Tarean 2 - Erbe der Kristalldrachen - Bernd Perplies - E-Book
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Tarean 2 - Erbe der Kristalldrachen E-Book

Bernd Perplies

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Beschreibung

Nach dem Sieg über den Hexer Calvas lebt Tarean bei den Vogelmenschen in Airianis, unsicher, wie sein zukünftiger Weg aussehen soll. Da ereilt ihn ein mysteriöser Hilferuf. Kesrondaia, die Mutter der Kristalldrachen, bittet ihn aus ihrem unterirdischen Kerker heraus, ihre Kinder zu retten, die von Calvas und seinem Meister, dem Herrn der Tiefe, gefangen gehalten werden. Erneut brechen Tarean und seine Gefährten auf, um sich einer schier unmöglichen Herausforderung zu stellen. Ihre Reise führt sie bis an die Grenzen Endars und darüber hinaus – in die legendären Dunkelreiche ...

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Bernd Perplies

TAREAN

– ERBE DER KRISTALLDRACHEN –

TAREANERBE DER KRISTALLDRACHEN

1. Auflage

Veröffentlicht durch den

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Frankfurt am Main 2018

www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Text © Bernd Perplies 2008/2018

Lektorat: Anja Koda

Illustrationen: Hauke Kock

Satz & Bildbearbeitung: Karl-Heinz Zapf

Cover- und Umschlagsgestaltung: Rossitsa Atanassova, Matthias Lück

VP: 242-150-01-06-0419

eISBN: 978-3-96188-024-9

Bernd Perplies

TAREAN

– ERBE DER KRISTALLDRACHEN –

Roman

Für alle passionierten Weltenwanderer.Ohne eure »Reiselust« gäbe es all das hier nicht.

INHALT

VORWORT ZU DIESER JUBILÄUMSAUSGABE

PROLOG: TRÄUME IN DER FINSTERNIS

1. EIN PFAD IM NEBEL

2. DAS GREIFENRENNEN

3. DER RUF

4. NÄCHTE DER ENTSCHEIDUNGEN

5. AT ARTHANOC

6. KESRONDAIA

7. DER AUFTRAG

8. RÜCKKEHR NACH TIEFGESTEIN

9. WEGE NACH SÜDEN

10. HAFFTA

11. STEILKLIPP

12. DER BRUCH

13. IN DER FALLE

14. NONDUR

15. DIE GOLDENEN KLINGEN

16. DER PADESCHDAH

17. SIEBEN REITEN SÜDWÄRTS

18. DAS LAND DER KAZZACH

19. GONGATHAR

20. IM SCHATTEN DER ASCHEBERGE

21. NONUADA

22. DIE GLUTLANDE

23. AUF DER FLUCHT

24. DIE DUNKELREICHE

25. DER HERR DER TIEFE

26. DIE RÜCKKEHR DER KRISTALLDRACHEN

EPILOG: DER NEBEL LICHTET SICH

DANKSAGUNG

BONUSMATERIAL

PERSONENREGISTER

INTERVIEWS MIT DEN DARSTELLERN

STATT EINES AUDIOKOMMENTARS

DELETED SCENE

DELETED SCENE – ODER: LETZTE WORTE

VORWORT ZU DIESER JUBILÄUMSAUSGABE

Nun liegt also auch »Erbe der Kristalldrachen« vor, der zweite Band der Jubiläumsausgabe zum zehnten Geburtstag meiner »Tarean«-Trilogie – übrigens ein deutlich dickeres Werk als noch »Sohn des Fluchbringers«. Tatsächlich ist das Buch mit über hundertfünfzigtausend Wörtern oder gut einer Million Zeichen das mit Abstand umfangreichste Einzelwerk, das ich bis heute verfasst habe. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb dieser Roman, genau wie sein Vorgänger, immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben wird.

»Tarean – Erbe der Kristalldrachen“ stellte für mich seinerzeit die erste große Überraschung in meinem noch jungen Leben als Autor dar. Ich hatte »Sohn des Fluchbringers« ursprünglich als Einzelwerk konzipiert und geschrieben, doch der Verlag Egmont-LYX erklärte während der Vertragsgespräche, dass sie am liebsten gleich zwei Abenteuer von Tarean und seinen Freunden kaufen würden – und eine Option auf einen dritten, der die Trilogie abschließen würde, gleich mit dazu. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet, aber meine Begeisterung über diesen fulminanten Start ins Leben eines professionellen Geschichtenerzählers war natürlich umso größer.

Dies war vielleicht das letzte Mal in meiner Karriere, dass ich völlig hemmungslos geschrieben habe. Ich habe mir kein Seitenziel gesetzt, nicht auf die Arbeitszeit geschaut und mir auch inhaltlich keine Verbote auferlegt. Als ich mit dem Schreiben begann, wusste ich nur eins: Alles sollte größer werden! Ich wollte meine fantastische Welt Endar deutlich ausweiten, die Charaktere sollten durch persönliche Konflikte mehr Tiefgang erhalten, ich hatte mehr Special Effects im Sinn und ein Finale vor Augen, das noch intensiver werden sollte als das im »Fluchbringer«. Wäre dies ein Film gewesen, ich hätte vermutlich im Vergleich zum Vorgänger die doppelte Menge an Budget gebraucht.

Diese Hemmungslosigkeit hatte natürlich ihren Preis, denn das Abenteuer wurde während des Schreibens immer größer. Aurils Hadern mit dem Schicksal, die Beziehungsverwirrungen zwischen Tarean, Auril, Moosbeere und Iegi, Bromms Zorn und ein wirklich langer Weg bis an den südlichen Zipfel meiner damaligen Welt (der heute, zehn Jahre später, witzigerweise noch zu den eher nördlichen Gestaden von Endar zählt): Das alles kostete Seiten und Zeit. Selten habe ich so fiebrig bis tief in die Nacht getippt wie damals, um Szene für Szene zu bewältigen, und trotzdem habe ich die Leidensfähigkeit meiner Lektorin und aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter beim Verlag auf eine schwere Probe stellen müssen.

Die Mühen haben sich gelohnt. Nicht nur war die Kritik praktisch einhellig der Meinung, dass ich meinen Stil im Vergleich zu meinem Debütroman verbessert hätte, auch die Weiterentwicklung der großen Geschichte um Tarean und seine Freunde kam sehr gut an und wurde nicht als irgendwie angehängt wahrgenommen. Dafür, dass der Roman ursprünglich von mir gar nicht vorgesehen war, und dafür, dass es sich letztlich um den Mittelteil einer Trilogie handelte – typischerweise das schwächste Glied in so einer mehrbändigen Erzählung –, war das ein wirklich schöner Erfolg.

Für die vorliegende Jubiläumsedition habe ich den Text noch einmal komplett durchgesehen. Hier und da habe ich behutsam eingegriffen, um Formulierungen zu glätten, Fragen zu beantworten, die sich einem Leser stellen könnten, oder damals Übersehenes hinzuzufügen. Insgesamt hat sich allerdings wenig geändert. »Erbe der Kristalldrachen“ ist kein anderes Buch, als das, was ich im Herbst und Winter 2008/2009 geschrieben habe – zumindest nicht inhaltlich. Was das Drumherum betrifft, sieht das natürlich ganz anders aus. Hier haben der Mantikore-Verlag und ich für diese Jubiläumsausgabe wieder alle Register gezogen. Wunderschöne Illustrationen erwecken Tareans Welt visuell zum Leben. Gleich zwei Karten erlauben es, Tareans Weg bis in die fernen Glutlande nachzuvollziehen. Und in einem umfangreichen Bonusmaterialbereich trifft Information diesmal auf viel Humor.

Aber genug der langen Vorrede. Ihr habt das Buch schließlich nicht gekauft, um von den nostalgischen Schwärmereien seines Autors zu lesen. Daher trete ich jetzt in den Hintergrund und überlasse den eigentlichen Helden dieser Geschichte die Bühne. Viel Spaß und Vorhang auf für Tarean, Auril, Moosbeere, Bromm, Iegi und wie sie alle heißen … (Ich will ja nicht spoilern.)

Besigheim, im September 2018

Bernd Perplies

PROLOG

TRÄUME IN DER FINSTERNIS

Tief unter der Erde lag Kesrondaia und träumte.

Mit wachsamem Blick betrat der Junge die Höhle. Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen, als befürchte er, durch sein Eindringen irgendwelche Ungeheuer zu wecken, die unsichtbar in der Dunkelheit schliefen. Hoch über ihm wölbte sich die zerklüftete Decke des majestätischen Felsendoms und verlor sich, wie auch die Wände zur Linken und zur Rechten, in der Schwärze jenseits des schwachen Lichtkreises, in dessen Mitte und Schutz sich der Junge bewegte. Die Quelle dieses Lichts war eine etwa golden schimmernde, faustgroße Kristallkugel, die sich an der Spitze eines schlanken Metallstabes befand, den der Junge, mit der linken Hand fest umklammert, vor sich in die kalte Höhlenluft reckte.

In der rechten Hand hielt der Junge ein Schwert. Die blanke Klinge glänzte makellos, als sei sie noch nie in einem Kampf geführt worden. Von kunstfertiger Hand in das Metall eingelassene Kristallrunen zogen sich glitzernd auf beiden Seiten vom Heft bis zur Spitze hinauf. Die Waffe erweckte den Eindruck, sehr alt zu sein, sehr kostbar – und sehr mächtig.

Langsam drang der Junge in die Finsternis vor. Jeden Augenblick schien er einen plötzlichen Angriff zu erwarten, trotz oder vielleicht gerade wegen der beinahe unnatürlichen Stille, die ringsum herrschte. Unruhig schwenkte er den Stab und das Schwert mal hierhin, mal dorthin, und seine weit aufgerissenen Augen versuchten angestrengt, den lichtlosen Raum zu durchdringen, der ihn im Abstand von wenigen Schritten umlauerte. Doch welch namenlose Schrecken auch immer ihn mit gierigen Blicken aus dem Verborgenen verfolgen mochten, sie zeigten sich nicht.

Der Junge hatte sich ungefähr zwanzig Schritt in die Höhle hineingewagt, als, wie auf einen unhörbaren Befehl hin zum Leben erweckt, nicht weit vor ihm eine hohe, steinerne Felsnadel in düsterem Rot erblühte, einem gewaltigen Barren Eisen in der titanischen Esse eines Götterschmiedes gleich. Das unheilige Glühen, das den feurigen Strömen zähflüssigen Gesteins in den Eingeweiden der Erde geschuldet sein mochte, nahm an Kraft zu, bis es den sanft goldenen Schimmer der Lichtquelle des Jungen überstrahlte und ein weites Rund aus beinahe schwarzem, doch blutig rot beschienenem Fels enthüllte. Es war eine düstere, unheimliche Unterwelt aus riesigen, geborstenen Steinblöcken, die sich vor den Augen des Jungen auftat, das untergegangene Reich einer längst vergessenen Zivilisation.

Und dann trat hinter der Säule ein Mann hervor.

Er trug eine lange, dunkelblaue Robe aus schwerem Stoff. Seine vor dem Bauch gefalteten Hände verschwanden in den weiten Ärmelsäumen, und sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze verborgen, die der Mann über den Kopf gezogen hatte. Feine schwarze Dunstschleier umwaberten seine Gestalt, stiegen aus dem Gewand auf und von dem Boden, den seine Füße berührten. Sie verliehen dem Mann etwas seltsam Unwirkliches, als sei er ein Albtraum, der seinen Weg in die gewöhnliche Welt gefunden hätte. Der Mann machte ein paar Schritte auf den Jungen zu, hob die Hände und schlug die Kapuze zurück. Sein graues, scharf geschnittenes Antlitz wurde von wallendem, weißem Haar umrahmt, das im Licht der Felsnadel eine ungesund rötliche Farbe angenommen hatte. Und in tiefen Augenhöhlen loderte ein violettes Feuer, das von unversöhnlichem Hass kündete.

Beim Anblick des Fremden zuckte der Junge voller Entsetzen zurück. Erkennen und Unglauben huschten in rascher Folge über seine Züge. Er ließ den Stab fallen, der mit einem hellen, metallischen Klingen vom Felsboden abprallte und davonrollte, bevor er einige Schritt entfernt zur Ruhe kam. Dann ergriff der Junge sein Schwert mit beiden Händen und sprach einen einzelnen Satz: »Esdurial, steh mir bei.«

Es war, als springe ein Funke vom Heft des Schwertes auf die Klinge über. Dann leckten plötzlich weiße Flammenzungen die silberne Schneide empor, umschmeichelten die Kristallrunen und brachten sie zum Funkeln. Als sie aber die Spitze erreichten, explodierte Esdurial fauchend in einer Welle grellweißen Lichts, die sich sprunghaft, wie ein zuschlagendes Raubtier, ausbreitete, um die Dunkelheit der Höhle in Felsspalten und Bodenritzen zu jagen.

Doch die Finsternis um den Jungen und den Fremden ließ sich mitnichten vertreiben. Vielmehr erwies sie sich als dicht und undurchdringlich, einer Wand aus flüssigem Pech gleich, gegen die das Licht anbrandete wie Wasser gegen eine Dünenkette, bevor es an Kraft verlor und in der Schwärze versickerte. Übrig blieb Esdurial selbst, die Klinge nach wie vor in tosendes Drachenfeuer gehüllt und dennoch nur ein fahles Abbild des strahlenden Fanals der Hoffnung, das die Waffe an anderen Orten und zu anderen Zeiten wieder und wieder gewesen war.

Der Junge schien einige Herzschläge lang verwirrt zu sein, und der schmale Mund des Dunklen verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. Beiläufig hob der Fremde die Rechte, und der am Boden liegende Stab wirbelte durch die Luft und direkt in seine zupackende Faust. Er ergriff den langen Schaft mit beiden Händen, so fest, dass die Knöchel seiner spinnenbeinartigen Finger weiß hervortraten. Und auf einmal kroch von diesen ausgehend eine faulig-schwarze Patina über das matt glänzende Metall. Wie Schimmel, dessen Wachstum auf magische Art und Weise beschleunigt worden war, breitete sie sich völlig lautlos über den Stab aus und hüllte ihn schließlich beinahe vollständig ein. Zuletzt glitt die Schwärze über den leuchtenden Kristall an seinem oberen Ende und schien sein Licht und seine Kraft mit leisem, bösartigem Zischen in sich aufzusaugen. Erst als auch die letzten Reste goldenen Lichts erstickt worden waren und die Kugel stumpf und leblos wirkte wie ein seit Langem erloschener Stern, endete das schaurige Schauspiel.

Triumphierend hob der Dunkle den Stab hoch über den Kopf. Dann wirbelte er ihn in einer kreisenden Bewegung herum und ging in Angriffstellung. Eine Fahne aus feinem Staub schwebte dort, wo der Stab soeben rauschend die Luft durchschnitten hatte, löste sich in schwarzen Qualm auf und zerfaserte träge in dem kaum spürbaren Luftzug, der durch den Felsendom wehte. »Komm nur.« Die Stimme des Mannes troff vor Boshaftigkeit.

Der Junge verlagerte sein Gewicht auf das hintere Bein und richtete das weiß brennende Schwert in Kopfhöhe auf den Gegner, bereit, zuzuschlagen oder sich zu verteidigen. Die Überraschung des ersten Augenblicks war überwunden und nun, da er das Unvermeidliche erkannt und akzeptiert hatte, war auch jedes Anzeichen von Furcht aus seinem Antlitz gewichen. Mit kalter Entschlossenheit erwiderte er den hasserfüllten Blick seines Feindes.

Für einen Moment standen sich die beiden Kontrahenten schweigend gegenüber.

Dann eröffnete der Junge den Kampf.

Mit einem weiten Ausfallschritt warf er sich dem Dunklen entgegen und führte sein Schwert gegen dessen Kopf. Rasch trat der Mann zur Seite und hielt schützend den schwarzen Stab zwischen sich und die brennende Klinge. Klirrend prallten die beiden Waffen aufeinander, und schwarzer Qualm vermischte sich mit weißem Licht. Der Junge zögerte keinen Moment, sondern zog das Schwert in einem weiten Kreis herum, um diesmal von der anderen Seite anzugreifen. Aber es bedurfte nur einer knappen Bewegung des Dunklen, um auch diesen Streich abzuwehren.

Keine Ruhe ließ der Junge, der das Schwert Esdurial trug, seinem Widersacher, doch obschon er die Klinge mit beachtlichem Geschick führte und ohne Unterlass auf den Mann eindrang, hielt dieser beständig dagegen. Sein Stab zuckte mal nach links, mal nach rechts, und mal bildete er eine Barriere quer über seinem weißen Haupt – es war, als stünde der Dunkle inmitten eines Gitterkäfigs, an dessen schwarzen Stangen die Kampfkunst des Jungen scheitern musste.

Dann ging der Weißhaarige, der sich bislang ausschließlich gegen das ungestüme Drängen des Knaben verteidigt hatte, seinerseits zum Angriff über. Mit der oberen Hälfte des Stabes fing er einen hoch geführten Streich ab, winkelte danach die Arme an, drückte die Klinge abwärts und ließ die untere Hälfte seiner eigenen Waffe gleichzeitig waagerecht vorschießen. Keuchend taumelte der Junge zurück, als ihn das verdorbene Metall in den Unterleib traf.

Der Dunkle setzte nach, und eine gewaltige schwarze Pranke zerriss die Luft. Im letzten Augenblick zuckte das Schwert des Jungen empor, und eine hell glitzernd geschuppte Klaue parierte den Schlag. Der Junge ließ den Stab an der weiß brennenden Schneide abgleiten, zog das Schwert zurück, wirbelte herum, und mit einem Grollen versetzte er dem Monstrum einen mächtigen Hieb, der gepanzerte Haut und Schuppen zerfetzte und eine klaffende Wunde schlug.

Das schmerzerfüllte Brüllen des riesenhaften Ungetüms erfüllte den ganzen Felsendom, als er einen Schritt zurückwich und den Stab in Abwehrhaltung vor sich hielt. Aus glühend roten, lidlosen Augen schleuderte der Dunkle dem Jungen hasserfüllte Blicke entgegen, die mit eiskaltem Zorn in Seen aus flüssigem Licht erwidert wurden.

»Das wirst du bereuen«, dröhnte der Titan.

»Wir werden sehen«, gab der Junge zurück.

Der Dunkle zischte wütend, hob den Stab und warf sich ihm entgegen. Krachend trafen die Waffen aufeinander, und sofort schloss er die mächtigen Arme um den schuppigen Leib des Feindes. Zur Antwort zuckte das sechsfach gehörnte Haupt des Jungen vor, und er versetzte dem Mann einen Schlag vor die Brust, der ihn erneut zurücktaumeln ließ. Doch diesmal gewährte der Dunkle ihm keine Atempause. Wieder und wieder drang er auf ihn ein, seine Pranken holten zu machtvollen Schlägen aus und fielen wie Hammerschläge auf ihn herab, und mit jedem Mal, da Klinge und Stab krachend aufeinanderprallten, stieg mehr schwarzer Qualm in die kalte Höhlenluft auf, verpestete sie mit fauliger, dunkler Magie und legte sich wie ein trüber Schleier auf sein strahlendes, gläsernes Schuppenkleid.

Der Junge hustete, und für einen Herzschlag trübte sich sein Blick, als ihm das beißende Hexenwerk die Tränen in die Augen trieb. Er zwinkerte, und diesen Moment nutzte der Titan, um einen donnernden Schlag auf seiner Schulter zu landen. Der Junge schrie auf und hätte beinahe das Schwert fallen lassen. Er spürte, wie sein Arm taub wurde, und als seine Klauen mit halber Kraft nach dem Ungetüm ausholten, fiel es dem Dunklen leicht, sie an seinem Stab harmlos abprallen zu lassen.

»Du kannst nicht gewinnen«, grollte der Riese. »Du hast mich auch letztes Mal nicht allein bezwingen können.«

»Ihr unterschätzt die Macht des Schicksals. Deine Augen sehen viel und weit, doch die wahre Natur der Dinge wird dir stets verschlossen bleiben. Selbst wenn du mich jetzt besiegst, wirst du letztlich scheitern.«

»Letzte Worte eines Todgeweihten!«

Der Dunkle hob die Hand, sprach ein Wort der Macht, und die Faust des Titans traf ihn mit furchtbarer Gewalt. Der Junge wurde zu Boden geworfen, und er fauchte gepeinigt, als er spürte, wie sich spitze Felsbrocken in sein Schuppenkleid bohrten. Er versuchte sich aufzurappeln, doch schon war sein Feind über ihm und schlug erneut zu. Und wieder. Und wieder.

Scheppernd entglitt Esdurial seiner kraftlosen Rechten, und sofort ließ das gleißende Strahlen der Klinge nach, verging wie eine Flamme, der es an Nahrung mangelt. Der Junge lag mit dem Rücken halb auf einem der schwarzen, geborstenen Steinblöcke, und der massige Körper des Titans nagelte ihn am Boden fest. Noch rangen sie miteinander, aber Zorn und Hass verliehen dem Dunklen übermenschliche Kräfte. Brüllend wuchtete er ihn in die Höhe und warf ihn mit aller Gewalt zu Boden.

Ein heißer Schmerz durchflutete den Körper des Jungen, und es fühlte sich an, als sei sein ganzer Leib zerschmettert. Er zischte wütend, und der Widerstand brannte ungetrübt in seinen Augen. Doch seine Glieder waren gebrochen, und er war seinem Feind wehrlos ausgeliefert. Er wusste, dass er diesen Kampf verloren hatte.

Ein letztes Mal hob er den Blick, während der Dunkle turmhoch über ihm aufragte, dann hob der Herr der Tiefe die gewaltige Pranke und rammte sie dem Kristalldrachen durch die Brust direkt ins Herz. Das Licht Esdurials flackerte ein letztes Mal, dann erlosch es.

EIN PFAD IM NEBEL

Majestätisch erhoben sich die Gipfel der Wolkenberge in den strahlend blauen Morgenhimmel. Die höchsten Grate der gewaltigen Felsmassive waren von weißen Schneefeldern bedeckt, die im gelben Licht der aufgehenden Sonne den Eindruck erweckten, als seien sie mit flüssigem Gold überzogen. Für gewöhnlich verirrte sich keine Menschenseele hinauf in diese einsamen Bergeshöhen, deren helles Gestein der Landschaft einst ihren Namen verliehen hatte. Doch an diesem Frühlingsmorgen erklomm eine einzelne Gestalt, geradezu winzig vor dem Panorama der stummen, steinernen Riesen, den unwegsamen Pfad an der Ostflanke des Shraikhar, des Hohen Wächters.

Schon vor Tagesanbruch hatte Tarean die Vogelmenschenstadt Airianis auf dem Rücken eines Greifen verlassen und war über die stillen, von Nebel verhangenen Täler hinweggesegelt. Er hatte sich von dem Vogelpferd bis zu einem schattigen Tannenwäldchen bringen lassen, das ungefähr eine Meile oberhalb der wiesengrünen Talsohle lag. Dort war er abgestiegen, hatte den Greifen in dem Wissen zurückgelassen, dass ihn das treue, kluge Tier bei seiner Rückkehr erwarten würde, und war bergan marschiert. Die Luft lag kühl und klar über den Gipfeln, und es versprach, ein wunderschöner Tag zu werden, ein Tag wie geschaffen, um in den Bergen wandern zu gehen und nachzudenken.

Und Tarean brauchte Zeit zum Nachdenken. Jetzt, da der Frühling angebrochen und die Schneeschmelze in den tieferen Lagen der Berge schon weit fortgeschritten war, konnte er die Entscheidung nicht mehr lange hinausschieben. Er musste sich endlich darüber klar werden, wie er sein zukünftiges Leben zu verbringen gedachte, wie er ihm einen Sinn geben und nach welchen Zielen er streben sollte – ein nicht gerade einfaches Unterfangen. Denn das Wissen, das vermutlich größte Abenteuer bereits erlebt und die zweifellos bedeutendste Tat bereits vollbracht zu haben, lastete schwer auf ihm und verurteilte alles Kommende zur Bedeutungslosigkeit.

Sechs Monde war es nun schon her. Vor sechs Monden, in der gewaltigen Schlacht um die Feste At Arthanoc, war ein Teil seines Lebens zu Ende gegangen, der bereits in der Nacht von Tareans Geburt, also vor mittlerweile fast siebzehn Jahren, seinen Anfang genommen hatte. In dieser Nacht hatte sein Vater Anreon von Agialon, ein Ritter des Kristalldrachenordens, den Tod gefunden. Auf dem Drakenskal, auf dem sich die Bündnistruppen der freien Völker des westlichen Endars dem einfallenden Bestienheer des Hexenmeisters Calvas zur entscheidenden Schlacht gestellt hatten, war er einer meisterhaften und von langer Hand geplanten Täuschung des Hexers zum Opfer gefallen. Der Bann, den er über den Grimmwolf, den dämonischen Heerführer von Calvas’ Wolflingshorden, hatte sprechen wollen, hatte sich in sein Gegenteil verwandelt und dem unheiligen Geschöpf vielmehr ungeahnte Kräfte verliehen.

Calvas’ Triumph hatte Tareans Vater das Leben und seine Kampfgefährten den Sieg gekostet, und so war eine Zeit der Dunkelheit angebrochen, eine Zeit der Wölfe, in welcher der Hexer und seine ihm dienstbaren Wolfskrieger die westlichen Reiche im Würgegriff gehalten hatten. Das ausgebeutete Volk hatte die früheren Ruhmestaten von Tareans Vater vergessen und ihn stattdessen unter den Peitschen der Grawls – wie sich die Wolflinge selbst nannten – zu hassen gelernt. »Fluchbringer« war der zum Namen gewordene Vorwurf für Anreon von Agialon gewesen, und böse Zungen hatten ihn, Tarean, Zeit seines Lebens den Sohn des Fluchbringers gerufen.

Der Junge hob einen Stein auf, der vor ihm auf dem Bergpfad lag, und schleuderte ihn kraftvoll ins Tal hinab. Fluchbringer! Noch heute versetzte ihn die Schmach, die Calvas seinem Vater – und damit auch ihm – angetan hatte, in Wut, und dies, obwohl er den Hexer im letzten Jahr eigenhändig seiner gerechten Strafe, dem Tod, zugeführt hatte. Doch auch ein Sieg heilt nicht umgehend alle Wunden, welche die Zeit geschlagen hat.

Im Spätsommer seines sechzehnten Lebensjahres hatte sich Tareans Leben, das er bis dahin als Ziehsohn von Than Urias und seiner Frau in weitgehender Abgeschiedenheit auf Burg Dornhall im Almental verbracht hatte, auf dramatische Weise verändert. Er erinnerte sich an die Ereignisse in der Gemarkung Bergen, fern im Westen Endars, als sei es gestern gewesen: wie er von Ilrod, dem Waffenmeister von Dornhall, zum Wachposten hoch droben auf dem Wallhorn geschickt worden war, wie ihn dort eine Streife Wolflinge überrascht hatte, und wie ihm Iegi, der – wie sich viel später herausstellte – Prinz der Vogelmenschen, in höchster Not zu Hilfe geeilt war. Und als ob dies nicht schon genug Erlebnisse für einen Tag gewesen wären, hatte in den Abendstunden eine größere Rotte Wolflinge das nahe Dorf Ortensruh überfallen, und inmitten der heftigsten Kämpfe war ihm auf einmal sein Vater erschienen.

Wenn Tarean heute die Augen schloss, konnte er noch immer die in strahlendes Weiß gewandete und von einem überirdischen Lichtschein umgebene Gestalt sehen; ein Umstand, der ihn umso mehr schmerzte, da er am Ende seiner Reise, die damals ihren Anfang genommen hatte, erfahren musste, dass auch er, wie dereinst sein Vater, einer Täuschung Calvas’ erlegen war.

Doch zunächst hatte die Vision des Ritters, dem die Trauer sogar die Totenruhe verwehrte, den Jungen bis ins innerste Mark aufgerüttelt. Gleich am nächsten Morgen hatte er sich dazu entschlossen, seinen lange gehegten Traum wahr zu machen und loszuziehen, um Calvas endlich für all die Untaten bezahlen zu lassen, die der Dunkle an Tareans Heimat, seinem Vater und letztlich auch an ihm verübt hatte. Zum Abschied hatte ihm Wilfert, der ehemalige Knappe seines Vaters, Esdurial, das magische Schwert Anreons, überreicht. Und so gewappnet war Tarean in die ihm fremde, weite Welt ausgezogen, in dem vielleicht vermessenen, vielleicht in seiner schlichten Reinheit bewundernswerten Glauben, vollbringen zu können, woran alle Helden in den letzten sechzehn Jahren gescheitert waren.

Platschend trat der Junge mit dem linken Fuß in kühles Nass. Er fluchte leise und zog das Bein zurück. Er war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass ihm der kleine, gurgelnde Gebirgsbach, der seinen Pfad kreuzte, gar nicht aufgefallen war. Rasch sprang er ans andere Ufer, wo er unwillig seinen Stiefel ausschüttelte. Dann hob er mit zusammengekniffenen Augen den Kopf, um sich zu orientieren. Saftige Bergwiesen erstreckten sich vor ihm im strahlenden Sonnenschein bis ins Tal hinab und zogen sich ebenso noch ein gutes Stück an den steilen Berghängen empor. Einige letzte, der wärmenden Sonne hartnäckig widerstehende Eisbrocken, Erinnerungen an einen bitterkalten Winter, wurden von einem Meer aus weißgelben Wildblumen umspült. Und hoch über den Wipfeln der Nadelhölzer, die auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht wuchsen, kreiste ein großer Vogel, doch gegen die Sonne, die ihn blendete, vermochte Tarean keine Einzelheiten zu erkennen. Wahrscheinlich ein Kronadler auf Beutesuche.

Etwas voraus wurde das Gelände steiniger, und es schien dort eine Art Aufstieg zu geben, der auf beinahe direktem Weg zum Gipfel führte, welcher einige Hundert Höhenmeter über ihm aufragte. Dieser Pfad würde zweifelsohne schweißtreibender sein, als der lange Weg entlang der Bergflanke, aber dafür auch deutlich kürzer.

Der Junge zögerte einen Augenblick, dann wandte er sich den Felsen zu – nur um sich bereits nach wenigen Schritten zu fragen, ob das wirklich eine so gute Wahl gewesen war, die er soeben getroffen hatte.

Damals hatte der Weg klar vor ihm gelegen. Er war einfach losgezogen, immer nach Osten, ohne groß über die Widrigkeiten und Hindernisse nachzudenken, die ihm den Weg versperren mochten. Das hatte einige leichtfertige Entscheidungen und so manche brenzlige Situation zur Folge gehabt, aber im Grunde hatte Tarean das Gefühl, sich ganz wacker geschlagen zu haben. Zugegeben, er hatte Hilfe gehabt. Das Irrlicht Moosbeere, die Vasthari Auril, der Werbär Bromm und der in den Tiefen der Erde lebende Steinerne Kiesel waren ihm im Laufe seiner Reise begegnet und hatten sich rasch zu guten Freunden und treuen Gefährten entwickelt. Ohne ihren Beistand, dessen war sich Tarean heute sicher, hätte er At Arthanoc niemals lebend erreicht – oder vielleicht doch?

Calvas hat doch nur mit dir gespielt …, flüsterte die hämische Stimme des Zweifels in Tareans Innerem, wie so oft, wenn er sich die Frage stellte, was er letztendlich eigentlich vollbracht hatte. Er hatte At Arthanoc erreicht, und er hatte Calvas herausgefordert. Doch dies war ihm nur möglich gewesen, weil genau das der Wille des Hexenmeisters gewesen war. Er hatte Tarean die Vision gesandt, er hatte Wilfert eingeflüstert, dem Jungen Esdurial zu überlassen, und er hatte Tarean und seine Begleiter zwar durch die von ihm unterworfenen Landstriche gejagt, sie aber niemals wirklich aufzuhalten versucht – zumindest waren das seine Worte gewesen. Was aber könnte passender sein, als dass mir der Erbe des Mannes, der mir einst den Weg geebnet hat, jetzt zum endgültigen Sieg verhilft? Tarean war ein Bote für Calvas gewesen, der ihm die machterfüllte Waffe Esdurial bringen sollte, außerdem ein Opfer, das der Hexer dem Grimmwolf darbieten konnte, wie Jahre zuvor schon Tareans Vater.

Beinahe hätte Tarean bei dieser Konfrontation den Tod gefunden. Und wenn ich nicht aufpasse, ich törichter Narr, dann finde ich ihn hier und heute, fügte er über sich selbst erbost in Gedanken hinzu, als sich unvermittelt ein Stein unter seinem Fuß löste und er sich festhalten musste, um nicht abzurutschen. Das Gelände wurde nun zunehmend steiler und unwegsamer, und bald war er gezwungen, sich auf allen vieren auf den Gipfel zuzubewegen. Aber Tarean war im Gebirge aufgewachsen und ein geübter Kletterer, und noch war der Weg nicht so abenteuerlich, dass er all seine Aufmerksamkeit erfordert hätte. Nein, ich werde heute nicht sterben, bekräftigte er in Gedanken, griff mit der Hand nach dem nächsten Felsvorsprung und zog sich entschlossen weiter.

Er war schließlich auch damals nicht gestorben. Während vor den Toren der Festung das letzte Aufgebot der Menschen und Vasthari, die wie Tarean falschen Zeichen des Hexers gefolgt und in die Falle gelockt worden waren, verzweifelt gegen Calvas’ Wolflingheere gekämpft hatte, war Tarean in ein langes, erbittertes Duell des Willens gezogen worden. In dessen Verlauf hatte ihm der Dunkle nicht nur das ganze Ausmaß seines bösen Plans offenbart, er hätte den Widerstand des Jungen auch beinahe mit der Eröffnung gebrochen, dass sein Vater keineswegs tot, sondern als gepeinigte Seele im Grimmwolf aufgegangen war.

Doch so wie Iegi und die Vogelmenschen im letzten Moment als Retter in der Not aufgetaucht waren, um schließlich das Schlachtenglück auf der Ebene zum Guten zu wenden, so hatte das beherzte und selbstlose Eingreifen von Tareans Gefährten zum rechten Zeitpunkt die Klauen gelöst, die der Hexer hoch droben in seinem eisigen Thronsaal bereits um den Hals des Jungen geschlossen hatte. Zuletzt hatte Tarean beiden, dem Grimmwolf und seinem Meister, die in weißem Drachenfeuer brennende Klinge Esdurials in den Leib gestoßen und so nicht nur Anreon von Agialon erlöst, sondern auch das Ende der beiden Ungeheuer herbeigeführt. Jetzt schmorte der Wolfsdämon in den unheiligen Tiefen der Dunkelreiche, und Calvas, der sechzehn Jahre lang seine Schreckensherrschaft über den Westen von Endar verbreitet hatte, lag tot und begraben unter den Trümmern von At Arthanoc, das nach der Schlacht von den Steinernen bis auf die Grundmauern geschleift worden war.

Sechs Monde war das nun schon her.

Nach dem Ende der Schlacht waren die letzten Grawlrotten, deren Einigkeit sich gleichzeitig mit ihrem unirdischen Heerführer in heiße, rauchgeschwängerte Luft aufgelöst hatte, verjagt und die Gefallenen mit allen angemessenen Ehren bestattet worden. Im Anschluss daran hatte Jeorhel, der Hochkönig von Albera, Tarean angeboten, sich ihm und den Resten des Heeres anzuschließen, um in einem Marsch über den Drakenskal-Pass, Anfurt und Agialon ruhmreich in die Heimat zurückzukehren. Der Junge hatte sich eine Nacht Bedenkzeit ausgebeten, und während dieser Nacht hatte er festgestellt, dass er nach all den bestandenen Abenteuern überall hin wollte, nur nicht zurück ins Almental nach Dornhall. Wilfert war tot, vor At Arthanoc gefallen, und was war Dornhall schon ohne ihn? Der bescheidene Sitz des alternden Thans einer unbedeutenden Gemarkung am Rand der Zivilisation, eine kleine, sich selbst genügende Welt mit einfachen Menschen, die von alltäglichen Mühsalen geplagt werden.

Tarean schnaubte und blies gleichzeitig einen Schweißtropfen davon, der sich an seiner Nasenspitze gebildet hatte, während er sich den Hang hinaufplagte. Obwohl er gerade als Kind, in den ersten Jahren seines Exils auf Dornhall – in den Gängen und Hallen innerhalb der Mauern und den Wiesen und Wäldern ringsum – ein für jene Zeit ungewöhnlich glückliches und behütetes Dasein geführt hatte, war ihm die Burg seines Ahns in den letzten Sommern kaum noch wie eine Heimat vorgekommen – und heute weniger denn je.

Das hatte er auch Auril gesagt, als sie ihn in Gedanken versunken auf einem Hügel unweit des Heerlagers aufgespürt hatte. Daraufhin hatte ihn die Vasthari mit der Eröffnung überrascht, dass sich ihre Wege dann am nächsten Tag für einige Zeit trennen würden. Auf sein überraschtes Nachfragen hin hatte sie ausweichend reagiert. Sie würde mit Bromm und dem Heer nach Cayvallon gehen, denn ihr Vater brauche sie dringend am Hofe des Hochkönigs.

Ich brauche dich auch, hatte auf Tareans Zunge gelegen, doch er hatte gewusst, dass dies selbstsüchtig geklungen hätte, und stattdessen nur gefragt: »Wann werden wir uns wiedersehen?«

»Spätestens nach der Schneeschmelze im Frühjahr«, hatte die Vasthari versprochen, doch bei den Worten hatte auf ihrem Gesicht eine so seltsame Trauer und Wehmut gelegen, dass Tarean ganz anders geworden war. Und als sie ihn dann plötzlich geküsst hatte, das erste Mal überhaupt und dabei mit einer Leidenschaft, als sei es zugleich das letzte Mal, hätte er sich am liebsten an sie geklammert und ihr gesagt, dass er alles tun wolle, sogar ins Almental gehen, nur um sie nicht zu verlieren.

Doch er hatte es nicht getan.

Und so hatten sich die Gefährten mit zahlreichen Treueschwüren auf den Lippen und der einen oder anderen heimlichen Träne im Augenwinkel getrennt. Kiesel war nach Tiefgestein, in die Stadt der Unterirdischen, zurückgegangen, und Auril und Bromm hatten das Heer des Hochkönigs nach Albera begleitet. Tarean wäre unentschlossen allein zurückgeblieben – Nein, verbesserte er sich, Moosbeere hätte mich nie verlassen! –, wenn nicht Iegi ihm, auch im Namen seines Vaters, das Angebot unterbreitet hätte, mit den Taijirin nach Airianis zu reiten und dort so lange ihr Gast zu sein, bis er sich entschieden habe, wohin ihn sein Weg führen solle.

Fast sechs Monde … So lange lebte er nun schon in den Wolkenbergen. Abgeschnitten von der Welt und ihren Geschehnissen saß er in den Hallen der Himmelszitadelle an der Tafel König Ieverins und gab sich an der Seite seines Freundes Iegi vor allem dem Verdrängen der Frage hin, was er mit seinem Leben wirklich anzufangen gedachte.

Schon bald nach seiner Ankunft war der Winter hereingebrochen, hatte die Berge rund um die Stadt der Taijirin unter einer meterdicken Schneedecke begraben und das Leben auf eine Handvoll gut beheizter Räume beschränkt. Die Vogelmenschen waren rasch in den notwendigen Trott zurückgefallen, der ein Überleben unter derart harschen Umweltbedingungen überhaupt erst möglich machte, und obwohl sich Tarean nach besten Kräften nützlich zu machen versuchte, war ihm mehr und mehr aufgegangen, dass er nicht hierher gehörte. Und das galt für Moosbeere noch mehr als für ihn.

Das Irrlicht war ihm die ganze Zeit treu geblieben. Beständiger als jeder andere seiner Gefährten hatte es an seiner Seite verweilt. Es war eine eigenartige Form der Liebe, die das zarte Geschöpf für ihn hegte. Tarean wusste nicht, was er getan hatte, um diese Empfindungen in Moosbeere zu wecken, aber rückblickend schien es ihm, als sei sie ihm bereits an dem Tag ihres Aufeinandertreffens in den Tiefen des Alten Walds verfallen. Zugegebenermaßen waren auch seine Gefühle für sie keineswegs rein freundschaftlicher Natur – spätestens seit jener sonderbaren Begegnung im Reich zwischen Traum und Wachen, während der ihm das Irrlicht als erwachsene und geradezu atemberaubend schöne Frau erschienen war. Sie hat mir bis heute nicht verraten, was in jener Nacht wirklich geschehen ist … Nur ein Traum? … Niemals.

In den letzten Wochen allerdings, derweil der Frühling mit Riesenschritten nahte und die Natur sich überall mit Macht ihre Bahn durch die vereiste Schneedecke brach, hatte ihre Beziehung auf schwer zu beschreibende Weise gelitten, und dies war nicht allein eine Spätfolge von Tareans kurzem, aber glühendem Bekenntnis zu Auril nach der Schlacht um At Arthanoc. Moosbeere gab sich zwar alle Mühe, es vor ihm zu verbergen, doch er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie die Wolkenberge am liebsten eher heute als morgen wieder verlassen hätte und nur seinetwegen blieb.

Es muss etwas passieren!, ermahnte sich der Junge.

Der Shraikhar zwang ihn aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Irgendwie war ihm bei der Einschätzung des Weges ein grober Fehler unterlaufen, denn während der letzten vierzig Schritt hinauf zum Gipfelplateau erhob sich die Felswand fast lotrecht in die Höhe.

Tarean warf einen Blick über die Schulter, doch als er sah, wie viel Wegstrecke bereits hinter ihm lag, schüttelte er den Kopf. Von unten hatte der Weg zwar anstrengend, aber keineswegs gefährlich ausgesehen. Rückblickend indes schien die Bergwand geradezu Schwindel erregend steil abzufallen. Ein Umkehren kam nicht infrage. Ich bin auf dem Pfad, für den ich mich entschieden habe, zu weit vorgedrungen, um wieder zurückzugehen. Aber lief es auf diese simple Wahrheit am Ende nicht immer hinaus? Er holte tief Luft und machte sich an die letzte Etappe seines Aufstiegs.

Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und näherte sich dem mittäglichen Zenit. Tarean spürte, wie sie ihm mit heißen Fingern über den Rücken strich, und er geriet ins Schwitzen, während er sich die Wand hinaufmühte. Für den Ungeübten mochte der Fels so gut wie unüberwindbar erscheinen, doch immer wieder fanden die Hände und Fußspitzen des Jungen kleine Mulden, Simse und Felsspalten, die ihm Halt boten.

So arbeitete er sich langsam aber beständig vorwärts, die Augen immer nach oben gerichtet, niemals zurück. Der schlimmste Fehler, den ein Kletterer machen konnte, war, den bereits bewältigten Weg ermessen zu wollen. Denn erst dann wurde den meisten bewusst, wie hoch hinaus sie sich ohne jede Sicherung getraut hatten. Und wenn man derlei Erfahrung nicht gewöhnt war, mochte mit der Erkenntnis der gegenwärtigen Lage allzu leicht der Schwindel über den eigenen Wagemut einhergehen – und mit dem Schwindel kamen die Zweifel und mit den Zweifeln der Absturz.

Stattdessen hielt Tarean die Felskante über seinem Kopf fest im Blick. Nur noch wenige Schritt, dann hatte er den Gipfel – und damit sein Ziel – erreicht. Nicht ganz auf die Art und Weise, wie ich es mir vorgestellt habe, aber wann gelingt einem das schon.

Etwas oberhalb und zur Linken erspähte er einen engen Spalt. Den Körper an den kalten Fels gepresst und mit den Füßen auf einem viel zu schmalen Sims balancierend, schob Tarean seine linke Hand vor und versenkte drei Finger in die Wand. Die Rechte schloss er um einen Felsvorsprung direkt daneben, dann zog er sich daran empor und drückte seine Stiefelspitzen in zwei einladend tiefe Mulden. Sein Herz machte einen Satz und seine Muskeln verkrampften sich, als sein linker Fuß dabei abrutschte und Kiesel und feinen Steinstaub in die Tiefe schickte. Doch sein Halt war sicher genug, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Es ist wie damals im Thronsaal des Hexers, fuhr es ihm durch den Sinn. Auch dort hatte er feststellen müssen, dass der Weg, den er voll einfältigem Ungestüm eingeschlagen hatte, im Grunde falsch und viel zu gefährlich gewesen war. Ohne seine Freunde wäre er gescheitert.

Es dauerte einen Augenblick, bis er sich von dem Schreck erholt hatte, und die letzten Schritt legte er mit solcher Vorsicht zurück, dass sich die im Grunde überschaubare Strecke fast quälend in die Länge zog. Schließlich jedoch hatte er den oberen Rand der Bergwand erreicht. Seine Hand tastete über den Fels, fand außerhalb seines Sichtfeldes einen kleinen Vorsprung und klammerte sich daran fest. Ächzend zog er sich nach oben und über die Kante. Er hatte es so gut wie geschafft! Auf dem Bauch liegend, schob er den rechten Arm vor, um seine Finger in einer flachen Bodenwelle zu vergraben und sich dann vollends auf das Gipfelplateau hinaufzuziehen. Da tauchte wie aus dem Nichts eine Hand auf und schloss sich kraftvoll um seinen Unterarm.

Tarean hob überrascht den Kopf.

Vor ihm auf dem Gipfel hockte Iegi. Der Vogelmensch hatte die ausladenden braunen Flügel mit den weißen Sprenkeln halb gespreizt und stützte sich mit beiden Füßen und der Linken am Boden ab, um sicheren Halt zu haben – nicht, dass ihm, ganz im Gegensatz zu Tarean, irgendetwas zugestoßen wäre, wenn er über den Rand gekippt und in den Abgrund gestürzt wäre. »Komm, ich helfe dir«, sagte der Prinz von Airianis und lächelte aufmunternd.

Tarean schloss die Hand um den Unterarm seines Freundes und ließ sich von ihm auf die Ebene ziehen. »Was führt dich denn hierher?«, fragte er, während er sich aufrichtete und den grauen Steinstaub vom Beinkleid klopfte.

»Du warst so seltsam in den letzten Tagen«, erwiderte Iegi. »Gedankenverloren, möchte ich sagen. Und als ich heute Morgen zufällig sah, wie du einen Greifen bestiegst und davongeritten bist, habe ich mich gefragt, ob es wohl in deiner Absicht liegen könnte, Airianis den Rücken zu kehren, ohne Lebewohl zu sagen – eine Vorstellung, die mich geradezu entrüstet hat, nebenbei gesagt.«

Tarean lächelte schwach. »Das würde ich doch niemals wagen.« Er wandte den Blick von seinem geflügelten Freund ab und ließ ihn über das weite, erhabene Gebirge schweifen. »Nein, ich brauchte nur etwas Zeit, um mich der Vergangenheit zu erinnern und daraus möglicherweise Schlüsse für meine Zukunft zu ziehen.« Sie entfernten sich ein paar Schritte von der Kante und ließen sich auf einer kleinen Grasinsel nieder, auf der eine einsame Wildblume mit herzförmigen weißen Blättern wuchs. »Ich kann nicht ewig bei euch bleiben, Iegi«, fuhr Tarean fort, »so verführerisch dieser Gedanke sein mag. Ich muss meinen Weg in der Welt der Menschen finden.«

»Das verstehe ich«, erwiderte Iegi. »Und bist du zu einem Entschluss gekommen, was du zu tun gedenkst?«

Tarean seufzte. »Nein«, gestand er. »Früher schien alles so einfach. Mein Weg in der Vergangenheit war klar. Aber meine Zukunft ist wie ein Pfad im Nebel. Ich schreite nur zögerlich voran und kann mein Ziel im Dunst der Möglichkeiten nicht sehen.«

»Du willst also nach wie vor nicht ins Almental zurückkehren?«

Der Junge horchte einen Moment in sich hinein. »Nein, ich glaube nicht.«

»Was ist dort nur vorgefallen, das dir die Heimkehr so erschwert?« fragte der Vogelmensch.

»Nichts Bestimmtes. Es ist nur …« Tarean runzelte die Stirn, in dem Versuch, die richtigen Worte zu finden. »Es ist schwierig, das zu erklären. Kannst du dir das Gefühl vorstellen, du seiest über einen bestimmten Ort deines Lebens hinausgewachsen?« Er warf Iegi einen fragenden Blick zu.

»Wie genau meinst du das?«

»Als ich noch in Bergen lebte, war ich ein einfacher Junge, vielleicht ein bisschen unverstanden, vielleicht ein bisschen zornig, aber im Grunde gehörte ich an diesen Ort mit seinen muffigen Wandteppichen in den Gängen, den allenfalls hundert Bewohnern, der Fuhrwerkstraße vor den Toren und den Bergwiesen zur Linken und zur Rechten. Aber auf meiner Reise nach At Arthanoc, so kurz sie im Grunde auch war, bin ich älter geworden. Ich habe Dinge gesehen, von denen mir meine Amme als Kind in ihren Märchen erzählt hat. Ich bin mit einem Irrlicht und einem Werbären gereist, habe Wölfe und Trolle bekämpft, bin vor einem Drachen geflohen und habe einem Hexenmeister die Stirn geboten. Ich fürchte, in den Augen vieler Männer und Frauen, die vor den Toren At Arthanocs gekämpft haben, bin ich tatsächlich eine Art Held. Schon in der ersten Nacht nach dem Sieg über Calvas hat mir Moosbeere von Geschichten berichtet, die im Lager umgingen und mir die außergewöhnlichsten Gaben und Taten zuschrieben. Abgesehen davon, dass ich selbst weiß, dass ich Calvas und den Grimmwolf nur überlebt habe, weil ich unglaublich viel Glück und kaum weniger Hilfe hatte, fürchte ich, dass die Leute im Almental nicht wüssten, wie sie mit mir umgehen sollten, wenn ich jetzt nach Hause zurückkehre.«

»Du siehst noch aus wie der Junge, der vor weniger als einem Jahr die Heimat verließ, aber du fühlst dich wie ein Mann, der in der Zwischenzeit eine ganze Lebensspanne durchmessen hat.« Der Taijirin-Prinz nickte verständnisvoll.

»So ungefähr. Wie soll mir mein Ahn begegnen, wie Ilrod, mein Lehrer, und wie Silas?« Der alte Karottenkopf, fügte er in Gedanken hinzu, und für einen Lidschlag verspürte er fast so etwas wie eine absurde Sehnsucht nach jenen unschuldigen Tagen, in denen sein größtes Problem die Hänseleien des anderen Jungen gewesen waren. »Und dessen ungeachtet«, nahm er den Faden wieder auf, »was könnte ich dort bewirken? In Bergen geschieht nicht viel. Und nun, da Wilfert tot ist, wird sich Urias erst recht nicht mehr vor die eigenen Mauern begeben. Nein, es ist besser, ich bleibe Dornhall fern, bis ich meinen eigenen Weg gefunden habe und dort als Mann, als Krieger, mit dem mein Ahn auf Augenhöhe sprechen kann, aufzutreten vermag.«

Für einen Moment saßen sie schweigend nebeneinander.

»Das kann ich verstehen«, meinte der Vogelmensch schließlich. »Umso mehr frage ich mich, weshalb du den Hochkönig von Albera nicht zumindest bis nach Agialon begleitet hast. Ich habe diese Entscheidung dir gegenüber nie infrage gestellt, aber verwundert hat es mich immer. Denn es ist doch so: Die Wölfe vor At Arthanoc mögen vertrieben sein. Aber durch ihre jahrelange Herrschaft haben sie sich überall in den westlichen Reichen eingenistet, und ich glaube kaum, dass bereits in allen Landen Frieden herrscht. Nach der Schlacht schien es mir so, als sei es das Bestreben der Vasthari, die Wolflinge zu suchen und aus jedem Ort und jedem Winkel der westlichen Reiche zu verjagen. Ein hehres Unterfangen, dem du dich mit deinem Schwert hättest anschließen sollen. Das hätte dich zu dem Krieger gemacht, der du sein willst.«

Tareans Augenbrauen zogen sich bei den Worten Iegis zusammen. »Ich sprach von Jahren, nicht von Taten, als ich meinte, ich wolle erst zum Mann werden«, knurrte er vielleicht etwas schärfer als beabsichtigt. »Abgesehen davon denke ich, dass ich meinen Anteil an Schlachten in diesem Krieg geschlagen habe.«

»Alter macht einen nicht zum Mann«, gab sein Freund zurück. »Es sind das Herz und die Einstellung. Und sei nicht überheblich: Du bist nicht der Einzige, der gekämpft und gelitten hat. Viele gute Männer und Frauen sind gestorben, und viele weitere werden vermutlich noch sterben, bevor dies alles vorüber ist.«

»Und du glaubst, ich könnte das verhindern?«, verteidigte sich Tarean gegen eine Anklage, die Iegi gar nicht offen ausgesprochen hatte.

»Esdurial ist eine mächtige Klinge. Ihrem Träger ist es bestimmt, Großes zu vollbringen und ein Vorbild zu sein. Das zumindest habe ich aus dem, was du mir über das Schwert deines Vaters erzählt hast, gelernt.« Der Taijirin sah ihn mit strenger Miene an. »Und ob es dir nun gefällt oder nicht, du bist jetzt der Träger von Esdurial.«

Tarean unterdrückte den Drang, wütend aufzuspringen und seinen Freund anzuschreien. Tatsächlich unterdrückte er sogar das Bedürfnis einer harschen Erwiderung. Stattdessen tat er etwas, das dem Tarean, der in Dornhall gelebt hatte, vermutlich nicht möglich gewesen wäre: Er zwang sich, die Wahrheit hinter den Worten des Vogelmenschen zu erkennen. Und so überraschte er diesen, als er sagte: »Du hast recht.« Seine Schultern sackten herab. »Ich hätte mich an die Seite von Jeorhel stellen sollen. Das wäre wahrscheinlich das Richtige gewesen. Stattdessen floh ich mit dir in die Berge. Und es war nicht nur der Widerwille, ins Almental heimzukehren.« Er blickte Iegi an. »Weißt du, was beinahe noch schwerer wog?«

Sein Freund, der ihn ob des Stimmungswandels argwöhnisch beäugte, schüttelte langsam den Kopf.

»Ich hatte Angst. Ich hatte Angst, dass noch mehr Leute, die ich kenne und liebe, ums Leben kommen, wenn ich mich – und sie – in weitere Kämpfe stürze. Wilfert ist vor At Arthanoc gestorben, Karnodrim auch, Moosbeere und Bromm haben nur dank des Wirkens der Alten Macht überlebt. Abgesehen davon habe ich … Dreigötter … meinen eigenen Vater umbringen müssen … so irgendwie, jedenfalls.« Tarean holte tief Luft und presste die Lippen zusammen. »Die Vorstellung, sofort wieder aufzubrechen, um den Kampf fortzuführen … Ich konnte es einfach nicht.«

»Du schützt niemanden, indem du wegläufst«, sagte Iegi, aber seine Stimme hatte an Schärfe verloren.

Tarean seufzte. »Ich weiß. Deshalb sitzen wir ja auch hier. Weil ich endlich wieder hinaus in die Welt muss, um dort etwas zu bewegen. Zwar schulde ich den Menschen in Breganorien und Tahl nichts, denn sie haben den Namen meines Vaters in den Schmutz gezogen, aber ich sollte ihnen trotzdem helfen, das Joch der Wölfe abzuschütteln, wenn sie es allein nicht schaffen.«

»So gefällst du mir besser«, meinte Iegi und schlug dem Jungen aufmunternd auf den Rücken. »Der Ritter Wilfert gab dir Esdurial damals sicher nicht, damit es mehrere Monde neben deiner Schlafstätte auf einem Stuhl liegt, sondern um damit Gutes zu tun, so es in deiner Macht steht.«

»Nein, er gab es mir, weil Calvas es ihm einflüsterte«, erwiderte Tarean sarkastisch. Dann schenkte er dem Vogelmenschen ein schiefes Grinsen. »Aber ich weiß, was du meinst.« Seine Augen schweiften über die im Sonnenlicht glänzenden Bergkuppen jenseits des Tales, doch sein Blick war in die Ferne gerichtet, auf die Welt jenseits der Wolkenberge. »Das wäre es dann also? Ich breche nach Cayvallon auf, um in die Dienste des Hochkönigs der Vasthari zu treten?« Er wandte sich wieder Iegi zu und zuckte mit den Achseln. »Nun denn, es hat zumindest zwei gute Seiten: Moosbeere wird den Alten Wald wiedersehen. Und ich Auril.«

Sein Freund schien aufzuhorchen. »Hast du in letzter Zeit Kunde von ihr empfangen?«

»Von Auril?« Tarean schüttelte den Kopf. »Nein. Ich glaube, es ist fast ein Mond vergangen, seit sie mich das letzte Mal über das Wasser des Sehens gerufen hat. Und sie hatte kaum Neuigkeiten zu berichten.« Tatsächlich war die Vasthari hinsichtlich der Geschäfte, denen Bromm und sie gerade nachgingen, ausgesprochen vage geblieben. Sie hatte nur gesagt, dass es ihr und dem Werbären gut ginge, dass sie beide Tarean vermissen würden und dass sie sich wieder bei ihm melden würde – und dass er sie nicht rufen solle. Er fragte sich, ob er sich nach diesem doch auffällig langen Schweigen über Aurils Anordnung hinwegsetzen sollte. Vielleicht war ihr etwas zugestoßen. Andererseits wusste Aurils Vater auch, dass seine Tochter Tarean eine Phiole mit dem machterfüllten Wasser aus dem Brunnen tief im felsigen Fundament von Cayvallon überlassen hatte. Wenn ihr wirklich ein Unglück widerfahren wäre, hätte sich Sinjhen bestimmt daran erinnert, dass der Junge, den er immerhin selbst mit Auril zusammengebracht hatte – nun ja, zumindest mehr oder weniger –, von ihrem Schicksal würde wissen wollen.

»Ich hoffe, es geht ihr gut«, sagte Iegi.

»Ja, es schien so.« Tarean runzelte die Stirn. Der junge Taijirin hatte in den letzten Monden schon ein paarmal ein fast auffälliges Interesse an dem Wohlergehen und Treiben der Vasthari bekundet. Natürlich hatten sich Iegi und Auril kennengelernt, damals, als Auril, Karnodrim und Moosbeere im Kampf gegen Drachen und Unwetter über den Wolkenbergen aus dem Flugschiff des Setten gestürzt und von einer Grenzstreife der Vogelmenschen aufgelesen worden waren. Ihr gemeinsames Aufbegehren im Rat von Airianis hatte zum Ritt der Greifenreiter nach At Arthanoc geführt. Darüber hinaus hatten sie mit vereinten Kräften – und mit Karnos Hilfe – den Glutlanddrachen vor den Toren der Bastion des Hexers bezwungen. Trotzdem argwöhnte Tarean in schlaflosen Nächten, dass das Band, das zwischen seinen beiden Gefährten geknüpft worden war, nicht allein auf gemeinsam bestandenen Abenteuern beruhte. Und er ertappte sich dabei, eifersüchtig zu sein, auch wenn das höchstwahrscheinlich ziemlich albern war.

Unbewusst presste er die Lippen zusammen. Mehr als alles andere wünschte er sich auf einmal, von hier fortgehen und Auril, seine Auril, wiedersehen zu können.

Er stand auf und streckte ächzend die vom Klettern müden Glieder. »Lass uns aufbrechen. Es liegt noch einiges an Rückweg vor mir und der Tag schreitet voran.«

Iegi erhob sich ebenfalls. »Wenn du willst, ließe sich dieser Weg um einiges abkürzen.«

»Abkürzen?« Tarean blinzelte verwirrt.

»Vertraust du mir noch?« Sein Freund grinste und breitete Arme und Flügel weit aus.

»Oh. – Nun, heute zweifellos mehr als damals«, erwiderte Tarean in Erinnerung an ihren rasanten, ersten gemeinsamen Flug vom Wachturm des Wallhorns hinab nach Dornhall, um die Burgbewohner vor einem Überfall der Grawls zu warnen. »Aber ich nehme trotzdem lieber den langen Weg nach Hause. Über die Nordseite wird mir der Abstieg leichter fallen.«

»Dann fliege ich voraus nach Airianis. Das erbärmliche Klammern von euch erdgebundenen Geschöpfen an die graue Brust des Berges ist mir ein Gräuel.«

Tarean lachte zur Antwort. »Verschwinde bloß, du Federvieh! Wir sehen uns heute Abend.«

Iegi nickte ihm zu, nahm Anlauf und warf sich, einen schrillen Jagdschrei auf den Lippen, in die Tiefe. Mit einem Schlag entfaltete er seine gewaltigen Flügel und glitt rasch ins Tal hinunter.

Für einen Moment blickte Tarean seinem Freund noch nach, wie er in der Ferne kleiner wurde, dann machte er sich an den Abstieg.

DAS GREIFENRENNEN

Als Tarean am nächsten Morgen aufwachte und gähnend aus dem Fenster seines Turmzimmers im Westflügel der Himmelszitadelle blickte, sah er, dass in Airianis bereits emsiges Treiben herrschte. Überall waren Taijirin, gleich ob jung oder alt, damit beschäftigt, ihre runden Behausungen zu reinigen und zu schmücken, die – an der Felswand hängenden Nestern gleich – die helle Bergflanke zu Füßen des Jungen übersäten. Banner und Wimpel wurden an den hölzernen Plattformen befestigt, die terrassenartig den Häusern vorgelagert waren, und lange Bänder, an denen klingende Windspiele und farbige Laternen hingen, spannten sich von Giebel zu Giebel.

Schon seit einigen Tagen hatte eine erhöhte Betriebsamkeit von den am Inhraihar, dem Königsberg, lebenden Vogelmenschen Besitz ergriffen, und an diesem wolkenlosen Frühlingsmorgen, an dem die Luft schneidend klar durch Tareans Glieder fuhr, erreichte sie ihren Höhepunkt. Trotz der Zielstrebigkeit, mit der die Taijirin zu Werke gingen, wehte immer wieder Rufen und Lachen zu seinem Fenster herauf. Es lag eine Vorfreude über der Vogelmenschenstadt, der sich auch Tarean nicht entziehen konnte.

Der Grund hierfür war das anstehende Fest der Sturmweihe, ein, wie Iegi ihm erklärt hatte, besonderer Feiertag anlässlich des ersten freien Fluges einer neuen Nistgemeinschaft junger Vogelmenschen. Um das rituelle – und sehr wörtlich zu verstehende – Loslassen des flügge gewordenen Nachwuchses hatte sich im Laufe der Jahrhunderte ein rauschendes Fest entwickelt, das mit verschiedenen sportlichen Wettkämpfen, Flugdarbietungen, natürlich Speis und Trank und viel Musik begangen wurde.

Das sicherlich mit am meisten Spannung erwartete Ereignis – neben der Sturmweihe selbst – war das große Greifenrennen. Seinem Streckenverlauf nach wurde es auch das Vier-Gipfel-Rennen genannt, und jeder Vogelmensch, der einen Greifen sein Eigen nannte oder aber von einem Gönner ein Tier geliehen bekam, konnte daran teilnehmen. Das Rennen startete vor den Toren von Airianis und führte in einem etwa zwanzig Meilen weiten Kreis teils über Land und teils durch die Luft quer durch die Wolkenberge. Vor allem unter den jungen Taijirin beiderlei Geschlechts erfreute sich der Wettstreit großer Beliebtheit, um das eigene Geschick unter Beweis zu stellen.

Von sich aus wäre Tarean nie auf den Gedanken gekommen, daran teilzunehmen. Er besaß weder einen eigenen Greifen, noch hätte er sich zu der Annahme verstiegen, seine bescheidenen Reitkünste würden auch nur im Entferntesten ausreichen, um während dieses Rennens irgendetwas zu erreichen – von der Erheiterung seiner Umgebung einmal abgesehen.

Doch dann hatte sich Iegi in den Kopf gesetzt, dass der Freund dem Spektakel nicht nur als Zuschauer beiwohnen sollte. Tagelang hatte er auf Tarean eingeredet und ihn davon zu überzeugen versucht, dass es die Teilnahme war, die zählte, und nicht der Sieg. Worte wie Mut, Ehre und Ansehen waren über seine Lippen gekommen, und dass Tarean in den Augen der Taijirin schon gewinnen würde, wenn er sich als Flachländer nur der Herausforderung des Vier-Gipfel-Rennens stellte. Er hatte Tarean sogar einen seiner eigenen Greifen überlassen, und ihm zu guter Letzt auch noch Liftrai, einen der königlichen Greifenmeister vorgestellt, der dem Jungen wie beiläufig erzählt hatte, wie erfolgreich er Auril während ihres kurzen Aufenthalts in Airianis im Umgang mit den Vogelpferden unterwiesen hatte.

Schließlich hatte der Junge eingewilligt und sich von seinem geflügelten Freund die Strecke zeigen lassen. Als sie am Abend besagten Tages von ihrem Ausflug zurückgekehrt waren, hatte er sich allerdings gewünscht, er wäre in seiner Ablehnungshaltung sturer geblieben. Noch jetzt wurde ihm ganz anders zumute, wenn er an Streckenabschnitte wie die zwischen schroffen Bergwänden steil abfallende Sturzklamm, die Iaishriik, dachte oder an den gewaltigen Felsabbruch am Ende einer Hochebene, über dessen obere Kante sich ein eisiger Wasserfall tosend zweihundert Schritt in die Tiefe ergoss und der von einem so weitläufigen Geflecht an Höhlen durchzogen wurde, dass die Vogelmenschen ihn Variljiik, hohle Klippe, getauft hatten. »Ich hoffe, ich überstehe das heute, ohne mir oder Iegis Greifen etwas anzutun«, murmelte Tarean gedankenverloren.

»Ich bitte darum!«, meldete sich ein helles Stimmchen in seinem Rücken nachdrücklich zu Wort.

Tarean wandte sich vom Fenster ab und erblickte Moosbeere, die hinter ihm im Türrahmen schwebte. Er konnte nicht sagen, wie lange das winzige, feenartige Geschöpf mit der hellen Lichtaura dort bereits in der Luft gehangen hatte. Moosbeere vermochte sich absolut lautlos zu bewegen, wenn es ihr im Sinn stand.

»Sag bloß, du bist in Sorge um mich?«, erkundigte sich der Junge mit gespielter Überraschung.

»Ich? Ach, woher denn!« Das Irrlicht schwirrte heran, umkreiste ihn geschwind zweimal und baute sich dann, die zierlichen Fäuste in die schlanken Hüften gestemmt, direkt vor seinem Gesicht auf. »Trotzdem: Wenn du dich umbringst und mich hier allein bei den Flattermännern zurücklässt, nehme ich dir das so übel, dass ich dich bis in eure komischen Dunkelreiche, in die du ja wohl einziehen wirst, verfolgen werde. Und dann werde ich dir dermaßen was erzählen, dass du dir wünschen wirst, du wärst am Leben geblieben!«

Abwehrend hob Tarean eine Hand, wobei er sich nur mit Mühe das Grinsen verkneifen konnte. Selbst wenn sie ungehalten war und sich aufführte wie ein winziger Stern, der sich jeden Moment aufzublähen und zu platzen drohte, wirkte Moosbeere so liebreizend, dass der Junge sie am liebsten gepackt und kräftig gedrückt hätte. Nicht, dass er es jemals gewagt hätte, so grob mit dem handtellergroßen Geschöpf umzuspringen. »Keine Sorge«, erwiderte er. »Ich werde vorsichtig sein. Ich wäre untröstlich, wenn du nur wegen mir den weiten Weg in die Dunkelreiche antreten müsstest.«

Geschmeichelt ließ Moosbeere ihren kleinen Körper mit den filigranen Flügeln in einer strahlenden Kugel aus goldenem Licht verschwinden und kicherte.

»Vor allem aber«, setzte der Junge mit unschuldigem Blick nach, »will ich um nichts in der Welt das Bankett heute Abend verpassen.«

»Oh!« Übergangslos war die Aura des Irrlichts wieder erloschen, und übrig blieb nur das Funkeln in Moosbeeres meerblauen Augen. »Blöder Kerl!« Sie boxte ihn auf die Nasenspitze, machte kehrt und zog sich in den hinteren Bereich des Zimmers zurück.

Dort, auf einem hölzernen Kleiderschrank, hatte sich Moosbeere in den letzten Monden häuslich eingerichtet – wie es ihre Art war, am höchstmöglichen Punkt des Raumes –, und wenn sie nicht gerade des Nachts durch Airianis streifte oder sich in Tareans Nähe aufhielt, verbrachte sie Stunden dort oben im Dunkeln, mal schlafend, mal leise vor sich hin summend. Solange sie dergestalt mit sich selbst beschäftigt war, schien sie friedlich und zufrieden zu sein. Doch die plötzlichen Stimmungsschwankungen, die sich in den letzten Wochen zunehmend in ihr Verhalten eingeschlichen hatten, legten nahe, dass das Irrlicht alles andere als zufrieden war.

»He, Moosbeere«, rief der Junge seiner winzigen Gefährtin nach. »Es war nicht so gemeint.«

»Von mir schon«, bekam er als schnippische Antwort vom Schrank herab zu hören.

Tarean seufzte. Er hoffte, dass sich Moosbeeres Stimmung bessern würde, sobald sie erst einmal unterwegs nach Breganorien waren.

Der Junge wusch sich, kleidete sich an und zog dann los, um im großen Speisesaal sein Frühstück einzunehmen. Auch überall auf den Gängen und in den Sälen der Königsburg machten sich die anstehenden Feierlichkeiten bemerkbar. Dienerinnen huschten mit Putzeimern umher, Knechte trugen Tische und Bänke nach draußen – denn nicht nur das Volk, auch der Adel beging die Sturmweihe unter freiem Himmel –, und aus der Küche drang schon jetzt der verführerische Geruch von Gebratenem und Backwerk, das zum Königsbankett am Abend aufgetragen werden würde.

Den Rest des Vormittags verbrachte Tarean damit, einigermaßen ziellos durch die ihm zugänglichen Teile der Himmelszitadelle zu schlendern und mal hier, mal dort bei den Vorbereitungen zur Sturmweihe mit Hand anzulegen. Iegi war nirgends zu sehen, ebenso wenig sein Vater, König Ieverin. Dafür lief ihm Liftrai über den Weg, der ihm versicherte, dass Ro’ik, Tareans Greif, bestens versorgt sei und das Rennen heute Nachmittag mit regelrechter Ungeduld erwarte.

»Ich wünschte, ich würde Ro’iks Vorfreude teilen«, sagte Tarean. »Aber das flaue Gefühl in der Magengegend stört dabei ein wenig.«

Liftrai lachte. »Es schadet nichts, wenn du ein wenig Respekt vor dem Rennen hast. Dann neigst du wenigstens nicht zu Tollkühnheiten, wie unser Prinz, der sich und sein Tier jedes Jahr aufs Neue durch waghalsige Flugmanöver in Gefahr bringt, nur um den Sieg davonzutragen.«

»Und? War das Glück ihm hold?«, erkundigte sich Tarean.

»Bisher ja. Aber auch wenn die Lichtgefiederten mit Wohlgefallen auf die Beherzten herabschauen, wird irgendwann der Tag kommen, an dem unser Prinz einmal zu oft ihre Gunst in Anspruch genommen hat. Und das sage ich, obwohl ich sein treuester Gefolgsmann bin.« Der Greifenmeister hob mahnend die Hand. »Also versuche nicht, mit Iegi zu wetteifern, Tarean. Gerade jemand, dem die Fähigkeit fehlt, sich notfalls aus eigener Kraft in die Lüfte zu erheben, könnte sich mit derartigem Leichtsinn das Genick brechen. Halte dich stattdessen an Ro’ik. Der weiß schon, was er tut. Er läuft die Strecke bereits im dritten Jahr.«

»Ich versuche, mich daran zu erinnern«, gab der Junge zurück.

»Lauf, Ro’ik! Schneller!«

Tarean lehnte sich nach vorn und klammerte sich am Nackengefieder des Greifen fest, während er ihn gleichzeitig mit lautem Rufen anspornte.

Ro’ik antwortete, indem er den Kopf hob und einen gellenden Jagdschrei ausstieß. Das Vogelpferd ließ die Muskeln spielen und machte einen Satz vorwärts. Mit kraftvollen Bewegungen galoppierte es das schmale, gewundene Tal entlang, das sich in gemächlicher Steigung bis hinauf zur Schneespitze zog, dem Berg, der ihre erste Wegmarke darstellte. Dabei berührten Ro’iks Hufe gar nicht den Erdboden. Vielmehr sanken sie in eine dunstig wirkende, aber das Gewicht des Greifen dennoch tragende Masse aus flockigem Weiß ein, die das Tier auf wundersame Weise unter sich entstehen lassen konnte und die es ihm erlaubte, selbst hoch am Himmel dahinzueilen, als befände sich fester Boden unter seinen Beinen.

Im Moment allerdings folgten Ro’ik und Tarean in Bodennähe dem Verlauf des Tals – wie es für diesen Teil des Vier-Gipfel-Rennens vorgeschrieben war. Und um sie herum preschte das Feld der Herausforderer dahin, eine knappe Hundertschaft überwiegend junger Greifenreiter, die in wilder Jagd durch die Wolkenberge fegte.

»Los, Ro’ik! Zeig ihnen, was du kannst!«

Er hatte Liftrai versprochen, vorsichtig zu sein, sich nicht von Iegi oder einem anderen Reiter zu Leichtsinnigkeiten verführen zu lassen. Doch es war überhaupt keiner seiner Rivalen nötig, um dafür zu sorgen, dass Tarean bereits kurz nach der Startfanfare alle guten Vorsätze fahren ließ. Die urplötzlich unter lautem Rufen und Johlen entfesselte Schar hatte ihn schlichtweg mitgerissen. Und jetzt versetzten ihn das Gefühl des pfeilschnellen Dahinfliegens, das kraftvolle Muskelspiel von Ro’iks mächtigem Körper und das Rauschen des eisigen Windes in einen derart atemlosen Begeisterungstaumel, dass Tarean nur noch eine Richtung kannte: nach vorn!

»Ja! Gut so!«

In halsbrecherischem Tempo donnerten sie dahin. Links und rechts von ihnen huschten niedrige Sträucher, einzelne Nadelbäume und große Felsbrocken vorbei, die den Wegesrand säumten. Dahinter erhoben sich, majestätisch und mehr als tausend Schritt hoch, die kahlen Steilwände der zwei Bergketten, die das Tal überragten. Auf ihren Gipfeln glitzerte der Schnee in der Nachmittagssonne.