The Way We Melt - Nena Tramountani - E-Book
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The Way We Melt E-Book

Nena Tramountani

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Beschreibung

Darcy & Nicolas

»Für mich hat sich nichts verändert. Gar nichts, Darcy.«
»Das tut mir leid für dich. Für mich hat sich nämlich alles verändert.«


Ihre Gefühle hält Darcy seit Jahren unter Verschluss. Niemand weiß, wie hart das letzte Jahr für die junge Köchin im Sternerestaurant Prisma war. Wie weh es tat, als Nicolas, der älteste Sohn der Restaurantbesitzer, seine Heimat Goldbridge auf der Suche nach Freiheit verließ. Wie besonders ihre Verbindung war. Als Nic auf einmal wiederauftaucht und ganz selbstverständlich ein Foodstyling-Projekt initiiert, kann Darcy ihre Wut kaum im Zaum halten. Da sie für ihre kreative Ader bekannt ist, fällt ausgerechnet ihr die Aufgabe zu, die feinen Gerichte für Nics Fotos in Szene zu setzen. Mit Genugtuung bemerkt sie, dass er ohne sie aufgeschmissen ist – aber auch, wie hervorragend sie sich immer noch ergänzen. Darcy fühlt sich nicht nur von Nic verraten, der sie im Stich ließ – sondern auch von ihren Gefühlen, die plötzlich in ungeahnter Intensität aufflammen …

Der Abschluss der süchtig machenden Hungry-Hearts-Reihe.

Entdecken Sie auch die weiteren Bände der Hungry-Hearts-Reihe:

1. The Way I Break
2. The Way You Crumble
3. The Way We Melt

Alle Romane können unabhängig voneinander gelesen werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 504

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NENA TRAMOUNTANI liebt Kunst, Koffein und das Schreiben. Am liebsten feilt sie in gemütlichen Cafés an ihren gefühlvollen Romanen und hat dabei ihre Lieblingsplaylist im Ohr. Nach ihrer erfolgreichen Soho-Love-Reihe nimmt sie ihre Leserinnen mit ihrer Hungry-Hearts-Trilogie mit auf eine kulinarisch-prickelnde Reise in ein Sternerestaurant an der englischen Küste. Nena Tramountani lebt in Stuttgart.

Außerdem von Nena Tramountani lieferbar:

Fly & Forget

Try & Trust

Play & Pretend

The Way I Break

The Way You Crumble

Nena Tramountani

The Way We Melt

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2023 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de).

Redaktion: Melike Karamustafa

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung von Motiven von www.buerosued.de

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-28532-6V001

www.penguin-verlag.de

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet sich hier eine Triggerwarnung. Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch. Wir wünschen allen das bestmögliche Leseerlebnis.

Nena Tramountani und der Penguin Verlag

Für alle, die uns an »für immer« glauben lassen.

1. Kapitel Darcy

Happier than ever

»Zu dir oder zu mir?«

Kiki strich mir grinsend eine Strähne hinters Ohr. Wir lehnten nur Millimeter voneinander entfernt an der pastellblauen Fassade, der Herbstwind zerzauste unsere Haare, und mein Herz sollte schneller klopfen – vor Aufregung, freudiger Erregung, irgendetwas in die Richtung.

Ihre Frage war rhetorisch. Meine WG befand sich in dem Haus, vor dem wir standen, Kikis auf dem East Hill.

Ich lächelte zurück, doch ihre Miene verriet mir, dass sie es mir nicht abnahm. Die letzten Stunden waren wie im Flug vergangen. Wir hatten im schönsten Pub der Stadt Recipe for disaster begonnen, ein paar Cider getrunken, uns dann am Flipperautomat gebattelt – sie hatte erst gewonnen und mich dann ziemlich offensichtlich gewinnen lassen – und schließlich einen langen Strandspaziergang unternommen, bevor wir zurück in die Altstadt und geradewegs zu meiner WG gelaufen waren. Solange ich mit ihr sprach, war alles okay. Sie war witzig, schlau und nicht zu vergessen bildhübsch – indigoblau gefärbte Locken, die bis zur Mitte ihres Rückens reichten, stechend schwarze Augen und volle Lippen. Es hatte einige Wochen gedauert, bis ich bereit gewesen war, sie nach einem Date zu fragen, und sie hatte sofort zugesagt. Alles lief genau so, wie es laufen sollte. Ich hatte noch nie ein besseres erstes Date gehabt. Die Gesprächsthemen waren uns nicht ausgegangen, und es war offensichtlich, dass wir uns gegenseitig attraktiv fanden.

»Zu mir«, flüsterte ich und wollte nach ihrer Hand tasten, überlegte es mir allerdings auf halber Strecke anders, steckte sie stattdessen in meine Manteltasche, wo ich sie zur Faust ballte.

Die Sonne würde bald untergehen, der Himmel strahlte in verschiedenen Goldtönen, und zu unseren Füßen befanden sich mehrere bunt gefärbte Blätter. Ich liebte Goldbridge um diese Zeit.

Alles war perfekt.

»Julian ist zu Hause«, fuhr ich fort, ohne sie anzusehen. Julian war mein Mitbewohner und bester Freund seit Kindheitstagen. »Aber seine Freundin müsste bald von der Arbeit kommen, der wird uns also nicht …«

»Darcy.«

Kikis Stimme klang sanft, aber bestimmt.

Ich atmete tief durch und hob den Kopf, um ihrem Blick zu begegnen. »Hm?«

»Es ist okay.« Ihr Lächeln wurde verständnisvoll. »Ich verstehe es.«

Hitze kroch meinen Hals empor. »Was meinst du?«

Sie legte den Kopf schief. Ihre Augen funkelten. »Ich finde dich toll, seit ich dich das erste Mal im Workshop deiner Mum gesehen habe. Und die letzten Stunden haben mich nur in meiner Vermutung bestätigt. Du bist sogar noch cooler, als ich mir ausgemalt habe. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn mein Crush auf Gegenseitigkeit beruht.«

Das Blut schoss mir nun direkt ins Gesicht. Da war es, das Herzklopfen. Nur leider aus den falschen Gründen.

»Ich weiß nicht, was meine Mutter dir erzählt hat«, entfuhr es mir eine Spur zu laut. »Aber das ist nicht nur eine Phase für mich. Du bist kein Experiment. Ich weiß es schon lange, ich hatte nur keine Lust, mit ihr darüber zu reden, weil sie … Weil sie ein Riesending aus allem macht. Mir ist klar, dass es ein Privileg ist und dass nicht alle so ein Glück mit ihren Eltern haben.« Ich nahm zwei tiefe Atemzüge. »Kiki, ich hatte wirklich viel Spaß mit dir, ich schwöre, du bist …«

»Hey.« Ihre kühlen Finger umfassten mein Handgelenk. »Du musst dich wirklich nicht rechtfertigen. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, als Experiment behandelt zu werden.« Kiki seufzte. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft eine Hetero-Frau mit mir in der Öffentlichkeit rumgemacht hat, damit ein paar Typen geil davon werden. Du bist offensichtlich nicht hetero, Darcy.« Ihr Lächeln schwand, und ihr Blick wurde traurig. »Aber du bist verliebt, oder?«

Ich starrte sie an.

»Wer auch immer die Person ist, sie kann sich glücklich schätzen. Melde dich, wenn du bereit bist, sie mit meiner Hilfe zu vergessen.«

Und mit diesen Worten beugte sie sich vor, drückte ihre Lippen kurz auf meine Wange, drehte sich um und lief die Straße den Hang runter.

Wie angewurzelt blieb ich stehen und sah ihr hinterher, bis ihre Lockenmähne nichts als ein blauer Punkt zwischen den Pastellhäusern war.

Verliebt.

Ich war nicht verliebt. Ich war hoffnungslos verloren.

2. Kapitel Darcy

I wouldn’t wish this love on anybody else

Jeder Schritt nach oben erforderte meine gesamte Willenskraft. Am liebsten wäre ich Kiki hinterhergerannt, hätte ihr Gesicht zwischen die Hände genommen und meine Lippen auf ihre gepresst, um ihr zu zeigen, wie bereit ich war. Leider spürte ich einen Druck hinter meinen Augenlidern, der mir verriet, wie kurz davor ich stand loszuweinen. Es war heute wirklich gut gewesen. Ich belog mich bei Dates nicht mehr. Nachdem Julian und ich jeweils eine schlechte Erfahrung damit gemacht hatten, hatten wir ein Abkommen getroffen: radikale Ehrlichkeit, währenddessen und auch danach. Mit uns selbst, mit der Person, mit der wir auf dem Date waren, und miteinander. Manchmal dauerte es eine Weile, bis man die Situation mit neuen Menschen einordnen konnte. Nicht dass es für mich in letzter Zeit viele Gelegenheiten dafür gegeben hätte. Die Dates, auf denen ich in den vergangenen zwei Jahren gewesen war, konnte ich an einer Hand abzählen. Bei Julian waren es noch weniger gewesen – aber er hatte jetzt Tori.

Ich zwang mich, meine Schritte zu beschleunigen. Im ersten Stock hielt ich kurz inne, falls die Tränen kommen wollten, aber ich spürte, wie ich mich sofort entspannte, als ich die vertraute Umgebung wahrnahm. Überall standen Pflanzen herum, Henrietta, die Hausbesitzerin und Bewohnerin der untersten Wohnung, und ich kümmerten uns gemeinsam darum, und der Duft nach Zimt und Quitten erfüllte das Treppenhaus.

Ich war stolz auf mich. Es war alles in Ordnung. Ich hatte es gewagt, auf dieses Date zu gehen, hatte mich getraut, etwas Neues auszuprobieren. Dann war ich eben noch nicht bereit dafür. Es war gut, das zu wissen. Es bedeutete nicht, dass ich versagt hatte.

Und wann wirst du bereit sein? Nachdem weitere zehn Jahre vergangen sind? Wenn du irgendwann alt bist und dein gesamtes Leben zusammen mit den verpassten Chancen an dir vorbeigezogen ist?

Zum Glück war ich inzwischen bei der obersten Tür angekommen. Bei Jules und meinem Einzug hatte ich sie in verschiedenen Blautönen und mit goldenen Linien bemalt. Das war es, was ich jetzt brauchte. Sicherheit und Gewohnheit. Das Gesicht meines besten Freundes, mit dem ich über alles auf der Welt sprechen konnte, außer über dieses eine Thema. Unter anderen Umständen könnte man das als Belastung sehen, aber heute war es gut. Ich brauchte Ablenkung.

Sobald ich den Schlüssel ins Schloss steckte, ertönten Schritte auf der anderen Seite der Tür. Im nächsten Moment wurde sie aufgerissen. Julian stand mit zerzausten schwarzen Haaren und ausschließlich mit grauer Jogginghose bekleidet vor mir. Seine dunklen Augen glühten, und seine Nasenflügel waren gebläht.

So viel zu Sicherheit und Gewohnheit.

Ich betrat unsere Wohnung, schlug die Tür hinter uns zu und fasste ihn bei den Schultern. »Hey, was ist los?«

»Nichts! Wie war’s mit Katerina?«

Sekundenlang war er damit beschäftigt, die Wut zurückzudrängen und mir ein Lächeln zu schenken. Ich rollte mit den Augen. Netter Versuch.

»Jules. Rede.«

Er stöhnte laut auf, wartete, bis ich meine Schuhe von den Füßen gekickt hatte, half mir aus meinem Mantel und zog mich dann zur Hollywoodschaukel, die rechts von der Tür hing.

Als wir saßen, stöhnte er erneut auf. »Sie kommen zurück. Heute.«

Alles in mir erstarrte zu Eis, doch ich war inzwischen geübt darin, meine Gefühle in Schach zu halten.

Sie. Sie kommen zurück. Plural. Nicht nur er.

»Wer?«, fragte ich, so ruhig ich konnte, während in mir absolutes Emotionschaos ausbrach.

Julian warf mir einen ungeduldigen Blick zu und raufte sich mit beiden Händen die Haare. »Meine Brüder«, würgte er hervor.

»Wie … Wie meinst du das?«

Anscheinend war er zu aufgewühlt, um die Panik in meiner Stimme herauszuhören. »Genau so wie ich es sage! Mum hat mich angerufen und gefragt, ob ich mitkommen will, um sie vom Bahnhof abzuholen. Sie hat sich extra den halben Tag freigenommen, damit sie ein Festessen vorbereiten kann.«

Vor vier Wochen war Alexis, Jules’ jüngerer Bruder, nach London gefahren, weil er eine Auszeit vom Prisma – das war das Restaurant, das ihren Eltern gehörte und in dem auch ich als Köchin arbeitete – gebraucht hatte, nachdem ein paar schlimme Dinge mit ihrem Dad geschehen waren. Als Julian mir davon erzählt hatte, war fast mein Herz stehen geblieben. Alexis fuhr nicht einfach nur nach London. Er fuhr nach London zu seinem großen Bruder Nicolas. Zu wissen, dass sich dieser so nahe von Goldbridge aufhielt, hatte in den letzten Monaten meinen inneren Frieden aufs Spiel gesetzt. Wenn ich ganz ehrlich zu mir war, dann war das auch der Grund dafür, dass ich Kiki nach einem Date gefragt hatte. Doch es war nichts gegen dieses Wissen – dass er zurückkam. Hierher, nach Goldbridge.

Innerlich zählte ich bis zehn, dann erst wagte ich es, etwas zu erwidern. »Und wieso macht dich das so wütend?«

Die Antwort darauf kannte ich natürlich bereits. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass er sich den Frust von der Seele reden musste.

»Darcy, er hat sich zwei Jahre lang nicht blicken lassen, und jetzt kehrt der verlorene Sohn zurück, und wir sollen alles stehen und liegen lassen, um ihm den perfekten Empfang zu bereiten? Ihm ja ein gutes Gefühl geben, damit er sich nicht gleich wieder verpisst? Bei diesem Theater mache ich nicht mit. Er kann mich mal. Wir haben ihn so sehr gebraucht, und er war nicht da!« Seine Stimme brach, und die Tränen, die er mit aller Macht zurückzuhalten versuchte, waren nicht zu überhören. »Ich will sein Scheißgesicht nicht sehen. Ich will nicht nett zu ihm sein. Ich … ich halte es nicht aus, wenn er …«

Den Rest musste er nicht aussprechen. Wenn er wieder geht. Das war das Ende des Satzes.

Ich weiß, wollte ich schreien. Verdammt, ich weiß, mir geht es doch genauso!

Julian hasste seinen großen Bruder, weil dieser nicht da gewesen war, als ihre Familie in die Brüche gegangen war. Weil Julian derjenige sein musste, der andauernd alle rettete, während sein Bruder durch die Welt reiste und seinen Traum als professioneller Fotograf lebte. Aber am meisten hasste er ihn, weil er ihn jeden Tag vermisste. Das hatte er mir nie gesagt. Ich spürte es, so wie ich jedes seiner anderen Gefühle spürte. Jules und ich waren seit dem Kindergarten miteinander verbunden.

Und ich?

Ich hasste Nicolas Bithersea, weil ich es nie geschafft hatte, ihn zu hassen. Nicht mal ansatzweise. Nicht mal für kurze Zeit. Auch nicht, nachdem er mir das Herz aus der Brust gerissen hatte und anschließend darauf herumgetrampelt war.

Die Erinnerung an letztes Weihnachten riss mich mit, und ich konnte nichts dagegen unternehmen.

3. Kapitel Darcy

The opposite of what you said you’d do

Darcy: Ich kann das nicht mehr. Es macht mich kaputt.

Nicolas: Es tut mir leid, ich werde es wiedergutmachen, das schwöre ich. Der Auftrag kam so spontan, und er ist eine riesige Chance für mich.

Nicolas: Bitte, bitte sei nicht sauer.

Darcy: Ich bin nicht wütend auf dich.

Es war der fünfundzwanzigste Dezember. Ich befand mich in den Prisma-Mitarbeitertoiletten, jeden Moment könnte jemand hereinkommen. Ich trug mein rückenfreies dunkelrotes Glitzerkleid, die schwarzen glatten Haare lagen offen auf meinen Schultern, meinen kurzen Pony hatte ich mit Haarspray fixiert. All die Mühe, die ich mir mit meinem Make-up gegeben hatte, und jetzt tropfte es in den Abfluss. Schwarz und grün und silbern.

Nicolas: Kannst du bitte ans Handy gehen? Bitte lass uns reden.

Darcy: Nein. Wenn ich mit dir rede, dann werde ich mich wieder davon überzeugen, dass ich stark genug bin. Ich kenne mich.

Er tippte und stoppte, während mir unaufhörlich Tränen übers Gesicht strömten und das Handy in meinen Händen zu zittern begann. Ich hob den Kopf und zwang mich, mein Spiegelbild zu fixieren. Draußen waren alle mit dem Herrichten des Weihnachtsmenüs beschäftigt.

Wie lange hatte er schon gewusst, dass er absagen würde?

Mein Handy vibrierte.

Nicolas: Bitte lass mich dein Gesicht sehen. Ich ertrage es nicht, wenn etwas zwischen uns steht.

Ein Lachen entfuhr mir, doch es klang wie ein Schluchzen.

Darcy: Es steht immer etwas zwischen uns, und ich halte das nicht mehr aus. Ich meine es ernst.

Nicolas: Ich komme an Neujahr, das schwöre ich. Ich nehme den ersten Flug, sobald ich hier fertig bin.

Darcy: Nein. Das wird nichts ändern. Es ist nicht nur wegen heute. Ich kann nicht mehr. Diese ganze Geheimniskrämerei und das ständige Warten machen mich fertig. Wir halten einander davon ab, unser richtiges Leben zu leben.

Nicolas: Ich habe kein richtiges Leben ohne dich.

Fahrig wischte ich mir übers Gesicht. Ich durfte nicht zu lang über diese Worte nachdenken.

Darcy: Und das findest du normal?

Nicolas: Ich scheiß auf normal, Darcy. Ich liebe dich.

Darcy: Ich liebe dich auch. Aber ich liebe mich mehr.

Ohne seine Antwort abzuwarten, klickte ich auf die Chatleiste oben, scrollte runter und tat das, was ich hätte tun sollen, als der erste und einzige Mensch, in den ich je verliebt gewesen war, vor einem Jahr Goldbridge verlassen hatte.

Ich blockierte seine Nummer.

4. Kapitel Nicolas

You say happiness exists, but you’re not sure where it goes

»Du hast noch fünfzehn Minuten.«

»Was?«

Alexis und ich saßen im Speisewagen des Zugs, der uns von London nach Plymouth brachte, und ich war gerade dabei, meinen zweiten Gin Tonic zu kippen, während mein kleiner Bruder lustlos in seinen Pommes rumstocherte und mir argwöhnische Blicke zuwarf. Er hasste es aus nachvollziehbaren Gründen, mich trinken zu sehen, und in den letzten Wochen hatte ich mich wirklich zurückgehalten, aber heute ging es nicht anders. In Plymouth würde uns Mum abholen, und von dort aus war es nur noch eine kurze Autofahrt bis nach Goldbridge. Ich brauchte wirklich jede Unterstützung, die ich kriegen konnte.

»Um mir zu erzählen, was los ist.«

»Was soll los sein?« Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln. »Kann’s kaum erwarten, Mum zu sehen.«

Alexis’ Augen wurden schmal. Obwohl wir den letzten Monat miteinander verbracht hatten, war es ungewohnt, ihn so zu sehen. So erwachsen. Seinen schwarzen Lockenkopf hatte er abrasiert, und neben dem Brüder-Tattoo auf der Hand, das wir uns zu dritt stechen lassen hatten, zierten inzwischen unzählige weitere Tattoos seinen Körper. Aber das war nicht alles. Eine Dunkelheit hatte sich in seine Augen geschlichen, die nichts mit seinem Äußeren zu tun hatte. Es war ein Schock gewesen, ihn nach zwei Jahren wiederzusehen. Aber das war nichts gegen den Schock, als er mir Stück für Stück erzählt hatte, was in unserer Familie vor sich ging. Die Kurzfassung: Mum hatte Dad betrogen, Dad war alkoholsüchtig und hatte Alex monatelang als emotionalen Mülleimer missbraucht, dieser hatte zu sprechen aufgehört, und mit unserem Familienrestaurant Prisma ging es den Bach runter. Ich hatte natürlich mitbekommen, dass wir statt zwei nun nur noch einen Michelin-Stern hatten, aber nicht, wie schlimm es tatsächlich um das Restaurant stand. Oder besser gesagt, ich hatte alles dafür getan, um es nicht mitzubekommen … Tja, und dann war irgendwann alles explodiert.

»Du hast vergessen, mit wem du redest, Nic«, sagte er leise. »Auch ich war ein Meister im Verdrängen.« Schwere Regentropfen prasselten gegen die Zugfenster, und binnen Sekunden wurde die Umgebung draußen düsterer. Novemberwetter. »Ich bin der Letzte, der dich dafür verurteilt, wenn du keine Lust hast, über den Scheiß zu reden, aber verarsch mich nicht. Wir haben uns darauf geeinigt, dass diese Zeiten hinter uns liegen.«

Alexis war der Einzige aus meiner Familie, mit dem ich im vergangenen Jahr noch regelmäßig Kontakt gehabt hatte. Mit unseren Eltern hatte ich auch ab und zu telefoniert, aber mein kleiner Bruder hatte fast täglich mit mir geschrieben. Nur Oberflächliches, nicht zu vergleichen mit der Person, mit der ich zuvor mein Leben geteilt hatte, auch wenn ich mich Tausende Kilometer von ihr entfernt befunden hatte, aber besser als nichts. Und dann war da auch noch Julian. Das Sandwichkind. Das letzte Mal hatte ich ihn vor ein paar Monaten angerufen und versucht, Nähe aufzubauen. Er hatte mich zum Teufel geschickt. Niemand hasste mich so sehr wie Julian. Ich hatte immer angenommen, dass er einfach eifersüchtig war, weil ich meinen Traum lebte und er in Goldbridge und einem Job festsaß, der ihn nicht erfüllte. Nachdem mir Alex von dem Familiendrama erzählt hatte, war mir allerdings bewusst geworden, dass es nicht ausschließlich an der Eifersucht liegen konnte. So oder so, ich würde mir kein schlechtes Gewissen machen lassen. Es war nicht meine Aufgabe, unsere Eltern zu retten. Sie waren erwachsen und hatten Mist gebaut, also sollten sie zusehen, wie sie da wieder rauskamen. Und wenn Jules mich dafür verantwortlich machen wollte, dass ich mein Leben nicht genau wie er für sie aufopferte, dann war das nicht mein Problem.

Okay, das war alles schön und gut, trotzdem hatte ich Schiss davor, ihn wiederzusehen. Nicht dass ich das jemals zugegeben hätte.

»Nic.« Alexis schnipste einmal vor meinem Gesicht. »Hey.«

Statt einer Antwort seufzte ich laut und trank den Rest meines Drinks.

»Okay, lass mich dir eine Frage stellen: Wieso bist du mitgekommen?«

Es war wirklich ungewohnt, ihn so hartnäckig zu erleben. Unsere Beziehung hatte in den letzten beiden Jahren auf Small Talk basiert. Und auch in London war er mir nicht auf die Pelle gerückt. Ich war erleichtert gewesen, dass er zum großen Teil das Reden übernommen hatte, während ich uns zu den coolsten Spots ausführte und mich darum kümmerte, dass er die bestmögliche Zeit hatte.

»Ich war seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause«, antwortete ich trocken. »Wurde mal wieder Zeit, oder? Außerdem steht der nächste Job erst im kommenden Jahr an. Es hat zeitlich einfach gepasst.«

Er verdrehte die Augen, verschränkte die Arme, lehnte sich in seinem Sitz zurück und starrte aus dem Fenster. »Du bist ein Schisser.«

Die Worte waren leise, kaum hörbar bei dem Rattern des Zugs. Ich hörte sie trotzdem.

Mein Herz beschleunigte.

Damit hatte er mich.

Ich war nicht nur ein Schisser, ich war der größte Feigling, den ich kannte. Mir war schon klar, was mit mir los war. Doch die einzige Person, mit der ich es wagte, ansatzweise darüber zu sprechen, war Felicia, die Therapeutin, die ich über Better Help gebucht hatte und mit der ich seit Anfang des Jahres regelmäßig Videocalls führte. Seit nach dem Hochzeitsshooting. Nach der Insel. Nach …

Nein.

Wie sollte ich das meinem kleinen Bruder auf die Nase binden nach all dem Bullshit, den er durchgemacht hatte?

Die letzten vier Wochen mit ihm waren das erste Mal seit fast einem Jahr gewesen, dass ich mich wie ein normaler Mensch gefühlt hatte. Alexis dachte, ich hätte mich um ihn gekümmert, weil ich ihn mit köstlichem Essen versorgt, zu den schicksten Rooftopbars gebracht und über sein Trauma reden lassen hatte, doch eigentlich war es genau andersrum. Durch seine Anwesenheit hatte ich mich daran erinnert, wer ich gewesen war, bevor ich Goldbridge verlassen hatte.

Als er mir eröffnet hatte, dass er zurückwollte, hatte ich keine Sekunde gezögert. Ich wollte ihn nicht allein gehen lassen. Und was konnte ein kleiner Besuch schon schaden? Sobald es mir zu viel wurde, könnte ich abhauen.

Doch jetzt blieben uns nur noch wenige Minuten, und die Realität brach über mir zusammen.

Ich würde Mum sehen. Dad. Julian. Das Prisma.

Das war schon heftig, aber nicht der eigentliche Grund, aus dem ich mir beim Gedanken an meine Heimat fast in die Hose machte.

»Wohnt Julian noch mit Darcy zusammen?«, platzte es aus mir heraus, bevor ich die Worte zurückhalten konnte.

Ich war stolz darauf, wie normal meine Stimme klang. Es hatte Monate gebraucht, bis ich ihren Namen aussprechen konnte, ohne dass die Welt um mich herum erbebte.

Alexis’ Kopf ruckte zu mir. Verwirrung zeichnete seine Züge.

»Ja, wieso?«

Mir war schlecht. Der zweite Longdrink war zu viel gewesen.

»Habe mich bloß gefragt, wo ich übernachten werde. Du hast noch dein Zimmer im Prisma-Wohnheim, oder?«

Alexis kniff leicht die Augen zusammen. »Du denkst nicht ernsthaft, dass Julian dich bei ihm schlafen lassen würde?«

Ich lächelte gequält, um den Sturm in meinem Inneren zu verschleiern. »Man kann ja mal fragen.«

Nicht nur Julian war eifersüchtig auf mich. Auch ich war eifersüchtig auf ihn. Darauf, dass er sie jeden Tag sah. Darauf, dass sie ihm vertraute. Darauf, dass er alles war, was ich nie richtig für sie hatte sein können …

»Ich hab ihm vorhin geschrieben, ob er mitkommt, wenn Mum uns abholt, und seine Antwort war: Ich hole keine Verräter ab«, fuhr Alexis vergnügt fort. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass damit nicht ich gemeint war.«

»Jules ist so eine Dramaqueen«, rief ich lachend, obwohl ich eigentlich das Zugfenster zertrümmern und rausspringen wollte.

»Der wird sich schon noch einkriegen, du wirst sehen.«

»Deinen Optimismus hätte ich gern.«

Ich war nicht optimistisch, sondern belog mich einfach am laufenden Band, weil ich es sonst niemals schaffen würde, auch nur das Bett zu verlassen.

Alexis warf einen Blick auf sein Handy. »Noch hast du Zeit. Fünf Minuten.« Plötzlich begann er so breit zu grinsen, dass mir allein beim Zusehen die Mundwinkel wehtaten. »Oh. Julian hat Mum zwar nicht begleitet, dafür ist Echo mitgekommen.«

Reflexartig musste ich auch grinsen. Über Echo hatte ich in den letzten Wochen alles erfahren. Zum einen, weil Alexis jedes Mal gestrahlt hatte, wenn eine neue Nachricht von ihr eingetrudelt war, zum anderen, weil er nicht aufhören konnte, über sie zu sprechen. Sie waren zusammen auf der Schule gewesen, dann hatte er sie jahrelang nicht gesehen, bis Mum sie als Aushilfe in der Patisserie des Prisma eingestellt hatte, wo Alexis arbeitete. Alexis und Echo hatten eine Affäre angefangen – es war eine Neuigkeit gewesen, dass er schon Sex gehabt hatte, geschweige denn so cool war, Affären zu führen –, dann hatte sie ihm gebeichtet, dass sie drogensüchtig war. Darauf hatten sie sich getrennt, weil Alexis schon zu viel Mist mit unserem Vater erlebt hatte und Zeit für sich brauchte, aber so wie es klang, war er ernsthaft verknallt in sie. Ich freute mich für ihn. Natürlich tat ich das. Auch wenn glücklich verliebte Menschen seit geraumer Zeit Brechreiz bei mir auslösten.

»Okay, noch drei Minuten«, riss er mich aus meinen Gedanken. »Jetzt oder nie.«

»Mir ist übel, und ich bereue meine Entscheidung jetzt schon«, platzte es aus mir heraus. Ich umfasste das Glas, in dem sich inzwischen nur noch Eiswürfel befanden, mit beiden Händen. »Ich habe Angst, dass ich Dad eine reinhaue, sollte ich ihn sehen, und dass Jules mir eine reinhaut, wenn er mich sieht, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich mit Mum anfangen soll. Und dann ist da noch … Dann sind da noch ein paar andere Leute, die ich geghostet habe, vor denen ich auch Angst habe.«

Der letzte Teil war gelogen. Ich hatte niemanden geghostet. Sie hatte mich blockiert. Und mir damit nicht nur das Herz gebrochen, sondern mein ganzes Leben abgefuckt. Aber das war nicht ihre Schuld.

»Aber weißt du was?« Ich grinste breit. »Niemand wird etwas davon merken. Wenn jemand der Welt etwas vorspielen kann, dann ich. Ich bin schließlich ein Bithersea. Dieses Talent wurde uns praktisch in die Wiege gelegt.«

5. Kapitel Darcy

When you’re living like nobody knows

»Hörst du mir überhaupt zu?«

Julian beugte sich vor und stupste meine Schulter mit seiner Stirn an. Automatisch hob ich eine Hand und fuhr ihm durchs Haar. Als ich seinen vertrauten Duft einatmete, fiel es mir sofort leichter, mich aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren.

»Ich gehe dir hart auf die Nerven mit dem Thema, oder?« Er gab mir einen Kuss auf die Schulter, ehe er sich wieder aufrichtete und mich mit seinem Röntgenblick musterte. Zum ersten Mal, seit ich die Wohnung betreten hatte, schien er mich richtig wahrzunehmen.

Es hatte viele Momente gegeben, in denen ich ihm die ganze Wahrheit hatte sagen wollen. Nicht nur, seit Nic Goldbridge verlassen hatte, sondern auch davor, lange davor. Julians und Nics Verhältnis war nicht immer angespannt gewesen, es hatte eine Zeit gegeben, da waren sie beinahe Freunde gewesen. Doch genug Gründe zum Schweigen hatte ich trotzdem gefunden: Ich wollte Jules nicht verletzen, ihm nicht das Gefühl geben, auf irgendeine Weise nicht der angeblichen gesellschaftlichen Norm zu entsprechen. Romantische Gefühle waren kompliziert für ihn gewesen. Tori war die erste Person, in die er sich ernsthaft verliebt hatte, und das war erst vor ein paar Monaten geschehen. Dann war da noch die Tatsache, dass er von klein auf das Gefühl gehabt hatte, nicht so cool wie sein großer Bruder zu sein. Außerdem wollte ich unsere Freundschaft nicht gefährden. Seit wir uns im Kindergarten angefreundet hatten, gab es keine wichtigere Beziehung in meinem Leben. Wir hatten beide andere Freunde, aber er war nicht nur mein Freund, er war die Familie, die ich mir ausgesucht hatte. Doch irgendwann waren all diese Gründe in den Hintergrund getreten und ein mächtigerer war zum Vorschein gekommen. Ich hatte jahrelang den Mund gehalten, wenn ich jetzt etwas sagte, würde er es als Verrat sehen. Zu Recht.

»Hi, du«, riss mich seine sanfte Stimme aus meinen Gedanken. »Willst du mir nicht von deinem Date erzählen?«

Ich räusperte mich. »Es war schön. Wirklich, sie ist der Wahnsinn. Wir hatten so viel Spaß.«

Meine Stimme klang dermaßen roboterhaft, dass ich fast gelacht hätte.

Julian lächelte verständnisvoll. »Aber?«

»Aber ich bin gerade nicht im richtigen Mindset dafür, habe ich gemerkt.«

Das war zumindest keine Lüge.

»Was beschäftigt dich?«

Sein Blick war offen und geduldig. Er war jetzt wirklich da. Er wollte meine Gefühle hören, hatte seine beiseitegeschoben, um für mich da zu sein. Ich liebte ihn dafür. Und gleichzeitig wünschte ich, er wäre heute ein bisschen weniger empathisch.

»Ich habe eine kreative Blockade«, sagte ich. Ebenfalls keine Lüge. Zwar arbeitete ich als Köchin im Prisma, doch meine große Leidenschaft waren Kunstcollagen, mit denen ich auch unsere WG schmückte. Seit ich allerdings erfahren hatte, dass Nic in London war und Alexis, der doch eigentlich Teil meiner Welt war, bei ihm, hatte ich nichts mehr kreiert. »Und ich muss noch den Workshop vorbereiten, zu dem auch Echo kommen will, um dort zu sprechen. Das steht gerade im Fokus.«

Echo arbeitete seit Kurzem auch im Restaurant, und wir hatten uns in den vergangenen Wochen miteinander angefreundet. Sie hatte zugestimmt, bei einem Workshop, den meine Eltern im Art Youth Center veranstalteten, über Drogensuchtprävention teilzunehmen und von ihren Erfahrungen zu berichten.

»Ist das alles?«, hakte Julian nach.

Nein, das ist nicht alles. Vor allem beschäftigt mich, dass dein Bruder in wenigen Stunden in Goldbridge sein wird und ich keine Ahnung habe, wie ich mit ihm umgehen soll.

Bevor ich mir eine Antwort überlegen musste, klingelte es. Im Stillen bedankte ich mich bei Tori für ihr Timing.

Julian sprang von der Hollywoodschaukel und lief zur Tür. Wie erwartet, war es Tori. Sie hatte ihre rostbraunen Locken zu einem Dutt nach hinten gebunden, trug ihre Brille und ein dunkles T-Shirt-Kleid. Ihre Wangen waren gerötet, ihre blauen Augen strahlten.

Ohne zu zögern, warf sie ihre Arme um Julian und ließ sich ins Wohnungsinnere ziehen. »Hi«, formte sie mit den Lippen und sah mich an, dann warf sie kichernd den Kopf in den Nacken, als er mehrere kleine Küsse auf ihren Wangen verteilte.

Obwohl mir eigentlich überhaupt nicht danach zumute war, musste ich grinsen. Es war nicht nur schön, meinen besten Freund so glücklich zu sehen, sondern auch, Toris Entwicklung mitzuerleben. Als sie vor etwa fünf Monaten nach Goldbridge gekommen war, war sie wegen einer schlimmen Beziehungserfahrung so verschlossen und ängstlich gewesen. Nach und nach hatten Julian und ich sie zum Auftauen gebracht. Es gab noch Phasen, in denen ihre Ängste zurückkehrten und der Kontakt mit Julian schwer für sie war, aber sie war Teil unserer Familie. Nachdem sie in der Anfangsphase mehr Zeit zu zweit verbracht hatten, hingen wir inzwischen hauptsächlich gemeinsam rum. Ihre Beziehung zu Julian hatte meiner mit ihm nichts genommen, im Gegenteil – es fühlte sich eher an, als hätte sie diese vertieft, weil ich dank Tori neue Seiten an ihm kennenlernen durfte.

»Wie war dein Date, Darcy?«, wollte sie wissen, nachdem sie Julian ein weiteres Mal geküsst und anschließend ihre Stiefel und ihren Trenchcoat ausgezogen hatte.

»Hat nicht so richtig gefunkt«, antwortete Jules, bevor ich etwas sagen konnte. »Oder?«, fragte er in meine Richtung.

Ich nickte. Wenn es nur das wäre …

»Aber du bist verliebt, oder?«, hallte Kikis Stimme in meinen Gedanken wider.

»Sie ist toll, aber es passt gerade nicht«, murmelte ich, dann rang ich mir ein Lächeln ab. »Wie war’s bei der Arbeit?«

»Bisschen stressig.« Tori pustete sich eine Locke aus der Stirn, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte. »Nachdem Thea weg war, gab es einen heftigen Andrang, als hätten sie geahnt, dass die Chefköchin nach Hause gegangen ist, und als wollten sie uns auf die Probe stellen.«

Dorothea Bithersea, kurz Thea, war Julians Mutter und führte gemeinsam mit ihrem Mann Elliot das Prisma. Elliot arbeitete allerdings schon seit einer Weile nicht mehr im Restaurant – und nachdem die Sache mit Alexis ans Tageslicht gekommen war, hatte Thea ihn aus der Wohnung geschmissen. Soweit ich wusste, sprachen sie immer noch nicht miteinander. Elliot lebte in einem Hotel in Goldbridge. Auch Julian hatte keinen Kontakt zu ihm aufgenommen – er hatte mir gesagt, dass sich das wie ein Verrat gegenüber Alexis anfühlen würde, was ich verstehen konnte.

»Ihr habt es bestimmt trotzdem gerockt, oder?«, sagte ich lächelnd. »Wir wissen alle, dass du auch eine mehr als passable Chefköchin abgibst.«

Tori war unsere Starköchin.

Sie verdrehte die Augen, lächelte aber ebenfalls. Dann schaute sie zu Julian, und ihr Blick wurde ernst. »Alexis und Nicolas kommen heute?«

Jules nickte mit angespanntem Kiefer. »Willst du was trinken?« Er stapfte los in Richtung Küche, bevor sie antworten konnte.

Tori schaute zu mir. »So schlimm?«, flüsterte sie.

»Schlimmer«, gab ich in derselben Tonlage zurück.

Als der Wasserkocher ertönte, trat sie näher zu mir. »Ich weiß, wir hassen Nic, aber ich muss sagen, ich bin auch ziemlich neugierig auf den dritten Bithersea-Bruder. Macht mich das zu einem schlechten Menschen?«

Ich lachte, obwohl meine Kehle wie zugeschnürt war. »Keine Sorge, es macht dich bloß zu einem Menschen.«

»Was ist dein Verhältnis zu ihm?«, wollte sie, immer noch wispernd, wissen. »Hasst du ihn auch, weil Julian ihn hasst?«

Meine Gesichtszüge froren ein. Ich konnte nichts dagegen unternehmen. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand in den Bauch geboxt.

Mein Verhältnis zu Nic?

Bis vor einem Jahr hatte ich alles über ihn gewusst. Jeden seltsamen kleinen Gedanken. Jede Gewohnheit. Wovon er träumte, was ihn beschäftigte, wann er aufwachte, was er aß, wie er aussah, wenn er seine Zähne putzte, in welcher Kleidung er sich am wohlsten fühlte, welche Musik er wann am liebsten hörte, was ihn zur Weißglut und zum Lachen brachte, was ihm durch den Kopf ging, wenn er das perfekte Foto geschossen hatte. Und er hatte alles über mich gewusst. Nic und ich, wir waren miteinander verschmolzen. Ohne dass der Großteil meiner Außenwelt auch nur das Geringste davon mitbekommen hatte. Nic und ich, wir hatten etwas miteinander geteilt, was ich sonst nur aus Filmen kannte. Ohne dass wir uns je auch nur einmal geküsst hatten. Nic und ich …

Es gab kein »Nic und ich«, verdammt.

So wie mich Toris Ankunft vor einer Antwort gegenüber Julian bewahrt hatte, rettete mich jetzt das Vibrieren meines Handys.

Ein Anruf.

»Sorry, das ist mein Dad, da sollte ich rangehen«, sagte ich prompt und erhob mich.

Tori nickte sofort.

Ich nahm den Anruf an und lief los in Richtung meines Zimmers.

»Hi, Oli, alles gut?«, begrüßte ich ihn, während ich nach rechts schaute, als ich an der Küche vorbeikam. Als Tür dienten lediglich bunte Perlschnüre, sodass ich einen Blick auf Julians grumpy Gesichtsausdruck erhaschen konnte. Zusammengezogene dunkle Brauen, verkniffener Mund. Es wäre niedlich, wäre der Grund für seine Reaktion ein anderer.

»Das wollte ich eigentlich dich fragen«, ertönte die Stimme meines Vaters in meinem Ohr.

Meine Eltern hatten von Anfang an darauf bestanden, dass ich sie bei ihren Vornamen nannte, Oliver und Agata – »weil wir Individuen sind, nicht bloß deine Eltern, so wie du ein eigenständiger Mensch bist, nicht nur unser Kind«. Vor anderen Menschen bezeichnete ich sie aber meistens als Mum und Dad. Eine alte Gewohnheit aus der Zeit, als ich mich noch für sie geschämt hatte.

Ich schlüpfte in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen. »Wer hat’s ausgeplaudert?«

»Lucinda hat es von Thea erfahren und dann so ziemlich ganz Goldbridge weitererzählt.«

»Hä?«, entfuhr es mir. »Woher wusste Thea, dass ich heute ein Date habe?« Und seit wann erzählte sie so etwas weiter? Und dann auch noch der größten Klatschtante weit und breit?

»Ein Date?« Jetzt war Oli derjenige, der verwirrt wirkte. »Du hattest ein Date?«

Ich hatte meinen Eltern absichtlich nichts von Kiki erzählt, weil meine Mutter diejenige war, die uns hatte verkuppeln wollen und mir damit gründlich auf die Nerven gegangen war. Seit ich vor einer Weile erwähnt hatte, dass ich nicht nur auf Männer stand, ließ sie mich nicht mehr mit dem Thema in Ruhe. Es ging ihr nicht bloß darum, ein Ally zu sein, obwohl sie vermutlich dachte, dass sie das damit war. Meine Mutter freute sich über alles, was ich tat, solange es nicht konventionell war – weil sie sich mir damit näher fühlte.

»Wovon redest du denn?«, wollte ich wissen.

»Von Nicolas’ Rückkehr.« Seine Stimme klang behutsam. Es half nicht. Seine Worte hatten dieselbe Wirkung auf mich wie Toris Frage nach Nics und meinem Verhältnis. Mal drei. Weil Oli wusste, was es für mich bedeutete.

Unwillkürlich schossen mir Tränen in die Augen.

»Bist du okay, Darcy?«

Es war zwecklos. Die Fürsorge in seinen Worten, die Liebe und das Verständnis. Sie waren zu viel. Sekundenlang konnte ich nichts erwidern, während ich mit den Tränen kämpfte und verlor.

»Hey, Kleines, hey«, raunte er. Er würde mir nicht sagen, dass ich zu weinen aufhören sollte. Oder dass es okay war, obwohl es offensichtlich nicht okay für mich war. Das liebte ich so an meinen Eltern – egal, wie nervig sie sein konnten, sie würden mir niemals meine Gefühle absprechen. »Wie wär’s, wenn ich dich gleich abhole und wir Riesenrad fahren gehen?«

Riesenrad am Breakwater Beach fahren – immer wenn es einem von uns schlecht ging, taten wir das.

»Kommt Agata mit?«, fragte ich schniefend.

Meine Eltern bewegten sich normalerweise nicht im Doppelpack; auch wenn sie nach wie vor in derselben Künstlerkommune am Breakwater Beach wohnten wie vor zwanzig Jahren, als sie mit mir von Bristol nach Goldbridge gezogen waren, waren sie längst getrennt, wenn auch noch eng befreundet. Aber sobald es einen Darcy-Notfall gab, wie sie es nannten, waren sie stets beide zur Stelle. Meine Mutter war großartig, doch ich würde ihre Meinung zu Nic heute nicht ertragen.

»Agata ist beim feministischen Buchclub«, sagte er. »Ich wollte sie eigentlich begleiten, dann habe ich die Neuigkeiten gehört. Sie weiß übrigens noch nichts davon. Mein Abend ist also für dich reserviert.«

Vor lauter Dankbarkeit stieg mir eine frische Ladung Tränen in die Augen.

»Okay«, brachte ich schließlich hervor. »Holst du mich ab?«

6. Kapitel Darcy

And you don’t know the way the story goes

»Richtige Person, falsche Zeit – ich glaube nicht daran!«

Voller Wut rief ich das in die glitzernde Nacht.

»Was, wenn alles stimmt, aber die eine Person nicht bereit ist?«, gab Oli, seelenruhig wie immer, zurück.

»Dann ist sie nicht die richtige Person.«

»Und was, wenn es später was werden könnte? Wenn es nur die falsche Zeit dafür ist?«

»Es gibt keine falsche Zeit, wenn es die richtige Person ist.«

»Wieso seid ihr dann nicht zusammen?«, fragte er behutsam, als könnte seine sanfte Stimmlage verhindern, dass die Worte mich entzweirissen.

Meine Unterlippe begann zu beben. »Richtige Person, richtig viel Angst.«

Ich hatte es geschafft, mich zusammenzureißen, bis ich neben meinem Vater in einem Zweiersitz des Riesenrads saß und es sich in Bewegung setzte, während ein viel zu lauter Kylie-Minogue-Song unter uns losplärrte. Die ganze Fahrt über auf seiner Vespa hatte ich Ruhe bewahrt. Fast hatte ich mir Hoffnungen gemacht, dass dieser Abend sich nicht ausschließlich um Nic drehte, sondern dass wir einfach eine gute Zeit miteinander verbringen würden.

Neben einer Mutter mit Kleinkind waren wir die einzigen Passagiere. Es regnete zwar nicht mehr, aber der Wind war erbarmungslos.

Allerdings bei Weitem nicht so erbarmungslos wie meine Tränen.

»Ich weiß gar nicht, wieso ich heule«, stieß ich hervor, während er nach meiner Hand griff und sie zwischen seinen beiden festhielt. »Das muss dieses dämliche Lied sein.«

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte ich weder Liebesfilme noch Liebeslieder konsumieren können, ohne zu zerreißen. Ich war mir eigentlich sicher gewesen, dass diese Phase hinter mir lag.

Zwei Umdrehungen lang ließ Oli mich einfach weinen. Dann ergriff er das Wort. »Es tut mir leid, aber du kennst die Regeln, mein Schatz. Nur wenn du es aussprichst, wird es besser.«

Ich stöhnte. Das predigte ich auch den lieben langen Tag. Nur leider war es wirklich schwer, wichtige Ratschläge bei sich selbst anzuwenden. Doch da musste ich jetzt durch.

»Es gibt einen Teil von mir, der gern zum Bahnhof fahren und warten würde, bis er ankommt. Ich will ihm in die Augen sehen und ihn fragen, wie er es wagen kann zurückzukommen. Aber eigentlich will ich auf ihn einschlagen und ihn anbrüllen, wieso zur Hölle er so lange damit gewartet hat.«

»Ich bin allzeit bereit«, erwiderte Oli. »Wenn es das ist, was du brauchst.«

Niemals würde ich das tun, und das wussten wir beide. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es nicht ertragen würde. Jede Sekunde, die ich in seiner Nähe verbrachte, würde mich tiefer in den Abgrund ziehen. Und dann, sobald er wieder weg war, würde es mich weitere Jahre meines Lebens kosten. Das konnte ich mir nicht leisten.

Ich wandte ihm mein Gesicht zu. Mit einem traurigen Lächeln erwiderte er meinen Blick. Seine längeren Haare flatterten im Wind, und seine tiefbraunen Augen glänzten voller Liebe.

»Ich weiß, dass ich längst darüber hinweg sein sollte.«

Sofort schüttelte er den Kopf. »Gefühle mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, was sie tun oder nicht tun sollten.«

»Ja, ja, aber jetzt mal ehrlich. Zwei Jahre? Zwei Jahre und es ist immer noch so?« Ich deutete auf mein tränenverschmiertes Gesicht.

Es waren nicht bloß zwei Jahre. Was hätte ich dafür gegeben, dass es nur zwei Jahre wären. Es war fast mein ganzes Leben.

Meine Eltern waren die Einzigen, die davon wussten. Sie hatten hautnah mitbekommen, was es mit mir angerichtet hatte. Deshalb wurde meine Mutter auch fuchsteufelswild, wenn es um Nic ging. »Can’t Get You out of My Head« endete, nur damit Anastacias »Sick and Tired« loslegte und mir den Rest gab. Die alten Lieder waren die schlimmsten. Denn ich verband sie alle mit ihm.

Was machte ich mir vor? Es waren nicht bloß Lieder. Es waren bestimmte Gerüche, Kleidungsstücke, Gerichte und, und, und …

»Wie ist es?«, fragte Oli und strich mir über meinen Handrücken. »Beschreib’s mir.«

Genau wie ich bei Jules vorhin die Antwort bereits gekannt hatte, wusste mein Vater jetzt schon, was ich sagen wollte.

Ich holte tief Luft. »Es fühlt sich an, als würde ich nicht mehr mir selbst gehören. Du weißt, wie es war, als ich es beendet habe. Ich habe mich kaum mehr erkannt. Es war so hart, mich da wieder rauszuziehen und meinen eigenen Wert unabhängig von ihm zu erkennen, mein Leben wieder als schön und erfüllend wahrzunehmen. Es war so hart, zu mir zurückzufinden, und das, obwohl wir nur eine seltsame Onlinefreundschaft geführt haben.«

Oli hob eine Braue, sagte aber nichts dazu.

Na schön, das war die Untertreibung schlechthin. Aber ich konnte es nicht als eine Beziehung bezeichnen. Es war eine Fantasie gewesen, in der wir uns eine ganze Weile beide verloren hatten, mehr nicht.

»Es tut weh«, fuhr ich fort. »So richtig tief und schlimm, und ich weiß, das liegt nicht nur daran, dass ich mich an den Schmerz erinnere, sondern vor allem an der Hoffnung. All die Möglichkeiten rauben mir den Verstand. Weißt du, manchmal frage ich mich, ob er für mich nur so einen hohen Stellenwert einnimmt, weil es nie wirklich real wurde. Mit Nic war es immer ein Beinahe. Wir hatten nie die Chance herauszufinden, ob es tatsächlich zwischen uns funktionieren würde. Das ist es, was mich fertigmacht. Deshalb halte ich an ihm fest. Egal, wen ich in den letzten Jahren getroffen habe, niemand kam an die perfekte Fantasie ran.«

Oli nickte. »Das ergibt Sinn. Und es würde bedeuten, dass es einen Weg gibt, sie loszuwerden.«

Verständnislos sah ich ihn an.

»Na, Konfrontationstherapie. Du musst deine Fantasie mit der Realität bekämpfen. Und wenn Nicolas jetzt in Goldbridge ist, dann hättest du die Chance dazu.«

Langsam nickte ich, obwohl in mir ein Blitzgewitter an Emotionen losging.

Eine Fantasie, die ich seit meiner Kindheit nährte, mit der Realität bekämpfen. Nichts leichter als das.

7. Kapitel Nicolas

House of memories

»Ich habe das Bett im Gästezimmer frisch bezogen«, sagte Mum und strich mir sanft über den Unterarm.

»Danke«, antwortete ich auf Griechisch, was sie zusammenzucken ließ.

Sie sah mich nicht richtig an, das war mir schon vorhin am Bahnhof aufgefallen. Eine Art glasiger Filter lag über ihren Augen. Aus diesem Grund hatte ich massenhaft Zeit gehabt, unbeobachtet jedes Detail unter die Lupe zu nehmen.

Unter ihrem schwarzen Mantel trug sie einen olivfarbenen Hosenanzug aus Leinen. Sie war gerade dabei, aus ihren hohen Stiefeln zu steigen. Statt sie in den Schuhschrank neben der Eingangstür zu räumen, kickte sie sie achtlos beiseite. Ihre schwarzen Haare waren zu einem lockeren Zopf gebunden, der ihr bis zur Hälfte ihres Rückens reichte. Sie war leicht geschminkt, wirkte ausgeruht und gesund, nicht wie jemand, der ein Restaurant allein schmeißen musste und Eheprobleme hatte. Im Gegensatz zu Alexis schien sie sich in den letzten beiden Jahren optisch kaum verändert zu haben. Mehr Falten schienen auch nicht dazugekommen zu sein. Als wäre überhaupt keine Zeit vergangen.

Dasselbe konnte man über die Wohnung sagen. Vier Zimmer, nur fünf Fahrminuten vom Prisma entfernt, mit einem kleinen Garten, antiken Möbelstücken, die sie hauptsächlich auf dem Flohmarkt erstanden hatten und die nicht zueinander passten, kaum Deko an den Wänden. Ich erinnerte mich noch daran, dass ich mich einmal deshalb beschwert hatte. Ästhetik war mir schon früh im Leben wichtig gewesen, und eine schön eingerichtete Wohnung trug eine Menge zu meinem Wohlbefinden bei.

»Du und deine Ästhetik«, hatte Mum lachend gesagt und mir die Haare zerzaust, anstatt mich zurechtzuweisen, weil das Privileg aus mir sprach. »Bei mir zählt nur die Ästhetik auf dem Teller.«

Am Bahnhof hatte sie mich fest umarmt und all die richtigen Dinge gesagt – zu mir, denn Alexis hatte nur Augen für Echo gehabt, die mich knapp begrüßt und ihm dann um den Hals gefallen war. Sie hatten auf der Rückbank gesessen, die Köpfe zusammengesteckt und die gesamte Fahrt über flüsternd wie kleine Kinder verbracht, während Mum und ich vorne angestrengten Small Talk führten.

»Wie geht es dir?«

»Gut siehst du aus!«

»Hattet ihr eine angenehme Fahrt?«

»Wie lief dein letzter Job?«

»Alles gut im Prisma?«

Und obwohl Alexis und Echo sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatten, hatten sie dennoch als Puffer gedient. Mum hatte sie zum Abendessen eingeladen, was Alexis ablehnte. Auch an dieser Stelle war sie zusammengezuckt, hatte es aber schnell mit einem verständnisvollen Lächeln überspielt.

Jetzt mit ihr allein zu sein fühlte sich noch seltsamer an. Ich hatte heftige Emotionen von ihr erwartet, mich geradezu davor gefürchtet. Immerhin hatten wir uns seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Aber Mum hatte mich wie einen alten Bekannten begrüßt. Sie war höflich, distanziert, schien es mir kein bisschen übel zu nehmen, dass ich so lang weggeblieben war. War es ihr ernsthaft egal? Oder war das eine Farce?

»Du kannst dich frisch machen, ich wärme das Essen auf«, sagte sie und verschwand in Richtung Küche.

»Ich kann helfen«, rief ich ihr hinterher, erneut auf Griechisch.

Keine Reaktion.

Es war ein Luxus, jemanden vor mir zu haben, mit dem ich die Sprache sprechen konnte. Wenn ich nicht gerade einen Job in Griechenland angenommen hatte, dann blieb mir lediglich meine Großmutter in Thessaloniki, mit der ich regelmäßig telefonierte. Ich war verdammt stolz darauf, inzwischen immer komplexere Gespräche mit ihr führen zu können, und auch ihr bereitete es Freude.

Was man wohl nicht von Mum behaupten konnte …

Mit einem gezwungenen Lächeln griff ich nach meinem Koffer und trug ihn durchs Wohnzimmer nach links in einen schmalen Flur, von dem das Zimmer abging, das sich Julian früher mit Alexis geteilt hatte. Nachdem wir alle ausgezogen waren, war es zum Gästezimmer geworden. Mein altes Zimmer existierte nicht mehr, Mum und Dad hatten es zu einer Kombination aus Büro und Fitnessraum umfunktioniert.

»Deine gerechte Strafe«, hatte Julian gesagt. »Wir hatten jahrelang viel weniger Platz als du, dafür dürfen wir unsere Kindheit behalten.«

Ich hatte ihm den Mittelfinger gezeigt und die unbequeme Wahrheit runtergeschluckt. Ja, ich hatte meinen eigenen Raum geliebt, aber ich hatte sie auch darum beneidet, dass sie zusammenlebten. Früher hatte ich mich nachts oft in ihr Zimmer geschlichen. Früher, als wir noch ein Team gewesen waren. Als Julian nur so lange sauer auf mich sein konnte, bis ich es darauf anlegte, dass er mir verzieh. Ein witziger Spruch, eine Grimasse, und ich hatte ihn. Früher, als ganz Goldbridge hatte sein wollen wie wir. Die Bithersea-Brüder. Der Mittelpunkt jeder Party. Wir hatten uns ständig in die Haare gekriegt, aber wenn jemand es gewagt hatte, was gegen Jules oder Alex zu sagen, war ich ausgerastet. Und genauso war es andersrum gewesen. Wir hatten uns beschützt.

Das Zimmer sah haargenau so aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Keine zehn Quadratmeter groß, schmal geschnitten, je ein Bett rechts und links vom Fenster, das auf Alexis’ Seite mit gelb-schwarz gestreifter Bettwäsche bezogen, ein Schreibtisch neben einen Schrank mit verspiegelter Vorderseite gequetscht, darüber verstaubte Bücherregale mit Comics, zerfledderten Koch- und Backbüchern, Ordnern voller Skizzen von Törtchen und Kuchen.

Ich ließ den Koffer fallen, trat vor den Spiegel und fuhr mir mit beiden Händen durchs Haar. Ich passte nicht hier rein. Während Mum und die Wohnung gleich geblieben waren, wirkte ich mit meiner grau-schwarz karierten Designerhose, dem anthrazitfarbenen Rollkragenpullover aus Merinowolle und dem gebräunten Gesicht wie ein Fremdkörper.

Meine Güte, wie ich es damals nicht hatte abwarten können, dieser Wohnung und schließlich dieser Stadt zu entfliehen. Ich hatte mehr gewollt, mehr Leben, mehr Freiheit, mehr Aufregung. Ich hatte mehr bekommen. Zu viel, um genau zu sein. Und inzwischen war ich zu viel, um noch Teil dieser kleinen Welt zu sein.

Aber vielleicht war das nicht der Grund, aus dem Mum mich nicht ansah. Vielleicht lag es daran, dass ich meinem Vater ähnlich war. Während Julian und Alexis nach ihr geraten waren – dunkle Haare und Augen, die gleichen scharf geschnittenen Gesichtszüge und leicht schiefe Nase –, war ich das Ebenbild von Elliot Bithersea. Blaue Augen mit dichten Wimpern und buschigen Brauen, dunkelblondes, etwas längeres welliges Haar, gerade Nase und ein Mund, der immer ein wenig geschwollen aussah. Als Kind hatte ich es geliebt, dass ich mich von meinen Brüdern unterschied. Ich hatte mich besonders gefühlt. Zu Größerem als sie bestimmt. Doch mit der Zeit hatte ich angefangen mir zu wünschen, ihnen ähnlicher zu sein. Deshalb hatte ich auch das Tattoo vorgeschlagen. Etwas, das uns dauerhaft miteinander verband.

Auf meinem rechten Handrücken befand sich eine geöffnete Schere, deren Spitzen sich über meinen Daumen und Zeigefinger erstreckten. Eine Anspielung auf die Schicksalsgöttin Atropos aus der griechischen Mythologie, die bestimmte, wie lang der Lebensfaden sein sollte. Auf Alexis’ Hand prangte ein Spinnrad für die Göttin Klotho und auf Julians der Lebensfaden für Lachesis.

Seufzend wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab.

Nachdem ich im Bad gewesen war, gesellte ich mich zu Mum in die Küche. Der köstliche Geruch trieb mir Tränen in die Augen.

Ich hatte in den letzten Jahren gut gegessen, denn auch wenn mir das Kochen nie große Freude bereitet hatte, war Essen ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Eine ganze Weile war ich täglich in ein anderes Restaurant gegangen und hatte Neues ausprobiert. Allein schon, damit ich ein Foto davon machen und es an sie schicken konnte. Doch egal, wo ich gewesen war, das Essen meiner Mutter spielte einfach in einer anderen Liga. Es lag nicht bloß daran, dass sie meine Favoriten vorbereitet hatte – gefüllte Weinblätter, dazu cremig gerührter Joghurt, daneben Tomaten, Peperoni, Schafskäse, Kalamata-Oliven mit Olivenöl und Unmengen an Oregano aus dem Ofen sowie Tintenfisch in Rotweinsoße und ein Bauernsalat. Dazu gab es getoastetes Brot, ebenfalls mit Olivenöl und Oregano garniert. Niemand auf der Welt kochte wie Mum. Ich liebte natürlich auch ihre Prisma-Gerichte, doch das hier, das authentisch Griechische, das Simple, das spielte aus dem Grund in einer anderen Liga, weil es Kindheit pur war. Bei Jiajià in Thessaloniki hatte ich zwar das Gefühl gehabt, der Magie, die der Kochkunst meiner Mutter innewohnte, auf die Spur zu kommen, aber es hatte dennoch immer das gewisse Etwas gefehlt, das, was es zu ihrem machte.

»Krass«, entfuhr es mir. »Du hättest dir nicht so viel Mühe machen sollen.«

Ihre Mundwinkel zuckten. Sie setzte sich auf einen Holzstuhl und deutete mit einer »Schnell, schnell«-Geste auf den ihr gegenüber. »Wenn ich mir dich so ansehe, hat es sich gelohnt.«

Eine Karaffe mit Wasser stand zwischen uns. Normalerweise hätte sie Rotwein oder Retsina enthalten, aber seit dem Fiasko mit Dad hielt sie sich wohl mit Alkohol zurück. Obwohl alles in mir nach einem weiteren Drink schrie, hielt ich die Klappe.

Die ersten Minuten verliefen schweigend. Die vertrauten Geschmacksexplosionen in meinem Mund lenkten mich ab, doch irgendwann hielt ich es nicht länger aus.

»Du siehst gut aus«, sagte ich, erneut auf Griechisch. Diesmal zuckte sie nicht zusammen, doch ihr Blick verhärtete sich, und sie ließ die Gabel sinken, die sie gerade zu ihrem Mund hatte führen wollen. »Irgendwie habe ich befürchtet, dass ich zurückkomme und sich alles verändert hat. Aber du bist wunderschön, und ich frage mich, wie du das machst bei dem ganzen Mist, der hier passiert ist. So jung und frisch auszusehen, meine ich.«

Es war als Kompliment gemeint, aber sobald die Worte ausgesprochen waren, hingen sie wie eine undurchdringliche Mauer zwischen uns.

»Es hat sich alles verändert, Nicolas.«

Ihre Stimme war ruhig, doch darunter brodelte es. Ich wusste es, weil auch meine so klang, wenn ich kurz vorm Explodieren war.

»Wieso sprichst du nicht Griechisch mit mir?«, wollte ich im Plauderton wissen. »Ich verstehe inzwischen richtig viel.«

Ihre Gabel fiel klirrend auf den Teller. In ihrem Gesicht blitzte eine derart heftige Emotion auf, dass ich augenblicklich erstarrte. Sekunden später hatte sie sich wieder unter Kontrolle, schüttelte ganz leicht den Kopf und griff nach ihrem Besteck.

»Ich möchte nicht jung aussehen«, sagte sie, erneut auf Englisch. »Ich habe gelebt, und ich bin stolz darauf. Mir zu sagen, wie jung und erfrischt ich aussehe, ist nett gemeint, aber es verfehlt seinen Zweck. Und außerdem fühlt es sich sexistisch an. Ich möchte nicht auf mein Aussehen reduziert werden. Und ich möchte auch nicht, dass man mir meinen Schmerz aberkennt, nur weil ich nicht aussehe, als hätte ich gelitten.«

Völlig entgeistert starrte ich sie an. »Tut mir leid, ich wollte wirklich nicht …«

Sie unterbrach mich mit einer wegwerfenden Handbewegung und lachte. Wäre ich nicht ebenfalls so gut darin gewesen, meine Emotionen zu verschleiern, hätte ich es ihr vielleicht abgenommen. »Der Tag war lang, Nico. Bitte erzähl was von dir.«

Ich hatte absolut kein Interesse, irgendwas aus meinem Leben zu erzählen. Vor allem nicht nach ihrer Ansprache.

»Kannst du mir bitte erst erzählen, wie es dir geht?«, fragte ich leise. »Wirklich, meine ich?«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem gequälten Lächeln. »Es ist hart, aber es wird schon wieder. Dein Vater lebt nach wie vor im Hotel, ich weiß nicht, wie viel Alex dir …«

»Ich weiß Bescheid.«

Sie nickte knapp. »Ich habe kaum Kontakt zu Elliot. Aber er hat erfahren, dass du wieder in Goldbridge bist, und würde sich freuen, dich zu sehen. Falls du das möchtest.«

»Möchtest du das denn?«, fragte ich stirnrunzelnd.

»Er ist dein Vater«, sagte sie schlicht, ehe sie sich wieder ihrem Essen zuwandte.

Und du bist meine Mutter. Und Alexis ist mein Bruder.

Vermutlich wollte sie mich nicht beeinflussen. Ich sollte mir meine eigene Meinung bilden. Aber wie könnte ich das tun, wenn ich doch nichts von alldem mitbekommen hatte?

»Wieso hast du kaum Kontakt zu ihm?«, traute ich mich zu fragen, nachdem auch ich eine Weile weitergegessen hatte.

Sie hob eine Augenbraue. »Im vergangenen Jahr war er weder eine große Hilfe im Restaurant, noch hat er sich wie ein Vater verhalten.«

»Fühlst du dich von ihm verraten?«

Hastig schlug sie die Augen nieder, als wollte sie nicht, dass ich die Wahrheit darin erkannte. »Es geht hier nicht um mich. Es geht darum, was er deinem Bruder angetan hat.«

Ihrer Stimmlage zufolge war es nicht nur das. Außerdem zitterten ihre Hände.

Und plötzlich flammte der Wunsch in mir auf, ihr wahres Ich zu sehen. Keine höfliche Fassade. Ich wollte den Dreck darunter. Auch wenn es wehtat. Natürlich könnte ich das Thema wechseln, von meinem letzten Auftrag erzählen, irgendwelche Banalitäten auspacken, die den ganzen Abend füllen würden.

Aber ich hatte schon viel zu viel Zeit mit Banalitäten verbracht.

»Gibst du dir die Schuld an Dads Verhalten, weil du eine Affäre hattest?«

Alexis zufolge hatte unser Vater so unkontrolliert zu trinken begonnen, nachdem Mum ihm gebeichtet hatte, dass sie fremdgegangen war. Ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Unsere Eltern waren mir nie perfekt vorgekommen, aber niemals hätte ich gedacht, dass sie so viel Scheiße in so kurzer Zeit bauen könnten.

Ihr Kopf ruckte hoch. Purer Zorn schlug mir entgegen. Ihre Nasenflügel weiteten sich, und binnen Sekunden färbten sich ihre Wangen knallrot. »Sprich Englisch, verdammt noch mal! Du bist hier in England!«

»Was?«

Sie schob ihren Stuhl nach hinten und erhob sich ruckartig. Ihr Blick zuckte durch den Raum, als suchte sie nach etwas, woran sie sich festklammern konnte.

Was passierte hier?

»Du bist der einzige Mensch außer Jiajià, mit dem ich Griechisch sprechen kann«, erwiderte ich. »Das ist auch meine Kultur, Mum. Sie gehört nicht nur dir. Und weißt du, es war nicht einfach, mir die Sprache beizubringen, aber ich bin stolz drauf.«

Ein hohles Lachen, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellten, entfuhr ihr.

»Deine Kultur, ja? Deine Kultur? Du bist stolz? Warst bei meiner Mutter und denkst, du hast jetzt den Durchblick?«

Ich war geradewegs in ein Schlachtfeld gelaufen. Aber da musste ich durch. Ich hatte die schmutzige Wahrheit gewollt. Hier war sie. Mum war offensichtlich nicht bereit, mit mir über unser Familiendrama zu sprechen oder darüber, was meine Abwesenheit mit ihr angerichtet hatte, also ging sie in die Offensive.

»Sieh dich an!«, rief sie. »Und dann sieh mich an! Natürlich bist du stolz, du kannst dir deine Kultur wie ein hübsches Accessoire überstreifen, wenn dir danach ist, du wirst dafür gefeiert, es macht dich interessanter, nicht wahr?« Schwer atmend schüttelte sie den Kopf.

Ich konnte nichts erwidern. So hatte sie noch nie mit mir gesprochen.

Als sie fortfuhr, wechselte sie ins Griechische, doch es schien ihr nicht einmal bewusst zu sein. Und es fühlte sich nicht wie ein Erfolg an, eher als hätte ich ihr noch mehr wehgetan. »Du bist blond, Nico, du hast blaue Augen, du trägst den Nachnamen deines Vaters, und bei deinem Vornamen habe ich auf die englische Version beharrt, obwohl meine Mutter mir bis heute in den Ohren liegt, weshalb wir dich nicht Nikolaos genannt haben. Du bist hier geboren und aufgewachsen und musstest nie beweisen, dass du dazugehörst. Mit allem, was ich hatte, habe ich mich dagegen gewehrt, euch mein Schicksal aufzubürden, und jetzt willst du mir etwas von nicht einfach erzählen? Ich kann mich nicht entscheiden, welche Kultur ich mir heute wie ein neues Outfit überziehen möchte. Ich gehe auf die Straße und werde als etwas Fremdes gesehen, als etwas Exotisches, wenn ich Glück habe.« Sie schnaubte verächtlich. »Du gehst auf die Straße und wirst für dein Anderssein gefeiert.«

»Mum, ich wollte nicht …«

»Es ist mir egal, was du wolltest!« Ihre Stimme überschlug sich. »Du warst nicht da! Du weißt nicht, was hier los war, du weißt nicht, was mein Leben lang los war, und ich bin froh darüber, verstehst du? Ich bin dankbar, dass du dir ein anderes Leben aufgebaut hast, dass du Freiheiten hattest, die ich nie hatte. Genau das habe ich mir für euch gewünscht, genau darauf habe ich hingearbeitet. Ich bin gottfroh, dass wenigstens einer meiner Söhne verschont geblieben ist. Aber du warst nicht da!«

Tränen quollen aus ihren Augen. Reflexartig erhob ich mich, wollte zu ihr laufen, sie in den Arm nehmen, mich entschuldigen, doch sie stolperte zurück.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, war sie herumgewirbelt und in Richtung Badezimmer gestürzt.

Als die Tür hinter ihr zuknallte, ließ ich mich wieder auf meinen Stuhl sinken. Mein Herz raste.

Willkommen zu Hause.

8. Kapitel Darcy

Broken hearted lovers

Katerina: Ich hatte wirklich eine verdammt gute Zeit mit dir.

Katerina: Und fyi, ich habe auch kein Problem damit, dein Rebound zu sein. Casual ist mein zweiter Vorname.

Katerina: Okay, Ende der Durchsage. Schlaf gut, Darcy. Träum von mir.

Katerina: Spaaaß, nur ein Spaß.

Ich musste grinsen, während ich eine Nachricht tippte.

Darcy: Es war so schön mit dir. Und ich weiß deine Offenheit zu schätzen. Sollte ich je bereit sein, werde ich auf das Angebot zurückkommen.

Nachdem mich Oli nach Hause gefahren hatte, hatte ich die Wohnung leer vorgefunden. Julian und Tori waren vermutlich bei ihr im Wohnheim.

Mir ging es deutlich besser als vorhin. Das Reden hatte wie immer geholfen. Und Kikis Nachrichten fühlten sich ebenfalls gut an. Sie erinnerten mich daran, dass es Möglichkeiten da draußen gab, die ich bisher noch nicht mal in Erwägung gezogen hatte. Möglichkeiten mit Menschen, die offen und bereit waren. Die meinen Wert erkannten und mir mitteilten, wie toll sie mich fanden. Und vor allen Dingen: die in Goldbridge lebten.

Ich hatte besonders viel Zeit mit meiner Abendroutine verbracht. Hatte meinen weichen Pyjama angezogen, mir einen Rosenblütentee gekocht, eine Gesichtsmaske aufgetragen und mein Lieblingsalbum von FKA Twigs angemacht (ich nutzte jede Gelegenheit, in der Jules nicht da war, um meine Musik laut abzuspielen, da unsere Geschmäcker sehr verschieden waren). Das Leben war gut. Ich würde mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dann gab es mir eben einen Stich, wenn mein Blick auf die unzähligen Collagen traf, die unsere Wände schmückten. Dann hatte ich halt Angst vor den nächsten Tagen, in denen ich ihm todsicher über den Weg laufen würde. Es war in Ordnung. Meine Gefühle waren verständlich. Mein Vater hatte recht – vielleicht brauchte ich einfach einen Realitätscheck, um diesen Wahnsinn endlich zu beenden.

Gerade wollte ich meine Nachttischlampe ausschalten, da leuchtete mein Display auf.

Thea rief an. Warum rief Thea an?

Es war beinahe Mitternacht.

Für morgen war ich ohnehin eingeteilt, also konnte es sich nicht um einen Spontanausfall handeln. Und außerdem sah es Thea gar nicht ähnlich anzurufen. Sie schrieb in der Regel Nachrichten.