Taxi Milano25 - Alessandra Cotoloni - E-Book

Taxi Milano25 E-Book

Alessandra Cotoloni

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Beschreibung

In Florenz und ganz Italien kennt jeder das bunte Taxi Milano 25 mit seiner Fahrerin "Zia Caterina". Sie sieht aus, als sei sie direkt einem Märchen entstiegen: blonde Locken, einen Blumenhut so groß wie ein Wagenrad auf dem Kopf, wehender Umhang, witzige Brille, Schirmchen. Die Schriftstellerin Alessandra Cotoloni steigt in dieses seltsame Taxi ein. Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise zwischen Erde und Himmel, Tod und Leben. Einfühlsam beschreibt sie, wie aus Caterina Bellandi Stück für Stück die Kunstfigur "Zia Caterina" – Tante Caterina wurde: aus einer Taxifahrerin eine märchenhafte Verwandte. Zia Caterina fährt kranke Kinder kostenlos zur Krebstherapie, erfüllt ihnen Wünsche, hört zu. Nach dem Tod eines Kindes hält sie auf besondere Weise die Erinnerung lebendig. So hilft sie Eltern, mit dem Schmerz zu leben. Es lohnt sich, geistig ins Taxi Milano 25 einzusteigen und mit Hilfe von Alessandra Cotoloni den Weisheiten der besonderen Fahrerin zu lauschen.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2023

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TAXIMILANO25

Für die ganze große Familie von Taxi Milano25Amor omnia vincit

ALESSANDRA

COTOLONI

TAXIMILANO25

Wie Tante Caterinaden Himmel auf dieErde bringt

Übersetzt aus dem Italienischenvon Barbara Häußler

Die Originalausgabe erschien unter dem TitelTaxi Milano25In Viaggio con zia Caterina una rivoluzionaria dei nostri tempiEDIZIONI SAN PAOLO s.r.l., 2021

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2023© 2023 Echter Verlag GmbH, Würzburgwww.echter.de

Covergestaltung: wunderlichundweigand GbR, Schwäbisch HallCoverfoto: © Joeprachatree/shutterstock.comLayout Innenteil: satzgrafik Susanne Dalley, Aachen

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN 978-3-429-05847-0ISBN 978-3-429-05246-1 (PDF)ISBN 978-3-429-06595-9 (ePub)

Inhalt

Einführung

Vorwort

KAPITEL 1Die Begegnung

KAPITEL 2Das Taxi

KAPITEL 3Anfänge und Intuition

KAPITEL 4Mit Patch Adams nach Russland

KAPITEL 5Die Meyer-Kinderklinik in Florenz

KAPITEL 6Luca

KAPITEL 7Von Super-Heldinnen und Super-Helden

KAPITEL 8Die Wunder

KAPITEL 9Die Reise ins Heilige Land

KAPITEL 10Wahnsinn und Unsichtbarkeit

KAPITEL 11Der Freiwilligendienst

KAPITEL 12Die Einsamkeit

KAPITEL 13Hinter die Dinge sehen und der „Taler“ der Super-Heldinnen und -Helden

KAPITEL 14Das Konzert

KAPITEL 15Die Niederlagen

KAPITEL 16Der Singer-Songwriter Jovanotti

KAPITEL 17Bernardo

KAPITEL 18Thailand und Covid-19

Nachwort

Schlusswort von Don Luigi Verdi

Dank

Anmerkungen

Einführung

Von Simone Cristicchi (Poet, Singer-Songwriter)

Für Tante Caterinavoll Zuneigung,dankbar für alle Samenkörner der Schönheit und Liebe,die du ausgestreut hast …

Das Wunder

An kein einziges Wortder Diener des Kulteskann ich glauben.Auch nicht an die liturgischen Gewänder,die Fürbitten,an die feierliche Inszenierung,ihren ganzen Gold- und Silberschmuck.Nicht glauben kann ichan das Märchen,das ein anderes, besseres Leben verspricht.Diesen herausposaunten,laut verkündeten, zur Ware gemachten Glauben teile ich nicht.Es ist eine Beleidigung.Ich glaube nicht an die Gnade,an die Heiligkeit des Wassers,des Blutes, der Geburtsgrotte,des Weines, des göttlichen Geistes.

Einzigartig aber ist das Wunder,konkretvor meinen Augen:dieser Mensch,der zu Hilfe eilt,Tränen trocknet,sich anderer annimmtund sich dabeidas Kreuz tausenderVerzweifelter,die in ihren Leiden Christus sind,auf die Schultern lädt.

Es ist einzigartigdas Wunder ihrer Empathie,jeden Augenblick neu geborenund niemals zu Ende.An dieses Wunder glaube ich.Entzücken über ein Gut,uneigennützig verschenkt.Bei jedem Schritt weckt esneues Lächeln, unerwartet,ein Lächeln der Liebewie Rosen, die aufblühenin dieser Wüstedes unmenschlichen Schmerzes.

An dieses Wunder glaube ich.Hier sehe ich klar,so sicher, so unbesiegbar,die Hand Gottes.

Vorwort

Das Ankleiden.Die rosa Feder, klein wirkt sie zwischen den anderen Federn. In der klaren Morgenluft, mit der das Leben energisch ins Zimmer hereingeströmt ist, als Caterina das Fenster öffnete, schaukelt sie leicht hin und her. Die größeren, knallbunten Federn lächelten der kleinen zu. Vom Rand des magischen Strohhutes aus, auf dem alle aufgereiht sind, wie Gräser auf einer Wiese, haben die Federn gemeinsam den neuen Morgen begrüßt. Der Hut liegt auf dem Stuhl neben dem Bett. Die Tante schaut ihn an: Sie spricht mit den Farben.

Das Ankleiden braucht seine Zeit. Caterina lässt sie nicht ungenutzt verstreichen. Jeder Augenblick ist kostbar. Heute weiß sie das. Ihre Bewegungen sind nicht willkürlich. Sie sind ein Ritual. Dafür sind ihr die einzelnen Minuten dankbar. Denn sie gibt jeder von ihnen eine Bedeutung, liebkost sie wie einen zerbrechlichen und sehr kostbaren Gegenstand. Caterina stellt sich nicht gegen die Zeit, sie klinkt sich vielmehr in sie ein. Ja, sie weiß um den Wert jedes einzelnen Moments, atmet ihn förmlich ein, wie verschiedene Duftnoten eines Parfums. Nicht aus Angeberei oder weil sie Aufsehen erregen will, zieht sie ihr buntes Kleid an. Es ist ihr zu einer Art Uniform geworden, so wie der Habit für den Mönch oder der weiße Kittel für eine Ärztin. Zu diesem Kleid gehören ein Umhang, der Strohhut – er schaut sie immer noch vom Stuhl her an –, Ketten, Schellenarmbänder und eine große Muschel. Wie ein riesiger Knopf hält diese die beiden Seiten des Umhangs vor der Brust zusammen, so ähnlich wie bei Pilgern aus alten Zeiten bei ihrem Aufbruch nach Santiago de Compostela. Auch Caterina ist eine Pilgerin, denn jeden Tag unternimmt sie eine Reise zu einem anderen, oft unbekannten Ziel. Aber sie hat keine Angst. Sie muss sich einfach dem Unbekannten hingeben, sich von ihm in die Arme schließen lassen. Die Fahrt zusammen mit den Menschen, denen sie begegnet, kann sie gestalten. Das Ziel der Fahrt aber liegt nicht in ihrer Hand.

Wie immer lugen aus verschiedenen Ecken ihres Schlafzimmers Spielsachen hervor, fasziniert von der Tante. Ungeduldig warten sie darauf, heute ein Teil von Caterinas Outfit sein zu dürfen. Jedes von ihnen ist stolz darauf, ein kleiner Teil der von Caterina streng gehüteten Geschichte zu sein, die sie hinter sich herschleppt wie schweres Gepäck. Ihr Herz kennt keine Grenzen.

Von unzähligen Menschen, die sie auf dem Weg trifft oder getroffen hat, nimmt sie Lächeln, Blicke, Berührungen in sich auf. Allen gibt sie Raum, niemand wird ausgeschlossen. Seit es im Zimmer hell geworden ist, hat der Hut ihr nachgeschaut. Endlich setzt sie ihn auf! Die schüchterne rosa Feder spielt nun Ringelreihen rund um die Hutkrempe, zusammen mit den anderen Federn und den bunten Blumen.

Sorgfältig setzt sich Caterina den Hut auf den Kopf. Eine blonde Lockenmähne quillt, widerborstig wie die Frau, auf deren Kopf sie wächst, unter dem Hutrand hervor, ergießt sich über ihre Schultern. Fröhlich klingeln bei jeder Bewegung die kleinen Glöckchen an Halskette und Armbändern. Dazu raschelt der lange Satinrock, ein Geräusch wie aus längst vergangenen Zeiten. Bald wird Caterina mit dem Ankleiden fertig sein. Noch schnell ein letzter Blick in den Spiegel, ein wenig Lidschatten um die wunderschönen grünen Augen. Diese sehen hinter die Dinge, blicken tiefer als das, was die meisten Menschen wahrnehmen. Caterina ist eben anders: materielle Hemmnisse, Grenzen, alles, was den Blick behindert, machen sie noch hellsichtiger. Hinter die Dinge zu schauen bedeutet, nicht nur mit den Augen sehen zu können.

Mit rosa Lippenstift zieht sie ihre Lippen nach. Sie sind immer bereit zu lächeln. Dazu muss nicht unbedingt jemand da sein, dem sie zulächeln kann: Schon das Leben, das jeden Morgen durch das Fenster hereinschaut, ist für Caterina Anlass zu lächeln. Jetzt ist sie fertig. Die Mary Poppins unserer Zeit macht sich bereit, aus dem Haus zu gehen, dem Leben entgegen. Jedes einzelne Ding, das sie anlegt, vom Hut bis zum Ring, von den Schellen bis hin zu den knallbunten Halsketten, ist stolz darauf, zu Caterinas Welt zu gehören. Denn jeden Tag nimmt Caterina diese Dinge mit zu dem seit Urzeiten bestehenden Scheideweg zwischen Leben und Tod.

Vielleicht verkörpert Caterina unbewusst Heraklits Theorie vom Zusammenspiel der Gegensätze. Hier widerspricht nichts dem anderen. Alles ist Teil einer unendlichen Abfolge von Verbindungen und Ergänzungen. „Paradoxerweise werde ich aus dem Tod geboren“, sagt Caterina. Damit verweist sie auf den Tod des Mannes, den sie geliebt hat, Stefano. Die Beziehung zu ihm ist so stark, dass sie auch heute noch andauert, auch wenn der Tod beide physisch getrennt hat. Der Verlust ihres Gefährten ist eine Linie. Sie trennt die frühere Caterina streng von der Person, zu der sie dann geworden ist. Es gibt kein Zurück hinter diese Linie. Man kann sie nicht vergessen. Doch genau das zwingt Caterina tagtäglich weiter zu machen, dem Leben entgegenzugehen.

KAPITEL 1

Die Begegnung

Das Vorwort sollte einen kleinen Vorgeschmack auf Caterinas Magie vermitteln. Sie zu treffen bedeutet, eine Sphäre zu betreten, in der die strengen Gesetze des Alltäglichen und der Normalität außer Kraft gesetzt werden. In Caterinas Nähe übersteigen wir all die Grenzen, innerhalb derer wir uns gewöhnlich bewegen. Wir lassen uns tragen vom Strom der Energie, die Caterina großzügig und in Überfülle um sich herum verbreitet.

Dieses Buch ist keine gewöhnliche Biographie, es kann keine Lebensbeschreibung sein, wie ich sie normalerweise schreibe – nein, das ist unmöglich. Wer jemals Caterina – und sei es flüchtig – kennengelernt hat, versteht das, genauso wie er oder sie versteht, dass es nur schwer möglich ist, einen roten Faden in der Geschichte von Caterina Bellandi nachzuzeichnen. Es ist wirklich ein kompliziertes Unterfangen, dessen bin ich mir voll bewusst. Doch soll ihre Geschichte keine nur oberflächlich wahrgenommene Randerscheinung im Bewusstsein der Allgemeinheit bleiben. Nein, ich will Menschen erklären, wer Caterina Bellandi ist, damit alle, die sie sehen, sich nicht allein aufgrund der Art ihrer Kleidung ein vorschnelles Urteil bilden, sondern sie wirklich verstehen. Ja, es ist nicht leicht, etwas über Caterina zu erzählen, denn sie ist kein gewöhnlicher Mensch. Doch genau die Tatsache, dass sie in kein Schema passt, macht ihre Stärke aus.

Um über sie sprechen zu können, muss man ihr auf dem Weg folgen, den sie jetzt seit Jahren geht, ihr beim Reden zuhören, die Botschaft ihrer Gebärden erfassen und – sooft sie es erlaubt – in die hintersten Winkel ihrer Seele schauen im Wissen darum, dass es einem selbst so niemals gelingen wird, sie mit den vielfältigen Nuancen ihrer Persönlichkeit umfassend kennen zu lernen. Deswegen mag die hier folgende Erzählung stellenweise konfus erscheinen, genauso wie Zia Caterina auch selbst ist. Sie wird eine Mischung sein aus Gegenwart und Vergangenheit, aus Erinnerungen und Reflexionen, in die Caterina unversehens immer wieder ihr Gegenüber mit einbezieht. Es wird eine Geschichte sein von Teilen eines Lebens oder besser von Lebensscherben. So bezeichnet es jedenfalls Padre Bernardo, der ein wichtiger Begleiter von Zia Caterina ist. Das heißt, es wird die Geschichte all derer sein, die ihren eigenen Lebensweg mit dem von Caterina verknüpft haben. Mit den Geschichten dieser Menschen drückt sie sich selbst aus.

Caterina kleidet sich mit ihrem flippigen Outfit in das Gefühl, das sie mit all ihren Kindern und Jugendlichen verbindet. Wer sie trifft, fragt sich unweigerlich, woher all das kommt – und spürt zugleich, dass es auf diese Frage keine befriedigende Antwort geben kann. Man versteht nur, dass all diese Energie schon in Caterina war, noch ehe sie zu der Persönlichkeit wurde, die in Italien alle kennen oder zu kennen glauben. So antwortet sie zum Beispiel auf die Frage: „Wer warst du denn vor all diesem?“ – „Ich war im Ungefähren.“ Diese Antwort verunsichert zunächst, doch dann erklärt sie selbst, was das bedeutet – nämlich jahrelang zu leben, ohne um die eigene Existenz zu wissen. Ja, in diesem Unwissen lebte sie, bis der Tod ihres Lebensgefährten Stefano bei ihr etwas auslöste. Sie wurde sich bewusst, was es heißt zu leben. Während sie das erklärt, lacht sie, fast bitter, verstellt ein wenig die Stimme und nimmt so diesem Gedanken ein bisschen seine Tiefe.

In einfachen Worten spricht sie über eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit: darüber, nur annäherungsweise zu leben, so lange bis uns etwas plötzlich aus dieser Art Erstarrung löst, in der wir gefangen sind. Dann beginnen die einzelnen Augenblicke zu leben, zu atmen. Man erkennt jeder Minute einen genauen Wert zu. Die „Begabung“ von Caterina Bellandi besteht darin, jeden Augenblick ihrer Existenz mit Leben erfüllt zu haben. Doch es lässt sich nur schwer festmachen, an welchem Punkt die Verwandlung von Caterina in Zia Caterina angefangen hat, weil sie so ein außergewöhnlicher Mensch ist.

Ihre Freundin Kris hilft uns, Caterinas erste Schritte hin zu der Person, die sie jetzt ist, nachzuzeichnen. Kris stammt aus Russland. Sie kannte Caterina bereits, als diese noch keine Strohhüte aufsetzte und noch nicht ihre wehenden Umhänge trug, sondern in einem Unternehmen in Prato arbeitete. Damals war Caterina so wie viele andere auch. Eine Frau aus wohlhabender Familie, die gerne den Feierabend mit Freundinnen und Freunden verbrachte. Kris und Caterina hatten sich über die Arbeit kennengelernt. Ihre Freundschaft begann zufällig. Dann trafen sie sich häufiger. Kris merkte als eine der ersten, dass sich Caterina und Stefano ineinander verliebt hatten, dass sie glücklich zusammen waren, dass da eine Liebesgeschichte gelebt wurde. Kris bekam aber auch die tragische Zeit mit, die sehr bald Caterinas Leben überschattete: Stefano wurde krank und starb. Nach seinem Tod war Caterina lange Zeit sehr verletzlich. Sie hatte die Orientierung verloren.

In dieser so bedeutsamen Zeit ihres Lebens wurde für Caterina die Nähe zu Kris besonders wichtig. Noch heute spricht Caterina sichtbar bewegt und voller Dankbarkeit von ihrer Freundin, denn Kris streckte die Hand aus, bot Hilfe an, als Caterinas Schmerz über den Tod ihres Lebensgefährten so stark wurde, dass er sie fast erdrückte. In den Jahren direkt nach Stefanos Tod ließ die junge russische Freundin sie nicht alleine. Zwei Jahre nach seinem Ableben organisierte sie eine Reise nach Russland. So führte sie Caterina langsam ins Leben zurück. Mit leiser Ironie bezeichnet diese das Abenteuer als „die Reise der Klöster und Friedhöfe“. Denn die beiden Freundinnen besichtigten vor allem Klöster und Friedhöfe. Für beide war diese Reise eine wichtige, ja einzigartige Erfahrung, ein Zeichen der Liebe, die Kris gegenüber ihrer Freundin empfand. Sie war aber auch eine Art Abschied, denn die junge Russin erwartete damals ihren ersten Sohn. Kris wusste genau, dass sie nach dessen Geburt nicht mehr so intensiv wie bisher Caterinas Leben würde teilen können.

Nach dieser Reise trennten sich die Wege von Caterina und Kris. Auch wenn es ihnen nicht mehr gelingt, sich so häufig zu sehen und zu treffen, wie damals, bleibt Kris bis heute ein wichtiger Bestandteil des Lebens von Tante Caterina. Zwischen beiden ist in den Jahren der großen Nähe und des Mit-Aushaltens von Caterinas Trauer eine starke, unauflösliche Bindung entstanden, der ein zeitlicher und räumlicher Abstand nichts anhaben kann. Kris bewundert Caterina, ihr Engagement, die Leidenschaft und Energie, mit der sie sich für die Kinder der Meyer-Kinderklinik in Florenz einsetzt. Doch gerade weil Kris jetzt selbst Mutter ist, spürt sie auch ihre eigenen Grenzen. Es ist ihr nicht möglich, Caterina ständig zur Seite zu stehen, ohne selbst zu sehr von einem Leid ergriffen zu werden, das sie nicht verarbeiten kann. Deswegen hält sie Abstand. Sie beobachtet Caterina und bleibt trotzdem ihre Freundin. Caterina versteht das. Sie verlangt nicht, dass Kris sich anders verhält. Weil jede die Entscheidung der anderen respektierte, führte die Tatsache, dass beide andere Lebenswege einschlugen, nicht zu einem Bruch ihrer tiefen Bindung.

Man kann von Caterina nicht verlangen, zusammenhängend ihr Leben zu erzählen. Sie verknüpft Erinnerungen mit plötzlichen Reflexionen und unterbricht so ständig den roten Faden der Ereignisse. Man hört ihr also einfach zu, lässt sich einfangen von jenen Gedanken, die sie leicht, aus dem Stegreif heraus entwickelt. Diese Reflexionen sind das Ergebnis innerer Umwandlungsprozesse, immer tiefgründig, mögen sie nun Jahre oder auch nur Minuten lang gedauert haben. So tiefgründig, dass man unweigerlich selbst darüber nachdenken muss. Unsere Treffen habe ich immer so gestaltet, dass sich Caterina völlig frei äußern konnte. Konkrete Fragen habe ich nicht gestellt. Das wäre so gewesen, als wollte ich einen Vogel in einen Käfig einsperren, ihn daran hindern zu fliegen. Der Respekt vor Caterina, vor ihrer Persönlichkeit legte diese Vorgehensweise nahe.

Ihre Reflexionen, die immer wieder den Gang der Erzählung ihres Lebensweges unterbrachen, helfen auch, besser den Charakter von Zia Caterina zu verstehen, zum Beispiel das Nachdenken über die „unruhigen Seelen“: Caterina sagt, wir seien alle „unruhige Seelen“. Unermüdlich zermartern wir uns den Kopf bei der Suche nach Antworten auf drängende Fragen. Doch auf diese Fragen gebe es hier auf der Erde keine Antworten. Immer wieder greift sie dieses Thema auf. Es prägt grundlegend ihre innere Entwicklung. Caterina lächelt, wenn sie davon spricht. Denn sie erinnert sich daran, wie sie sich selbst vor vielen Jahren fühlte. Dann fügt sie hinzu, dass einen das verbiesterte Suchen nach Antworten, die man hier auf Erden nicht finden kann, krank macht. Diesen Gedanken begleitet sie mit einer Handbewegung: schnell, wie verrückt klopfen die Spitzen ihrer Zeigefinger aneinander. Caterinas Gebärden zeichnen nach, wie es ihrer Meinung nach in unserem Inneren aussieht. „Genau an der Stelle, an der wir geistig nicht weiterkommen, entsteht ein Hindernis. So wird die Energie blockiert und wir werden krank. Früher lebte ich auch so. Um jeden Preis wollte ich Antworten auf meine Fragen. Doch dann habe ich verstanden, dass ich mich an den Himmel wenden sollte. Hier unten fand ich keinen Frieden. Der Tod ist nicht gerecht und nicht die Krankheit. Jemanden zu verlieren, den wir lieben, ist nicht gerecht. Nur der Himmel kann uns Antwort geben.“

„Und was ist mit den ruhigen Seelen?“, fragte ich sie darauf. „Das sind diejenigen, die sich zufriedengeben, die keine Fragen stellen und die ohne eine genaue Einsicht in die Dinge leben. Sie akzeptieren alles, was auch kommt, passen sich an die Ereignisse an. Es gibt sehr viele, die so sind. Wer sich aber selbst aufs Spiel setzt und sich Fragen stellt, so wie ich das getan habe, kann nur unruhig sein.“

Auch das ist Caterina. Man bekommt unerwartete Lektionen über Lebensweisheit.

KAPITEL 2

Das Taxi

Von Caterina kann man nur erzählen, wenn man in ihr Taxi steigt und ihr zuhört. Sie spricht über viele Themen, dabei geht so manches bunt durcheinander. Es ist nicht einfach zuzuhören, wenn sie zwischen ihren Erinnerungen hin und her schwingt wie auf einer Kinderschaukel. Einiges weiß sie nicht mehr so genau, auf anderes spielt sie an, unterbricht sich dann wieder, hat Erinnerungslücken. An Daten erinnert sie sich nur ungefähr. Sie lässt Erlebnisse nur eben anklingen, sich mit anderen vermischen, doch dann wird klar, dass sie doch nicht zusammenpassen. Wer Caterina kennt, weiß, dass es nicht anders sein kann. Sie lebt ganz in der Gegenwart, die schnell wieder verfliegt. Emotionen gehen ihr unter die Haut und bleiben dort.

Im Taxi finden wir uns in einer bunten Welt wieder, voll mit Plüschtieren, riesigen Ohren, quiekenden Schweinchen und Sonnenbrillen in den verrücktesten Formen – entsprechend den wildschrillen Kleidern, die Caterina trägt: eine Apotheose, Vergöttlichung, Überhöhung des Lebens. Wer sich in das Taxi setzt, spürt Schwingungen, die sich ständig verstärken: Stimmen, Lachen, Weinen, Schmerz, Hoffnung der vielen Lebensausschnitte, die Caterina miterlebt hat, in denen sie geholfen hat. Alles liegt hier in der Luft. So als säßen die jeweiligen Menschen hier in diesem kleinen Kosmos immer noch unsichtbar auf den Sitzen. Wer sich nun hier drinnen, zwischen all den untereinander verbundenen Lebensteilen befindet, spürt besonders stark die Präsenz eines dieser Teile. Es ist das älteste und wichtigste. Denn in ihm hat diese ganze Geschichte ihren Ursprung. Es ist der Teil von Stefano.

Als sich Stefano und Caterina ineinander verliebten, hatten sie gerade eine sehr schmerzhafte Zeit durchgemacht. Beide hatten etwas verloren: Caterinas Ehe war nach wildem Streit auseinandergegangen. Sie trug tiefe Verletzungen davon. Stefano hatte seine Verlobte verloren. Sie war an Leukämie gestorben. Diese Zeit ist für Caterinas Lebensgeschichte äußerst wichtig: Genau damals entstand das Taxi Milano25. Die Mutter von Stefanos Verlobter hatte ihm das Auto geschenkt, als Dank für die Liebe und Sorge um ihre Tochter, mit der er sie bis an ihr Lebensende begleitet hatte. In dieser noch vor der Zeit mit Caterina gelebten Liebesgeschichte hat das Taxi Milano25 seinen Ursprung. Mit ihm verdiente Stefano in der Folgezeit seinen Lebensunterhalt. Das Taxi war die Grundlage seiner Existenz. Er verdiente damit Geld. Die zwischenmenschliche Beziehung, die er häufig zu seinen Gästen aufbaute, machte ihn glücklich. Wie eine kleine Tour über den Jahrmarkt, bei der alle, die es wollten, von sich erzählten. Lebensgeschichten, offenbart in einer Handvoll von Minuten. Stefano liebte seinen Beruf als Taxifahrer. Er war überzeugt, eine Arbeit von gesellschaftlichem Nutzen zu verrichten, nicht nur weil er den Menschen nützlich war, die er beförderte, sondern auch weil sich deren Seelen unbewusst auf eine kurze Fahrt begaben.

Das Leben sorgte dann für eine Wiederholung. Die Liebe, die er geschenkt und erhalten hatte, führte dazu, dass er Caterina kennenlernte. Ja, die Liebe ist ein seltsames Erbe, wie ein Garnknäuel wickelt sie ihre eigenen Fäden ab. Dabei folgt sie geheimnisvollen Pfaden: Das Netz aus Liebe, das von der Großzügigkeit der Mutter von Stefanos Verlobter ausging, schlang sich um Caterina, die zerbrechliche Frau mit den grünen Augen und dem lieben Blick. In ihrem Verlangen nach Liebe, nach der sie schon immer gesucht hatte, war sie bis dahin immer wieder verraten worden. Empathie, Übereinstimmung, Teilen, Komplizenschaft kennzeichneten von Anfang an die Beziehung von Stefano und Caterina. In dieser Liebesbeziehung lernte Caterina so unendlich viel. Deshalb dachte sie: „Diesmal ist es für immer.“ Doch das Leben wiederholt auch den Schmerz – plötzlich wurde Stefano krank.

Wer glücklich ist, kann sich nicht vorstellen, dass das, was er oder sie gerade lebt, so flüchtig sein kann: Plötzlich stellt die Nachricht von einer schweren Krankheit das eigene Leben auf den Kopf. Die Prioritäten ändern sich – es gibt nur noch ein einziges Ziel, wie Caterina sagt: „Gesund werden.“ Dann beginnt der Versuch zu verstehen, nachzuforschen, sich Fragen zu stellen, auf die es keine Antwort gibt. Sicher ist nur, dass sich alles ändert. Was früher mal ein „Problem“ war, löst sich in Luft auf, verschwindet, nichts bleibt davon zurück. An dem Tag, an dem Caterina erfuhr, dass Stefano an Lungenkrebs erkrankt war, fragte auch sie sich, wie sich dieser unerwartete Gast, ohne um Erlaubnis zu fragen, hatte einschleichen können in das glückliche Leben, das sie damals führten. Warum die Erde plötzlich anfing zu beben und sich unter ihren Füßen ein Abgrund auftat. Auf diese Fragen gab es keine Antwort. Niemand kann erklären, was zu tun ist, wenn ein derartiger Tsunami mit voller Breitseite auf ein Leben trifft, in dem bis zu diesem Augenblick alles glattlief. Stefanos Krebserkrankung war dieser Tsunami. Er traf Caterina im Jahr 2000. Er spaltet die Zeit in ein „Vorher“ und ein „Nachher“.