Terminus 5: Im Sonnenpalast - Dietmar Schmidt - E-Book + Hörbuch

Terminus 5: Im Sonnenpalast E-Book und Hörbuch

Dietmar Schmidt

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Beschreibung

1500 Jahre nach dem Aufbruch ins All hat sich die Menschheit über die Milchstraße ausgebreitet. Doch die Bewohner vieler Welten fühlen sich der Erde nicht mehr verbunden – sie bilden die Antiterranische Koalition. Perry Rhodan will einen Bruderkrieg verhindern und ruft den Fall Laurin aus. Das Sonnensystem wird fünf Minuten in die Zukunft versetzt. Doch zwei Agenten des Imperiums Dabrifa überwinden den Zeitschirm. Sie werden allerdings von dessen Effekten erfasst – seither springen sie durch die Zeit. Dabei decken sie eine große Gefahr für die ganze Milchstraße auf. Weil auch ihre Heimat bedroht ist, verbünden sich die Zeitspringer mit den Terranern. Rhodan braucht mehr Informationen über seine Gegner. Eine Spur führt ins Imperium Dabrifa – dessen Herrscher residiert IM SONNENPALAST ... PERRY RHODAN-Terminus: zwölf spannende Science-Fiction-Romane!

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Zeit:3 Std. 53 min

Sprecher:Renier Baaken

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Nr. 5

Im Sonnenpalast

Ein Agent im Risikoeinsatz – im Zentrum des Imperiums

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. CART RUDO, Merkurbahn

2. CART RUDO, Boscyksystem

3. CART RUDO, Boscyksystem

4. CART RUDO, Olymp

5. Olymp, 15. November 3430

6. HAYHONDOR, Olymp

7. HAYHONDOR, Normonsystem

8. HORSA

9. Nosmo, Woogan-Park

10. Nosmo, Sonnenpalast

11. Nosmo, Sonnenpalast

12. Nosmo, Sonnenpalast

13. Nosmo, Sonnenpalast

Epilog: Tatka-Taro, 21. November 3430

Lesermagazin

Impressum

1500 Jahre nach dem Aufbruch ins All hat sich die Menschheit über die Milchstraße ausgebreitet. Doch die Bewohner vieler Welten fühlen sich der Erde nicht mehr verbunden – sie bilden die Antiterranische Koalition.

Perry Rhodan will einen Bruderkrieg verhindern und ruft den Fall Laurin aus. Das Sonnensystem wird fünf Minuten in die Zukunft versetzt. Doch zwei Agenten des Imperiums Dabrifa überwinden den Zeitschirm.

Sie werden allerdings von dessen Effekten erfasst – seither springen sie durch die Zeit. Dabei decken sie eine große Gefahr für die ganze Milchstraße auf. Weil auch ihre Heimat bedroht ist, verbünden sich die Zeitspringer mit den Terranern.

Rhodan braucht mehr Informationen über seine Gegner. Eine Spur führt ins Imperium Dabrifa – dessen Herrscher residiert IM SONNENPALAST ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Großadministrator trifft einen Kaiser.

Alaska Saedelaere – Der Mann mit der Maske begegnet einer Bestie.

Juki Leann – Die Nosmonerin kehrt auf ihre Heimatwelt zurück.

Darren Zitarra

1.

CART RUDO, Merkurbahn

14. November 3430

»Heute dürfen Sie zeigen, was Sie können, Captain«, sagte Oberstleutnant Jason Perez zu Miranda Carter.

Die Erste Kosmonautische Offizierin würdigte den Kommandanten der CART RUDO keines Blickes. Sie ließ auch das Jawohl, Sir vermissen, das der Situation angemessen gewesen wäre. Mit ihren langen, zierlichen Fingern strich sie über das Metallplastikgehäuse der SERT-Haube.

Perez kannte Carter gut. Ihre Aufmerksamkeit galt nicht dem innersten Planeten und dem gleißenden Hypertronstrahl, mit dem die Energien der Sonne angezapft wurden. Sie achtete auch nicht auf die Symbole und Datenkolonnen, die neben den Großkampfschiffen der Wachflotte Merkur auf dem Panoramabildschirm zu sehen waren, sondern nur auf das düsterrote, gestaltlose Wallen im Hintergrund, das seit vierzehn Tagen den altvertrauten Sternenhimmel ersetzte.

Zwei Wochen hatten Perez nicht gereicht, um sich an den hypnotischen Anblick der Labilzone zu gewöhnen. Den Anblick einer Zukunft, die noch nicht gebildet war.

Perez empfand das rote Wabern auf Dauer als zermürbend. So wie die Alarmbereitschaft, die Solarmarschall Julian Tifflor, der Kommandeur der Heimatflotte, kurz vor der Zeitversetzung angeordnet hatte. Seitdem kamen die Besatzungen kaum aus den Raumstiefeln heraus und hatten ständig das hypnotische Glühen vor Augen.

Captain Carters vorschriftswidriges Schweigen bedeutete keineswegs, dass an Bord der CART RUDO die Moral zusammenbrach: Die Erste Kosmonautische Offizierin des Schlachtkreuzers verhielt sich wie gewohnt. Die meisten Emotionauten hatten eine kleine Macke, ein paar von ihnen eine große. Carter war maulfaul. Perez konnte normalerweise gut mit ihren Eigenarten leben, aber an diesem Tag konnte er es ihr nicht durchgehen lassen. Nicht mit dem besonderen Gast an Bord, der auf dem Kontursessel rechts von Perez saß.

Darum hüstelte der Kommandant. Er wusste, Carter kannte sein Hüsteln gut. Es riss sie aus ihrer Versunkenheit. Sie zuckte leicht zusammen und drehte den Kopf. Miranda Carter hatte ein schmales Gesicht mit einer helmartigen, rotvioletten Frisur, lavendelfarbene Augen und türkis geschminkte Lippen, die sie nun zu einem entschuldigenden Lächeln krümmte.

»Jawohl, Sir!«, sagte sie. Vorbildlich. Und wandte sich wieder dem roten Leuchten zu.

Perez war über die Wirkungsweise des Antitemporalen Gezeitenfelds, kurz ATG genannt, unterrichtet worden und wusste, dass es das Solsystem auf einer temporalen Bezugsachse um fünf Minuten in die Zukunft versetzt hatte. Aus gutem Grund: damit die CART RUDO, die Heimatflotte und die zusammengezogenen anderen Großverbände der Solaren Flotte keinen verheerenden Abwehrkampf um das Heimatsystem der Menschheit zu führen brauchten. Das Solsystem war nicht zum ersten Mal von Invasoren bedroht, aber diesmal handelte es sich bei den Angreifern um Menschen.

Den Paratronschirmen und Transformkanonen der Solaren Flotte hatte die attackierende Antiterranische Koalition nichts entgegenzusetzen, da konnte sie ruhig mit 80.000 Kampfraumschiffen anrücken. Alle Stimmen, die Rhodans Entscheidung, dem Kampf trotzdem auszuweichen und sich stattdessen zu verstecken, kritisiert hatten, waren verstummt, nachdem ihnen vorgerechnet wurde, wie groß die eigenen Verluste gewesen wären: zwölf- bis fünfzehntausend Großkampfschiffe. Millionen Menschenleben. Von den Abermillionen an Bord der gegnerischen Raumer, die ebenfalls Menschen waren, ganz zu schweigen.

Somit war es allemal besser, abzuwarten, bis sich das Bündnis gegen Terra ohne den Hauptgegner auflöste und das Imperium Dabrifa, der Carsualsche Bund sowie die Zentralgalaktische Union einander gegenseitig an die Kehle fuhren. Perez empfand dennoch Dankbarkeit, dass sein Schiff vom Wachdienst entbunden und mit einer anderen Aufgabe betraut worden war. Auf diese Weise konnte die CART RUDO aktiv dazu beitragen, dass sich etwas änderte.

»Sichtkontakt zur ... Temporalschleuse«, meldete die Ortungszentrale. Dem Ersten Ortungsoffizier ging das ungewohnte Wort noch nicht leicht über die Lippen.

Auf dem Panoramabildschirm blendete er die Wachflotte Merkur aus. Ein blinkender Pfeil hob einen unscheinbaren Fleck oberhalb der Sichel des Planeten hervor. Neue Datenkolonnen schrieben sich daneben auf den Schirm.

Im Laufe des vergangenen halben Jahrtausends war am Nordpol des Merkurs eine gigantische Installation entstanden, die sich weit ins All reckte. Von der Sonne spannte sich ein mehrere Kilometer dicker Energiestrahl zu den Riesentürmen und versorgte die Anlagen für das Antitemporale Gezeitenfeld mit Energie.

In der dreidimensionalen Außenbeobachtungswiedergabe wurde dieser Zapfstrahl nicht dargestellt, wie er wirklich aussah. Mit ungeschütztem Auge beobachtet, hätte sein Gleißen alles überstrahlt, was es zu sehen gab – und jede Netzhaut ausgebrannt. Stattdessen war er so weit abgedunkelt, dass auch die anderen Elemente in der Umgebung sichtbar wurden, und erinnerte an einen Hochofenabstich, an flüssiges Metall, das durcheinanderwirbelte und verquirlte. Hin und wieder züngelte er in die Leere des Alls. Daneben war ein tiefroter Fleck zu sehen, dessen genaue Größe kein Ortungsgerät feststellen konnte: der Durchgang zur Normalzeit, die Temporalschleuse.

Als hätte der Hyperphysiker, der links neben Perez saß, seine Gedanken gelesen, erhob er die Stimme.

»Interessant an diesem Röhrenfeld ist, dass es sich nicht in räumlichen Dimensionen messen lässt. Was wir hier vor uns zu sehen glauben, ist lediglich eine Manifestation hyperphysikalischer Vorgänge, die keinen normaldimensionalen Maßstab gestatten. Eine Orientierung, wie weit die Relativzeit überwunden wird, bieten die Farbunterschiede innerhalb der Schleuse. Dunkelrot ist unsere Labilzeit. Danach folgen die Farben Hellrot, Gelb, Hellgrün und anschließend Weiß. Damit ist die Realzeit wieder erreicht ...«

»Vielen Dank, Mister Bievre«, sagte Perez. »Wenn Sie Ihre Erläuterungen zu einem anderen Zeitpunkt ...«

Der vollbärtige, übergewichtige Mann hob den Kopf. Die Zentralebeleuchtung funkelte auf seiner kleinen, randlosen, runden Brille. »Mister Bievre? Sagen Sie doch gleich Renier zu mir.«

»Oh, entschuldigen Sie, Herr Professor. Ich war davon ausgegangen, dass Sie auf Förmlichkeiten nicht so großen Wert legen.«

»Sie meinen, weil ich hier nicht im Anzug rumlaufe?« Bievre fuhr mit den Händen über die lindgrüne Bordkombination, die frisch an ihn ausgegeben worden war, aber bereits zerknittert und wie wochenlang getragen wirkte. Er trug dazu aber keine Raumstiefel, sondern Gesundheitslatschen ohne Socken. Das Rangabzeichen an seiner linken Schulter zeigte, dass er Reserveoffizier des militärfachlichen Dienstes im Rang eines Captains war.

»Sir«, verlangte Perez.

»Was?«

»Solange Sie Uniform tragen und sich an Bord meines Schiffs aufhalten, werde ich Sie mit ›Herr Professor‹ anreden und Sie mich mit ›Sir‹. Da Sie mir nicht unterstellt sind, ist mir Ihr Äußeres gleichgültig.«

Der Hyperphysiker hob die Stimme. »Aber es gefällt Ihnen nicht. Was würde Ihnen denn konvenieren, Sir? Wenn ich einen hüftlangen, bluesblauen Pulli tragen würde? Ist auf Terra der letzte Modeschrei.«

Die Vorstellung, wie Bievre seine Leibesfülle in einen modischen, figurbetonten Damenpulli zwängte, war zu viel für Perez. Er verzichtete auf eine Entgegnung, um nicht vor Lachen zu platzen, wandte sich schweigend ab und blickte wieder in den Panoramabildschirm. Die Männer und Frauen der Zentralebesatzung, die dem Intermezzo gelauscht hatten, saßen starr vor ihren Hufeisenpulten und wahrten ebenfalls mit Mühe die Fassung.

Der gestaltlose, rote Fleck der Temporalschleuse war scheinbar größer geworden. Die CART RUDO näherte sich ihm mit geringer Geschwindigkeit. Die Schleuse umkreiste den Merkur in 12.000 Kilometern Höhe über der Tag-Nacht-Grenze, fünfzehn Bogengrad von der Polachse versetzt. Etwas abseits schwebte der Normzeitverteiler, auf dem gerade umfangreiche Reparaturarbeiten im Gang waren.

Captain Carter nahm einige Schaltungen vor und richtete die Flugbahn des Schlachtkreuzers auf die Längsachse der Temporalschleuse aus. Sie trug noch immer nicht ihre SERT-Haube, mit der Steueranweisungen aus ihrem Gehirn lichtschnell an die Schiffspositronik übertragen werden konnten. Aber Carter war eigen. Sie nutzte die Simultane Emotio- und Reflex-Transmission niemals für Routineaufgaben.

Im Innern der Temporalschleuse wurden nun die anderen Farbstufen sichtbar, die Bievre angekündigt hatte. Auf das Tiefrot des äußeren Rands, der ständig zuckte, verschwamm, sich weitete und wieder verengte, wenn man ihn betrachtete, folgten Hellrot, Gelb, Hellgrün und Weiß. Perez drängte sich ein Bild auf, das er gleich wieder beiseiteschob, aber er hatte nicht mit seinen Emotionauten gerechnet.

Maulfaulheit war die Macke von Carter. Sein Zweiter Kosmonautischer Offizier indes neigte zu unpassendem Humor.

»Live aus dem Endoskop: mein Magen«, sagte er.

Der Einzige in der Zentrale, der darüber lauthals lachte, war Professor Renier Bievre.

*

Hellrotes Leuchten umgab das Raumschiff. Bald würde Gelb folgen. Weiter »voraus« sah man die grüne und die weiße Zone, die sich ebenfalls dehnten und wieder zusammenzogen. Achtern, an den Außenrändern des Panoramaschirms zu sehen, herrschte das Dunkelrot der Labilzone.

»Herr Professor, lässt sich der Flug durch diesen Zeittunnel beschleunigen?«, fragte Perez.

»›Zeittunnel‹ ist für das Phänomen ein unpräziser Begriff. Es handelt sich um ein Temporalfeld, das uns von einer Zeitebene in die andere versetzt. Die räumliche Ausdehnung, die Sie mit ›Tunnel‹ implizieren, ist imaginär. Mit Impulstriebwerken können Sie da leider nichts ausrichten. Sir.«

»Bewegen wir uns nun in diesem Feld, oder bewegen wir uns nicht?«

»Nö. Der Vorgang, den wir durchlaufen, stellt keine Bewegung im Sinne der klassischen Mechanik dar«, antwortete Bievre. »Es handelt sich vielmehr um eine hyperenergetische Translation auf einer Temporalkoordinate. Ihnen wird auffallen, Sir, dass der Durchflug – ein Wort, das ich nur in Ermangelung einer besseren Bezeichnung und mit größtem Widerwillen verwende – genau fünf Minuten Bordzeit dauern wird, exakt die temporale ›Entfernung‹ zur Realzeit. Jede farblich erkennbare Phase dauert also genau eine Minute. Somit erfolgt unser Übergang in die Gelbetappe genau ...« Er blickte auf die altmodische Armbanduhr an seinem Handgelenk und hielt kurz den Atem an. »... jetzt.«

Schlagartig wechselte das Licht rings um die CART RUDO. Ein weiches Buttergelb strahlte aus den Bildschirmen der Panoramagalerie.

»Als hätte ein kosmischer Herrscher einen Schalter umgelegt«, staunte ein Astrogator. Perez ließ es dem jungen Fähnrich durchgehen. Er kam frisch von der Akademie, freute sich an den neuen Freiheiten des Borddienstes und hatte seinen Platz noch nicht ganz gefunden. »Wie würden die wohl heißen?«, redete der Offiziersanwärter weiter, »Kosmokra...«

»Es genügt, Mister Mtobe«, unterbrach Perez ihn. »Was soll denn das?« Er fühlte sich hilflos und ein wenig überflüssig, ähnlich erging es offenbar der gesamten Zentralebesatzung.

Eine nicht näher definierte Kraft verschob sie durch die Etappen des temporalen Röhrenfelds, bis sie in die Realzeit gelangen konnten. An der vormaligen Position des Solsystems wimmelte es nach wie vor von Aufklärern der Antiterranischen Koalition. Um nicht geortet zu werden, würde die CART RUDO daher vermeiden, die Zeitschwelle vollends zu überschreiten, und dabei kamen Captain Miranda Carters emotionautische Fähigkeiten ins Spiel.

Zum ersten Mal beneidete Perez sie um ihre Ausbildung. Er war immer mehr Raumtaktiker gewesen als Pilot, aber gegenwärtig hätte er gern selbst etwas unternommen, statt sich in einem Temporalfeld von ominösen Fremdeinflüssen kutschieren zu lassen, als säße er betrunken in einem Taxigleiter.

Hellgrünes Licht strömte nun in die Zentrale der CART RUDO. Nach dem Rot war schon das Gelb frischer erschienen, das Grün weckte in Perez Tatendrang und einen gewissen Optimismus. Er war froh, endlich aus der Labilzone herauszukommen.

Perez freute sich auf den Anblick eines vertrauten Sternenhimmels, weiße Leuchtpunkte auf schwarzem Samt ganz ohne rötliches Wabern.

Weiß umgab sein Schiff. Bald war es so weit.

»Machen Sie sich bereit, Captain.«

Kein Jawohl, Sir. Ohne Perez noch einmal anzusehen, hob Carter die Arme und zog die über ihr aufgehängte SERT-Haube zu sich herunter, ein Gebilde aus Stahlplastik, bei dem nur die Kabel nicht zum Bild eines mittelalterlichen Kriegerhelms passten. Das Visier verdeckte ihr Gesicht komplett.

Der Anblick rief Kommandant Perez einen weiteren Passagier in Erinnerung, einen Captain der Solaren Abwehr, der sein Gesicht hinter einer Maske verbarg.

Die CART RUDO hatte mehrere ungewöhnliche Fluggäste an Bord. Zu ihnen gehörte auch Solarmarschall Galbraith Deighton, der Chef der Solaren Abwehr, der SolAb.

Und Gucky, der Mausbiber.

Aus dem weißen Licht ringsum schälte sich voraus ein Umriss.

Perez erblickte eine dicke Scheibe mit angeflanschter Kugelzelle. Auch wenn in der fluktuierenden Umgebung der Temporalschleuse die Abmessungen unmöglich abzuschätzen waren, wusste er, dass der überschwere Flottentender der DINOSAURIER-Klasse, auf den sie gerade zuflogen, 2750 Meter lang war. 2000 Meter entfielen auf die kreisrunde Plattform, 750 Meter auf die Kommandokugel. Die CART RUDO, ein Schlachtkreuzer der SOLAR-Klasse mit 500 Metern Kugelzellendurchmesser, mochte neben dem Flottentender zunächst zwergenhaft erscheinen, aber wenn man es genauer bedachte, war der Kampfraumer für das Manöver, das sie nun planten, sogar reichlich groß.

»DINO Zwo in Sichtkontakt, recht voraus«, meldete die Ortungszentrale.

Ein Rendezvous mit einem Flottentender gehörte zu den grundlegenden Standardmanövern, die jeder gute Pilot auch ohne SERT-Haube im Schlaf beherrschte – aber sie würden nicht landen.

Über Projektorblöcken auf der Tenderscheibe flammten stattdessen zwei rötlich leuchtende Energiesäulen auf. Flackernd krümmten sie sich nach oben hin aufeinander zu und vereinigten sich zu einer Spitze. Das Gebilde erinnerte an ein etwas zu breit geratenes Bogenfenster einer romanischen Kathedrale, in dem tiefste Weltraumschwärze herrschte.

Auf der Plattform des DINO-Tenders war ein gigantischer Torbogentransmitter entstanden.

Er gehörte zur geplanten Straße der Container, die demnächst eine heimliche Handelsverbindung des Solsystems zum Rest der Milchstraße ermöglichen sollte. Frachtcontainer würden mithilfe mehrerer Transmitter von und nach Olymp bewegt werden.

Vorerst jedoch würde Carter lediglich die CART RUDO durch den Torbogen steuern.

Man hätte auf ihre Mission auch einen Schweren Kreuzer der TERRA-Klasse entsenden können. Mit dessen nur 200 Metern Zellendurchmesser hätte ein Durchflug durch den Transmitter vor ihnen keinerlei Probleme bereitet.

Aber ein Schwerer Kreuzer bot zu wenig Schutz für die hochrangigen Passagiere, die es zu befördern galt, vor allem für den Mann, der auf dem Sessel rechts von Perez saß und noch kein Wort gesagt hatte. Den Mann, dessen Gegenwart Perez die ganze Zeit überdeutlich bewusst war und den Perez trotzdem aus seinen Gedanken verbannt hatte, damit er sein Schiff sachgerecht und kompetent kommandieren konnte.

Die Energiesäulen des Transmittertorbogens standen 600 Meter auseinander. Die Kugelzelle der CART RUDO durchmaß 500 Meter. Je 50 Meter seitlicher Sicherheitsabstand erachtete man auch in einer Hochenergieanlage als ausreichend. Nur hatten sie keine fünfzig Meter: Sechshundert Meter breit war der Torbogen nur an seiner Grundlinie. Schon in der vertikalen Mitte schrumpfte der Abstand der Energiesäulen, weil sie aufeinander zustrebten. Und der Triebwerksringwulst erhöhte den Äquatordurchmesser der CART RUDO auf 550 Meter.

»Der Tender scheint näher zu kommen«, wandte sich Perez an Bievre. »Deutet das nicht darauf hin, dass wir uns doch bewegen?«

»Nö. Da haben Sie ganz recht, es deutet nicht drauf hin.« Der Hyperphysiker nestelte an der Brusttasche seiner Bordkombination und zog eine dicke Zigarre hervor. Mit den Zähnen kappte er die Spitze, spuckte das Abgebissene auf den Boden der Zentrale und zückte ein altmodisches Feuerzeug.

Wieso ist an ihm alles altmodisch, nur seine Manieren nicht?, fragte sich Perez.

Bievre entzündete die Zigarre und paffte ein paarmal, um sie richtig in Brand zu setzen. Er nahm einen tiefen Zug und entließ eine große, bläuliche Rauchwolke, die, im weißen Licht der Temporalschleuse besonders deutlich zu sehen, gen Deckenventilation stieg und dort in den Lüftungsgittern verschwand.

Perez wartete auf weitere Erläuterungen, doch Bievre hob bloß die Beine, wackelte mit den Zehen und zeigte mit der glimmenden Zigarre auf den Panoramabildschirm.

»Da vorn spielt die Musik«, sagte er. »Sir.«

*

Der äußerste Rand der Temporalschleuse wurde das Zeitfenster genannt. Unmittelbar vor der Zeitschwelle, ab der man in das altbekannte Einsteinuniversum gelangte, befanden sich zahlreiche Beobachtungs- und Ortungsstationen, die Impulse aus der Normalzeit empfangen konnten, selbst aber unsichtbar und auch sonst ortungsgeschützt blieben. Das Gleiche galt für den Tender mit dem Ferntransmitter.

Die CART RUDO schloss zu DINO 2 auf. Verglichen mit den Geschwindigkeiten und Beschleunigungen, mit denen Kampfschiffe der Solaren Flotte normalerweise operierten, war ihr scheinbares Tempo lächerlich gering. Der Schlachtkreuzer schien auf das Transmittertor lediglich zuzukriechen, tatsächlich erfolgte ohnehin eine rein zeitliche, keine räumliche Angleichung. Wechselwirken konnte die CART RUDO mit dem Tender und dem Transmittertor erst, wenn sie sich in der gleichen Zeitebene befanden. Und dann blieben Captain Carter nur Sekunden, um sicherzustellen, dass auch wirklich der ganze Schlachtkreuzer durch den Transmitter ging.

»Panzertürme einfahren!«, befahl Perez. »Voller Verschlusszustand. Schotten dicht. Ortungsantennen einfahren. Hyperfunkantenne einfahren!«

»Jawohl, Sir«, bestätigte der Zweite Kosmonautische Offizier auf dem Sessel neben Carter. Er drückte mehrere Schaltflächen, die sich gelb färbten und dann Grün anzeigten. »Voller Verschlusszustand!«

Die Ortungszentrale hatte gemeldet, dass der Tender »recht voraus« sei, ein jahrtausendealter Ausdruck für »genau vor uns«. Nun blendete der Ortungschef zwei Kursvektoren in den Panoramabildschirm ein, eine grüne Soll- und eine rote Ist-Linie. Die Fluktuationen der Temporalschleuse ließen auch diese beiden Linien wabern. Meist überlappten sie und erschienen weiß, manchmal aber klafften sie um mehr als eine Handbreite auseinander und rote Warnmeldungen blinkten im Schirm auf, nur um im nächsten Augenblick wieder Gelb- oder Grünwerten zu weichen. In das immer weiter gähnende Transmittertor wurde ein Umriss der CART RUDO eingeblendet, der sich meist in der Mitte zwischen den Energiesäulen befand, sich bisweilen jedoch mit einer davon überschnitt.

»Wenn nachher was vom Ringwulst fehlt, bessern Sie das persönlich aus, Captain«, warnte Perez.

Carter gab keine Antwort.

»Erkennungssignal ändern!«, befahl Perez.

»Jawohl, Sir«, bestätigte der Zweite Kosmonautische Offizier.