einen glutroten Schimmer im Schwarz des Ozeans. Zunächst vermutete ich, die Morgenröte beginne, nur die Sonne war gerade erst untergegangen. Das Leuchten musste von etwas anderem stammen.
In der Ferne züngelten bald Flammen über den Horizont und tauchten den Meeresboden in ein flackerndes rotes Licht. Kurz danach erhob sich ein glühender Feuerball aus der Schwärze des Meeres. Während der Zubereitung eines Seetangs à la Crème mit einigen Eiern vom Stör hatte ich das Vergnügen im Küchenfenster mit anzusehen, wie die Feuerkugel höher stieg, in ihrer Mitte ein Spalt aufbrach und der Flammenball sich langsam öffnete.
Die flüssige Lava des feurigen Gestirns barg eine Eizelle, die sich fortwährend teilte und in rasender Geschwindigkeit einen glühenden Fötus entwickelte. Fasziniert und mit vollen Backen beobachtete ich das Geschehen. Im Nu war das Geschöpf ausgewachsen und breitete bedächtig seine brennenden Flügel zum Trocknen im Wasser aus. Jetzt verstand ich das Rastplatzschild. An dieser Stelle konnte man bequem der Geburt eines Feuervogels beiwohnen.
Zwischenzeitlich experimentierte ich an einer neuen kulinarischen Kreation. Meeresfrüchte in Austernsoße mit Seegurkensalat. Der Feuerplanet stand bereits hoch über dem Horizont, als der Phönix zwitschernd dem Flammenmeer entflatterte. Sein Gefieder loderte in glühenden Rot-Orange- und Gelbtönen. Eine Zeit lang entflammte er voller Lebensfreude Feuerkreise über meinem Haus und entschwand mit tollkühnen Flugmanövern in der Meeresnacht. Die Feuerkugel hatte bereits ihren Zenit überschritten und neigte sich wieder zum Horizont. Eine Wassermelone zum Nachtisch wollte ich noch öffnen, als der Phönix in einem wilden Funkengestöber zurückkehrte. Ich erkannte den Vogel kaum wieder. Sein jugendliches Feuer war in ein fahles, blaugraues Leuchten übergegangen.
Der ausgezehrte Körper glühte nur noch an wenigen Stellen und verbrannte unaufhaltsam zu Asche. Mit einem letzten lang gezogenen Seufzer stürzte er sich im wilden Funkenflug kopfüber in den Schoß der Lava und versank im Flammenmeer. Danach schloss sich die Oberfläche des Feuerplaneten behutsam über den Resten des Phönix. Mit dem Ursprung verschmolzen, sammelte er Energie für seine Wiederkehr.