The Magic beyond Form - Silvia Hagen - E-Book

The Magic beyond Form E-Book

Silvia Hagen

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Beschreibung

Ein Buch über Mut. Den Mut, Dinge im Leben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Spiritualität und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Das kollektive Bewusstsein, das jeden einzelnen, aber auch Unternehmen beeinflusst, näher zu betrachten und zu ergründen. Im Alter von zweieinhalb Jahren bricht für Silvia Hagen eine Welt zusammen. Durch einen tragischen Unfall findet sie sich vor einem Scherbenhaufen wieder. Dieser Planet ist nichts für sie. Schmerz, Isolation und das Gefühl, nicht hierher zu gehören, prägen ihren Alltag. Aber dann - mit 20 Jahren - trifft sie eine Entscheidung und ihr ganzes Leben ändert sich. Sie findet einen Weg aus der Opferrolle hin zu mehr Bewusstsein und Eigenverantwortung. Dies öffnet den Weg zu ihrer eigentlichen Berufung in der Organisations- und Bewusstseinsentwicklung. Dieses Werk nimmt alle, die im Leben vor vermeintlich unlösbaren Aufgaben stehen, sei es im privaten oder beruflichen Bereich, mit auf eine Reise. Es rüttelt wach und fordert auf, den Sprung in ein neues Bewusstsein zu wagen.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Vorwort

Prelude – oder die Vorahnung

Lehr- und Wanderjahre

Magic reappears

Ode an die Kindheit

Mein Hund – Brücke zum Leben

Die ewige Aussenseiterin

Sprache und Bewusstsein

Selbstmordphasen

Weckruf vom Bulldozzer

Erleuchtung im Kinderzimmer – die erste helle Sonne

Erwachsen Werden

Abschiedsgeschenk meiner Mutter

Das Versprechen

Forschungs- und Integrationsjahre

Meine Forschungsreise

Was kann denn Astrologie?

Die Sache mit Jesus

Nach der fundamentalistischen Phase

Mein Gottesbild

Wie ich zum Kind kam

Nächtliche Besuche

Bewusste Empfängnis

Die Hausgeburt

Vom Kind zum Netzwerk

Selbständigkeit

Der Un-Businessplan

Energiearbeit oder die Kraft des Gebets

Erste Kursentwicklung

Und dann das Buch

Und wozu es führte

IPv6

Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Körper

Was hat Heilen mit Netzwerk zu tun?

Kann menschliches Bewusstsein Computer beeinflussen?

Ernte

At the Edge of the Cliff

Spiral Dynamics – oder der Sprung über die Klippe

Abschied von der objektiven Realität

Das Doppelspaltexperiment

Wir wissen, dass wir Nichts wissen

Die Rolle unseres logischen Verstandes

Der Tod – das letzte Geheimnis lüften

Closing

Appendix

Über die Autorin

Vorwort

Meine ersten zwei Lebensjahre waren schön und harmonisch. Dann aber wurde ich durch einen tragischen Unfall abrupt aus dem geborgenen Nest geworfen, mit traumatischen Folgen. Ein unbändiger Wille mich von Begrenzungen nicht einschränken zu lassen führte mich dazu, das alles zu packen, nicht in der Opferrolle zu versinken, sondern es zu verarbeiten und frei zu werden. Das hat viele Jahre gedauert und war echte Knochenarbeit.

Heute, in meiner zweiten Lebenshälfte, bin ich zufrieden mit mir und meinem Leben. Ich geniesse meinen vielseitigen Beruf im Bereich integrale Organisations- und Persönlichkeitsentwicklung. Da kann ich viel bewegen und meine Überzeugung und Erfahrung, dass man aus jeder schwierigen Situation etwas Positives gestalten kann, weitergeben. Rückblickend sehe ich, dass ich meine Talente, meine ausgeprägte Intuition und meine Fähigkeiten, komplexe Systeme schnell erfassen zu können, weitgehend durch diese Auseinandersetzung mit meinen belastenden Kindheitserlebnissen entwickelt habe. Wie ein Rohdiamant, der im Erdmantel durch hohen Druck und hohe Temperaturen geformt wird.

Was sich in der Kindheit fast wie ein Fluch anfühlte, wurde so zu einem Segen. Aus der integralen Sicht betrachtet, die ich im letzten Teil dieses Buches ausführlicher beschreibe, kann ich Organisationen und Menschen umso bewusster und differenzierter wahrnehmen und verstehen, je klarer ich mir meiner selbst bewusst bin. Wenn ich den Abgründen in mir ins Auge geschaut habe, können mich auch fremde Abgründe nicht erschrecken. Und wenn ich in mir die Folgen belastender Erlebnisse und Prägungen verarbeite, heisst das, dass ich die Verantwortung dafür übernehme, und sie nicht nach aussen projiziere, und andere Menschen oder unglückliche Umstände dafür verantwortlich mache. Nur dann kann ich sie auch lösen und frei werden, mein wahres Selbst zum Ausdruck zu bringen.

Das Schreiben dieses Buches ist für mich wie Erntezeit. Ich habe mich aus zwei Gründen entschlossen, es zu veröffentlichen. Einerseits für Leser, die aktuell in schwierigen Situationen sind oder mit den Folgen einschneidender Erlebnisse hadern. Wenn ich damit Mut machen und zeigen kann, dass es sich lohnt, sich dem zu stellen, weil auf der anderen Seite die innere Freiheit lockt, dann hat es sich gelohnt. Andererseits finde ich es spannend, aus der Sicht der Integralen Entwicklung nachvollziehen zu können, wie sich die Auseinandersetzung mit persönlichen Themen auf das Verständnis der Welt, des Menscheins und der Arbeit auswirken kann. Auf diese Weise gibt das Buch einen Einblick in die Haltung, in der ich meine Arbeit gestalte.

Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich im ersten Teil soviel aus meiner Geschichte erzählen soll. Ich könnte es ja drastisch kürzen und vor allem Teil drei des Buches zum Hauptinhalt machen. Es war mir jedoch wichtig aufzuzeigen, dass all meine heutigen teilweise querdenkenden Ansichten nicht einfach theoretisch und aus der Luft gegriffen sind, sondern einen Bezug zu meinen konkreten Erfahrungen und Experimenten haben. Das war für mich wichtig beim Forschen. Ich kann das auch niemandem abnehmen. Was hier steht, sind meine Wahrheiten, jeder muss seine Wahrheiten selbst finden. Aber vielleicht geben meine Geschichten den einen oder anderen Impuls, neue Fragen zu stellen oder etwas frecher zu experimentieren.

Meine persönlichen Erfahrungen sind auch ein Beispiel dafür, wie eine klare Absicht und ein klarer Purpose uns leiten und Kraft geben können, durchzuhalten, wenn es mal rau zu und hergeht. Das beginnt schon im Prelude.

Danksagung

Dies ist ein Buch über mich, mein Leben und mein Wirken. Meine Dankbarkeit schliesst jeden Menschen und meine Erfahrungen und Erlebnisse ein, die mich zu der Frau gemacht haben, die ich heute bin. Eine besondere Rolle spielen hier natürlich alle meine Familienmitglieder, allen voran meine Eltern, die mich trotz aller schwierigen Erlebnisse mit kraftvollen und pionierhaften Vorbildern und Leitsätzen geprägt haben. Meine Schwester, mein Bruder und meine Tochter Marina. Marinas Geburt war ein Wendepunkt in meinem Leben. Sie war und ist mir eine grosse Lehrmeisterin für vieles, was im Leben zählt. Marina hat mich auch durch den ganzen Produktionsprozess auf vielseitigste Art und Weise unterstützt mit Feedbacks, Lektoratsarbeiten, Mitarbeit bei der Gestaltung und vor allem mit ihrer Lebensfreude und ihrem Enthusiasmus. Dafür bin ich ihr von Herzen dankbar.

Ich danke allen Freunden, Bekannten und Berufskollegen, die mich während des Schreibprozesses und der Produktion des Buches unterstützt haben. Sie haben sich immer wieder mit mir auf vielseitige Diskussionen und Forschungsreisen eingelassen, haben mir Feedbacks zum Buch gegeben, meine Fragen beantwortet, wenn ich unsicher war – ohne Euch alle wäre dieses Buch nicht entstanden. Dafür möchte ich mich bedanken.

Ich bedanke mich bei Dani, Nicole und Monika, meinen Profis für Cover, Illustrationen und Layout. Es ist eine Freude mit Euch zu arbeiten. Ihr habt mich auch geduldig durch meine Krisenmomente geführt und seid auf meine Eigenheiten eingegangen. Das Resultat lässt sich sehen. Finde ich. Und ich bedanke mich bei Christophe, er hat mir über die letzte Hürde geholfen.

Mein Schreibstil

Mit der Einführung der neuen deutschen Schreibweise vor einigen Jahren wurden viele starre Regeln gelockert. Ähnlich wie in der Mode, ist heute vieles möglich und im Ermessen des Anwenders.

Sprache ist für mich ein Tanz, und der Tanz ist wichtiger als strikte grammatikalische Regeln. Ich versuche in all meinen Bücher zu schreiben «wie mir der Schnabel gewachsen ist». Dazu gehört, dass ich immer wieder englische Ausdrücke benütze, die man streng genommen auf Deutsch übersetzen könnte. Englisch ist wie meine zweite Muttersprache. Ich benütze es täglich. Ich merke manchmal gar nicht, wenn ich die Sprache wechsle., In meinen Notizen stell ich häufig im Nachhinein mit Überraschung fest, dass ich unbewusst einige Absätze in Deutsch und andere in Englisch geschrieben habe. Aus diesem Grund lass ich die englischen Ausdrücke so stehen wie sie spontan einflossen. Es ist meine Art und Weise, mich auszudrücken.

Auch mit Kommaregeln pflege ich einen eher spontanen Umgang. Manchmal setze ich Kommas wo es keine braucht und manchmal setz ich keine, wo es welche haben müsste. Ausschlaggebend ist mein Gefühl beim Lesen des Satzes. Ich hoffe, die Kommas vergeben mir diesen lockeren Umgang und es fühlt sich niemand beim Lesen gestört dadurch.

Ich bin mir bewusst, dass jeder Leser je nach Kultur, Alter und Hintergrund ein anderes Sprachgefühl hat. Was die Genderthematik betrifft, verzichte ich auf die heute weit verbreitete Schreibweise mit Sternchen. Ich finde das sehr umständlich zum Lesen. Es hat für mich auch nicht viel mit der Genderthematik und echter Gleichberechtigung zu tun.

Es gibt das natürliche, respektive biologische Geschlecht eines Lebewesens. Das nennt man den Sexus. Und es gibt den Genus, das ist das grammatikalische Geschlecht. Es gibt Bezeichnungen, wo diese beiden übereinstimmen (die Frau), bei anderen nicht (das Kind, die Strasse). Jede Variante mit einem Sternchen zu bezeichnen finde ich unübersichtlich und nicht sinnvoll.

Durchs ganze Buch ziehen sich meine Reflektionen, die ich als hervorgehobene Absätze kursiv formatiert habe. Damit beschreibe ich, was meine Erfahrungen bei mir ausgelöst haben und was ich gelernt oder mitgenommen habe, inwiefern meine Erlebnisse mich geprägt haben.

Prelude – oder die Vorahnung

Ich erwachte kurz vor meiner Geburt aus dem Schockzustand. Die Wehen meiner Mutter pressten mich bereits in den engen Kanal. Wow, wohin geht denn diese Reise? Was war denn nur plötzlich los, wie war ich bloss hierher gekommen? Ich hatte fast die ganze Schwangerschaft in diesem paralysierten Zustand verbracht und gar nicht mitgekriegt was läuft, geschweige denn Zeit gehabt, mich auf mein Geborenwerden vorzubereiten. Das Letzte an das ich mich erinnern kann, ist ein Knall und die Schreie meiner Mutter. Dann Dunkelheit und absolute Stille. Das war vor vielen Wochen. Aber was liegt da vor mir? Ungemütliche Vorahnungen. Es war wohl gar keine gute Idee, dieses Setting zu wählen, sollte ich nicht gleich lieber wieder abhauen? Zuviel Schmerz. Zuwenig Spass, was für ein Programm, ein schlechter Film.

Was hatte ich mir denn nur überlegt bei dieser Wahl? Ah genau, da war doch dieser Challenge, den ich mir vorgenommen hatte. Ich wollte die Welt auf den Kopf stellen, das Unmögliche möglich machen. Grenzen sprengen, Neues schaffen, die Menschheit befreien aus dem Drama von Kontrolle und Ausbeutung. Menschen helfen, sich selbst in ihrer Kraft und Schönheit zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen, das Korsett von Trauma und Leid zu sprengen. Menschen ermutigen, die Verantwortung und Kontrolle über das eigene Leben wieder zu übernehmen, in die Tiefen ihres inneren Wissens und ihrer Kreativität einzutauchen, daraus zu schöpfen, um das Neue zu schaffen. Und ich wollte es genau jetzt tun, in dieser Inkarnation, im Wissen darum, dass das Universum gerade alle Türen öffnet für eine globale Transformation des menschlichen Bewusstseins.

Ich beschliesse, den Weg, den ich gewählt hatte, zu gehen, mit diesen liebevollen und vertrauten Seelen, die sich bereit erklärt hatten, auf dieser irdischen Gruppenreise mitzuspielen. Meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder, meine Tochter. Und als ich mich dafür entschied, nun wieder voller Lust und Vorfreude, war mir bewusst, dass ich Einiges würde auf mich nehmen müssen, um das zu schaffen.

Teil 1

Lehr- und Wanderjahre

In diesem ersten Teil des Buches beschreibe ich wahlweise Erlebnisse, die mich geprägt haben und damit eine wichtige Grundlage meines heutigen Weltverständnisses und meiner Arbeit sind.

An meine ersten zwei Lebensjahre habe ich nicht viele direkte Erinnerungen. Wir lebten in Lausanne. Dort kamen meine Schwester Monica und ich zur Welt. Sie war drei Jahre älter als ich. Was ich aus Erzählungen weiss ist, dass Monica und ich ein Herz und eine Seele waren. In der Familie ging der Spruch um: «Das können keine Geschwister sein, weil Geschwister sich doch streiten».

Dieses zufriedene Leben kam zu einem abrupten Halt als ich zweieinhalb Jahre alt war. Ende Zufriedenheit. Die Dunkelheit, die Isolation aus dem Schockzustand im Mutterleib war wieder da. Weg war sie, meine Schwester, vor meinen Augen in ein Auto gerannt. Voller Freude wollte sie an diesem herrlichen Spätsommertag nach Hause, um dem Vater zu erzählen, dass sie schwimmen gelernt hatte und hat mich einfach allein auf dem Trottoir zurückgelassen. Meine Mutter hat mich, in der Verzweiflung – weil sie mich nicht mit in die Ambulanz nehmen durfte – bei der Kioskfrau der Badeanstalt abgegeben, mit dem Hinweis, der Vater würde kommen und mich abholen. Der kam und brachte mich nach Hause zu einer Nachbarin, wo ich die Nacht verbrachte. Meine Schwester verstarb in der Nacht im Spital.

«Ich werde mein Leben leben, als ob es Dich nie gegeben hätte, weil ich es sonst nicht aushalte. Und ich werde nie mehr jemand so nahe an mich heranlassen, dass es mich daran erinnern könnte, wie schön die Nähe mit Dir war.» Das ging mir an ihrem Grab und in der einsamen Zeit im gemeinsamen, jetzt aber gähnend leeren Kinderzimmer durch den Kopf. Ich verlor nicht nur die Schwester, ich verlor mein Zuhause, meinen Boden, die Geborgenheit – ich fühlte mich wie ausgesetzt und auf mich allein gestellt. Eine Nussschale auf dem Ozean. Wenn ich von meinem Mittagsschlaf aufstand, war die Wohnung erfüllt von den heimlich geweinten Tränen meiner Mutter. Meine Eltern waren bis an die äusserste Grenze ihrer Kräfte gefordert. Da war keine emotionale Unterstützung mehr möglich für mich in meinem Schockzustand.

Magic reappears

Plötzlich stand er vor mir und kaufte sich ein Eintrittsticket in die Dorfdisco, wo ich ab und zu Kasse machte, um mein Taschengeld aufzubessern. Er schaute mich mit einem direkten, prüfenden Blick an und wirkte wie ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Unglaublich anziehend für mich, fühlte ich mich doch auf dieser Erde nicht wirklich zuhause. Ich war mittlerweile 16 Jahre alt und erlebte immer wieder Zeiten eines unglaublichen Heimwehs. Etwas in mir wusste, dass dieser Ort, den ich «Zuhause» nennen würde, nicht auf diesem Planeten zu finden war. Jetzt stand da ein gleichaltriger Mann vor mir, der mich an «Zuhause» erinnerte. Er kam immer wieder, und es entwickelte sich eine langjährige, höchst intensive und aussergewöhnliche Beziehung. Es war das erste Mal seit dem Schock mit dem Unfalltod meiner Schwester, dass ich meine Herztür ein klitzekleines Bisschen öffnete um jemanden hereinzulassen. Meine Neugier trieb mich. Ich wollte herausfinden, woher diese sphärische Ausstrahlung kam. Lars hiess er. Er war mein Ruf zurück ins Leben. Und ich folgte ihm. Meine Rückreise ins Leben und in meinen Körper dauerte allerdings viele Jahre. Aber das war mir in dem Moment noch nicht bewusst.

Ode an die Kindheit

An die Zeit meiner ganzen Kindheit hab ich nur ganz dumpfe Erinnerungen. Isolation, Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit waren die prägenden Zustände. Und Hilflosigkeit, weil ich natürlich das Leiden meiner Eltern sehr wohl fühlte, aber nichts tun konnte. Ich war einfach ausgeliefert. Ich erinnere mich an viele Stunden, wo ich an der Hand meiner verzweifelten, weinenden Mutter mitging und mir und ihr nicht zu helfen wusste. Ich entwickelte eine Wut auf meinen Vater. Der hatte seinen Job, jettete für sein Business in der Welt herum und ich fand, er lasse meine Mutter im Stich und mit uns Kindern allein statt ihr zu helfen. Erst als Erwachsene, beim Aufarbeiten dieser Zeit, fing ich an zu verstehen, wie gross der Druck war, der auf meinen Eltern, auf jedem Einzelnen lastete. Dass sie beide ganz unterschiedliche Strategien hatten, mit dem Verlust umzugehen, dass ihre Strategien leider nicht sehr kompatibel waren und dass sie sich gar nicht wirklich helfen konnten.

Mit uns Kindern? Ja, Mehrzahl. Nach dem Unfall beschlossen meine Eltern, dass sie noch ein zweites Kind möchten, also respektive ein Drittes. Sie hatten sich immer zwei Kinder gewünscht. Als ich vier Jahre alt war, kam mein Bruder zur Welt. Die Schwangerschaft meiner Mutter verlief soweit normal, aber sie war körperlich und seelisch erschöpft. Für zwei Wochen gaben mich darum meine Eltern in ein Kinderheim, damit sie zusammen in die Ferien fahren konnten und sich meine Mutter etwas erholen konnte. Die zwei Wochen in dem Kinderheim waren für mich so entsetzlich, dass sie in meiner Erinnerung zwei Jahre dauerten. Der Gipfel der Erfahrung war der Kirchenbesuch am Sonntag. Die Schwestern fragten mich, ob ich katholisch sei. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Um sicherzustellen, dass ich mein Seelenheil nicht verlieren würde, nahmen mich die Schwestern mit in die Kirche. Dort wurde das Abendmahl gefeiert, und weil ich eben nicht katholisch war, hatte ich sowas noch nie gesehen. Ich war entsetzt und überzeugt, dass dieser Typ, der da den Leuten diese weissen Dinger in den Mund legte, sie alle vergiften würde und wunderte mich, dass das niemand merkte. Ich war wild entschlossen, dem zu entgehen. Also schlich ich mich aus der Kirche und ging tapfer zu einem Taxichauffeur, erklärte ihm, er müsse mich sofort nach Hause bringen und gab ihm die Adresse an. Ich fühlte mich super, der Freiheit nahe und überlegte mir natürlich keine Sekunde, dass vielleicht niemand zuhause sein würde. Der Taxichauffeur lieferte mich im Handumdrehen zurück an die Schwestern aus und vorbei war mein Traum.

Meine Situation hat mich schon früh geprägt, mir selbst zu helfen. Versuchen kann man alles. Und Misserfolge sind kein Grund aufzugeben.

Mein Hund – Brücke zum Leben

Während langer Zeit nach dem Unfall muss ich stundenlang apathisch in meinem Kinderzimmer gesessen haben. Ich habe nicht gespielt und liess mich zu nichts anregen. Auch noch ein Jahr nach dem Unfall machte ich mit Fragen nach der Rückkehr meiner Schwester klar, dass ich nicht begriffen hatte, oder vielleicht auch einfach nicht begreifen wollte, dass sie nie wiederkommen würde. Meinen Bruder lehnte ich leidenschaftlich ab und bekämpfte ihn die ganze Kindheit durch. Er war mir im Weg, ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Und ich liess es ihn spüren. Der arme Kerl, er konnte ja weiss Gott nichts dafür. Aber seine Gegenwart verschlimmerte mein Gefühl von Verlust. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass er mich aus meinem Gefühl der Taubheit rausriss, in das ich mich geflüchtet hatte.

«Du musst nicht meinen, Dich führ ich jetzt mal ganz schön an der Nase rum und spiel Dir was vor. Das geht Dich alles überhaupt nichts an». Das dachte ich mir, als der Kinderpsychiater versuchte, mich zu umgarnen und mir sein Puppenspielhaus anbot. Meine Eltern hatten mich zu ihm geschickt, als ihnen klar wurde, dass es nicht so einfach werden würde, mich aus meiner Apathie herauszuholen. Mir war absolut klar, dass dieser Mann mich beobachtete und rausfinden wollte, was mit mir los war. Ich habe keine Ahnung, ob meine Entscheidung, mich zu verweigern, gelungen ist. Viele Jahre später habe ich versucht, an meine Patientenakte ranzukommen um herauszufinden, was er aufgeschrieben hatte. Ich war etwas zu spät. Kurz vorher hatte man die Praxis aufgelöst und alle alten Akten vernichtet, weil er pensioniert worden war. Also werde ich das leider nie herausfinden.

Aber für etwas werde ich ihm ewig dankbar sein. Er empfahl meinen Eltern, mir einen Hund zu schenken. Als wir kurze Zeit später von Lausanne in den Kanton Zürich zogen und dort in einem Haus mit Garten lebten, setzten meine Eltern die Empfehlung um. Astor kam zu uns. Ein Mischlingswelpe von einem nahen Bauernhof, halb Schäfer, halb Appenzeller. Ich fand ihn wunderschön, er hatte den Körperbau und die Haarstruktur eines Schäfers und die Farben eines Appenzellers. Und er war das einzige Lebewesen, dem ich mich öffnete. Stundenlang lag ich bei ihm und als ich etwas grösser war, ging ich mit ihm stundenlang im Wald spazieren. Mit ihm allein im Wald fühlte ich mich am wenigsten einsam. Ich erzählte ihm endlos mein ganzes Leid und meine Verzweiflung und weinte, mein Gesicht in seinem Pelz vergraben. Aber nur, wenn ich allein war und mich niemand sah. Er hörte sich geduldig alles an. Ich glaube, er hat mich im Leben gehalten. Er begleitete mich durch meine Kindheit und wurde 16 Jahre alt.

Die ewige Aussenseiterin

Die Ereignisse und Prägungen führten dazu, dass ich mit dem Grundgefühl aufwuchs, nirgends dazuzugehören. Ein Tenor, der sich durch mein Leben zieht. Ich hatte emotional keine Familie. Im Kindergarten und in der Primarschule war ich immer eine Aussenseiterin. Mit mir stimmte was nicht, ich fühlte mich nicht als Teil der Gruppe, und die Kinder spürten, dass mit mir etwas komisch war. Ich war frühbegabt und las schon zur Kindergartenzeit ganze Bücher. Meine Mutter glaubte das nicht, und ich musste ihr jeweils nach dem Lesen die Geschichte zusammenfassen, was ich problemlos konnte und sie erstaunte. Sie sagte mal viel später, als ich in der Pubertät war, zu mir: «Weisst Du, Du warst mir schon als kleines Kind manchmal unheimlich. Da war etwas an Dir, das konnte ich nicht verstehen, und es machte mir Angst.»

In Lausanne hatten wir im Kindergarten schon Schreiben und Lesen gelernt. Als ich im Kanton Zürich das zweite Kindergartenjahr absolvieren musste, langweilte ich mich zu Tode. Und war wieder die Aussenseiterin. Ich schwänzte den Kindergarten vor Langeweile, verbrachte den Tag allein im Wald und fühlte mich gut dabei. Natürlich zog das unangenehme Konsequenzen nach sich. Auch in der Primarschule langweilte ich mich. Und es war mir klar, dass ich um jeden Preis ins Gymnasium wollte, weniger wegen des Lernens sondern vor allem um dieser Klasse im kleinen Dorf im Säuliamt zu entkommen, wo ich mich so unwohl und nicht aufgenommen fühlte.

«Pass auf, im Gymi wirst Du es nicht so einfach haben. Dort bist Du eine der Guten unter Vielen!» So wurde ich regelmässig gewarnt. Die erste Hürde hatte ich genommen, Gymiprüfung bestanden. Ich kam nach Urdorf in die neu gegründete Kantonsschule Limmattal, erster Jahrgang. Anfangs waren wir noch in einem Gebäude der Sekundarschule Urdorf untergebracht, später in provisorischen Pavillons, die nach dem Bau der Kantonsschule (nach meiner Matura notabene) zu einem Gefängnis für Halbgefangenschaft umgenutzt wurden. Ich büffelte während der Probezeit wie verrückt. Undenkbar wäre es gewesen, hätte ich zurück ins Dorf in die Sekundarschule gehen müssen. Mein absolutes Highlight war die Geschichte Griechenlands, das faszinierte mich. Ich schloss die Probezeit mit einem Notendurchschnitt von 5.5 ab (für Leser aus dem Ausland, in der Schweiz ist die Note 6 die Bestnote). Das war komfortabel, aber es beendete mein Aussenseitertum in keiner Weise. Im Gegenteil. Meine Privatzeit verbrachte ich im Säuliamt in den Cliquen und Discos (wo ich Lars kennenlernte). Es waren wilde Zeiten. Das Dorf war die Drogenhöhle des Kantons, wenn es in Zürich keinen Stoff mehr gab, dann kam man zu uns, da gab es immer was. Ich rauchte meine Joints, weil mich das aus Gründen der Bewusstseinsforschung interessierte, und hatte sonst irgendwie das Glück an den gefährlichen Drogen vorbeizukommen. Aber ich musste zuschauen, wie es viele Kollegen reinzog. Als ein paar Jahre später die ganze AIDS Geschichte bekannt wurde und eskalierte, habe ich viele Kollegen früh verloren.

Ich war zwar Mitglied der Cliquen, aber irgendwie war ich trotzdem Aussenseiterin. Ich war die Komische, die ins Gymnasium ging. Sie fanden mich ganz nett, aber da konnte doch was nicht stimmen, da musste man vorsichtig sein. Mindestens empfand ich das so.