Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Enthusiastisch reisen die Paläontologin Dr. Vera Manzoni und der Paläobotaniker Dr. Markus Strebek aus Baden bei Wien in einer Zeitkugel 16 Millionen Jahre bis ins Erdzeitalter des Badenium zurück, doch in der archaischen Vergangenheit scheitert das Zeitexperiment an unvorhergesehenen Kleinigkeiten. Der ungezähmten Natur mehr oder weniger schutzlos preisgegeben, wird es bald unumgänglich, den Sinn der wissenschaftlichen Mission grundlegend zu überdenken. Sie beschließen den Abbruch der Expedition, dabei entdecken sie, dass die Rückkehr der Zeitkugel ohne sie vorgesehen ist ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
I Die Zeit ist nur eine Idee oder ein Maßstab
II Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt.
III Ist doch der Freund ein zweites Selbst.
IV Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
Glossar
Der folgende Bericht gelangte durch seltsame Begebenheiten in meinen Kopf. Ich bitte daher um Nachsicht, denn nicht alles, was in diesen Aufzeichnungen wiedergegeben wird, ist sprachlich auszudrücken.
-
Sollte mein erwachendes Bewusstsein an diesem abgeschiedenen Ort enden? Weder was geschah noch warum ich mich in einer Bucht zwischen unbezwingbaren Felsenwänden wiederfand, war mir verständlich. Die Steilküste zu erklimmen erschien mir aussichtslos und eine unerklärliche Befangenheit überkam mich beim Gedanken, schwimmend die Klippen im Meer zu überwinden. Sand rieselte in wehenden Fahnen die Abhänge herab. Gab es mich nur zur Belustigung dieser ungeheuerlichen Fratzen in den Felsenwänden? Im wandelnden Licht entstanden und zerfielen meine Fragen. Bestand für mich die Wirklichkeit lediglich aus Himmel, Wasser und Stein? Wo war mein Zusammenhang mit all dem hier? In meine Vorstellungskraft flochten sich Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Ich erkannte Bilder und Begriffe, doch stand ich neben mir und fand keinen Bezug zu meinem Sein. War die Welt bloßer Schein und ich bewegte mich in der Innenwelt eines rein gedanklich Vorstellbaren? Womöglich gab es mich gar nicht. Falls ich nicht sein sollte, musste es mein Nichtsein dennoch notwendig geben. Konnte etwas existieren, ohne dass es jemand betrachtet? Dieser Pfad war unerforschlich, ich konnte ihn weder erkennen noch denken. Mein Urgrund bedeutete mir, dass ich am Leben war. Im Werden vergänglich und von allen Wesen das Erste. Hinter meinem begrenzten Horizont erkannte ich mich vage als Teil einer rätselhaft gegenwärtigen Vergangenheit. Lautlos verwehten meine Gedanken im gleißenden Sonnenwind.
Leichtigkeit durchdrang mein Herz, sie lag vor allen Dingen und stand außerhalb aller Zeit. Indem ich mich öffnete, sickerte eine zwanglose Eingebung aus dem Fels und lotste mich zum Verfassen dieser Zeilen. Ich vernahm die lautlose Stimme des Gesteins und erfasste ihre Worte wie in einem Nachhall nebelhafter Erinnerungen. Ohne Prüfung ließ ich meine protokollierende Hand gewähren. Ich las, während ich schrieb.
Die Stille rutscht immer tiefer ins Gestein. Woher kommt nur der Radau? Wache oder träume ich? Alle Klüfte und Spalten füllen sich mit Unrast. Was soll's, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich werde wohl oder übel meine Felsenaugen öffnen.
Sieh da, eine schwebende Kugel hoch über mir. Ihr Magnetismus zerrt gewaltig an meinen Erzen. Ich muss die letzten Jahrzehntausende außerordentlich tief geschlafen haben. Was sind das nur für putzige neue Naturwesen die über meine Haut wuseln? Vielleicht finde ich Antworten auf ihr rastloses Treiben, indem ich meine Felsenohren auf die Interferenzen der elektromagnetischen Wellen der Kugel richte.
krrrrrüüü „… Hier spricht Larry Schlotter, ich stehe auf dem Kalvarienberg in Baden bei Wien. Bereits gestern wurden die Stadt und das Testgelände an der Thersienwarte weiträumig abgesperrt, doch die Menschenmassen lassen sich nicht aufhalten. Auf sämtlichen Hügeln der Umgebung sitzen Scharen von Neugierigen mit Fotoapparaten und Filmkameras in den Bäumen. Wir erwarten einen der größten historischen Momente der Menschheit und es sieht so aus, als ob alles, was Beine hat, nach Baden unterwegs ist. Der Verkehr auf der Südautobahn kam wegen der zahllosen Schaulustigen bereits komplett zum Erliegen. Ich höre gerade, dass die Zeitkapsel verschlossen wird. Solange wir auf den Countdown warten, übergebe ich an Franz Trubler von der Wissenschaftsredaktion, er hat interessante Details zum bevorstehenden Zeitexperiment.“
„Danke Larry. Hier ist Franz Trubler vom Baden-TV. Neben mir steht Herr Professor Zickau, er ist Obmann des wissenschaftlichen Rates des Zeitforschungsinstituts der Universität Baden.“ - kkkrrrrrrr
Diese neue Affenspezies kommuniziert tatsächlich über elektromagnetische Wellen. Was für eine Hektik. Sie scheinen sich sehr wichtig zu nehmen.
- krk krk krk krü - „... bitte bleiben Sie doch! Darf ich Sie bitten unseren Zuschauern kurz zu erläutern, wie die Zeitreise funktioniert.“ - krkrkrssss
Die Störungen sind außerordentlich unangenehm. Ich hoffe ich habe nichts verpasst. Countdown einer Menschheit. Wovon sprechen sie eigentlich? Einerlei, es klingt kurzweilig. Fein, ihr Signal stabilisiert sich.
„… Genauer bitte, unsere Zuschauer sind größtenteils nicht vom Fach.“ „Gut, bitte notieren Sie das. Der Zeit-Zentrifugalbeschleuniger ähnelt dem klassischen Elektromotor. Üblicherweise gibt es einen feststehenden Außenteil, sowie einen sich darin drehenden Innenteil. In unserer Zeitmaschine ist es umgekehrt. Sie besteht aus zwei jeweils zwanzig Zentimeter dicken magnetischen Diamant-Verbund-Glassphären. Die äußere hat einen Durchmesser von dreißig Metern und ist mit Abertausenden elektrischen Spulen durchsetzt. In ihrer Mitte schwebt eine weitere sechs Meter große elektromagnetisch fixierte Kugel mit einer Permamagnetwandung. Durch fortwährendes Umpolen der Außenkugel erzeugen wir wechselnde Magnetfelder und erreichen so eine kontinuierliche Drehung, die innere Sphäre bleibt dabei bewegungslos.“ „Das bedeutet, die äußere Kugel dreht sich um die Innere.“ „Richtig! Sie haben mitgedacht.“ - kuujjüüükrrrrr -
Diese verhexten Interferenzen. Ich muss mich innerlich verdichten. Zeitmaschine? Zeit überblicke ich, was bedeutet Maschine? Meinen sie die magnetische Kugel aus Quarz und Metall über mir?
- krk krk krk krk - „Durch die rasende Rotation des Starts wird die Raumzeit in eine elektrostatische Feldkrümmung gezwungen. Diese ergibt je nach Dauer der Rotation, die gewünschte Zeitverschiebung im Raum. Das entstehende Magnetfeld absorbiert dabei sämtliche Blitze im Umkreis von einhundert Kilometern aus der Atmosphäre, diese Energie wird zusätzlich für den Zeitvortrieb genutzt. Die Rotation beginnt mit einer Zeitverschiebung von minus tausend Jahren pro Stunde. Sie wird sich allmählich auf minus hunderttausend Jahre erhöhen und nach drei Stunden die Maximalzeitreisegeschwindigkeit von circa minus einer Million Jahren pro Stunde erreichen. Ins Badenium sind es fünfzehn Millionen Jahre, das heißt ungefähr sechzehn Stunden.“ - krüüüüüüü
Aha. Langsam verstehe ich ihr tun. Sie versuchen am Zeitrad zu drehen. Einstiges wollen sie wiederholen. Weshalb nur? Haben sie nicht genug von ihrer Zeit?
- kkkkrr „… Professor Zickau, zurück zur Zeitkugel. Hinter dem Gewirr von Röhren und technischen Apparaturen sehen wir die innere Kugel schimmern. Sie bildet nicht nur den Elektromotorkern, in ihr befindet sich noch etwas anderes, nicht wahr?“ „Sie sagen es, die statische innere Magno-Diamantkugel beherbergt die Steuerungszentrale der Temponauten. Diese bleibt zeitstabil und schützt auf diese Weise die Insassen während ihres Zeitfluges vor Zeitanomalien. Die rasende Rotation der Außenkugel gewährt einen freien Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen. Bedauerlicherweise können das wissenschaftliche Labor, sowie Küche, Wohn- und Schlafstätten in der äußeren Sphäre während der Reisezeit nicht benutzt werden. Das Problem mit der Toilette ...“
„Herr Professor, ich muss Sie leider unterbrechen. Ich höre gerade, dass die leitende Paläontologin Prof. Vera Manzoni von der Universität Baden und Ihr Kollege Dr. h. c. Markus Strebek soeben in den Pilotensitzen Platz nehmen. Der Start steht unmittelbar bevor. Franz Trubler vom Baden TV zurück an Larry Schlotter.“
Diese Winzlinge sind erstaunlich agil. Respekt, mit diesen kleinen Greifhändchen einen derart großen Energieball zu schaffen … Ich denke, ich bin zur rechten Zeit erwacht. So etwas Schräges erlebt man in Jahrmillionen nicht.
„Danke Franz, das war spannend. In der Tat, hier tut sich was. Die Wendeltreppe wurde bereits eingefahren. Die Zeitkugel schwebt direkt über unseren Köpfen und die Ehrengäste gruppieren sich um den Bundespräsidenten. Die Crème de la Crème aus Politik, Wissenschaft, Militär und Geheimdienst ist auf der viel zu engen Plattform der Theresienwarte versammelt, um dem Badener Zeitreiseexperiment beizuwohnen und die mutigen Wissenschaftler ins Ungewisse zu verabschieden. Den Startschuss für das epochale paläontologische Zeitreiseexperiment wird der Bundespräsident selbst ausführen. Wie sie hören, wird im Hintergrund bereits lautstark der Countdown abgezählt. Zehn! Neun! Acht! Sieben! Sechs! Fünf! Was ist denn da los? Vier! Auf der Plattform gibt es ein Gerangel! Drei! Der Bürgermeister drängt den Bundespräsidenten zur Seite! Zwei! Er stürzt ins Dekolleté der Wissenschaftsministerin! Eins! Es ist nicht zu fassen! Unser Bürgermeister drückt den roten Startknopf! Hurra!“
Unterhaltsame Bilder und Gespräche enthüllen die elektromagnetischen Wellen. Das Magnetfeld der Kugel wird immer mächtiger. Sie beginnt entgegen dem Uhrzeigersinn zu drehen. Ich könnte mich auf das Abenteuer einlassen und mich von den elektromagnetischen Wellen mitziehen lassen. Ja, das werde ich tun. Ein wenig Zeitvertreib wird mir gut tun. Interessant, mein Geist bleibt bestehen, nur mein Leib entschwindet in die zurückdrehende Zeit. Seltsam wunderlich ist es schon, grotesk und amüsant zugleich. Ha, die Hand des Bürgermeisters löst sich vom Startknopf. Jener Bundespräsident stolpert aus dem Dekolleté zum Rednerpult zurück und eilt mitsamt allen anderen rückwärts die Treppe der Aussichtsplattform hinunter. Das war eine gute Entscheidung mitzufliegen. Es erheitert mich über alle Maßen. Hurtig huschen sie, ihre Gesichter der Zeitkugel zugewandt, rücklings meine fahnengeschmückten Flanken hinab. Flugmaschinen schnurren im Rückwärtsgang Richtung Norden. Schon rötet sich der Himmel und die Sonne verabschiedet sich zum ersten Mal seit Anbeginn im Osten. Es wird Nacht, abgeworfenes Gestein springt in mich zurück. Großartig, es ist wie eine Neugeburt, nur dass ich, während ich wachse, jünger werde. War da etwas? Zwischen den sirrenden Pfeiftönen des erstaunlichen Apparates unterscheide ich aufgeregte Stimmen.
„Ich hab's gewusst! Meine Maschine funktioniert!“ „Mark, jetzt wird es ernst. Von nun an besteht keine Verbindung mehr zum Kontrollzentrum in Baden. Ab jetzt sind wir auf uns allein gestellt.“ „Es ist Zeit für das erste Startprotokoll. Übernimmst du das, Vera?“ „OK. Erster Expeditionstag, Sonntag, 12:05h. Ich komme mir vor, wie im Kintopp, nur dass der Filmvorführer den Film zurückdreht. Wir sehen die Wolken wie sie durch den Himmel rasen, sich zusammenballen und ausregnen. Unablässig bilden sie sich und lösen sich wieder auf. So geht es unaufhörlich, die ersten Blitze schlagen an der Kugel auf. Die Energiezufuhr steigt, unaufhaltsam beschleunigt sich das gegenläufige Zeitgefüge. Sonne und Mond wechseln im Sekundentakt. Jetzt verschmelzen Tag und Nacht zu einem schimmernden Flackern. Mark, übernimmst du kurz? Ich möchte ein paar Fotos machen.“