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Die alte Frau hatte nicht mehr lange zu leben, die Krankheit war bereits weit fortgeschritten. Als sie tot in einem Wald nahe Helsinki aufgefunden wird, an einer Schlinge hängend, geht die Polizei von einem Selbstmord aus. Paula Pihjala jedoch ist skeptisch, irgendetwas passt da nicht ins Bild. Als kurz darauf ein Mann auf einem Spielplatz tot aufgefunden wird, steht fest, dass es ein Mord war. Der Mörder hatte das Opfer auf eine Wippe gestellt, mit einer Schlinge um den Hals, dann das Gewicht entfernt. Das Opfer erhängte sich selbst. Was für ein Sadismus! Ein weiteres Opfer ist offenbar schon im Visier. Paula Pihjala und ihr Team ermitteln unter Hochdruck, um dieses grausame Spiel zu beenden.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die alte Frau hatte nicht mehr lange zu leben, die Krankheit war bereits weit fortgeschritten. Als sie tot in einem Wald nahe Helsinki aufgefunden wird, an einer Schlinge hängend, geht die Polizei von einem Selbstmord aus. Paula Pihlaja jedoch ist skeptisch, irgendetwas passt da nicht ins Bild. Als kurz darauf ein Mann auf einem Spielplatz tot aufgefunden wird, steht fest, dass es ein Mord war. Der Mörder hatte das Opfer auf eine Wippe gestellt, mit einer Schlinge um den Hals, dann das Gewicht entfernt. Das Opfer erhängte sich selbst. Was für ein Sadismus! Ein weiteres Opfer ist offenbar schon im Visier. Paula Pihlaja und ihr Team ermitteln unter Hochdruck, um dieses grausame Spiel zu beenden.
A. M. Ollikianen ist das Pseudonym des Ehepaars Aki und Milla Ollikainen. Aki hat bereits drei Romane geschrieben und verschiedene Literaturpreise gewonnen. Einer seiner Romane stand auf der Longlist des BOOKER PRIZE. Auch Milla ist eine renommierte Autorin. Von ihr sind ebenfalls drei Romane erschienen, und sie hat 2012 den Preis der FINISH DETECTIVE SOCIETY’S CRIME NOVEL gewonnen. Das Ehepaar lebt mit seinen Kindern in Lohja, im Süden Finnlands.
LÜBBE
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der finnischen Originalausgabe:
»Kiikku«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2022 by Aki Ollikainen & Milla Ollikainen
Original edition published by Otava Publishers, 2022
German edition published by arrangement with Aki Ollikainen,Milla Ollikainen and Elina Ahlback Literary Agency, Helsinki, Finland
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2023 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln
Textredaktion: Frauke Meier, Hannover
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Illustrationen von © shutterstock: Yanchous und Arcangel: Carmen Spitznagel
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-4204-7
luebbe.de
lesejury.de
Nur wer riskiert, zu weit zu gehen,kann herausfinden, wie weit er gehen kann.
T. S. Eliot
Falls sie den Gipfel erreichten, würde ihre Chance, lebend vom Berg herunterzukommen, noch kleiner werden. Das wussten sie, als sie mit dem Aufstieg begannen.
Jetzt denken sie kaum noch daran. Das Wissen schlummert irgendwo tief im Hinterkopf, als die fünfköpfige Gruppe auf einem schmalen Grat im Karakorum-Gebirge zum mehr als acht Kilometer hohen Gipfel des Broad Peak aufsteigt.
Sie sehen einen massiven Gletscher, und dahinter schimmert der noch höher aufragende K2 mit seinen steilen Wänden. Diesen Berg hat der Mann an der Spitze der Gruppe einmal bestiegen, ebenso der Amerikaner, der die Nachhut bildet.
Dem gefährlichsten Berg, der Annapurna, fällt jeder Dritte zum Opfer, der seinen Gipfel erreichen will. Aber der K2 im Karakorum ist auf heimtückische Weise noch grausamer. Er lässt sich oft zuerst erobern und fordert seinen Tribut dann beim Abstieg. Die beiden Unerschrockenen haben es lebend nach unten geschafft.
Der Himmel ist tiefblau, wolkenlos. Im Spiel von Licht und Schatten treten die Kanten der Felswände hervor. Dann erscheint ein kleiner roter Punkt in der Landschaft, ein Blutstropfen auf Schneewittchens milchweißer Haut.
Wie auf einem Wachstuch gleitet er langsam nach unten, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Einer von ihnen bemerkt ihn, klopft dem vor ihm Gehenden auf die Schulter und zeigt auf den Punkt. Genau in dem Moment kommt der Blutstropfen zum Stillstand.
Einige Stunden vor ihnen hat eine kanadische Gruppe mit dem Aufstieg begonnen. Die Gestalt in der roten Jacke gehört wohl zu dieser Gruppe. Sie hat aus irgendeinem Grund umkehren müssen, während die anderen ihren Versuch fortsetzen. Die restlichen Kanadier sind sicher schon weit in der Todeszone, fast am Gipfel.
Der Tropfen bleibt die ganze Zeit in ihrem Blickfeld, und nach einer halben Stunde nimmt er deutlicher die Gestalt eines Menschen an. Die absteigende Person ist auf die Knie gesunken, als wollte sie meditieren, während sie den Dachfirst der Welt betrachtet. Ihre erhobene rechte Hand umklammert einen Eispickel.
Vielleicht will der Mensch in der roten Jacke in den Himmel klettern.
Der Mann, der die Stelle als Erster erreicht, geht vor der meditierenden Gestalt in die Hocke. Es ist eine relativ junge Frau. Der Mann erkennt die Anzeichen der Hypothermie, die Frau hat nach ihrem Halt begonnen, sich auszuziehen, sie hat ihre Jacke geöffnet und die Mütze abgenommen. Die polarisierende Brille ist heruntergefallen, als die Frau ihren Schlauchschal ausgezogen hat. An den Mundwinkeln haftet blutiger Schaum. Höhenkrankheit, deshalb musste die Kanadierin umkehren, bevor sie den Gipfel erreicht hat.
Der Mann nimmt seine Sonnenbrille ab. Vorsichtig berührt er den Hals der Frau, der sich kalt anfühlt. Da schwingt die Frau ihre Hand. Vielleicht ist es eine durch die Verwirrung ausgelöste Abwehrreaktion oder nur eine unwillkürliche Bewegung. Der Schlag ist nicht heftig, wenn es überhaupt ein Schlag ist. Die Hand sinkt einfach nach unten, aber die Spitze des Eispickels reißt eine lange Wunde in das Gesicht des Mannes.
Der Mann flucht in seiner Muttersprache: »Perkele!«
Instinktiv greift er nach dem Hals der Frau.
Plötzlich überwältigt ihn pure Wut, und er drückt fest zu, mit beiden Händen.
Drei seiner Kameraden, zwei Männer und eine Frau, versuchen ihn zurückzuhalten. Zwei packen ihn an den Armen, der dritte an den Schultern, doch sie schaffen es nicht, ihn wegzureißen. Alle vier sehen ihren Widerschein im Auge der sterbenden Frau, deren braune Iris ein roter Ring aus Blutungen umgibt. Er gleicht der Korona bei einer totalen Sonnenfinsternis.
Schließlich erwacht der verletzte Mann aus seiner tranceartigen Wut und lässt los. Die Stirn der rotjackigen Kanadierin sackt in den Schnee, sie verharrt in Gebetsstellung vor dem grausamen Gott des Karakorum.
Das fünfte Mitglied der Gruppe, der Amerikaner, hat die Ereignisse weiter abseits verfolgt und die Erste-Hilfe-Ausrüstung hervorgeholt.
Zusammen mit der Frau in der Gruppe untersucht er die Verletzung des Mannes.
»It’s not that bad«, sagt der Amerikaner, nachdem er die Wunde mit einem Pflaster versorgt hat.
Er erinnert die anderen daran, dass sie nichts für die Kanadierin hätten tun können. Sie hätten sie ohnehin dem Tod überlassen müssen.
»Ich weiß«, antwortet der Verwundete auf Englisch.
»Vielleicht ist es besser so«, meint der Amerikaner.
»Vergessen wir es«, sagt die Frau der Gruppe zu dem Verletzten. »Reden wir nicht mehr darüber.«
»Nie«, flüstert der Verwundete auf Finnisch.
Die Frau reicht ihm seine Sonnenbrille, er setzt sie auf.
Der letzte Mann in der Gruppe kniet immer noch bei der betenden Toten. Er hebt ihren Oberkörper an und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, sodass die Spuren am Hals verdeckt sind.
Die Öde der Berggipfel verschmilzt mit den offenen Augen der Toten.
Der Mann bringt die Leiche wieder in ihre Gebetsstellung. Er zieht ihr die pelzbesetzte Kapuze über den Kopf. Den Eispickel legt er wie eine Opfergabe vor die Betende.
In dieser Stellung bleibt die Frau zurück, vielleicht für alle Zeiten. Die Kanadier können die Leiche beim Abstieg nicht mitnehmen, sie müssen froh sein, wenn sie es selbst lebend nach unten schaffen.
Die fünfköpfige Gruppe setzt ihren Weg fort. Nach einer Stunde erreichen sie die Todeszone, die an diesem Tag in hellem Sonnenschein badet.
Schließlich sind sie auf dem Gipfel. Der Verwundete holt die Kamera hervor, der Amerikaner lässt sich mit dem Sternenbanner fotografieren. Dann übernimmt er die Kamera und die anderen posieren, zuerst paarweise. Zwischen sich halten sie eine Fahne in den Farben der Landschaft, die sich vor ihren Augen erstreckt. Ein tief himmelblaues Kreuz auf schneeweißem Grund. Dies sind die Farben auf dem Dach der Welt; die Farben ihres Heimatlandes. Aber dort sind die Berge nur mickrige Hügel, die man eigentlich gar nicht als Berge bezeichnen kann.
Dann beginnt der schwierigste und gefährlichste Teil, der Weg nach unten. Noch einmal lassen sie ihren Blick über die Gipfel des Karakorum wandern.
Aber einer von ihnen denkt an den glasigen Blick der Frau, an die allmächtige Leere, die sich in ihm spiegelte.
An den flüchtigen Schatten in den Augen, der die Sonne verdunkelt hat.
Doch jetzt wird es Zeit, nach unten zu wandern, in die dunklen Schatten der Berge.
Paula lag bäuchlings auf dem Küchenboden, mit der Nase auf dem Flickenteppich. Er roch nach Staub und Schmutz.
Ihre Oma hatte ihr den blau-schwarz gestreiften Teppich geschenkt, als sie nach dem Abitur zu Hause ausgezogen war. Zwei Jahrzehnte lang hatte er sie von einer Mietwohnung in die nächste begleitet. Er hatte in Studentenzimmern gelegen, in Einzimmerwohnungen in der Innenstadt, in einem Zweizimmer-Reihenhaus in Osthelsinki und in einer neuen Dreizimmerwohnung in einem netten, ruhigen Wohngebiet zu der Zeit, als Paula sich einbildete, zu einer langfristigen Zweierbeziehung und zum Familienleben fähig zu sein.
Als sie diese Wohnung verließ, hatten ihre Sachen in einen Anhänger gepasst.
Jetzt war der Teppich schon einmal umgedreht worden. Paula erinnerte sich nicht, wann sie ihn zuletzt gewaschen hatte. Sie schwor sich, ihn eigenhändig zu waschen, sobald es wärmer war und die Teppichwaschplätze geöffnet wurden. Oder nein, sie würde den Teppich in die Reinigung bringen. Gleich morgen.
Renkos Stimme drang gedämpft aus dem Handy, das Paula aus der Hand gerutscht und unter den Esstisch geflogen war. Offenbar wiederholte er irgendetwas. »Huhu, hörst du mich? Huhu, hörst du mich?«, so klang es jedenfalls, und Paula malte sich aus, wie blöd Renko beim Rufen aussah. Sie schwieg und bewegte die Zehen am rechten Fuß. Dann drehte sie vorsichtig den Kopf. Unter dem Tisch schien der Anruf immer noch weiterzugehen.
Verflixter Renko, gib endlich auf, dachte Paula. Sie blinzelte, um das Wasser, das ihr in die Augen gestiegen war, zum Verschwinden zu bringen, bevor sich daraus Tränen bildeten. Weinen wollte sie jetzt nicht.
Sie stemmte sich auf alle viere. Die Beine fühlten sich wieder ganz normal an, wie die vertrauten eigenen Beine, auf die sie sich verlassen konnte. Sie streckte den Arm aus und bekam das Handy zu fassen, Renkos Stimme war immer noch zu hören, aber leiser als vorher, er schien jetzt schnell mit jemand anderem zu sprechen, das Handy aber weiterhin ans Ohr zu halten für den Fall, dass Paula doch etwas sagte. Sie unterbrach die Verbindung und schaltete ihr Handy aus, bevor sie es wagte, tief und vernehmlich einzuatmen.
Sie musste bald zurückrufen. Wegen einer Bagatelle würde Renko sie an ihrem freien Tag nicht stören.
Seit dem letzten Herbst arbeitete Renko als ihr Untergebener, und zwar auf Paulas Wunsch. Ebenfalls auf ihren Wunsch hatte der Chef für sich behalten, dass Paula selbst ihn gebeten hatte, Renko in ihr Team zu versetzen. Es war besser, Renko keinen Grund zu liefern, sich stolz zu fühlen – er brauchte gewiss nicht noch mehr Selbstvertrauen. Ein Typ wie er machte Fehler, wenn er sich zu viel zutraute. Das hatte man im letzten Sommer gesehen, als er in letzter Minute vor dem Ertrinken gerettet wurde, nachdem er aus reiner Dummheit als Gefangener in einem Seecontainer gelandet war.
Paula stand auf und ließ sich ein Glas kaltes Wasser einlaufen. So reagierte sie seit ihrer Kindheit auf alles Unangenehme. Das lag an ihrem Vater, der Wasser als Mittel gegen alle möglichen Probleme angeboten hatte. Tut dir der Bauch weh, trink ein Glas Wasser, hast du Kopfschmerzen, trink ein Glas Wasser, ärgerst du dich, trink ein Glas Wasser. Wahrscheinlich hatte ihr Vater aus purer Ratlosigkeit so gehandelt. Nach dem Tod von Paulas Mutter war ihr Vater mit den beiden kleinen Kindern allein zurückgeblieben, und er war auf die Erziehungsaufgabe völlig unvorbereitet gewesen. Genau diese Worte hatte er selbst später in entschuldigendem Ton verwendet, nachdem er ein paar Gläser Whisky getrunken hatte: auf die Erziehungsaufgabe völlig unvorbereitet.
Macht nichts, hatte Paula geantwortet. Aber das war nicht das, was sie tatsächlich gedacht hatte. Denn es machte etwas, sogar eine ganze Menge.
Paula trank ihr Glas halb leer, dann dehnte sie ihre Muskeln, stellte sich auf die Zehen und streckte die Arme hoch. Zwischen ihren Fingerspitzen und der Decke blieben zehn Zentimeter. Sie ließ die Arme langsam sinken und legte die Hände um die Fußknöchel. Ihre Muskulatur fühlte sich steif an, vor allem der rechte Wadenmuskel verspannte sich, und einen Augenblick lang fürchtete Paula, erneut zu stürzen.
Doch der Anfall – oder was es auch war – war vorbei. Für diesmal.
Paula schaltete ihr Handy ein und wählte die Nummer des letzten Anrufers.
»Hallo«, meldete sich Renko. »Funktioniert dein Telefon nicht richtig?«
»Funktioniert deins?«, fragte Paula rasch zurück. »Ich habe dich gehört, aber du mich offenbar nicht.«
»Da war nur ein seltsames Poltern zu hören und dann gar nichts mehr«, erwiderte Renko. »Ich habe gerade noch einmal angerufen, aber nur den Anrufbeantworter erreicht.«
Paula war vom Tisch aufgestanden, als sie den Anruf angenommen hatte, und plötzlich zu Boden gegangen. Das Poltern war von dem Stuhl gekommen, gegen den sie bei ihrem Sturz versehentlich getreten hatte.
»Vielleicht gab es irgendeine Störung in der Leitung«, sagte Paula und erinnerte sich gleich darauf, dass es keine Telefonleitungen mehr gab, sondern durch die Lüfte ziehende Signale. Renko biss sich zum Glück jedoch nicht daran fest, sondern kam zur Sache.
»Wir haben hier eine obskure Leiche beziehungsweise einen Todesfall. Ich dachte, du möchtest sie selbst sehen. Obwohl schon einige Zeit seit ihrem Ableben vergangen ist, sie war mindestens die Nacht über im Wald, würde ich sagen, auch wenn ich natürlich kein Rechtsmediziner bin. Der ist übrigens immer noch nicht gekommen. Karhu und ich warten schon seit fast einer Stunde. Sie ist auch noch nicht abgenommen worden.«
»Was?«
»Ja, wir stehen tatsächlich seit mindestens einer halben Stunde hier, und es ist ziemlich kalt, bei dem Wind vom Meer. Das Wetter ist noch nicht gerade frühlingshaft. Ein paar blaue Leberblümchen habe ich am Weg allerdings gesehen, und damit meine ich nicht die Streifenpolizisten, die als Erste vor Ort …«
»Was ist nicht abgenommen worden?«, fiel Paula ihm ins Wort.
»Was? Na, die Leiche natürlich. Sie war nicht mehr zu retten. Die Sanitäter waren hier und haben festgestellt, dass man nichts mehr tun kann. Ich dachte, du möchtest sie da sehen, wo sie hängt.«
»Jemand hat sich im Wald erhängt. Es ist also ein Selbstmord«, sagte Paula leicht verärgert. Hatte Renko sie tatsächlich wegen eines Selbstmords angerufen?
»So scheint es auf den ersten Blick. Aber irgendwas an der Sache ist merkwürdig«, erwiderte Renko.
»Sagt dir das dein Instinkt?«, fragte Paula.
Renko lachte. Inzwischen kannte er Paula gut genug, um den spöttischen Unterton in ihrer Stimme zu erkennen. Er räusperte sich und machte eine kleine Pause. Während Paula auf die Fortsetzung wartete, stellte sie sich vor den Spiegel in der Diele, um zu prüfen, ob ihr Sturz irgendwelche Spuren hinterlassen hatte.
»Es ist eine alte Frau«, verkündete Renko schließlich.
Paula sah ihre spontane Verwunderung im Spiegel.
»Wie alt?«, fragte sie interessiert.
»Auf jeden Fall über siebzig. Ich würde sie als Oma bezeichnen, wenn sie mir auf der Straße entgegenkäme.«
Alte Frauen erhängen sich nicht im Wald, dachte Paula. Sie hob die Schulter, damit das Handy an seinem Platz blieb, und begann, ihre Kurzschaftgummistiefel anzuziehen. Das Handy fiel durch das Gitter des Schuhständers auf den Boden. Paula fluchte und hörte erneut Renkos gedämpften Ruf: »Huhu, hörst du mich?«
»Ja!«, rief sie, während sie das Handy hervorangelte. »Wo seid ihr?«
»In Meri-Rastila!«, schrie Renko gerade in dem Moment, als Paula sich das Handy wieder ans Ohr hielt.
»Du brauchst nicht zu brüllen, jetzt höre ich dich wieder. Ich fahre sofort los.«
»Ruf an, wenn du in der Nähe bist. Und zieh dir eine warme Jacke an.«
Paula warf unwillkürlich einen Blick auf die abgetragenen Jacken an ihrer Garderobe.
Sie war sich nicht sicher, ob Renkos Aufforderung spöttisch gemeint war.
Was die Ankunft des Frühlings betraf, hatte Renko recht gehabt. In der Luft war sie nicht zu spüren, aber neben dem Wanderweg sah man hier und da blaue und weiße Tupfer, die ersten Leberblümchen und Buschwindröschen des Frühlings.
Der Naturpfad befand sich auf einer ins Meer ragenden Landzunge mit einem schönen, alten Wald. Auf Renkos Rat hatte Paula ihren Wagen auf der mit einem Schlagbaum versperrten Seitenstraße abgestellt.
Auf dem Pfad kam ihr ein älteres Paar entgegen. Der ernst dreinblickende Mann blieb stehen, als er Paula sah, die Frau spähte furchtsam hinter seinem Rücken hervor.
»Es lohnt sich nicht weiterzugehen, der Weg ist gesperrt«, sagte der Mann.
»Alles in Ordnung, ich bin von der Polizei«, erwiderte Paula und bereute ihre Worte sofort.
»Was ist passiert?«, fragte die Frau neugierig. Da die beiden keine Anstalten machten, auszuweichen, trat Paula vom Pfad auf den Waldboden.
»Die Situation ist unter Kontrolle«, sagte sie beruhigend und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht, bevor sie sich durch das Gestrüpp an dem Paar vorbeidrängte.
Der hügelige Pfad führte auf eine kleine Anhöhe und von dort zum Meer, das hinter den Baumstämmen schimmerte. Das Absperrband der Polizei war zwischen zwei jungen Ebereschen über den Weg gespannt worden. Als Paula sich unter ihm hindurchduckte, hörte sie Renko nach ihr rufen. Im Wald, etwa fünfzig Meter vom Wanderweg, waren zwei weiße Schutzhauben zu sehen.
Paula holte den Overall und die sonstige Schutzkleidung aus ihrem Rucksack und zog sie an, bevor sie den Pfad verließ und zu Renko und Karhu ging. Ihre Stiefel versanken in den nassen Mooshügeln. Im Winter war ungewöhnlich viel Schnee gefallen. Außerdem hatte es in der letzten Nacht so heftig geregnet, dass Paula davon kurz wach geworden war. Wenn das hier ein Tatort war, würde es schwierig werden, Beweismaterial zu finden. Offenbar wurde bereits danach gesucht, denn zwei forensische Ermittler in weißer Schutzkleidung hockten unter einer großen alten Birke. Im selben Moment entdeckte Paula auch die Leiche und blieb stehen.
Der Anblick ging ihr trotz aller Routine unter die Haut. Allerdings lag das letzte Mal Jahre zurück, denn eine Kriminalkommissarin wurde in der Regel nicht gerufen, wenn es sich um Selbstmord handelte. Aber ein Mensch, der sich erhängt hatte, verströmte immer die gleiche Trostlosigkeit: Er war wie ein loser Faden, den die Angehörigen in der Regel nie irgendwo festknüpfen konnten.
Die Leiche hing an einem dünnen orangefarbenen Nylonseil, das mehrfach um einen Birkenast gewickelt war. Das andere Ende des Seils verschwand irgendwo hinter dem Baum.
Die Frau war klein und trug einen roten Windanzug. Dennoch war die Leiche vom Pfad aus nicht zu sehen, denn die Bäume und das hügelige Gelände verbargen sie. An den Füßen trug sie schwarze Sneaker von Nike, die vor ein paar Jahren bei Teenagern in Mode waren.
»Was sagst du«, begann Renko, aber Paula brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Langsam näherte sie sich der Leiche und blieb nach jedem Schritt stehen, um die Umgebung in Augenschein zu nehmen. Als sie nahe genug herangekommen war, verstand sie, warum Renko sie hergerufen hatte.
Die Mooshügel unterhalb der Leiche wirkten unberührt, und in der Nähe war nichts zu sehen, worauf die Frau hätte steigen können, um das Seil am Ast zu befestigen. Außerdem hing die Leiche viel zu hoch. Die Frau hätte mindestens einen Küchenhocker oder eine Leiter in den Wald schleppen müssen, um sich zu erhängen, denn zwischen ihren Fußsohlen und dem Boden lag ungefähr ein Meter. Offenbar hatten diejenigen, die als Erste eingetroffen waren, die Tote deshalb nicht heruntergeholt.
Es war nicht respektvoll gegenüber der Toten, sie länger am Seil hängen zu lassen als nötig. Aber da das Opfer nun einmal nicht heruntergeholt worden war, beschloss Paula, dass es dort oben auf das Eintreffen des Rechtsmediziners warten sollte.
»Na, meinst du, die Oma wäre selbst auf den Baum geklettert?«, fragte Renko.
Karhu presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und funkelte Renko wütend an. Paula warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu.
»Warum wurde die Leiche nicht abgenommen?«, fragte sie.
»Sie war steinhart, als die Sanitäter kamen. Der Notarzt meinte, sie wollten möglichst wenig Spuren verwischen. Er hielt das Ganze auch für verdächtig.«
»Aha, es war also nicht nur deine scharfsinnige Schlussfolgerung«, stichelte Paula. »Wer war noch hier, außer den Sanitätern und euch?«
Renko zufolge war die Leiche gegen sieben Uhr früh von einem Spaziergänger entdeckt worden, dessen Hund vom Pfad in den Wald gelaufen war und gebellt hatte. Beim Anblick der Leiche war der Mann sofort auf den Pfad zurückgekehrt. Die Streifenbeamten hatten das Gebiet abgesperrt und bewacht, bis die Forensiker eingetroffen waren.
»Und wir sind auch so schnell wie möglich hergekommen. Ich hab nicht mal meinen Kaffee ausgetrunken«, fügte Renko hinzu.
»Ach Gottchen«, murmelte Karhu.
»Was denkst du?«, wandte sich Paula an ihn.
»Vorläufig gar nichts«, antwortete er. »Es kann auch ein Selbstmord sein, man hat schon Verrückteres gesehen.«
»Was zum Beispiel?«, fragte Renko.
»Der Kleidung nach kann das Opfer einen ganz normalen Spaziergang gemacht haben«, fuhr Karhu fort, ohne Renko zu beachten. »Falls also …«
»Falls die Frau angegriffen wurde«, ergänzte Paula nickend. »Wurden in der Umgebung irgendwelche Spuren gefunden?«
»Wir haben uns bemüht, möglichst wenig herumzulaufen, um kein Beweismaterial ins Moos zu stampfen«, sagte Renko. »Aber es gibt eine seltsame Einzelheit. Besser gesagt, noch eine, neben dem Fakt, dass das Opfer nicht aus eigener Kraft auf den Baum gelangen konnte. Oder was weiß ich, vielleicht unterschätze ich ja die physischen Fähigkeiten alter Frauen. Meine Oma …«
Paula hörte ihm nicht mehr zu, sondern blickte in die Richtung, in die Karhu zeigte. Etwa fünf Meter von dem Baum entfernt lag ein kleiner heller Haufen, der wie Sand aussah.
»… und in beiden Händen einen Eimer voll Preiselbeeren«, sagte Renko.
»Wer?«, fragte Paula.
»Meine Oma.«
Paula machte sich nicht einmal die Mühe zu schnauben. Stattdessen passte sie genau auf, wohin sie ihre Füße setzte, als sie zu dem Sandhaufen ging.
Er war nicht hoch, eher ein flacher Sandkuchen als ein Haufen. Vielleicht hatte der Regen ihn ein wenig zusammengedrückt, aber es sah auch so aus, als wäre der Sand ausgebreitet worden. An der Oberfläche war er bereits getrocknet. Paula bückte sich und nahm eine kleine Menge in die Hand. Der Sand war fein, hell und glatt. Das war kein irgendwo ausgegrabener Kies, es machte eher den Eindruck, als wäre er an einem Badestrand gesammelt worden.
»Fugensand«, erklärte Renko. »Sieht jedenfalls so aus.«
»Woher weißt du das?«, fragte Paula verwundert.
»Meine Frau wollte im letzten Sommer neue Fliesen. War eine fürchterliche Plackerei. Wir haben zu Hause immer noch einen halben Sack Sand, der genauso aussieht.«
Renko mochte recht haben. Mitten in dem vom Winter gebeutelten, nassen und laublosen Wald wirkte der feine Sand jedenfalls fehl am Platz. Allerdings gab es keinen Grund zu der Annahme, dass zwischen dem Haufen und der an der Birke hängenden Toten eine Verbindung bestand.
Abgesehen davon, dass beide nicht hierhergehörten.
Paula sah sich neugierig in der schmucklosen Zweizimmerwohnung um. Sie befand sich in einem Hochhaus, nur einen halben Kilometer von der Landzunge entfernt, auf der man die Leiche gefunden hatte.
Die Einrichtung des Wohnzimmers war typisch für einen alten Menschen: ein verschlissenes, aber sauberes Sofa mit Samtbezug, davor ein fast leerer Tisch, auf dem nur eine Fernbedienung lag. Auf dem Fußboden kein Teppich, vermutlich, um das Putzen zu erleichtern. Im Schlafzimmer war Paula schon gewesen, und dort sah es ähnlich aus, es gab nur Bett, Nachttisch und einen Stuhl, keinen Teppich.
Die Identität der Frau hatte sich schnell geklärt, nachdem der Rechtsmediziner eingetroffen und die Leiche auf die Erde gelegt worden war. In der Tasche der roten Windjacke hatte man außer dem Hausschlüssel der Frau auch eine Monatskarte der Helsinkier Verkehrsbetriebe gefunden. Renko hatte eruiert, wo sich die nächsten Fahrkartenkontrolleure aufhielten, und war mit der Karte im Eiltempo zu ihnen gefahren. Über die Karte konnte die Personenkennziffer der Besitzerin festgestellt werden, die dem geschätzten Alter und dem Geschlecht der Erhängten entsprach.
Dem Melderegister zufolge hatte die 80-jährige Kaarina Alanne seit über zwanzig Jahren hier gewohnt, und sie hatte keinen einzigen nahen Angehörigen.
Niemanden, der über ihren Tod unterrichtet werden musste.
Das war ja keineswegs ungewöhnlich. Unser Land ist voll von einsamen alten Menschen, dachte Paula. Das machte die Sache allerdings nicht weniger traurig.
Renko polterte in der Küche, er schien Geschirrschränke zu öffnen und zu schließen. Paula konzentrierte sich auf das Bücherregal. Es war ein Modell, das man eigentlich nicht für Bücher kaufte, sondern mit den Hochzeitsfotos der Kinder, den Schulfotos der Enkelkinder und billigen Souvenirs von gelegentlichen Auslandsreisen füllte. Letztere fanden sich tatsächlich in dem Regal: ein griechisch aussehender Teller, eine rote Maske und ein Fächer mit dem Bild einer Flamencotänzerin. Fotos fehlten dagegen völlig. In der Glasvitrine standen ein paar Vasen und ein kleines Kaffeeservice. Die wenigen für Bücher reservierten Bretter füllte eine gemischte Sammlung von Werken, größtenteils ohne Schutzumschlag und aus der Massenproduktion irgendwelcher Buchclubs. Sie hätten aus der Ausschusskiste eines Flohmarkts stammen können, aus der man sie kostenlos mitnehmen durfte.
Kaarina Alanne schien zumindest in ihren letzten Jahren ein anspruchsloses und ruhiges Leben geführt zu haben. Es wäre nicht ungewöhnlich gewesen, hätte sie beschlossen, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen, um sich mögliches Leid zu ersparen – das qualvolle, einsame Dahinsiechen in einer Abteilung für chronisch Kranke oder in einem Pflegeheim für Demente.
»Spülst du deine Joghurtbecher?«, fragte Renko, der aus der Küchenecke spähte.
»Ich esse keinen Joghurt«, sagte Paula.
»Kaarina Alanne hat ihn gegessen. Und gespült. Hier sind bestimmt hundert Becher.«
Paula rührte die Vorstellung, dass die alte Frau jeden geleerten Joghurtbecher gespült und in den Schrank gestellt hatte, wo er auf die Wiederbenutzung wartete, die nie kommen würde, was die Frau wahrscheinlich auch selbst gewusst hatte. Vermutlich hatte sie immer schon so gehandelt und die Angewohnheit, die ursprünglich vielleicht einen ganz vernünftigen Grund hatte, nicht mehr aufgeben können.
»Was hast du sonst noch gefunden?«, fragte Paula und ging ebenfalls in die Küche.
Auf dem Tisch lag ein bräunliches Wachstuch und darauf ein aufgeschlagenes Kreuzworträtselheft. Bei der unvollendeten Aufgabe handelte es sich um ein einfaches Rätsel, das man zum Zeitvertreib ausfüllen konnte, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Kaarina Alanne hatte am linken unteren Rand zwei klassische Fragen gelöst: CHAPLIN waagerecht, LADD senkrecht. OONA und ALAN kreuzten sich beim N. Die Buchstaben, die sie mit dem Füller geschrieben hatte, waren rund und gleichmäßig.
»Hier ist nichts, was erklären würde, wie Kaarina am Baum gelandet ist«, sagte Renko. »Nur Geschirr, Quittungen vom Lebensmittelladen, Medikamente.«
»Was für Medikamente?«
»Ich habe sie noch nicht durchgesehen.« Renko zeigte auf die Dosen und Schachteln, die er neben der Kaffeemaschine auf die Arbeitsfläche gelegt hatte. Paula nahm eine Packung in die Hand.
»Buprenorphin«, las sie vom Etikett ab. »Ein starkes Schmerzmittel.«
»Kann man sich damit nicht leichter umbringen als mit einem Seil im Wald?«, wunderte sich Renko.
Paula kannte das Medikament nicht genau, dachte aber das Gleiche. Sie warf einen Blick auf die nächste Dose: Exemestan. Sie zog die Gummihandschuhe aus und gab den Namen in die Suchmaschine ihres Smartphones ein.
»Exemestan wird zur Behandlung fortgeschrittenen, hormonabhängigen Brustkrebses nach den Wechseljahren verwendet«, las sie vom Display ab.
»Kaarina war also schwerkrank«, stellte Renko fest.
»Das wäre ein Motiv, Selbstmord zu begehen«, sagte Paula.
Aber nicht auf diese Weise, fügte sie in Gedanken hinzu.
Hallo Paula,
ich habe gerade gemerkt, dass dein letzter Konditionstest schon etwas über drei Jahre zurückliegt. Bring das in Ordnung, sobald du Zeit hast.
Pena
Paula starrte eine Weile auf die Mail, bevor sie sie in den Papierkorb schob. Dann holte sie sie zurück und antwortete ihrem Chef, sie würde so bald wie möglich einen Termin für den Test reservieren.
Sie verschwieg allerdings, dass kurz vor dem Termin ein unerwartetes Hindernis eintreten würde, weshalb sie den Test verschieben musste. Ihre Testergebnisse waren immer hervorragend gewesen, der Chef würde ihr also nicht sofort im Nacken sitzen.
Aber wie oft würde sie den Test verschieben können, ohne in Schwierigkeiten zu geraten?
Paula betastete unwillkürlich ihre rechte Wade. Sie fühlte sich normal an. Dagegen spürte sie ein merkwürdiges Prickeln in den Fingern. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie betrachtete ihre Hand wie eine potenzielle Feindin.
»So«, sagte Hartikainen hinter ihr. »Hier wären jetzt die Daten, falls sie dich interessieren.«
Er hatte alle kurzfristig erhältlichen Informationen über Kaarina Alanne gesammelt. Es waren nicht viele.
Alanne war in Helsinki geboren und nur eine Woche vor ihrem Tod 80 Jahre alt geworden. In der Wohnung hatte Paula jedoch keine Glückwunschkarten oder Blumen gefunden. Alanne hatte ja keine nahen Angehörigen, aber hatte sie nicht einmal Bekannte, die ihr gratuliert hätten? Vielleicht hatte sie wegen ihrer Krankheit keine Kraft gehabt, ihren runden Geburtstag zu feiern, und mit niemandem darüber gesprochen.
Alanne war nie verheiratet gewesen und hatte keine Kinder. Ihr einziges Geschwisterteil, ein fünf Jahre älterer Bruder, war vor mehr als zehn Jahren gestorben. Ihre nächsten lebenden Verwandten waren zwei Vettern. Alanne hatte im Sozialbereich gearbeitet, zuletzt bis zu ihrer Pensionierung in der Altenpflege. Sie hatte im Lauf ihres Lebens unter fünf Adressen in Helsinki gewohnt, zuerst in ihrem Elternhaus, danach allein in vier verschiedenen Wohnungen.
»So hat ihr Leben also ausgesehen. Viel mehr gibt es nicht zu erzählen«, meinte Hartikainen.
»Setz dich mit den Vettern in Verbindung«, bat Paula.
»Schon geschehen«, erwiderte Hartikainen selbstgefällig. »Sie hatten seit mindestens zehn Jahren nichts von ihr gehört.«
»Was haben sie dir über sie erzählt?«
»Eigentlich nicht mehr als das, was wir schon wussten. Sehr zurückgezogen, hielt keinen Kontakt, hat immer allein gelebt. Soweit es ihnen bekannt ist.«
»Irgendwer muss sie doch gekannt haben«, sagte Paula. »Vielleicht findet Renko jemanden.«
Renko war im Haus geblieben, um bei den Nachbarn zu klingeln, als Paula ins Polizeigebäude zurückgefahren war. Bei den Einwohnern des Hauses schien es sich um ältere Herrschaften zu handeln. Vermutlich würde Renko reichlich Kaffee mit den Omas trinken müssen. Paula wusste, dass der höfliche und redselige junge Mann mit den betagten Damen erheblich leichter ins Gespräch kommen würde als sie selbst.
»Wie läuft es in Tallinn?«, erkundigte sich Hartikainen.
Die direkte Frage überraschte Paula. Soweit sie sich erinnerte, hatte sie keinem von ihrer letzten Reise über den Finnischen Meerbusen erzählt. Tratschte jemand über sie?
»Eine schöne Stadt«, antwortete sie so locker wie sie konnte.
»Du hast sicher einen guten Grund, dauernd hinzufahren«, meinte Hartikainen.
»Wie kommst du darauf, dass ich dauernd nach Tallinn fahre?«, fragte Paula schroff.
»Vergiss nicht, dass ich Polizist bin«, antwortete Hartikainen belustigt. »Man sollte keine estnische Schokolade in den Pausenraum bringen oder seine Sportsachen in einer Einkaufstüte von Kaubamaja transportieren, wenn man seine Reisen verheimlichen will.«
Paula hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie war vielleicht gut darin, Verbrechen aufzuklären, aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass jemand auf ihre Plastiktüten achtete – sie interessierte sich ja auch nicht für das Privatleben ihrer Kollegen, solange jeder seine Arbeit tat.
»Nun sei nicht so geknickt«, sagte Hartikainen. »Ich kann dein Geheimnis für mich behalten. Unter der Bedingung, dass ich der Erste bin, dem du den mysteriösen Herrn Tallinn vorstellst.«
Paula brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Hartikainen meinte. Dann lachte sie erleichtert auf und versuchte, eine leicht verlegene, aber zugleich schelmische Miene aufzusetzen.
»Autsch, du hast mich erwischt«, sagte sie.
»Mir entgeht nichts«, erklärte Hartikainen onkelhaft. »Keine Sorge, ich trage es nicht weiter. Ich weiß ja, wie die sein können.«
Mit »die« meinte er offenbar seine Kollegen, die über den estnischen Freund ihrer Vorgesetzten frotzeln könnten. Allerdings war Hartikainen selbst nach Paulas Erfahrung der Erste, der über die Liebesbeziehungen seiner Mitmenschen herzog.
»Aber erzähl mir wenigstens ein bisschen«, fuhr Hartikainen fort. »Ein geschiedener alter Mann dürstet nach Erotik.«
Paula kicherte und blickte sich um. Das Großraumbüro war leer. Karhu war offenbar noch am Tatort, wo die technische Untersuchung ebenso weiterging wie in Kaarina Alannes Wohnung.
»Was willst du wissen?«, fragte Paula in einem neckischen Ton, der ganz und gar nicht typisch für sie war.
Es erstaunte sie, dass Hartikainen sich nicht im Geringsten über dieses Gespräch wunderte, das nie geführt würde, wenn es tatsächlich um ihren Freund ginge. Er schien jedoch so zufrieden mit seiner Detektivarbeit und dem angeblich enthüllten Geheimnis, dass ihm Paulas völlig ungewöhnliches Verhalten gar nicht auffiel.
»Lass mich mal überlegen«, sagte er. »Dunkel oder blond?«
»Dunkel und feurig«, antwortete Paula und dachte an den Arzt der Privatklinik in Tallinn, einen blonden, schmächtigen Mann, der sie jedes Mal aus seinen wässrigen, traurigen Augen ernst ansah.
»Oho«, rief Hartikainen. »Und du bist blond und kühl. Das nenne ich ein Match made in heaven.«
»Okay, jetzt reicht es«, sagte Paula scheinbar verlegen. Ihre Finger prickelten wieder. Das Telefon klingelte, zum Glück, denn es vereitelte Hartikainens Versuch, mehr über Paulas Fantasiefreund zu erfahren. Der Anrufer war Renko, der Paula bat, nach Ost-Helsinki zurückzukommen.
Er hatte Sachen gefunden, die Kaarina Alanne gehörten.
Der Flohmarkt des Guten Gewissens befand sich im Untergeschoss eines mehrstöckigen alten Hauses, etwa einen Kilometer von Kaarina Alannes Zuhause entfernt. Im Schaufenster stand eine alte Schreibmaschine auf Bücherstapeln, um die unbeholfen angefertigte Stoffpuppen gruppiert waren.
Renko saß auf einem verschlissenen Sessel neben dem Tisch, der als Verkaufstheke diente, und trank Kaffee, die wer weiß wievielte Tasse. Er hatte die nächsten Nachbarn von Alanne befragt, die er zu Hause angetroffen hatte, drei alte Frauen und ein Ehepaar, doch sie kannten ihre Nachbarin nur vom Grüßen. Eine der Frauen hatte jedoch vor einigen Tagen gesehen, dass aus Alannes Wohnung Sachen getragen wurden. Sie hatte Alanne, die an der Tür stand, gefragt, ob sie umziehe, und erfahren, sie habe einen Teil ihres Eigentums für einen guten Zweck gespendet.
Hinter dem Verkaufstisch stand eine Frau, die nicht viel jünger aussah als Kaarina Alanne. Wahrscheinlich betreute sie als Rentnerin den Flohmarkt zum Zeitvertreib.
»Der Erlös geht ohne Abzug an Institutionen, die sich um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen kümmern«, erzählte sie, sobald Paula sich vorgestellt hatte, und betonte, sie arbeite unentgeltlich.
»Vorbildliche Arbeit, vorbildliche Arbeit«, wiederholte Renko wie ein Papagei.
»Wirklich vorbildlich«, stimmte Paula höflich zu. »Wo sind sie?«
»Sie meinen Kaarinas Sachen«, sagte die Verkäuferin. »Die sind noch im Hinterzimmer und warten auf die Preisbestimmung.«
Paula sah sich in dem menschenleeren Laden um und überlegte, wieso die Verkäuferin es noch nicht geschafft hatte, Alannes Besitztümer verkaufsfertig zu machen. Die Frau bemerkte ihre Verwunderung und beeilte sich zu erklären, bei einem Teil der Sachen habe sie es nicht gewagt, den Preis selbst festzulegen, sondern einen Vertreter des Vereins, der den Flohmarkt betrieb, um Hilfe gebeten.
»Sie machen so einen wertvollen Eindruck«, fügte sie hinzu.
»Tatsächlich?«, sagte Paula interessiert und sah in Gedanken die karge Zweizimmerwohnung vor sich, in der es nicht einmal Teppiche gab. »Wie gut kannten Sie Kaarina Alanne?«
»Nicht besonders gut. Kaarina kam ab und zu hier vorbei, um zu plaudern. Sie hatte früher mit Kindern gearbeitet und interessierte sich deshalb für unsere Tätigkeit. Aber dass sie krank war, wusste ich.«
Paula sah Renko an und hob die Augenbrauen. Er schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass er der Verkäuferin die Wahrheit über Alannes Tod verschwiegen hatte.
»Hat Kaarina Ihnen selbst davon erzählt?«, fragte Paula.
»Ja, als ich sie zuletzt gesehen hab.«
»Wann war das?«
»Letzte Woche. Kaarina hat angerufen und mich gebeten, zu ihr zu kommen und die Sachen auszusuchen, die für den Flohmarkt geeignet sind. Normalerweise mache ich so etwas nicht, aber Kaarina hat gesagt, ich wäre die Einzige, die ihr helfen kann. Das hat sie gesagt.«
Die Frau berichtete, sie hätten die ganze Wohnung durchgesehen und die zum Verkauf bestimmten Gegenstände mit gelben Stickern markiert. Das hatte mehrere Stunden gedauert, und Alanne hatte für sie beide Pizzas bestellt, ihre eigene aber kaum angerührt.
»Diese Medikamente verursachen Übelkeit. Das weiß ich, denn ich habe meinen verstorbenen Mann zu Hause gepflegt, bevor er auf die Palliativstation kam«, erklärte die Verkäuferin. »Kaarina konnte kaum noch etwas hochheben. Ich habe die Bücher und sonstigen Sachen in Kartons gepackt.«
Wenn Kaarina Alanne nicht einmal mehr die Kraft gehabt hatte, Bücher hochzuheben, wie hätte sie es dann schaffen sollen, auf einen Baum zu klettern?
Paula musterte Renko, der ungewohnt still im Sessel saß und geradezu erschöpft wirkte. Vielleicht waren die alten Nachbarinnen und die Flohmarktverkäuferin selbst für ihn zu viel gewesen.
»Dann sehen wir uns die Sachen mal an«, sagte Paula.
Die Frau führte sie durch den Türvorhang in das Hinterzimmer, das überraschenderweise größer war als der eigentliche Verkaufsraum. Es war vollgestopft: Müllbeutel mit Textilien, Schuhe in Plastiktüten, kistenweise Bücher und Geschirr. Jetzt verstand Paula besser, wieso für Alannes Sachen noch keine Preise festgelegt worden waren.
»Die Angehörigen bringen oft alle Sachen ihres Verstorbenen, und wir bringen es nicht über das Herz, sie zurückzuweisen. Das hier landet zum größten Teil auf dem Müll«, erklärte die Frau und schob einen Kleiderständer beiseite, damit sie weiter in das Zimmer gehen konnten. »Insofern hat Kaarina klug gehandelt.« Zwei Freiwillige des Vereins, der den Flohmarkt betrieb, hatten die Sachen abgeholt, die die Verkäuferin mit Alannes Zustimmung ausgewählt hatte. Alanne hatte nur die notwendigsten Möbel, genügend Kleider und Geschirr, einige Erinnerungsstücke und den Fernseher behalten wollen.
»Das sollte alles auf die Müllhalde, wenn sie nicht mehr da ist, hat sie gesagt. Es war ein Todesputz«, fügte die Verkäuferin leise hinzu.
»Hat sie dieses Wort verwendet?«, fragte Paula.
»Ja. Kennen Sie das Buch ›Todesputz‹ von Eeva Kilpi? Darin hat sie das Thema verarbeitet. Es war auch dabei. Da drüben ist es«, sagte die Verkäuferin und zeigte auf ein halbhohes Regal in der hinteren Ecke des Raums, das mit Büchern gefüllt war.
Die Verkäuferin hatte Alanne gefragt, ob sie Kilpis Werk nicht behalten wolle, wenn ihr das so wichtig wäre. Aber Alanne hatte geantwortet, sie kenne das Buch auswendig und würde sich freuen, wenn es noch jemand anderem Trost brächte. Dann hatte sie lange Passagen aus dem Gedächtnis zitiert.
»Das Alter ist eine Allergie gegen das Leben«, sagte die Verkäuferin. »Das Zitat ist mir in Erinnerung geblieben.«
Alanne war also doch ein belesener Mensch gewesen, und in dem Regal in ihrer Wohnung waren nur die Bücher verblieben, die nicht einmal zum Spottpreis Abnehmer gefunden hätten.
»Diese Sachen dürfen vorläufig nicht berührt werden. Das meine ich wortwörtlich. Kommen normalerweise außer Ihnen noch andere in das Hinterzimmer?«, fragte Paula.
Die Verkäuferin schüttelte den Kopf und versprach dafür zu sorgen, dass Kaarina Alannes Besitztümer von den anderen Waren getrennt blieben.
Paula ging näher an das Regal heran und betrachtete die Buchrücken. Es handelte sich fast ausnahmslos um einheimische und ausländische Klassiker, größtenteils um alte Werke, aber es waren auch neue Bücher darunter.
»›Massenpsychologie des Faschismus‹«, sagte Renko hinter Paulas Rücken anerkennend. »Starker Stoff, starker Stoff. Das Buch war mal Thema in einem Kurs, den ich besucht habe. Der Verfasser behauptet, dass die Menschen Faschisten werden, wenn sie ihre wahre Sexualität nicht verwirklichen dürfen. Auch Hitler hat seine Homosexualität verborgen. Das ist ein faszinierendes Thema, auch heute interessieren sich ja alle möglichen Unterdrücker wahnsinnig dafür, was die Leute in ihren Schlafzimmern treiben, ob die falschen Organe sich vereinen oder …«
»Tatsächlich? Zu meiner Zeit war so was an der Polizeischule kein Prüfungsthema«, feixte Paula, die sehr wohl wusste, dass Renko sein abgebrochenes Universitätsstudium meinte.
»Vielleicht hätte es ein Thema sein sollen«, seufzte Renko, und obwohl er wusste, dass Paula gegen ihn stichelte, fuhr er fort: »Ich habe an der Universität ja im Nebenfach Psychologie studiert, fast bis zum Zwischenexamen. Mein Hauptfach war Philosophie, ich mochte Nietzsche, der spricht ja junge Leute an, mit seiner Lehre vom Übermenschen und so weiter. Aber mein Favorit wurde damals Schopenhauer, noch stärkerer Stoff als Nietzsche.«
Die Flohmarktverkäuferin bekam einen gekünstelt wirkenden Hustenanfall und verkündete dann, sie müsse in den Verkaufsraum zurück. Paula und Renko könnten sich Alannes Sachen in aller Ruhe ansehen.
»Ob das wohl so ganz stimmt?«, merkte Paula an, als die Verkäuferin hinter dem Vorhang verschwunden war.
»Was?«, fragte Renko.
»Diese Faschistensache.«
»Vielleicht habe ich es ein bisschen zurechtgebogen.«
Paula schmunzelte und musterte Kaarina Alannes Sachen. Jetzt wurde das Aussehen der Zweizimmerwohnung viel verständlicher. Im Hinterzimmer des Flohmarkts war alles aufbewahrt, was irgendetwas über Alannes Persönlichkeit verraten konnte: eine schöne alte Kommode mit dekorativen Griffen, Spitzendeckchen, Gemälde und Grafiken, eine altmodische, aufziehbare Wanduhr, zwei kleine Skulpturen, ein großer Spiegel mit geschnitztem Rahmen. An der Wand lehnte ein aufgerollter großer Teppich mit Orientmuster.
Kaarina Alanne hatte alles Schöne aus ihrer Wohnung entfernen wollen. Nur eine Woche vor ihrem Tod hatte sie die Spuren ihres Lebens abgeschält, bis kein Zuhause mehr zurückblieb, sondern nur eine unpersönliche Wohnstätte.
Krebsmedikamente, Todesputz.
Jetzt war Paula sich sicher, dass Alanne gewusst hatte, dass sie bald sterben würde, es war nicht nur die Vorahnung einer alten Frau. Aber handelte es sich nur darum, dass Alanne darüber im Bild war, wie weit ihre Krankheit fortgeschritten war, oder hatte sie noch von einer anderen Bedrohung gewusst?
»Such den Arzt, der Alanne behandelt hat«, sagte Paula zu Renko, der in seinem alten Lehrbuch blätterte.
»Jawohl, mein Führer«, antwortete er.
Der Platz vor dem Krankenhaus war am frühen Abend voller Autos. Durch die Glastüren, die zum Bereitschaftsdienst führten, war das überfüllte Wartezimmer zu sehen. Über den Parkplatz wehte ein leichter, aber kalter Wind.
Meri Kaikkonen wartete wie vereinbart an der Ecke des Gebäudes und rauchte. Trotz des kühlen Wetters trug sie keinen Mantel über ihrem weißen Arztkittel.
»Eine rauchende Krebsärztin«, sagte Renko, als er mit Paula über den Parkplatz ging. »So selten wie ein abstinenter Schriftsteller.«
»Oder ein intelligenter Kriminalhauptmeister«, gab Paula zurück.
»Haha, gut gesagt.« Renko lachte, doch seine Stimme klang leicht verärgert.
Kaikkonen hob grüßend die Hand und warf die brennende Kippe in den Gully.
»Schusters Kinder haben keine Schuhe«, sagte sie fröhlich, nachdem sie den letzten Rauch ausgeatmet hatte.
Paula amüsierte sich über Renko, der auf den Gullydeckel starrte und offenbar überlegte, was das Schustersprichwort mit dem Zigarettenkonsum der Ärztin zu tun hatte.
»Sie haben es sicher ebenso eilig wie wir. Kommen wir also direkt zur Sache«, schlug Paula vor.
»Kaarina Alanne«, begann Meri Kaikkonen, als würde sie einen Krankenbericht diktieren. »Weit fortgeschrittener Brustkrebs, wollte keine Operation. Der Krebs wurde Ende letzten Jahres festgestellt. Vor zwei Wochen habe ich ihre verbleibende Lebenszeit auf einige Wochen, höchstens Monate geschätzt. Das traf offenbar zu.«
