Tennisfieber - Patricia Vandenberg - E-Book

Tennisfieber E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Seid ihr in Kleidern baden gegangen oder warum seid ihr klatschnass auf diesem Foto?« Felix Norden lümmelte auf der Couch und betrachtete amüsiert das Foto auf dem Fernsehbildschirm. Es zeigte seine Eltern, das Arztehepaar Norden, inmitten einer Menge fremdländischer Menschen. Fees Haar hing in feuchten Strähnen rechts und links von ihrem lachenden Gesicht herunter, während Daniels Hemd an seinem Oberkörper klebte. Vor ein paar Tagen waren Fee, Daniel und Anneka aus ihrem zehntägigen Thailandurlaub zurückgekehrt. Endlich hatte sich ein Abend gefunden, an dem die ganze Familie Zeit für einen ausführlichen Bericht hatte. Zu diesem besonderen Anlass hatte Danny Nordens Freundin Tatjana Bohde ein selbstgekochtes original thailändisches Nudelgericht beigesteuert, das die Familie auf Couch und Boden sitzend ausnahmsweise vor dem Bildschirm verzehrte. »Wir haben doch erzählt, dass in Thailand Wasserfest war. Das ist das traditionelle Neujahrsfest der Thai-Völker«, erläuterte Daniel. Er saß auf der Couch, vor sich den Laptop, mit dem er die Diashow steuerte. Neben ihm stand die Schüssel mit den köstlichen Nudeln, von denen er sich immer wieder eine Gabel voll in den Mund schob. »Aber warum spritzen sich alle Leute mit Wasser nass?«, erkundigte sich Dési neugierig. »Schau mal, auf dem Bild ist sogar eine alte Oma mit einer riesigen Wasserpistole.« Ungläubig deutete sie auf die alte Dame mit dem zahnlosen Lächeln, die tatsächlich eine knallbunte, riesige Spritzpistole in den faltigen Händen hielt. »Die Wasserschlachten sind aus traditionellen Waschungen entstanden, die der Säuberung und Erneuerung dienten«, erklärte Tatjana. Danny schickte seiner klugen Freundin einen anerkennenden Blick. »Offenbar war dein Orientalistik-Studium doch nicht ganz umsonst«

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden – 78 –Tennisfieber

Patricia Vandenberg

»Seid ihr in Kleidern baden gegangen oder warum seid ihr klatschnass auf diesem Foto?« Felix Norden lümmelte auf der Couch und betrachtete amüsiert das Foto auf dem Fernsehbildschirm.

Es zeigte seine Eltern, das Arztehepaar Norden, inmitten einer Menge fremdländischer Menschen. Fees Haar hing in feuchten Strähnen rechts und links von ihrem lachenden Gesicht herunter, während Daniels Hemd an seinem Oberkörper klebte.

Vor ein paar Tagen waren Fee, Daniel und Anneka aus ihrem zehntägigen Thailandurlaub zurückgekehrt. Endlich hatte sich ein Abend gefunden, an dem die ganze Familie Zeit für einen ausführlichen Bericht hatte. Zu diesem besonderen Anlass hatte Danny Nordens Freundin Tatjana Bohde ein selbstgekochtes original thailändisches Nudelgericht beigesteuert, das die Familie auf Couch und Boden sitzend ausnahmsweise vor dem Bildschirm verzehrte.

»Wir haben doch erzählt, dass in Thailand Wasserfest war. Das ist das traditionelle Neujahrsfest der Thai-Völker«, erläuterte Daniel.

Er saß auf der Couch, vor sich den Laptop, mit dem er die Diashow steuerte. Neben ihm stand die Schüssel mit den köstlichen Nudeln, von denen er sich immer wieder eine Gabel voll in den Mund schob.

»Aber warum spritzen sich alle Leute mit Wasser nass?«, erkundigte sich Dési neugierig. »Schau mal, auf dem Bild ist sogar eine alte Oma mit einer riesigen Wasserpistole.« Ungläubig deutete sie auf die alte Dame mit dem zahnlosen Lächeln, die tatsächlich eine knallbunte, riesige Spritzpistole in den faltigen Händen hielt.

»Die Wasserschlachten sind aus traditionellen Waschungen entstanden, die der Säuberung und Erneuerung dienten«, erklärte Tatjana.

Danny schickte seiner klugen Freundin einen anerkennenden Blick.

»Offenbar war dein Orientalistik-Studium doch nicht ganz umsonst«, feixte er, um seinen Stolz zu überspielen.

Tatjana reagierte mit einem belustigten Zwinkern.

»Diese Waschungen haben sich mit der Zeit zu regelrechten Wasserschlachten entwickelt, die besonders in größeren Städten exzessiv betrieben werden«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »Auf den Straßen gibt es richtige Umzüge mit offenen Autos, auf denen gefüllte Wassertonnen transportiert werden, die den Nachschub sichern.«

»Wir haben aber auch Menschen an den Straßen gesehen, die mit Wasserschläuchen hantiert und öffentliche Busse geflutet haben«, berichtete Anneka lachend in Erinnerung an das aberwitzige Spektakel. Sie rollte ein paar Nudeln auf die Gabel und steckte sie mitsamt der knackigen Gemüsestücke in den Mund.

»Erinnert ihr euch an unsere erste U-Bahnfahrt?«, fragte Fee, während Daniel das nächste Foto zeigte. »An die Verkäufer, die diese Brustbeutel aus Plastik verkauft haben?«

»Wir haben uns gefragt, wozu das gut sein soll, sein Handy und all das Geld in durchsichtigen Beuteln öffentlich zur Schau zu stellen«, nickte Daniel.

»Als wir in der Nähe der Khao San Road ausgestiegen sind, wussten wir es«, bestätigte Anneka lächelnd. Doch nicht nur Wasser wurde verspritzt, wie das nächste Foto beeindruckend bewies. Augenblicklich brach die ganze Familie in belustigtes Gelächter aus.

»Was habt ihr denn da im Gesicht?«, fragte Danny, als er sich von seinem Lachkrampf erholt hatte.

»Gipsfarbe«, erläuterte Fee bereitwillig. »Die Thailänder kaufen kleine Gipskegel, die in kleinen Schalen im Wasser aufgelöst werden. Damit bemalen sie sich dann gegenseitig das Gesicht.«

»Und erwischen arglose Touristen, wenn sie nicht aufpassen«, kommentierte Anneka das nächste Foto, das ihren Freund Leon zeigte, der die Familie ein paar Tage in Thailand besucht hatte. Auch seine Wangen waren mit weißen Streifen verziert.

Für die Arzttochter war dieser Kurzbesuch magisch schön gewesen und sie hatte jede Minute in vollen Zügen genossen. Trotzdem verschwand das glückliche Strahlen aus ihrem Gesicht, als sie das Foto betrachtete.

»Wie geht es eigentlich Leon?«, erkundigte sich ihr jüngster Bruder Janni beiläufig. Erst jetzt war ihm aufgefallen, dass er den Tennisprofi seit der Rückkehr aus Thailand nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Eine steile Falte erschien auf Annekas Nasenwurzel.

»Keine Ahnung«, murrte sie sichtlich unzufrieden. »Seit wir wieder da sind, hat er kaum Zeit für mich. Sogar sein Trainer hat mich schon mal angerufen und gefragt, ob ich wüsste, wo er steckt. Offenbar holt Leon gerade seine verpasste Jugend nach.«

»Das kann man ihm ja nicht gerade verübeln.« Empathisch wie immer warb Fee um Verständnis für den jungen Mann, der seine gesamte Kindheit und Jugend auf dem Tennisplatz verbracht hatte, bis ihn ein Bandscheibenvorfall schließlich zu einer Pause gezwungen hatte.

Die war offenbar nicht spurlos an dem jungen gutaussehenden Mann vorbei gegangen. Das Tennisturnier, das er vor seinem Besuch in Thailand in Australien gespielt hatte, war ein glatter Reinfall gewesen. Doch Leon schien sich nicht allzu viel daraus zu machen. Seit seiner Rückkehr genoss er sein Leben in vollen Zügen. Sehr zum Leidwesen seiner jungen Freundin, die sich mehr Zweisamkeit gewünscht hätte.

»Ja, schon«, räumte Anneka verbittert ein. »Aber den Spaß könnte er doch auch mit mir zusammen haben.«

Inzwischen hatte Daniel seine Schüssel geleert und schob sie satt und zufrieden zur Seite.

»Ehrlich gesagt finde ich es ganz gut, dass er Rücksicht auf dich nimmt und dich ein bisschen in Ruhe lässt. Immerhin hast du in der Schule momentan genug zu tun. Oder täuscht mein Eindruck?«, fragte er und schaltete auf das nächste Foto um.

Eine traumhaft schöne Dschungellandschaft erschien. Sattgrüne riesige Bäume; Luftwurzeln, die wie aus dem Nichts vom Blätterdach hingen; ein Nashornvogel auf einem Ast; ein schnatterndes Pavian-Weibchen auf dem Urwaldboden. Fast hätte man meinen können, die betörenden Geräusche des Dschungels zu hören. Wäre da nicht Annekas unwilliges Schnauben gewesen.

»Ich kann nicht immer nur lernen«, schimpfte sie. »Ein bisschen Spaß wird ja wohl noch erlaubt sein.« Dieser schnippische Tonfall passte ganz und gar nicht zu der sonst so ausgeglichenen, freundlichen Anneka.

Felix musterte seine Schwester mit amüsiertem Blick.

»Die Begegnung mit dem Pavian scheint sehr beeindruckend gewesen sein«, bemerkte er, und aller Augen richteten sich spontan auf den Affen auf dem Foto. Wie er empört Augen und Mund aufriss und dazu wild gestikulierte, hatte er in der Tat erstaunliche Ähnlichkeit mit Annekas Gestik und Mimik in diesem Moment. Unwillkürlich brach die Familie in belustigtes Gelächter aus. Nur Fee legte in einer vagen Vorahnung beschwichtigend den Arm um die Schultern ihrer ältesten Tochter.

»Nicht böse sein«, raunte sie ihr ins Ohr. »Du kennst deinen Bruder ja. Er meint es nicht so.«

Im Normalfall hätte sich Anneka nichts aus diesem gutmütigen Scherz gemacht und hätte einfach mitgelacht. Doch an diesem Tag war alles anders. Sie presste die Lippen aufeinander und kämpfte gegen die Tränen, die in ihren Augen brannten.

Glücklicherweise wechselte das Foto in diesem Augenblick erneut, und die Aufmerksamkeit ihrer Familie wurde von einer atemberaubenden Höhle abgelenkt, sodass die junge Frau Zeit für sich hatte, um sich, zumindest äußerlich, wieder zu sammeln.

Als der Abend schließlich zu Ende war, lächelte Anneka schon wieder fröhlich. Doch niemand ahnte, wie es wirklich in ihr aussah.

*

»Aus! Der Aufschlag war im Aus!«, rief Leon Matthes seinem Gegenspieler von der anderen Seite des Spielfelds zu.

Johannes Keppler konnte es nicht glauben. Ärgerlich schleuderte er den Schläger auf den Boden.

»Das gibt’s doch nicht!«, schimpfte er, während er sich gleichzeitig vor Schmerzen krümmte.

»Wenn du so weitermachst, kannst du das nächste Grand Slam Turnier vergessen«, sparte auch der Trainer nicht mit Häme.

»Ach wirklich?«, keuchte Johannes ironisch und bückte sich nach dem Schläger.

Der Krampfanfall ging vorüber, und er machte sich bereit für den nächsten Aufschlag. Diesmal gelang er, und beide Profis schmetterten die Bälle mit ungeheurer Wucht über den Platz. Doch als Johannes Keppler einen besonders schwierigen Top Spin nehmen wollte, fiel ihm einfach der Schläger aus der Hand. Er stolperte rückwärts und stürzte zu Boden. Dort blieb er liegen und krümmte sich erneut zusammen.

Alarmiert eilte der Trainer auf den Platz. Auch Leon kam ans Netz und beobachtete seinen um Jahre älteren Team-Kollegen skeptisch.

»Was ist denn los mit dir?«, erkundigte sich Markus Prehm sichtlich besorgt und kniete neben seinem Schützling nieder. »Du kannst mich nicht auch noch im Stich lassen«, raunte er ihm mit einem Seitenblick auf Leon zu. »Schlimm genug, dass Matthes nichts mehr reißt. Das kannst du mir nicht antun.«

»Keine Sorge, das wird schon wieder«, stöhnte Johannes. Er hatte sich auf die Seite gerollt und presste die Hände gegen die Magendecke. »Seit ein paar Tagen hab ich diese Krämpfe.«

»Vielleicht hast du dir den Magen verdorben«, suchte der Trainer nach einer möglichen Erklärung. »Wenn’s sein muss, machst du halt eine Pause und kurierst dich aus. Aber nicht zu lange, hörst du. Ich brauche dich unbedingt in der Mannschaft. Das weißt du ja.«

»Schon klar, Mark. Mach dir mal keine Sorgen. Das wird schon wieder.« Johannes wollte sich keine Blöße geben und holte tief Luft, bevor er sich auf dem Platz aufsetzte und sich schließlich aufrichtete. Auf seinen Schläger gestützt und mit einem kurzen Gruß humpelte er vom Platz.

Schon bald stellte sich heraus, dass seine Worte nicht mehr als ein frommer Wunsch waren. Im Wagen erlitt er einen neuerlichen Krampfanfall. Mit Mühe und Not erreichte er das Apartment, in dem er sich vorübergehend eingemietet hatte.

»Erst mal eine Runde schlafen und vergessen«, machte er sich selbst Mut, als er die Wagentür öffnete und ausstieg. »Danach sieht die Welt wieder anders aus.«

Doch es sollte anders kommen. Johannes Keppler erreichte gerade noch den Bürgersteig, ehe ihm vor Schmerzen erneut schwarz vor Augen wurde. Kraftlos sackte er auf dem Gehweg zusammen.

»Ach du liebe Zeit!« Sofort waren drei Passanten zur Stelle. »Wir brauchen einen Arzt!«, rief einer von ihnen, als auch schon eine junge Frau loslief. »Gleich da drüben ist die Praxis Dr. Norden. Ich sag schnell Bescheid.«

Wendy und ihre Freundin und Kollegin Janine Merck saßen an ihren Arbeitsplätzen. Die beiden Ärzte waren in der Sprechstunde und die Assistentinnen unterhielten sich leise über eine rätselhafte Differenz in der Abrechnung, als die Tür aufgestoßen wurde und die Frau hereinstürmte.

»Draußen liegt jemand auf der Straße! Wir brauchen Hilfe. Schnell!«, rief sie atemlos.

Janine zögerte nicht lange und sprang von ihrem Stuhl auf. Als gelernte Krankenschwester und nach vielen Jahren Dienst in den verschiedensten Abteilungen der Behnisch-Klinik hatte sie mehr Erfahrung mit Notfällen als Wendy.

»Ich komme mit Ihnen«, erklärte sie sofort und eilte mit der Passantin aus der Praxis. »Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Soviel ich mitbekommen habe, ist er einfach zusammen gebrochen.«

»Dann wollen wir mal sehen.« Sie hatten Johannes erreicht, der inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Janine kniete neben ihm nieder und machte eine kurze Bestandsaufnahme. Dann sah sie lächelnd zu den Umstehenden hoch. »Vielen Dank für Ihre Hilfe. Wir kommen jetzt allein zurecht«, bedankte sich bei den hilfsbereiten Passanten.

Einen Moment lang standen die beiden Männer und die Frau noch um den Tennisspieler herum, ehe sie sich zögernd verabschiedeten und erleichtert ihrer Wege gingen.

Diese Gelegenheit nutzte Janine, um sich wieder an den Patienten zu wenden.

»Fühlen Sie sich besser?«, erkundigte sie sich und half Johannes, vom kalten Boden aufzustehen.

»Die Schmerzen sind schon wieder weg, Frau Doktor«, erklärte Johannes Keppler schnell.

Die ganze Situation war ihm sichtlich peinlich. Doch wenn er geglaubt hatte, sich einfach so aus dem Staub machen zu können, hatte er sich geirrt.

»Erstens bin ich keine Ärztin,, sondern Krankenschwester und Assistentin von Dr. Norden«, erklärte Janine Merck in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Und zweitens sollten Sie diese Beurteilung den Menschen überlassen, die sich damit auskennen«, fügte sie lächelnd hinzu. Sie hatte sich bei Johannes Keppler untergehakt und führte ihn in Richtung Praxis.

Er war so betört von ihrer schönen Stimme, dass es ihm kaum auffiel. Erst als Janine die Praxistür aufzog, ging ihm ein Licht auf.

»Ich komme nur mit, wenn Sie mich gleich wieder gehen lassen«, versuchte er, mit der resoluten Assistentin zu diskutieren.

»Ich fürchte, so leicht kommen Sie nicht davon«, lächelte Janine engelsgleich und führte ihn an den Tresen, wo ihre Kollegin sie schon erwartete.

»Soll ich einen der Chefs informieren?«, fragte sie und machte Anstalten, den Telefonhörer zu heben, las Janine beschwichtigend abwinkte.

»Es reicht, wenn du einen der beiden ins Behandlungszimmer 3 schickst, sobald er frei ist. Inzwischen fange ich schon mal mit den Routineuntersuchungen an. Blutdruck, Herz und solche Sachen.«

Auch wenn das Wartezimmer voll war, erklärte sich Wendy einverstanden. Ein Notfall hatte immer Priorität und wurde bevorzugt behandelt.

Wie angekündigt führte Janine ihren Patienten in eines der freien Behandlungszimmer.

»Ein Schwächeanfall kann immer eine gravierende Ursache haben, der man auf den Grund gehen sollte«, erklärte sie, während sie Johannes auf die Liege bugsierte. Sie setzte sich neben ihn, krempelte geschickt den Ärmel seines Hemdes hoch und legte die Manschette des Blutdruckmessgerätes an. »100 zu 70. Das ist ein bisschen dürftig«, stellte sie gleich darauf fest. »Haben Sie irgendwelche Beschwerden, die diesen Anfall erklären könnten?«

»Seit ein paar Tagen habe ich ziemliche Magenschmerzen.« Johannes, der sich sichtlich wohl fühlte in Janines Gesellschaft, beschloss, sich im Augenblick mit seinem Schicksal zufrieden zu geben. »Aber weder mein Trainer noch mein Arzt haben sie ernst genommen.«

»Wie bitte?« Ungläubig schnappte Janine nach Luft. »Es gab keine Untersuchungen?«

Johannes musterte sie mit sichtlichem Wohlgefallen und lachte unfroh.

»Ob Sie’s glauben oder nicht, ich werde laufend untersucht. Aber alle haben gesagt, dass diese Schmerzen von einem verdorbenen Magen herrühren. Oder wahlweise von zu viel Kaffee.«

Janine, die nicht wusste, dass sie es mit einem Spitzensportler zu tun hatte, konnte sich nur wundern.

»Selbst wenn Ihre Schmerzen psychosomatisch bedingt sind, so heißt das noch lange nicht, dass sie Einbildung sind«, sparte sie nicht mit Kritik an diesem fahrlässigen Umgang mit den körperlichen Beschwerden ihres Patienten.