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Einfallsreich und liebenswert offenbaren uns Naomi und Nemo ihre Welt der wahren Träume. In ihren bezaubernden Abenteuern erfahren wir vom denkenden Computer der gegenwärtigen Zukunft und erleben hautnah die verknöcherte Urzeit einer Dinosaurierhöhle. Außergewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Ideen, als Liliputaner kämpfen sie sich durch den Gemüsegarten und entkommen nur knapp dem Labyrinth einer Computerschule. Sei es auf der Zugreise durch den Kosmos, auf dem Puppenplaneten oder im Internetsturm, Naomi, Nemo und ihre Freunde stellen sich spielerisch sämtlichen Herausforderungen. Tobend im Warmeis am Äquator und als Geburtshelfer einer feurigen Wiedergeburt auf dem Vulkan, die Kinder sind für jedes Wagnis bereit.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für Mara
1 Der Sternenexpress
2 Minimax
3 Der Magier
4 Splash Gordon
5 Die Nacht der Puppen
6 Die Klavierstunde
7 Die Höhle der wirklichen Träume
8 Der Irrgarten
9 Magma
10 Eiszeit
11 Abakus
Es war an einem späten Nachmittag im Jahre fünf der Kinderzeitrechnung. Der große Wald döste im warmen Sonnenlicht vor sich hin und auch die Tiere schienen ein Nickerchen zu halten. Inmitten der friedlichen Stille hörte man ab und an Kinderstimmen, die sich jedoch bald im Rauschen des Windes verloren. Sie stammten von Naomi und Nemo, die durch den Dschungel hinter ihrem Haus streiften. Die Entdeckung von Indianerschleichpfaden führte sie immer tiefer in die Wildnis. Die Trampelpfade waren allerdings nicht von Indianern ausgetreten worden, sondern von Wildtieren und verliefen kreuz und quer durch den Wald. Nach einer langen Weile erreichten sie einen Teich, den sie noch nie zuvor gesehen hatten und blickten sich unschlüssig um. Von hier aus verzweigten sich die Wildpfade in alle Richtungen. Über ihren Köpfen blickten Baumriesen neugierig auf sie herab. Naomi fragte eine uralte, knorrige Ulme nach dem Weg. „Wissen Sie, wo es zum Strand geht? Wir sind vom Weg abgekommen.“ „Strand? Weg? Hmmm“, murmelte der betagte Baum und rauschte verlegen mit der Baumkrone. Er beriet sich kurz mit den anderen Baumveteranen, doch sie zuckten nur ratlos mit den Ästen. „Wir würden euch sehr gerne helfen, aber sagt uns zuvor, was ist ein Weg?“ „Auf einem Weg kann man ohne Hindernisse laufen, er führt immer irgendwo hin.“ „Laufen, aha. Das müsst ihr uns später erklären, doch zuerst das mit dem Strand, das Wort kennen wir nicht.“ „Der Strand ist das Ufer des Meeres.“ „Interessant aber heißt es nicht mehreres statt mehres?“ Nemo seufzte. Die Bäume konnten ihnen nicht weiterhelfen. Woher sollten sie auch wissen, was das Meer, ein Weg oder gar Laufen ist. Unverkennbar waren sie schon seit ewigen Zeiten in der Erde verwurzelt und hatten trotz ihres hohen Alters noch nicht viel von der Welt gesehen. Worte wie Uhrzeit, Computer oder Softeis würden ihnen genauso wenig sagen. Sie wussten nicht einmal, dass sie auf einer Insel standen. Ernüchtert und mit dem Versprechen, in ein paar Tagen zurückzukehren, um ihnen das Geheimnis des Laufens genauer zu erklären, verabschiedeten sie sich von den Bäumen.
„Was machen wir jetzt? Wir sollten doch schon längst zu Hause sein.“ Nemo sah Naomi fragend an. „Da bleibt nur raten.“ Mit geschlossenen Augen drehte sie sich so lange im Kreis, bis sie einen Drehwurm bekam. Schwankend blieb sie stehen und zeigte in eine Richtung. „Hier lang.“ Naomis körpereigener Kreiselkompass musste gestört sein, denn der Wald um sie herum wurde immer dichter und dunkler, von einem Weg keine Spur. „Hast du das Geräusch gehört?“ Nemo blieb stehen. „Nein.“ „Irgendetwas ist hinter uns.“ Sie hielten den Atem an und lauschten in die Stille. „Das war sicher nur ein Eichhörnchen“, sagte Naomi beruhigend, doch ganz wohl war ihr auch nicht in der Haut. „Es wird bald dunkel. Komm, lass uns weitergehen, wir müssen einen sicheren Schlafplatz für die Nacht finden.“ Naomi nahm Nemo bei der Hand. Das Gefühl, verfolgt und beobachtet zu werden, ließ sie nicht mehr los. Müde, hungrig und ständig auf der Hut stapften sie durch den Wald und erreichten in der beginnenden Dämmerung eine Lichtung, auf der inmitten mannshohen Grases eine gewaltige Dampflok mit einem Salonwagen stand. Offenbar hatte sich die alte Dame zur letzten Ruhe gesetzt und es sich zwischen Moosen und Farnen bequem gemacht. Dem Anschein nach hatte sie sich bereits mit der Erde vereinigt.
„Wir könnten nachsehen, ob wir die Nacht im Waggon verbringen können“, schlug Naomi fröstelnd vor. Sie begannen sich durch den Wiesendschungel Richtung Dampflok zu kämpfen, da hörten sie plötzlich ein feines Zischeln, und als sie zurücksahen, bemerkten sie, dass sich hinter ihnen die Gräser in einer Schlangenlinie bewegten. Irgendetwas kam blitzschnell auf sie zu. „Lauf! rief Naomi und sie rannten Hals über Kopf davon. Zum Glück war es bis zum hinteren Wagen nicht mehr weit. Geschwind kletterten sie hinauf und versteckten sich unter der Sitzbank der Waggonplattform. Sie hielten den Atem an. Was immer es sein mochte, huschte an ihnen vorbei zur Lokomotive und verschwand. Nemo schnappte nach Luft. „Ich glaube, es hat uns nicht gesehen.“ „Was war das?“ Sie standen auf. „Schau, das Ding hat eine Zickzackspur im Gras hinterlassen. Es war bestimmt nur eine Schlange.“ Naomis Mutmaßung war nicht gerade beruhigend. „Eine Schlange? Waaah!“ Nemo riss panisch die Waggontür auf und blieb wie angewurzelt stehen.
Gedämpftes Licht leuchtete schläfrig aus dem Inneren und erst nach und nach erkannte man Einzelheiten. Die Einrichtung erinnerte an Uromas Zeiten. Der Waggon war hübsch verziert und mit Blümchentapeten geschmückt. Schwere Vorhänge hingen an den Fenstern und überall standen Ohrensessel und Plüschsofas mit Tischchen davor.
Im Halbdunkel sahen sie eine Katze auf einem gemütlichen Kanapee liegen. Sie blinzelte die beiden mit verschlafenen Augen an, dann streckte sie sich ausgiebig und gähnte schlaftrunken. „Verzeihen Sie, wir haben heuer nicht viele Reisende. Mein Name ist Minou, Ihre Nachtzugbegleiterin.“ „Das gibt es doch nicht! Minou! Wir sind´s Naomi und Nemo.“ Minou war ihre Hauskatze, jede Nacht streunte sie durch den Wald und kam erst im Morgengrauen zum Frühstück zurück. Aufgeregt rannten die Kinder auf sie zu und herzten sie ausgiebig. „Das ist ja eine Überraschung!“, schnurrte Minou. „Was machst du denn hier im Zug?“, wollte Naomi wissen. „Ich bin freie Mitarbeiterin im Sternenexpress und für den Service zuständig. Und ihr? Solltet ihr nicht schon längst im Bett sein?“ Naomi begann ihr Abenteuer zu erzählen und berichtete gerade aufgeregt von der Schlange, als ein schriller Pfiff erklang und der Zug sich ruckartig in Bewegung setzte. „Herrje, ist es schon so spät? Meine Uhr ist stehen geblieben“, miaute Minou. „Wir fahren ab. Jetzt muss ich mich aber mit der Ansage beeilen. Setzt euch auf eines der Sofas. Ihr bleibt heute Nacht bei mir im Zug. Morgen früh bring ich euch zurück nach Hause.“
Über die Lautsprecher ertönte kurz darauf eine Ansage. „Verehrte Fahrgäste, die Crew des interstellaren Rundreisezugs Andromeda-Alta heißt Sie herzlich willkommen. Heute Nacht befahren wir die Orionroute. Unser Reiseziel ist der circa 1350 Lichtjahre entfernte Orionnebel. Die maximale Worp-Betriebsgeschwindigkeit werden wir zehn Sternenminuten nach dem Start erreichen. Die voraussichtliche Reisezeit beträgt acht Stunden. Es herrscht ruhiges Weltraumwetter. Die Außentemperatur bleibt voraussichtlich konstant bei minus 270 Grad. Sollten Sie Extrawünsche haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an ihre Zugbegleiterin. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf der Andromeda-Alta.“
Durch die Panoramafenster sahen die Kinder, wie sich der Zug in Bewegung setzte und langsam an den Bäumen vorbei rollte. Die Lok pfiff lautstark und nahm schnell Fahrt auf, bis der Wald in lang gezogenen Farbstreifen zerfloss. Die Lampen verdunkelten sich und das Rollgeräusch des Zuges erstarb. Es bot sich ihnen ein grandioser Ausblick auf die Erde und den Mond. Naomi und Nemo beobachteten, wie die Sonne kleiner und kleiner wurde und sich gelassen unter die anderen Himmelskörper mischte. Der Anblick war atemberaubend. Vor ihren Augen leuchteten Milliarden Sterne und Galaxien. Rote Riesen und weiße Zwerge zogen an ihnen vorüber. Beim Betrachten dieses zauberhaften Spektakels mit seinen Abermillionen Welten fühlten sie sich winzig klein wie Sandkörner. Naomi und Nemo waren in Gedanken versunken und hätten bestimmt die ganze Nacht an den Fenstern verbracht, wären sie nicht von Minou aufgerüttelt worden. Maunzend kam sie auf einem Servierwagen herangerollt. „Wir erlauben uns, Ihnen einen kleinen Imbiss anzubieten“, erklärte sie sanft schnurrend. Das war das Stichwort. Der Hunger der beiden meldete sich unverzüglich. „Was hättet ihr gerne? Mondstrudel mit Sternanis? Nugatkometen? Venusschnitten? Süße Saturnringe? Marsipankrapfen? Merkureis oder ein Sternschnuppensorbet?“ „In der Reihenfolge“, sagte Nemo trocken und Naomi stimmte begeistert zu. „Gute Wahl“, lachte Minou. „Und zu trinken? Da hätten wir: Milchstraßenkakao, Siriussirup, Polarstern- Smoothie, Andromeda-Alta-Punsch oder geeisten Kugelsterntee mit kandiertem Sternenstaubzucker.“ Die beiden probierten genüsslich von allem und schlummerten satt und zufrieden im sanften Wiegen des Zuges ein. Sie träumten von unerforschten Welten und wären bestimmt bis ans Ende der Galaxis gereist, hätte sie nicht eine aufgedrehte Stimme aus den Lautsprechern geweckt.
„Schwarzes Loch voraus, Käpt’n! Wir sind auf Kollisionskurs! - Navigator! Halbe Drehung und Vollgas drumherum!“, schallte es durch den Waggon. „Zu Befehl Käpt’n. Alle Hebel in Position. Warte auf Anweisung. - Worp einschalten!“ Bing! Eine Computerstimme erklang: „Achtung! Sicherheitshinweis. Fehlererfassung!“ „Houston, wir haben ein Problem. - Hier Mission Control! Ziehen sie sofort die Handbremse!“ Bingbingbing! „Vorsicht! Schwerer Betriebsfehler!“ „Die Maschine spinnt! Chef, was soll ich machen? - Commander an Maschinisten! Suchen sie den großen roten Knopf.“ Bingbingbingbing! „Achtung! Fehler 007! Kritischer Abbruch! Die Lokomotive wird heruntergefahren.“
Naomi und Nemo schwebten in die Luft. Die Notbeleuchtung schaltete sich ein und ein riesiger Gasplanet kam ins Sichtfeld der Fenster. „Was ist los?“ „Shutdown, wir haben einen Systemabsturz“, miaute Minou. „Wo sind wir?“ „Irgendwo vor dem Orionnebel.“ Die Lautsprecher erschallten erneut. „Juppi! Doppelter Salto! - Käpt'n, wieso hängen wir hier im Dunkeln rum? - Keine Ahnung, vielleicht sind wir im schwarzen Loch. Technischer Offizier bei Fuß! - Zu Befehl Käpt’n - Wo ist der Lichtschalter? - Unauffindbar im Finstern! - Steuermann! Alle Kommandos zurück! – Roger? - Ich bin nicht Roger, sondern der Kapitän. Avanti, Beeilung! Drücken Sie den Knopf, der zuerst gedrückt wurde. - Sofort, Sir.“ Die Lautsprecher verstummten.
Eine Milchstraßenkakaokugel schwebte vor Nemos Nase und er sog sie umgehend in den Mund. Anschließend hangelte er sich durch den Waggon zur vorderen Plattform und spähte durch das Türfenster. „Kommt alle her, da flattert jemand durchs Lokführerhaus.“ „Das kann nicht sein, der Zug fährt mit Autopilot“, rief Minou und schwang sich heran. „Meine Güte tatsächlich, der turnt ja wie ein Affe im Kontrollraum herum. Hoffentlich hat er nichts kaputtgemacht. Jetzt wird mir auch klar, wieso der Zug früher abgefahren ist. Na warte! Ich rufe ihn über das rote Telefon an. Kommt mit, es hängt in der Küche.“ Sie schwebten wieder nach hinten. „So, hier ist es.“ Minou öffnete den Erste-Hilfekasten und nahm den Hörer ab. Es klingelte mehrfach, dann wurde abgenommen. „Hallo?“ „Wer ist dort?“ „Ich.“ „Welcher Ich?“ „Na ich, wer sonst?“ „Hier spricht die Erste Offizierin Minou. Sie sagen uns sofort, wer sie sind und was Sie im Lokführerstand zu suchen haben. Bei Missachtung koppeln wir Sie ab und lassen Sie im Orbit des Gasplaneten hängen, bis die Weltraumpolizei eintrifft.“ Minou bluffte, doch ihr Befehlston zeigte Wirkung. „Ich bin´s nur, der Eddie“, kam kleinlaut zur Antwort. „Eddie, du gehst jetzt sofort zur Mitte des Führerstandes und drückst den blauen Hauptschalter wieder nach oben. Dann gehst du zur hinteren Lokomotivtüre, stellst dich ins Eckfenster und wartest dort auf mich. Du wirst nichts mehr anfassen, hast du mich verstanden?“ „Ja, aber bitte keine Polizei. Ich fass bestimmt nichts mehr an. Großes Astronautenehrenwort.“
Kurze Zeit später kam eine Ansage. „Achtung! Achtung! Neustart. Das System wird hochgefahren.“ „Er hat den Schalter umgelegt, sehr gut“, schnurrte Minou. Das Licht ging wieder an und Minou gab eine Warnung. „Schnell, ihr müsst irgendwie auf den Boden zurück. Die Schwerkraft setzt gleich wieder ein.“ Naomi und Nemo stießen sich von der Decke ab und landeten gerade noch rechtzeitig auf einem Sofa, bevor sämtliche durch die Gegend fliegenden Dinge mit lautem Geschepper zu Boden krachten. „Da ist ja einiges zu Bruch gegangen, das wird mir das Bürschchen ersetzen“, maunzte Minou ärgerlich und leckte sich die Kakaoflecken aus dem Fell. „Ich werde mich jetzt auf einen Weltraumspaziergang begeben und den Schlingel aus dem Führerstand holen“, sagte sie. Minou schlüpfte in ihren Raumanzug, zog den Helm über, schnappte sich einen zweiten Raumanzug und kletterte in einen Hohlraum im Fußboden. „Verriegelt die Luftschleuse hinter mir“, gab sie Anweisung. „Ich bin gleich wieder zurück.“ Naomi und Nemo beobachteten vom Fenster aus, wie sie sich geschickt mit den kleinen Schubdüsen ihres Raumanzuges bis unter die Lok manövrierte, eine Luke öffnete und verschwand. Wenig später kam sie mit dem blinden Passagier im Schlepptau zurück.