Beschreibung

Muss man diese inzwischen legendäre Reihe überhaupt noch einmal vorstellen? Eines ist jedenfalls garantiert: Auch der neueste Tatort Franken- Band vereint ungewöhnliche und aufregende Kriminalfälle, charmante Figuren, augenzwinkernde ethnologische Studien und Zeile für Zeile Lokalkolorit pur. Ein Fest für alle Krimifans und Freunde der Region!

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Seitenzahl: 187

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Tatort Franken

No. 7

 

11 neue Kriminalgeschichten

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Juni 2017)

 

© 2017 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Stephan Naguschewski

Umschlaggestaltung: FYFF, Nürnberg

Covermotiv: Silke Klemt, Fürth

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-833-6

 

Inhalt

Helwig Arenz – Goldkugelblues

Roland Ballwieser & Petra Rinkes – Die WG

Jan Beinßen – Männer

Veit Bronnenmeyer – Der rote Oberst

Barbara Dicker & Hans Kurz – Don Scheißmanski

Bernd Flessner – Karpfendöner

Horst Prosch – Schubladengeheimnis

Susanne Reiche – Die Eiskönigin

Angelika Sopp – Hole-in-one

Fränkischer Krimipreis 2017 für Nachwuchsautoren – Gewinnerbeiträge

Johanna Wohlgemuth – Der Mädchenbeißer

Anja Bogner – Eine mordsmäßige Gemeinheit

Die Autorinnen und Autoren

Dank

 

 

Helwig Arenz – Goldkugelblues

Da müssen doch noch Tabakkrümel im Müll sein, dachte ich mir und hob den verschmierten weißen Deckel ab. Ich überlegte kurz noch mal, ob ich meinen Vorsatz, das Rauchen aufzugeben, wirklich so schnell in den Wind schießen sollte, zuckte dann nur mit den Schultern und begann, meine Finger vorsichtig an Taschentüchern, Katzendosen und verkrustetem Zeug vorbeizuschieben. Ich wühlte ein benutztes Kondom auf, fand dann aber tatsächlich noch einen kleinen Rest Tabak, der für entspannte fünf Minuten reichen würde, in einer alten Packung.

Ich riss das Fenster auf – es war ein außerordentlich schöner, lauer Tag für Mitte Februar –, kauerte mich auf die Fensterbank und rauchte. Unten sah ich eine Katze über ein Garagendach spazieren. Der Wind griff gelangweilt in die noch kahlen Äste der Birke, und hinter dem offenen Tor der Kfz-Werkstatt blitzte es blau und zischte – Walter schweißte wohl an einer alten Karre herum.

An so einem Tag sollte man sich überhaupt nichts vornehmen, dachte ich. Aber dann kam alles anders. Ich hörte den Schlüssel an meiner Wohnungstür, und mein Herz begann verrücktzuspielen. Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, die Kippe auszudrücken und in den Hof zu werfen – da stand sie schon vor mir. Ein schmales Wesen in einer langen Jacke, das die Arme an den Körper drückte, um mir nicht sofort um den Hals zu fallen. Wir hatten uns Wochen nicht gesehen. Jetzt blickten wir uns erst einmal eine Weile in die grinsenden Gesichter. Ihre Augen strahlten, ihre Haut war ganz rosig und frisch von der wunderbaren Luft, und sie trommelte mit ihren Fingern auf ihre Oberschenkel. Dann umarmten wir uns stürmisch.

»Tierchen! Endlich bist du da!«, rief ich.

»Hast du geraucht?«, fragte sie, schob mich weg und sah mich streng an. Ich verzog den Mund.

»Nur gerade einmal eine ganz kleine halbe –«

Aber sie unterbrach mich, drückte mir die Lippen auf den Mund und presste sich ganz fest an mich.

»Endlich«, sagte sie sanft.

Dann ließ sie sich erschöpft auf den Küchenstuhl fallen, streckte die Beine von sich, brabbelte drauflos, erzählte, fragte und räumte derweil ihre Taschen aus auf der Suche nach einem Taschentuch.

Sie fand eines, schnäuzte sich, lachte wieder, warf das benutzte Taschentuch in den Müll und stutzte.

»Tom? Das ist jetzt nicht dein Ernst?«, fragte sie mich, den Blick im Restmüll.

»Oh«, sagte ich, und mir wurde heiß.

Sie hob den Kopf, ihre frisch geschnittenen Haare strömten ihr viel zu neckisch um ihre Wangen, und sie sah mich an wie ein Tier: erschreckt, aufmerksam und bereit zu beißen.

»Das ist ein ganz altes Kondom!«, rief ich. Aber da flog schon der gesamte Müll durch die Luft, der Stuhl bekam einen Tritt, sie packte mich und zerrte so wild an mir, dass ich von der Fensterbank fiel und mir nur noch die Arme über den Kopf halten konnte, so heftig prasselten ihre kleinen Hände auf mich ein wie ein Hagelsturm, und sie kreischte, und einmal trat sie auch nach mir.

Später saßen wir uns im Wohnzimmer am Tisch gegenüber. Ich schwieg, sie heulte. Irgendwann brach es aus ihr heraus:

»Jetzt hatten wir endlich mal Glück mit der Wohnung und allem. Haben es von der assigen Hardhöhe auf die Billinganlage geschafft! Ich muss endlich keine Panik mehr haben, wenn ich von der U-Bahn heimlaufe! Ich gehe drei trostlose Wochen arbeiten, und währenddessen fickst du Scheißarschloch alles kaputt mit deiner Scheißficksucht, Arschloch!«, rief sie.

»Es tut mir leid«, nuschelte ich mit gesenktem Kopf und schob derweil die Krümel mit den Fingern auf der Tischplatte zu Mustern zusammen.

Wütend sprang sie auf und rannte in den Flur, riss ihre Wäsche aus dem Rucksack, stürmte ins Schlafzimmer und griff sich frische Kleider aus unserem Schrank.

»Wahrscheinlich auch noch in unserem Bett, Fotzenschlampenhure!«, hörte ich sie fluchen.

Sie stürmte durchs Zimmer, wieder in den Flur, wo sie das Zeug in den Rucksack stopfte, da bekam ich es mit der Angst zu tun und sprang auf.

»Nein!«, rief ich verzweifelt und stellte mich vor die Tür.

»Lass mich vorbei, du widerliches Aidsmonster!«, zischte sie mich an und hob drohend die Faust.

»Willst du mir jetzt in die Fresse hauen, oder was?«, fragte ich fassungslos und musste dabei ein bisschen dämlich lachen.

Tierchen wuchtete den Rucksack ab, warf ihn mir ins Gesicht und brach weinend auf dem Boden zusammen.

Ich war noch gar nicht wieder ganz bei mir, kniete mich zu ihr, berührte sie vorsichtig und streichelte sie und flüsterte: »Ich mach das wieder gut. Ich versprech’s dir.«

»Wie denn, mit ner Zeitmaschine?«, nuschelte sie unter Tränen.

»Nein, irgendwie anders. Jetzt gleich, heute. Ich versprech’s dir!«, sagte ich verzweifelt.

Da setzte sie sich auf und sah mich an.

»Probier’s«, sagte sie. »Ich geb dir zwölf Stunden. Aber streng dich an.«

Damit stand sie auf und ging in die Küche.

»Ist das dein Ernst? Du hast nur noch ein einziges Bier?«

»Ich hab die letzten drei Wochen nur Haferflocken und Nudeln gegessen!«, verteidigte ich mich. »Ich bin völlig abgebrannt! Nicht mal die Miete –«

»Von meinem Geld siehst du keinen Pfennig!«, schimpfte sie.

 

Kurz darauf saßen wir wieder am Tisch, diesmal etwas ruhiger, und teilten uns das letzte Bier aus dem Kühlschrank.

»Der Tag ist im Eimer«, sagte ich reumütig. Tierchen sah mich an, schüttelte den Kopf und musste gegen ihren Willen ein bisschen lachen: »Ja, im Mülleimer.«

Wenn man etwas Unglaubliches vollbringen muss und keine Ahnung hat, wie man das anfangen soll, muss man einfach rausgehen und dem Leben eine Chance geben.

Mein Baby stand auf dem Teppich, zog sich vor meinen Augen um, und ich durfte sie nicht anfassen. Ich kannte es einfach auswendig, wie sie sich anfühlte. Hatte es mir die letzten einsamen Wochen immer wieder vorgestellt. Hatte im Bett gelegen und einen leeren Raum umarmt, eine Lücke in der Luft, die eigentlich weich sein sollte, aber nicht weich war, die eigentlich warm sein sollte, aber nicht warm war.

Mein Arm um ihre Taille. Sie ist so schmal, dass ich weit rumkomme, dass meine Finger sich gut in ihre kantigen Hüftknochen krallen können. Und die andere Hand fühlt ihre Schulter. Ihr Körper ist wie ein Karton voller Glas. Ihre Haut ist so fein, als wäre sie ein Eingang, eine Schwingtür und keine Barriere zwischen den Seelen.

»Glotz nicht so«, fuhr sie mich an.

Dann gingen wir raus. Es wurde schon dunkel. Ich hatte kein Geld. Mach was, wenn es dich gibt, mach irgendwas, Alter, betete ich im Stillen. Ich will mein Tierchen behalten.

Das dachte ich, denn es ist immer gut, ein Ziel zu haben, wenn man auch sonst keinen Tau hat, wie es weitergehen soll.

»Gehen wir jetzt spazieren oder was?«, fragte sie mich verächtlich.

»Wart es ab«, antwortete ich und tat dabei geheimnisvoll, als wüsste ich, dass alles Gold der Welt irgendwo oberhalb der Wolfsschlucht vergraben läge. Denn genau dahin hatte uns mein zielloses Schlendern geführt.

Früher war die Wolfsschlucht – eigentlich der Fritz-Mailänder-Weg – eine aufregende Sache gewesen.

Da gab es einen Laden, wo die richtig harten Jungs hingingen, als es sie noch gab. Außerdem hatte die Tucherbrauerei da ihre Braukeller. Die Tucherplörre war nämlich schon früher so scheußlich gewesen, dass man die nur unter der Erde brauen konnte.

Die Kneipe gab es aber nicht mehr, die war nur noch eine traurige, verfallene Erinnerung mit morschen Fensterläden, ein zahnloser, alter Hund. Kein blitzendes Chrom mehr, eine Maschine neben der anderen. Kein knarzendes Leder, keine wilde Musik, kein saurer Gestank nach schalem Bier und Kotze. Einfach eine Ruine. Und auch die Keller waren der modernen Regulierungswut zum Opfer gefallen. Nachdem ein paar Jungs (unter anderem ich) sich in dem unterirdischen Labyrinth rumgetrieben und Feuer gemacht hatten, hatte die Polizei alle Eingänge vergittert und vernagelt. Ein leeres Verlies für ein paar Jungenträume, die da drin elendiglich verhungerten.

»Hör auf, mich mit deiner Kindheitsscheiße zuzumüllen!«, unterbrach mich mein Baby brutal und trat missmutig nach einem Stein.

»Wir sind gleich da«, beruhigte ich sie. Aber ich bluffte natürlich. Ich hatte keine Ahnung, wo wir gleich sein würden. Herr, inzwischen ist es mir egal, ob es dich gibt oder nicht, aber mach jetzt mal was, damit ich mein Tierchen nicht verliere, so was muss dir doch am Herzen liegen, oder ist dir das egal, muss man dafür verheiratet sein, ich bin doch getauft! Glaub ich jedenfalls.

Und dann standen wir auf einmal vor dem Pfarrhaus von St. Martin, und ich hatte eine Idee. Als Buben hatten wir uns hier immer rumgetrieben, hatten Verstecken gespielt, waren mit dem Bollerwagen den Hang runtergesaust und umgefallen. Hatten uns die Knie aufgeschürft, waren durch rostige Zäune geklettert und in die Brennnesseln gefallen. Einmal hatte ich eines von den Kirchenfenstern eingeschmissen, um dem arroganten Pfarrerssohn, der uns nachgeschlichen war, eins auszuwischen. Zwei Ohrfeigen und einen platten Fahrradreifen später waren wir dann dicke Freunde geworden. Aber das war lange her, hier hatte sich einiges verändert. Der Pfarrgarten war geschniegelt und langweilig, der dicke Efeubaum war gefällt worden, und um den Kirchturm hatten sie ein hohes Baugerüst aufgezogen, da wurde wohl irgendwas saniert. Trotzdem kannte ich mich hier noch sehr gut aus, und das würde mir heute sehr nützlich sein.

»Ich bin traurig«, sagte Tierchen, und ihre Hand zuckte, als wollte sie meine berühren, aber sie tat es nicht.

»Ich auch«, antwortete ich und sah sie an.

Sie schlug den Blick nieder. Ich hätte sie gerne in den Arm genommen und geküsst, aber das traute ich mich nicht.

»Es tut mir wirklich leid«, flüsterte ich.

Aber sie ging nicht darauf ein. »Ich will jetzt was trinken!«, sagte sie stattdessen.

 

Wo die Wolfsschlucht aufhört, zieht sich ein dicht bewachsener Hang zur Kirche hinauf. Den stiegen wir hoch. Wir umrundeten die Kirche und kamen von der anderen Seite zum Eingang des Pfarrhauses. Das Tor zum Hof war nicht verschlossen, in den Fenstern auf dieser Seite sah ich kein Licht. Das war gut. Wir schlichen uns hinein und über eine Treppe hinunter in den Pfarrgarten.

»Das ist verboten, was wir jetzt machen, oder?«, fragte Tierchen mich leise. Ich nickte. Im Garten gab es einen ebenerdigen Kellereingang. Daneben ein Fenster mit gesprungenem Glas. Das drückte ich ein. Ich langte vorsichtig hindurch und öffnete die Kellertür.

»Pass auf! Schneid dich nicht!«, rief Tierchen noch leise.

Ich betrat den Keller und zog sie hinter mir her, bis zu der Tür, die ich gesucht hatte.

»Zu«, stellte Tierchen fest, nachdem sie die Klinke gedrückt hatte.

»Zeit für das hier«, sang ich leise, holte ein kleines, unauffälliges Drahtwerkzeug aus meinem Portemonnaie und steckte es ins Schloss.

»Ist das ein Dietrich?«

Ich ließ das Schloss für mich antworten, das mit einem befriedigenden Klacken aufsprang.

»Tada! Der Kirchenkeller.«

Wir stöberten in den Regalen und fanden allerhand nützliches Zeug.

»Hier sind Kerzen!«, rief Tierchen.

»Und hier ist ein richtig guter Wein!«, rief ich triumphierend. »Gar kein Messwein. Vielleicht der Privatvorrat des Pfarrers.«

Jetzt machte ich es uns richtig gemütlich. Ich zündete die Kerzen an, stellte sie um uns auf den Boden und lud mein Baby ein, sich auf eine Kiste zu setzen. Dann öffnete ich jedem von uns eine Flasche.

»Das ist doch ein guter Anfang, oder?«, fragte ich sie vorsichtig, und Tierchen nickte: »Prost.«

Aber gute Stimmung wollte noch nicht aufkommen – klar, noch waren wir auch nicht betrunken genug. Wir soffen eine Weile schnell und schweigend. Dann sagte Tierchen bissig:

»Du hättest wenigstens so schlau sein können, den Müll runterzubringen, dann säßen wir jetzt nicht hier in dieser Scheiße.«

»Quäl mich doch nicht, bitte«, rief ich. »Ich wusste doch nicht, dass du so früh zurückkommst.« Aber das war ein schlechtes Argument. Als Antwort bekam ich nur einen Spritzer Wein ins Gesicht.

»Hm«, machte ich. Dann spritzte ich zurück.

Tierchen quiekte, sprang auf, und jetzt ging eine kleine Schlacht los. Wir kicherten, gossen uns den Wein über die Kleider und jagten uns in dem kleinen Raum; an den Kerzen vorbei, prallten gegen die Regale und kamen schließlich dicht voreinander zum Stehen. Tierchens Augen glänzten wild, sie hatte die Zähne zusammengebissen und hielt die Flasche drohend über meinen Kopf.

»Nein!«, rief ich und wollte sie umfassen. Aber sie floh blitzschnell und fiel keuchend wieder auf ihre Kiste.

»Gut«, sagte sie und nickte mir zu. Als wir wieder zu Atem gekommen waren und die dritte Flasche hin- und herwandern ließen, erzählte sie ein bisschen, was sie erlebt hatte, wen sie getroffen hatte.

»Ich bin auch ziemlich einsam gewesen«, sagte sie. Dann überschattete ein Gedanke ihr Gesicht, und sie fragte mich mit so einem bösen Ton, den nur Frauen hinkriegen:

»Wie heißt diese Dreckschlampe eigentlich?«

»Ist das so wichtig?«, fragte ich leise.

»Ich bestimme jetzt die Regeln. Ja«, antwortete sie.

»Sarah.«

»Eine kleine Sarah!«, rief sie höhnisch und war wieder ganz verschlossen, ganz hart, ganz böse.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich hatte Mist gebaut und kam nicht mehr an mein Baby heran.

Ich liebe dich, wollte ich sagen, aber das erschien mir so hohl, dass ich es nicht über die Lippen brachte.

»Jetzt ist er stumm«, sagte sie in einem Tonfall, als redete sie mit einem kleinen Kind.

Mir kam wieder eine Idee.

»Warte!«, sagte ich. Ich nahm eine Kerze, stand auf und untersuchte noch mal die Regale. Da war Werkzeug, eine Kiste mit Büchern, lauter Kram, aber da, ja, da fand ich, was ich suchte. Es war ein Stück Leinwand, der Aufdruck auf der einen Seite war verblichen, aber die Rückseite war weiß. Ich schwärzte einen Korken und begann zu schreiben.

»Was schreibst du da?«, fuhr sie mich an.

»Einen Liebesbrief«, murmelte ich.

»An wen? An Sarah?«, verspottete sie mich bitter.

»An dich«, antwortete ich fest.

»Liebste Sarah, es war so schön mit dir, danke, dass du meinen Schwanz gelutscht hast, während meine Freundin weg war –«

»An dich!«, wiederholte ich meine Worte und schrieb dabei weiter. Schrieb, wie ich sie vermisst hatte. Wie einen Drachen, der weggeflogen war, und ich war zurückgeblieben, eine Schnur in den Händen, die nirgendwo hinführte. Schrieb, wie ich sie liebte, wie einen Löffel Honig im Tee, dachte daran, wie sie ihre Zähne manchmal in die Unterlippe schlug, wenn sie etwas ausheckte, wie viel Kraft und Energie in ihrem zerbrechlichen Körper steckten, als arbeitete darin ein Kraftwerk, das jeden überrollen und alles ausreißen konnte, was ihr oder uns im Weg war, und dachte, wie sehr ich das alles vermissen würde, wenn ich sie verlöre.

»Und was soll ich damit? Das kannst du dir sparen, so billig kommst du nicht davon«, maulte sie.

»Du wirst schon sehen!«, sagte ich und lächelte sie an, als ich den Brief zusammenfaltete.

Wir nahmen uns noch jeder eine Flasche Wein, ich suchte mir aus der Werkzeugkiste alles heraus, was mir nützlich sein würde, und reich bepackt verließen wir das Pfarrhaus.

Es war kühl geworden und noch dunkler. Wir standen vor dem hohen Baugerüst, das den Turm umrahmte. Es wirkte, als könne er jederzeit herauskippen, wie ein altes Gemälde aus einem unpassenden Plastikrahmen.

»Da hoch soll ich?«, fragte Tierchen mich etwas ängstlich. »Ich bin doch betrunken!«

Ich nickte.

»Steck mal mein Zeug in deine Handtasche«, bat ich sie, »das fällt mir sonst raus!« Ich reichte ihr mein Portemonnaie und mein Handy. Das Werkzeug verstaute ich, so gut es ging, in meinem Gürtel.

Dann setzte ich meinen Fuß auf die wackligen Eisenstützen und stieg nach oben.

»Warte auf mich!«, beschwerte sich Tierchen und kam mir nach. Vom ersten Absatz aus konnten wir die Leitern benutzen, mein Baby gewöhnte sich schneller als ich an die Kletterei, überholte mich, lachte und schwang sich immer schneller nach oben.

»Was machen wir hier eigentlich?«, rief sie vergnügt.

»Wir verstecken den Brief an einem ganz besonderen Ort, wo er für immer liegen wird, als Zeichen, wie sehr ich dich … wie sehr –«

»Ach Quatsch! Komm, lahmer Sack!«, unterbrach sie mich und war in Windeseile ganz oben angelangt.

Wir standen auf einem wackligen Brett in dreißig Meter Höhe, fast ohne Geländer, genau vor der riesigen Kugel unter dem Turmkreuz.

»Ach du Scheiße, die sieht von unten ja viel kleiner aus!«, staunte ich.

»Darf ich jetzt den Brief lesen?« Sie langte neugierig nach der Leinwand, die in meinem Hosenbund steckte.

»Äh, ja«, stammelte ich und starrte die Kugel an. Die Größe eines Hüpfballs vielleicht, hatte ich angenommen, aber diese Kugel war gigantisch. Sie hatte über einen Meter Durchmesser und sah nicht so aus, als könnte man sie öffnen.

»Und der Brief kommt in die Kugel?«, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang eine Spur Anerkennung mit.

Ich nickte. Aber auf einmal war ich mir gar nicht mehr so sicher.

»Na, dann mach!«, forderte mich Tierchen gut gelaunt auf, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück an eine der Querstangen.

»Vorsicht!«, schrie ich, denn mir schwindelte schon ziemlich bei der Höhe, aber mein Baby lächelte nur. »Mach«, nickte sie mir noch einmal grinsend zu. Ich reichte ihr den Brief. Sie faltete ihn auseinander und las ihn im Schein ihres Handydisplays. Ihr Gesicht leuchtete in dem blauen Licht, ihre Lippen bewegten sich fast unmerklich. Ich riss mich von dem Anblick los. Ich untersuchte die Kugel und begann fieberhaft nachzudenken: Wie sollte man die jemals aufbekommen! Vom Gerüst musste man sich über einen schrecklich breit aussehenden Spalt beugen, um hinzugelangen. Ich stellte meine Füße fest und sicher hin, dann ließ ich mich nach vorne fallen. Meine Hände klatschten auf das kalte Metall. Nirgends eine Öffnung. Aber irgendwie hatte man da doch vor Urzeiten mal was reingelegt, Münzen und Zeitungen und so! Ich blickte nach unten, meine Knie wurden weich, und ich stieß mich schnell wieder ab.

Tierchen berührte mich an der Schulter und drehte mich zu sich um.

»Der Brief ist schön«, sagte sie mit weicher Stimme und lächelte mich scheu an. Dann nahm sie mich an der Hand:

»Komm, wir gucken mal auf die andere Seite!«, sagte sie und führte mich auf die Rückseite des Turmes. Hier war der Spalt viel schmaler, von hier würde ich es versuchen können. Aber ich rührte mich nicht. Ich sah Tierchen an, die dicht bei mir stand. Ihre Hand glitt aus meiner und fiel kraftlos zurück an ihre Seite. Seit unserer Begrüßung hatten wir uns nicht richtig angefasst. Ich musste tief atmen, meine Brust berührte Tierchens Mantel. Sie trat zurück und schaute mich seltsam an. Traurig und verwundet.

»Oh Gott, bitte, darf ich dich nicht wenigstens mal anfassen?«, bat ich leise.

»Nein!«, sagte Tierchen.

»Bitte! Bis jetzt war es doch gut, oder? Das ist so gemein«, jammerte ich. »Ich sterbe, wenn ich dich die ganze Zeit vor mir sehe und nicht berühren darf, ich werde verrückt davon!«

Sie überlegte.

»Gut«, nickte sie, dann grinste sie mich böse an:

»Du darfst einmal meine Brüste sehen.«

Oh Gott, dachte ich und wusste nicht, ob mich das glücklich oder ganz schrecklich unglücklich machen würde.

»Aber anfassen darfst du sie nicht!«, schrie sie. Dann trat sie zurück, nestelte umständlich an ihren Kleidern und hob ihr Oberteil hoch. Ich sah sie an, wie sie da vor mir stand, über der Stadt, ihre Haare wehten im Wind, neben uns die riesige Kugel. Ich sah ihre scheuen Augen, sah, wie die Verletzung in ihrem Gesicht sie ganz weich machte. Und in diesem Moment liebte ich sie so sehr wie noch nie zuvor.

»Das reicht, Betrüger!«, sagte sie dann mit brüchiger Stimme und zog sich wieder an.

»Jetzt leg den Liebesbrief in die Kugel!«

Damit ließ sie mich allein, ging zurück nach vorne und guckte in die Dunkelheit.

Ich entdeckte nach langem Suchen endlich eine unscheinbare Klappe in der Kugel und begann, mich daran zu schaffen zu machen.

»Das macht aber Lärm, wenn du da sägst und hämmerst«, rief Tierchen mir zu. Das stimmte.

»Dann warten wir, bis die Glocken läuten, dann hört man es nicht«, antwortete ich. Aber das war keine gute Idee, wie wir kurz darauf feststellen mussten. Denn die Glocken waren so laut, dass wir uns die Ohren zuhalten mussten. Tierchen sang während des Läutens aus vollem Halse, wie ein Fantasielied klang es, es kamen wüste Schimpfwörter darin vor, und ich meinte auch, den Namen »Sarah« herauszuhören.

Zehn Minuten später schraubte, hämmerte und stemmte ich immer noch verzweifelt an der Klappe herum. Tierchen war auf die Kugel geklettert. Sie saß gut gelaunt über mir, hatte ihre Arme um das Turmkreuz geschlungen und ließ die Beine herunterbaumeln.

»Jetzt hab ich es gleich!«

Ich setzte das Brecheisen in einen winzigen Schlitz und stemmte mich mit aller Kraft dagegen.

»Hilf mir doch mal!«, forderte ich Tierchen auf und sah nach oben. Mein Baby aber rührte sich nicht. Sie schaute mich plötzlich an, als wäre ihr etwas ganz Wichtiges eingefallen.

So was wie ein Arbeitsamtstermin, den man versemmelt hatte, oder der Geburtstag der eigenen Mutter.

»Was?«, wollte ich ungeduldig wissen.

Sie zögerte, biss sich auf die Unterlippe, dann fragte sie listig und langsam: »Ist da nicht immer Gold drin in solchen Kugeln?«

Ich fuhr auf. Wir sahen uns an, meine Augen begannen zu leuchten.

»Du hast recht. Die tun da Münzen rein. Und Geld, immer wenn sie es öffnen!«

Ein breites Grinsen stahl sich auf unsere Gesichter.

»Los!«, rief Tierchen. »Mach Platz!«

Damit schwang sie sich von der Kugel, ließ sich hi­nuntergleiten und plumpste mir in die Arme.

Gemeinsam stürzten wir uns in die Arbeit, ich verdoppelte meine Anstrengungen, wir schraubten, zwängten und drückten.

»Wir nehmen das Gold und legen den Brief rein!«, lachte Tierchen aufgeregt. Und ich: »Dann ist das ihr einziger Anhaltspunkt! Der Brief, mein Brief an dich! Der ist dann in allen Zeitungen!«

Der Schweiß rann mir von der Stirn auf Tierchens Hände, sie strahlte mich glücklich an und lächelte, und ich dachte – und konnte mein Glück kaum fassen–: Jetzt habe ich dich wiedergewonnen. Jetzt sind wir endlich wieder vereint.

In diesem Moment sah ich den Mann unter uns auf dem Kirchplatz.