The Real Thing - Länger als eine Nacht - Samantha Young - E-Book

The Real Thing - Länger als eine Nacht E-Book

Samantha Young

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Beschreibung

Sonne, Strand und Romantik – willkommen in Hartwell!

Hartwell ist eine eingeschworene Gemeinschaft. In dem kleinen Ort an der amerikanischen Ostküste bleibt niemand lange allein. Nirgends sonst auf der Welt möchte Cooper Lawson seine Bar wissen, in der man seit Jahrzehnten leidet, liebt und lebt. Er selbst hat dagegen der Liebe abgeschworen. Bis eines Tages die selbstbewusste sexy Ärztin Jessica Hunting durch seine Bartür stolpert und frischen Wind in sein Leben bringt. Auch sie flieht vor ihrer Vergangenheit. Gegenseitig könnten sie sich Halt und Liebe geben, sie müssen es nur erst begreifen …

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Das Buch

Hartwell ist eine eingeschworene Gemeinschaft. In dem kleinen Ort an der amerikanischen Ostküste bleibt niemand lange allein. Nirgends sonst auf der Welt möchte Cooper Lawson seine Bar wissen, in der man seit Jahrzehnten leidet, liebt und lebt. Selbst hat Cooper dagegen der Liebe abgeschworen. Zu schwer wiegt der Verrat seiner Exfrau, die ihn betrogen hat. Bis eines Tages die selbstbewusste sexy Ärztin Jessica Huntington durch seine Bartür stolpert und frischen Wind in sein Leben bringt. Und obwohl auch sie eigentlich nicht bereit für eine neue Liebe ist, geben die beiden sich eine Chance. Vielleicht findet Jessica in Hartwell endlich, was sie sucht: Zufriedenheit und Glück. Doch niemals darf Cooper erfahren, wovor sie sich wirklich in Hartwell versteckt. Denn sie ist sich sicher: Ihre Beziehung würde dem Geheimnis nicht standhalten …

Die Autorin

Samantha Young wurde 1986 in Stirlingshire, Schottland, geboren. Seit ihrem Abschluss an der University of Edinburgh arbeitet sie als freie Autorin. Mit ihrer Serie der Edinburgh Love Stories stürmte sie die internationalen Bestsellerlisten.

Homepage der Autorin: www.samanthayoungbooks.com

Von Samantha Young sind in unserem Hause bereits erschienen:

Dublin Street – Gefährliche SehnsuchtFountain Bridge – Verbotene KüsseLondon Road – Geheime LeidenschaftCastle Hill – Stürmische ÜberraschungJamaica Lane – Heimliche LiebeIndia Place – Wilde TräumeScotland Street – Sinnliches VersprechenNightingale Way – Romantische NächteValentine – Tag der LiebendenKing’s Way – Verlockende Berührung

Hero – Ein Mann zum Verlieben

Into the Deep – HerzgeflüsterOut of the Shallows – Herzsplitter

The Real Thing – Länger als eine Nacht

SAMANTHA YOUNG

THE REAL THING

Länger als eine Nacht

Roman

Aus dem Englischen von Sybille Uplegger

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1408-2

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016© 2016 by Samantha YoungAll rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.This edition published by arrangement with Berkley, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.Titel der amerikanischen Originalausgabe: The One Real Thing (Berkley, 2016)Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © Getty Images/Thomas Barwick

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

KAPITEL 1

Jessica

Ich liebe diesen Moment, wenn man unter die heiße Dusche steigt, nachdem man von einem eiskalten Regenguss erwischt wurde. Erst schlottert man vor Kälte, ist bis auf die Haut durchnässt – und dann, im nächsten Augenblick, umfängt einen diese köstliche Wärme. Es gibt nichts Schöneres. Ich liebe es, wie ich dabei eine Gänsehaut bekomme und sich mein ganzer Körper unter dem heißen Wasserstrahl entspannt. Es ist ein purer, reiner Moment, in dem alle Sorgen einfach weggewaschen werden.

Der Augenblick, in dem ich zum ersten Mal Cooper Lawson begegnete, fühlte sich genauso an wie die heiße Dusche nach einem sehr langen, sehr kalten und sehr nassen Unwetter.

Der Tag hatte bereits trüb begonnen, und am Himmel ballten sich Wolken zusammen. Trotzdem war ich nicht auf den heftigen Platzregen gefasst, der urplötzlich vom Himmel kam, gerade als ich die Strandpromenade des kleinen Küstenstädtchens Hartwell entlangschlenderte.

Fieberhaft hielt ich Ausschau nach einem Unterstand, und als ich ihn gefunden hatte – eine momentan noch geschlossene Bar mit einer Markise –, stürzte ich sofort darauf zu. Wenige Sekunden hatten ausgereicht, um mich von oben bis unten zu durchnässen, in dem strömenden Regen konnte man kaum etwas sehen, und das Gefühl nasser Kleidung auf der Haut war einfach nur eklig. Ich hatte nichts anderes im Sinn, als mich so schnell wie möglich unter die schützende Markise zu retten, und das ist wohl auch der Grund, weshalb ich frontal mit einem harten Männerkörper zusammenstieß.

Hätte der Mann nicht blitzschnell die Arme ausgestreckt, um mich festzuhalten, wäre ich von ihm zurückgeprallt und auf meinen vier Buchstaben gelandet.

Ich schob mir die nassen Haare aus den Augen und blickte entschuldigend zu dem Fremden auf, den ich in meiner Unachtsamkeit beinahe umgerannt hätte.

Ein Blick aus warmen blauen Augen traf mich. Gott, waren diese Augen blau. So blau wie die Ägäis vor Santorin. Dort war ich vor einigen Jahren im Urlaub gewesen, und ich hatte noch nie so blaues Wasser gesehen.

Sobald ich den ersten Schreck überwunden hatte und in der Lage war, mich vom Anblick dieser Augen loszureißen, betrachtete ich sein Gesicht. Ein bisschen verwegen. Sehr maskulin.

Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzuschauen – bestimmt war er annähernd eins neunzig groß. Von seinem Gesicht wanderte mein Blick schließlich tiefer zu seinen breiten Schultern. Die Hände, die immer noch auf meinen Oberarmen lagen, waren groß und langfingrig, und ich konnte einzelne Schwielen auf meiner nackten Haut spüren.

Trotz der unangenehmen Kälte wurde mir plötzlich heiß, und ich machte mich von dem Fremden los.

»Tut mir leid«, sagte ich mit einem entschuldigenden Lächeln und warf mir die triefenden Haare über die Schulter nach hinten. »Der Regen hat mich völlig überrascht.«

Er nickte kurz, bevor er sich ebenfalls die dunklen, nassen Haare aus der Stirn schob. Sowohl sein blaues Flanellhemd als auch das weiße T-Shirt darunter waren nass, und gleich darauf wurde mir bewusst, dass ich schamlos seine Brust anstarrte, die sich unter dem am Körper klebenden T-Shirt abzeichnete.

Er hatte kein Gramm Fett am Leib.

Ich meinte ein kleines belustigtes Schnauben zu hören, und mein Blick ging wieder nach oben zu seinem Gesicht. Hatte er gemerkt, wie ich ihn angeglotzt hatte? Peinlich! Doch er grinste nicht, obwohl seine unglaublichen Augen vor Belustigung tanzten. Ohne ein weiteres Wort zog er die Tür zu der malerischen Bar auf und betrat das leere und definitiv noch geschlossene Lokal.

Oh.

Manche haben’s gut, dachte ich und starrte mürrisch in den Regen, der auf die Bohlen trommelte und sie dunkel und rutschig werden ließ. Ich fragte mich, wie lange ich wohl hier ausharren musste.

»Sie können gerne da draußen warten, wenn Sie wollen. Oder auch nicht.«

Die tiefe Stimme ließ mich herumfahren. Der blauäugige verwegene Flanellträger sah mich auffordernd an.

Ich linste an ihm vorbei in die leere Bar. Durfte er da überhaupt rein? »Sind Sie sicher, dass das in Ordnung ist?«

Auch diesmal nickte er lediglich, statt mir zu erklären, warum das in Ordnung war.

Ich blickte abermals hinaus in den strömenden Regen, dann in die warme, trockene Bar.

Hier draußen stehen bleiben und frieren oder mit einem Wildfremden zusammen in einer menschenleeren Bar hocken?

Dem Fremden entging meine Unsicherheit nicht, und irgendwie brachte er das Kunststück fertig, mich auszulachen, ohne dabei eine Miene zu verziehen oder einen Ton von sich zu geben.

Am Ende gaben seine blitzenden Augen den Ausschlag.

Ich nickte ihm zu und folgte ihm ins Innere. Aus meinen Kleidern tropfte Wasser aufs Parkett, aber da sich zu Füßen des blauäugigen verwegenen Flanellträgers ebenfalls eine Pfütze gebildet hatte, machte ich mir darüber weiter keine Gedanken.

Seine Stiefel schmatzten und quietschten auf dem Boden, als er an mir vorbeiging, und als ich ganz flüchtig die Hitze seines Körpers spürte, lief mir einen wohliger Schauer über den Rücken.

»Tee? Kaffee? Heiße Schokolade?«, rief er, ohne sich nach mir umzudrehen.

Er war im Begriff, durch eine Tür zu verschwinden, auf der PERSONAL geschrieben stand, also blieb mir nicht viel Zeit, mich zu entscheiden. »Heiße Schokolade!«, platzte ich heraus.

Ich suchte mir einen Tisch und verzog angewidert das Gesicht, als ich mich auf meine nasse Hose setzte. Wenn ich aufstand, würde ich einen hinternförmigen Wasserfleck auf dem Stuhl hinterlassen.

Wenig später schwang die Tür wieder auf, und als ich mich umdrehte, sah ich den BVF (den blauäugigen verwegenen Flanellträger) auf mich zukommen. Wortlos reichte er mir ein weißes Handtuch.

»Danke«, sagte ich und wunderte mich ein bisschen, als er nach einem weiteren Nicken abermals durch die PERSONAL-Tür verschwand.

»Schweigsamer Typ«, murmelte ich.

Aber ehrlich gesagt, fand ich seine einsilbige Art sogar recht angenehm. Ich kannte zu viele Männer, die in den Klang ihrer eigenen Stimme verliebt waren.

Ich wickelte das Handtuch um meine blonden Haare und drückte das Wasser aus den Spitzen. Nachdem sie notdürftig ausgewrungen waren, rieb ich mit dem Handtuch über mein Gesicht – nur um gleich darauf entsetzt nach Luft zu schnappen, als ich die schwarzen Flecken sah, die ich auf dem weißen Frottee hinterlassen hatte.

Hastig wühlte ich in meiner Handtasche nach dem kleinen Taschenspiegel und wurde rot vor Scham, als ich mich darin sah. Ich hatte grässliche, schwarz verschmierte Augen und Mascara-Schlieren auf den Wangen.

Kein Wunder, dass der BVF mich vorhin ausgelacht hatte.

Mit dem Handtuch rubbelte ich die Mascara-Reste ab, bevor ich peinlich berührt den Spiegel zuklappte. Jetzt war ich ungeschminkt, rot wie ein Teenager, und meine Haare klebten mir platt am Kopf.

Eigentlich war der Mann gar nicht mein Typ, aber dass er auf eine gewisse, etwas ungeschliffene Art attraktiv war, ließ sich nicht leugnen, und außerdem: Es war nie schön, sich in Gegenwart eines Mannes mit derart durchdringendem Blick wie ein triefnasses Häufchen Elend zu fühlen.

Die Tür hinter mir öffnete sich erneut, und der BVF kam mit zwei dampfenden Bechern heraus.

Ich bekam eine Gänsehaut, als er mir einen der Becher reichte und ich die köstliche Wärme zwischen meinen kalten Fingern spürte. »Danke schön.«

Er nickte und setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber. Ich musterte ihn, wie er die Beine übereinanderschlug und seinen Kaffee schlürfte. Er wirkte vollkommen entspannt – trotz seiner klatschnassen Sachen. Genau wie ich trug er Jeans, und nasser Jeansstoff auf nackter Haut fühlte sich einfach widerlich an – ganz abgesehen davon, dass er bestialisch scheuerte.

»Arbeiten Sie hier?«, fragte ich nach einigen ziemlich langen Minuten des Schweigens.

Ihn schien die Stille nicht zu stören. Im Gegenteil, er schien sich auch in Gegenwart einer Fremden vollkommen wohlzufühlen.

Er nickte.

»Als Barkeeper?«

»Mir gehört der Laden.«

Ich sah mich um. Der Raum war ganz traditionell eingerichtet. Der lange Tresen, die Tische, die Stühle, ja sogar der Fußboden bestanden aus dunklem Walnussholz. Von der Decke hingen drei ausladende Kronleuchter aus Messing, während in den Sitznischen an den Wänden Lampen mit grünen Glasschirmen für eine behagliche, fast romantische Atmosphäre sorgten. Neben der Tür befand sich eine kleine Bühne, und gegenüber den Sitznischen führten drei Stufen auf ein Podest mit zwei Pooltischen hinauf. Zwei riesige Flatscreens, einer über der Theke, der andere über den Pooltischen, legten die Vermutung nahe, dass es sich um eine Art Sportsbar handelte.

Neben der Bühne stand eine große Jukebox, die im Moment allerdings ausgeschaltet war.

»Hübscher Laden.«

Der BVF nickte.

»Wie heißt er denn?«

»Cooper’s.«

»Sind Sie Cooper?«

Er lächelte mit den Augen. »Sind Sie Detektivin?«

»Nein, Ärztin.«

Bei diesen Worten leuchtete etwas in seinem Blick interessiert auf. »Ach, wirklich?«

»Ja, wirklich.«

»Eine kluge Frau, also.«

»Würde ich meinen.« Ich grinste.

Seine Augen funkelten, ehe er erneut seine Kaffeetasse an die Lippen hob.

Seltsamerweise fand ich das Schweigen zwischen uns überhaupt nicht unangenehm. Wir tranken unsere Getränke, und irgendwie war es richtig nett und gemütlich. Ich wusste gar nicht mehr, wann ich mich in Gegenwart eines anderen Menschen – noch dazu eines Fremden – zuletzt so wohlgefühlt hatte.

Eine kleine Oase des Friedens und der Ruhe.

Als ich meine Schokolade fast ausgetrunken hatte, ergriff der BVF/möglicherweise Cooper erneut das Wort. »Sie sind nicht aus Hartwell.«

»Stimmt, bin ich nicht.«

»Und was führt Sie auf Harts Promenade, Doc?«

Ich stellte fest, wie sehr ich den Klang seiner Stimme mochte. Sie war tief und ein kleines bisschen heiser.

Ich dachte erst eine Weile über seine Frage nach, bevor ich antwortete. Was mich hierhergeführt hatte – das war kompliziert.

»Zumindest hat mich der Regen in Ihre Bar geführt«, sagte ich kokett. »Und irgendwie bin ich ganz froh darüber.«

Er stellte seinen Kaffeebecher auf den Tisch und sah mich lange an. Ich hielt seinem forschenden Blick stand, selbst als mir die Röte in die Wangen stieg. Dann streckte er unvermittelt die Hand über den Tisch. »Cooper Lawson.«

Lächelnd schüttelte ich sie. »Jessica Huntington.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Doc.«

KAPITEL 2

Jessica

Zwei Monate vorher

Justizvollzugsanstalt für Frauen

Wilmington, Delaware

»Wenn Sie noch mal gegen eine Tür laufen, lasse ich Sie einen Sehtest machen«, sagte ich trocken, während ich Mary Jos aufgeplatzte Lippe desinfizierte.

Sie sah mich finster an, erwiderte jedoch nichts. Das war ungewöhnlich. Wenn sie im Umgang mit ihren Mithäftlingen doch nur dieselbe Zurückhaltung an den Tag gelegt hätte. Dann wäre sie vermutlich nicht ganz so häufig »gegen Türen gelaufen«.

Ich legte den Wattebausch weg und streifte mir die Latexhandschuhe ab. »Mehr kann ich da nicht tun. Sie können noch eine halbe Stunde auf der Station sitzen bleiben und das Auge mit Eis kühlen. Dadurch müsste die Schwellung etwas abklingen.« Ich trat zu dem kleinen Gefrierschrank, den ich in meiner Praxis stehen hatte, und holte eine Kühlkompresse heraus.

Als ich mich danach wieder zu Mary Jo umwandte, sah sie mich durch ihr nicht zugeschwollenes Auge forschend an.

»Wieso reden Sie nicht mit uns, als wären wir Dreck? Diese alte Bitch redet immer mit uns, als wären wir Dreck.«

Ich ignorierte ihre Bemerkung über meine Kollegin Dr. Whitaker. Whitaker sah nicht nur auf die Insassinnen herab, sondern auf jeden. Und obwohl ich die Leitende Ärztin war und die meisten Stunden ableistete, wurde sie nie müde, mir zu erklären, wie ich meine Arbeit zu erledigen hatte.

»Vielleicht liegt das daran, dass ich Sie nicht für Dreck halte«, antwortete ich. Ich gab Mary Jo die Kühlkompresse und zeigte ihr, wie sie die Hand auf das verletzte Auge legen sollte.

»Ja, aber warum nicht?«

Ich hörte den Argwohn in ihrer Stimme.

Seit nunmehr zwei Jahren war ich als Gefängnisärztin tätig, und die Arbeit hatte mich einiges gelehrt. Unter anderem, dass die meisten Insassinnen niemandem über den Weg trauten.

»Warum ich Sie nicht für Dreck halte?«

»Hm.«

Ich drehte mich kurz zur Seite, um die benutzten Wattebäusche in den Eimer für medizinische Abfälle zu werfen. Die Antwort auf diese Frage war ein bisschen wie die längste Wurzel eines starken, alten Baumes: Sie saß viel zu tief in der Erde, als dass man sie hätte ausgraben können, ohne dabei den ganzen Baum zum Umstürzen zu bringen. »Wenn man einen Fehler begangen hat, macht einen das noch nicht zu einem schlechten Menschen.« Ich setzte ein Lächeln auf, ehe ich mich wieder zu ihr umdrehte. »So, Sie wären dann so weit versorgt.« Ich klopfte an die Glasscheibe, woraufhin Angela, die Schließerin, mir zunickte und die Tür aufschloss. »Doc?«

»Mary Jo soll noch etwa eine halbe Stunde hier auf der Station sitzen und ihr Auge kühlen, dann kann sie zurückgebracht werden.«

»Geht klar. Na, kommen Sie, Mary Jo.« Angela führte die Frau hinaus.

Sobald ich wieder allein war, setzte ich mich an meinen Computer, um den Eintrag in Mary Jos Krankenakte vorzunehmen. Ich war fast damit fertig, als es an meiner Tür klopfte.

Herein kam Fatima. Eins fünfundachtzig groß, stolz und durchtrainiert. Fatima sah aus wie eine Kriegerkönigin in Gefängniswärterinnen-Uniform. Und sie war für jeden Spaß zu haben.

Ich grinste. »Was machst du hier?«

Sie schnitt eine Grimasse und fuchtelte mit einem staubigen, in Leder gebundenen Buch vor meinem Gesicht herum. »Diese Mädels haben zu viel ferngesehen.« Sie setzte sich an meinen Schreibtisch und schlug das Buch auf.

Na, sieh mal einer an.

In der Mitte waren die Seiten teilweise ausgehöhlt worden. In dem so entstandenen Loch lag ein selbstgemachtes Messer. »Eine vollkommen neue Methode, eine Waffe zu verstecken.«

»Und ausgerechnet Jane Austen«, schnaubte Fatima empört. »Für so einen Quatsch muss Mr Darcy herhalten. Wissen die denn gar nicht, wie heiß der Typ ist? Ein Gentleman wie der hat was Besseres verdient, als ein Ende als Shank-Loch zu finden.«

Ich lachte. »Ich denke mal, denen ist herzlich egal, ob Mr Darcy ein Gentleman ist oder nicht.«

»Genau das ist das Problem. Statt die Bücher aus der Bibliothek als Waffenverstecke zu missbrauchen, sollten die sich lieber weiterbilden. Kein Wunder, dass der Etat gekürzt wurde.«

»Ich habe schon davon gehört.« Ich wusste, dass es Fatima eine Herzensangelegenheit war, die Frauen dazu zu animieren, die Gefängnisbücherei zu nutzen, sei es für Lesezirkel oder Computerkurse. »Das tut mir total leid.«

Sie seufzte tief. »Scheiße. Na ja, ich hab’s ja kommen sehen. Jetzt muss ich einfach versuchen, mit dem auszukommen, was mir zur Verfügung steht. Aber anderes Thema – wie war dein Date gestern Abend?«

»Ich habe dir doch erklärt, es war kein Date.« Andrew und ich waren nicht zusammen, und wir gingen auch nicht auf Dates.

Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Du musst echt mal deinen Schädel untersuchen lassen. Genau wie der Vollidiot, mit dem du in die Kiste springst. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem langen, harten Arbeitstag zu einem Mann nach Hause zu kommen.«

Ich betrachtete den goldenen Ehering, den sie bei diesen Worten unbewusst berührt hatte. »Letzte Woche hast du noch was ganz anderes gesagt. Da hast du dich darüber beschwert, dass Derek schon wieder vergessen hat, die Wäsche zu machen. Und was war in der Woche davor? Da sollte er einkaufen gehen und kam mit einem Jahresvorrat Bier und Cheetos zurück.«

Fatima sah mich strafend an. »Vergisst du eigentlich nie was?«

»Nur in den seltensten Fällen.«

»Das nervt.«

»Ist notiert.« Ich lachte.

»Okay – kann sein, dass ich Derek genauso oft erwürgen wie besteigen will, aber es ist einfach schön, mit jemandem zusammenzuleben, der zugleich dein bester Freund ist. Du solltest dir auch so jemanden suchen und deinen Dr. Beziehungspanik an die Luft setzen.«

»Du weißt doch, ich mag es lieber zwanglos.«

Sie grunzte, als würde sie mir kein Wort glauben, dabei hatte ich die Wahrheit gesagt: Ich zog wirklich unverbindliche Affären vor. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie eine feste Beziehung gehabt. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen, konnte alle Entscheidungen alleine treffen und jeden Tag so gestalten, wie ich es wollte.

Und für die Tage, an denen sich in mir gewisse Gefühle regten, hatte ich Andrews Nummer in mein Handy programmiert.

»Ich werde dich verkuppeln.« Fatima stand entschlossen auf. »Was hältst du von Schokolade?« Sie zwinkerte mir zu.

Lachend schüttelte ich den Kopf. »Schokolade ist lecker, aber im Augenblick reicht mir hin und wieder eine Kugel Vanille.«

»Immer nur Vanille ist langweilig, vor allem die Sorte Vanille, die du immer isst.« Sie schnaubte, und gleich darauf ging ihr Pager los. Sie warf einen Blick auf den Bildschirm, und jede Spur von Belustigung verschwand aus ihren Zügen.

»Alles in Ordnung?«

»Eine Auseinandersetzung im Hof. Ich muss los.«

»Pass auf dich auf!«, rief ich ihr hinterher.

»Mache ich doch immer.«

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und ich verspürte ein unangenehmes Grummeln im Magen. Es würde erst wieder verschwinden, wenn ich die Gewissheit hatte, dass Fatima nichts passiert war.

Als ich mich wieder an meinen Rechner setzte, fiel mein Blick auf das Buch, das Fatima auf dem Schreibtisch hatte liegenlassen. Neugierig nahm ich es in die Hand. Irgendwie war ich traurig, dass jemand den schönen Klassiker so verschandelt hatte. Ich schlug die erste Seite auf und wurde noch trauriger. Das Buch stammte aus dem Jahr 1940. Eine so alte Ausgabe von Stolz und Vorurteil wäre sicher etwas wert – nicht viel, aber immerhin ein bisschen. Der eigentliche Wert des Buches lag in seiner Geschichte.

Und jemand hatte es einfach zerstört.

Ich blätterte die zerschnittenen Seiten bis zum Ende durch und wollte das Buch gerade mit einem Seufzer wieder weglegen, als mein Daumen über die Innenseite des rückwärtigen Buchdeckels strich.

Hm. Er gab ein bisschen nach – und war auch etwas dicker als der vordere Buchdeckel. Neugierig betastete ich den Einband. Gleich darauf entdeckte ich am inneren Rand, ganz nahe am Buchrücken, einen dünnen, kaum sichtbaren Schnitt. Offenbar war das Vorsatzpapier an dieser Stelle aufgeschlitzt und dann wieder zugeklebt worden.

Aber warum?

Ich drückte noch ein bisschen auf dem Einband herum.

Da steckte etwas hinter dem Vorsatzblatt.

Mein Herz begann schneller zu klopfen. Was das wohl sein konnte?

Ich warf einen Blick zu den Fenstern meiner Praxis. Niemand da. Keiner beobachtete mich.

Das Buch – einschließlich Mr Darcy – war ohnehin nicht mehr zu retten, da kam es auf einen weiteren Eingriff nicht an. Ich knibbelte und pulte an dem Schnitt herum, bis es mir endlich gelang, das Vorsatzblatt abzuziehen.

»Was zum …« Staunend betrachtete ich das, was jemand zwischen Innenseite des Buchdeckels und Vorsatz platziert hatte. Als ich das Buch hochhob, rutschten vier kleine Briefumschläge in meinen Schoß.

Alle vier Umschläge waren an dieselbe Person adressiert.

Mr George Beckwith

131 Providence Road

Hartwell, DE19706

Hatte eine Insassin die Briefe versteckt?

Und wenn ja, wann?

Es kribbelte mir in den Fingern. Am liebsten hätte ich sofort einen der Umschläge geöffnet.

Doch im selben Moment schrillte das Telefon auf meinem Schreibtisch und ließ mich vor Schreck zusammenfahren. »Dr. Huntington«, meldete ich mich.

»Zwei Häftlinge sind auf dem Weg zu Ihnen. Es gab Streit beim Hofgang. Nur Schnittwunden, nichts Dramatisches.«

»Danke«, sagte ich und legte auf. Ohne nachzudenken, ließ ich die vier kleinen Umschläge in meiner Handtasche verschwinden und schob diese dann unter meinen Schreibtisch. Dann drückte ich das Vorsatzpapier wieder fest und legte das Buch beiseite, damit Fatima es später mitnehmen konnte.

Die Tür wurde aufgerissen, und herein kamen Fatima und Shayla, eine Insassin, die mir nicht unbekannt war. Shayla musste sich schwer auf Fatima stützen und hatte die Hände auf den Bauch gepresst. »Blöde Schlampe!«, keifte sie. »Ich mach diese dreckige Kackschlampe fertig!«

Fatima rollte mit den Augen, wie um zu sagen: Ist das hier wirklich unser Leben?

***

»Ausgezeichnet«, keuchte Andrew, als er kam.

Ich kicherte leise, als er sich von mir herunterwälzte und rücklings neben mir ausstreckte.

Andrew keuchte jedes Mal »Ausgezeichnet«, wenn er einen Orgasmus hatte. Es war ein nettes Kompliment, doch je länger unsere Bettbekanntschaft andauerte, desto komischer fand ich seine Angewohnheit.

Und Komik stand nicht weit oben auf der Liste von Dingen, die mich sexuell erregten. Obwohl Andrew immer noch um Längen besser war als einer meiner früheren Kerle, der von seinem guten Stück nur als von seiner »Rakete« gesprochen hatte. Mitten beim Sex hatte er mir mitgeteilt, seine Rakete sei jetzt startklar und würde jeden Moment zünden. Ich hatte nicht an mich halten können und war in schallendes Gelächter ausgebrochen, woraufhin ihm nichts anderes übriggeblieben war, als sich aus mir zurückzuziehen. Ich hatte noch versucht, mich bei ihm zu entschuldigen – es war nicht nett gewesen, über ihn zu lachen –, aber er war beleidigt abgedampft. Danach sah ich ihn nie wieder. Aber wahrscheinlich war es auch das Beste so.

Andrew drehte den Kopf auf dem Kissen und grinste mich an.

Ich lächelte zurück, und er sprang mit dem typischen Elan eines Chirurgen aus dem Bett. Sobald er im Bad verschwunden war, um das Kondom zu entsorgen, stand ich ebenfalls auf. Ich kramte meinen Pager aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass er nicht gepiepst hatte.

Ich hatte recht. Niemand hatte versucht, mich zu erreichen.

»Du bist so sexy.«

Ich sah auf. Andrew lehnte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, splitternackt und ohne jede Spur von Scham. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart ähnlich frei.

Ich feixte ihn an. »Du bist auch irgendwie ein bisschen sexy.« Das stimmte. Zwischen seinen OPs schwitzte der Mann im Fitnessraum des supernoblen Privatkrankenhauses, in dem er arbeitete. Er hatte einen geschmeidigen, athletischen Körper, den ich im Bett mit großem Vergnügen erforschte.

Normalerweise zählte ich mich nicht zu den Frauen, die ein so ausgeprägtes Selbstbewusstsein besaßen, dass sie sich nackt genauso wohlfühlten wie angezogen. Aber Andrew und ich schliefen – mit Unterbrechungen – jetzt schon seit drei Jahren miteinander. Etwa ein Jahr nach Beginn unserer Affäre war er eine feste Partnerschaft eingegangen, und während dieser Zeit hatten wir pausiert, aber als sie sich nach neun Monaten trennten und Andrew erkannte, dass er eher so gestrickt war wie ich und eine lockere Bettgeschichte bevorzugte, nahmen wir unsere Beziehung wieder auf. Wenn man sich einem Mann so oft nackt gezeigt hatte und er trotzdem immer wiederkam, konnte man davon ausgehen, dass er einen körperlich attraktiv fand. Deshalb schämte ich mich in seiner Gegenwart meiner Nacktheit nicht.

»Nur ein bisschen?«, fragte er lachend.

Ich schwieg. Der Mann hatte ein Ego so groß wie der Staat Delaware. Es war vernünftig, ihm hin und wieder einen kleinen Dämpfer zu verpassen, damit es nicht unkontrolliert immer weiter wuchs.

»Was machst du da?«, wollte er wissen, als ich in meine Hose stieg.

»Ich fahre nach Hause.«

Er stieß sich vom Türrahmen ab und kam stirnrunzelnd auf mich zu. Er hob mein Oberteil auf und hielt es so, dass ich nicht herankam. »Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich habe für dich extra zwei Stunden in meinem Terminkalender geblockt.«

Ich musste mich beherrschen, um nicht mit den Augen zu rollen. Andrew fand, dass alles im Leben so zu geschehen hatte, wie es in seinem Terminkalender stand. Er hielt sich für einen großen, wichtigen Herzchirurgen, und da er Leben rettete, stimmte das wohl auch irgendwie, aber das hieß noch lange nicht, dass ich Zeit mit ihm verbringen musste, wenn ich keine Lust dazu hatte. »Ich kann nicht länger, tut mir leid.«

Schmollend – ja, wirklich schmollend – hielt er mein Oberteil weiterhin so, dass ich nicht hinkam.

Ich starrte ihn nieder. Wenn wir gerade keinen Sex hatten, fiel mir oft auf, was für ein Arsch er sein konnte. Was einer der Gründe war, weshalb zwischen uns niemals eine ernsthafte Beziehung zustande kommen würde. Seine Arroganz und sein Egozentrismus würden mich in den Wahnsinn treiben.

Als ihm klar wurde, dass ich nicht die Absicht hatte nachzugeben, reichte er mir mein Oberteil. »Und was ist so wichtig, dass du deswegen meinen Terminplan über den Haufen wirfst?«

»Ich habe versprochen, Dr. Whitakers Schicht im Gefängnis zu übernehmen«, log ich. In Wahrheit wollte ich unbedingt nach Hause, damit ich endlich die Briefe öffnen konnte, die ich gefunden hatte. Ich hatte während meiner ganzen Schicht ständig an sie denken müssen. Einen Augenblick lang hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, mein Sexdate mit Andrew abzusagen, aber dann war mir wieder eingefallen, dass er gesagt hatte, er müsse bald zu einer Konferenz nach Schweden. Unsere Treffen fanden ungefähr einmal die Woche statt, und ich war an meine regelmäßige Dosis Sex gewöhnt, deshalb wollte ich die Gelegenheit nutzen, solange er noch da war.

Ich weidete mich am Anblick seines göttlichen Hinterteils, als er durchs Schlafzimmer ging und sich seine sorgsam gefaltete Hose von einem Stuhl schnappte. »Wieso bestehst du eigentlich darauf, in diesem Dreckloch zu arbeiten?«

Bei dieser herablassenden, verächtlichen Bemerkung über meine Arbeitsstelle kochte augenblicklich die Wut in mir hoch. Ich schwöre bei Gott, wenn der Mann nicht so geschickt mit den Händen gewesen wäre, hätte ich den Kontakt zu ihm längst abgebrochen. »Hör auf«, sagte ich scharf.

»Nein.« Er drehte sich, die Hände in die Seiten gestemmt, zu mir um. »Jessica, du bist eine großartige, eine begabte Medizinerin. Es ist eine Schande, dass du den ganzen Tag in einer schäbigen Knastpraxis hockst, obwohl du das Zeug zur erfolgreichen Chirurgin hättest.« Er zog sich mit angewiderter Miene sein Hemd über. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass du deine Stelle im Krankenhaus und damit auch die Chance auf das Forschungsstipendium einfach aufgegeben hast. Die Kollegen sehen das übrigens genauso wie ich.«

»Können wir bitte nicht schon wieder über das Thema reden?«, fuhr ich ihn an. Seit zwei Jahren führten wir immer wieder dieselbe Diskussion.

»Wenn du mir erklärst, was das Verlockende an deiner Arbeit im Knast ist, gerne. Warum willst du unbedingt dort arbeiten?«

Statt zu antworten, seufzte ich nur, schnappte mir meine Tasche und ging zu ihm. Ich strich mit den Fingerspitzen über die Falten in seiner Stirn und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund. »Gute Nacht, Andrew.«

Ich verließ seine Wohnung in dem Wissen, dass er mich verstanden hatte.

Wir waren nur Sexbuddies.

Er hatte kein Recht, sich in irgendwelche Belange meines Lebens einzumischen.

KAPITEL 3

Jessica

Obwohl ich nur wenig freie Zeit zu Hause verbrachte, hatte ich mich finanziell weit aus dem Fenster gelehnt, um mir eine Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum von Wilmington leisten zu können. Ich wollte viel Platz haben, damit mein bester Freund Matthew, seine Frau Helena und ihre gemeinsame Tochter, mein Patenkind Perry, mich besuchen konnten, wann immer sie wollten.

Es war eine weitläufige, lichtdurchflutete Wohnung mit offenem Küchen-Wohnbereich. Sie war schick und gemütlich, und beim Nachhausekommen ging mir jedes Mal das Herz auf. Wie gesagt, ich verbrachte nur wenig Zeit in meinen eigenen vier Wänden, aber diese Zeit genoss ich in vollen Zügen.

Ich sprang schnell unter die Dusche, dann föhnte ich mir hastig die Haare. Sie waren noch ein bisschen feucht, als ich meinen Schlafanzug anzog und in die Küche ging. Die Küche hatte bei meiner Wahl der Wohnung den Ausschlag gegeben. Sie war modern, hochglänzend und weiß – weiße Schränke, weißer gekachelter Boden, weiße Spüle, weißer Herd, weiß, weiß, weiß. Der einzige Kontrast war der Fliesenspiegel mit seinem aus in Glas eingeschlossener Kupferfolie gearbeiteten Blättermuster. Er war ein Hauch von Luxus, genau wie das riesige Panoramafenster an der hinteren Wand, durch das ich einen grandiosen Ausblick über die Stadt hatte.

Ich holte mir ein kaltes Bier, stand dann an den Küchentresen gelehnt und schaute zu dem großen Fenster hinaus. Einem Außenstehenden musste ich unbekümmert und sorglos erscheinen, doch in Wirklichkeit war es mir unmöglich, mich zu entspannen, weil mein Blick immer wieder zu meiner Handtasche glitt. Ich hatte sie auf meinem Lieblingssessel abgelegt.

Ach, was soll’s?

Ich konnte nicht länger warten.

Mit dem Bier in der Hand kuschelte ich mich in meinen Sessel und zog die Briefumschläge aus der Tasche. Ich wunderte mich, wieso der Absender, wer auch immer es war, sie nie abgeschickt, sondern stattdessen in einem Buch versteckt hatte. Hatte er oder sie gewollt, dass sie irgendwann gefunden wurden? War es vielleicht unrecht von mir, sie zu lesen?

Mein Gewissen entschied schließlich, dass es richtig war, die Briefe zu lesen. Ich stellte mein Bier weg und öffnete nacheinander alle vier Umschläge. In jedem steckte ein in einer wunderhübschen femininen Handschrift verfasster Brief. Ich suchte nach dem Datum.

Sie waren im Jahr 1976 geschrieben worden. Vor vierzig Jahren.

Wow.

Allein das jahrzehntealte Papier anzufassen verursachte mir eine Gänsehaut.

Ich brachte die Briefe in chronologische Reihenfolge, nahm mir den ersten zusammen mit meinem Bier vor und begann zu lesen.

Sarah Randall

Insassin Nr. 50678

Justizvollzugsanstalt für Frauen

Wilmington, DE19801

14. April 1976

Mein geliebter George,

was musst Du nur von mir denken? Ich fürchte mich davor. Ich kann unter der Last meiner Geheimnisse kaum noch atmen. Geheimnisse, die mich von Dir trennen. Geheimnisse, die alles Gute zerstört haben, das Du je von mir gedacht hast.

Vielleicht ist es zu spät für Erklärungen. Auf alle Fälle ist es zu spät, um noch etwas an meinem Leben zu ändern. Aber es ist nicht zu spät für Dein Leben. Nicht zu spät, um zu ändern, was Du von mir denkst. Ich glaube, wenn ich nur wüsste, dass Du mir vergeben kannst, wäre ich schon zufrieden.

Du sollst wissen, dass ich Dich liebe. Ich habe Dich von dem Augenblick an geliebt, als wir auf der Promenade zusammengestoßen sind. Du hast meine Bücher aufgehoben und mich gefragt, ob Du sie für mich tragen kannst. Es war eine altmodische Geste. Den anderen Jungs ging es immer darum, cool zu sein, aber Du warst einfach nur Du. Du warst der freundlichste, fürsorglichste Junge, den ich je getroffen hatte. Und Du hast mich zum Lachen gebracht. Bevor ich Dich kennenlernte, war mir überhaupt nicht bewusst, dass ich so lachen kann.

Erinnerst Du Dich noch, wie Kitty Green einmal nach dem Sportunterricht meine Kleider in der Toilette heruntergespült hat? Ich musste den ganzen Rest des Tages meine Sportsachen tragen. Alle wussten darüber Bescheid, haben mich verspottet und gehänselt. Aber Du hast mir nicht nur beigestanden, sondern bist mit mir nach der Schule sogar auf der Promenade spazieren gegangen. Du hast Kitty und die anderen gemeinen Mädchen nachgeäfft, und es war so komisch, dass meine Tränen irgendwann zu Lachtränen wurden.

Das konntest Du immer schon gut.

Was wir miteinander hatten, das war echt. Das musst Du mir glauben. Vom ersten Lächeln, vom ersten Kuss an bis zu dem Tag, als wir zum ersten Mal miteinander geschlafen haben.

Diese Momente hätte ich niemals mit jemand anderem erleben wollen. Nur mit Dir.

Wenn Du irgendetwas auf dieser Welt glaubst, dann glaub bitte das.

Bitte glaub mir, dass ich Dich mehr liebe als jeden anderen Menschen und dass diese Liebe nie vergehen wird. Du wirst das Letzte sein, was ich vor Augen habe, wenn ich aus dieser Welt scheide, und ich hoffe, dass das Bild Deiner Güte und die Liebe, die ich für Dich empfinde, ausreichen werden, um Gott erkennen zu lassen, dass ich weiß, was es heißt, im Himmel zu sein. Vielleicht wird er mir dann vergeben und mich in seinem Reich aufnehmen.

Für immer Dein,

Sarah

Es dauerte eine Weile, bis ich nach dem nächsten Brief griff. Ich hatte ein Ziehen in der Brust. Es war so unfassbar traurig, das Liebesbekenntnis dieser Frau zu lesen, ohne zu wissen, was sie und ihren Liebsten auseinandergerissen hatte. Ein kleiner Teil von mir beneidete sie sogar um diese Liebe, wenn auch der größere, vernünftige Teil von mir wusste, dass das naiv war. Sie hatte ein schlimmes Schicksal erlitten, selbst wenn sie die Liebe gekannt hatte.

Ich nahm den zweiten Brief in die Hand. Ich wollte unbedingt wissen, was der Grund für ihre Trennung und die Gefängnisstrafe gewesen war.

Sarah Randall

Insassin Nr. 50678

Justizvollzugsanstalt für Frauen

Wilmington, DE 19801

23. April 1976

Mein geliebter George,

es tut mir so leid. Ich wollte Dir alles schon in meinem ersten Brief erklären, wirklich. Aber dann habe ich den Mut verloren. Alles, was für mich noch zählte, war, Dir zu sagen, dass ich Dich liebe. Aber so wichtig das auch war, es ist genauso wichtig, dass du etwas weißt: Ich habe Ron nie geliebt.

Ich habe mich schuldig bekannt, weil es die Wahrheit war, George. Ich habe Ron getötet. Ich habe meinen Ehemann umgebracht.

Ehemann – diese Bezeichnung hat er nicht verdient. Er war grausam. Mehr als grausam. Ich weiß, es gibt keine Entschuldigung dafür, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, aber ich musste mich schützen. Ich hatte zu lange zu viel ertragen. Er hat mir wieder und wieder wehgetan. Von unserer Hochzeitsnacht an bis zu dem Tag, als ich ihn erschossen habe, hat er mir immer nur wehgetan.

Ich wollte ihn nicht heiraten. Er hat mich dazu gezwungen. Am Abend nach unserer Hochzeit hat er … Ich habe ihn nie gewollt. Nicht ein einziges Mal während unserer ganzen Ehe habe ich ihn gewollt.

Ich hatte das Gefühl, mich aufzulösen. Mich selbst zu verlieren. Und das war seine Schuld. Er hat mir alles weggenommen. Vor allem Dich.

An dem Abend, als es passierte, war er sehr wütend, als er nach Hause kam. So schrecklich wütend. Er hatte mir schon einmal gedroht, mich umzubringen, und beim letzten Mal war er so außer sich gewesen, dass er es auch fast geschafft hätte. Er hat mich so brutal verprügelt, dass ich stundenlang bewusstlos war. Hinterher ließ er einen Arzt von außerhalb kommen und gab ihm viel Geld, damit er den Mund hielt. Danach hat Ron im Ort erzählt, dass ich für ein paar Wochen auf Kur sei. Erst hat er mich fast totgeprügelt, und dann behauptete er den Leuten gegenüber, mir eine Kur spendiert zu haben.

Deshalb wusste ich es. Als er an dem Abend nach Hause kam, wusste ich, dass er mich diesmal wirklich umbringen würde. Ich hatte es kommen sehen. Ich kann es nicht genauer erklären, ich wusste es einfach tief in mir drin. Er schlug mich mehrmals, bevor ich ihm entkommen und seine Pistole an mich bringen konnte. Ich wusste, wo er sie versteckt hatte. Nach dem letzten Mal hatte ich danach gesucht, damit ich sie im Notfall holen konnte.

Er hat mich nur verächtlich angesehen und gesagt, ich hätte sowieso nicht den Mumm, abzudrücken.

Ich habe ihm mitten ins Herz geschossen. Ich war überrascht. Wirklich überrascht. Es war nicht meine Absicht gewesen, ihn zu töten. Ich wollte einfach nur, dass er aufhört.

Ich habe ihn erschossen.

Bitte verzeih mir, George.

Ich fühle mich schuldig. Ich schäme mich. Aber ich bin auch erleichtert, endlich frei zu sein. Wenn Du mir vergibst, dann kann ich mir vielleicht auch selbst vergeben.

Für immer Dein,

Sarah

Im ersten Moment wunderte ich mich über die Wassertropfen auf dem Papier, dann brachte ich den Brief hastig vor meinen Tränen in Sicherheit. Der Schmerz in meiner Brust war stärker geworden, und zum ersten Mal seit langem musste ich weinen. Ich weinte um diese mir unbekannte Frau. Ich weinte über ihre Machtlosigkeit, ihr Leiden und die tiefempfundene Scham angesichts ihrer Freiheit, von der die Zeilen des Briefes sprachen.

Als plötzlich mein Handy klingelte, erschrak ich so sehr, dass ich einen Satz in die Höhe machte. Die letzten Minuten war ich so vollkommen in die Briefe vertieft gewesen, dass ich meine Umgebung überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte.

Ich kramte in meiner Handtasche nach dem Handy. Meine Verärgerung über die Störung verflog, sobald ich sah, wer anrief.

Es war Matthew. Matthew und ich waren seit fünfundzwanzig Jahren miteinander befreundet. Er war die einzige Verbindung zu meinem alten Leben in Iowa.

»Na, du?« Ich musste lächeln.

»Hey. Sorry, dass ich so spät noch anrufe.«

»Macht doch nichts. Stimmt irgendwas nicht?«

Er stieß einen tiefen Seufzer aus, und es knisterte in der Leitung. »Helenas Mutter liegt mit Lungenentzündung im Krankenhaus.«

Ich wusste, wie nahe sich Helena und ihre Mutter standen. »O Gott. Was sagen die Ärzte?«

»Na ja, wir hoffen, dass sie durchkommt, aber selbst dann wird es lange dauern, bis sie sich vollständig erholt hat. Deshalb soll sie während der Genesungsphase bei uns wohnen.«

Da erst ging mir auf, was der eigentliche Grund seines Anrufs war. Jedes Jahr zum Jahrestag des Todes meiner Schwester verreiste ich. Dieses Jahr musste ich verzichten, weil meine Kollegin Dr. Whitaker bereits einen Urlaubsantrag für die fraglichen Wochen eingereicht hatte und sich weigerte, auch nur darüber nachzudenken, mit mir zu tauschen. Die Vorstellung, in dieser Zeit, die immer sehr schwer für mich war, arbeiten zu müssen, war beinahe unerträglich. Also war ein Urlaub mit meinem ältesten Freund und seiner Familie das Nächstbeste. In zwei Wochen wollte ich mich mit Matthew, Helena und Perry in Key West treffen, um dort gemeinsam Urlaub zu machen. Ich fuhr nie heim nach Iowa, deshalb waren diese gemeinsamen Reisen die einzige Möglichkeit, uns wiederzusehen.

Enttäuscht, aber in erster Linie voller Sorge um Helena und ihre Mutter, sagte ich: »Matt, das ist doch kein Problem. Wenn du den Besitzer des Ferienhauses kontaktierst, das wir gemietet haben, und ihm alles erklärst, kriegen wir sicher unser Geld zurück.«

»Es geht mir nicht ums Geld. Es geht mir um dich. Das war dieses Jahr die einzige Gelegenheit, uns zu sehen.«

»Mach dir wegen mir keinen Kopf. Ich denke mir was anderes aus.«

»Und rufst du mich an, sobald du dir was ausgedacht hast?«

Seine Überfürsorglichkeit zauberte mir ein Schmunzeln ins Gesicht. »Ja. Aber wichtiger ist, dass du mich über Helenas Mom auf dem Laufenden hältst. Und grüß sie und Perry ganz lieb von mir.«

»Mache ich. Wir reden dann bald, ja?«

Es lag immer noch eine gewisse Besorgnis in seinem Ton, und ich wünschte mir, ich wäre ein weniger komplizierter Mensch. Dann müsste er sich um mich nicht mehr so viele Gedanken machen. »Versprochen.«

Sobald wir aufgelegt hatten, starrte ich Sarahs letzte zwei Briefe an.

Mit einem Mal spürte ich eine schmerzhafte Leere in mir. Wie seltsam, dass Leere so wehtun konnte.

Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich hatte drei Wochen Urlaub, und in Wilmington zu bleiben kam nicht in Frage. Ich musste mir etwas einfallen lassen.

Der Gedanke erschöpfte mich, deshalb wandte ich mich stattdessen wieder den Briefen zu.

Sarah Randall

Insassin Nr. 50678

Justizvollzugsanstalt für Frauen

Wilmington, DE19801

5. Mai 1976

Mein geliebter George,

ich werde diese Briefe in die Post geben. Bestimmt. Ich brauche bloß noch ein bisschen Zeit, um die Kraft dafür zu finden. Du wirst sie alle zugleich bekommen, aber wenigstens musst Du dann nicht zu lange auf die Wahrheit warten. Du musst Dich nicht quälen, während ich versuche, meinen Mut zusammenzunehmen, um Dir zu sagen, was ich sagen muss.

Wenn ich Dich vor dieser Wahrheit bewahren könnte, würde ich es tun. Vielleicht ist es egoistisch von mir, es Dir jetzt zu sagen, nach all den Jahren, in denen ich Dich beschützt habe, aber ich habe eben so lange gebraucht, um zu verstehen, dass Geheimnisse wie Gift sind. Von allen Menschen hast Du am ehesten die Wahrheit verdient.

Ich wünschte, ich hätte damals schon gewusst, was ich jetzt weiß.

Dann wäre alles ganz anders gekommen.

Weißt Du noch, das Wochenende, als Du mit Deinem Vater nach Princeton gefahren bist, um dir den Campus anzusehen? Du warst so aufgeregt. Nie hast Du Dir etwas so sehr gewünscht, wie nach Princeton zu gehen. Nur ich, hast Du gesagt, ich wäre die Ausnahme. Ich wäre Dir immer wichtiger gewesen als alles andere.

Warum nur habe ich das damals nicht begriffen?

Es tut mir so unendlich leid.

Als Du an diesem Wochenende fort warst, kam Ron zu mir. Weißt Du noch? Er hatte mich seit Monaten belästigt. Hatte versucht, mich zu drängen, mit ihm auszugehen. Er wurde allmählich zum Problem. An dem Abend, als wir im Loretta’s waren, hat er mich angefasst, und Ihr habt Euch geprügelt. Alle auf der Promenade haben mitbekommen, dass Du ihn besiegt hast. Das hat er Dir nie verziehen. Manchmal frage ich mich, ob er es nur auf mich abgesehen hatte, weil er sich für den Abend rächen wollte.

Ron kam also zu mir, und er sagte, er hätte Beweise, dass Anderson in kriminelle Aktivitäten verwickelt ist. Ich wusste ja, wie sehr Du Deinen Vater geliebt hast und wie stolz Du auf ihn warst. Damals wusstest Du genau, wo Dein Platz im Leben ist: Du warst Sohn eines Senators und zukünftiger Princeton-Student. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Du es erfahren und vielleicht alles verlieren könntest. Aber hier ist die Wahrheit:

Ron hatte entdeckt, dass Anderson illegale Geschäfte machte, hauptsächlich im Zusammenhang mit Drogen und Prostitution. Er hatte Fotos. Selbst ich kannte Dot’s Bordell draußen an der Route 1. Auf den Fotos sah man Deinen Vater, wie er vor dem Bordell stand und Geld die Hände wechselte. Ron hatte Deinen Vater sogar im Verdacht, Stimmen gekauft zu haben. Zum Schluss hat er mir noch Überweisungen von Anderson an ihn gezeigt. Ron hat ihn mit seinem Wissen erpresst, und mehr Beweise dafür, dass er die Wahrheit sagte, brauchte ich nicht.

Damals.

Ich wünschte, ich könnte mit dem verängstigten Mädchen von früher reden und ihr sagen, sie solle Dir vertrauen, mit Dir reden, Dir die Chance geben, Dich selbst um die Sache zu kümmern. Aber ich hatte kurz zuvor meine Mutter verloren, und Du weißt ja, wie schwer das für mich war. Ich wollte nicht auch noch Deine Welt zerstören, indem ich Dir den Vater wegnehme.

Inzwischen ist mir klargeworden, wie falsch ich lag.

Bitte vergib mir.

Ron sagte mir, dass er mit dem Material zur Polizei und zur Zeitung gehen würde. Anderson würde ins Gefängnis wandern, und Du hättest keine Chance mehr, in Princeton aufgenommen zu werden. Deine ganze Zukunft stand auf dem Spiel. Ich war dumm. So dumm.

Ich habe in die Hochzeit mit Ron eingewilligt, damit er schweigt.

Danach ging alles den Bach herunter. Du hast mich gehasst. Ich sehe noch Dein Gesicht vor mir, als ich Dir gestanden habe, was ich während Deiner Abwesenheit getan hatte. Der Anblick wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen. Und ich verstehe das.

Das mit Dir und Annabelle.

Ich weiß nicht, ob Du mit ihr geschlafen hast, um mir wehzutun, oder ob Ihr Euch wirklich mochtet. Als dann das Baby kam, die kleine Marie, war ich wütend. Ich war verletzt. Ich war … Erst hatte ich meine Liebe verloren und dann auch noch meine beste Freundin – in einer Zeit, in der ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Aber mit der Zeit habe ich es verstanden. Ich hoffe, Ihr zwei seid trotz allem in Eurer Ehe glücklich geworden.

Und es tut mir leid, dass es trotz allem, was ich Dir verheimlicht habe, damit Du nach Princeton gehen und die Zukunft haben kannst, von der Du immer geträumt hast, ganz anders für Dich gekommen ist. Ich hoffe einfach, dass Du Dir in Deiner Rolle als Familienvater eine andere Art von Traum erfüllen konntest, der vielleicht sogar noch besser war als der alte. Gott, das hoffe ich wirklich so sehr, George.

Es tut mir leid, dass ich Dir die Wahrheit so lange vorenthalten habe. Ich habe mich einfach so sehr dafür geschämt, dass ich etwas getan habe, das eigentlich ganz unnötig gewesen wäre, und dass am Ende alles meiner Kontrolle entglitten ist.

Es ist selbstsüchtig von mir, das weiß ich, Dir nun nach all der Zeit doch noch die Wahrheit zu sagen. Aber das Leben ist so kurz. Das ist mir mehr denn je klargeworden. Ich muss es mir von der Seele reden. Du sollst wissen, dass ich Dich liebe.

Ich habe Dich immer geliebt. Und ich werde Dich immer lieben.

Für immer Dein,

Sarah

Mit klopfendem Herzen griff ich nach dem letzten Brief und hätte dabei um ein Haar mein Bier fallen lassen. Ich musste wissen, wie es weitergegangen war. Warum hatten die Briefe George nie erreicht?

Sarah Randall

Insassin Nr. 50678

Justizvollzugsanstalt für Frauen

Wilmington, DE 19801

8. Mai 1976

Mein geliebter George,

bis jetzt habe ich immer nur die falschen Entscheidungen getroffen. Ich hoffe, diesmal ist es anders.

Ich hoffe, diesmal tue ich das Richtige.

Ich habe Dir in meinen Briefen viel abverlangt, George,

und jetzt bitte ich Dich noch um eins: Schreib mir zurück –

nur einmal – und sag mir, dass Du die Briefe erhalten hast. Sag mir, ob Du mir vergibst. Egal, ob ja oder nein – ich möchte es wissen. Und ich wäre Dir dankbar, wenn Du es schnell tun könntest. Wirklich sehr dankbar.

Danach werde ich Dich nie wieder um etwas bitten. Nie wieder.

Ich liebe Dich.

Ich habe Dich immer geliebt. Und ich werde Dich immer lieben.

Für immer Dein,

Sarah

Mit tränennassen Wangen, laufender Nase und einem stechenden Schmerz in der Brust faltete ich die Briefe zusammen und steckte sie zurück in ihre Umschläge.

Aus irgendeinem Grund waren sie nie bei George angekommen.

Sarah tat mir so unfassbar leid.

Ein Schluchzen drang aus meiner Kehle. Ich saß in meiner dämmrigen Wohnung, und die Geschichte einer Fremden brach mir das Herz.

***

Als ich am nächsten Tag aufwachte, galt mein allererster Gedanke Sarah. Ich bekam ihre Briefe einfach nicht aus dem Kopf, und ich wusste, dass der Schmerz in meiner Brust nicht eher vergehen würde, als bis ich herausgefunden hatte, was aus ihr geworden war.

»Gibt es eine Möglichkeit, ins alte Archiv zu kommen?«, fragte ich Fatima während der Mittagspause. Ich saß zusammen mit ihr und Shelley, ihrer Schichtkollegin, in einem der Wachräume.

Fatima schluckte ihren Sandwichbissen hinunter und runzelte die Stirn. »Wieso? Kannst du nicht im Rechner nach den Patientenkarteien suchen?«

»Ich will rausfinden, was aus einer Gefangenen geworden ist, die im Jahr 1976 hier eingesessen hat.« Im Computer waren nur die Akten der Insassinnen der letzten fünfzehn Jahre gespeichert.

Shelley verzog das Gesicht. »Wen zum Geier kennst du denn, der 1976 hier eingesessen hat? Auf einmal kommt’s raus, warum sie hier arbeitet. Leichen im Keller, was?« Sie zwinkerte Fatima zu.

Fatima sah sie trocken an. »Du bist der einzige Mensch in meinem Leben, zu dem ich das jemals sagen würde, aber: Lies nicht so viel.«

Shelley wirkte entsetzt. »Dann müsste ich mich ja mit Paulie unterhalten. Nein, danke.«

Paulie war ihr Mann.

Fatima lachte und wandte sich wieder an mich. »Ernsthaft, was willst du im alten Archiv?«

»Es ist für eine Freundin. Sie kannte jemanden, der 1976 hier in Haft war. Meine Freundin möchte einfach nur wissen, was aus ihr geworden ist.«

»Hast du einen Namen? Eine Häftlingsnummer?«

»Sogar beides.«

»Okay. Ich glaube, ich kann dir vertrauen. Aber denk dran: keine Akten klauen oder fotokopieren«, warnte sie mich im Scherz.

Ich schwor es ihr.

***

Mann, war es staubig im alten Archiv. Ich knallte eine Schublade zu und nieste zum fünften Mal, als um mich herum eine weitere Staubwolke aufstieg.

Zum Glück war ich so entschlossen, dass der Staub mich nicht abschreckte.

Bei der fünften Schublade machte mein Herz einen Satz: Da waren Sarahs Name und ihre Häftlingsnummer. Ich hatte es so eilig, die Akte aus der Schublade zu zerren, dass ich sie beinahe fallen ließ. Fest an meine Brust gepresst, trug ich sie zu einem Tisch weiter hinten im Raum und knipste die Lampe an, die darauf stand. Zu meinem Erstaunen funktionierte die Glühbirne sogar noch.

Ich verstand meine Reaktion auf Sarahs Geschichte selbst nicht richtig. Alles, was ich wusste, war, dass sie mir ungewöhnlich stark unter die Haut ging. Ich hatte das Gefühl, Sarah zu kennen. Sie irgendwie zu verstehen. Und am allermeisten wünschte ich mir ein Happy End für sie.

Ich schlug die Akte auf. Das Erste, worauf mein Blick fiel, war das Foto einer zerbrechlich wirkenden Frau. Man sah noch Überbleibsel ihrer einstigen Schönheit in ihrem Gesicht, doch das Leben schien ihr den Großteil davon brutal ausgetrieben zu haben.

Als ich weiterlas, starben alle meine Hoffnungen und Wünsche für sie.

In der Akte befand sich auch eine Kopie ihrer Krankenakte mitsamt Todesdatum.

8. Mai 1976.

Der Tag, an dem sie den letzten Brief an George verfasst hatte.

Deshalb hatte er sie niemals bekommen.

Schweren Herzens las ich auch den Rest der Krankenakte. Bei Sarah war im Januar 1976 ein Non-Hodgkin-Lymphom festgestellt worden. Die ganze Zeit, während sie die Briefe an George schrieb, machte sie eine Bestrahlungstherapie durch. Die Behandlung war aggressiv, weil der Krebs schon so weit fortgeschritten war, und schließlich war sie an Herzversagen gestorben.

Ich klappte die Akte zu und fühlte mich unsagbar traurig. Jetzt wusste ich also, weshalb Sarah sich so sehr nach Georges Vergebung gesehnt hatte. Sie hatte gewusst, dass sie bald sterben würde. Und er hatte nie die Chance bekommen, ihr ihren Wunsch zu erfüllen.

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und legte dann rasch die Akte zurück. Ich wünschte, ich hätte sie nie gelesen, und ehrlich gesagt wünschte ich mir auch, Sarahs Briefe nie gelesen zu haben. Es gab schon genug Unglück in meinem Leben. Da musste ich nicht auch vom traurigen Schicksal einer Fremden wissen.

Doch während der Arbeit an diesem Tag kehrten meine Gedanken immer wieder zu dem Mann zurück, dem Sarah die Briefe geschrieben hatte. Ich fragte mich, ob George wohl noch lebte. Sarahs Akte hatte ich entnommen, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes sechsundzwanzig Jahre alt gewesen war. Wenn sie und George etwa im selben Alter waren, wäre er jetzt sechsundsechzig.

Wie schwer konnte es schon sein, den Sohn eines ehemaligen Senators ausfindig zu machen, der in Hartwell gelebt hatte, einer Stadt, die so klein war, dass ich noch nie von ihr gehört hatte, bis ich sie googelte? Wie sich herausstellte, gab es eine hübsche Uferpromenade sowie einen wunderschönen Strand, und der Ort war ein beliebtes Ausflugsziel.

In einem freien Moment googelte ich »Anderson Beckwith«. Tatsächlich fand ich einige Artikel über den Senator, und ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich auch ein Foto von George Beckwith auf dem Bildschirm. Es stammte aus dem Jahr 1982 und zeigte ihn mit seinem Vater bei einer politischen Veranstaltung an der Princeton University. Das College, von dem George geträumt hatte. Das College, das er Sarahs Opfer zum Trotz nie besucht hatte.

Ich betrachtete sein attraktives Gesicht. Er und Sarah mussten ein hübsches Paar abgegeben haben. Ich hätte so gern ein Bild von ihnen beiden gesehen, als sie noch jung und glücklich gewesen waren.

»Gott«, murmelte ich und klickte das Fenster weg. Warum ging mir das so nahe? »Du wirst langsam verrückt.«

»Wieso wirst du verrückt?«

Ich zuckte zusammen, als Fatima mit einer Tasse Kaffee für mich in die Praxis kam. Ich nahm die Tasse dankbar entgegen, runzelte aber gleichzeitig anklagend die Stirn. »Erschreck mich gefälligst nicht so.«

»Warum nicht? Soll ich etwa nicht mitkriegen, dass du Selbstgespräche führst wie eine Geisteskranke?«

Ich seufzte. »Vielleicht bin ich ja wirklich geisteskrank.«

Fatima zog die Brauen zusammen und nippte an ihrem Kaffee. »Und warum?«

»Ich habe was gemacht.« Ich zog meine Handtasche unter dem Tisch hervor und wühlte darin nach den Briefumschlägen. »Das Buch, das du konfisziert hattest, Stolz und Vorurteil … Ich habe da was im Einband gefunden …« Ich berichtete ihr alles, einschließlich dessen, was ich über das Schicksal der Verfasserin der versteckten Briefe in Erfahrung gebracht hatte.

»Warum hast du nicht einfach gesagt, dass du deswegen ins Archiv willst? Warum hast du gelogen?«

Als ich ihren spitzen Tonfall hörte, versuchte ich sie zu beschwichtigen. »Ich wollte nicht, dass du mich für verrückt hältst.«

»Ich halte dich nicht für verrückt.« Fatima las die Briefe durch, und ich sah meine Traurigkeit in ihrem Blick gespiegelt. »Das ist echt herzzerreißend.« Sie hob den Kopf. »Und ich weiß auch, warum sie ausgerechnet dich so tief berühren.«

Im ersten Moment war ich vor Angst wie gelähmt und fragte mich, ob sie etwa … nein. Völlig ausgeschlossen.

»Du kannst dir bis in alle Ewigkeit vormachen, dass du glücklich bist, dabei wissen wir doch beide, dass das Leben mehr zu bieten hat.« Fatima reichte mir die Briefe zurück. Ihr Blick war sanft, während sie mir einige harte Wahrheiten auftischte. »Du hast keine Familie, keinen Partner, und dein bester Freund lebt über tausend Meilen weit entfernt. Ich bin froh, dass du hier arbeitest, aber es drängt sich einem doch die Frage auf, was um alles in der Welt dich dazu bewogen hat, ausgerechnet hier zu arbeiten, obwohl du so viele andere Möglichkeiten hättest. Kannst du denn ehrlich behaupten, dass du mit dreiunddreißig Jahren da stehen wolltest, wo du jetzt gerade stehst?«

***

Später am Abend saß ich stundenlang allein in meiner leeren Wohnung. Fatimas Fragen klangen noch in mir nach. Die Frau nahm nie ein Blatt vor den Mund, doch ich hatte die Wucht ihrer Worte nie so heftig gespürt wie heute.

Ich wollte nicht glauben, dass sie recht hatte und ich deshalb so stark für diese Frau empfand, die ich durch ihre Briefe kennengelernt hatte, weil ich genau wie sie das Gefühl hatte, dass mir das Leben aus den Fingern geglitten war.

Dass es auch für mich keine Hoffnung auf ein Happy End gab.

Und vielleicht war das ja wirklich so. Vielleicht hatte ich es sogar darauf angelegt.

Ich nahm mein Telefon und rief Matthew an.

»Wie geht es Helenas Mutter?«, sagte ich statt einer Begrüßung.

»Unverändert. Immerhin ist es nicht schlimmer geworden, das ist ein gutes Zeichen.«

»Kann ich irgendwas tun?«

»Du könntest mir sagen, weshalb du anrufst.«

Ich verdrehte die Augen, als ich die Belustigung in seiner Stimme hörte. Er kannte mich zu gut. »Ich sorge mich wirklich um deine Schwiegermutter.«

»Das weiß ich doch. Aber ich weiß auch, wenn deine Stimme so hoch und zittrig wird, dass du dir wegen irgendwas Sorgen machst.«

»Ist mein Leben leer?«

»Schatz«, sagte er.

Dieses eine Wort sagte alles.

Matthew war der Ansicht, dass mein Leben leer war.

Na klar. Im Vergleich zu seinem war es das auch. Er war Architekt aus Leidenschaft, er hatte Helena, in die er (immer noch!) bis über beide Ohren verliebt war, und er hatte seine kleine Tochter Perry, die er vergötterte. Und es war auch nicht schwer, sie zu vergöttern, denn sie war der coolste, tollste Mensch seit Jimmy Stewart! Natürlich schien mein Leben verglichen mit dem meines besten Freundes leer und sinnlos.

»Du brauchst diesen Urlaub, Jess. Mehr will ich gar nicht dazu sagen. Kehr dem Gefängnis, deiner Wohnung und diesem Idioten, mit dem du ins Bett gehst, für eine Weile den Rücken.«

»Um Klarheit zu gewinnen?«

»Ganz genau«, sagte Matthew. »Helena und ich waren letztes Jahr auf Hawaii, und das war einfach wundervoll. Da würde es dir bestimmt auch gefallen.«

»Hawaii.« Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich ein paar Wochen lang am Strand lag und Cocktails trank.

»Es gibt einige richtig schöne Wanderwege auf Honolulu. Wassersport. Tiefseetauchen. Da kann man viel mehr machen, als nur am Pool Cocktails zu schlürfen.«

Trotzdem fühlte sich Hawaii nicht richtig an. »Ich glaube eher nicht.«

»Okay, wohin würdest du denn gerne reisen?«

Ehrlich: Der bloße Gedanke, Urlaub zu machen, um Abstand zu gewinnen und mein Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten, machte mir ein bisschen Angst. Was, wenn ich erkennen musste, dass ich mein Leben hasste? Das wäre eine Katastrophe. Und mein Bedarf an Katastrophen war gedeckt.

»Jess?«

»Hartwell«, platzte ich heraus. »Ich fahre nach Hartwell.«

»Hart- was?«

»Hartwell. Das ist ein Badeort hier in Delaware.«

»Wie abenteuerlustig von dir.«

»Ich möchte betonen, dass Hartwell ein aufregender Ort ist.«

»Er liegt in Delaware, Süße. In demselben Staat, in dem du lebst und arbeitest. Wenn du wirklich auf Abenteuer aus wärst, würdest du nach Hawaii oder in den südamerikanischen Urwald reisen.«

»Du kannst von Glück reden, dass ich dich so gern habe, du arroganter Blödmann.«

»Du kannst von Glück reden, dass ich dich so gern habe, du alte Nervensäge.«

Beim Klang seines warmherzigen Lachens fühlte ich mich zum ersten Mal seit Entdecken der Briefe wieder ein bisschen besser.

KAPITEL 4

Cooper

Hartwell, Delaware

»Es liegt an der Lichtmaschine, Ayd«, sagte Cooper, starrte in den Motorraum des Wagens und tat so, als spüre er nicht, wie die beste Freundin seiner Schwester ihre Brüste gegen seinen Rücken presste.

»Wirklich?«, hauchte sie. »Und was ist mit diesem Quietschen, das ich gehört habe, ehe er mir verreckt ist?«

»Wahrscheinlich muss der Keilriemen ausgewechselt werden.« Er richtete sich auf und ging einen Schritt auf Abstand.

Aydan war eine attraktive Frau, aber Cooper hatte eine Regel: Er würde mit keiner Frau ins Bett gehen, die verletzt wäre, wenn er sich nach der gemeinsamen Nacht nicht wieder meldete. Und vor allem würde er nichts mit Cats bester Freundin anfangen. Nicht nur, weil er seine Schwester nicht verärgern wollte, sondern weil Aydan im Moment einfach zu verletzlich war. Vor einem Jahr hatte ihr Mann sie und ihre pubertierende Tochter Angela einfach sitzenlassen. Sie hatte Mühe, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, was auch der Grund war, weshalb er sich bereit erklärt hatte, ihr Auto zu reparieren, damit sie nicht in die Werkstatt fahren und die Reparatur teuer bezahlen musste.

Allerdings wusste er von Cat, dass Aydan nach einem neuen Mann Ausschau hielt.

Cooper war nicht dieser Mann.

Für den Moment machte er um alles, was nach Beziehung aussah, einen großen Bogen.

Doch obwohl sie in einer Kleinstadt lebten und jeder wusste, dass Cooper nicht auf etwas Festes aus war, schien Aydan wild entschlossen, ihre Chancen bei ihm auszuloten.

Als er bei ihr vorbeigekommen war, um den Wagen in seine große Garage außerhalb der Stadt zu schleppen, hatte er sofort gemerkt, dass etwas im Busch war. Der kurze Jeansrock, das enge Tanktop und die roten Highheels waren Indizien genug gewesen.

Normalerweise trug Aydan eher bequeme Sachen. Rock und Highheels kannte er bei ihr allenfalls von früher, als sie noch mit Cat zusammen um die Häuser gezogen war.

Mist.

»Ich bin dir wirklich total dankbar, Coop«, sagte Aydan und kam ihm erneut ganz nahe. Sie strich mit der Fingerspitze seinen nackten Arm entlang. »Vielleicht könnte ich dich ja als Dankeschön zum Abendessen bei mir einladen?«

Mist.

»Klar – du, ich, Angela, Cat und Joey«, sagte er, wobei er ganz bewusst ihre Tochter und seinen Neffen ins Spiel brachte. »Ein Familiendinner – klingt super.«

Sie machte ein enttäuschtes Gesicht. »Also, eigentlich dachte ich eher an …«