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Die hier vorgelegte Sammlung von Texten zum Thema Tango sind in lockerer Folge in den letzten vierzehn Jahren entstanden. Sie gliedert sich in drei Gruppen, von denen ich die beiden ersten 'Liebe, Tod und Tango' und 'Tango Zarathustra' bereits früher, 2006 und 2011 im Verlag Eschelberg veröffentlicht habe. Die dritte, hier erstmals vorgestellte Abteilung 'Tango Implosión' entstand im Zeitraum von 2013 bis 2020. Die Welt des Tangos ist groß und es gibt in ihr unzählige Strömungen, Gemeinden, so daß es auf den ersten Blick schwer fällt, den Tango als einheitliche Erscheinung zu betrachten. Dennoch gibt es auch die große Einheit des Tangos in der Welt. 'Tango' ist eine Sprache, welche die Menschen aller Völker der Erde verbinden kann. So sind auch diese Texte unterschiedlich in ihren Aussagen: Zum einen nehmen sie einen durchaus regionalen Bezug zum Tango in Österreich und den umliegenden Ländern. Andererseits beschreiben sie aber auch grundlegende, allgemein gültige Aspekte des Tangos. Wie dem auch sei, im Grunde möchte ich diese Texte verstanden wissen als Anregung, gelegentlich auch als Provokation, aber immer als persönliche Deutung, von der ich hoffe, daß sie auf vielfältigste Art Anlass zu Betrachtung und Diskussion bieten wird.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorwort
Liebe, Tod und Tango
Tango Zarathustra
Metatango/Tango Implosión
Den Fedeles del Tango in dieser besten aller möglichenWelten
Vorwort
Liebe, Tod und Tango
Vorspann
Die Welt in der wir leben
Tango als Ausweg
Grundwahrheiten
Die Welt des Traumes
Der Tango als Tanz der Seelen
Das Wesen des Tangos
Die Bedeutung der Technik im Tango
Der wahre Tango ist Buddha.
Die Musik des Tangos
Mann und Frau: Begegnung und Vereinigung
Tango und Eros
Mann und Frau – Führung und Hingabe
De amore
Liebe und Herrschaft
Von der Seele
Zur Institution der Ehe
Das astrologische Modell
Zum „Glauben“
Der „freie“ Wille
Astrologische Typologie
Liebe und Tod im Tango
Tango und Sex
Tango in der Welt
Anmerkungen
Tango Zarathustra
Vorspann
Lebensweg und Tangoalter
Tangoalter
Tango als Schicksal
Tango als Befreiung?
Mechanismen der Angst – das Prinzip Angst
Workshopbetrieb
Lernen
Tanda, Cortina &Co.
Tango als magisches Ritual des Eros
Tango und die Politik der Herrschaft
Anarchotango
Stilfragen
Mein Stil
Rollentausch
Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
Excurs
Die Haltung der Frau im Tango
Die Rolle des Mannes in der Gesellschaft
Die Haltung des Mannes im Tango
Das gemeinsame Verständnis
Zum Schluß
Metatango/Tango Implosión
Vorbemerkung
Tango und Drama
Tango und Tradition
Kitsch und Ironie
Ironie im Tango
Das Lachen
Weltkultuerbe Tango
Zum Schluß
Zu meinen Tangobildern
Die hier vorgelegte Sammlung von Texten zum Thema Tango sind in lockerer Folge in den letzten vierzehn Jahren entstanden. Sie gliedert sich in drei Gruppen, von denen ich die beiden ersten „Liebe, Tod und Tango“ und „Tango Zarathustra“ bereits früher, 2006 und 2011 im Verlag Eschelberg veröffentlicht habe. Die dritte, hier erstmals vorgestellte Abteilung „Metatango/Tango Implosión“ entstand im Zeitraum von 2013 bis 2020.
Die Tangowelt ist groß und es gibt in ihr unzählige Strömungen, Gemeinden, so daß es auf den ersten Blick schwer fällt, den Tango als einheitliche Erscheinung zu betrachten. Dennoch gibt es auch die große Einheit des Tangos in der Welt. „Tango“ ist eine Sprache, welche die Menschen aller Völker der Erde verbinden kann.
So sind auch diese Texte unterschiedlich in ihren Aussagen: Zum einen nehmen sie einen durchaus regionalen Bezug zur Tangoszene Österreichs und der umliegenden Länder. Andererseits beschreiben sie aber auch grundlegende, allgemeingültige Aspekte des Tangos.
Wie dem auch sei, im Grunde möchte ich diese Texte verstanden wissen als Anregung, gelegentlich auch als Provokation, aber immer als persönliche Deutung, von der ich hoffe, daß sie auf vielfältigste Art Anlass zu Betrachtung und Diskussion bieten wird.
Mein Dank gilt all den vielen Tänzerinnen und Tänzern, mit denen ich diese einzigartige Erfahrung des Tangos habe teilen dürfen.
Eschelberg, im Januar 2020
Magnus Angermeier
Vorspann
Die Welt in der wir leben
Tango als Ausweg
Grundwahrheiten
Die Welt des Traumes
Der Tango als Tanz der Seelen
Das Wesen des Tangos
Die Bedeutung der Technik im Tango
Der wahre Tango ist Buddha
.
Die Musik des Tangos
Mann und Frau: Begegnung und Vereinigung
Tango und Eros
Mann und Frau – Führung und Hingabe
De amore
Liebe und Herrschaft
Von der Seele
Zur Institution der Ehe
Das astrologische Modell
Zum „Glauben“
Der „freie“ Wille
Astrologische Typologie
Liebe und Tod im Tango
Tango und Sex
Tango in der Welt
Anmerkungen
Als mich mein Freund Johannes Bogner im Dezember 2002 zu einer Milonga im Wiener Volksgarten mitnahm und ich zum ersten Mal Tango sah, wurde mir sofort klar, daß der Tango für mein weiteres Leben eine Rolle spielen würde. Seither sind drei Jahre vergangen, in welchen ich kaum eine Gelegenheit zum Tango lernen, üben und tanzen versäumt habe. Doch sind im Tango drei Jahre keine Zeit. Im Grunde bin ich immer noch Anfänger. Da muß es anmaßend und fast lächerlich erscheinen, Texte über den Tango zu verfassen und noch mehr, sie dann auch noch zu veröffentlichen. Auch mag es abenteuerlich wirken, heute, in einer Zeit, in der selbst Spezialisten eng umgrenzte Detailfragen nicht mehr erschöpfend behandeln können, ein so komplexes Thema in einem kleinen Büchlein behandeln zu wollen.
Doch war es die Erfahrung des Tangos, in welcher viele für mich offene Fragen in eine schlüssige Antwort mündeten. Und die Betrachtungen dieser Erfahrung habe ich eigentlich von Anfang an in diesen Tangotexten – zunächst nur für mich – versucht, festzuhalten. So ist aus diesen ursprünglichen Fragmenten nun doch ein Ganzes geworden, - freilich immer noch fragmentarisch genug. Und selbstverständlich können diese Betrachtungen und Überlegungen keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Sie sind, wie ich selbst, abgehoben, sehr individuell, und oft vielleicht geradezu versponnen.
Und doch denke ich, daß diese Texte, - eben in ihrer Fragwürdigkeit, - als Momentaufnahme eines status quo - für viele Tangueros Anregung zu Überlegungen und Gesprächen, die sie doch so gerne führen, sein können. Im Grunde handelt es sich lediglich um einige Hypothesen, die ich eben mal zur Diskussion stelle.
Eschelberg, im März 2006.
In dieser Zeit, in welcher das ganze äußere Leben im Chaos versinkt, aus dem es gekommen ist, fühlen empfindsame Menschen die Sehnsucht nach Ruhe, Geborgenheit, Sicherheit weit intensiver als in ruhigeren Zeiten mit geordneteren Verhältnissen. Es erweist sich, daß die Frage nach dem Sinn des Lebens nun, nach dem Zusammenbruch der äußeren Werte und Normen, in einem erweiterten Rahmen neu gestellt werden müßte. Denn im Bereich der äußeren Welt, in welcher Macht, Reichtum, Erfolg, Ansehen, Herrschaft,... die Grundlage oder den Sinn und Zweck des Lebens bilden, ist eine Antwort auf diese Frage nicht mehr zu finden. Ja, die Frage selbst wird sinnlos, der Rahmen paßt nicht.
Dabei wird es immer schwieriger, der äußeren Welt mit ihren tausend Forderungen und Bedingungen, die sich täglich vervielfachen wie die Schlangenköpfe der Hydra, zu entkommen. Die Zwänge werden immer zwingender und gleichzeitig, für jeden sichtbar, auch immer sinnloser: ein „selbsterhaltendes“ System in seiner Endphase.
Wir leben in einer Welt der Massenmedien, der totalen, permanenten Überwachung eines jeden durch jeden, der weltweiten Verfolgung aller individuellen Kräfte, die nach natürlicher Freiheit und Ungebundenheit verlangen. Diese Welt erfüllt die Erwartungen G. Orwells vollkommen, wenn sie diese nicht noch übertrifft. In dieser Welt verlieren immer mehr Menschen alle Hoffnung und, was noch schlimmer ist, das Vertrauen in sich selbst, d.h. ihre Fähigkeit, sich selbst zu erneuern. Der Grund dafür ist, daß im Außen, in der äußeren Welt keine Rettung mehr in Sicht oder zu erwarten ist. Diese äußere Welt der Medien, der Politik und Wirtschaft, dieser Moloch, der alles verschlingt, fordert einen Menschen, wie er nicht sein kann, weil er so nicht ist. Sie fordert einen Menschen, der funktioniert wie eine Maschine, austauschbar, manipulierbar, reparierbar oder ersetzbar wie eine Maschine. Das heutige weltweite Industriesklaventum ist ohne Beispiel in der ganzen Menschheitsgeschichte. Die Millionen und Abermillionen Opfer dieses weltweiten Terrors werden in Statistiken beschönigt oder „vernünftig“ wegretouchiert. Dabei sind wir so weit, daß bald die eine Hälfte der lebenden Menschen die andere pflegen und betreuen muß.
Dies alles klingt sehr entmutigend und, wenn man keinen Ausweg aus dieser Welt der Vernunft finden würde, bliebe nicht viel mehr als der Selbstmord, der allerdings heute in den perversesten Formen mehr Freunde findet denn je. Doch zeigt es sich in zunehmendem Maße, daß der Mensch nicht nur ein Geschöpf des patriarchalisch definierten Geistes und der viel gepriesenen Vernunft ist. Vielmehr ist er, und das vor allem, ein Bestandteil, ein Teil der Natur, der Physis, des Hervorgekommenen, Entsprossenen, Entsprießenden. Und wirklich birgt die Gefahr, wie Hölderlin so hellsichtig gesagt hat, das Rettende auch: Wenn das Leben bedroht ist durch bestimmte Mächte oder Verhältnisse, was oft nicht leicht zu trennen ist, gibt es verschiedene Arten der Reaktion: Die Rebellion, den Kampf, die Resignation, die Selbstzerstörung, die Flucht, einen Neubeginn, ... . Dies alles sind natürliche Reaktionen, welche in der Natur, je nach Situation zur Anwendung kommen.
Die Flucht, - das Sich Entziehen - als Ausweg ist am erfolgreichsten, wenn man sich an einen Ort begibt, an dem einen der Verfolger nicht erreichen kann. Solche Fluchtversuche vor der Welt der Technokratie gibt es heute ohne Zahl. Der Weg führt sehr häufig „ins Unbetretene, nicht zu Betretende...“. Dies ist der Weg der inneren Emigration, das heißt, in Bereiche, in denen der Mensch nicht mehr von den Angriffen und Bedrohungen der geschäftigen, äußeren Welt berührt werden kann. Und die Bereiche, für welche dies gilt, sind vielfältig:
die bunt schillernde Vielfalt der esoterischen Weltbilder mit ihren meditativen und ekstatischen Techniken,
die großen und kleinen Religionen und Sekten,
Sport und Fitness – die Beschäftigung mit dem Körper und dessen Eigenmechanismen,
die Welt der Drogen mit ihren Verlockungen und Bedro hungen,
und im weiteren Sinn bieten natürlich auch die Bereiche der Natur- und Geisteswissenschaften mit ihren Elfenbeintürmen, die auch die verschiedenen Disziplinen der Kunst beinhalten, Fluchtmöglichkeiten nach Belieben...
So gesehen kann jede Tätigkeit zur Droge werden, welche ein Leben in unerträglichen äußeren Umständen ertragbar macht.
Der argentinische Tango, der sich aus der Musik und den Tänzen der frühneuzeitlichen schwarzen Sklaven, dem Candombe über die Habanera entwickelt hat, erweist sich schon aufgrund seiner Herkunft und Entstehung als wirksames Mittel zur Flucht aus der Tristesse einer kaum erträglichen konkreten Welt. Dabei ist nicht zu übersehen, daß diese frühen Sklaven noch über das Wissen um Magie und Ritual des alten Afrika verfügten. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum dieser Kult so wirksam, heilsam und erfolgreich war und dies auch gerade in der heutigen, technokratisch – wirtschaftlichen Weltkatastrophe von neuem sein kann.
Dabei ist das Geniale, daß der Tango als Instrument so einfach ist, daß er von jedem Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort verwirklicht werden kann.
Wenn wir das Phänomen Tango verstehen wollen, müssen wir uns zunächst mit einigen grundlegenden Fragen befassen: Wir müssen die Bedeutung oder die Auffassung vom Ich, vom Selbst, der Person im Angesicht von Leben und Tod genauer betrachten. Dazu ist es erst einmal notwendig, zu fragen, in welchen Bereichen und Bahnen sich das Denken unserer gewöhnlichen, alltäglichen Welt bewegt.
Der Tango besteht in seiner Eigenart und Lebendigkeit seit ca. 100 Jahren. Dabei hat es nicht an Versuchen herrschender, weltlicher Systeme gefehlt, ihn zu vereinnahmen oder auszuschalten. Weder religiösen noch politischen oder wirtschaftlichen Institutionen ist es bisher gelungen, den Tango dauerhaft für ihre Interessen einzuspannen oder zu dominieren. Der Tango ist gegen diese Versuche anscheinend resistent.
Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß alle diese Systeme und Institutionen, welche in unserer äußeren Welt Bedeutung haben, auf einem Denken, einer Philosophie, einem Bild vom Menschen, von Tod und Leben und der Natur beruhen, mit denen der Tango von vornherein einfach nichts zu tun hat.
Dieses sogenannte abendländische Denken, das heute praktisch die ganze Welt erobert hat und beherrscht, gründet sich im wesentlichen auf Meinungen und Lehren, deren grundlegende Annahmen (Paradigmen) sich weder als allgemeingültig beweisen lassen noch einen Anspruch auf Ganzheitlichkeit erheben können. Um nur andeutungsweise die Richtung oder den Bereich (natürlich unvollständig) anzuzeigen, seien einige dieser Paradigmen beispielhaft genannt:
„Der Mensch besteht aus drei Teilen: Körper, Seele und Geist.“
„Wirklich ist, was mit naturwissenschaftlichen Methoden verifiziert werden kann.“
„Relevant für die Vorgänge in der Welt sind nur geistige Schlüsse, welche mit den Gesetzen der Logik und der Vernunft konform sind.“
„Ausgesagt werden kann somit vorwiegend über die körperlichen und geistigen (Vernunft) Bereiche. Die seelischen, un- oder unterbewußten Bereiche werden angepaßt (medikamentöse oder soziopsychologische Therapien) oder verdrängt und unterdrückt.
„Der Tod ist das Gegenteil von Leben. Über ihn kann mit den gegebenen Mitteln kaum etwas ausgesagt werden. Er ist deshalb zu fürchten beziehungsweise möglichst zu tabuisieren.“
„Zeit ist messbar nur im Raum bzw. als Bewegung in diesem. Sie kann deshalb nur linear, zweidimensional und unumkehrbar sein.
Die Liste solcher von fast allen als selbstverständlich angenommener
„Wahrheiten“ läßt sich beliebig verlängern.
Nach diesen wenigen und nur fragmentarischen Beispielen müssen wir uns darüber klar werden, daß auch die Grundlage unseres Denkens, die Sprache, von diesem Denken und seinen Mechanismn durchtränkt und geprägt ist und andererseits auch diese wiederum prägt. Dies kommt zum Ausdruck, zum Beispiel, in der seinsmäßigen Wertung von Verbum und Substantiv oder, im syntaktischen Bereich, in den Differenzierungen von Konditional und Futur.
Hierüber wäre ein eigenes Buch zu schreiben, - gibt es auch einige, aber wenige, - wir fragen nicht warum. Es kann nicht Aufgabe dieser Schrift sein, den Paradigmenstreit zu behandeln, - es soll genügen, die Problematik anzudeuten, um ihre Konsequenzen in Hinblick auf den Tango weiter zu betrachten. Kehren wir also nach diesem kurzen und dennoch notwendigen Exkurs zurück zum Tango:
Für den Tango gelten die oben genannten Paradigmen nicht oder nur teilweise. Sie sind hier somit, entgegen ihrer Natur oder ihrem Zweck, völlig relativiert. Der Tango entspringt dem Wissen der sogenannten „primitiven“, heidnischen Naturvölker und deren Traditionen. Nur die Strenge seiner Formen, die man vielleicht als abendländischen Einfluß sehen kann, haben ihn salonfähig gemacht: Dieser strenge Formalismus ist sozusagen der gesellschaftliche Passierschein des Tangos: Gegen ihn ist nichts einzuwenden.
Die Argumente, welche sich gegen den Tango wendeten, um diesen zu diffamieren, bewegten sich im wesentlichen auf der ethisch – moralischen Ebene (der kultivierten Systeme). Sie blieben letztendlich wirkungslos, weil die Welt des Tangos an diesen Ebenen gar nicht zu messen ist. Dies zeigt sich z. B. bei Angriffen wegen der im Tango zum Ausdruck kommenden Erotik: Sie waren einfach nicht stichhaltig, weil die Erotik des Tangos auf einer allgemeinmenschlicheren Grundlage ruht als die verklemmte und verdrängte Erotik des Christentums1 und der durch diese geprägten macht- und herrschaftsbezogenen Systeme. Der Erotik des Tangos haftet nichts Peinliches an, denn in ihm ist Erotik nichts weiter als die Einheit von Leben und Tod. Dies mag in unserer Sprache, in welcher Leben und Tod Gegensätze sind, dunkel oder fremd erscheinen. Deshalb ist diese Frage für das Verständnis des Tangos grundlegend. Und wir müssen, wenn wir den Tango verstehen wollen, viele Gewohnheiten unseres Denkens über Bord werfen oder einfach beiseite lassen. Hier haben die Gesetze der Welt und des Alltags keine oder nur bedingte Gültigkeit. Es ist dies die Welt, welche wir am ehesten aus dem Traum kennen:
In der Welt des Traumes bilden wohl die Dinge und Gesetzmäßigkeiten, die unserer sinnlichen Erfahrung entspringen, das Substrat, die Grundlage. Alleine, sie sind, wie im Film, in alle Richtungen deformierbar: Die Dimensionen und Proportionen der Gegenstände und Räume werden ins Unbegreifliche vergrößert oder verkleinert, die Zeit ins Unendliche gedehnt oder auf einen Punkt oder gar ins Negative deduziert. Die unumstößlichen Gesetze unserer vier Dimensionen sind hier nicht mehr gültig. Die Schwerkraft ist aufgehoben, die Linearität der Zeit wird geradezu sinnlos. Die symbolischen Bedeutungen werden austauschbar und ihre Relativität wird zum Gesetz. Im Traum betreten wir einen Bereich, der seine eigenen Gesetze, seine eigene Wirklichkeit hat. Andreij Tarkowskij bezeichnet diesen Bereich in seinem Film „Stalker“ als die „Zone“, in welche die drei Helden seines Films eindringen, die sie erforschen, wo es nichts mehr zu forschen gibt. Es ist dies der eigentliche Bereich der Seele. Hier wird klar, daß das meiste, was wir meinen zu fühlen und als „Gefühle“ titulieren, nur Gedachtes ist. Der Bereich der Seele liegt eine Ebene tiefer. Hier verschmilzt das Bild mit dem Spiegelbild. Der Ansatzpunkt der Reflexion ist relativiert, ja aufgehoben.
In diesen Bereich begeben wir uns, wenn wir Tango tanzen. Das hat gravierende Konsequenzen:
Die Zeit ist die Zeit, welche die Musik uns gibt. Sie ist definiert durch den Takt und den Rhythmus. Sie ist nicht mehr chronologisch messbar, sondern sie ist gelebte, individuelle Zeit. Sie ist immer anders. Sie ist jenseits der Zeit, in der es ein Vorher und Nachher gibt. Wir steigen hier aus der gewöhnlichen Zeit definitiv aus.
Der Tangotänzer ist nicht mehr „Person“. Eine „Person“ ist ein Bedeutungsträger von sozialer, hierarchischer, etc... Position. Durch diesen Bedeutungsträger tönt etwas hindurch (per-sonare), nämlich das hinter der Person verborgene eigentliche Wesen. Im Tango entkleidet sich der Tänzer dieser äußeren Haut der gesellschaftlichen Bedeutung. Er ist nackt, bar jeder gesellschaftlichen Rolle. Selbst wenn diese Rolle zu Anfang des Tanzes, bei der Aufforderung noch gespielt werden kann, - beim Tanz fallen alle diese Bedeutungen sofort weg. Auch für die Zuschauer ist dies sichtbar, auch wenn mit gut studierter Technik viel geblufft werden kann und wird.
Diese Reduzierung der Person betrifft nicht nur den sozialen Status, sondern ebenso das Aussehen: Auch ein gutes Aussehen im modischen Sinn kann hier nicht über den Zustand der inneren, vitalen Energie hinwegtäuschen. Zwar ist das äußere Erscheinen ein Spiegel der inneren Befindlichkeit, doch wird gerade beim Tango ein Bluff hier am ehesten sichtbar.
Überhaupt ist der Punkt, an welchem das äußere Erscheinen der Ausdruck des inneren Seins ist, der springende Punkt beim Tango.
Was geschieht nun also beim Tango, was ist so anders als bei allen anderen Tänzen?
Bei allen anderen (Gesellschafts- oder Standard-) Tänzen sehen wir im wesentlichen zwei Typen: bei dem ersten handelt es sich um ursprüngliche Rituale, welche in der Adaptierung einer Gesellschafts- oder Machtstruktur profaniert wurden. Der zweite Typus ist noch künstlicher: Es sind die modisch konstruierten Tänze wie Twist, etc., bei denen vom ursprünglichen Ritualtanz praktisch keine Spur mehr sichtbar ist.
