The Witch's Debt - Clarissa Kühnberger - E-Book

The Witch's Debt E-Book

Clarissa Kühnberger

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Beschreibung

Der Turm kündigt den Fall an. Der Narr läuft los. Das Rad dreht sich. Ethina lebt mit der quälenden Frage, ob sie den Unfall hätte verhindern können, der ihre Schwester ins Koma versetzt hat. Ihre Mutter Evangeline, die von alten Ritualen, Tarotkarten und düsteren Ahnungen besessen ist, flüchtet sich immer tiefer in okkulte Praktiken. Ethina hingegen versucht, zwischen Schuld, Ausgrenzung und dem Collegealltag zu bestehen. Erst als die lebensfrohe April in ihr Leben tritt, scheint Ethina zum ersten Mal wieder so etwas wie Normalität zu verspüren. Doch schon bald mehren sich beunruhigende Vorzeichen: düstere Visionen, wahr gewordene Albträume und eine unheimliche Verbindung zwischen April und dem Erbe ihrer Familie. Während Ethina beginnt, an ihrem Verstand zu zweifeln und alles infrage zu stellen, was sie zu glauben scheint, drängt ihre Mutter Evangeline sie und April zu einer Entscheidung, die ihnen alles abverlangen könnte.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 1
Ethina
April
Kapitel 2
Ethina
Kapitel 3
April
Ethina
Kapitel 4
April
Ethina
Kapitel 5
Ethina
Kapitel 6
Ethina
Kapitel 7
April
Kapitel 8
April
Ethina
April
Kapitel 9
Ethina
Kapitel 10
Ethina
April
Kapitel 11
April
Ethina
Kapitel 12
April
Kapitel 13
Ethina
Kapitel 14
April
Vier Jahre zuvor
Kapitel 15
April
Kapitel 16
Ethina
Epilog
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Nachwort
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Weitere Bücher der Autorin

The Witch’s Debt

Dunkles Erbe

von

Clarissa Kühnberger

1. Auflage 2025

Copyright © dieser Ausgabe 2025 by Blutmond Verlag, Lingen

Verlagsleitung: Lauren Hegemann

www. blutmond-verlag.de

[email protected]

Lektorat: Daeny Levi Modemann | Enchanted Editing

Korrektorat: René Porschen | Lektorat René Porschen

Coverdesign: Lea Böttcher | LAB Buchdesign

www.enchanted-editing.de

www.instagram.com/reneporschen

www.lab-buchdesign.de

ISBN Print 978-3-9826939-4-1

Alle Rechte vorbehalten.

Für meine Tante Christa int’Veen – du führtest mich einst in die Welt von Tarot und Hexentum, deren Nachhall ich noch immer verspüre.

Kapitel 1

Ethina

Gelangweilt wischte Ethina den Staub von der Vitrine. Eine undankbare Aufgabe, denn es würde nicht lange dauern, bis sich die grauen Staubkörner erneut auf dem dunklen Walnussholz abgesetzt hätten. Der vollgestopfte Laden ihrer Mutter wäre dann noch unordentlicher anzusehen – nicht, dass jemandem der Staub bei all dem Krimskrams überhaupt auffiel.

Der Laden der Sinclairs war ein Ort, der die Kundschaft sofort in die Welt des Okkulten und Magischen zog. Schon beim Betreten empfing sie der Duft von Lavendel und den anderen getrockneten Kräutern, die in kleinen Bündeln von den Deckenbalken hingen. Überall ragten Regale und Vitrinen bis an die Decke, vollgestopft mit übernatürlichen Artefakten, glitzernden Kristallen und gepressten Blüten. Hier und da standen Kerzen, geordnet nach Elementen oder magischen Prinzipien, die nur ihre Mutter verstand. Weiter hinten im Laden gab es viele Bücher, deren Einbände alt und geheimnisvoll taten.

Ethina schüttelte den Kopf und wischte eine Staubschicht von einem der Wälzer. Wenn die Kunden wüssten, dass die handgefertigten, von einer Hexenhohepriesterin gesalbten Bücher in Wahrheit aus einer Massenproduktion in Boston stammten, hätten sie sich vermutlich dreimal überlegt, vierzig Dollar dafür hinzublättern.

Der Laden war ein chaotischer Ort, Ethinas Mutter fand sich jedoch zurecht, und auch die Kunden schienen es zu mögen. Die meisten, die sich innerhalb des Witch Country in einen solchen Laden verirrten, waren ohnehin Touristen. Orte wie Salem, Marblehead, Beverly und Ipswich, die durch die Hexenprozesse des siebzehnten Jahrhunderts traurige Berühmtheit erlangt hatten, zogen besonders im Herbst Unmengen Schaulustiger nach Massachusetts.

Nachdem sie mit dem Abstauben fertig war, ging Ethina zur Holztheke, um die frisch eingetroffenen Räucherstäbchen zu sortieren. Ihre Nase kribbelte bei dem Geruch, der ihr so vertraut war wie kein anderer. Seit sie denken konnte, hatte ihre Mutter ihr Zuhause mit weißem Salbei geräuchert. Er vertreibt böse Geister. Vielleicht hätte sie lieber ein Kraut abbrennen sollen, das den Staub fernhielt.

Während sie arbeitete, summte sie eine Melodie aus den tiefsten Ecken ihres Gedächtnisses. Der melancholische Ton vermischte sich mit dem Knistern der Kerzenflammen und dem leisen Gemurmel, welches aus dem alten Radio drang. Im Laden fühlte Ethina sich stets eingeengt. Er war das Lebenswerk ihrer Mutter Evangeline, die das kleine Geschäft mit einer unerschütterlichen Leidenschaft für das Mystische führte.

Aus einem Gefühl heraus blickte Ethina auf und sah zur Tür – keine zehn Sekunden später öffnete sich diese. Ein helles Glockenspiel begrüßte die Kundschaft, ehe sie mit einem Quietschen zurück ins Schloss fiel. Ethinas Augenbrauen schossen in die Höhe, als sie sah, um wen es sich handelte: Kommilitonen aus ihrem Geschichtskurs. Aus dem Augenwinkel heraus erkannte sie Mabel Town, umgeben von ihrer üblichen Clique. Dies reichte, um eine Welle der Anspannung durch ihren Körper zu schicken.

Ipswich war eine kleine Stadt, und so hatten sie alle erst die gleiche Grundschule und später auch die örtliche High-School besucht. Weder Mabel noch ihre Freunde April, Thomas oder Ona waren für ihre Spiritualität bekannt – was also wollten sie hier?

Ona sagte etwas und Aprils Lachen drang durch den Raum. Ein heller, freundlicher Klang, der im Kontrast zu dem alten und vollgepackten Laden stand. Die Studenten bewegten sich durch das Geschäft und verbreiteten dabei eine Atmosphäre, die Ethina unruhig werden ließ. Sie blieben an den Regalen stehen, betrachteten die ausgestellten Gegenstände und griffen hier und da nach einem Buch oder einer Kristallkugel, als wäre das nur ein Witz für sie. Zugegeben, Ethina glaubte auch nicht an das, was ihre Mutter so von sich gab, aber dennoch hätte sie sich niemals so respektlos verhalten.

Mabel hob ein Pendel aus Messing hoch und ließ es schwingen, während sie sagte: »Vielleicht sollten wir das hier fragen, ob heute noch was Spannendes passiert.«

Die anderen lachten, was Ethinas Magen rumoren ließ. Ihre Finger mit den langen, schwarz lackierten Nägeln umklammerten die Thekenkante – sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich wegen dieser unterschwelligen Sticheleien zu ärgern. Mabel und die anderen machten sich nicht mehr offensichtlich über sie lustig. Sie waren jetzt viel subtiler als damals in der Schule. In der Grundschule hatten sie ihre Schikane noch nicht verborgen. Die Jungs hatten sie wegen ihrer Hexenklamotten verspottet, und die Mädchen taten nichts lieber, als über ihre stille, unnahbare Art zu tuscheln. Dennoch war sie, trotz all der Häme und Spitzen, nie allein gewesen – weil Ellora an ihrer Seite gewesen war. Ihre ein Jahr jüngere Schwester, die nicht nur lebhafter und freundlicher, sondern auch ... normaler war.

Ethina hatte immer schon Schwierigkeiten gehabt, sich anzupassen und Freunde zu finden. Ellora hingegen hatte stets die richtigen Worte gefunden und im Nu Freundschaften geschlossen. Noch heute fragte Ethina sich, wie es sein konnte, dass ihre Schwester mit den gleichen Eltern und unter denselben Bedingungen aufgewachsen, und doch so viel besser mit der Welt klargekommen war.

Thomas hielt eine Kerze in der Hand. »Glaubt wirklich jemand an diesen ganzen Hokuspokus?«

»Wer weiß, da draußen gibts ne Menge Verrückter«, erwiderte Ona.

Hitze schoss in Ethinas Wangen. Es war die gleiche alte Leier: Der Laden ihrer Mutter war für sie nichts weiter als eine Attraktion, ein bizarrer Stopp auf ihrer Suche nach etwas, über das sie lachen konnten. Wurden sie denn niemals erwachsen? Grimmig blickte sie zu der Gruppe, die ihr schon als Kind das Gefühl gegeben hatte, eine Außenseiterin zu sein. Kam sie vielleicht zu sehr nach ihrer Mom? Allein bei dem Gedanken verzog sie das Gesicht. Ihre Mutter suchte selten die Gesellschaft anderer. Sie zog lieber ihr eigenes Ding durch und fand es sogar erheiternd, wenn die Bewohner von Ipswich sie als seltsam abstempelten. Sie pflegte zu sagen: Schlechte Werbung ist besser als gar keine Werbung. Zumindest die Touristen schienen von dem Ruf ihrer Mutter angezogen zu werden – was gleichbedeutend mit Umsatz war.

Ethina fand es weder witzig, noch war sie stolz darauf, dass man ihre Familie als sonderbar abtat. Sie sehnte sich oft nach Normalität und einem Leben, das ohne Kristallkugeln, Hexenbücher und diese verdammten Räucherstäbchen auskam.

Die Studenten begaben sich langsam wieder in Richtung Ausgang, als Ona noch einmal vor dem Regal stehen blieb, auf dem die Tarotkarten ausgestellt waren. Ihre Finger glitten über die hochwertigen Schachteln und mit einem überheblichen Blick schaute sie zur Kasse. »Und Ethina? Hat dich schon mal jemand verklagt, weil du ihm die Zukunft falsch vorausgesagt hast?« Sie grinste, nahm eines der Kartendecks in die Hände und blätterte es durch.

»Leg es zurück, wenn du es nicht kaufen willst. Wir sind hier nicht auf dem Flohmarkt«, erwiderte Ethina barsch. Die Tarotkarten waren eines der wenigen Dinge im Laden, die wirklich wertvoll waren.

»Behandelt man so etwa seine Kundschaft?«, warf Thomas ihr entgegen.

»Kundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie etwas kauft«, antwortete Ethina. Sie atmete tief ein und kämpfte darum, ruhig zu bleiben. Sie würde sich keinen Gefallen tun, wenn sie ausfällig wurde. Vermutlich war es genau das, was sie wollten: Eine Szene und damit einhergehend ein paar neue Gerüchte, die sie anschließend auf dem Campus verbreiten konnten. Ihre Kindheit und Jugend waren von Ausgrenzung und Häme geprägt gewesen und ihre Hoffnung, dass sich all dies ändern würde, wenn sie erst einmal studierte, war wie eine Seifenblase zerplatzt.

»Vielleicht sehen wir ja in unserer Zukunft, dass wir Hexenmeister werden«, scherzte Mabel.

»Hey, Vorsicht!« April griff nach der Kartenschachtel in Onas Hand, doch es gelang ihr nicht mehr, den Inhalt aufzufangen. Ona drehte die Schachtel und das Tarotset glitt durch Aprils Finger, um sich anschließend auf dem Ladenboden zu verteilen.

»Ups«, sagte Ona. Ihre Stimme klang so unschuldig, dass es beinahe echt gewirkt hätte. »Ich hoffe, ich habe nichts kaputtgemacht.«

April, die sich im Gegensatz zu ihren Freunden meistens im Hintergrund hielt, verdrehte die Augen. Sie machte Anstalten, die Karten aufzuheben, doch Thomas packte ihren Arm, um sie davon abzuhalten.

»Sieht aus, als würde jemand aufräumen müssen«, sagte er mit einem höhnischen Blick in Ethinas Richtung.

Hitze breitete sich in ihrem Gesicht aus. »Raus hier«, knurrte sie mit zusammengepressten Zähnen. Sie wollte diese Demütigung so schnell wie möglich hinter sich bringen.

»Lasst uns gehen, bevor die Hexe uns noch verflucht«, sagte Mabel kichernd.

April warf einen kurzen Blick zu den Tarotkarten, sah Ethina entschuldigend an und folgte ihren Freunden dann hinaus in den kühlen Oktobernachmittag.

Ethina schloss die Augen und nahm einige tiefe Atemzüge, ehe sie zu dem Regal lief, um die Karten aufzuheben. Bevor sie jedoch dazu kam, öffnete sich die Tür erneut. Das vertraute Glockenspiel erklang und ihre Mutter, Evangeline, betrat den Laden.

Sie trug einen langen, schwarzen Mantel und darunter ein fließendes Kleid sowie silberne Amulette, die im gedämpften Licht des Geschäfts funkelten. Ihre Kleidung war stets eine perfekte Mischung aus Gothic-Eleganz und zeitloser Mystik. Ihre dunklen Haare waren zu einem eleganten Knoten gebunden und der Geruch von Salbei und getrockneten Kräutern folgte ihr, als sie die Tür schloss. Ihre tiefschwarzen Augen, die im Kontrast zu ihrer ebenmäßigen, porzellanfarbenen Haut standen, glitten sofort zu den Tarotkarten, die über dem Boden verstreut lagen.

»Was ist hier passiert?«

Ethina sah auf die Karten, zögerte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. »Nichts, sie sind nur runtergefallen.« Ihre Stimme klang betont gleichgültig, doch in ihrem Inneren kochte es noch immer. Unwillkürlich sah sie zu der Ladentür, in der Ferne konnte sie ihre Kommilitonen ausmachen.

Der Blick ihrer Mom folgte dem ihren und als sie die Studenten die Straße hinunterlaufen sah, verengten sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen. »Wieder diese Nichtsnutze?«

Ethina biss sich auf die Unterlippe und nickte. »Sie haben sich über uns lustig gemacht.«

Ihre Mutter seufzte. »Die Leute reden. Das haben sie schon immer getan. Wenn du ihnen zeigst, dass es dich verletzt, werden sie es erst recht tun.«

»Es macht mir nichts aus.« Tief in ihrem Inneren wusste sie jedoch, dass das nicht stimmte. Sie war es gewohnt, dennoch nagte es an ihr.

Ihre Mutter betrachtete sie einen Moment lang, dann hob sie eine Augenbraue und lächelte fies. »Nun, wenn sie weiter für Ärger sorgen, halse ich ihnen vielleicht einen Fluch auf.«

Ihr Tonfall wirkte verspielt, doch in ihren Augen funkelte etwas, das Ethina ein unbehagliches Gefühl verschaffte. »Bitte nicht«, erwiderte sie halb scherzend, halb ernst.

»Du bist zu nett, Etha. Ich habe eine neue Lieferung Kerzen bekommen. Hilf mir damit, ja?«

»Ich komme gleich. Ich räume nur schnell die Karten auf.«

Ihre Mutter nickte, bevor sie im Hinterzimmer verschwand.

Mit einem Seufzen kniete Ethina sich hin und begann, die Tarotkarten aufzuheben. Bei einer Karte, die etwas abseits lag und in Richtung Tür deutete, stockte sie.

Ihre Mutter war eine begnadete Tarotkartenleserin und obwohl sie schon unzählige Male versucht hatte, sie in diese alte Kunst einzuweihen, besaß Ethina einfach nicht das nötige Verständnis, das Deck richtig zu deuten. Dennoch gab es Bilder, die so auffällig waren, dass selbst sie die Bedeutung nicht vergessen konnte. So wie jenes der Karte, die vor der Tür lag. Sie zeigte einen Turm, Blitzeinschläge und Menschen, die in die Tiefe stürzten. Ein bekanntes, aber düsteres Symbol, das für Umbrüche, Katastrophen und Zerstörung stand. Ihr Magen zog sich zusammen und sie sah in Richtung Tür. Wer hatte die Karte zuletzt berührt?

Vermutlich nur ein Zufall, dachte Ethina und schüttelte den Gedanken ab. Sie hob eilig das restliche Deck auf, ohne dass sie das mulmige Gefühl loswurde.

Ihre Mutter tauchte im Türrahmen auf und musterte sie. »Bist du fertig?«

Ethina nickte langsam, legte den Stapel in die Schachtel zurück und drapierte sie auf dem Regal. »Ja, ich komme.« Sie sah ein letztes Mal zur Tür, wo die untergehende Sonne blasse, ersterbende Strahlen durch die Fensterscheiben warf. Die Studenten waren längst verschwunden, aber das leise Echo ihres Gelächters schien immer noch in der Luft zu hängen.

Der Turm war kein gutes Omen.

April

April saß mit ihren Freunden auf dem Marktplatz in Ipswich. Einen Starbucks-Becher umklammernd sah sie dabei zu, wie der alljährliche Halloween-Jahrmarkt aufgebaut wurde. Sie nahm einen kleinen Schluck des heißen Getränks und wärmte ihre klammen Hände an dem Pappbecher. Der Geschmack von Karamell, Vanille und einer Prise Zimt ließ ihre Geschmacksknospen aufleben – sie liebte die Süße, auch wenn sie wusste, dass das Getränk kaum noch etwas mit echtem Kaffee zu tun hatte. Aber das war ihr ganz recht, Bitterkeit konnte sie nicht ausstehen.

Mit einem flüchtigen Blick auf den Becher erinnerte sie sich an die Kalorien. Ich sollte nicht zu viel davon trinken, wenn ich nicht will, dass es sich an meinen Hüften bemerkbar macht. April seufzte, bei dem Gedanken verging ihr der Durst gleich wieder. Gutes Aussehen war wichtig, das wusste sie. Ihre schlanke Figur, ihre warmen, haselnussbraunen Haare, ihre makellose Haut – all das waren Dinge, die sie wie einen Schatz hütete.

Neben ihr kicherte Mabel und flüsterte Ona etwas über den süßen Typen zu, der auf der anderen Seite des Platzes vorbeiging. April hörte nur mit halbem Ohr zu, ihre Gedanken glitten wieder zurück zu dem Vorfall im Laden der Sinclairs. Dabei wusste sie selbst nicht einmal, warum: Ethina war schon immer seltsam gewesen – eine Außenseiterin. Mit ihren zerschlissenen Strumpfhosen, den klobigen Boots und den schwarzen Metalband-Shirts, die ein bisschen zu weit und abgetragen wirkten, als kämen sie direkt vom Flohmarkt. Sie war das genaue Gegenteil von April. Während sie selbst auf ein perfektes Make-up und modische Kleidung achtete, schien Ethina nicht die geringste Mühe darauf zu verwenden. Ihre dunklen Haare waren oft zerzaust, und ihr Make-up – wenn sie überhaupt welches trug – war ebenso düster wie ihr Gesichtsausdruck.

Wahrscheinlich glaubt sie wirklich an diesen ganzen Hexenkram, dachte April und lehnte sich zurück. Vermutlich lag es an ihrer Mutter, die kleidete sich ja auch wie ein Vampir, der geradewegs einem Schauerroman entsprungen war. Aber wenigstens ist sie dabei noch stilvoll. Ethina scheint einfach nur schockieren zu wollen, grübelte sie weiter. Für April wirkte sie wie ein Teenager, der sich trotzig an die letzten Reste seines rebellischen Emo-Images klammerte. Aber vielleicht gehen wir zu hart mit ihr ins Gericht. Es muss schwer sein, keine Freunde zu haben.

»Was hast du gesagt?«, fragte Mabel, die sich zu ihr umdrehte.

Sie blinzelte und bemerkte, dass sie wohl laut gedacht hatte. »Ach, nichts.«

Mabel schnaubte. »Weißt du, manchmal frage ich mich echt, warum du dir über so was Gedanken machst. Du bist viel zu nett.«

April lächelte schwach. Sie war sich nicht sicher, ob nett das richtige Wort war.

»Vermutlich hat sie einfach nur Mitleid. Wegen der Sache mit ihrer Schwester«, warf Thomas ein.

April horchte auf. »Schwester?«

»Na die liegt doch im Koma. Schon seit Jahren. Hast du das nicht mitbekommen?«

»Nein, ich hatte keine Ahnung. Was ist passiert?«

Thomas zuckte mit den Schultern, als wäre es die belangloseste Sache der Welt. »Sie war in der Klasse meines Bruders. Hatte einen Unfall und seitdem liegt sie im Koma, aber niemand weiß so genau, was passiert ist. Die Familie redet nicht drüber.«

April ließ die Informationen langsam sacken. Ehrlicherweise hatte sie sich nie wirklich für Ethina interessiert. Doch jetzt drängten sich plötzlich ungemein viele Fragen auf.

»Wer weiß, was da los war«, mischte sich Ona ein, während sie die Schaumkrone ihres Kaffees betrachtete. »Diese Sinclairs sind doch alle komisch. Wahrscheinlich haben sie selbst was mit dem Unfall zu tun.«

»Freaks«, stimmte Mabel gehässig zu.

April runzelte die Stirn, ihr Blick glitt über den Marktplatz, wo die letzten Sonnenstrahlen wie schemenhafte Gebilde am Himmel tanzten. Ethina hatte nie wirklich versucht, sich irgendwo zu integrieren und ihr zurückhaltendes, fast unnahbares Verhalten machte es den anderen einfach, sie als Opfer abzustempeln. Doch nach einem solchen Schicksalsschlag war das kein Wunder.

»Wahrscheinlich wollten sie Ellora dem Teufel opfern oder sowas«, fuhr Ona spöttisch fort und nippte an ihrem Becher.

Thomas lachte auf, doch April fühlte sich unwohl. »Hör auf«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »So was ist nicht witzig. Das arme Mädchen.«

»Ach, komm schon«, Thomas stupste sie an, »diese Familie ist nicht normal. Das weiß jeder in der Stadt.«

April schwieg. Betroffen sah sie auf den schmalen Pappbecher in ihrer Hand und beobachtete die aufsteigenden Dampfkringel, die sich in der frischen Herbstluft auflösten. Sie mochte Klatsch und Tratsch genauso sehr wie die anderen, aber über so etwas Schlimmes zu scherzen … das fühlte sich falsch an.

»Vielleicht sollten wir einfach die Klappe halten.« Die Worte rutschten April unbeabsichtigt heraus aber die Tatsache, dass Ethinas Schwester im Koma lag, veränderte ihren Blick auf sie unweigerlich. War das der Grund für ihr Verhalten? Hatte sie sich deshalb so zurückgezogen?

»Wieso? Hast du plötzlich Mitleid?«, fragte Mabel grinsend und hob eine Augenbraue. »Ist doch nur Ethina. Das Freak-Mädchen. Die Sinclairs sollen mit einem uralten Fluch belegt sein. Angeblich fällt jedes dritte Kind in der Familie einem tragischen Schicksal zum Opfer. Vielleicht liegt Ellora deshalb im Koma?«

»Hat Ethina denn noch mehr Geschwister?«, fragte April.

»Keine Ahnung«, antwortete Ona und verdrehte die Augen. »Sei doch nicht so kleinlich.«

»Ich hab gehört, die Sinclairs sind echte Teufelsanbeter. Direkt aus Salem, verstehst du? Wenn man ganz leise ist, hört man in ihrem Laden manchmal ein geheimnisvolles Flüstern. Sind die Seelen der Geopferten.« Thomas zog vielsagend die Augenbrauen hoch.

Mabel lachte. »Meine Granny sagt das auch immer. Angeblich gehen sie für skurrile Rituale in den Wald.« Sie ließ ihren Blick über die anderen schweifen, als hätte sie gerade ein gut gehütetes Geheimnis ausgeplaudert.

»Was für Rituale?«, fragte Ona und beugte sich begierig vor.

»Wer weiß? Jemand, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, anderen die Zukunft vorherzusagen, kann ja nur abgedreht sein. Ich hab gehört, dass man Mrs. Sinclair manchmal nachts auf dem alten Friedhof sieht, wie sie dort irgendwelche Flüche murmelt. Die Nachbarin meiner Tante schwört, dass sie versucht hat, die Toten auferstehen zu lassen.«

April saß inmitten ihrer Freunde und verdrehte die Augen. »Oh bitte. Das sind doch nur Märchen, die Kinder verängstigen sollen.«

»Vielleicht«, fügte Ona hinzu und spielte abwesend mit einer Haarsträhne. »Aber es gibt immer einen Funken Wahrheit in solchen Geschichten, oder nicht?«

»Und selbst wenn nicht – bei dem Benehmen, das die Sinclairs an den Tag legen, darf man sich nicht wundern. Ethinas Schwester war die Normalste. Die Mutter ist noch abgedrehter. Hat total eine Schraube locker, wenn ihr mich fragt.« Thomas schnaubte.

»Also wirklich. Ihr klingt wie kleine Kinder, die an Schauermärchen glauben.«

»Komm schon, April. Jetzt verteidigst du sie auch noch? Was kommt als Nächstes? Schließt du dich ihrem Hexenzirkel an?«

»Ja, pass auf, dass du nicht plötzlich anfängst, bei Vollmond durch die Wälder zu rennen und Verwünschungen zu grölen«, stichelte Mabel.

»Ihr seid echt unmöglich.« Aprils Wangen wurden heiß vor Scham. Sie stand abrupt auf, schulterte ihre Tasche und sah ihre Freunde an. »Ich hab keine Lust mehr auf den Unsinn.«

Die anderen starrten sie überrascht an. Doch April zögerte nicht, drehte sich um und ging schnellen Schrittes in Richtung Bushaltestelle.

Sollten sie ihre Hexenjagd ohne sie veranstalten.

Kapitel 2

Ethina

Ethina starrte desinteressiert zum Geschichtsprofessor, der schon seit einer geschlagenen Stunde einen Monolog über den Dreißigjährigen Krieg hielt. Es war ein langweiliges Thema, welches sie bereits mehrfach in der High-School durchgenommen hatten. Es dauerte daher nicht lange, bis ihre Gedanken vom trockenen Unterrichtsstoff abschweiften. Als sie hinaussah, glitt ihr Blick über die Bäume, deren Blätter in satten Orange- und Rottönen erstrahlten. Der Herbstwind, der durch das gekippte Fenster in den Hörsaal wehte, war kalt und klamm und ließ sie unverwandt frösteln.

Einst hatte Ethina diese Jahreszeit geliebt – wenn die Dunkelheit früh hereinbrach und die Blätter rauschten und raschelten, sobald man auf sie trat. Mittlerweile hasste sie den Oktober. Vier Jahre. So lange war sie nun schon ohne ihre Schwester. Ethina atmete tief ein, doch ihre Brust schien sich dagegen zu sträuben, ihr genügend Luft zur Verfügung zu stellen. Egal, wie viel Zeit verging, die Frage, ob Ellora jemals wieder aufwachen würde, war ihr steter Begleiter.

Ihr Blick wanderte durch den Saal und blieb an einer Kommilitonin hängen, die einen kitschigen Halloween-Pullover trug. Die Worte des Professors verschwammen zu einem sinnlosen Durcheinander an Daten und Fakten, als sie in Gedanken zu der Zeit zurückkehrte, als Ellora noch an ihrer Seite gewesen war.

Halloween war in ihrer Familie mehr als nur ein einfacher Feiertag. Es war ein besonderer Tag, an dem die Welt der Lebenden und die der Toten näher beieinanderlagen. Für Evangeline Sinclair war es das Fest der Geister und arkanen Künste – ein Tag, den sie mit Ritualen, Beschwörungen und geheimnisvollen Festivitäten zelebrierte.

Doch für die Schwestern war Halloween mehr gewesen – ein Tag, an dem sie beide aufgeregt durch das Haus liefen, ihre Kostüme anprobierten und sich gegenseitig mit Süßigkeiten fütterten. Sie hatten den ganzen Hexenkram ihrer Mutter nicht wahrnehmen wollen. Mit ihren selbstgebastelten Kostümen war Ellora auf jeder Feier der Hit gewesen. Ethina erinnerte sich an das Lächeln ihrer Schwester, als sie den Kostümwettbewerb auf dem jährlichen Halloween-Markt gewann – sie hatte mit den Kürbislaternen und Dekokerzen um die Wette gestrahlt.

Doch all diese Erinnerungen ließen ihr Herz mittlerweile nur noch vor Kummer ächzen. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wie sich Elloras Hand angefühlt hatte, wenn sie ihre gehalten hatte; wie weich ihr Haar war, das sich jetzt über das Kissen in ihrem Bett ergoss. Ethina schloss die Augen und versuchte, die Bilder zu vertreiben, aber es war unmöglich. Ellora war nicht gestorben und sie redete sich ein, dass es besser war, im Koma zu liegen, als tot zu sein. Doch wenn sie in sich hineinhorchte, wusste sie: Der Tod hätte ihr wenigstens Erlösung gebracht.

Sie fühlte sich schuldig. Weil sie diejenige war, die ihr Leben lebte, während Ellora in dieser Starre gefangen war. Ethina presste ihre Fingernägel gewaltsam gegen den Tisch, bis sie zu brechen drohten. Das half ihr dabei, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Zu weinen würde ihr nicht helfen, sondern sie stattdessen noch mehr zum Gespött machen.

Mit angespannter Körperhaltung wandte sie den Kopf und starrte wieder aus dem Fenster. Der Wind ließ die Äste der immer kahler werdenden Bäume tanzen und für einen Moment glaubte sie, dort draußen eine Gestalt zu erkennen. Keinen Menschen, es war ... eine dunkle Silhouette, ein Vorbote, der sie an die alten Geschichten erinnerte, die ihre Mutter über die geisterhaften Seelen der Toten zu erzählen pflegte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und eilig wandte sie den Blick ab. Gerade im richtigen Augenblick, denn die Studenten gerieten in Bewegung, als der Professor einen Stapel mit Unterrichtsmaterialien verteilte. Während sie gedankenverloren in ihr Heft kritzelte, spürte sie plötzlich einen Druck auf ihrem Rücken. Sie dachte sich zunächst nichts dabei, doch dann, ohne Vorwarnung, breitete sich eine brütende Hitze in ihrem Körper aus. Es war, als würde der Raum sich binnen Sekunden auf unerträgliche Weise aufheizen. Ethinas Haut prickelte und Schweißperlen traten ihr auf die Stirn. Ihre Atmung wurde schwerer und sie wedelte sich reflexartig Luft mit den Händen zu.

Was zur Hölle ist das auf einmal?, fragte sie sich und versuchte, die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Hatte sie Fieber? Ethina berührte probeweise ihre Stirn, die trotz des Schweißes kühl war. Hektisch blickte sie sich um, es schien jedoch, als würde niemand anderes die unerträgliche Hitze bemerken. Sie zog wellenartig über ihren Körper hinweg, begann an den Füßen und wanderte weiter aufwärts. Jede Pore schien in Schweiß auszubrechen, ihre Fingerspitzen stachen und ein heißer Knoten in ihrer Brust raubte ihr den Atem.

Gerade als sie aufspringen und aus dem Hörsaal rennen wollte, trat April an sie heran. Mit einem genervten Ausdruck griff sie an Ethinas Rücken und löste etwas von ihrem Pullover. Die Hitze ließ augenblicklich nach und Ethina sackte ein stückweit in sich zusammen, als würde eine unsichtbare Last von ihr genommen. Ihre Atmung beruhigte sich und das beklemmende Gefühl verschwand genauso schnell, wie es gekommen war.

Verwirrt drehte sie sich zu April um, die ihr den Zettel, der zuvor an ihrem Rücken geklebt hatte, vor die Nase hielt. Ihre Augen weiteten sich; in schwarzen, fetten Lettern war darauf zu lesen: Verbrennt die Hexe.

Ein fester, dicker Kloß bildete sich in Ethinas Kehle und das Hitzegefühl kehrte für einen Moment zurück. Ihr Kopf war wie leergefegt, unfähig, die Verbindung zu der seltsamen Reaktion ihres Körpers zu verdrängen. Es ergab keinen Sinn. Ein Stück Papier mit einer Beleidigung konnte unmöglich diese Hitze in ihr ausgelöst haben, dennoch fühlten sich diese Worte bedrohlich an.

»Findet ihr das witzig?« Aprils Stimme hallte scharf und klar durch den Raum. Sie hatte sich zu ihren Freunden umgedreht, die amüsiert in Ethinas Richtung blickten, als wollten sie ihre Reaktion auf den neuerlichen Streich einfangen.

Den Dreien schien es jedoch sichtbar unangenehm zu sein, dass sich durch Aprils Worte immer mehr Studenten zu ihnen umdrehten, um ihre Kommilitonen sensationsgierig zu beäugen.

Ethina blinzelte überrascht. Es war das erste Mal, dass jemand sie in Schutz nahm – und dann ausgerechnet April. Diejenige, die eigentlich immer mitgemacht und mitgelacht hatte, wenn sie hinter ihrem Rücken verspottet wurde. Doch diesmal war es anders, sie schien wirklich wütend zu sein.

April hatte ein zartes, jugendliches Gesicht mit einer sanften, natürlichen Schönheit. Ihre hellen, blauen Augen, die normalerweise klar und freundlich wirkten, strahlten jetzt eine unerwartete Härte aus. Ihre schmalen, weich gezeichneten Lippen, die für gewöhnlich dezent geschminkt waren, verzogen sich vor Ärger.

Ethina kam in den Sinn, dass diese Wut so gar nicht zu April passte – sie selbst hätte ihr jedenfalls niemals einen so harschen Tonfall zugetraut.

»Jemanden als Hexe zu verbrennen ist also witzig?«, fuhr April fort, als sie keine Antwort erhielt.

Thomas zuckte in seiner üblichen Manier mit den Schultern, doch er schien nicht zu wagen, etwas darauf zu erwidern.

Ethina war nicht gewohnt, dass jemand Partei für sie ergriff. Das hatte seit Ellora – mit Ausnahme ihrer Mutter – schon lange niemand mehr getan und sie wusste nicht so recht, ob es ihr gefiel.

»Echt lächerlich«, murmelte Mabel und wandte sich ab. Doch das hämische Gekicher, das normalerweise auf einen Streich folgte, blieb aus.

Zu Ethinas Erstaunen hatten Aprils Worte sie tatsächlich verstummen lassen.

Ebenjene drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Bevor sie dazu kam, etwas zu sagen, wurde sich auch der Professor der Unruhe in seinem Hörsaal gewahr – offenbar als Letzter.

»Was ist denn da oben los?«, rief er empört.

»Entschuldigung«, trällerte April mit einem engelsgleichen Gesichtsausdruck und ließ sich wie selbstverständlich auf den Platz neben Ethina nieder. Diese betrachtete das Gesicht ihrer Kommilitonin mit gemischten Gefühlen. Sie rang eine Weile mit sich, zwang sich dann aber zu einem leisen: »Danke.«

April nickte ihr mit einem sachten Lächeln zu und konzentrierte sich anschließend wieder auf den Unterricht.

Ethinas Gedanken schweiften jedoch ab. Zerstreut fuhr sie mit dem Zeigefinger den Rand des Zettels nach, den sie immer noch in den Händen hielt. Sie biss sich auf die Lippe und knabberte an der dünnen, rissigen Haut, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, nicht die Verbindung zu dem Gefühl der Hitze ziehen, das sie vor wenigen Augenblicken erfasst hatte. Eilig zerknüllte sie den Zettel und warf ihn in ihren Rucksack. Doch die Worte hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt, wie ein düsteres Omen: Verbrennt die Hexe.

Die Sonne stand bereits tief und die letzten Studenten verließen den Campus, während Ethina es sich auf einer der Steinbänke gemütlich machte. Vor ihr lagen ein Stapel Bücher, Aufgabenhefte und ihr Laptop, auf dessen Bildschirm sich eine ellenlange Liste abzeichnete. Normalerweise liebte sie die Arbeit an historischen Themen, doch heute konnte sie sich kaum auf das Geschriebene konzentrieren. Dabei war es nicht ungewöhnlich, dass sie nach der Vorlesung auf dem Campus blieb. Oft war das der einzige Ort, an dem sie in Ruhe lernen konnte. Zu Hause und im Laden ihrer Mutter war das so gut wie unmöglich. Jedes Mal, wenn sie eine der beiden Türen hinter sich schloss, schien sie nur darauf zu warten, ihr eine neue Aufgabe aufzudrücken. Eine Lieferung musste einsortiert, die Kerzen aufgestockt oder die Küche geputzt werden. Aber so war das nun einmal: Der Laden warf nicht genug Gewinn für Angestellte ab und so war ihre Mutter auf Ethinas Mithilfe angewiesen.

Sie seufzte leise und kritzelte gedankenverloren in ihr Heft. Ihre Notizen zur Hausarbeit über die Französische Revolution waren chaotisch, und sie wusste, dass sie noch einiges an Arbeit vor sich hatte, bis sich der Text flüssig und verständlich las. Das Thema war spannend: Die Umwälzungen in der Gesellschaft, der Fall des Adels, die Aufstände und die Geburt der Demokratie. Doch heute war es für sie ungefähr so aufregend wie einen Vogel beim Nestbau zu beobachten.

Sie spürte die kühle Brise auf ihrem Gesicht und ließ ihren Blick über die altehrwürdigen Gebäude des Endicott Colleges schweifen. Studieren war nie Teil ihres Plans gewesen. Wenn es nach Ethina gegangen wäre, wäre sie gleich nach ihrem Schulabschluss weggezogen. Egal wohin, Hauptsache sie musste sich nicht länger von den Erwartungen ihrer Mutter erdrücken lassen. Doch dann war der Unfall passiert und Ellora nicht mehr aufgewacht – und damit hatten sich all ihre Pläne in Luft aufgelöst. Sie konnte ihre Mutter nicht mit dieser Bürde alleine zurücklassen.

Ethina ließ den Stift sinken und starrte in die Ferne. Anstatt aus Ipswich wegzuziehen, hatte sie sich entschieden, hierzubleiben. Damit ihre Mutter sie nicht gleich als Vollzeitkraft im Laden einstellte, hatte sie die erstbeste Alternative gewählt und sich am College in Beverly eingeschrieben. Eine halbherzige Entscheidung, aber zumindest forderte es sie intellektuell heraus und da ihr Vater für die Collegegebühren aufkam, musste sie sich auch keine Gedanken um die Finanzierung machen. In ihren Augen war es das Mindeste, was er tun konnte, nachdem er ihre Mutter mit zwei kleinen Kindern sitzen gelassen hatte.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Ethina sich für ein Studium entschieden hatte, unter anderem auch, weil ihr Notendurchschnitt eher zu wünschen übrigließ. Geschichte hatte sie aber schon immer interessiert, sodass ihre Wahl schließlich darauf gefallen war. Seit ihrer Kindheit war sie von der Historie alter Zivilisationen und den Menschen, die sie geprägt hatten, fasziniert gewesen.

Unwillkürlich musste sie an ihre Mutter denken: Sie hatte sich zwar nicht gegen das Studium ausgesprochen, doch Ethina war sich ziemlich sicher, dass sie es für Zeitverschwendung hielt. Evangeline Sinclair hielt nichts von formeller Bildung – für sie waren das Leben, die arkanen Künste und die Traditionen ihrer Familie das Einzige, was zählte. Als hätte es jemals etwas Gutes mit sich gebracht, eine Sinclair zu sein.

Ein leises Seufzen entkam ihr, als sie die Notizen zur Seite schob. Vielleicht versuche ich es morgen noch mal. Sie packte ihre Sachen zusammen und wollte gerade zum Auto gehen, als sie April bemerkte, die auf sie zukam.

»Hey, kann ich mich setzen?« Sie wartete nicht auf eine Antwort, bevor sie sich auf die Bank neben ihr fallen ließ.

Ethina beäugte sie misstrauisch. Es war merkwürdig, dass sie sie erst vor ihren Freunden in Schutz nahm und sich nun auch noch zu ihr gesellte, besonders nach all den Jahren, in denen April sie kaum eines Blickes gewürdigt hatte.

»Was gibts?«, fragte sie und zog den Reißverschluss ihres Rucksacks zu.

»Ich wollte mich noch mal für die Sache im Laden entschuldigen«, begann April, ohne sie direkt anzusehen. »Das war echt nicht in Ordnung.«

Ethina nickte leicht, versuchte jedoch, die plötzliche Freundlichkeit nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. »Längst vergessen.« Sie wollte das Gespräch abwürgen, denn die Tatsache, dass April so mir nichts, dir nichts auf Freundin tat, ließ ihre Alarmglocken schrillen.

April schien es aber entweder nicht zu merken oder es schlicht zu ignorieren. »Nein, ich meine es ernst. Das, was die Anderen über dich gesagt haben, war echt scheiße.«

Ihre Stimme klang aufrichtig, und Ethina konnte nicht anders, als sie zu betrachten. Da war etwas in Aprils Miene, das sie nicht ganz deuten konnte. Es war, als würde sie sich wirklich bemühen, aber warum? »Danke«, sagte sie erneut und wollte es dabei belassen, doch April hatte offenbar andere Pläne.

»Weißt du, vielleicht sollten wir mal was zusammen machen«, schlug sie vor.

Ethinas Augenbrauen schossen in die Höhe. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem solchen Vorschlag. »Was?«, entgegnete sie erstaunt.

April lächelte verlegen und zuckte mit den Schultern. »Ich meine, warum nicht? Wir sehen uns ständig in den Vorlesungen und kennen uns schon seit der Grundschule, und ich dachte … na ja, vielleicht könnten wir uns mal außerhalb der Uni treffen.«

Ethina blinzelte verwirrt. Was sollte das? Warum war April McAllister plötzlich so nett zu ihr? War das irgendein Trick oder ein fieser Streich, den sie und ihre Freunde wieder ausheckten? Ethinas Instinkt riet ihr, die Einladung abzulehnen, sich zu distanzieren, doch Aprils offene Miene hielt sie davon ab. »Ich weiß nicht«, begann sie zögernd, »ich bin ziemlich beschäftigt und – «

»Ach komm«, unterbrach April sie. »Es schadet nicht, mal ein bisschen Spaß zu haben, oder?«

Ethina spürte, wie sich ihr Widerstand langsam auflöste. Sie wollte eigentlich ablehnen, doch die Beharrlichkeit in der Stimme ihres Gegenübers ließ sie zögern. »Na gut«, gab sie schließlich nach und versuchte, ihre Verwirrung hinter einem schwachen Lächeln zu verbergen. »Vielleicht.«

April lächelte strahlend. »Super! Am Wochenende? Im Kino läuft ein neuer Zombiefilm, den ich unbedingt sehen will.«

Ethina öffnete bereits den Mund, um zu widersprechen, schloss ihn dann aber wieder. »Du guckst Zombiefilme? Ich hätte bei dir ja eher mit einer romantischen Komödie gerechnet.« Sie schnaubte belustigt und der Unglauben in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

April feixte. »Manchmal. Ich finde Zombies faszinierend. Und nur, damit du es weißt: Ich hasse Romanzen. Man weiß schon am Anfang des Films, wie er ausgeht.« Sie winkte theatralisch ab. »Also? Freitagabend um sechs vor dem Kino?«

Bevor sie darüber nachgedacht hatte, nickte sie. Gleich darauf bereute Ethina es. Was, wenn das alles doch nur ein perfider Plan war, um sie weiter zu demütigen?

»Ich freue mich, das wird sicher super!«, trällerte April fröhlich, sprang auf und winkte ihr zum Abschied.

Ethina blieb sitzen und schaute ihr nach, ihr Innerstes war ein einziges Durcheinander. Warum hatte sie eingewilligt? Es fiel ihr schwer, ihre Skepsis zu unterdrücken. Menschen änderten sich selten, schon gar nicht über Nacht, das wusste sie nur zu gut.

Na ja, zur Not sage ich eben, dass ich krank geworden bin, dachte sie bekümmert, schulterte ihre Tasche und stand auf.

Während Ethina zu ihrem Auto lief, verdunkelte sich der Himmel plötzlich. Wie Regenwolken, die aufzogen, nur sehr viel schneller. Eine unnatürlich ruckartige Bewegung über April, die Ethina in einiger Entfernung noch ausmachen konnte, erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein Schwarm Krähen zog am Himmel entlang, ihre dunklen Flügel schlugen wie bedrohliche Schatten durch die Luft. Ethina beobachtete, wie die Vögel sich genau bei April formierten und unruhig über ihren Kopf hinweg glitten, als wäre sie das Zentrum eines bevorstehenden Sturms.

Kapitel 3

April

Als sie das Kino verließen, war die Nacht bereits hereingebrochen, und die Straßenlaternen warfen lange Schatten über den Bürgersteig. Der Wind war kühler geworden und April zog ihren Schal enger um den Hals, doch ihre gute Laune konnte das nicht dämpfen. Sie sprudelte förmlich vor Energie und sprach ohne Punkt und Komma. »Die Zombies! Hast du gesehen, wie sie aus dem Raum gekrochen kamen? Oder, oh mein Gott, als der Typ die Taschenlampe auf das verlassene Gebäude gerichtet hat und dann plötzlich – Bam! Ich habe mich so erschrocken, dass ich fast mein Popcorn fallen gelassen habe!« April lachte und gestikulierte wild, sie hatte schon lange keinen so guten Film mehr gesehen.

Ethina ging schweigend neben ihr her und nickte ab und zu, doch sie überließ das Sprechen offenbar lieber den anderen. Da sie nicht unzufrieden wirkte, drängte April sie auch nicht zu reden. Vermutlich würde es eine Weile dauern, bis sie wirklich warm miteinander wurden. Immerhin war sie froh, dass Ethina sich überhaupt dazu bereit erklärt hatte, mit ihr ins Kino zu gehen. Ehrlicherweise hatte sie damit gerechnet, dass es schwerer sein würde, sie von einem gemeinsamen Kinobesuch zu überzeugen.

»Wenn ich zu Hause bin, muss ich unbedingt die Fantheorien lesen, die ich mir auf Instagram gespeichert habe.« Sie klatschte voller Vorfreude in die Hände.

»Fantheorien?«, fragte Ethina mit erhobenen Augenbrauen.

»Ja, der Film ist seit zwei Wochen draußen und mein Feed wurde regelrecht von Memes und Theorien zum Film geflutet. Es ist verdammt schwierig, nicht gespoilert zu werden.«

»Fehlt nur noch, dass du Fanfictions schreibst«, zog Ethina sie auf.

»Das habe ich schon in der fünften Klasse aufgegeben, ich habe einfach kein Talent fürs Schreiben«, gab April schmunzelnd zu. »Danach habe ich mich an Fanedits versucht, aber das hat auch nicht so richtig geklappt. Es ist SO schwierig, Köpfe auf andere Körper zu setzen. Besonders ohne Photo-shop.«

»Du solltest mal Gimp ausprobieren. Das ist kostenlos und am Anfang etwas unübersichtlich, aber wenn du dich erst einmal eingearbeitet hast, ist es echt gut.«

April sah sie überrascht an. »Hast du etwa auch Fanedits gemacht?«

»Nein, ich mache mit Gimp Scrapbooks und Journals«, erzählte Ethina. »Ich habe neben der Arbeit im Laden und dem Studium nicht viel Zeit für Hobbys, aber das Designen ist wirklich entspannend.«

»Du steckst voller Überraschungen, Ethina Sinclair«, sagte April schmunzelnd und hakte sich bei ihr unter. »Ich freue mich echt, dass du mitgekommen bist. Ich hätte es dir nicht verdenken können, wenn du abgelehnt hättest. Ich bereue mein Verhalten ... und hoffe wirklich, dass du mir eines Tages verzeihst.« Ihre Stimme wurde leiser. »Ich hab mich echt mies gefühlt, als ich erfahren habe, was mit deiner Schwester passiert ist. Dass wir uns über dich lustig gemacht haben … das war einfach nur dumm.«

Ethina zuckte mit den Schultern. »Schon gut. Ist ja nicht so, als wäre ich das nicht gewohnt.«

Zu Aprils Erstaunen wirkte sie weder wütend noch allzu betroffen. Vielleicht konnte sie es auch nur gut verbergen. Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge musste sie sich eingestehen, dass sie ebenfalls auf ihr herumgetrampelt war. Womöglich nicht so offensiv wie die anderen, aber nichts zu sagen war mindestens genauso schlimm. Sie verstand nicht, wie jemand so viel ertragen und trotzdem so still bleiben konnte. April wäre schon längst geplatzt. Sie war sich sicher, dass Ethina in den letzten Jahren einiges durchgemacht hatte. Sie hätte gerne etwas Tröstendes gesagt, doch die richtigen Worte wollten ihr einfach nicht über die Lippen kommen.

»Im Übrigen hätte ich auch niemals geglaubt, dass du auf Fanedits und Memes stehst«, sagte Ethina.

»Und die Zombies nicht zu vergessen.«

»Oh ja – deine Begeisterung für Zombies sucht ihresgleichen«, erwiderte sie lächelnd.

Es war kein breites, fröhliches Grinsen, sondern eher ein kurzes, fast schüchternes Zucken ihrer Mundwinkel. Doch es war das erste Mal an diesem Abend, dass April sie überhaupt lächeln sah. Sie war verzückt, wie anders sie dadurch aussah.

Ethinas gewelltes, sattbraunes Haar reichte ihr bis auf die Schultern. Ihre warme, karamellfarbene Haut schimmerte im Licht der Reklametafeln und ihre großen, ausdrucksstarken Augen strahlten wie so oft eine tiefe Nachdenklichkeit aus. Ihre Gesichtszüge waren weich, aber markant, mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. April bemerkte, dass Ethina trotz ihres finsteren Kleidungsstils eine gewisse Anmut hatte, die man auf den ersten Blick vielleicht übersah.

»Oh, glaub mir, ich könnte noch stundenlang darüber reden. Aber ich will dich nicht langweilen.« Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrer Brust aus – womöglich könnte sie das, was in der Vergangenheit schiefgelaufen war, tatsächlich wiedergutmachen. Als wollte das Schicksal ihr Vorhaben auf den Prüfstand schicken, vernahm sie eine ihr allzu bekannte Stimme. Sie drehte sich um und sah Mabel und Ona geradewegs auf sie zukommen.

»Oh, du hast echt ein Herz für Sonderlinge, oder April?«, sagte Mabel mit einem leicht spöttischen Unterton.

Ona lachte leise und fügte hinzu: »Süß, dass du dich jetzt sozial engagierst. Eine kleine Wohltat für die armen Außenseiter.«

Eine Mischung aus Ärger und Frustration staute sich dort auf, wo sie zuvor eine angenehme Wärme verspürt hatte. »Witzig, dass ihr das sagt«, erwiderte April ruhig. »Dabei habt ihr doch erst letzte Woche in der Vorlesung von Diversität und Respekt geschwärmt. Hat ja nicht lange angehalten.«

Mabel hob eine Augenbraue, als wäre sie überrascht, dass sie so direkt konterte. »Wir meinen ja nur …«, setzte sie an.

April unterbrach sie harsch: »Ihr meint gar nichts. Es sagt viel mehr über euch aus, dass ihr andere ständig beurteilen müsst, als über Ethina, findet ihr nicht?«

Ona schnaubte leise und Mabel verschränkte die Arme vor der Brust. »Also, ich dachte nur, dass du dir vielleicht Gesellschaft suchst, die etwas … passender ist.«

»Warum? Habt ihr Angst, dass euch die Aufmerksamkeit entgleitet, wenn ihr gerade mal nicht im Mittelpunkt steht?«

Die Worte saßen. Ona biss sich auf die Lippe und Mabel war sichtlich verärgert, doch bevor sie sich zu einer weiteren Spitze hinreißen lassen konnte, winkte April ab.

»Wisst ihr was? Lassen wir das. Manche von uns sind einfach über diese Spielchen hinweg.« Sie warf Ethina einen kurzen Blick zu, hakte sich erneut bei ihr unter und sagte überdeutlich: »Komm, lass uns gehen.«

Sie zerrte Ethina hinter sich her und wurde erst langsamer, als diese ihr eine Hand auf den Arm legte. »Du kannst ja richtig bissig werden.« Belustigung schwang in ihrer Stimme mit, doch dann wurde sie wieder ernster, als sie sagte: »Danke, aber das wäre nicht nötig gewesen. Solche Kommentare ignoriere ich einfach.«

»Das war das Mindeste. Diese Ziegen gehen mir schon eine ganze Weile auf den Senkel.«

Ihr grimmiger Ausdruck ließ Ethina glucksen.

»Wollen wir noch, –« bevor April ihren Satz beendet hatte, weiteten sich ihre Augen vor Begeisterung. »Das Halloween-Labyrinth ist ja schon geöffnet! Lass uns dort reingehen. Das wird super!« Sie zerrte ungeduldig an Ethinas Arm, und obwohl sie alles andere als begeistert aussah, ließ sie sich von ihr in Richtung Marktplatz ziehen.