Tatort Alpen - 11 Kurzkrimis - Friedrich Ani - E-Book

Tatort Alpen - 11 Kurzkrimis E-Book

Friedrich Ani

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Beschreibung

Nicht nur die Natur kann in den Bergen zur Gefahr für Leib und Leben werden – dieser Band versammelt 11 spannende Kurzkrimis mit Tatorten in den bayerischen, österreichischen und schweizerischen Alpen von renommierten Autorinnen und Autoren. Die Tatorte: Dachstein, Krimmler Wasserfälle, Olpererhütte, Berliner Hütte, Herzogstand, Zugspitze, Königssee, Watzmann, Matterhorn, Jungfraujoch, Vierwaldstättersee. Die Autorinnen und Autoren: Friedrich Ani, Sophie Sumburane, Leonhard F. Seidl, Monika Mansour, Lucas Fassnacht, Brigitta Winkelried, Leonhard M. Seidl, André Pilz, Roland Spranger, Philip Krömer, Andreas Thamm

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Liebe Leserin, lieber Leser,sicher ist Ihnen auf dem Einband das Aktions-Logo des Vereins Junge Helden (www.junge-helden.org) aufgefallen. Man kann sich dieses Signet auch als Tattoo stechen lassen und damit signalisieren, dass man als Organspender zur Verfügung steht. Warum setzt der ars vivendi verlag mit seinen Büchern buchstäblich dieses Zeichen? Hätte ich selbst im Jahr 2006 nicht in allerletzter Sekunde das große Glück gehabt, eine Spenderleber zu erhalten, würden Sie dieses und viele andere Bücher von ars vivendi nicht in den Händen halten. Es ist mir ein Herzensanliegen, mich dafür einzusetzen, dass sich mehr Menschen bereit erklären, Organe zu spenden und damit Leben zu retten.Ihr Norbert Treuheit, Verleger

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (1. Auflage 2026)

© 2026 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG,

Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

www.arsvivendi.com

Umschlaggestaltung: ars vivendi unter Verwendung eines Fotos von © pexels.com/Vincent M.A. Janssen

eISBN 978-3-7472-0763-5

TATORT ALPEN

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Friedrich Ani · Herzogstand

Felsenkeller

Lucas Fassnacht · Olpererhütte

Am Gletscher

Philip Krömer · Zugspitze

Schießübungen

Monika Mansour · Vierwaldstättersee

Unter der Stille des Vierwaldstättersees

André Pilz · Berliner Hütte

Tödlein

Leonhard F. Seidl · Watzmann

Schicksalsberg Watzmann

Leonhard M. Seidl · Dachstein

Der Antoniusring oder Kreise auf Papier

Roland Spranger · Königssee

Männerfreundschaft

Sophie Sumburane · Krimmler Wasserfälle

Mönchsgeier

Andreas Thamm · Jungfraujoch

Wie ein Splitter im Körper der Jungfrau

Brigitta Winkelried · Matterhorn

Der Ötzi vom Matterhorn

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Für die Recherche zu diesem Buch bin ich mit dem Kollegen Philip Krömer um vier Uhr morgens aus Franken zur Zugspitze gebraust. An deren Fuß haben wir uns im Nebel verstiegen, es dann aber glücklicherweise doch noch pünktlich zum Abendessen in die Knorrhütte geschafft. In der Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen habe ich den besten Kaiserschmarrn meines Lebens genossen, frisch zubereitet von Hüttenwirt Flo, garniert mit selbst gepflückten Heidelbeeren. Den Watzmann habe ich in vierzehn Stunden überschritten – an seiner berüchtigten Ostwand fanden bereits über hundert Bergsteigerinnen und Bergsteiger den Tod. Darunter auch eine Frau in Stöckelschuhen, die oberhalb der mittlerweile nicht mehr vorhandenen Eiskapelle abstürzte.

Von Kindheitsbeinen an war ich in den Bergen unterwegs, habe auf Hütten übernachtet, die Freiheit geschmeckt. Die Alpen sind mehr als eine Kulisse. Sie sind Gedächtnis, Grenzraum und Geheimnisträger. In ihren Tälern, auf ihren Gipfeln hallen Geschichten nach, die älter sind als jede Spurensicherung – und doch erschreckend gegenwärtig. Hier sind die Wege schmal, ist das Wetter unberechenbar, kann jede Entscheidung endgültig sein.

Die Geschichten dieses Bandes spielen im Tatort Alpen, zwischen dem türkisblauen Vierwaldstättersee in der Schweiz und dem bayerischen Königssee, um die berühmte Hängebrücke an der Olpererhütte in den Zillertaler Alpen, auf dem Jungfraujoch, wo sich heute der höchste Bahnhof Europas befindet, nahe der berühmten Eiger Nordwand, am Funtensee, dem kältesten Ort Deutschlands, und in den Geröllfeldern am Fuße der Zugspitze. Sie sezieren das Erhabene und Offensichtliche. Und das, was verschwiegen wurde und im Schatten bleibt.

Danken möchte ich an dieser Stelle den Hüttenwirtinnen und Hüttenwirten, ohne die die Hungerstrecken zwischen Tal und Gipfel nicht zu bewältigen gewesen wären. Der Bergwacht, die ich bis jetzt glücklicherweise nie gebraucht habe, die aber jederzeit bereit gewesen wäre. Wie auch meinen Kolleginnen und Kollegen für die fruchtbare Zusammenarbeit und die packenden Storys, durch die ich noch mehr in den Bergen unterwegs sein durfte. Dort, wo ab tausend Höhenmetern nur noch das Du gilt.

Genießt die Zeit in den Bergen! Aber passt auf euch auf.

Leonhard F. Seidl, Herausgeber

FELSENKELLER

Friedrich Ani

Herzogstand

1

Damit hatte sie nicht gerechnet: dass sie betrunken jemals dermaßen klarsichtig sein könnte. Oder bildete sie sich ihre Trunkenheit bloß ein? Wie alles andere, das auf dem Parkplatz vor ihren Augen ablief. Als hätte der Drecksack, der sie schon den ganzen Abend von innen her attackierte, eine riesige Leinwand über den Kies gespannt, mit dem Albtraum ihres Lebens im Hauptprogramm.

Seit sie im Dorf war, galoppierte ihre Fantasie Tag und Nacht durchs Gehege ihrer Vergangenheit. Am ersten Morgen in der Pension wäre sie am liebsten sofort wieder abgereist. Diese schweißnasse, gelbgesichtige Frau im Spiegel sah haargenau aus wie die kaputte Anna dreißig Jahre zuvor, gekreuzigt von Nikotin und Wodka und erbarmungslosen Selbstgeißelungen.

Sie war geblieben. Den Gespenstern zum Trotz. Die nur so aussahen wie Gespenster. In Wirklichkeit waren es Menschen aus Fleisch und Blut und Samen und Hass, die zu ihr ins Bett krochen und ihr den Mund zuhielten, bis sie fast erstickte.

Falsch.

In Wahrheit kam nur ein Mensch.

Der eine Mensch.

Der Eine.

Und da war er. Auf dem Parkplatz neben der Kneipe, da vorn auf der Leinwand. Und hielt ihre beste Freundin im Arm. Perfekter Schattenriss. Er und Corinna. Sie küssten sich.

Falsch.

Er küsste sie, und sie hielt still. Und sie, Anna, schaute zu. Schaut zu und sieht, was passiert. Wie im Kino. Bloß ohne Popcorn und Notausgang. Rührt sich nicht. Und sieht: Auch Corinna rührt sich nicht. Auch er nicht. Ein Stillleben.

Wieder falsch.

Ein Stillsterben.

Er lebt noch, sie auch. Corinna nicht. Sie sieht, wie er auf sie zukommt und sie küsst, auf den Mund, seine Zunge in ihrem Mund, obwohl sie sicher ist, ihren Mund nicht geöffnet zu haben.

Unverständliches passiert vor ihren Augen, sie denkt, was ist daran unverständlich. Diese Dinge geschehen andauernd. Jemand stößt mit der Zunge in jemand anderen. Oder mit der Faust. Oder mit dem Geschlechtsteil. Oder mit einem Gegenstand. Hat sie alles erlebt im Dienst. Kenn ich alles von früher, sagt sie zum Nebel, der die Leinwand verschluckt hat.

»Verstehst du«, sagte sie, »männliche Menschen tun abscheuliche Dinge und halten sie für selbstverständlich. Ich bin nicht besoffen. Oder doch? Ein Bierdeckel lügt nicht, jeder Strich ein Beweis. So ist das.«

»So ist das«, kam als Echo zu ihr zurück.

Ein Blick, und ihr fiel der Name wieder ein. »Julian.«

»Alles gut bei dir?«

»Ja.«

»Sure?«

»Sure sure.«

Er rauchte. Sie kannte ihn und seine Frau aus der Pension, sie hatten ihr Zimmer im Stockwerk über ihr. Schweigsame Frau, zumindest morgens. Außerhalb der Pension war sie ihr und ihm noch nie begegnet. Kein Wunder, sie hatte ihr Zimmer an zwei Tagen überhaupt nicht und an den anderen sechs Tagen nur für schnelle Spaziergänge in und durch den Ort verlassen. Vor der Kneipe, Jochberg, die tagsüber geschlossen hatte, war sie jedes Mal stehen geblieben und hatte sich vorgenommen, abends die drei Kilometer für Hin- und Rückweg noch einmal zu gehen. Heute war sie zum ersten Mal da.

Wobei ihr beim Gedanken an den Rückweg Bedenken kamen. Wegen der Länge. Wegen des Nebels. Wegen der Gespenster aus Fleisch und Blut. Wegen der geladenen Waffe, die sie griffbereit in ihrer Jacke bei sich trug.

»In der Kneipe warst du bisher nicht«, sagte er.

»Nein.«

»Geht’s dir inzwischen besser?«

Unvermeidlicher Small Talk im Frühstücksraum. Sie waren die einzigen Gäste im Bergkristall, Hotel garni, unterhalb des Kesselbergs, im Schatten von Herzogstand und Heimgarten. Ortsteil Altjoch, eine wintersüber sonnenlose Siedlung mit kaum sechzig Bewohnern. Eine Mischung aus Eigenbrötlern, Ruheständlern, Angestellten des Walchenseekraftwerks, Besuchern des Campingplatzes am östlichen Seeufer und einigen Einheimischen, deren Umtriebe auch ohne den üblichen zähen Nebel verschwommen blieben.

Das Paar hatte ihr erzählt, sie würden fast jedes Jahr vor Weihnachten dem Stadttrubel entfliehen. Das Bergkristall sei ihnen von Freunden empfohlen worden. Während der Weihnachtstage kämen regelmäßig Stammgäste des Hauses nach Altjoch. Ohne großes Brimborium würde man den Heiligen Abend und die Feiertage in trauter Runde verbringen, bei üppigen Mahlzeiten mit Fleisch- und Fischgerichten aus der Region und vorzüglichem heimischen Schnaps.

Bei dieser Bemerkung hatte Julian sich mit herausgestreckter Zunge die Lippen geleckt und Anna angewidert weggesehen, was der Ehefrau, wie sie registrierte, nicht entging.

Nach Annas Einschätzung fehlte zwischen den beiden jegliche Harmonie. Vielleicht täuschte sie sich. Jedenfalls fühlte sie sich verpflichtet, ebenfalls ein wenig Wahrheit beizusteuern.

Einfach so, berichtete sie, habe die Geschäftsleitung in Person von Herrn Hagen ihr am zweiten Dezember mitgeteilt, dass ihr Arbeitsverhältnis zum Ende des Monats enden würde. Außer ihr müssten noch weitere Verkäuferinnen und Kassiererinnen entlassen werden, die Konzernspitze habe angesichts einbrechender Verkaufszahlen leider unvermeidliche Entscheidungen treffen müssen. Und so weiter blabla, hatte Anna hinzugefügt und an ihrem Kaffee genippt, der kalt geworden war.

Einundzwanzig Jahre habe sie in dem Kaufhaus im Münchner Osten gearbeitet, acht Mal sei sie zur Mitarbeiterin des Monats gewählt worden, sowohl von Kolleginnen als auch von Kunden, hob sie extra hervor. Die Kündigung habe sie zunächst regelrecht zerschmettert. Dank der Unterstützung ihrer Schwester Silvia, die in Benediktbeuern, einem der Nachbarorte, gemeinsam mit ihrem Mann eine gut gehende Bäckerei betreibe, habe sie wieder Mut gefasst. Vom ersten Januar an würde sie dort als Verkäuferin und Bedienung im angeschlossenen kleinen Café arbeiten und vorübergehend bei ihrer Schwester wohnen. Sobald sie eine eigene Wohnung gefunden habe, wolle sie von München in den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen umziehen.

Nachdem ihre Hausärztin sie wegen gravierender Erschöpfungszustände krankgeschrieben hatte, habe sie am zehnten Dezember das Kaufhaus sang- und klanglos und für immer verlassen. Bis zum Fest bei ihrer Schwester habe sie sich im Bergkristall eingemietet, um Ruhe zu finden und mal wieder ganz für sich zu sein.

Am Ende ihrer Geschichte hatte Julians Frau Elisa ihr die Hand auf den Arm gelegt und verständnisvoll oder mitleidig genickt. Julian dagegen war mit aufgestützten Armen, gefalteten Händen und aneinanderklopfenden Daumen reglos dagehockt und hatte vor sich hin gestarrt.

Wieder in ihrem Zimmer, hatte Anna im Badezimmer ihr Spiegelbild betrachtet. Nichts deutete auf eine Lügnerin hin.

Möglicherweise, hatte sie gedacht und sich abgewandt, weil ihre Augen schon wieder dunkel wurden, hatte sie der Umgang mit erfahrenen Lügnern in ihrer kurzen Zeit im K 11 doch einige Tricks gelehrt, von denen sie bis zu jenem Morgen nicht wusste, wie gut sie sie beherrschte.

»Bin auf dem besten Weg«, sagte sie.

»Das freut mich ehrlich.« Julian, dessen Familiennamen sie vergessen hatte, trat die Zigarette aus. Vor der Eingangstür stand ein mit Sand gefüllter Aschenbecher. »Übrigens, was ich dir noch sagen wollt, Elisa und ich werden nie wieder in dieses Kaufhaus gehen, das dich so übel behandelt hat. Früher haben wir da hin und wieder Schreibwaren, auch mal Socken oder Schals gekauft. Wahrscheinlich sind wir uns schon mal über den Weg gelaufen.«

»Kann gut sein.«

»Darf ich dich auf ein Glas einladen? Hab dich gar nicht gesehen, als ich reingekommen bin. Ich sitz am Tresen.«

»Wo ist deine Frau?«

»Hat sich hingelegt, wurde spät gestern.«

»Wart ihr hier?«

»Minigolfplatz.«

»Nachts?«

»Da gibt’s eine Kneipe mit Spitzenessen, praktisch ein Tiny-Restaurant. Der Koch ist ein Profi aus Kärnten, der hat’s drauf. Schnitzel zum Umfallen. Schnäpse auch zum Umfallen.«

Anna zog die Kapuze ihres Anoraks über den Kopf. »Ich mach mich auf den Heimweg.«

»Bis Altjoch? Auf keinen Fall, ich fahr dich.«

Schon fingerte er einen Schlüssel aus seiner Lederjacke.

»Ich gehe zu Fuß, brauche Luft.«

»Da läufst du ewig um die Zeit, in deinem Zustand, in dem Nebel.«

»Meinem Zustand geht’s gut.«

»Sure?«

»Wir sehen uns beim Frühstück.«

Sie tauchte ins milchige Licht der Straßenlampen. Morgen war der Tag. Sie bekam keine Luft, wenn sie daran dachte. An was sollte sie sonst denken? Vielleicht daran, dass sie vergessen hatte, auf die Toilette zu gehen. Das Restaurant im nahen Seehotel Grauer Bär hatte garantiert schon geschlossen. Der Nebel würde ihr beistehen müssen.

Am Tresen bestellte Julian ein weiteres Bier, bevor er widerwillig zum Lokus im eiskalten Hausflur ging. Zum dritten Mal an diesem Abend. Machte ihn wütend. In jüngster Zeit musste er nachts mehrmals raus, ein Umstand, über den er mit niemandem diskutieren wollte, auch nicht mit Elisa, obwohl sie ihn seit Tagen damit löcherte.

Neben ihm ein Mann um die dreißig, fleckiger Filzhut, rot kariertes Hemd unter grauer Wolljacke. Er brunzte wie ein Pferd. Julian war wie blockiert. »Du bist von Altjoch«, sagte der Mann, mehr zu seinem Geschlechtsteil.

»Nur Gast.«

»Ist auch gescheiter so.«

»Warum das?«

»Mit den Altjochern kannst nicht reden, die reden nur mit sich selber.« Er schüttelte kräftig und pfriemelte an seiner Hose herum. »Die wissen alles, aber sagen tun die nichts.«

»Was wissen die denn?«

»Alles.« Er warf einen Blick auf den eigenartig gebückt dastehenden Gast in der schwarzen Lederjacke und der schwarzen Hose. »Gehst du auch zur Beerdigung?«

»Warum?«

»Wegen deiner Aufmachung.«

»Ich mach Urlaub.«

»Bei uns?«

»Ja.« Julian presste und half zwecklos mit Daumen und Zeigefinger nach.

Der andere rieb sich die Hände an der Hose ab. »Im Winter in Altjoch Urlaub? Schmarrn.«

»Kein Schmarrn.« Julian war fertig. Er drehte sich um, sie sahen sich an. »Wir feiern Weihnachten im Bergkristall.«

»Wer’s mag.«

Julian wusch sich die Hände, trocknete sie mit einem Papiertuch ab, zog den Reißverschluss der Lederjacke hoch. Nicht unbedingt, weil er fror, auf dem Klo war es saukalt, eher, weil der Hutmann ihm so dicht auf die Pelle gerückt war, dass er womöglich die Pistole bemerkt hätte, die Julian in der Innentasche bunkerte. »Von der Beerdigung hab ich schon gehört«, sagte er. »Da geht anscheinend das ganze Dorf hin.«

»Der alte Fischer. Bin übrigens der Beni.«

»Julian.«

Sie gingen zurück in den Gastraum. Beni blieb am Tresen stehen.

»Ich lad dich auf eine Halbe ein«, sagte Julian.

In Sekundenschnelle verwandelte sich Benis mürrische Miene in rotwangiges Strahlen. »Echt, oder? Ja, danke, gern. Julius, stimmt’s?«

»Julian.«

»Genau.«

»Wer war der alte Fischer? Hat der im Kochelsee geangelt?«

»So ein Fischer war der nicht. Der war Klamottenverkäufer, hat Fischer geheißen, verstehst? Verkäufer war er eigentlich auch nicht, im Gegenteil, er war Besitzer. Ihm hat das Geschäft gehört, das Haus in Altjoch auch, die sind von da, er, seine Frau, seine Geschwister, der Tom. Der alte Fischer … Das Geschäft war natürlich im Dorf, weil bis nach Altjoch wär niemand rausgefahren, um Zeug zu kaufen, ist ja klar. Nach Altjoch zum Einkaufen! Da weiß man nie, ob man wieder lebendig zurückkommt, hehe.« Bis auf seine Augen wirkten die meisten Teile seines runden Gesichts durchaus amüsiert.

Der Wirt stellte frische Gläser auf den Tresen. Beni griff zu, hob sein Glas, sie stießen an.

»Auf den alten Fischer«, sagte Julian.

»Ausnahmsweise.« Beni schien eine lange Durststrecke hinter sich zu haben. Er kippte das Bier, ohne groß zu schlucken, und betrachtete anschließend, zufrieden nickend, das zu zwei Dritteln geleerte Glas. »Wenn’s läuft, dann läuft’s.«

Julian verscheuchte den Gedanken an seinen letzten Toilettengang.

»Was war mit dem alten Fischer? Unbeliebt?«

»Bei seiner Familie auf jeden Fall.« Beni begrüßte einen Neuankömmling, einen Mann in seinem Alter mit einem übers Kinn hängenden Schnurrbart, indem er das Glas Richtung Tür hob und einen weiteren Schluck trank.

Die Tische im hinteren Bereich waren alle besetzt. Am Tresen saßen zwei Frauen, von denen Julian die eine wiedererkannt hatte, sie arbeitete im Grauen Bär als Bedienung. Er und Elisa hatten dort zwei Mal zu Abend gegessen, an einem Fensterplatz mit Blick auf den bei Nacht und Nebel fast unsichtbaren See.

»Trotzdem gehen die Leute zu seiner Beerdigung.«

»Soll ich dir was verraten?«

Deswegen bin ich hier, sagte Julian nicht. »Wenn du magst.«

Beni zuckte mit den Augenbrauen, sein Mund deutete ein süffisantes Lächeln an. Julian bemühte sich um gespanntes Schauen. »Die Leute gehen in die Kirche, weil sie den Tom sehen wollen. Verstehst? Der alte Fischer ist hin, den vermisst niemand. Aber den Tom … Der Tom, verstehst, der wär die Sensation. Meine Meinung.« Er leerte sein Glas.

»Noch eine Halbe? Geht auf mich.«

»Ich müsst eigentlich rüber zu meinen Spezln, die warten, wir zocken noch eine Runde, heut ist Donnerstag, Tradition.«

»Dann nimmst du die Halbe mit, kein Problem.«

»Ja, genau.«

Julian winkte dem Wirt. »Der Tom ist der Sohn vom alten Fischer.«

»Sohn und schwarzes Schaf. So was von schwarz. Schaf kann man den eigentlich nicht mehr nennen. Ich mein, so ein Schaf, das kann schon mal schwarz sein, aber so wie der …« Sein Flüstern hätte Julian bei der lauten Rockmusik aus den Lautsprechern fast überhört. »Der ist ein Frauenmörder, der Tom. Hast du das gewusst?«

»Natürlich nicht.«

»Das weiß hier jeder, nicht bloß die Altjocher. Wie ich gesagt hab, die Fischers sind alteingesessene Altjocher. Die Frau auch. Karin hat die geheißen. Tragische Person, sag ich dir. Ist verunglückt, weißt du, wo? Ich verrat’s dir, in der Lainbachschlucht, gleich beim Wasserfall. Abgestürzt. Heißt’s. Sagt man. Sagen die Altjocher. Was die sagen …«

Mit seinem noch halb vollen Glas in der Hand wartete Julian aufs Anstoßritual. Zwischen dem Klirren und Benis erstem Schluck vom frischen Bier vergingen weniger als drei Sekunden. »Die lügen, die Altjocher?«

»Lügen würd ich das nicht nennen, was sollen sie sagen?« Beni wischte sich über den Mund, betrachtete den Schaum und kippte nach. »Die Frau ist in den Wald rein, zu Fuß, von Altjoch bis rauf zum Sonnenstein. Am Abend vom sechsten Dezember. Nikolaus, verstehst? Allein. Begreifst du, was ich dir sagen will? Sie ist gegangen. Ge-gan-gen. Al-lein. Im Dunkeln. Geschneit hat’s. Heißt’s. Ich war nicht dabei. War noch nicht mal auf der Welt.« Er stieß ein lautloses Lachen aus. Ein paar Spritzer landeten auf Julians Lederjacke.

»Du meinst, sie ist nicht gestürzt, sondern in die Schlucht gesprungen.«

»In Altjoch heißt’s bis heut, die ist gestürzt. Glaubt kein Mensch. Jeder in der Gemeinde weiß, was der Alte für ein Tier hat sein können. Der hat Frau und Kind verprügelt, wenn’s ihm gepasst hat. Oder wenn er besoffen war. Oder einfach so. Verstehst? Hat jeder gewusst, von Altjoch bis nach Ried.«

»Und niemand hat was unternommen? Niemand hat die Frau und die Familie beschützt?«

»Die Frau hat kapituliert, anders kannst du das nicht nennen. Und die Geschwister von dem alten Fischer? Die, scheint’s, auch. Außerdem, in Altjoch, da bleibt jeder für sich, so sind die da hinten im Finstern. Der Tom, der hat schon mal zurückgeschlagen, sagen die Leute. Dann ist er nach München, hat sich an den Frauen gerächt. Ist die Wahrheit. Hätt sich besser an irgendwelchen Männern gerächt. Oder? Muss rüber, sonst krieg ich Ärger. Merci fürs Bier, Justus.«

»Julian. Bist du auch auf der Beerdigung?«

»Logo.«

»Was ich nicht verstanden hab: Dieser Tom wurde nicht verurteilt und eingesperrt? Du hast gesagt, er hat jemanden ermordet.«

»Nicht irgendjemand, zwei Frauen hat der gekillt. Und keine Ahnung, wie viele andere vergewaltigt. Zieh dir das rein. Der kleine Tom aus Altjoch, ein Schwerverbrecher. Ist untergetaucht, was denkst du denn? Haben den nicht gekriegt. Was glaubst du, wie oft die Bullerei hier im Dorf war. Haben jedes Haus durchsucht, haben ganz Altjoch auf den Kopf gestellt. Eine einzige Belästigung. Wochenlang. Monatelang. Haben geglaubt, der versteckt sich irgendwo im Dorf, der Tom. Schwachsinn. Ein Altjocher, der bleibt in Altjoch, egal, was ist. Es hätt gereicht, wenn die Bullen da hinten alles umgegraben hätten. Reine Schikane, uns alle zu verdächtigen. Gefunden haben sie natürlich niemanden. Den alten Fischer haben sie hundert Mal zum Verhör mitgeschleppt, bis nach München rein. Haben behauptet, er wüsst genau, wo sein missratener Sohn steckt. Wer weiß das schon, kann sein, dass er’s gewusst hat, verraten hat er keine Silbe. Ein Altjocher halt. Der Tom war unauffindbar, bis heut. Verstehst?«

»Und jetzt glauben alle, er kommt zur Beerdigung seines Vaters.«

»So schaut’s aus.« Beni leerte sein Glas, stellte es auf den Tresen. »Dankschön noch mal und: Urlaub in Altjoch im Winter, auf so eine Idee musst du erst mal kommen. Pass bloß auf, dass dich der Geist von der Großen Birg nicht holt, dann verschwindest du auch auf Nimmerwiedersehen. Wie der Fischer Tom.«

»Was ist die Große Birg?«

»Ein magischer Ort, mein Freund, die Geister von Altjoch verstehen keinen Spaß.« Beni stieß sich vom Tresen ab und wankte zu einem der Tische im Halbdunkel, musikalisch angefeuert von Survivors Eye of the Tiger.

Julian bezahlte. Den erneuten Weg in den eisigen Flur verkniff er sich. In seinem 3er-BMW schaltete er die Heizung auf Höchststufe und nach viereinhalb Minuten vor der Pension Bergkristall den Motor aus. Er rannte in den zweiten Stock hinauf und sperrte sich im Badezimmer ein.

Den Laptop auf den Knien, saß Elisa auf der Couch, neben sich einen Block, auf dem sie Namen, Adressen und Altersangaben notierte. Seit drei Stunden surfte sie im Internet, auch auf den Seiten ihrer eigenen Abteilung und denen anderer Kommissariate. Im Grunde erbrachte ihre Suche nichts Neues. Sie glich längst bekannte Daten ab, überprüfte eine Unmenge alter Zeugenaussagen, klickte wieder und wieder Fotos mit Gesichtern an, die angeblich Thomas, genannt Tom, Fischer ähnelten.

Auf einen Kneipenbesuch hatte sie keine Lust gehabt. Zwei Gläser Rotwein, zwei Scheiben Brot mit Frischkäse und klein geschnittenen Tomaten, zwei Schokokekse zum Nachtisch. Trostlos wie die ganze vergangene Woche an der Seite eines Mannes, der, wenn sie ganz ehrlich zu sich war, zwei Mal versucht hatte, sie zu missbrauchen.

Natürlich hatte sie sich gewehrt. Natürlich hatte er eingelenkt und sich entschuldigt. Nach dem ersten Mal, nach dem zweiten Mal.

Morgen war der entscheidende Tag, und dann Schluss. Nie mehr in dieser Kombination.

In Unterhose und T-Shirt kam er aus dem Bad auf sie zu. »Du musst mir helfen«, sagte er. »Ich bitte dich.«

»Nein.«

»Ich werd dich nicht bedrängen, das schwör ich dir. Ich muss sehen, dass noch was geht, das ist wichtig für mich als Mann. Hilf mir, bitte.«

»Nein, Julian.«

»Bitte.«

»Nein.«

Er beugte sich zu ihr hinunter.

Sie sah auf seine Hände, nur auf die Hände.

Er holte aus und fegte Weinglas, Weinflasche und Laptop vom Tisch. Das Gerät krachte gegen die Heizung unterm Fenster. Glas splitterte. Wein ergoss sich über das Parkett.

Er holte noch einmal aus. Elisa bewegte sich nicht.

Eine Minute lang hielt er den Arm nach hinten gestreckt, die Hand zur Faust geballt. Dann verschwand er im Schlafzimmer, warf die Tür zu und schlug mit der flachen Hand dagegen.

Mit ihrem Smartphone machte Elisa Fotos von der Sauerei.

2

Polizeihauptmeister Paulus Kellerer kam sich wie ein staatlich geprüfter Vollidiot vor. Vor einer Stunde hatte er den schrottreifen Audi bei der Ferienwohnanlage gegenüber dem Friedhof geparkt, Schnauze zur Straße, für den Fall, es erfolgte der Befehl zum Einsatz. In seinen Augen eine einzige Lächerlichkeit. Von höherer Stelle, Kripo, waren sie abgestellt, die Augen offen zu halten und verdächtige Beobachtungen zu melden. Was denn sonst?

Kellerer lehnte den Kopf ans Seitenfenster, die Wollmütze tief in die Stirn gezogen, Fellkragen hochgestellt. Ein gelangweilter Typ in einer kackfarbenen Kiste, der darauf wartete, dass die Zeit verging.

Ab und zu trotteten Leute vorbei, Gäste der Anlage, die nichts Besseres vorhatten, als sich über Weihnachten in einem Luftkurort einzumieten, der im Wesentlichen aus Nebel bestand. Wie benebelt musste man sein?

Sein Auftrag lautete: warten, schauen, weiter warten. Er schaute. Er wartete. Dienstwaffe am Gürtel, keine Uniform. Wegen der Tarnung. Damit der Böse ihn nicht erkannte und abhaute, sich wieder in Luft auflöste, wie damals. Pech für die Kollegen aus der großen Stadt. Arme Schweine. Sammelten Daten ohne Ende. Sicherten haufenweise Spuren. Quetschten massenhaft Leute aus, stellten sämtliche Häuser des Dorfes auf den Kopf. Ergebnis? Nebel, wohin man schaute.

Er schaute durch die Windschutzscheibe zur Friedhofsmauer, zu den Gräbern mit den rot leuchtenden Kerzen, zum Parkplatz. Gleich vierzehn Uhr, der Gottesdienst begann.

Die Kirche voll wie selten, und das bei der Beerdigung eines Mannes, der ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein braver Steuerzahler und ein ehrenwertes Mitglied im Schützenverein gewesen sein mochte. Ansonsten konnte man drei Kreuze schlagen, wenn man nicht zum Familienumfeld von Ludwig Fischer gehörte.

Seine Schwester Lisbeth, eine ebenso schüchterne wie attraktive, von ledigen wie verheirateten Männern umschwärmte Schönheit, hatte der alte Fischer je nach Laune schikaniert und bevormundet. Und sie? Werkelte weiter in seinem Laden und hielt die Kunden bei Laune. Wieso sie sich das alles gefallen ließ, kapierte niemand. Wieso sie nicht einen ihrer Verehrer nahm und mit ihm nach München oder Mallorca zog, weit weg von diesem Ekel von Bruder.

Und seinen Bruder behandelte der alte Fischer auch nicht besser. Der arme Hund, Leonhard, litt unter einer Sprachstörung, aber rechnen konnte er wie ein Weltmeister. Deswegen erledigte er die Büroarbeit, regelte die Finanzen, bewahrte Ludwig garantiert zwei Mal vor dem Bankrott. Und die Ehefrau? Karin? Ging eines Abends zur Schlucht und kehrte nicht wieder, jedenfalls nicht als lebendes Wesen. Und der Sohn? Tom?

Sie waren Schulkameraden gewesen, Tom und er. Beste Freunde von der ersten Klasse an und schon vorher. Ihn, Kellerer, hatten die eifrigen Kollegen natürlich ebenfalls vernommen, stundenlang, auf der Inspektion und bei ihm zu Hause. Und weil sie nichts rauskriegten, schleppten sie ihn mit ins Kommissariat. Stellten ihm die gleichen Fragen noch zehn Mal. Ergebnis? Tom blieb ein Phantom.

Vermutlich verdächtigten sie ihn immer noch, mit dem flüchtigen zweifachen Mörder und mehrfachen Vergewaltiger in Kontakt zu stehen.

Richtig so, dachte Kellerer und schaute auf die Uhr. So klein mit Hut wäre seine Kollegin nach dem Anschiss, den er ihr verpassen würde, sobald sie die Beifahrertür aufmachte. Überfällig seit fast einer Stunde, Polizeiobermeisterin Nadine.

Kellerer schaute zur Straße, in Richtung Hotel Schmied von Kochel. Kein Mensch unterwegs. Keine Polizistin in Zivil. Im Grunde, dachte er, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, völlig egal, ob sie hier zu zweit hockten oder er allein. Die Kollegen hatten sowieso keine Ahnung von nichts.

Er hatte sich ein Prepaidhandy besorgt. Sein Diensthandy lag einsatzbereit auf der Konsole. Die Kollegen hatten schließlich ein Recht auf schnellstmögliche Informationen.

Das Prepaidding war für den besonderen Notfall.

Aus irgendeinem Grund könnte ein Mobiles Einsatzkommando auftauchen und den Friedhof umstellen. Oder die verdeckten Ermittler, die sich angeblich im Dorf aufhielten, riegelten die Kirche ab und filzten die Trauergäste. Um wie viele Ermittler es sich handelte, hatte das Münchner Dezernat der örtlichen Inspektion nicht mitgeteilt. Geheimniskrämerei, verständlich. Hierarchien mussten eingehalten werden. Naturgesetz.

Im besonderen Notfall, so die Vereinbarung, konnte er mit dem Prepaidhandy eine Warnung weitergeben, an ein zweites Prepaidhandy im fünfzehn Kilometer entfernten Penzberg. Dort lebte Thomas Fischer seit zehn Jahren unter einem anderen Namen. Von Penzberg aus war er vor einer halben Stunde aufgebrochen.

Alles unter Kontrolle.

Wieder einmal ließ Kellerer seinen Blick schweifen, was ihn angesichts des dichter werdenden Nebels ziemlich amüsierte. Sein Magen knurrte. Auf der Rückbank lag eine Tüte mit vier Brezen. Gerade als er nach hinten greifen wollte, wurde die Beifahrertür aufgerissen und eine Frau in einem dunkelblauen, knöchellangen Mantel ließ sich außer Atem auf den Sitz fallen.

»Mach sofort die Tür zu, Mann!«

Vornübergebeugt presste die Frau die gefalteten Hände an den Bauch.

»Bist du übergeschnappt, Kollegin? Hast du eine Vorstellung, was das für Konsequenzen …«

»Heut früh ist meine Mama gestorben«, sagte Polizeiobermeisterin Nadine Lohe.

Nicht der Tod ihrer fünfundfünfzigjährigen Mutter hatte die Polizistin in einen Schockzustand versetzt. Das Ende hatte sich lange angekündigt, und sie waren beide, sofern sie sich anmaßen durfte, ihre Mutter mit zu meinen, darauf vorbereitet gewesen.

Was Nadine Lohe noch Stunden nach dem Ereignis, das für sie einem Meteoriteneinschlag in ihrem Herzen gleichkam, in Aufruhr versetzte und sie wie betäubt durch die Flure des Städtischen Krankenhauses taumeln ließ, war das letzte Gespräch mit ihrer Mutter. Im Grunde ein von unterdrückten Hustenanfällen und den zum Scheitern verurteilten Versuchen, mehr Luft zu bekommen, zerrissener Monolog. Doch Marion Lohe wollte unter allen Umständen dieses eine Schweigen für immer brechen, diese eine monströse Lüge im Angesicht ihrer Tochter aus der Welt schaffen.

Achtzehn Jahre war sie bei Nadines Geburt gewesen und mit dem Baby allein. Vater unbekannt. Hatte sie immer erzählt. Eine dumme Geschichte auf dem Oktoberfest. Erstes Wiesnwochenende, Sonnenschein und Tanzen auf den Bänken. Sie schwangen die Maßkrüge, warfen sich in die Arme von Männern, deren Namen sie nicht kannten und deren Hände zu Körperstellen vordrangen, wo sie nichts zu suchen hatten.

Noch eine Maß, noch ein Kuss und eine Umarmung, dann raus an die Luft, Hand in Hand. Ihre Freundinnen verschwunden in der Menge. Tausende Menschen trieben sie in irgendeine Richtung, sie und den Mann. Wo waren die Mädels, dachte sie, so erzählte sie später, sie mussten doch gemeinsam mit dem Zug wieder nach Hause fahren.

Als sie aufwachte, war sie allein. Im Zimmer einer Pension in der Nähe des Hauptbahnhofs. Der nette Herr hat dein Zimmer im Voraus bezahlt, sagte die Frau an der Rezeption. Welcher Herr? Er habe gesagt, sie habe wohl zu viel Wiesnbier erwischt, deswegen habe er für sie sorgen müssen. Alles bezahlt, kein Problem. Netter Mann, wiederholte die Frau an der Rezeption. Erzählte Marion Lohe wieder und wieder.

Von einer Telefonzelle rief sie ihre beste Freundin Ines an. Wieso habt ihr mich allein gelassen, wollte sie wissen. Wieso wart ihr alle plötzlich weg. Du warst weg, sagte Ines, wir haben gedacht, der Typ passt schon auf dich auf. Welcher Typ? Der mit dem schmucken Janker und der tiefen Stimme. Welcher Janker? Welche Stimme? Wie hieß der Mann? Ines wusste es nicht, sie erinnerte sich bloß an eine Stimme und eine blaue Jacke mit Hirschhornknöpfen.

Allein im Zug auf der Fahrt durchs Oberland südlich von München schwante ihr nichts Gutes. Nichts war gut an diesem Wochenende, abgesehen vom Wetter. Die Sonne schien vom blauen Himmel, als wollte sie das noch nicht mal achtzehnjährige Mädchen in ein möglichst grelles Licht rücken. Damit die Leute auf der Straße sofort sahen, wen sie vor sich hatten. Eine nicht allzu bedauernswerte Göre, das klassische Wiesnopfer, das im Vollrausch die Kontrolle und ihre Unschuld verloren hatte, selber schuld. Die armen Eltern.

Nie kam ein strafendes Wort über die Lippen ihrer Mutter. Wenn Kunden ihrem Vater, dem Apotheker, zuraunten, seine Tochter sei wohl noch etwas jung für eine Schwangerschaft, erwiderte er, für die Liebe sei niemand zu jung.

So war er, ihr Vater, auch wenn er sich heimlich wegen ihr grämte, vor allem, weil sie nicht den Namen und auch sonst nichts von jenem Mann behalten hatte. Außer dem Kind natürlich, fügte er seufzend hinzu und wiegte das Baby in seinen Armen. Dann huschte Marion in ihr Zimmer, um zu heulen.

Geheult hatte sie weiß Gott unaufhörlich in ihren jungen Jahren, ein Kochelsee voller Tränen. Die Renken und Saiblinge wären an dem vielen Salzwasser erstickt, dachte sie in den Momenten, wenn sie allein am Ufer hockte, eine Zigarette nach der anderen rauchte und zum tausendsten Mal den Tag Revue passieren ließ, an dem der Teufel sie an der Hand genommen hatte und sie ihm in die Hölle gefolgt war.

Alles andere war gelogen, lebenslang.

Hörst du, sagte Marion Lohe. Ihre Stimme klang in Nadines Ohren wie die einer Fremden. Er hat mich in der Menge entdeckt und mir gewinkt, und ich bin zu ihm gegangen. Und wir haben das überfüllte Zelt verlassen, ohne dass meine Freundinnen was mitgekriegt haben.

Sie erinnerten sich an einen fremden Kerl in einer Trachtenjacke und mit einer tiefen Stimme, keine Ahnung, wer das war, er hat vielleicht in unserer Nähe gestanden und mitgesungen.

Ich war betrunken, aber das ist keine Entschuldigung, nur eine Ausrede, hörst du? Wir waren in seinem Auto, ich weiß nicht, wie wir hingekommen sind, durch all die Menschen hindurch, all die Leiber auf der Festwiese, dieses Gedränge und Geschiebe, überall Musik und Geschrei. Und es roch nach gebrannten Mandeln und Nüssen und Braten, das weiß ich noch, aber im Auto roch es nach Leder, Zigaretten und Rasierwasser.

Der Mann fiel über mich her, und ich hab mich nicht gewehrt. Hörst du? Wehren musst du dich, von Anfang an, du hast eine Kraft in dir und einen Willen, vergiss das nie. Ich hab alles vergessen gehabt. Ich bin mitgegangen, weil ich mich gefreut hab, ihn wiederzusehen. Er war doch schon lang weg aus unserem Dorf, ist in die Stadt gezogen, hatte seine Gründe. Hörst du?

Hab mir eine Geschichte ausgedacht. Hab erzählt, ich wär in einer Pension aufgewacht, wo ein netter Herr mich abgegeben hätt wie ein gefundenes Packerl. Alles erstunken und erlogen. Nicht alles, nein. Den Teufel hat’s wirklich gegeben. Bin durch die Stadt geirrt die ganze Nacht. Auf einer Parkbank hab ich mich ausgeruht und wollt schlafen, hat nicht geklappt. Ich war ein Klumpen Dreck. Dann hab ich meine Freundin Ines angerufen, Handys gab’s noch nicht. Hab auf der Straße um Geld gebettelt, eine alte Frau hat mir zwei Mark geschenkt, in kleinen Münzen. So eine verhutzelte Frau in einem zerschlissenen Mantel, die kam daher, und ich hab sie angesprochen. Der liebe Gott verleiht seinen Schutzengeln manchmal eine seltsame Gestalt, findest du nicht?

Am Telefon hab ich gesagt, da war ein Mann in einer blauen Jacke, und Ines hat gesagt, sie erinnert sich an den. Alle meine Freundinnen wollen sich erinnert haben, an einen Typen in einem blauen Janker und mit einer tiefen Stimme. Vielleicht hat’s den wirklich gegeben, irgendwo in dem riesigen vollen Bierzelt, ich weiß nicht mehr.

Mich hat geschändet der Teufel namens Tom, und seinen Namen hab ich für mich behalten bis heut.

Hörst du, sagte sie, und Nadine saß auf dem Stuhl neben dem Bett, eingetaucht in einen Kochelsee aus Salzwasser. Er hat gesagt, er bringt mich um, wenn ich ihn verrate, sagte ihre Mutter mit der Stimme einer unbekannten Frau, und ich hab ihm geglaubt, und er hätt’s auch getan, wenn ich nicht stumm geblieben wär. Lange rang sie nach Luft und noch ein paar Worten, bis ein gütiges Schweigen sie erlöste.

»Sei du froh, dass du keinen Vater hast«, sagte Polizeihauptmeister Kellerer und sah, wie die ersten Gottesdienstbesucher aus der Kirche strömten.

»Ich habe einen Vater.«

»Mir klar, aber du weißt nicht, wer’s ist. Stell dir vor, das wär so einer gewesen wie der alte Fischer. Griff ins Klo, sag ich dir.«

Nadine Lohe, die Hände in den Manteltaschen, hörte die Echos einer Stimme in ihr widerhallen, die lauter klangen als die Glocken von St. Michael.

Eine Frage brannte ihr auf den Nägeln, seit etlichen Tagen schon, bisher hatte sie sich nicht getraut, sie ihrem Vorgesetzten zu stellen. Jetzt gab es keinen Grund mehr zur Rücksichtnahme. Dennoch musste sie auf der Hut sein. »Darf ich dich was fragen?«

»Was ist das denn für eine Frage?«

»Du hast nicht etwa mit dem Sohn vom alten Fischer telefoniert?« Für einige Sekunden hielt sie vor Anspannung die Luft an.

Unverändert blickte Kellerer durch die Windschutzscheibe. Vor dem aufgeschütteten Grab nahe der niedrigen Steinmauer drängten sich die Trauernden. Einige von ihnen schauten sich ungeniert um, suchten mit Blicken die Gräberreihen ab, hofften auf das langersehnte Erscheinen des Phantoms. Kellerer bildete sich ein, ihre Gedanken in Leuchtschrift lesen zu können.

»Hast du mich gehört?«

Schweigen. Er wandte den Kopf nicht von der Scheibe ab. »Ich hab die Frage überhört. Noch mal: Tut mir sehr leid mit deiner Mutter, aber hier bist du im Dienst, also, Klappe halten, Konzentration.«

Auf dem Grundstück des ehemaligen Feuerwehrhauses, in das nach der Renovierung die Inspektion eingezogen war, stand ein hauptsächlich als Abstellkammer dienender Geräteschuppen. Vor ein paar Tagen hatte Nadine einen leeren Kasten Mineralwasser aus dem Büro geholt, um ihn gegen einen vollen zu tauschen. Da hörte sie eine Stimme hinter der halb geöffneten Tür des Schuppens. Wegen der gedämpften Lautstärke bekam sie nur Bruchstücke mit, eindeutig Kellerer. Keine Sorge … halt die Augen auf … logisch … Scheiß auf die Kollegen aus der Stadt …

»Schwachsinnsidee von den Kollegen aus der Stadt.« Er legte ihr die Hand auf den Oberschenkel. »Feierabend, Kollegin. Und wegen deinem Dienstvergehen, eine Stunde zu spät, das vergessen wir angesichts deiner familiären Umstände. Du hast für heute und das Wochenende frei. Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an. Irgendeiner auf der Wache hat auf jeden Fall für dich Zeit.«

»Weißt du inzwischen, wer die verdeckten Ermittler sind?« Was Nadine Lohe umtrieb, war die Frage, ob Kellerer eingeweiht war. Ob er wusste, wer ihr Vater war. Ob Tom Fischer sich ihm damals anvertraut hatte. Was bedeuten würde, dass ihr Chef eine Straftat deckte, womöglich mehrere, falls die Freundschaft zwischen den beiden Männern nach Tom Fischers Umzug weiter bestanden hatte, mit regelmäßigen Kontaktaufnahmen, auf welche Weise auch immer.

»Ich weiß so wenig wie du«, sagte er.

»Wart ihr in einer Klasse, Tom Fischer und du?«

»Kannst du in den Protokollen der Kripo nachlesen. Geh jetzt nach Hause, du musst fit sein für die nächsten Tage.«

»Sag doch einfach.«

»Dein Misstrauen fängt an, mich zu ärgern, Kollegin.«

»Darf ich dich noch was anderes fragen?«

Er beugte sich vor, stützte die Arme aufs Lenkrad. Vom geschwenkten Fässchen des Ministranten am Grab stieg Weihrauch in die nebelgraue Luft. Der Pfarrer segnete den Sarg, der in die Grube gelassen wurde.

»Hast du mal was mit meiner Mama gehabt?«

Er nickte eine Weile vor sich hin. »Nein.« Er ließ sich Zeit. »Deine Mutter hatte mit keinem Mann aus Altjoch oder dem Rest vom Dorf was. Deine Mutter hat dich zur Welt gebracht und danach ein Leben als alleinerziehende und allein lebende Mutter geführt. Amen.«

Nadine Lohe stieg aus, ihr war schummrig zumute. Sie knöpfte den Mantel auf. Die kalte Luft schien ihren Körper zu massieren. Sie ging mit schnellen Schritten neben der Straße, entgegen der Fahrtrichtung. Auf dem Parkplatz des Hotels Schmied von Kochel hielt sie schnaufend inne. Den Kopf im Nacken, sog sie die Luft tief in die Lungen.

»Entschuldigung.«

Sie öffnete die Augen. Vor ihr stand eine Frau in einem dunklen Anorak, um die sechzig, weißgraue, kurz geschnittene Haare, schmales, faltenreiches Gesicht, türkisfarbene Augen.

»Mein Name ist Anna Darko«, sagte die Frau. »Ich bin Kommissarin in München.«

»Sind Sie eine verdeckte Ermittlerin?«

»Nein. Du bist eine Kollegin.«

»Bin ich das?«

»Erstens habe ich dich einmal im Dorf in Uniform gesehen, zweitens hast du mit deinem Kollegen die Beerdigung observiert. Was weißt du über Tom Fischer, den Sohn des Verstorbenen?«

Es war, als hätte ihre tote Mutter das Kommando gegeben.