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Der "Bericht des Bischofs", eröffnet jeweils die Herbstsynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Die vorliegende Sammlung aus den Jahren 2000 bis 2018 dokumentiert damit ein wichtiges Instrument kirchenleitenden Handelns. Die "Bischofsberichte" sind keine Rechenschaftsberichte, sondern führen in ein Thema ein oder identifizieren und reflektieren mögliche Schwerpunkte des kirchlichen Denkens und Handelns. Die Breite der Themen spiegelt die Herausforderungen in der Öffentlichkeit wider. So sind sie ein markantes Beispiel "öffentlicher Theologie" und ein Prüfstein für die Zeitgemäßheit von Glauben und Kirche. Zugleich sind sie auch eine ganz eigene Form theologischer Literatur: Bischof Martin Hein versteht sich auf die Kunst der Zuspitzung ohne Provokation.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Martin Hein
THEOLOGIEIN DERGESELLSCHAFT
BAND2: BISCHOFSBERICHTE2000–2018
Herausgegeben von Eva Hillebold und Roland Kupski
Martin Hein, Dr. theol. habil., Jg. 1954, ist seit 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. 2005 ernannte ihn die Universität Kassel zum Honorarprofessor. Seine Schwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Ethik, der Ökumene und des Interreligiösen Gesprächs. Von 2002 bis 2015 war er Vorstandsvorsitzender der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg (FEST) und von 2003 bis 2016 Mitglied im Zentralausschuss des Weltkirchenrates. Er ist Evangelischer Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland. Von 2014 bis 2018 war er Mitglied im Deutschen Ethikrat. Seit 2018 ist er Mitglied im Rat für Digitalethik der Hessischen Landesregierung.
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Autorenfoto: medio.tv/Schauderna
Cover: www.bookbook-studio.de
Satz: Susanne Hensel, Kassel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
ISBN 978-3-374-05961-4
www.eva-leipzig.de
Der jährlich zu Beginn der Herbsttagung der Landessynode vorgetragene und ausführlich diskutierte „Bericht des Bischofs“ ist neben der bischöflichen Predigt ein wesentliches Element der „Kirchenleitung durch das Wort“. In der Grundordnung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck wird das Verhältnis von episkopaler und synodaler Leitung als „Miteinander und Gegenüber“ beschrieben – ein historisch gewachsenes Modell partizipativer Leitung. So ist der Bericht des Bischofs keine Rechenschaftslegung. Es geht vielmehr darum, Themen aufzunehmen, Themen zu setzen oder sogar Themen aufzuspüren, und zwar nicht nur kirchenintern, sondern auch vor der Öffentlichkeit. Der Bischofsbericht ist ein Debattenbeitrag oder eine Debatteneröffnung und dadurch „Theologie in der Gesellschaft“.
Bischof Martin Hein hat seine Bischofsberichte sehr bewusst und sehr strukturiert genau so genutzt, was sich schon in der formalen Gestaltung der Überschriften spiegelt.
Wenn wir uns daher entschlossen haben, diese Texte gesammelt zum Ende seiner Dienstzeit zu publizieren, so steht dahinter der Gedanke, dass auf diese Weise die mehr als 18 Jahre seines Bischofsamts nicht nur quasi „historisch“ verfolgt werden können. Es geht auch darum, zu prüfen und zu erwägen, welche Themen Bestand hatten, welche Themen in ihrer Valenz unterschätzt oder überschätzt wurden und welche Themen vielleicht zu ihrer Zeit noch nicht in ihrer Relevanz erkannt wurden. So liest sich der Bericht „Silberne Kirche“ heute, wo wir anfangen, die Auswirkungen des demographischen Wandels deutlich zu spüren, noch einmal ganz anders als im Jahre 2003, als das noch ein „statistischer Horizont“ war. „Barmherziger Gott“ von 2016 erzeugte ein starkes öffentliches Echo. Der Bericht formulierte pointiert eine theologische Position, die zwar tief in der Tradition verankert ist, aber durch die gesellschaftliche Gesamtlage unvermittelt eine radikale Aktualität bekam. Bemerkenswerterweise findet sich der dort formulierte Gedanke von dem einen Gott der drei abrahamitischen Religionen schon im Bericht „Offene Begegnung“ aus dem Jahre 2010 – wo er fast echolos verhallte. Habent sua fata libelli. Das hoffen wir auch von diesem Buch.
Abgedruckt sind jeweils die thematischen Blöcke der Berichte vom Jahr 2000 bis 2018. Der jeweils zweite Teil, der in einem mehr chronistischen Sinn Bericht ist und „Aktuelles aus der Landeskirche“ bringt, kann von interessierten Leserinnen und Lesern unter https://www.ekkw.de/bischof/vortraege_berichte.html nachgelesen werden. Wer die anschließenden Diskussionen verfolgen möchte, kann dies im Wortprotokoll der Synodaldiskussionen tun, die im Landeskirchenamt in Kassel anfragbar sind.
Wir bedanken uns bei Martin Hein, der uns die Texte zur Verfügung gestellt hat, und bei Susanne Hensel, die letztlich die gesamte Arbeit der Erstellung des Druckexemplares übernommen hat. Wer je ein solches Unternehmen startete, weiß, was das heißt.
Das Neue Testament sieht das Bischofsamt vor allem in der Bewahrung der Lehre gegründet. Die vorliegenden Bischofsberichte sind Ausdruck des Versuchs, das auf moderne und zeitgemäße Weise zu leisten, und das heißt: nicht autoritär, aber mit Autorität. Wieweit das jeweils gelungen ist, überlassen wir der Einschätzung der Lesenden und dem Gang der Dinge.
Kassel, im Januar 2019
Eva Hillebold und Roland Kupski
COVER
TITEL
ÜBER DEN AUTOR
IMPRESSUM
VORWORT
SICHTBARE KIRCHE [2000]
GEFÄHRDETES LEBEN [2001]
WELTWEITE CHRISTENHEIT [2002]
SILBERNE KIRCHE [2003]
GELOBTES LAND [2004]
GELEBTE TAUFE [2005]
BEKANNTER GLAUBE [2006]
LEBENDIGE JUGEND [2007]
KULTURELLE GRÖSSE [2008]
BEWÄHRTE FREIHEIT [2009]
OFFENE BEGEGNUNG [2010]
GEISTLICHES LEBEN [2011]
TÄGLICHES BROT [2012]
GEISTLICHE LEITUNG [2013]
VERBINDLICHE VOLKSKIRCHE [2014]
BEFREIENDE REFORMATION [2015]
BARMHERZIGER GOTT [2016]
BEJAHTE FREIHEIT [2017]
THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG [2018]
BIBLIOGRAFIE 2014 BIS2018
NACHWEISDER ERSTVERÖFFENTLICHUNGEN
ENDNOTEN
2000
Seit dem 1. September dieses Jahres bin ich im Amt, also noch keine neunzig Tage. Heute lege ich Ihnen meinen ersten Bericht als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck vor. Weil ich nur auf eine relativ kurze Amtszeit zurückschauen kann, will ich den Raum nutzen, um Ihnen einige perspektivische Gedanken vorzustellen. Ich will dies tun mit dem Blick eines »Berufsanfängers«, dessen Wahrnehmung noch unbefangen, vielleicht sogar unbekümmert ist.
Bitte erwarten Sie von mir keinen geschlossenen Programmentwurf – so als gäbe es einen Schlüsselgedanken, den wir nur durch alle Felder kirchlichen Handelns durchdeklinieren müssten, um die Botschaft und das Leben unserer Kirche voranzubringen. Zum einen glaube ich nicht, dass es einen solchen Gedanken gibt, der alle Herausforderungen meistern könnte. Zum anderen denke ich, dass die Rahmenbedingungen, unter denen unsere Kirche heute ihre Botschaft auszurichten hat, kaum noch solche geschlossenen Konzepte zulassen. Die Dynamik der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse ist vielmehr so stark, dass wir uns eher um kontinuierliche Revisionen in kleinen und mittleren Schritten bemühen müssen als um den einen großen Wurf, der sich schon nach wenigen Jahren als überholt erweisen könnte.
Mein Bericht trägt die Überschrift «Sichtbare Kirche». Ich meine das in einem doppelten Sinn des Wortes: Einerseits knüpfe ich an eine theologische Einsicht aus der Reformationszeit an, die zwischen »sichtbarer« und »verborgener« Kirche unterscheidet, um deutlich zu machen: Die Kirche ist mehr, als wir sehen können. Sie ist wesentlich eine geistliche Gemeinschaft. Damit die verborgene wächst, ist die sichtbare Kirche notwendig. Andererseits geht es mir darum, die konkrete Gestalt der Kirche wirklich öffentlich »sichtbar« und wahrnehmbar werden zu lassen. Denn die zunehmende Vielfalt von Meinungen, Positionen, religiösen Gruppen und ihren Anschauungen erschwert es, ein deutliches evangelisches Profil zu erkennen.
Beginnen möchte ich mit einem kurzen Nachdenken über reformatorische Aussagen zum Verständnis der Kirche. Der 7. Artikel des Augsburger Bekenntnisses von 1530 sagt dazu: »Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.« (hier zitiert nach EG 808)
Diese Einsicht der Reformatoren ist bestechend, denn sie verdichtet das Kirchenverständnis auf zwei Kernbereiche: Verkündigung des Evangeliums und Darreichung der Sakramente. Darum geht es in der Kirche zuerst und zuletzt – und dazu ist sie da!
Bleibt diese prinzipielle Voraussetzung gewahrt, eröffnen sich große Freiräume. CA VII setzt darum folgerichtig fort: »Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden.« Die Form also, wie wir unsere Kirche organisieren, die Art und Weise, wie das Zusammenspiel von Gemeindemitgliedern und Pfarrerinnen und Pfarrern, von Kirchenvorständen, Synoden und Kirchenleitung gestaltet wird, ja selbst der Ablauf der Gottesdienste ist bei Wahrung der beiden genannten Voraussetzungen in die freie Entscheidung der Menschen einer jeweiligen Zeit gestellt. Die Sozialgestalt der Kirche wird nicht in einer bestimmten Weise festgelegt. Hier ist nach praktischen Gründen zu entscheiden, wie dem Auftrag der Kirche, das Evangelium zu bezeugen, am besten entsprochen werden kann, sofern nur diese beiden Erfordernisse der evangelischen Kirche beachtet bleiben. In der Formulierung des 7. Artikels des Augsburger Bekenntnisses entdecke ich für unsere Kirche die Pluralität als Prinzip.
Sollte man von Rom aus bemängeln, es gebe in den deutschen evangelischen Landeskirchen viel historisch Zufälliges, das nicht den Charakter des Gottgegebenen habe, können wir mit Selbstbewusstsein antworten: Für uns »genügt« (CA VII) es für das Kirche-Sein der Kirche, dass das Evangelium gepredigt wird und die Sakramente gereicht werden. Davon rücken wir nicht ab und müssen uns deshalb gar nicht auf die Diskussion einlassen, ob wir denn nun wirklich Kirche sind oder nicht. Diese Frage ist für uns längst beantwortet!
Der Öffentlichkeitsanspruch der Kirche unter den Bedingungen unserer Gesellschaft
Unbestreitbar hat die Kirche einen öffentlichen Auftrag. So wird sie sichtbar. Das ist biblisch gut belegt: Im Licht sollen wir reden, was uns im Finstern gesagt wurde, von den Dächern sollen wir predigen, was uns ins Ohr geflüstert wurde (Matthäus 10,27). Verantworten sollen wir uns vor jedermann, der nach dem Grund unserer Hoffnung fragt, die in uns ist (1. Petrus 3,15). Hingehen sollen wir und aller Welt das Evangelium verkündigen (Matthäus 28,18-20).
Diese Botschaft ist also von ihrem Selbstverständnis her nicht für einen elitären Zirkel weniger Eingeweihter gedacht. Sie richtet sich an alle. Das hat Konsequenzen für unser kirchliches Handeln.
Die Grundordnung unserer Landeskirche greift diesen Gedanken auf: Nach Art. 112 ist der Bischof »berufen, dafür zu sorgen, dass die Kirche ihren Auftrag in der Öffentlichkeit wahrnimmt«. Das meint zum einen, dass der Bischof im Einvernehmen mit seinen Stellvertretern und den anderen kirchenleitenden Organen der führende Verhandlungspartner ist im Gespräch mit Vertretern anderer Kirchen ebenso wie der Öffentlichkeit und der Politik. Vor allem ist es aber wohl so zu verstehen, der Bischof habe das Kernanliegen der Kirche, die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, in der Öffentlichkeit zu verantworten.
Das lässt sich an einigen aktuellen Beispielen verdeutlichen: Wer den biblischen Gedanken, Gott sei Schöpfer allen Lebens und jeder Mensch Gottes Ebenbild, nicht zur leeren Phrase verkommen lassen will, muss sich in eine öffentliche Debatte hineinbegeben. In der öffentlichen Auseinandersetzung über Fragen der Gentechnik oder auch des Rechtsradikalismus und Rassismus hat unsere Kirche Flagge zu zeigen, um deutlich zu machen, wofür sie steht: dass sich nämlich der Wert eines Menschen nicht nach seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe bemisst und dass nicht menschliche Wunschvorstellungen von der Gestalt und dem Charakter des Menschen zum Kriterium seiner Schaffung und Existenz werden dürfen. Solche biblisch begründeten Einsichten müssen von uns in die Öffentlichkeit hinein vermittelt werden – zum einen, weil dies nach Bibel und Grundordnung unser Auftrag ist, zum anderen deswegen, weil wir in solchen Diskussionen deutlich machen können, dass die biblische Botschaft eine lebenspraktische und hilfreiche Bedeutung für unseren Alltag hat.
Das zu betonen ist gerade auch mit Blick auf die junge Generation wichtig, die der Kirche diese Alltagskompetenz immer wieder abspricht. Die Kirche, ihre leitenden Gremien und der Bischof betreiben kein fremdes Werk, wenn sie sich in das öffentliche Gespräch einbringen, sondern haben dafür gute Gründe.
Solche Auseinandersetzungen erzeugen nicht nur Zustimmung und Freunde. Aber umgekehrt würde auch der Verzicht auf die deutliche Vermittlung biblischer Einsichten in den öffentlichen Raum hinein Enttäuschungen und Ablehnung hervorrufen. Kriterium unseres Handelns in der Öffentlichkeit kann aber nicht die Zustimmung sein, die wir möglicherweise erhalten, sondern bleibt unser Auftrag, dem Evangelium gemäß zu bezeugen, »was dem Leben dient«.
Dies steht überhaupt nicht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Kirche einen geistlichen Auftrag hat, der sie von anderen Institutionen unverwechselbar unterscheidet. Wir schulden den Menschen eine lebendige Alternative zu den herrschenden Kulturen der Eindimensionalität, seien es die Spaßkultur, der Konsumismus oder die Leistungskultur mit ihrer schlichten Kosten-Nutzen-Logik. Wir schulden den Menschen das Wort des Lebens, um sie vor der seelischen Verwüstung und geistigen Verödung zu bewahren. Wer kann denn sonst in biblischen Geschichten, Psalmen, Melodien und Musik, in Ritualen und Bildern auf ein anderes Leben hinweisen jenseits aller begrenzten Weltsicht? Wer soll denn sonst die Menschen auf Gott hinweisen, damit sie nicht um die Fülle ihrer Lebensmöglichkeiten betrogen werden?
Wenn wir den Auftrag der Kirche so verstehen, ist klar, dass wir mit unserer Verkündigung und unserem Handeln ganz bewusst alle Menschen in den Blick nehmen. Wir gehen auf ihren Alltag mit den Sorgen, Fragen und Nöten zu, begeben uns dabei sicher auch in Zweideutigkeiten und in fragwürdige Situationen – aber wir haben in Jesus Christus ein deutliches Vorbild. Wir stehen der Gesellschaft nicht distanziert gegenüber, sondern sind mitten in sie hinein verwoben.
Diese Einsicht hindert uns zugleich daran, mit dem Anspruch auftreten zu wollen, als hätten wir in jeder gesellschaftlichen Debatte unbefragbare Wahrheiten zu vertreten. Wir gehören heute – dies ist unumwunden ernstzunehmen – zum polyphonen Chor der öffentlichen Meinung. Unsere Stimme wird allenfalls als eine von vielen gehört. Und sicher sollten wir uns nicht zu jedem Anlass melden. Öffentliche Kundgebungen können sich auch verbrauchen. Unsere Stimme wird aber umso deutlicher vernommen werden können, je mehr sie als hilfreich und orientierend erkannt wird.
Eine gute Perspektive wäre es, wenn zu bestimmten Themen in der Öffentlichkeit unmittelbar die entsprechende Kompetenz der evangelischen Kirche assoziiert würde. Aber davon ist zurzeit leider nichts zu sehen. Derzeit kommt mir kein Thema in den Sinn, bei dem wir die Meinungsbildung wesentlich bestimmten, auch wenn immer wieder um Stellungnahmen zu Sachthemen nachgefragt wird. Allerdings ist unsere Beteiligung nicht automatisch gewährleistet. Zur Anhörung im Bundestag zum neuen Partnerschaftsgesetz waren die Kirchen zum Beispiel nicht eigens eingeladen!
Die Vielfalt der Stimmen, die sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen wollen, ist unübersehbar – nicht nur auf dem politischen, sondern auch dem religiösen Gebiet. Heute finden Sie in jeder hessischen Kleinstadt unterschiedliche Konfessionen, Religionen, Sekten und Weltanschauungsgruppen, wie sich das unsere Großeltern nie vorstellen konnten. Die traditionelle Zugehörigkeit zur evangelischen oder katholischen Kirche ist keineswegs mehr selbstverständlich.
In den letzten Jahren ist zunehmend in den Blick gekommen, was man »frei schwebende« Religiosität nennt. Sie macht sich an allen möglichen Dingen fest, findet sich in Bruchstücken zum Teil auch in christlichen Jugendgruppen oder bei Menschen ohne Religionszugehörigkeit. Gespeist und gefördert wird sie aus unzähligen Artikeln in Jugendzeitschriften wie »bravo« oder »girl«, durch Sendungen wie »Akte X« und einen boomenden Büchermarkt. Schauen Sie sich einmal aufmerksam an, was in der Esoterik-Ecke der Buchläden zu finden ist: Merkwürdiges Geheimwissen zu Erdstrahlen, Astrologie, Wiedergeburt und vielem mehr wird da angeboten. Man kann das alles belächeln, bekämpfen oder einfach ignorieren. Aber bemerkenswert daran ist doch der versteckte Hinweis darauf, dass es anscheinend ein verbreiteteres Interesse an religiösen und spirituellen Fragen, an Sinndeutungen und Wertorientierungen gibt, als wir zu meinen geneigt sind. Allerdings äußert sich dieses Interesse nicht in der uns gewohnten Sprache und in der uns vertrauten Gestalt. Meiner Meinung nach ist das aber kein Grund, darüber achtlos hinwegzugehen. Vielmehr wäre es ein Gewinn, machten wir uns die Mühe, die religiösen Motive, Hoffnungen, Überzeugungen und Sehnsüchte darin aufzuspüren und zu schauen, ob nicht unsere christliche Tradition bessere und überzeugendere Antworten weiß. Wir müssen uns sozusagen auf weltweite Konkurrenz hier vor Ort einstellen und darin behaupten. Das stellt ganz neue Anforderungen an unsere eigene religiöse Sprachfähigkeit. Unsere traditionelle Sprache taugt für den Umgang mit »kerngemeindlich« geprägten Menschen. Wenn wir uns auf dem offenen »Markt der Meinungen und Möglichkeiten« wie im Dialog der Konfessionen und Religionen selbstbewusst darstellen wollen, müssen wir unsere Sprache neu entwickeln, aber dabei der Botschaft, die wir auszurichten haben, treu bleiben.
Das stellt nicht geringe Anforderungen an uns! Die zunehmende Pluralisierung des religiösen Angebotes macht es schwieriger als früher, ein evangelisches Profil in der Öffentlichkeit erkennbar werden zu lassen. Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass in der Gesellschaft die Tendenz zur Individualisierung weiter zunimmt. Immer stärker wollen Menschen ihr Leben selbstbestimmt und autonom führen. Dann kann schon der Gedanke, zu einer religiösen Gemeinschaft zu gehören, diesem Drang zur Freiheit scheinbar widersprechen. »Wir brauchen für unseren Glauben keine Kirche und keine Gemeinde«, lautet oft die Auskunft.
Die Lebensstile sind heute sehr viel persönlicher geworden. Diese zunächst schlicht zu konstatierende Vielfalt kann aber auch Folgen im Blick auf ehrenamtliches Engagement haben: Die Übernahme von Verantwortung und Aufgaben – und zwar verlässlich und dauerhaft – für die Gemeinschaft wird immer weniger als notwendig angesehen. Wer demgegenüber betont, dass wir als Menschen auf Solidarität angelegt sind, wird nicht selten milde belächelt. Die Bindekraft von Vereinen und Verbänden, Parteien und Gewerkschaften nimmt ab. Mag unsere Kirche – was verbindliche Beteiligung angeht – zurzeit noch recht gut dastehen, so kündigen sich doch auch hier Wandlungen an. Wir werden diese Entwicklungen aufmerksam verfolgen müssen, denn unsere kirchliche Arbeit ist in weiten Teilen auf kontinuierliche ehrenamtliche Beteiligung angelegt und lebt davon!
Vielleicht mag es ein wenig trösten, dass diese Tendenzen im Raum unserer Landeskirche nicht so schnell ihre Wirkungen entfalten, wie das in anderen Kirchen der Fall ist. Aber Vorsicht! Das sollte uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die beschriebenen Entwicklungen werden ihre Wirkungen künftig auch bei uns stärker zeigen. Wir haben lediglich einen gewissen Aufschub.
Dieser Aufschub, der uns Zeit zu sachgemäßer perspektivischer Planung belässt, liegt in der Struktur unserer Landeskirche begründet. Wir sind eine Kirche, die ländlich geprägt ist. 80 % unserer Gemeinden liegen auf dem Land. Über die Hälfte der Gemeinden hat weniger als 600 Gemeindeglieder. Zwar ist auch in unserer Kirche schon länger nicht mehr die bäuerliche Kultur tragend. Die ländliche Prägung insgesamt hat aber dazu geführt, dass manche Angebote des verstärkten Individualismus erst allmählich aus den Städten oder Metropolen in die kleinen Ortschaften vordringen. Über die Medien sind sie allerdings schon überall anwesend.
An der überwiegend ländlichen Struktur liegt es vermutlich auch, dass unsere Mitgliedszahlen erstaunlich stabil sind. Im Vergleich mit den anderen Kirchen im Bereich der EKD liegt Kurhessen-Waldeck bei den Austrittszahlen ganz am Ende. Trotzdem nimmt auch bei uns die Zahl der Gemeindeglieder ab. Vergleichen Sie die beiden Rubriken Taufen und Beerdigungen in Ihrem Gemeindebrief, so werden Sie fast regelmäßig feststellen, dass die Zahl der Beerdigungen höher ist als die der Taufen. Die Mitgliedszahlen schrumpfen; gleichzeitig stagnieren auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Und das, obwohl wir seit einiger Zeit ja ein gemäßigtes wirtschaftliches Wachstum haben. Das unterstreicht, dass die Wirkungen dieses Aufschwungs sich im Bereich unserer Landeskirche nicht nachhaltig entfalten. Wir leben – abgesehen von unseren »Anteilen« am Rhein-Main-Gebiet – nach wie vor überwiegend in einer wirtschaftlich benachteiligten Region.
Welche konkreten Einbußen die verschiedenen Stufen der Steuerreform für unsere Kirche nach sich ziehen werden, wird im Rahmen der Haushaltsberatungen während dieser Synodaltagung erörtert. Einen weiteren Rückgang des Steueraufkommens werden wir sicher hinnehmen müssen.
Öffentliche Gottesdienste und offene Kirche
Der Gottesdienst ist und bleibt die wesentliche Lebensäußerung der Kirche. Weil Gottesdienste öffentlich sind, bilden sie gewissermaßen die Visitenkarte unserer Kirche. Hier sind wir sichtbar und erkennbar.
Gottesdienste finden regelmäßig zu festgelegten Zeiten statt. Sie sind ein Kommunikationsgeschehen, das in dieser Form kaum Vergleichbares in unserer Gesellschaft hat. Es ist etwas Besonderes, dass hier sonntags und zu anderen Zeiten Menschen zusammenkommen, um nicht nur einander, sondern Gott zu begegnen. Und das in einem unmittelbaren Geschehen, an dem alle Sinne beteiligt sind. Selbst der Raum entfaltet seine Wirkung. Unvergleichlich ist auch die Verbindung der Elemente, die den Gottesdienst prägen: Es wird gemeinsam gesungen. Das geschieht außerhalb des Gottesdienstes nur noch in Sportarenen und auf Feiern. Es wird ein tiefer Dialog mit Gott angestoßen und gemeinsam gebetet. Man vergewissert sich vertrauter und bewährter Grundüberzeugungen im gemeinsamen Bekenntnis. Die Versammelten reihen sich ein in den uralten Wechsel von Klage und Lob. In den Worten vernehmen sie Trost und Hoffnung, Orientierung und Sinndeutung. Einzigartig ist der Gottesdienst schließlich darin, dass er in der Botschaft von Jesus Christus eine Perspektive öffnet, die weit über unsere erfahrbare und begrenzte Welt hinausreicht.
Was trauen wir unseren Gottesdiensten eigentlich zu? Ich befürchte, oft zu wenig. Dabei berührt doch jeder Gottesdienst Tiefendimensionen in uns Menschen, die andernorts kaum angesprochen werden. Unsere Gesellschaft leidet ja keinen Mangel an Kommunikation und Information. Nur ist diese Kommunikation oft sehr oberflächlich und ein großer Teil der Information völlig nutzlos. Darum sticht das »Angebot« der Kirchengemeinde schon deutlich aus allen anderen kommunikativen Zusammenhängen heraus. Hier geht es um Gott und um uns, um Gericht und Gnade, um Tod und Leben.
Je nachdem, welche Bedeutung wir unseren Gottesdiensten beimessen, wird auch ihre Gestaltung ausfallen. In den meisten Fällen mag der Gottesdienst in seinem Ablauf der Agende folgen. Oft finden sich auch Abweichungen, mal gut begründet, mal eher unbewusst und manchmal aus ganz einfachen praktischen Gründen. Wichtig finde ich, dass wir es reflektiert und mit Bedacht tun, wenn wir in den agendarischen Verlauf eingreifen. Ich hoffe, dass das seit langem angekündigte Begleitbuch zu unserer Agende im kommenden Jahr erscheinen kann und dazu wichtige Hilfestellungen vermittelt.
Ich habe gesagt, dass der Gottesdienst die wesentliche Lebensäußerung der Kirche sei. Dazu stehe ich. Aber das heißt nicht, dass die regelmäßige sichtbare Gottesdienstteilnahme der ausschlaggebende Maßstab dafür ist, wie Gemeindeglieder ihre Zugehörigkeit zur Kirche ausdrücken. Die Mitgliedschaftsstudien der EKD zeigen deutlich, dass es darüber hinaus sehr verschiedene abgrenzbare Beteiligungsformen an der Kirche gibt. Die größte Gruppe von evangelischen Christen erscheint höchst selten zu den Veranstaltungen der Kirchengemeinde. Ab und zu kommen sie zu einem Kirchenkonzert, sie haben oder werden ihre Kinder taufen lassen und ihre Eltern vom Pfarrer oder der Pfarrerin beerdigen lassen. Aber sie zahlen ganz verlässlich ihre Kirchensteuern und finanzieren das Angebot der Kirchengemeinde, zu dem sie selbst kaum Zugang finden. Sie tun das klaglos und mit großer Selbstverständlichkeit. Ich denke nicht, dass wir solchen Menschen ein defizitäres Christsein unterschieben sollten. Eher müssten wir uns fragen, welche religiösen Bedürfnisse diese Menschen haben und wie wir diese aufnehmen können.
Es ist also wichtig, wenn unsere Gottesdienste einen Geist spüren lassen, der von evangelischer Freiheit bestimmt ist: Verschiedene Arten, das Christsein zu verstehen, werden bewusst zugelassen und Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Gott gestärkt. Und unsere Gottesdienste sollten von einem Geist geprägt sein, der den Menschen freundlich und offen begegnet, der den Auftrag zur Verkündigung ernst nimmt und sorgfältig ausführt und der die eigene Person nicht höher stellt als die Sache selbst.
Vor dem Hintergrund verschiedener Formen der Mitgliedschaft in der Kirche, aber auch mit Blick auf die Herausforderungen durch die Pluralisierung und Individualisierung ergeben sich konkrete Anfragen: Es ist zu überlegen, ob Gottesdienste – besonders in den Städten – nicht vermehrt zu anderen Zeiten stattfinden könnten als nur am Sonntagmorgen um 10 Uhr. Es ist auch zu bedenken, ob Kirchengemeinden nicht bewusster an einer »Profilbildung« ihres Gottesdienstes arbeiten sollten, um gezielt bestimmte Gruppen anzusprechen. Das muss nicht das übliche Angebot ersetzen, aber kann doch in bestimmten Zeitabständen geschehen. Die Mobilität der meisten Menschen lässt es meiner Meinung nach zu, hier im Vertrauen auf Gottes Geist Neues zu wagen. Deshalb möchte ich Sie ermutigen, ungewohnte Wege zu gehen, selbst auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere Versuch nicht gleich gelingt.
Ein letzter Gedanke in diesem Zusammenhang: Weil der Gottesdienst öffentlich ist, müssen Kirchen offen und einladend sein! Nicht zufällig stehen die alten Kirchen in den Dörfern und Städten im Zentrum des Ortes, am Marktplatz, nicht weit vom Rathaus entfernt. Das deutet zum einen auf die gemeinsame Verantwortung für die Menschen hin. Zugleich verweist diese Konstellation darauf, dass im Rathaus, auf dem Forum des Marktplatzes und in der Kirche die entscheidenden Gedanken ausgetauscht, Werte und Orientierungen gesucht wurden, die das Schicksal der Bürgerschaft bestimmten. In Kirchen kann das Nachdenken über Heil und Unheil eines Gemeinwesens in einem anderen Geist stattfinden als im Rathaus oder in den Fraktionsräumen. Öffentlichkeit zu bilden über die eigenen Grenzen hinaus, ist eine Aufgabe der Kirchengemeinde. Indem wir unsere Kirchen für die gemeinsame Diskussion über das bereitstellen, was Bürgerinnen und Bürgern auf den Nägeln brennt, können wir dazu beitragen, Grenzen zu verflüssigen, Mauern einzureißen, die andere Sicht der Dinge im geschützten Raum zu Wort kommen zu lassen, ohne uns parteitaktisch verrechnen zu lassen. So nehmen wir das vielbeschworene Wächteramt der Kirche wahr. Wem das zu abstrakt klingt, sei an die Montagsgebete vor über einem Jahrzehnt in der ausgehenden DDR erinnert!
Gottesdienste können so zu Friedensdiensten im wahrsten Sinne des Wortes werden. Denn jeder Gottesdienst ereignet sich Sonntag für Sonntag unter der Zusage »Der Friede des Herrn sei mit euch allen« und mündet am Ende ein in den Segen »[…] und gebe dir Frieden«. Umgeben vom Frieden Gottes haben wir Gelegenheit, vor ihn zu bringen, was uns bewegt – auch im Blick auf den Ort, an dem wir leben: alle Freuden und Nöte. »Suchet der Stadt Bestes«, heißt es beim Propheten Jeremia, »und betet für sie zum Herrn«.
Position beziehen: Politische Stellungnahmen der Kirche
Unsere Kirche wird sichtbar auch in ihrer politischen Option – sowohl durch ihr Reden wie durch ihr Schweigen. Die Frage, wann und in welcher Form wir gefordert sind, unsere Stimme zu erheben, stellt sich seit langem. Dies wird auch weiter der Fall sein. In der pluralistischen Demokratie ist die Grenze des politischen Engagements der Kirche dann überschritten, wenn sie die Gewissensentscheidung des Einzelnen nicht mehr zulässt, wenn sie sich eindeutig parteipolitisch fixiert und im notwendigen politischen Streit Menschen und Gruppierungen vorsätzlich ausgrenzt. Umgekehrt heißt das: Auf jeden Fall ist unsere Kirche gefordert, wenn die Würde von Menschen verletzt zu werden droht oder wenn die Erinnerung der Opfer herabgewürdigt wird.
Gleich zu Beginn meiner Amtszeit bin ich unmittelbar mit dieser Fragestellung konfrontiert worden: sei es durch den Aufmarsch rechtsextremer Gruppen in Kassel Ende Oktober, sei es durch das Gedenken an die Novemberpogrome in den verschiedenen Städten und Gemeinden unserer Landeskirche. Zu beiden Anlässen habe ich mich öffentlich geäußert, bei beiden Anlässen auch an öffentlichen Veranstaltungen teilgenommen. Zudem habe ich mich als Repräsentant unserer Landeskirche einer regionalen Initiative angeschlossen, die sich gegen die Bedrohung der Jüdischen Gemeinde in Kassel wendet und von zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens unterstützt wurde. Als »Kasseler Erklärung« ist der Wortlaut am 7. November in der neu erbauten Kasseler Synagoge verlesen worden.
Aus meiner Sicht ist es gut evangelisch, sich in diesem Zusammenhang nicht auf den Ausdruck der Abscheu und des Protestes zu beschränken. Es gilt vielmehr, die Frage nach den Wurzeln von Diskriminierung und Gewalt zu stellen, auch danach zu fragen, inwieweit wir als Christen, als Kirchengemeinden und als Synoden menschenverachtenden Stimmungen und Kampagnen widerstehen. Die diesjährige Öffentlichkeitsaktion unserer Landeskirche zum Buß- und Bettag »Alles gleichgültig?« hat dieses dringende und zugleich unbequeme Thema aufgegriffen.
Es ist gewiss nicht so, dass sich das politische Engagement der Kirche in dem eben skizzierten Spektrum erschöpft. In vielerlei Hinsicht kann die Landeskirche auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen aufbauen. Ich habe dies bei meinen ersten Kirchenkreisbesuchen erlebt, zu denen stets auch Gespräche mit Kommunalpolitikern gehörten. Gleiches gilt auch für das Spitzengespräch aller hessischen Landeskirchen und Bistümer mit der hessischen Landesregierung. Diese Gesprächsrunde auf höchster Ebene ist meines Wissens in ihrer ökumenischen Zusammensetzung einzigartig in Deutschland. Sie hat eine gute Tradition, die es dankbar zu bewahren gilt.
Wünschenswert erscheint mir zugleich, dass wir den Dialog mit Politikerinnen und Politikern, ob auf lokaler, regionaler, Landes- und Bundesebene, intensivieren – etwa im Vorfeld und während der Gesetzgebungsverfahren, um unsere christlich begründeten Vorstellungen für ein gutes, gerechtes und menschenwürdiges Zusammenleben in unserem Gemeinwesen deutlich zu formulieren.
Insofern reizt es, sich mit dem Begriff »deutsche Leitkultur« oder »Leitkultur in Deutschland« auseinanderzusetzen. Ohne auf den Parteienstreit oder die Konflikte innerhalb von Parteien und die Diskussionen in den Feuilletons der großen Tageszeitungen eingehen zu wollen, sei daran erinnert, dass die EKD auch innerhalb unserer Landeskirche einen Konsultationsprozess zum Thema »Protestantismus und Kultur« auf den Weg gebracht hat. Inwieweit die aktuelle Diskussion hier ihren Niederschlag finden wird, bleibt abzuwarten.
Für mich ist es an dieser Stelle wichtig festzuhalten: Der Protestantismus hat zur jeweiligen Kultur ein differenziertes Verhältnis. Es ist zu fragen, ob nicht gar Luthers gegen alle Mächte durchgehaltene Gewissensentscheidung »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen« ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Individualismus gewesen ist, dessen Folgen wir heute zugegebenermaßen auch als problematisch erleben. Nur, eines muss klar sein: Einen Weg zurück gibt es nicht. Insofern stehen Protestantismus und evangelische Freiheit in einem engen Zusammenhang mit Vielfalt und Ermutigung zum eigenen, persönlichen Weg.
Von seinen biblischen Grundlagen her ist der Protestantismus immer auch gefordert, die Gestaltungen der Kultur kritisch zu befragen und Korrekturen anzumahnen. Zugleich ist er in diese Kultur hineinverflochten. Die Konsequenz ist nicht ein laues Verhältnis des gepflegten Desinteresses an der Kultur. Gefordert ist vielmehr der spannungsvolle Versuch, sich ganz hineinzubegeben und doch die Freiheit der Kritik zu bewahren.
Kirche als Medienereignis
Dankbar blicke ich auf die freundliche Zuwendung und Aufmerksamkeit zurück, die mir bei meiner Einführung in der Kasseler Martinskirche, ja bereits unmittelbar nach meiner Wahl zuteil wurde. Dies gilt auch für das Interesse, mit dem die Medien – Printmedien, Hörfunk, Fernsehen, aber auch das Internet – diese Ereignisse begleitet haben. Erinnert sei an die starke Präsenz der Medien, voran des Fernsehens, im Verabschiedungs- und Einführungsgottesdienst am 31. August. Sie haben unsere Kirche sichtbar gemacht.
In gewisser Weise – nicht nur, was etwa das Verhältnis von Kontemplation, Liturgie und Medienpräsenz im Gottesdienst anbelangt – zeigt sich freilich auch die Ambivalenz der Mediengesellschaft. Berichtenswert sind Ereignisse, die sich am Schicksal von (einzelnen) Personen festmachen, die Emotionen hervorrufen, die durch die Prominenz der Beteiligten aufgewertet werden – und etwa gute Bilder liefern. Man kann darüber klagen und wird doch die Medialisierung unserer Lebenswelt nicht aufhalten: Will die evangelische Kirche mit ihrem Profil und ihrer Position auf dem Markt der Meinungen und Anschauungen erscheinen, so muss sie sich mit Medien vertraut machen, wo dies geboten ist und sich wenigstens zum Teil auf deren Gesetzmäßigkeiten einlassen – oder sie meiden. Letzteres hieße aber, auf einen Informationskanal zu verzichten, der für die meisten Zeitgenossen, auch das Gros der Mitglieder unserer Gemeinden, von wachsender Bedeutung ist – eine Entwicklung, die in Zukunft noch bedeutsamer wird. Anders gesagt: Die Kirche kann sich nicht der Mediengesellschaft und ihren Gesetzen entziehen. Sie soll und darf es auch nicht.
Dabei verschweige ich die Probleme nicht: Neben den bereits erwähnten seien zwei weitere benannt: Wie steht es um das Verhältnis der personalen und der medialen Kommunikation? Um beim Beispiel des Fernsehgottesdienstes zu bleiben: Spricht man authentisch zu den Menschen, die unmittelbar anwesend sind, und nimmt sozusagen in Kauf, dass man dabei gefilmt und fotografiert wird? Oder redet man eigentlich zu den Fernsehzuschauern und nimmt die Menschen, die in Fleisch und Blut anwesend sind, nur als Staffage für ein Medienevent?
Unsere Stärke und unsere Unvergleichbarkeit mit anderen Mitbewerbern um die öffentliche Aufmerksamkeit liegt in unserer personalen Präsenz: darin, dass wir von Angesicht zu Angesicht reden und zuhören. Das gilt für jeden Gottesdienst, auch für den Gottesdienst zum Bischofswechsel. Aber es wäre der falsche Weg, wenn man auch auf dem Hintergrund der benannten Ambivalenzen auf die mediale Aufbereitung etwa eines solchen Ereignisses verzichten wollte. Wir würden Chancen ohne Not verspielen.
Eine weitere Problemanzeige: Ich sagte bereits, Medien machen Themen und Positionen zunehmend an Personen, an Einzelpersonen fest. Das betrifft die westlichen Demokratien und ihre Politiker ebenso wie die Kirchen, und mit ihnen die synodal organisierten evangelischen Kirchen. Das Stichwort lautet: Einer – und dann erst – für alle. Um von unserer Landeskirche zu sprechen: Die Grundordnung unserer Landeskirche stellt zwar explizit fest: »Der Bischof vertritt die Landeskirche im gesamten kirchlichen und öffentlichen Leben« (Art. 113 GO). Dennoch ist die Fokussierung des Medieninteresses auf eine Person – gerade auf dem Hintergrund des Grundsatzes eines »Miteinander und Gegenüber« in der Leitungsverantwortung unserer Kirche (Art. 89 GO) – bedenklich. Wir sollten uns freilich nicht der Illusion hingeben, dass wir die Kriterien der Medienberichterstattung ändern könnten. Es wird bei diesem Spagat bleiben.
Umso wichtiger ist der beständige und intensive Dialog mit den Medienvertretern. Zu den festen Punkten bei den bereits erwähnten Kirchenkreisbesuchen, die mich bis zum Sommer nächsten Jahren in alle Kirchenkreise unserer Landeskirche führen werden, gehört auch ein Gespräch mit den örtlichen Medien. Des Weiteren habe ich in diesem Monat ein erstes Hintergrundgespräch mit leitenden Redakteuren von Medien unserer Landeskirche geführt. Diese nunmehr begonnene Praxis, die ich für ebenso notwendig wie lohnend halte, wird fortgesetzt werden.
Oft ist in diesem Zusammenhang zu hören, kirchliche oder gar theologische Themen hätten in der Regel zu wenig Chancen auf eine angemessene Berichterstattung. Einzelne Beobachtungen lassen mich diesen Eindruck relativieren. Zumindest in der überregionalen Presse wurde der innerprotestantische Streit über die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Vatikan ausführlich dokumentiert. Dies gilt ebenso für die umstrittene Erklärung »Dominus Iesus«, mit der Kardinal Ratzinger eine lebhafte Diskussion anfachte. Zur inhaltlichen Seite habe ich mich in meinem Brief zum Reformationstag geäußert. Ich will diese Diskussion deshalb hier nicht vertiefen – auch aus einem anderen Grund: Voten leitender Geistlicher der römisch-katholischen Kirche auf der vergangenen EKD-Synode zu Beginn dieses Monats in Braunschweig legen nahe, dass zumindest die Mehrheit der katholischen Bischöfe hierzulande eine konfessionelle Polarisierung nicht wünscht und auf die Fortsetzung der ökumenischen Bemühungen setzt.
Freilich sollte uns in diesem Zusammenhang deutlich sein, dass die Kirchen in der Mediengesellschaft »ökumenischer« wahrgenommen werden. Das heißt: Für die Stärken, aber auch für die »Sünden« der einen Konfession werden auch die anderen haftbar gemacht.
Dass sich neue und traditionelle Formen medialer Kommunikation nicht ausschließen, will ich an zwei Beispielen demonstrieren. Nur wenige Tage nach meiner Einführung habe ich einen ersten Bischofs-Chat im Internet geführt, ein zweiter hat zum Thema des Buß- und Bettags stattgefunden. Um nur vom ersten Chat zu sprechen: 150 Menschen hatten in einer zweistündigen Diskussion Gelegenheit, sich mit mir zu unterhalten – privat und doch auch öffentlich. Worüber wir geredet haben, war vor allen Augen sichtbar – etwa über die Frage der Gewalt und des Rechtsextremismus, aber auch eher persönliche Fragen kamen zur Sprache.
Es ist dies ein Weg, mit Christinnen und Christen in ein Gespräch zu kommen, das anders nur schwer zu führen wäre. Das gilt nicht zuletzt mit Blick auf den Personenkreis, der sich an diesen Gesprächen beteiligt: Vor allem Jugendliche, die unserer Landeskirche stärker, aber auch weniger stark verbunden sind, sind mir im Chatroom begegnet.
Doch auch der Gottesdienst hat seinen Platz in den Medien: Am 31. Oktober wurde der Reformationsgottesdienst, in dem ich die Predigt hielt, live aus der Bad Wildunger Stadtkirche in der ARD übertragen – ein Ereignis, das rund eine Million Menschen am Fernseher verfolgten und auf das ich eine lebhafte Resonanz erhielt. Es sei in diesem Zusammenhang der technische und finanzielle Aufwand erwähnt, der mit einer derartigen Übertragung – ein Gottesdienst à eine Stunde – verbunden ist: 25 Mitarbeiter waren hochmotiviert drei Tage mit der Vorbereitung und Realisation der Fernsehübertragung befasst: Die Kosten lagen bei einer sechsstelligen Summe.
In diesem Zusammenhang ist auch von der Medienarbeit unserer Landeskirche zu sprechen. Zwei Dinge scheinen mir hier besonders wichtig: Wir müssen erstens den Status Quo unseres vielfältigen Engagements auf diesem Gebiet sichten. Wen erreichen wir – und zwar mit welchem personellen (und das heißt eben auch finanziellen) Aufwand? Die Synode im kommenden Frühjahr wird sich voraussichtlich mit der Frage der Printmedien befassen. Das zweite ist: Genügt unsere Medienarbeit professionellen Maßstäben, die wir ja als Mediennutzer andernorts ohne Zögern anlegen? Ich sehe deutlich voraus, dass wir in Zukunft unser Engagement hier verstärken müssen – gewiss bei überschaubaren finanziellen Möglichkeiten. Dies gilt nicht zuletzt mit Blick auf die sich ständig entwickelnden, vor allem aber auch zunehmend differenzierenden elektronischen Medien, wobei abzusehen ist, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Medien, Zeitung, Hörfunk und Internet in Zukunft fließend sein werden.
Für unsere Landeskirche kann hier nur der Grundsatz gelten: Wir müssen auf dem Gebiet der Medienarbeit zukunftsfähig bleiben. Wir werden zu investieren haben, ohne dabei die unabdingbare personale Kommunikation (in unseren Gemeinden) und die mediale Kommunikation gegeneinander auszuspielen.
In der Öffentlichkeit für unsere Kirche einstehen
Pfarrerinnen und Pfarrer stehen im Licht der Öffentlichkeit. Oftmals stehen sie – gewollt oder ungewollt – für »Kirche«. In ihnen wird Kirche sichtbar.
Die Darstellung evangelischer Identität und das selbstbewusste Vertreten evangelischer Positionen ist auch in Zukunft ein wesentliches Element des Berufsfeldes »Pfarrer / Pfarrerin«. Es ist ganz selbstverständlich, dass sich das Bild, das wir von diesem Beruf haben, verändert und weiter verändern wird, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wandeln, innerhalb derer diese Arbeit geschieht. Eine besondere Schwierigkeit gegenüber früheren Zeiten liegt in der starken Beschleunigung der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse. Das erschwert das Nachdenken darüber, welche berechtigten Erwartungen wir künftig an den Dienst von Pfarrerinnen und Pfarrern richten können: Welche unaufgebbaren Kompetenzen und Fähigkeiten gehören zu diesem Beruf? Welche Rollen sollen ordinierte Geistliche reflektiert einnehmen und gestalten können? Welche Aufgaben sind wirklich Aufgaben der Pfarrer und Pfarrerinnen – und welche können auch von anderen Gruppen, Personen und Institutionen ohne Imageverlust für die Pfarrerschaft übernommen werden?
In unserer Landeskirche beschäftigt sich die Theologische Kammer mit diesen Fragen und versucht, für die nächsten Jahre Perspektiven des Pfarramtes zu benennen. Es wird kaum ein Entwurf für die nächsten hundert Jahre sein können. Die Dynamik der gesellschaftlichen Veränderungen zwingt zu kürzeren Abständen der Verständigung. Trotzdem ist es wichtig, die vermuteten Entwicklungen und künftigen Aufgabenzuschreibungen in den Blick zu nehmen und theologisch zu reflektieren. Sollte daraus ein Leitbild entstehen, wäre dies hilfreich, um die nötigen Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Prüfungsordnungen und damit im Theologiestudium zu verankern und die Vikarsausbildung unter dem Blickwinkel dieses Pfarrerbildes neu auszurichten. Es könnte zur Folge haben, dass auch die Ausstattung der Pfarrämter oder ihr Zuschnitt verändert wird. Dies alles muss gründlich bedacht werden.
Vor zwei Monaten referierte auf dem Pfarrtag unserer Landeskirche Isolde Karle, eine Privatdozentin aus Bonn. Sie erläuterte den anwesenden Pfarrerinnen und Pfarrern, dass die Berufe des Pfarrers, des Richters und der Ärztin sich von anderen Berufen deutlich unterscheiden. Sie seien eigentlich »Professionen«. Mit Professionen würden sich auf der einen Seite hohe Verantwortung, ein großes Maß an Freiheit in der Gestaltung sowie eine große innere Befriedigung bei der Ausübung verbinden. Auf der anderen Seite gäbe es aber auch erhebliche Einschränkungen, zum Beispiel in der Privatsphäre, in der Selbstbestimmung, in den verlangten Rollen, die man auszufüllen habe, und in der Gestaltung der Arbeitszeit. Frau Karle sprach in diesem Zusammenhang von »professionsspezifischen Verhaltenszumutungen«.
Ich will diesen Begriff aufgreifen und zumindest zwei dieser professionsspezifischen Verhaltenszumutungen nennen, die nach meiner Überzeugung auch künftig zum Pfarrerbild gehören werden – ohne damit der Theologischen Kammer vorgreifen zu wollen.
(1) Unverwechselbar ist für die Profession einer Pfarrerin bzw. eines Pfarrers die personale Präsenz »vor Ort« und die Bereitschaft zur direkten Kommunikation. Während sich die Post, Banken und Sparkassen aus den kleinen Orten zurückziehen, sollten wir, wo immer es geht, personell in den Gemeinden präsent bleiben. Für die Pfarrerschaft bedeutet dies die Bereitschaft, das Pfarrhaus zu beziehen und bei den Gemeindegliedern zu wohnen und zu leben. Diese sogenannte Residenzpflicht wird immer wieder mit respektablen Gründen in Frage gestellt. Und das Problem verschärft sich dadurch, dass Pfarrer und Pfarrerinnen in Funktionsstellen nicht an eine solche Residenzpflicht gebunden sind. Das führt zu Neid und gelegentlich zu Verstimmungen. Als eine ländlich strukturierte Kirche ist diese unmittelbare Präsenz aber unsere große Chance. Wir würden anderenfalls sehr rasch einen enormen Ansehensverlust feststellen – ganz ähnlich wie bei Lehrerinnen und Lehrern, als man im Zuge der Schulreformen den engen Zusammenhang von Schulort und eigenem Wohnen auflöste. Würden wir ähnlich verfahren, wäre damit ein tiefgreifender Wandel in der Wahrnehmung des Pfarramtes eingeleitet, dessen Folgen gravierender sind, als wir ahnen. Die Residenzpflicht als Regelfall ist und bleibt eine solche professionstypische Verhaltenszumutung.
(2) Pfarrerinnen und Pfarrer haben unstrittig einen Kommunikationsberuf. Sie sollten also die Bereitschaft und die Fähigkeit mitbringen, im Gespräch mit Einzelnen oder in kleinen und großen Gruppen zu kommunizieren – und zwar als Redende wie als Zuhörende. Pfarrer und Pfarrerinnen werden sich auf die Nähe von Menschen einstellen. Wäre die Bereitschaft oder Fähigkeit dazu nicht vorhanden, würde ein tragendes Element des Pfarrerbildes fehlen. Denn trotz aller medialen Möglichkeiten lässt sich die Bedeutung der unmittelbaren Begegnung durch nichts ersetzen. Natürlich sind Pfarrerinnen und Pfarrer nicht immer sofort greifbar für solche Gespräche. Manche lassen sich durchaus auch verschieben. Aber wo wir das tun, sollten wir es bewusst und gut begründet tun und uns einen Eindruck von der Gewichtigkeit des Anliegens gemacht haben. Technische Geräte können helfen, diesen Gesprächsbedarf zu organisieren, so dass die Kontakte in einem überschaubaren Zeitrahmen verabredungsgemäß stattfinden können. Verlässlichkeit und freundliche Offenheit für Begegnungen mit Gemeindegliedern sind und bleiben eine weitere professionsspezifische Verhaltenszumutung. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer ihr entsprechen, prägt das Bild der Kirche nicht unerheblich.
Schließlich möchte ich noch einmal auf unsere Grundordnung zurückkommen – nun im Blick auf Pfarrerinnen und Pfarrer. Hier sind die grundlegenden Arbeitsfelder beschrieben, die nach meiner Überzeugung auch künftig zum Berufsbild gehören. In der Dienstgemeinschaft von Landeskirche, Gemeinden und allen ihren Gliedern stehen die Pfarrerinnen und Pfarrer an prominenter Stelle in der Verantwortung, »das Evangelium in Wort und Sakrament, in Seelsorge, Unterweisung, Mission und Diakonie in rechter Weise auszurichten« (Art. 1 i. V. mit Art. 57 Abs. 1 GO).
Heute nur eine Bemerkung zum Bereich »Unterweisung« – und hier speziell zum Religionsunterricht. Auch hier haben wir es mit Öffentlichkeit zu tun, denn der Unterricht erfolgt innerhalb des Systems öffentlicher Schulen: Sofern Pfarrerinnen oder Pfarrer über eine insgesamt zu hohe Arbeitsbelastung klagen und nach Abhilfe rufen, wird sehr oft – zu oft, wie ich meine! – vorgeschlagen, die Unterrichtsverpflichtung an der Schule zu reduzieren oder ganz zu streichen. Ebenso kommt es nicht selten vor, dass Pfarrer und Pfarrerinnen wegen anderer dienstlicher Termine kurzfristig beim Schulleiter den Unterricht absagen. In einer Studie, die der Verein evangelischer Religionslehrer und Religionslehrerinnen zusammen mit dem Pädagogisch-Theologischen Institut unserer Landeskirche erarbeitet hat, können Sie nachlesen, welch verheerenden Eindruck solch ein Verhalten bei den Religionslehrerinnen und -lehrern, vermutlich aber auch bei der Schulleitung, dem Lehrerkollegium und bei Schülern und Eltern auslöst.
Durch den Staatskirchenvertrag ist der Religionsunterricht der Pfarrerinnen und Pfarrer an staatlichen Schulen geregelt. Für die vier Stunden, die alle zu erteilen haben, fließen der Kirche nicht unerhebliche finanzielle Mittel zu, weil wir unsererseits eine Leistung erbringen, zu der eigentlich der Staat verpflichtet ist. Ein Teil des Pfarrgehalts beruht auf diesen staatlichen Zuwendungen. Ich möchte diesen Sachverhalt deutlich ins Bewusstsein heben.
Aber das ist nicht der alleinige Grund, weshalb ich bei meinen Gesprächen in den Pfarrkonventen ausdrücklich auf den zu erteilenden Religionsunterricht zu sprechen komme. Ich halte den Bereich des Unterrichts für konstitutiv für den Pfarrberuf, weil ich das Christentum für eine lehrbare und lernbare Religion halte. Die Fähigkeit, Religion zu lehren, ist für das Amtsverständnis heute wichtiger als früher, als viele Kinder noch von zu Hause religiöses Wissen und christliche Bildung mitbrachten. Im Unterricht wird Kommunikation des Glaubens herausgefordert und eingeübt. Hier müssen christliche Begriffe elementarisiert werden. Das hat Rückwirkungen für die eigene Person der Lehrenden: Denn dieser Vorgang befragt die hergebrachten Vorstellungen und kann den Abschied von nur angeeigneten Formeln einleiten, um – im besten Fall – zu einer Neu-Alphabetisierung des eigenen Glaubens zu führen.
Sicher ist es nicht immer leicht, sich seitens Jugendlicher kritischen Nachfragen, unangemessenen Argumenten, gar Angriffen auf die Kirche oder schlichtem Desinteresse ausgesetzt zu sehen. Wenn jemand klagt, dass er sich dafür nicht kompetent fühle, sollte nicht gleich an den Abschied vom Religionsunterricht gedacht, sondern nach Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung gefragt werden. In anderen Bereichen der pastoralen Tätigkeit käme ja wohl auch niemand auf den Gedanken, sich davon aus Gründen der Überforderung befreien zu lassen, weil auch hier (etwa im Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht oder in der Bildungsarbeit) religionspädagogische Kompetenz eine unabdingbare Voraussetzung ist. Unser Pädagogisch-Theologisches Institut bietet dafür seine guten und hilfreichen Dienste an, damit Pfarrerinnen und Pfarrer diese notwendige Befähigung erlangen und der Religionsunterricht Lehrenden wie Lernenden Freude macht.
Die Präambel unserer Grundordnung beschreibt die Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament, Seelsorge, Unterweisung, Mission und Diakonie als gemeinsame Aufgabe von Landeskirche, Gemeinden und allen ihren Gliedern (Art. 1 GO). Darum möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich auf die tragende Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinweisen. Viele Bereiche kirchlicher Arbeit wären ohne die engagierte Mithilfe so vieler Menschen nicht möglich. Ein wesentlicher Teil der Kindergottesdienstarbeit und der Jugendarbeit ruht vermutlich auf den Schultern von Ehrenamtlichen. Die vielen Besuchsdienst- und Frauenkreise übernehmen oft ganz selbstverständlich Aufgaben, die für die Wahrnehmung der Kirchengemeinde in der Öffentlichkeit wesentlich sind. Daneben besteht der Kirchenvorstand, der in gemeinsamer Verantwortlichkeit mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin die Gemeinde leitet, aus Ehrenamtlichen.
Was mir Sorge bereitet, ist die Vermutung, dass es uns zunehmend schwerer fallen könnte, Frauen und Männer gerade für diese wichtige und unverzichtbare Aufgabe in unserer Kirche zu gewinnen. Im nächsten Jahr werden am 23. September Kirchenvorstandswahlen stattfinden. Sie sind ein Gradmesser dafür, wie weit die Verbundenheit mit unserer Kirche geht, so dass man unter Umständen auch bereit ist, ihr Zeit, Kraft und Fantasie zur Verfügung zu stellen. Mit der Gewinnung von Kandidatinnen und Kandidaten sollten wir so frühzeitig wie möglich beginnen.
Insgesamt hat unsere Kirche ein großes Potential an ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie sind mitverantwortlich für das Bild, das wir von unserer Kirche in der Öffentlichkeit zeichnen. Auch durch sie wird unsere Kirche sichtbar. Insofern danke ich allen, die die übernommenen Aufgaben mit Kompetenz und Verantwortung wahrnehmen und am Dienst am Evangelium Jesu Christi so teilnehmen, dass die Kirche einladend und freundlich wirkt.
Die Wahrnehmung der Kirche als Diakonie
Als soziale Einrichtung hat unsere Kirche in der Öffentlichkeit immer noch ein sehr hohes Ansehen. Die diakonische Arbeit, die sie leistet, wird von der Öffentlichkeit und der Politik durchaus geschätzt. Für viele Menschen, vielleicht besonders die kirchlich Distanzierten, ist die Kirche gerade in diesem Gebiet vorbildlich, authentisch und bei ihrer Sache. Diese praktische Arbeit zeigt deutlich, wie wir uns als Kirche verstehen: als der Welt und den Menschen zugewandte Dienstgemeinschaft, der die Sorgen und Nöte der Menschen, und zwar aller Menschen, nicht fremd sind.
Ich will nur zwei Aspekte ansprechen, die mir in diesem Zusammenhang am Herzen liegen:
Zunächst: »Kirche und Diakonie«? Ich bin kein Freund dieser Redeweise. Ich halte sie für falsch und bin ihr nach Möglichkeit auch in meinen bisherigen Aufgabenfeldern entgegengetreten. Es wäre offenkundig unsinnig, von »Kirche und Gottesdienst« oder »Kirche und Seelsorge« zu reden. Beides gehört grundsätzlich zur Kirche hinzu. Auch wenn man die eigenständige Entwicklung diakonischer Einrichtungen anerkennt, so verbietet sich doch eine Trennung oder Aufspaltung: Wenn – wie in der Präambel (Abs. 4) der Grundordnung unserer Landeskirche ausgedrückt – Diakonie Grundäußerung und nach dem Diakoniegesetz »Entfaltung des Auftrages der Kirche im Dienst am Nächsten zu dessen Heil und Wohl« ist, dann kann die Konsequenz nur lauten: Diakonie ist Kirche – und Kirche auch Diakonie.
Die Diakonie agiert in einer Zeit rascher und tiefgreifender Veränderungen in der Sozialpolitik. Dies stellt eine große Herausforderung dar. So gilt es etwa, sich in der Marktsituation gegenüber Konkurrenten zu behaupten. Über die Folgen, die dies mit sich bringt und bringen kann, muss nachgedacht werden – untereinander, aber auch mit allen Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft. Wir müssen uns fragen, wieviel uns der diakonische Auftrag wert ist. In Konkurrenz zu agieren, verlangt aber zugleich: das eigene Profil schärfen, also erkennbar und (etwa von anderen Anbietern) unterscheidbar zu sein. Ich wage in diesem Zusammenhang eine Umkehrung: Während sich die Kirche in der Öffentlichkeit lange Zeit über ihre diakonische Tätigkeit definierte, könnte es heute notwendiger sein, dass sich die Diakonie über ihren kirchlichen Auftrag definiert.
Wo Kirche zu sehen ist: Kirchenbauten
Mit bloßem Auge und für jeden sichtbar ist, wie wir mit unseren Gotteshäusern umgehen. Ich weiß nicht, ob Sie in den letzten Jahren einmal auf der Landstraße durch eines der neuen Bundesländer, etwa Mecklenburg-Vorpommern, gefahren sind. Viele alte Dorfkirchen an prominentem Platz im Ort sind in einem jämmerlichen Zustand. Ein halbes Jahrhundert der Vernachlässigung hat tiefe, irreparable Spuren in der Bausubstanz hinterlassen. Auch in der Zeit nach der Maueröffnung konnten nicht all die nötigen Baumaßnahmen finanziert werden, die nötig gewesen wären.
Da kann sich der Pfarrer oder die Pfarrerin noch so bemühen und von der Zukunftsfähigkeit des Evangeliums Jesu Christi predigen. Mitten im Ort steht ein steinerner Zeuge, der seine beste Zeit lange hinter sich gelassen hat: ein Symbol des Niedergangs und des Abbruchs. Und dieser Zeuge lässt die Worte der Prediger wie Hohn erklingen oder wenigstens scheint er ihnen Blauäugigkeit und Realitätsverlust vorzuwerfen. Eine fatale Situation!
Auf der anderen Seite werde ich seit meiner Einführung zu zahlreichen Jubiläumsgottesdiensten eingeladen. Oft erlebe ich, dass die Kirche zu diesem Jubiläum im Glanz der eben abgeschlossenen Renovierung erstrahlt. Die Gottesdienste sind gut besucht, und in den Gesprächen erfahre ich, wie stolz die Gemeindeglieder auf ihre Kirche sind, wie sehr sich der Kirchenvorstand über dieses Werk freut und wie engagiert die Gemeinde durch Geldspenden oder ehrenamtliche Mitarbeit dieses schöne Ergebnis unterstützt hat. Manchmal fanden sich auch Sponsoren, die größere Summen spendeten, die Arbeitskräfte aus dem Betrieb abstellten oder Material, Maschinen und Baustoffe zur Verfügung stellten.
Mir ist vollkommen bewusst, wie teuer und aufwendig es ist, unsere Kirchen in einem ansprechenden Zustand zu erhalten. Aber ich plädiere unbedingt dafür, dass wir allergrößte Anstrengungen unternehmen sollten, dass sie einladend wirken, dass sich in ihnen evangelischer Glaube und Hoffnung über dieses Leben hinaus ausdrücken. Denn darin – ich sagte es bereits – ist die Kirche einzigartig und unverwechselbar. Unersetzlich ist und bleibt die Kirche aus meiner Sicht als öffentlicher Platzhalter für die religiöse Tiefendimension menschlichen Lebens.
Mit unseren Kirchengebäuden sind wir etwa in Städten zum Teil auf Grundstücken vertreten, die Makler als »Filetstücke des Grundstücksmarktes« bezeichnen würden. Im Dorf nimmt die Kirche in aller Regel eine zentrale Stellung ein. Das ist ein kaum zu überschätzendes Pfund, mit dem wir wuchern sollten. Als exemplarische Orte der Gegenwart Gottes sind Kirchen Symbole dafür, dass nicht alles käuflich und besitzbar ist. Sie sind Orte, die inmitten des Alltags auch jenseits des Gottesdienstes zur Begegnung mit Gott einladen. Sie sind Refugien. Um diesen Charakter wahrnehmen zu können, sollten sie allerdings auch tagsüber geöffnet sein und als Raum der Stille, der Andacht, der Meditation, der Begegnungen, des Trostes und der Klage erlebt werden können. Ich darf hier zu mir selbst kommen, hier kann ich in der Nähe Gottes Frieden mit mir selbst finden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich den Raum der Kirche verändert verlasse!
Weil ich die Wirkung dieser unverwechselbaren symbolischen Dimension sehr hoch einschätze, will ich mich dafür einsetzen, die Kirchen, wo immer es geht, in einem sehr achtbaren Zustand zu erhalten. Wenn es finanziell wirklich eng wird, sollten wir eher Gemeindehäuser verkaufen und die Nutzungsmöglichkeiten unserer Kirchengebäude erweitern, als sie dem Verfall preiszugeben oder zu veräußern.
Bei den Kirchenkreisbesuchen findet immer auch eine Gesprächsrunde mit den Bürgermeistern des Kirchenkreises statt. Natürlich wird mit Blick auf die eigenen Kassen über die Verpflichtungen der Baulast geklagt. Aber ich höre auch viel Entgegenkommen und gute Kooperation zwischen kommunalen Verantwortungsträgern und Kirchengemeinden. Wichtig wäre auf Seiten der Kirchengemeinden, dass die kirchlichen Gebäude wirklich regelmäßig und fachmännisch begangen werden, um Mängel rechtzeitig zu entdecken, bevor in ihnen sehr teure Schäden anwachsen. Wenn für die Kommune ersichtlich wird, dass die außerordentliche Höhe der Baulast auch durch Versäumnisse seitens der Kirchengemeinde zu verantworten ist, dann ist das natürlich eine schwierige Situation. Wichtig scheint mir, dass man in den entsprechenden Verhandlungen den richtigen Ton trifft. Wir sollten die Beziehungen zur jeweiligen Kommune gut pflegen und die erbrachten Leistungen aus Steuergeldern immer wieder lobend erwähnen. Ich kann mir auch vorstellen, dass man der Kommune die Kirchenräume für bestimmte Veranstaltungen als würdigen Rahmen anbietet, etwa für Ehrungen, Jubiläen, Gedenkveranstaltungen. So kann man daran erinnern, dass es neben der Verantwortung für das historische Erbe in Gestalt von Schlössern, Burgen und Gärten auch eine gemeinsame Verantwortung für das geschichtliche kulturelle Erbe in Form von kirchlichen Gebäuden gibt.
Bei den nötigen Renovierungen und Sanierungen müssen wir versuchen, neue Wege zu gehen. Wir sollten zum Beispiel gezielt und verstärkt Sponsoren und Mäzene suchen, um einen Teil der Kosten zu finanzieren. Wir sollten versuchen, gewisse Arbeiten, die nicht komplizierten Auflagen der Denkmalpflege unterliegen, zum Teil in Eigenarbeit zu leisten. Ich kann mir vorstellen, dass ein solches gemeinsames Projekt manche Gemeindeglieder aktiviert und auch ein neues Wir-Gefühl in der Kirchengemeinde hervorruft.
Dass die Landeskirche ihrerseits diese Aufgabe in ihrer Dringlichkeit erkannt hat, kommt etwa in der vorgeschlagenen Schaffung des Kirchenerhaltungsfonds zum Ausdruck, über den wir während dieser Tagung beraten.
Abschluss
Noch einmal möchte ich auf das Augsburger Bekenntnis zurückkommen. Art. VIII sagt, dass »die christliche Kirche eigentlich nichts anderes ist als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen«. Gleichzeitig aber heißt es, dass »in diesem Leben unter den Frommen viel falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder bleiben«. Das macht deutlich, dass die konkrete Sozialgestalt einer bestimmten Kirche nicht einfach mit der Gemeinschaft aller Gläubigen und Heiligen in eins gesetzt werden darf.
Darin drückt sich theologisch begründete Nüchternheit aus: Weder eine verfasste evangelische Landeskirche noch die Evangelische Kirche in ihrer konfessionellen Ausprägung ist mit der Versammlung aller Gläubigen identisch. Die eine Kirche Jesu Christi, die allein »una, sancta, catholica et apostolica« genannt werden darf, verwirklicht sich in unterschiedlichen Kirchen – übrigens auch in der römischkatholischen Kirche. Unter diesem weiten Horizont ereignet sich unser Dienst in der Welt und für die Welt. Dafür steht auch unsere Landeskirche sichtbar ein.
Ich komme zum Schluss. Mit diesem Bericht wollte ich darüber Auskunft geben, wie ich unsere Kirche in verschiedenen Handlungsfeldern und unterschiedlichen Zusammenhängen sehe und erlebe. Sie werden zum Teil anderes wahrnehmen und manche Dinge vermutlich anders einschätzen. Ich bleibe auch künftig auf Ihre ergänzenden oder korrigierenden Sichtweisen angewiesen. Darum bitte ich Sie, Ihre Erfahrungen mit unserer Kirche in das Gespräch einfließen zu lassen. Die Verständigung untereinander bleibt die Voraussetzung dafür, Perspektiven zu entwickeln und zum gegebenen Zeitpunkt gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
2001
Vom Wachstum der Kirche
»Is your church growing?« Mit dieser Frage überraschte mich während meines Sommerurlaubs in den USA ein amerikanischer Bekannter. Für ihn war es selbstverständliche Voraussetzung seines Glaubens, dass eine Kirche wachse. Wenn nicht, laufe doch irgendetwas falsch, und es wären, so seine Meinung, entsprechende Überlegungen anzustellen, wie das anders werden könnte: »What do you do?«
Selbstverständlich wusste ich in jenem Gespräch von den völlig unterschiedlichen Voraussetzungen zu berichten, die die kirchliche Situation in Deutschland im Vergleich zu der in den USA bestimmen. Die Faktoren, warum unsere Kirche tatsächlich schrumpft, sind ja bekannt. Zum einen haben wir mehr Sterbefälle zu verzeichnen als Taufen. Zum anderen gibt es eine Wanderungsbewegung, die sich an den wirtschaftlichen Aussichten einer Region entscheidet. Im nord- und osthessischen Raum gibt es zum Teil erhebliche strukturelle Probleme mit der Folge, dass gerade jüngere Menschen in Ballungsbereiche außerhalb von Kurhessen-Waldeck ziehen, wo sich die Arbeitsmarktbedingungen deutlich positiver als bei uns darstellen. Beide Faktoren können wir nicht unmittelbar beeinflussen, doch sie haben vielfache Auswirkungen. Und schließlich sind – bei rund einer Million Gemeindeglieder – im vergangenen Jahr 4.240 Austritte zu verzeichnen gewesen, denen zwar 995 Aufnahmen gegenüberstanden, die aber den Mitgliederverlust nicht auszugleichen vermochten. Insofern musste ich sagen: Nein, unsere Kirche wächst nicht – jedenfalls nicht, was die Zahl der evangelischen Christen angeht. Die Hinweise auf die – im deutschen Vergleich – relative Stabilität gerade unserer Landeskirche werden meinen amerikanischen Freund in Iowa kaum überzeugt haben; sie kamen ihm eher beunruhigend vor, weil er sie als beschwichtigend empfand.
Seither sind mir seine beiden Einwürfe nachgegangen. Man sollte sie nicht gleich als »naiven« amerikanischen Pragmatismus abtun. Dahinter steckt tatsächlich eine recht weitgehende Anfrage an die Art und Weise, wie wir in Deutschland innerhalb unseres volkskirchlichen Kontextes mit dem schleichenden Mitgliederrückgang in der evangelischen Kirche umgehen. Und die scheint weitgehend von Gewöhnung an einen angeblich unumkehrbaren Trend geprägt zu sein.
Dabei wächst die Kirche Jesu Christi weltweit gesehen: nicht einmal in erster Linie in Nordamerika, aber in Afrika, in Asien und in Lateinamerika. Die Rückfragen an uns könnten ebenso gut aus einer unserer Partnerkirchen kommen: »Wie steht das mit Euch? Wir leben doch alle aus dem gleichem Evangelium von Jesus Christus als Heil der Welt. Niemand hat den anderen etwas voraus. Aber bei Euch spüren wir wenig Resonanz.« Am Evangelium selbst kann es kaum liegen, wenn es andernorts Menschen erreicht und bewegt. Also doch eher an uns? Es scheint so. Vor zwei Wochen fand in Kassel im Rahmen des dortigen Leitbildprozesses eine Veranstaltung zu »Anspruch und Wirklichkeit der Evangelischen Kirche in Kassel« statt, an der rund hundert haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende teilnahmen. Eine Pressemeldung fasste das selbstkritische Votum der Mehrheit im Blick auf ihre eigene Kirche wie folgt zusammen: »Die Botschaft ist nicht klar, die Boten sind nicht authentisch, die Sprache ist unverständlich.« Wenn das so stimmen sollte, dann ist es höchste Zeit zu fragen: »What do you do?«
Spätestens seit der Leipziger EKD-Synode 1999 wächst in der evangelischen Kirche das Bewusstsein, dass wir aktiver und kreativer auf Menschen zugehen müssen, um ihnen auf eine ansprechende und zugleich überzeugende Weise die Begegnung mit dem Evangelium zu ermöglichen. Die Zeiten, in denen wir bei dem Stichwort »Mission« an ferne Länder dachten und im Übrigen dieses Wort aus unserem Sprachschatz tilgten, sind vorbei. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der man sich früher zur Kirche hielt und seine Kinder taufen ließ, besteht nicht mehr. Es muss inzwischen gute Gründe geben, warum Menschen (weiterhin) zur evangelischen Kirche gehören. Sollten die nicht vermittelt und einsichtig gemacht werden können, suchen sich viele auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten das ihnen gemäße Angebot aus und verlassen unsere Kirche.
Dies bedeutet: Das Evangelium von Jesus Christus zu bezeugen, weil es die alle bestimmende Wirklichkeit unseres Leben ist, fordert gewiss Fantasie und Kreativität, doch vor allen weiteren Überlegungen und Bemühungen stellt sich die einfache, aber ernsthafte Frage, ob wir überhaupt wollen, dass unsere Kirche wächst.
Ich persönlich möchte mich wenigstens nicht immer wieder an eine scheinbar naturgegebene Entwicklung anpassen. Ich setze auf »Verbündete«. Und ich entdecke durchaus hoffnungsvolle Zeichen.
Dabei gehe ich davon aus, dass die entscheidende Kraft der Weitergabe des Evangeliums in der unmittelbaren Begegnung von Menschen liegt. Das authentische Zeugnis des Glaubens von Angesicht zu Angesicht wirkt am ehesten gewinnend und begeisternd. Alle anderen Wege – auch die medialen – muss man deswegen nicht unterlassen, aber ich glaube, kein Internet und kein Fernsehgottesdienst, keine Verkündigungssendung im Rundfunk und keine Seelsorge per E-Mail kann diese »Ursituation« der Glaubensweitergabe ersetzen. Sie ist sozusagen die Grundstruktur, in der sich jede Mission ereignet. Dies ist im Übrigen auch einer der Gründe dafür, dass die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck – so gut es irgend geht – das dichte Netz der Pfarrstellen auf dem Land wie in den Städten aufrechterhält. Wir sehen darin nicht nur einen wesentlichen Grund für die erwähnte relative Stabilität unserer Landeskirche, sondern auch eine Voraussetzung, das Evangelium »vor Ort« identifizierbar zu bezeugen und so Menschen für den Glauben zu gewinnen.
Dass in unserer Landeskirche Ehrenamtliche in hervorragender Weise Verantwortung für das Ganze zu übernehmen bereit sind, haben die Kirchenvorstandswahlen gezeigt, die gerade zwei Monate zurückliegen. Sie waren dieses Jahr für unsere Kirche ein wichtiges Ereignis. In 962 Gemeinden wurde das Gremium gewählt, das in gemeinsamer Verantwortung mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer die Gemeinde leitet. Rund 11.000 Kandidatinnen und Kandidaten haben sich für diese Wahl zur Verfügung gestellt, sind gewählt oder berufen worden. Das ist ein außerordentlich beeindruckendes Signal für die Lebendigkeit unserer Kirche! Das Vorurteil hält sich hartnäckig, es wäre überhaupt nicht mehr plausibel zu machen, wozu die ehrenamtliche Mitarbeit in Kirchengemeinden und Kreissynoden nötig ist. Zugestanden: Vielleicht verlangt es heute mehr Überzeugungsarbeit als früher. Aber das Ergebnis der Bemühungen um die neuen Kirchenvorstände in unserer Landeskirche kann sich – trotz aller Schwierigkeiten – auch im Zusammenhang der Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft allemal sehen lassen.
Und ebenso sollte beachtet werden: 25,3 % der wahlberechtigten Gemeindeglieder haben sich am Urnengang beteiligt, obwohl der Kirchenvorstandswahl die Spannung sonstiger Wahlkämpfe fehlt, weil es bei uns keine Parteien und Fraktionen gibt, die gegeneinander antreten. Erfreulicherweise konnte in diesem Jahr die Wahlbeteiligung sogar um 1,4 % gegenüber 1995 gesteigert werden. An solch mutmachende Erfahrungen können wir anknüpfen. Dass die höchste Wahlbeteiligung mit 35,4 % im Kirchenkreis Schmalkalden erzielt wurde, verdient besondere Beachtung.
Die überwiegend positive Bilanz, die ich im Blick auf die Kirchenvorstandswahl ziehe, wird dadurch nicht getrübt, dass es wichtige Rückfragen gibt, die wir weiter bedenken müssen: Ich gestehe zu, dass die Dauer einer Wahlperiode von sechs Jahren auch abschreckt. Gerade junge Menschen können sich die Mitarbeit im Kirchenvorstand über einen so langen Zeitraum nicht gut vorstellen, weil sie einerseits diese Aufgabe sehr ernst nehmen, andererseits aber von ihnen in dieser Lebensphase ein hohes Maß an beruflicher Flexibilität verlangt wird. Ebenso sind die Altersgrenze für das passive Wahlrecht und auch das sehr aufwendige und teure Wahlverfahren einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
