Thornfate Castle - Bea Barinski - E-Book

Thornfate Castle E-Book

Bea Barinski

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sophie, eine junge Berliner Marketingassistentin, leidet seit ihrer Kindheit an Wahnvorstellungen, die sie anfangs eher als Gabe denn als Krankheit ansieht. Ihr behandelnder Psychotherapeut rät ihr zu einer Auszeit in Schottland, wo sie auf Thornfate Castle ihre vermeintlich wahre Liebe kennenlernt. Doch sind die leidenschaftlichen Begegnungen real? Sophie gerät zunehmend in einen Strudel aus Erinnerungen an eine vergangene Zeit und tödlich endenden Ereignissen. Wird die Suche nach der Wahrheit und ihrem wirklichen Selbst am Ende ihr eigenes Leben kosten?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bea Barinski

Thornfate Castle

Zum Buch:

Sophie, eine junge Berliner Marketingassistentin, leidet seit ihrer Kindheit an Wahnvorstellungen, die sie anfangs eher als Gabe denn als Krankheit ansieht. Ihr behandelnder Psychotherapeut rät ihr zu einer Auszeit in Schottland, wo sie auf Thornfate Castle ihre vermeintlich wahre Liebe kennenlernt. Doch sind die leidenschaftlichen Begegnungen real? Sophie gerät zunehmend in einen Strudel aus Erinnerungen an eine vergangene Zeit und tödlich endenden Ereignissen. Wird die Suche nach der Wahrheit und ihrem wirklichen Selbst am Ende ihr eigenes Leben kosten?

Zur Autorin:

Bea Barinski lebt mit ihrer Familie und einer wechselnden Anzahl an Hausspinnen in Berlin und liebt es zu reisen. Die besten Ideen kommen ihr nachts vor dem Einschlafen.

Bea Barinski

Thornfate

Castle

Roman

© Copyright by Bea Barinski, 2023

Alle Rechte vorbehalten.

Kontakt:Bea Barinski

c/o Block Services #121327

Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach

[email protected]

Instagram:bea.barinski_autorin

Cover:© Copyright by Ben Barinski, 2023

Druck:Neopubli GmbH,

Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Dieses Buch, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig.

Alle Personen, Handlungen und Örtlichkeiten sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 1

„Kennst du das Gefühl, wenn du nicht weißt, wo du hingehörst, wer du eigentlich bist?“

Große, rehbraune Augen blickten fragend über den mit Mosaikteilen besetzten Bistrotisch hinweg in zwei lustig blitzende Augen ihres Gegenübers.

„Klar, kenne ich das. Immer wenn ich nach einer Superparty bei irgendeinem Typen aufwache.“ Die blauäugige Frau mit der frechen, blonden Kurzhaarfrisur, bei der die Haarspitzen in alle möglichen Richtungen zu streben schienen, grinste unverschämt. Dabei verzogen sich ihre Mundwinkel so, dass sich charmante Grübchen in ihr Gesicht malten, die sofort wieder verschwanden, als sie die Reaktion ihrer gegenübersitzenden Freundin sah. Diese hatte ihre Mundwinkel nach unten gezogen und rollte mit den Augen, während sie den Blick zum Nachbartisch wandte.

„Ach komm schon, Phiechen, du kennst mich. Das war doch nur ein Scherz. Ich wollte deine seelischen Ergüsse nicht mit meinen unsensiblen Witzen stoppen. Ich wollte dich nur ein bisschen aufmuntern. Aber wie ich sehe, habe ich wohl genau das Gegenteil erreicht, was?“

Ihre Augen blickten nun so um Vergebung bettelnd, dass sich Phiechen, die eigentlich Sophie Maria Schöndorf hieß, versöhnlich stimmen ließ, woraufhin ihre Mundwinkel wieder zu einem Lächeln hochschnellten.

„Nein, schon gut“, beschwichtigte Sophie ihre Freundin. Sie wollte nicht, dass Anna ein schlechtes Gewissen plagte und schon gar nicht wegen einer ihrer alltäglichen „Phasen“.

Was konnte diese ununterbrochen gut gelaunte und lebensfrohe Frau dafür, dass sie wieder einmal ihre „fünf Minuten“ hatte? Gut, sie kannten sich schon seit Kindertagen. Und sicher konnte man erwarten, dass es einem die beste Freundin nicht übelnahm, wenn man nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Stimmungen miteinander teilte. Aber wie viel konnte sie ihrer Freundin auf Dauer zumuten?

Als Sophie ihrer Freundin Anna dabei zusah, wie sie dezent mit einem jungen, gutaussehenden Mann, der gerade zur Tür hereingekommen war, flirtete, sah sie sich selbst. Sich selbst, wie sie gern sein wollte: selbstbewusst, unbeschwert, spontan, mit sich im Reinen. Sophie hingegen machte sich mit ihren achtundzwanzig Jahren über alles und jeden Gedanken, hatte regelmäßig Stimmungsschwankungen und war meist etwas schwerfällig, wenn es um alltägliche Entscheidungen ging. Unwillkürlich stieß Sophie einen leisen Seufzer aus.

„Erde an Phiechen!“ Erst jetzt bemerkte Sophie, dass Anna sie ansprach.

„Hey Süße, wenn du wie ein Trauerkloß dasitzt, wirst du dir so schnell keinen neuen Typen angeln.“ Anna lachte, während sie ihr Kinn auf den Arm stützte.

Der junge Mann, der kurz zuvor zur Tür hereingekommen war und jetzt allein an einem Tisch ganz in ihrer Nähe saß, blickte zu den beiden Frauen herüber. Leger in einem gepolsterten Rattansessel zurückgelehnt, beobachtete er Anna, die selbstverständlich bemerkte, dass er sie mit seinen Blicken musterte. Sie genoss es. Es war nicht so, dass sie mit jedem dahergelaufenen Mann sofort ins Bett steigen wollte, aber sie flirtete für ihr Leben gern.

Sophie hingegen lag das Flirten gar nicht. Das bedeutete nicht, dass sie kontaktscheu war. Denn das wäre ihr beruflicher Tod, da sie in der PR-Branche arbeitete. Allerdings hielt sie nichts von flüchtigen Männerbekanntschaften. Sie wollte den Einen, den Richtigen.

„Kann ick euch beeden noch wat bringen?“ Wieder wurde Sophie aus ihren Gedanken herausgerissen. Dieses Mal jedoch von einer zierlichen, an den Armen tätowierten Kellnerin, die plötzlich direkt neben Sophie stand. Sophie bemerkte erst jetzt, dass sich das kleine, nostalgische Café inmitten von Berlin unterdessen gefüllt hatte.

„Nein, eigentlich nicht. Wir würden gern zahlen.“ Mit einem fragenden Blick versicherte sich Sophie bei Anna, ob sie auch gehen wollte. Diese schien einverstanden zu sein.

„Und, was machen wir jetzt? Wollen wir noch ein wenig herumschlendern?“, fragte Anna ihre Freundin.

„Sehr gern“, antwortete Sophie, während sie ihr Portemonnaie herausholte, um zu bezahlen. „Ich habe allerdings in knapp zwei Stunden meinen Termin bei Dr. Hohenfels.“

„Dann haben wir doch noch ein bisschen Zeit, meine Süße.“ Annas Augen leuchteten. „Es reicht auf jeden Fall, um auf meinem Konto die roten Zahlen hochzutreiben.“ Sie zwinkerte Sophie, die gerade dabei war, umständlich ihre Jacke anzuziehen, zu.

Während die beiden Frauen das Café verließen, warf Anna dem gutaussehenden Mann noch einen letzten Blick zu. Dieser war gerade damit beschäftigt, Croutons aus seinem Salat zu fischen und lächelte Anna unbeholfen an.

Eingehakt liefen Sophie und Anna an der Nikolaikirche vorbei. Sophie mochte Kirchen. Sie fühlte da eine nicht zu beschreibende Verbindung. Vielleicht war sie in ihrem vorherigen Leben, falls es so etwas gab, eine Nonne oder ein männlicher Geistlicher? Wer weiß das schon.

Sophie spürte für einen kurzen Moment warme Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie schloss die Augen und ließ sich von Anna führen. Dabei genoss sie das wohlige Gefühl auf ihrer Haut. Es war sonst ein kühler und etwas windiger, spätwinterlicher Nachmittag im Februar 2019.

Man fühlte förmlich, wie der nahende Frühling und der hartnäckige Winter miteinander um die Vorherrschaft rangen. Zuerst schüchtern und dann immer selbstbewusster drängten sich die Sonnenstrahlen durch die kalte, schwere Stadtluft und verbreiteten ein warmes Gefühl von Hoffnung und Freiheit.

So liefen die zwei jungen Frauen im Gleichschritt in Richtung Einkaufscenter. Sophie, die ihre Augen unterdessen wieder geöffnet hatte, bemerkte den immer größer werdenden Strom von Menschen, die auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, zum Einkaufen oder wo auch immer hin unterwegs waren, und dies mit einem zunehmenden Unbehagen. Sie hakte sich noch fester bei Anna ein, so als sollte diese sie beschützen.

Anna schien dieses Gewusel nichts auszumachen. Vielleicht lag das auch daran, dass sie mit drei Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen war. Sophie, die als Einzelkind groß geworden und viel auf sich allein gestellt war, weil ihre Eltern stets lange arbeiten mussten, kannte mehr das Gefühl von Ruhe. Auch wenn sie sich oft eine Schwester gewünscht hatte, genoss sie meist das Alleinsein.

Sophie hatte das Gefühl, dass sie jedem Passanten ausweichen musste, wenn sie nicht angerempelt werden wollte. Anna hingegen schien elegant wie eine Forelle inmitten vieler Artgenossen gegen den Strom dahinzugleiten.

Im Einkaufscenter angelangt, machten sie erst einmal ihre traditionelle Sonnenbrillenschau. Seit vielen Jahren taten sie das schon. Immer, wenn sie irgendwo in einem Geschäft mit Sonnenbrillen waren, setzten sie sich die verschiedensten Modelle nacheinander auf und taten dann so, als ob sie Grace Kelly, irgendein Politiker oder ein Sheriff aus einem aufregenden Western wären. Zu Letzterem passte dann auch Sophies kleine Narbe auf der rechten Wange, die sie von einer missglückten Rasur mit der Klinge ihres Vaters hatte, weil sie es als Kind einfach mal ausprobieren wollte. Um diese imposante Narbe hatte Anna sie immer beneidet. Noch mehr beneidete sie ihre beste Freundin allerdings um ihre langen, geschwungenen Wimpern und ihren süßen Schmollmund. Sophie konnte das gar nicht verstehen.

Manchmal hatten sich Anna und Sophie, wenn sie in einem Einkaufscenter waren, auch noch passende Kleidung zu den Sonnenbrillen angezogen und dann bekannte Filmszenen nachgespielt. Sophie erinnerte sich noch an das eine Mal, als sie so gut und vor allem so laut gewesen waren, dass einige Leute ihnen sogar applaudiert hatten. Wenn sie mit einem Hut herumgegangen wären, hätten sie womöglich noch Geld für die Vorstellung bekommen. Allerdings wurden sie nach ihrer grandiosen Vorstellung leider von einem Wachmann hinausgeworfen. Bei dem Gedanken daran musste Sophie unwillkürlich schmunzeln.

Eigentlich war Sophie ein eher ruhiger und zurückhaltender Mensch und nicht so extrovertiert wie Anna. Aber oft brachte Anna sie dann doch dazu, mehr aus sich herauszukommen. Das machte dann auch Sophie Spaß, obwohl sie es oft nicht zugeben wollte.

Plötzlich stieß Anna einen spitzen Schrei aus. Sie deutete mit ihren Augen zu einem Kleiderständer, an dem sie etwas entdeckt hatte. Anna zog Sophie aufgeregt mit sich. Dann sah auch sie es: ein kurzes, rotes Kleid. Schlicht, aber sehr sexy.

„Ich muss es unbedingt anprobieren“, hauchte Anna.

Gemeinsam zwängten sie sich in eine schmale Ankleidekabine. Anna zog sich bis auf BH und Slip aus und streifte sich das rote Kleid über. Es saß wie angegossen. Ihre hübsche, schlanke Figur kam so richtig zur Geltung.

„Und, wie sehe ich aus, Phiechen?“

„Atemberaubend“, murmelte Sophie und starrte ihre Freundin bewundernd an.

Das Kleid stand Anna ausgesprochen gut. Sophie fand, dass sie selbst eigentlich auch eine ganz passable Figur hatte. Abgesehen von kleinen, nicht ernstzunehmenden Problemzonen. Aber sie würde es sich trotzdem nicht trauen, solch ein Kleid zu tragen.

„Hast du mal auf das Preisschild geguckt?“

Anna lachte: „Ich habe doch gesagt, dass ich heute die roten Zahlen auf meinem Konto in die Höhe treiben werde.“

„Du hast mir vorhin im Café nicht auf meine Frage geantwortet“, sagte Sophie mit einem plötzlich ernsten Blick.

„Ach so, die Frage ... Phiechen, ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken. Und deshalb geht es dir oft so schlecht. Du solltest einfach das Leben genießen und dir nicht so einen Kopf machen.“

Anna blickte Sophie eindringlich an und zupfte an ihrem Kleid. Sophie schüttelte den Kopf.

„Es geht mir nicht so schlecht, weil ich mir Gedanken mache, sondern ich mache mir Gedanken, weil es mir oft nicht so gut geht und ich weiß, dass mir irgendetwas fehlt. Aber ich weiß nicht was.“ Anna nahm Sophie liebevoll in den Arm.

„Ach Phiechen, wenn ich dir doch nur helfen könnte. Was sagt eigentlich dein Psycho-Doktor dazu? Kann er dir denn helfen?“

„Manchmal denke ich, wir drehen uns im Kreis. Ich weiß nicht, ob es mir wirklich etwas bringt.“ Sophie seufzte.

Anna überlegte: „Vielleicht liegt es ja auch an der Arbeitsüberlastung. Du solltest mal mit deinem Boss sprechen, also dem Boss deiner Chefin. Oder soll ich mir den Kerl mal vorknöpfen? Sieht er denn gut aus?“ Sophie musste lachen.

„Wenn Du auf fette, ältere Männer mit Warzen im Gesicht stehst, dann kann ich nur sagen: Ja!“ Jetzt lachten beide. Sie konnten sich kaum halten vor Lachen.

Als sie die Umkleidekabine verließen, wurden sie von zwei älteren Damen empört angeblickt.

„So, und nun kaufen wir noch ein schönes Kleid für dich, Süße. Und dann gehen wir am Wochenende so richtig schön aus. In einen dieser neuen Clubs in Friedrichshain. Da gibt es bestimmt Frischfleisch!“ Anna knuffte Sophie aufmunternd in die Seite.

„Ach, ich weiß nicht. Ich und Kleider“, raunte Sophie und blickte auf den Boden.

„Komm, sei keine Spielverderberin. Wir werden sicher etwas Schönes für dich finden.“

Und tatsächlich fanden sie ein hübsches, schwarzes Kleid, in dem sich Sophie richtig wohlfühlte, und welches sogar vergleichsweise günstig war.

Nach dem Bezahlen trennten sich ihre Wege.

„Also dann sehen wir uns am Samstag. Ich hole dich ab, okay?“ Anna freute sich offensichtlich schon sehr darauf, mal wieder mit ihrer besten Freundin um die Häuser zu ziehen.

„Ist gut“, antwortete Sophie lächelnd, „bis Samstag.“

2. März 1999

Ich kann Stimmen hören. Meist, wenn ich abends im Bett liege. Ich kann nicht immer verstehen, was sie sagen. Die sprechen über Sachen, die ich nicht kenne. Manchmal reden die auch mit mir. Die fragen mich, wie es mir geht, und was ich so mache. Dann erzähle ich, was ich so gemacht habe.

Heute durften wir in der Schule ein Bild malen. Ich habe meine neuen Freunde gemalt. So, wie ich sie mir vorstelle. Meine Lehrerin hat mich gefragt, wer das ist, und ich habe es ihr erzählt. Sie hat mich dann noch weiter gefragt, bis ich keine Lust mehr hatte, ihr etwas zu erzählen.

Wir durften heute auch unser Lieblingskuscheltier mitbringen und vor der ganzen Klasse erzählen, wie es heißt, wo wir schon überall mit ihm waren und so. Ich habe Knautschi, meine Schmusekatze, mitgenommen. Alle haben gefragt, warum sie Knautschi heißt. Ich habe dann gesagt, dass Mama meine Schmusekatze, als ich sie zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, gleich in die Waschmaschine gesteckt hat. Weil sie dreckig war oder so. Und als wir sie aus der Waschmaschine herausgeholt haben, hat sie so zerknautscht ausgesehen, dass ich sie Knautschi genannt habe. Das fanden viele richtig lustig.

Ich hatte heute mein Lieblingsessen dabei. Mama hat mir ein Schokobrot eingepackt. Eigentlich soll ich nicht so viel Schokolade essen, weil das nicht so gut für die Zähne ist. Aber manchmal gibt sie mir dann doch ein Schokobrot mit in die Schule. Alle anderen wollen dann auch was davon haben. Meist gebe ich aber nur Anna was ab. Und manchmal auch Lucy.

Nach der Schule war ich mit Anna noch auf dem Spielplatz. Ich habe ihr von meinen neuen unsichtbaren Freunden erzählt. Sie fand das richtig super. Anna hat mir gesagt, dass sie auch gern solche Freunde hätte, weil ihre Geschwister sie oft ganz schön nerven. Und es wäre schön, wenn auch ihr jemand vor dem Schlafen zuhören würde, wie ihr Tag so war. Ich habe dann gesagt, dass ich meine neuen Freunde mal fragen kann, ob sie auch zu ihr gehen können oder noch andere kennen. Anna fand das richtig lieb von mir. Ich habe zu ihr gesagt, dass sie doch meine beste Freundin ist, und ich das deswegen gern mache.

Dann musste ich hoch, weil Mama mich zum Essen gerufen hat.

Kapitel 2

Es waren noch zwei Stationen mit der Straßenbahn bis zu Dr. Hohenfels. In Gedanken versunken, ihre Tüte mit dem neuen Kleid umklammernd, saß Sophie in der Bahn einem offenbar sehr verliebten Pärchen gegenüber.

Irgendwie war es ihr peinlich, zu den sich innig Küssenden hinüberzusehen. Und sie fand es auch ungerecht, dass es so viele Verliebte gab, sie selbst jedoch noch nie das Glück gehabt hatte, einen Mann wirklich geliebt zu haben. Sie hatte es manchmal für Liebe gehalten. Aber sie vermisste immer etwas: das Gefühl, ohne den anderen nicht leben zu können.

Ihren Gedanken an die wahre Liebe nachhängend, sah sie aus dem Fenster und stellte fest, dass sie an der nächsten Station aussteigen musste. Vorsichtig zwängte sie sich durch die schmale Lücke, die ihr die Beine der zwei Verliebten an Platz boten, und drückte den Halteknopf.

Die Praxis von Dr. Hohenfels befand sich in einem sanierten Altbau. Sein Schild prangte selbstsicher glänzend am Eingang. Rote Geranien, die am unteren Geschoss aus den Balkonkästen lugten, begrüßten sie. Kurz nachdem Sophie den Klingelknopf gedrückt hatte, schnarrte der Summer der Tür, und sie schob mit etwas Mühe die alte Holztür auf. Der Hausflur war schwach beleuchtet und es roch etwas muffig, wie es in alten Häusern üblich ist.

Sophie ging schnellen Schrittes zwei Treppen hoch und wurde von Dr. Hohenfels, der bereits in der Tür stand, empfangen. Sein schnurloses Telefon am Ohr haltend, deutete er Sophie mit der Hand hereinzukommen. Sie ging in sein Behandlungszimmer und setzte sich in den samtenen Ohrensessel, der wahrscheinlich noch älter als das Haus war, in dem er stand. Nachdem Dr. Hohenfels sein Telefonat beendet hatte, folgte er Sophie in sein Behandlungszimmer.

„Wie geht es dir heute?“, waren seine ersten Worte, wie fast immer.

„Eigentlich ganz gut“, antwortete Sophie, während sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn strich.

„Möchtest du einen Tee?“ Sophie nickte. Während Dr. Hohenfels den Tee in der Küche zubereitete, ließ Sophie ihren Blick im Behandlungszimmer, in welchem sie bereits sehr oft gewesen war, umherschweifen. Es war noch immer recht spartanisch eingerichtet. Hohe, weiße Wände mit verspieltem Stuck begrenzten den mit knarrenden Dielen verlegten Raum. Ein riesiges Regal mit Fachbüchern stand hinter einem robusten, rotbraunen Schreibtisch, auf dem sich ein Notizbuch, Stifte und eine altmodische Lampe befanden. Ein gerahmtes Foto stand auch auf dem Tisch. Sophie hatte bisher noch keine Gelegenheit gehabt, es sich anzusehen. Es wäre ihr auch unangenehm gewesen, heimlich einen Blick darauf zu werfen, obwohl die Verlockung des Öfteren groß war. Der schwarze, gepolsterte Drehstuhl lud zu einem entspannten Arbeitstag ein. An der Wand hing ein Bild mit einem einfachen Stillleben, und die zwei Fenster wurden von unscheinbaren, beigefarbenen Gardinen umrahmt. Auf der anderen Seite des Raumes standen ein kleiner Hocker und eine Couch, die sich ebenfalls in das unscheinbare Farbenspiel des Raumes einreihten.

Dr. Hohenfels brachte Sophie den Tee, der würzig duftete. Sie nahm einen kleinen Schluck und spürte, wie die Wärme ihren Körper durchströmte. Sie liebte dieses Gefühl.

Dr. Hohenfels setzte sich an seinen Schreibtisch, schlug sein Notizbuch auf, las ein wenig und wandte sich dann wieder an Sophie, die beseelt in dem Sessel saß.

„Hattest du in den letzten Tagen wieder diese Halluzinationen?“ Sophie konnte nur nicken, da sie gerade einen großen Schluck Tee genommen hatte.

„Waren es wieder dieselben?“ Sophie nickte erneut, und Dr. Hohenfels schaute bedeutsam, während er sich Notizen machte.

„Wollen wir heute mit der Hypnosetherapie fortfahren?“ Sophie überlegte.

„Es ist nur zu deinem Besten, Sophie. So kannst du dich mit den Dingen, die dich unterbewusst beschäftigen, besser auseinandersetzen.“ Sophie willigte zögerlich ein. Im Grunde mochte sie es nicht, selbst nicht kontrollieren zu können, was mit ihr geschah, auch wenn sie Dr. Hohenfels vertraute. Er schien ihre Gedanken zu lesen.

„Ich hole dich sofort zurück, wenn ich merken sollte, dass es dir dabei nicht gut zu gehen scheint.“ Sophie nickte nochmals zustimmend. Dr. Hohenfels lächelte sie beruhigend an und bereitete sich dann auf die Hypnose vor, während es sich Sophie auf der Liege bequem machte. Nur wenige Pendelbewegungen waren notwendig, um Sophie in den hypnotischen Zustand zu versetzen.

„Geh jetzt dahin zurück, wo du dich zuletzt in deinen Träumen befandst.“ Während der Therapeut in den Mittfünfzigern ruhig auf Sophie einredete, begann sich Sophies Gesichtsausdruck zu verändern. Aus dem entspannten Blick wurde ein zunehmend verkrampfter und ängstlicher.

„Es ist alles gut, Sophie. Du bist in Sicherheit. Sag mir, was du siehst.“

Langsam begannen sich Sophies Lippen zu bewegen.

„Ich sehe einen Mann. Er sieht mich an. Ich renne von ihm weg zur Steinmauer. Da sind überall Rosen mit spitzen Dornen. Sie halten mich fest. Ich reiße mich los. Da ist Blut. Ich versuche über die Mauer zu klettern. Aber ich ..., ich schaffe es nicht.“ Sophies Worte klangen immer ängstlicher, und sie war fast ein wenig außer Atem.

„Ist gut Sophie. Alles ist in Ordnung. Wenn ich schnippe, kommst du wieder zurück ins Hier und Jetzt.“ Dr. Hohenfels schnippte mit den Fingern, und Sophie wachte auf. Winzige Perlen aus Angstschweiß waren auf ihrer Stirn.

„Wie fühlst du dich, Sophie?“, fragte Dr. Hohenfels.

„Irgendwie erschlagen“, antwortete Sophie.

„Mache ich Fortschritte, Doktor?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Ich denke, wir kommen jedes Mal etwas näher an den Kern der Sache heran. Aber ich rate dir auf jeden Fall, bei der Arbeit ein bisschen kürzer zu treten. Nimm dir mal frei, entspanne dich ein wenig. Und vor allem: Nimm deine Medikamente regelmäßig ein. Sonst können die Halluzinationen verstärkter auftreten.“

4. September 1999

Heute hat mich Mama gefragt, mit wem ich abends immer spreche. Sie hat gedacht, dass ich mit Knautschi rede. Aber ein paar Muttis und meine Lehrerin, Frau Knuth, haben ihr wohl gesagt, dass ich den Kindern von meinen Freunden erzählt habe. Und irgendwie fanden die das nicht so gut. Dann musste ich Mama genau erzählen, mit wem ich da spreche. Ich habe ihr auch erzählt, dass ich manchmal gar nicht richtig verstehe, was die sagen.

Mama fand es auch nicht so gut, dass ich mit denen rede. Sie hat zu mir gesagt, dass ich das nicht mehr machen soll. Als ich wissen wollte warum, hat sie kurz überlegt und gesagt, dass das einfach nicht gut ist. Sie hat mich so angeguckt, als ob sie sich Sorgen macht und traurig ist. Weil ich nicht wollte, dass sie traurig ist, habe ich ihr gesagt, dass ich denen beim nächsten Mal zuflüstern werde, dass ich nicht mehr mit ihnen reden darf. Darüber hat sich Mama sehr gefreut. Und ich war froh, weil Mama nicht mehr traurig aussah.

Ich war dann noch mit Anna draußen. Knautschi und Annas neuer Affe waren auch mit. Annas Affe hat einen richtig lustigen Namen. Er heißt Brülli, weil ihr Opa gesagt hat, dass das ein Brüllaffe ist. Knautschi und Brülli haben sich auch gleich gut verstanden. So wie Anna und ich.

Dann habe ich Anna erzählt, dass meine Mama nicht will, dass ich mit meinen unsichtbaren Freunden spreche. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich das doof finde, weil ich die doch mag. Anna fand das auch doof. Sie wollte auch solche Freunde. Aber irgendwie ging das bei ihr nicht. Obwohl ich die doch gefragt habe, ob sie auch zu Anna gehen können.

Anna hat gesagt, dass ich doch heimlich mit denen reden kann. Aber ich habe Mama versprochen, dass ich das nicht mehr mache, weil sie doch so traurig ausgesehen hat. Anna hat dann gemeint, dass meine Mama, wenn sie nichts davon weiß, auch nicht traurig werden kann. Das klang logisch.

Also habe ich mir gedacht, dass ich einfach heimlich weiter mit meinen unsichtbaren Freunden reden werde. Und Anna hat mir versprochen, dass sie das niemandem verraten wird. Da habe ich sie gedrückt, und wir haben weiter Familie gespielt mit Knautschi und Brülli.

Kapitel 3

Den gut gemeinten Rat des Therapeuten im Ohr saß Sophie kurze Zeit später in der Straßenbahn auf dem Weg nach Hause. Es war schon dunkel, und sie war so in Gedanken vertieft, dass sie ihre Station verpasste. Also stieg sie eine Station später, am Friedhof, aus. Der Wind blies ihr unbarmherzig kalt ins Gesicht, sodass sie ihren Schal bis über die Nase zog.

Sie hatte nun die Wahl: Entweder sie ging an der Hauptstraße die Station zurück, oder sie lief quer über den Friedhof, was bedeutend kürzer war. Spät abends oder nachts allein über den Friedhof zu laufen, erzeugte in ihr immer ein unheimliches Gefühl. Doch irgendetwas zog sie heute in Richtung Friedhof.

Während sie den schwach beleuchteten Weg über den Friedhof entlanglief, summte sie ganz leise ein Lied vor sich hin, um sich von ihrer Angst abzulenken. Der Weg war uneben, denn einige Baumwurzeln hatten sich ihren Weg durch das Gestein gebahnt. Links und rechts standen Grabsteine. Sophie versuchte im schnellen Vorbeigehen einen Blick auf die Daten der Verstorbenen zu erhaschen und auszurechnen, wie alt die Menschen geworden waren.

Da gab es eine Herta Wiedemann, die sechsundachtzig Jahre alt und einen Lukas Bernstein, der nur vierundzwanzig Jahre alt geworden war. „Wie ungerecht die Welt doch war. Warum manche Menschen schon so jung sterben müssen. Wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe, wäre es wenigstens nicht ganz so unfair“, dachte Sophie, während sie den Weg weiter entlanglief.

Auf einmal entdeckte sie eine Gestalt, die ihr entgegenkam. Es war offenbar ein großer, kräftiger Mann, der immer näherkam. Soweit sie blicken konnte, sah sie keine andere Person.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihr Magen krampfte, und ihr war mehr als mulmig zumute. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was sollte sie tun? Den Weg zurücklaufen? Das war zu weit. Selbst wenn sie rannte, wäre sie wahrscheinlich nicht schneller als dieser Mann. Sollte sie schreien? Vermutlich würde sie niemand hören. Sie hatte auch keine Waffe dabei. Und die Abwehrtricks aus dem Selbstverteidigungskurs vom vorletzten Jahr hatte sie schon längst wieder vergessen.

Sophie bremste ihre Geschwindigkeit ein wenig, um Zeit zu gewinnen. Die dunkle Gestalt näherte sich immer mehr. Ihr Puls schlug ihr bis zum Hals, und ihre Anspannung war zum Bersten groß.

Sophie beschloss, schneller zu laufen und so selbstbewusst wie möglich an dem Mann vorbeizugehen. Sie hatte jetzt sowieso keine andere Wahl mehr. Die Umrisse des Mannes wurden immer größer und deutlicher. Sophie spürte Schweiß unter ihren Achseln.

Plötzlich stieß sie mit ihrem Fuß gegen eine Wurzel und stolperte. Es war so ein Moment, der wie in Zeitlupe abläuft. Man denkt, dass noch genug Zeit zum Reagieren und Abfangen ist, aber man schafft es einfach nicht. Sophie konnte nichts dagegen tun. Sie fiel mit ihren Knien auf eine Baumwurzel. Nach einer kurzen Schrecksekunde blickte sie nach oben. Der Mann stand nun direkt vor ihr.

„Jetzt bin ich geliefert“, dachte sie.

Der Mann streckte seine Hand aus und fragte: „Ist ihnen etwas passiert? Kann ich ihnen aufhelfen?“

Sophie erwiderte erleichtert: „Nein, danke. Es geht schon.“ Schnell rappelte sie sich wieder auf.

„Ist wirklich alles in Ordnung bei ihnen?“

„Ja, vielen Dank. Es geht mir gut.“

„Okay.“ Der Mann ging weiter, und Sophie spürte erst jetzt, nachdem die innere Anspannung nachgelassen hatte, einen brennenden Schmerz an ihrem rechten Knie.

„Liebes!“, raunte plötzlich eine männliche Stimme. „Wann kommst du zu mir?“ Sophie drehte sich erschrocken um. Der Mann war schon weitergegangen. Hatte er dies gesagt? Nein, das konnte nicht sein. Er war schon zu weit weg, oder nicht? Ängstlich ließ sie ihren Blick über den Friedhof schweifen, sah aber niemanden. Sophie war völlig durcheinander und wollte nur noch so schnell wie möglich weg von hier. Sie nahm sich vor, zu Hause gleich wieder ihre Medikamente einzunehmen. Vielleicht war das eben nur eine Halluzination gewesen?

Zu Hause angekommen, sah Sophie als Erstes den blinkenden Anrufbeantworter. Nach kurzer Überlegung drückte sie die Play-Taste. Sie konnte sich schon denken, wer sie wieder angerufen hatte. Sicher ihre Mutter. Sie liebte ihre Mutter, aber manchmal fühlte sie sich erdrückt von ihr.

Während sie sich mit einem Zopfgummi aus der Hosentasche einen Zopf aus ihren schulterlangen, mittelblonden Haaren machte, hörte sie zu.

„Sophie“, tönte die fröhliche Stimme einer Frau mittleren Alters, die gerade parallel mit Töpfen zu klappern schien.

„Du bist wieder nicht da.“ Der Unterton klang etwas vorwurfsvoll, worüber Sophie die Stirn runzelte.

„Naja, vielleicht kannst du mich ja mal zurückrufen, wenn du wieder zu Hause bist. Ich mache mir Sorgen, Sophie. Nimmst du denn auch regelmäßig deine Medikamente?“

Sophie rollte mit den Augen, und in Gedanken sagte sie nur „bla, bla, bla“. Es nervte Sophie, wenn ihre Mutter ständig wissen wollte, wie es ihr ging, ob sie ihre Medikamente nahm, und so weiter.

Sie beschloss, ihre Mutter heute nicht mehr zurückzurufen, denn sie wollte sich nicht permanent ein schlechtes Gewissen einreden lassen. Außerdem fühlte sich Sophie müde und erschöpft und wollte nur noch schlafen. Zu allem Übel war da auch noch ihr schmerzendes Knie.

Im Bad untersuchte sie es erst einmal. Es war zwar nur eine kleine Schürfwunde, aber die brannte höllisch. Sophie überlegte, wo sie etwas zum Desinfizieren hatte. Da sie nichts fand, holte sie sich hochprozentigen Alkohol, den sie sonst für Mix-Getränke nahm, wenn Gäste kamen, und tupfte damit die Stelle ab. Es brannte sehr stark, und sie musste einen lauten Aufschrei unterdrücken.

Sophie biss die Zähne zusammen und dachte an die vielen Male, die sie mit einer Schürfwunde an Knie, Ellenbogen oder sonst wo nach Hause gekommen war, weil sie mit Anna Pferdchen gespielt oder mit ihrem Freund Simon zu schnell mit dem Rad um die Kurve gefahren war. Aber zum Trost gab es nach dem Verarzten von ihrer Mutter meist Sophies Lieblingsessen und von ihrem Vater ein vorgelesenes Märchen aus ihrem Lieblingsbuch.

Durch ihre Gedanken an früher spürte sie den Schmerz nicht mehr so stark. Nachdem sie ein Pflaster draufgeklebt, ihre Tabletten genommen und Zähne geputzt hatte, legte sie sich in ihr kuscheliges Bett und schlief sofort ein.

Der nächste Tag begann so chaotisch wie üblich, da sie, wie so oft, bei ihrem Wecker mehrmals die Schlummertaste drückte und nochmals einschlief, bevor sie dann erschrocken aufsprang und alles im Schnelldurchgang erledigen musste: sich waschen, anziehen, einen kleinen Schluck trinken. Heute reichte die Zeit noch nicht einmal mehr, um sich einen Snack einzupacken.

„Die Alte bringt mich um“, dachte Sophie bei sich, als sie mit spürbarem Herzklopfen die Tür zuzog und zur Arbeit fuhr. Mit der Alten war Sophies Chefin der Werbeagentur gemeint, die sie noch nie gut gelaunt und entspannt erlebt hatte in den vier Jahren, die Sophie unterdessen dort arbeitete.

Während sie in der völlig überfüllten Straßenbahn saß, überlegte sie: „Wieso gibt es eigentlich Schlummertasten? Die täuschen Entspannung vor, sorgen dann aber für richtigen Stress.“

Sophie nahm sich wie jeden Tag vor, am nächsten Morgen nur einmal diese Taste zu drücken. Das Erlebnis vom letzten Abend hatte sie bereits völlig ausgeblendet, bis sie eine Stimme hörte, die verblüffend ähnlich klang wie die vom Friedhof. Nein! Das durfte nicht sein. Sophie versuchte sich abzulenken, stöpselte ihre Kopfhörer ein, schloss die Augen und hörte Vivaldi. Auf diese Weise verpasste sie wieder einmal ihre Station und musste dann im Eiltempo zurücklaufen.

„Die Sophie wieder mal“, wurde sie von ihrer Chefin mit einem bösen Blick und in die Seiten gestemmten Arme begrüßt. Sophie war völlig außer Atem und konnte nicht sofort antworten. Das brauchte sie auch nicht.

„Ich habe dir schon mal die Mappen auf den Tisch gelegt. Du kannst doch heute sicher etwas länger bleiben und das für die Kunden Meyer und Fritsch fertig machen. Oder hast du etwas Besseres vor?“, fragte ihre Chefin mit hochgezogenen Augenbrauen. Sophie schüttelte teilnahmslos den Kopf. Natürlich hatte sie nichts Besseres vor. Es gab anscheinend nur sie und ihre Arbeit. Eingeschüchtert wie ein Hund, der nach dem Stibitzen der Wurst ausgeschimpft wurde, trottete sie an ihren Arbeitsplatz.

Die Arbeit wollte ihr heute nicht so richtig von der Hand gehen, und ihr Magen meldete sich in regelmäßigen Abständen lautstark. Da sie sowieso länger arbeiten würde, entschloss sie sich, heute mal wieder eine Mittagspause zu machen und in das vegane Bistro in der Nähe zu gehen.

Auf dem Weg dahin sah sie Plakate für die nächste „Fridays for Future“-Demonstration. Wieder einmal nahm sie sich vor, einen Tag freizumachen, um daran teilzunehmen. Sie bewunderte die Jugendlichen dafür, welches Engagement sie für eine solch wichtige Sache, wie den Klimawandel, aufbrachten.

Manche, vor allem auch einige Politiker, behaupteten, dass sie dies nur taten, um die Schule schwänzen zu können. Sophie dachte aber, dass sie dies nur sagten, um selbst nicht zugeben zu müssen, dass sie sich zu wenig für die Umwelt einsetzten. Gleichzeitig schämte sich Sophie ein wenig, dass sie selbst so wenig tat. Immerhin war sie Mitglied bei Greenpeace, bezog Öko-Strom, trennte ihren Müll und lebte vegan. Das beruhigte ihr Gewissen nun doch wieder ein wenig.

In Gedanken versunken, wäre sie beinahe an dem Bistro vorbeigelaufen, wenn sie nicht diesen gutaussehenden, jungen Mann angerempelt hätte, dessen jungenhaft verschmitztes Lächeln verriet, dass er vermutlich gerade noch geflirtet hatte.

„Lecker“ hätte jetzt ihre Kollegin Tina sicher gesagt oder gedacht. Sophie mochte den Ausdruck in diesem Zusammenhang gar nicht. Das klang für sie so, als ob sie jeden attraktiven, jungen Mann sofort und auf der Stelle vernaschen wollte. Aber im Prinzip, überlegte Sophie schmunzelnd, tat Tina das ja auch manchmal.

„Alles okay?“ fragte dieser umwerfende, dunkelhaarige Mann lächelnd.

„Ähm ...“, stotterte Sophie, „ja, alles okay.“ Sie senkte den Blick und ging schnell weiter, wie ein Schulmädchen, dass von dem Klassenschwarm ein erstes Augenzwinkern erhascht hatte. Sophie war nicht so gut im Flirten. Besser gesagt, sie traute sich meist nicht. Es sei denn, sie war mit Anna zusammen oder hatte schon ein paar Prosecco intus.

Als sie mit ihrem veganen Burger in dem Bistro saß und aus dem Fenster schaute, dachte sie an den gestrigen Abend. Die Stimme war zwar erschreckend gewesen, weil sie wie aus dem Nichts da gewesen war, aber trotzdem fühlte sie sich im Nachhinein irgendwie vertraut an. Hatte sie diese Stimme irgendwo schon einmal gehört? Sie überlegte, wem die Stimme wohl gehören könnte, bis ihr Handy dringlich klingelte und sie aus ihren Gedanken riss. Aufgeschreckt und mit leicht fettigen Fingern nahm sie das Telefonat an.

„Phiechen, das errätst du nie!“, trällerte die aufgeregte Stimme von Anna. „Ich habe gerade einen unheimlich süßen Typen getroffen. Eine Mischung aus George Clooney und Brad Pitt. Spaß beiseite. Aber er sieht ganz schnuckelig aus. Er kommt am Samstag auch mit in den Club und bringt seinen gutaussehenden Freund mit.“

Sophie konnte förmlich den Blick ihrer besten Freundin spüren, während sie herumstotterte: „Ich dachte, wir machen einen Mädelsabend.“

„Nein, Phiechen, so läuft das nicht. Du brauchst mal wieder eine Nummer. Sieh dich doch an. Du bist nur am Rumgrübeln und hast bestimmt wieder ein paar Falten dazubekommen. War nur ein Spaß. Ach komm, Phiechen“, bettelte Anna, „bitte, bitte, bitte“.

„Na gut“, gab Sophie nach.

„Also dann bis Samstag, Süße! Und lass dich nicht ärgern. Ich bin dann gegen sechs bei dir. Dann können wir zwei Hübschen uns noch hübscher machen.“

„Okay, dann bis Samstag. Ciao, meine süße Kupplerin.“

„Tschüss und Küsschen!“ Schon hatte Anna aufgelegt.

Der restliche Arbeitstag war so stressig wie üblich. Unter dem Zeitdruck musste ihre Unterlippe schmerzlich leiden, da Sophie auf ihr herumkaute. Und wieder einmal kam sie erst so spät abends aus der Agentur heraus, dass die umliegenden Supermärkte längst geschlossen hatten.

„Mal sehen, was mein Kühlschrank noch so zu bieten hat“, dachte sie auf dem Weg nach Hause, während sie sich bei einem beißenden Wind den Schal noch etwas höher ins Gesicht zog. Sie sollte bitter enttäuscht werden, denn es war kaum noch etwas im Kühlschrank, außer einer scharfen Soße und einem Tofu-Würstchen, welches sie sofort gierig verschlang. Glücklicherweise war außer ein paar trockenen Maiswaffeln noch eine Schokolade in ihrem Vorratsschrank. Die würde sie jetzt so richtig genießen, während sie sich den Film „Stolz und Vorurteil“ zum x-ten Mal ansehen würde. Sophie liebte den Film. Diesen Abend sollte sie jedoch zum ersten Mal dabei einschlafen, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit für sie war. Noch bevor sich ihre Lieblingsstelle anbahnte, befand sich Sophie bereits im Land der Träume.

Erfrischt wachte sie am nächsten Morgen auf und hatte dieses Mal theoretisch genügend Zeit, um sich zu duschen und ihre Sachen zu packen. Allerdings war sie in Gedanken verloren und trödelte so lange vor sich hin, bis sie doch wieder loshetzen musste, um ihre Straßenbahn zu erwischen.

Wenigstens war heute Freitag, und das Wochenende nahte. Sie wusste aber nicht, ob sie sich nun auf ihren gemeinsamen Samstagabend mit ihrer besten Freundin, dem Clooney-Pitt-Verschnitt und dem geheimnisvollen Unbekannten freuen sollte oder nicht.

Der Tag verging wider Erwarten recht schnell, und seit Langem kam sie mal wieder einigermaßen pünktlich aus der Agentur heraus. Da fiel ihr ein, dass sie ja heute ihren Großeinkauf machen müsste. Etwas widerwillig ging sie in ihren Lieblings-Biosupermarkt und packte alles Vegane in den Einkaufswagen, was ihr optisch gefiel oder einfach lecker aussah. Als der Einkauf langsam zu einem Berg anschwoll, zügelte Sophie ihre Einkaufslust und ging schließlich zur Kasse, vor der eine riesige Schlange von Menschen anstand.

Während sie sich noch fragte, warum die Rentner nicht alle vormittags einkauften, sondern dann, wenn die arbeitende Bevölkerung sich ins Konsumgetümmel stürzen musste, hörte sie ihren Namen.

„Sophie?“ Die anfangs zarte Stimme wurde lauter.

„Sophie?“ Die Stimme gehörte offensichtlich zu einem realen Menschen. Sie war erleichtert. Vor ihr stand ihre ehemalige Klassenlehrerin. Diese umarmte Sophie herzlich. Sophie mochte Frau Knuth immer am liebsten von all ihren Klassenlehrerinnen. Frau Knuth hatte leider nicht viel Zeit, weil ihre Familie schon ganz vorn an der Kasse stand. Also blieb es bei einem dürftigen Smalltalk. Trotzdem zauberte diese kurze Begegnung ein Lächeln in ihr Gesicht, und sie überlegte, was wohl die anderen aus ihrer Klasse jetzt machten.

Am nächsten Abend, fünf vor halb sieben, klingelte es an ihrer Tür. Es war Anna.

„Tut mir leid, Süße. Ich bin wieder mal zu spät. Aber was riecht denn hier so unanständig lecker?“ Die Nase der aufgestylten Freundin drängte sich als Erstes durch die Tür.

„Ich wollte uns mal wieder etwas Schönes kochen. Es gibt Thai Curry.“

„Dass du als Veganerin besser kochen kannst als ich, verzeihe ich dir nie.“ Anna zwinkerte Sophie, die von dem Kochen etwas verschwitzt aussah, zu.

Nach dem Essen stylte Anna ihre Freundin etwas auf. Diese erkannte sich im Spiegel kaum wieder.

„Ist das nicht ein bisschen zu viel Schminke?“, fragte Sophie verunsichert.

„Ach was, im Club ist das genauso wie im Theater: Man muss einfach ein bisschen mehr auftragen, damit man überhaupt gesehen wird.“ Damit konnte sich Sophie dann doch einverstanden erklären, schlüpfte noch schnell in ihr neues Kleid, und es ging los.

Die Musik drang schon von Weitem zu ihnen. Vor dem Club standen einige junge Frauen mit kurzen Röcken und einer Zigarette in der Hand und natürlich ein paar junge Männer, die mit ihnen flirteten.

„Da“, deutete Anna mit dem Finger auf zwei junge Männer, „da sind sie ja, unsere beiden Dates“. Sophie wurde plötzlich etwas mulmig in der Magengegend.

„Ach, du bist also Sophie, die vegane Umweltaktivistin.“ Mark, ein ungefähr ein Meter und achtzig großer, sportlich wirkender, dunkelhaariger Mann streckte Sophie die Hand entgegen. Normalerweise wäre Sophie jetzt sauer gewesen nach so einem Empfang. Aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich auf eine einlullende Art eingeschüchtert von dem selbstsicheren und charmanten Blick ihres Gegenübers. Also gab sie ihm höflich die Hand und lächelte nur etwas verlegen.

„Ich bin Hannes, und das ist Mark“, mischte sich der andere junge Mann ein und zwängte seine Hand zwischen die von Mark und Sophie. Sophie sah ihn etwas aufgeschreckt an, gab ihm dann aber auch die Hand. Anna hatte die beiden Männer bereits begrüßt und tänzelte lachend von einem Bein auf das andere.

„Wollen wir reingehen?“

Drinnen war es laut. Sie spielten gerade irgendeinen Rocksong, den Sophie zwar schon mal gehört hatte, aber nicht einordnen konnte. Es roch nach Alkohol und Rauch, obwohl Rauchen eigentlich nicht erlaubt war. Zwei junge Frauen, von denen eine unzählige Piercings im Gesicht hatte, küssten sich innig, während sie an der Theke lehnten. Überall waren Leute mit den unterschiedlichsten Outfits und Frisuren. Mark machte galant den Weg für Sophie frei und zwinkerte ihr zu.

„Warum benehme ich mich eigentlich wie ein niedliches kleines Mädchen, mit dem man alles machen kann?“, ärgerte sich Sophie über sich selbst. Schon komisch, dass sie bei solch selbstbewussten, coolen Typen immer ihr eigenes Selbstwertgefühl zu verlieren schien. Sophie hielt sich eigentlich für eine emanzipierte Frau, die ihre Meinung selbstbewusst vertrat. Besonders, wenn es um Tierrechte ging, durfte niemand bei ihr anecken, denn sonst redete sie so lange auf ihn ein, bis derjenige aufgab. Dann gab es allerdings diese Art von Männern, denen sie nicht so einfach kontern konnte.

Mark hatte unterdessen vier Plätze an der Bar gesichert und sprach mit dem Barkeeper.

„Was möchte die hübsche Umweltaktivistin? Ein fair gehandeltes Wasser oder einen Gin Tonic?“ Sophie lächelte abfällig und bestellte den Gin Tonic. Während die anderen beiden sich auch setzten und etwas bestellten, sah sie sich in dem Club um. Die Wände bestanden aus roten Ziegeln. Alle paar Meter hingen Bilderrahmen mit Schwarz-Weiß-Fotos von irgendwelchen Bands. Die Tanzfläche war recht gut gefüllt. Eine junge Frau hatte ein Oberteil mit tiefem Ausschnitt und einen solch kurzen Rock an, dass viele der Tänzer um sie herum sie beobachteten. Dazu tanzte sie noch so aufreizend, dass sie abschätzige Blicke einiger Tänzerinnen erntete.

„Warum bist du eigentlich Veganerin? Weil die niedlichen Schweine und die süßen Kühe mit ihren großen, braunen Augen dir leidtun?“, fragte Mark, während er Sophie tief in die Augen blickte. Am liebsten hätte Sophie ihm in diesem Augenblick eine geknallt, aber dieser Blick von ihm war auf eine teuflische Art unwiderstehlich.

„Es sind alles Lebewesen, und wir haben kein Recht, sie auszubeuten und umzubringen. Und schon gar nicht auf solch brutale Art“, sagte Sophie leicht aufgebracht.

Mark beugte sich zu ihr, sodass sie sein Aftershave und seinen Atem deutlich wahrnehmen konnte, und hauchte in ihr Ohr: „Du bist echt süß, weißt du das?“

Er nahm ihre Hand und fragte: „Darf ich bitten?“ Sophie nickte kaum merklich und ließ sich sanft zur Tanzfläche mitziehen. Sie spielten gerade einen ruhigeren Song. Mark nahm ihre Hände und führte sie langsam zu seinem Hals. Er legte seine Hände um ihre Hüften. Dabei sah er ihr wieder tief in die Augen und raunte: „unheimlich süß“.

Die anderen um sie herum tanzten etwas schneller. Nur sie wiegten sich langsam hin und her. Sophie war wie benommen, hörte gar nicht mehr die Melodie, sondern nur noch den Bass und den Rhythmus der Musik, die ihren ganzen Körper leicht vibrieren ließen.