Those Girls – Was dich nicht tötet - Chevy Stevens - E-Book
Beschreibung

»Eigentlich wollte ich keine Bücher mehr mit ›Girl‹ im Titel lesen. Bis ich Chevy Stevens entdeckte. Unglaublich spannend und beängstigend!« Stephen King Die Schwestern Jess, Courtney und Dani sind 14, 16 und 17 und leben auf einer rauen Farm in Kanada. Als ein Streit mit ihrem gewalttätigen Vater aus dem Ruder läuft, müssen sie fliehen. Doch ihr Pick-up bleibt in einem abgelegenen Dorf liegen, und bald finden sie sich in einem noch furchtbareren Albtraum wieder – wird er jemals enden? Der Thriller der kanadischen Bestseller-Autorin Chevy Stevens: eine Story von Überleben und Rache – hart, eindringlich, fesselnd.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:535


Chevy Stevens

Those Girls – Was dich nicht tötet

Thriller

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Maria Poets

FISCHER E-Books

Inhalt

Für Piper, mein LieblingsmädchenTeil 11. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. KapitelTeil 215. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. KapitelTeil 322. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. KapitelEpilogAnmerkungDank

Für Piper, mein Lieblingsmädchen

Teil 1

Jess

1. Kapitel

Juli 1997

Wir waren gerade mal eine Stunde unterwegs, als uns bereits das Benzin knapp wurde. Die durchgezogene Mittellinie auf dem Highway verschwamm vor meinen Augen, mir wurden die Lider schwer. Es war drei Uhr morgens, und wir hatten seit Tagen kaum geschlafen. Dani fuhr. Sie war blass, ihre langen, dunkelblonden Haare wurden von einer Baseballkappe in einem improvisierten Pferdeschwanz zurückgehalten, den Blick hatte sie starr geradeaus gerichtet. Eigentlich hieß sie Danielle, aber wir nannten sie nur Dani. Mit fast achtzehn war sie die Älteste von uns und die Einzige, die einen Führerschein hatte. Seit wir Littlefield verlassen hatten, hatte sie kaum ein Wort gesprochen.

Rechts von mir starrte Courtney ebenfalls aus dem Fenster. Als ihr Lieblings-Country-Song »Wide Open Spaces« von den Dixie Chicks im Radio kam, schaltete sie es aus und blickte wieder hinaus in die dunkle Nacht. Sie rieb sich über die Wangen, und ich merkte, dass sie weinte. Ich drückte ihre Hand. Sie erwiderte die Geste. Ihr Haar hing schlaff herunter, auf der eine Seite hatte sie ein paar Strähnen nach vorn gezogen, um die Verbrennung zu verbergen, eine leuchtend rote Wunde am Kinn.

Keine von uns war jemals so weit von zu Hause fort gewesen. In einem Eisenwarengeschäft hatten wir eine Karte gefunden – Dani hatte sie gestohlen, während wir Schmiere gestanden hatten – und gewissenhaft unsere Route nach Vancouver geplant. Wir schätzten, dass wir die Strecke in etwa acht Stunden schaffen könnten, solange der Pick-up durchhielt. Vorher mussten wir allerdings in Cash Creek anhalten und uns von einem Ex von Courtney etwas Kohle borgen.

Es war Mitte Juli und so heiß, dass man nicht nach draußen gehen konnte, ohne das Gefühl zu haben, die Haut würde sofort zu kochen anfangen. Unsere Haut war goldbraun, Sommersprossen bedeckten unsere Gesichter und Oberarme – das liegt bei uns in der Familie. Seit Monaten wurde überall vor der Waldbrandgefahr gewarnt, ein paar Ortschaften waren bereits evakuiert worden. Alles war vertrocknet, die Felder waren hellgelb, die Gräser in den Gräben mit einer grauen Staubschicht überzogen. Wir trugen Jeansshorts und T-Shirts, unsere Haut war selbst so spät in der Nacht schweißnass, und die Luft roch heiß.

Ich berührte den Fotoapparat, der an meinem Hals hing. Meine Mom hatte ihn mir geschenkt, kurz bevor sie starb. Dani hasste es, wenn ich sie fotografierte, aber Courtney liebte es – zumindest hatte sie es früher geliebt. Wie es jetzt war, wusste ich nicht. Ich schaute wieder zu ihr hinüber, dann auf meine abgebissenen Fingernägel. Manchmal bildete ich mir ein, ich könnte noch das Blut darunter sehen, als wäre es in meine Haut eingesickert wie in unseren Fußboden.

»Wir müssen demnächst tanken«, sagte Dani so unvermittelt, dass ich zusammenfuhr.

Courtney wandte den Blick vom Fenster ab. »Wie viel Geld haben wir?«

»Nicht genug.« Ehe wir die Stadt verlassen hatten, hatten wir etwas Diesel aus dem Truck eines Nachbarn gesaugt und so viel Essen wie möglich zusammengesucht, hatten Obst und Gemüse von den Feldern gepflückt, den Hennen die Eier aus dem Nest geklaut und alles in unsere Kühlbox gepackt. Unsere Schränke waren zu dem Zeitpunkt schon längst leer – wir hatten von Suppen, Dosenfraß, Reis und den letzten paar Kilo Rehfleisch gelebt, die von dem Bock übrig geblieben waren, den Dad im Frühling geschossen hatte. Wir hatten unser Geld zusammengelegt – ich hatte ein paar Dollar vom Babysitten, und Dani hatte noch etwas von dem Geld, das sie für ihre Hilfe bei der Heuernte bekommen hatte. Aber den Großteil davon hatte sie bereits in diesem Jahr ausgegeben, als sie versucht hatte, uns über Wasser zu halten.

»Wir könnten etwas Geld für deine Kamera bekommen«, sagte sie.

»Kommt nicht in Frage!«

»Courtney hat ihre Gitarre verkauft.«

»Du weißt, warum sie sie wirklich verkauft hat«, sagte ich. Daraufhin sagte Dani nichts mehr. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber ich konnte es nicht tun, konnte nicht mein einziges gutes Stück hergeben.

»Was sollen wir machen?«, fragte ich jetzt.

»Wir werden Benzin klauen«, sagte Dani wütend.

Dani klang immer angefressen, aber ich scherte mich nicht darum, solange sie nicht richtig sauer war. Dann sah ich zu, dass ich ihr nicht in die Quere kam.

Sie hatte ein Recht darauf, wütend zu sein. Wir alle hatten das.

 

Im nächsten Ort entdeckten wir eine Tankstelle, eine alte Chevron mit zwei uralten Zapfsäulen und einer einsamen Gestalt, die schemenhaft durch das Fenster erkennbar war. War das der Einzige, der hier arbeitete? Wir fuhren vor, der Kies knirschte unter den Reifen. Dani stellte den Motor aus, doch wir blieben noch eine Weile sitzen, während der Motor knackend abkühlte. Ich hielt meinen Fotoapparat fest umklammert.

»Jess, geh rein und sieh nach, ob noch jemand da ist«, sagte Dani.

Ich warf ihr einen Blick zu, doch in ihrer Miene regte sich nichts. »Okay.« Ich versuchte, selbstsicher zu klingen, aber so etwas hatten wir nie zuvor getan – nur im Laden Lebensmittel und Schminkzeug mitgehen lassen, Kleinkram eben. Natürlich war das mein Job. Courtney war zu hübsch – sie hatte dasselbe dunkelblonde Haar wie wir alle, aber sie hellte es mit Peroxid auf, und sie hatte die blauen Augen unseres Vaters, die bei ihrer gebräunten Haut noch heller wirkten. Und jetzt, mit dieser Brandwunde, würden sich die Leute erst recht an sie erinnern. Ich dagegen war für meine vierzehn Jahre ziemlich klein, hatte glattes, mausbraunes Haar und grüne Augen. Mich vergaßen die Menschen rasch wieder.

Eine Glocke schellte, als ich die Tür öffnete. Der Typ hinter der Ladentheke blickte auf. Er war jung, vielleicht Anfang zwanzig, hatte lange Koteletten und Akne. Ich sah mich um und entdeckte niemanden sonst, der hier arbeitete. Der Laden war leer, und es gab auch keine Überwachungskameras oder Monitore. Ich räusperte mich.

»Kann ich den Schlüssel für den Waschraum haben?«

Er schob einen Schlüssel über die Theke, dann schaute er wieder nach unten in seine Zeitschrift. Ich stöberte ein wenig in den Regalen, dann ging ich nach draußen und zur Rückseite des Ladens, wo ein Schild auf die Waschräume hinwies. Neben den Toiletten befand sich ein Waschsalon für die Trucker. Ich suchte im Geldeinwurf und unter den Maschinen nach vergessenem Wechselgeld – manchmal hatte man Glück, aber nicht heute. Im Mülleimer fand ich ein paar Getränkedosen und eine Pizzaschachtel mit ein paar Rindenstückchen. Mein Magen knurrte, aber ich ließ die Schachtel, wo sie war, und ging in den Waschraum. Ich benutzte die Toilette, wusch mir die Hände und blickte in den Spiegel. Meine Augen wirkten groß, der Blick verstört. Das Neonlicht über mir summte laut, der Raum kam mir plötzlich kalt und leer vor.

Ich drehte mein Gesicht, so dass ich den blauen Fleck an meinem Kinn erkennen konnte. Das Make-up war verschmiert. Ich verrieb es mit dem Finger und verteilte es gleichmäßig. Ich trat zurück und starrte mein Spiegelbild an. Ich versuchte, die Augen schmal zu machen und die Schultern zu straffen, und zog energisch meine Mütze tiefer, um tougher auszusehen, mehr wie Dani. Es funktionierte nicht.

Ich gab den Schlüssel ab und ging zum Pick-up zurück.

»Und?«, fragte Dani durchs Fenster.

»Da ist nur der Typ am Tresen – er liest den Playboy oder so was.«

Sie nickte.

»Und jetzt?«, fragte ich.

»Courtney, du gehst rein und redest mit ihm.«

»Wieso ich?«, fragte Courtney.

Dani sah sie nur an. Courtney stieß einen tiefen Seufzer aus, öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse und kletterte aus dem Truck.

»Ich gehe mit rein«, sagte ich.

»Nein. Bleib im Truck, Jess.«

»Aber ich hab Hunger!«

»Herrgott nochmal.« Dani meckerte die ganze Zeit, ich würde zu viel essen, trotzdem gab sie mir immer eine Extraportion.

Ich folgte Courtney in den Laden. Sie beugte sich über den Tresen und begann, mit dem Typ zu reden, der prompt seine Zeitschrift weglegte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Dani den Pick-up an eine der Zapfsäulen fuhr. Rasch lief ich durch die Gänge und stopfte mir Schokoriegel und Snacks in die Taschen. Courtney spähte hin und wieder aus dem Fenster und wartete auf das Zeichen. Ich behielt Dani ebenfalls im Auge. Endlich schob sie ihre Baseballkappe hoch und strich sich über die Augenbraue.

Ich verließ den Laden und stieg in den Wagen. Courtney nahm den Stift, den der Typ ihr hinhielt, und schrieb etwas auf ein Stück Papier. Er lächelte breit. Sie tat, als suche sie in den Taschen ihrer Shorts, dann schüttelte sie den Kopf und deutete auf den Pick-up.

Ganz langsam kam sie auf uns zu und wiegte dabei die Hüften hin und her. Der Typ starrte ihr von drinnen fasziniert nach. Sie kletterte in den Truck, ließ es aussehen, als suche sie ihr Portemonnaie, und knallte dann die Tür hinter sich zu. Dani gab Gas. Schleudernd erreichte der Pick-up die Straße und schlingerte am staubigen, trockenen Rand hin und her. Ich sah, wie hinter uns der Typ aus dem Laden gerannt kam, ein Telefon in der Hand, und bereits die Polizei rief. Unser Nummernschild war mit getrocknetem Matsch bedeckt, trotzdem raste mein Herz. Wenn wir erwischt würden, würde man uns zurück nach Littlefield bringen, und die Cops würden Fragen stellen – eine Menge Fragen.

Ich drehte mich um und kramte meine Schokoriegel hervor. Schweigend aßen wir in der Dunkelheit.

»Wisst ihr noch, wie Dad uns früher jedes Jahr zu Weihnachten Caramilk-Riegel gekauft hat?« Courtneys Stimme war leise, die Erinnerung gewaltig.

Ich kaute langsamer, meine Augen füllten sich mit Tränen. Es war Jahre her, seit unser Dad uns Schokoriegel mitgebracht hatte. Seit unsere Mom gestorben war.

Und erst vor drei Tagen hatte ich ihn getötet.

2. Kapitel

Littlefield Drei Tage zuvor

Dieses Mal war Dad einen Monat lang fort, zum Arbeiten auf den Ölfeldern von Alberta. Vor diesem Job hatte er meistens auf Baustellen überall in der Stadt gearbeitet und auf der Ranch, auf der wir lebten. Littlefield war ein kleiner Ort in der Nähe der Grenze zu Alberta, und es gab nicht viele Jobs – seit die Mühle dichtgemacht hatte, hauptsächlich in der Landwirtschaft oder als Holzfäller, so dass viele Männer in Calgary arbeiteten, ein paar Stunden Fahrt entfernt. Dad sagte, er würde in Alberta mehr verdienen, und vielleicht tat er das auch, aber wir bekamen nie etwas davon zu sehen. Er arbeitete drei Wochen am Stück und hatte dann eine Woche frei. Auf dem Heimweg von den Ölfeldern machte er schon an ein paar Bars halt, und dann hörte er normalerweise erst wieder auf zu trinken, wenn es Zeit für seine nächste Schicht war.

Trotzdem war ich sicher, dass es dieses Mal anders sein würde. Mein fünfzehnter Geburtstag stand vor der Tür, und er hatte mir erzählt, er würde mir etwas Besonderes mitbringen. Ich hatte schon die ganze Woche darüber nachgedacht.

»Gar nichts wird er dir mitbringen«, hatte Dani an jenem Morgen gesagt.

»Er hat es versprochen«, erwiderte ich.

»Na und?«

Ich sah sie nicht an, sondern schob mir nur eine weitere Gabel voll Rührei in den Mund. Auf der anderen Seite des Tisches übte Courtney ein paar Akkorde auf ihrer Gitarre und kritzelte dabei etwas in ein kleines Notizheft. Sie lächelte mir zu. »Ich schreib einen Song für dich«, sagte sie. »Zum Geburtstag.«

»Das ist ja cool.« Ich lächelte zurück.

»Jess, ich möchte nur nicht, dass du enttäuscht bist«, sagte Dani vom anderen Tischende.

»Ich weiß, aber ich habe ein gutes Gefühl. Ich glaube, er bringt mir etwas für meine Kamera mit – vielleicht ein neues Objektiv.«

»Du bist so dumm.« Dani erzählte mir ständig, ich würde mir zu viele Hoffnungen machen, Dad würde sich niemals ändern. Aber manchmal hielt er wochenlang ohne zu trinken durch. Vielleicht würde er eines Tages ganz damit aufhören.

Als ich jetzt auf unser Haus zuging, erwartete ich halb, Dads Pick-up in der Auffahrt zu entdecken oder dass er an mir vorbeidonnern und lachen würde, wenn er mich hustend im Staub hinter sich ließ.

Ich drehte mich um. In der Ferne konnte ich Kälber muhen und einen Traktor auf dem Feld hören. Ich richtete meinen Fotoapparat auf einen hübschen Vogel auf dem Zaun, dann machte ich eine Aufnahme vom Haus. Dani war zu Hause. An der Art, wie sie den Pick-up geparkt hatte – schräg, mit heruntergekurbelten Fenstern, so dass der Kühlergrill fast die Vordertreppe berührte –, und an der Musik, die im Haus dröhnte, merkte ich, dass sie schlechte Laune hatte. Ich ging langsamer.

Es machte mir nichts aus, auf der Ranch zu leben, aber ich hätte mir gewünscht, sie würde uns gehören. Unser altes Haus hatte die Bank zwangsversteigern lassen. Es war hübsch gewesen – ich erinnerte mich noch gut an die Schaukel auf der vorderen Veranda, an den weißen Zaun, der bis hinunter zur Straße führte, und daran, dass Dad ihn jedes Jahr frisch gestrichen hatte. Dies hier war nur ein altes Arbeiterhaus auf einer Rinderfarm, aber wir hatten viel Platz und einen großen Hof für Dads Zeug. Außerdem brauchten wir die Arbeit. Nach Moms Tod – sie war frontal von einem Truck erfasst worden, der eine Ladung Heu hintendrauf hatte – hatte Dad seinen Job verloren. Er verschwand für Monate nach Calgary. Ich war zehn, Courtney elfeinhalb und Dani dreizehn gewesen, als man uns in Pflegefamilien steckte.

Sie hatten niemanden gefunden, der uns alle zusammen genommen hätte, also kam ich in eine Familie, die bereits sechs Kinder hatte, von denen zwei behindert waren. Es schien nie genug Essen für alle zu geben. Ich wartete, bis meine Pflegemutter nicht hinschaute, dann schob ich etwas von meinem Kartoffelbrei oder was auch immer auf die Teller der Kleinsten und schüttelte den Kopf, damit sie den Mund hielten. Wenn einer von ihnen es vergaß und »Danke!« brüllte, wirbelte meine Pflegemutter herum, und es endete damit, dass niemand etwas bekam. Einmal lief ich davon und versuchte, zu meinen Schwestern zu kommen, aber die Cops sammelten mich wieder ein. Später fand ich heraus, dass die beiden ebenfalls ein paarmal versucht hatten, davonzulaufen. Keine von uns schaffte es.

Endlich, nach fünf Monaten, kam Dad zurück und versprach, trocken zu bleiben.

Courtney erzählte mir ein wenig über ihre Pflegefamilie, dass der Vater sie heimlich beim Duschen beobachtet und die Mutter sie geschlagen hatte, wenn der Vater nicht hinsah.

Dani sprach nicht viel über ihre Pflegefamilie, sie sagte nur, die Leute seien alt gewesen, könnten sich nicht mehr um ihre Farm kümmern und hätten jemanden gesucht, der mit anpackte. Ich wusste nicht, ob sie gemein zu ihr gewesen waren – sie sprach nie davon. Manchmal fragte ich mich, ob sie sich wünschte, immer noch dort zu sein. »Hat es dir dort besser gefallen, als dich jetzt um uns zu kümmern?«, fragte ich. Sie gab mir einen leichten Klaps auf den Hinterkopf und sagte: »Sei nicht albern.«

 

Als ich ins Haus ging, wischte sie gerade die Küche, und ich roch den Fichtennadelduft des Reinigungsmittels. Sämtliche Fenster standen weit offen.

»Wo hast du gesteckt?«, fragte sie. »Ich hab im Stall nach dir gesucht.«

»Ingrid hat Hilfe auf dem Feld gebraucht.«

Während des Schuljahres arbeiteten wir abends und an den Wochenenden auf der Farm, aber im Sommer halfen wir, wann immer sie uns brauchten. Unsere Arme und Beine waren muskulös, die Hände schwielig – Courtney cremte sie sich ständig ein und machte ihre Nägel. Dani hätte am liebsten den ganzen Tag auf dem Feld verbracht und wäre mit einem breiten Grinsen im Gesicht Trecker gefahren, das Haar unter einem großen Cowboyhut verborgen. Manchmal ging sie nach der Schule sogar rüber zu ihrem Freund, um dort zu helfen – seiner Familie gehörte die Nachbarfarm. Mir machte es nichts aus, auf dem Feld zu arbeiten, aber ich machte lieber etwas mit Tieren. Der Frühling war meine Lieblingsjahreszeit, wenn die ganzen Jungen geboren wurden, aber ich weigerte mich, das Fleisch zu essen, was Dad wütend machte. Seinetwegen nahm ich immer ein paar Bissen davon.

»Wir müssen das Haus putzen, bevor Dad zurückkommt«, sagte Dani.

»Okay.« Ich begann, das Geschirr abzuwaschen, das seit mindestens einer Woche auf der Arbeitsplatte stand, kratzte an dem angetrockneten Essen und malte mir aus, dass es ein richtig fettes Abendessen geben würde, wenn Dad nach Hause kam. Hoffentlich nahm er mich zum Einkaufen mit.

Nachdem Dad uns aus den Pflegefamilien geholt hatte, fand er dieses Haus und riss sich ein paar Monate zusammen. Doch dann begannen sich die Bierdosen zu stapeln. Die Cops kamen ein paarmal vorbei und fragten, ob mit uns alles in Ordnung sei, doch wir hielten den Mund. Wenn die Lehrer uns wegen eines blauen Auges oder einer Prellung befragten, die wir nicht verstecken konnten, sagten wir, wir seien gefallen oder hätten uns selbst auf der Ranch verletzt, seien mit einem heimtückischen Pferd aneinandergeraten. Wenn Dani mitbekam, dass uns jemand ärgerte, teilte sie ordentlich aus – einstecken hatten wir daheim gelernt. Ich erzählte ihr nichts davon, wenn jemand mir das Leben schwermachte, weil meine Schuhe nach Mist stanken, oder wenn die anderen Courtney beschimpften. Dann hätte Dani sich bloß schlecht gefühlt.

»Wo ist Courtney?«, fragte ich.

Dani zuckte die Achseln. »Wo soll sie schon sein?«

Also war sie mal wieder mit einem Jungen unterwegs. Ich überlegte, wer es dieses Mal sein mochte.

Als Courtney nach Hause kam, waren Dani und ich mit dem Putzen fertig. Wir waren hinterm Haus und stellten gerade ein paar Flaschen auf, um Schießübungen zu veranstalten. Sobald Dad die Stadt verließ, ließ er uns sein Gewehr da – ein altes Cooley .22 Halbautomatik, das er von seinem Vater bekommen hatte – und sorgte dafür, dass wir genug Munition hatten. Er sagte, wir sollten auf uns selbst aufpassen können. Wir hatten nicht viel freie Zeit, aber wir schossen gerne oder gingen Angeln. Ich blinzelte, zielte auf eine Bierflasche, hielt den Atem an und zog den Abzug. Die Flasche explodierte.

»Guter Schuss!«, sagte Courtney mit ihrer heiseren Stimme hinter mir.

Ich ließ die Waffe sinken und drehte mich um. Courtney hatte einen Pack Bier auf die Hüfte gestemmt, in der anderen Hand hielt sie eine Zigarette. Ihr langes Haar war feucht und zerzaust, die Baseballkappe hatte sie verkehrt herum aufgesetzt. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille, die zu groß für ihr Gesicht war, was ziemlich cool aussah, und ein Bikinioberteil unter einem schwarzen Tanktop.

»Sie schießt immer gut«, sagte Dani. Sie machte nicht oft Komplimente, so dass es echt was zu bedeuten hatte, wenn sie es doch tat. Ich schoss gerne, ich mochte diesen Moment, wenn alle Sinne voll auf einen Punkt konzentriert waren, wenn nichts zählte als der Bruchteil einer Sekunde. Genauso ging es mir mit meinem Fotoapparat, ich sah den Bildausschnitt, richtete die Kamera aus, holte tief Luft und dann Zack!

»O Mann, was ist denn mit deinen Shorts passiert?«, fragte Dani. Courtneys Jeans waren so kurz abgeschnitten, dass man den Rand der Hosentaschen sehen konnte.

Courtney lachte. »Gefällt es dir? Das macht die Jungs waaaahnsinnig.« Das letzte Wort sang sie. Courtney war ständig am Lachen oder Singen. Mom hatte immer gesagt, Courtney habe erst gesungen und dann gesprochen. Außerdem war sie hübsch und spielte gut Gitarre. Sie hatte sich eine gebrauchte gekauft und sich durch Radiohören selbst das Spielen beigebracht.

»Man kann echt alles sehen.« Dani trug wie wir alle abgeschnittene Jeans, aber Courtneys waren immer am kürzesten. Die ausgefransten, hellen Ränder bildeten einen scharfen Kontrast zu ihrer goldbraunen Haut. Ich warf einen Blick auf ihre Beine, dann auf meine, und überlegte, ob ich damit durchkäme, wenn ich meine Shorts auch um ein paar Zentimeter kürzen würde.

»Hier, nimm ein Bier und hör schon auf«, sagte Courtney.

Grinsend schnappte Dani sich das Bier, öffnete die Dose mit einem Plopp und nahm einen tiefen Schluck.

»Puh, das tut gut.«

Courtney reichte mir ein Bier. Ich nahm einen Schluck und genoss das Gefühl, wie es an diesem heißen Tag kalt in meiner Kehle herabrann. Ich mochte Bier, diese weiche Verschwommenheit, die alles dadurch bekam, den Malzgeschmack. Aber der Geruch erinnerte mich immer an Dad.

»Woher hast du das Bier?«, fragte Dani.

»Von einem Freund.«

Dani schüttelte nur den Kopf. Courtney ließ sich so gut wie nie etwas sagen und machte, was sie wollte. Dani war oft sauer auf sie, aber dann nahm Courtney sie ungestüm in den Arm oder sang ihr ein albernes Lied vor oder brachte sie irgendwie zum Lachen. Sie arbeitete hart, aber sie feierte auch hart. Wenn Dani ihr Vorhaltungen machte, sie brauche ihren Schlaf, sagte sie oft: »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.«

Dani deutete auf die Zigaretten, und Courtney warf ihr die Packung zu. Zigaretten waren auch so ein Luxus. Manchmal mopsten wir ein paar aus Dads Packung, wenn er zu Hause war, oder von einem der Landarbeiter. Dann setzten wir uns auf unsere Veranda und ließen die Zigarette rumgehen. Jetzt hockten wir auf der Steinumfassung dessen, was einmal ein schöner Garten gewesen war, der früher das ganze Haus umgeben hatte. Heute wuchs hier nur noch Unkraut. Dani versuchte immer wieder, hinterm Haus Gemüse anzubauen, doch Dad fuhr ständig darüber.

Courtney gab mir eine Zigarette und zündete sie mit dem Ende ihrer eigenen an. Ich lehnte das Gewehr gegen die warmen Felssteine, nahm einen Zug und beobachtete Dani, um zu sehen, wie sie es machte. Ihr Mund öffnete sich leicht, um den Rauch in einem langen, lässigen Atemzug auszustoßen. Ich lehnte mich zurück, damit sie mich nicht sah, und versuchte, den Rauch auf dieselbe Art auszuatmen.

Es war erst Mitte Juli, doch das Gras war bereits vertrocknet, genau wie die Blumen, die wir gepflanzt hatten. Der Vorgarten bestand größtenteils aus Staub. Dad schleppte ständig Zeug vom Schrottplatz an, und das ganze Grundstück war mit Altmetall und Holzresten übersät. Das Haus war in einem erbärmlichen Zustand – im Winter mussten wir die Fenster zunageln –, aber ich mochte die breite Veranda an der Vorderseite. Ich würde Dad fragen, ob wir sie anstreichen durften.

Ich brachte niemals Freundinnen mit nach Hause, und in der Schule blieben wir für uns. Dani war normalerweise mit ihrem Freund Corey zusammen, der auf seine schlichte Farmboy-Art ganz süß war mit seinem braungebrannten Gesicht, den weißen Zähnen und den Grübchen. Courtney schwänzte ständig die Schule oder machte mit einem Jungen herum. Die meisten anderen Mädchen mochten sie nicht. Ich schloss mich meinen Schwestern an oder machte in den Pausen meine Hausaufgaben. Dani hängte meine Zeugnisse an die Kühlschranktür, so wie Mom es getan hatte. Manchmal half ich meinen Schwestern bei den Hausaufgaben. Courtney hätte mich am liebsten sämtliche Hausaufgaben machen lassen, wenn sie gekonnt hätte, doch Dani ließ sie nicht.

Dani ging zum Pick-up und setzte sich auf die Heckklappe. Es war ein alter Ford, silbern lackiert, wo er noch nicht verrostet war. Sie hatte ihn dem Vater ihres Freundes billig abgekauft und dann ihre Schulden abgearbeitet. Sie hatte ihn gründlich saubergemacht und einen Lufterfrischer mit Kokosduft an den Rückspiegel gehängt, aber das überdeckte nicht den Gestank vom Mist an unseren Stiefeln. Ich trat immer gegen den Kotflügel und versuchte, den Dreck wegzukriegen, ehe ich einstieg, sonst brüllte sie mich an.

Courtney nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. »Ich gehe später noch mal weg.«

»Bist du verrückt?«, sagte Dani.

»Selbst wenn er wieder da ist, kommt er stundenlang nicht nach Hause.«

»Das kannst du nicht mit Sicherheit wissen«, sagte ich. Manchmal machte Dad bei Bob halt, seinem Freund im Ort, und sie zogen durch die Kneipen, aber manchmal kam er auch direkt nach Hause.

Sie zog mich hinten an den Haaren. »Mach dir keine Sorgen.«

Courtney tat, als sei es ihr egal, was Dad mit ihr machte, aber ich wusste, dass sie Angst vor ihm hatte. Mom war der einzige Mensch gewesen, der es geschafft hatte, ihn unter Kontrolle zu halten, und trotzdem war er ab und zu mit seinen Kumpels einen saufen gegangen. Wenn er dann nach Hause gekommen war, hatte er rumgebrüllt und Geschirr zerschlagen. Ein paar Monate vor ihrem Tod hatte sie ihn rausgeschmissen, aber er hatte sich wieder eingeschmeichelt, wurde nüchtern und schwor, es zu bleiben. Eine Zeitlang war Mom echt glücklich – wir alle waren es. Dad blieb trocken – bis zu der Nacht, in der wir erfuhren, dass sie tot war. Manchmal denke ich daran, wie traurig sie darüber wäre, wie es uns seitdem ergangen war, und wie sauer sie auf Dad sein würde.

Ich schaute wieder zur Straße und malte mir aus, sein Truck würde näher kommen.

»Versprichst du, dass du früh nach Hause kommst?«, bat ich. Als Dad Courtney das letzte Mal dabei erwischt hatte, wie sie ins Haus schlich, hatte sie danach tagelang nicht sitzen können.

»Versprochen«, sagte Courtney.

»Er hat dir gesagt, was passiert, wenn du es noch mal versiebst.« Dani ließ ihre Zigarette in den Dreck fallen und trat sie mit dem Absatz aus. »Er hat dich gewarnt.«

»O Mann, ihr seid echt paranoid«, sagte Courtney. »Er ist nicht mal in der Stadt.«

Doch ich sah, wie sie zur Straße schaute, ehe sie das Gewehr aufhob.

»Kommt, lasst uns noch ein paar Bierdosen abknallen.«

3. Kapitel

Wir schossen auf Bierdosen, bis wir den Pack leerhatten, wobei wir jede Dose weiter weg stellten, um es schwerer zu machen, und immer diejenige abzulenken versuchten, die gerade zielte. Wir konnten alle gut schießen – Dad hatte es uns beigebracht. Als wir kleiner waren, ließ er uns gern die Flaschen für ihn aufstellen – einmal hatte er eine zerschossen, als ich gerade danach griff. Schreiend war ich zurückgewichen, und er hatte gelacht. Beim nächsten Mal war ich nicht einmal zusammengezuckt.

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir damit, die Wäsche zu waschen und sie draußen aufzuhängen, weil der Trockner mal wieder kaputt war, dann machten wir Abendessen, indem wir etwas Reis zur Tomatensuppe gaben, damit sie besser sattmachte.

Nach dem Essen ging Courtney nach oben, um sich für ihr Date fertig zu machen.

»Kommst du mit hoch?«, fragte sie.

Courtney war nicht gerne allein und bat mich oft, ihr Gesellschaft zu leisten. Mir machte es nichts aus. Ich saß gerne auf dem Badewannenrand, hörte ihr zu, wenn sie von ihrem neuen Freund erzählte, und sah zu, wie sie sich schminkte und frisierte. Das meiste Schminkzeug klauten wir – wir fanden, Proben zu klauen war nicht so schlimm –, und wir teilten alles, was wir hatten. Das führte zu einigen Reibereien, vor allem, wenn Courtney mal wieder irgendwo den Deckel nicht aufgeschraubt hatte, aber normalerweise kamen wir gut miteinander aus. Dani schminkte sich nur, wenn sie mit Corey ausging, aber ich spielte gern damit herum.

Courtney beugte sich zum Spiegel vor und zupfte sich vorsichtig mit einer alten Pinzette die Brauen. Ich hockte auf dem Badewannenrand, die Emaille unter meinen Beinen fühlte sich kühl an. Das Fenster stand offen, die Vorhänge wehten in einer sanften Brise, aber es war immer noch tierisch heiß. Der Duft der Zedernschindeln, die in der Sonne auf dem Dach buken, zog herein und vermischte sich mit Courtneys Haarspray und Parfüm.

»Triffst du dich mit Shane?«, fragte ich.

Sie stutzte und machte ein verwirrtes Gesicht.

»Der Typ mit dem blauen Auto«, sagte ich.

Sie verzog das Gesicht. »Igitt, nein. Mit dem hab ich letzte Woche Schluss gemacht.«

Courtney hielt es nie lange mit einem Jungen aus. Der Einzige, mit dem es jemals halbwegs ernst gewesen war, Troy Dougan, war im Mai fortgezogen. Sie sagte, es sei ihr egal, weil sie ohnehin nach Vancouver ziehen würde, sobald sie mit der Highschool fertig war. Sie glaubte, dass sie genug Geld verdienen könnte, um in ein paar Jahren in die Staaten zu ziehen, nach Nashville vielleicht, und Countrysängerin werden könnte. Sobald ich mit der Highschool fertig war, würde ich zu ihr nach Vancouver ziehen – ich konnte es kaum abwarten, das Meer zu sehen. Wir sprachen oft darüber, dass ich mit ihr auf Tournee gehen und sämtliche Fotos von ihr machen würde. Jetzt machte ich auch eines von ihr. Durch das Fenster fiel das warme Abendlicht auf ihre hellbraune Haut, so dass die eine Gesichtshälfte aussah wie in Gold gebadet.

In Wirklichkeit hatte ich gar keinen Film in der Kamera, ich hatte schon seit Wochen keinen Film mehr eingelegt. Manchmal brachte Dad mir eine Filmdose mit, genau wie Courtney – sie stahl sie oder brachte einen Jungen dazu, sie ihr zu kaufen. Sie liebte den Kick, die Dosen direkt unter den Augen der Verkäufer einzustecken. Dani sagte ihr ständig: »Du wirst noch im Knast landen, ehe du zwanzig bist.«

Courtney trat zurück und strich ihr Sommerkleid glatt. Wir hatten nicht viele Klamotten, und was wir hatten, stammte aus einem Secondhandladen. Courtney brachte Stunden damit zu, die Sachen zu kombinieren und anzuprobieren, sie versuchte immer, auszusehen wie auf einem der Bilder in den Zeitschriften. Dani und ich trugen meistens Jeans und T-Shirts, doch Courtney lieh uns gerne ihre Sachen.

Jetzt schüttelte sie ihr Haar über den Schultern auf. Ich lächelte und machte noch ein Foto, wobei ich an unsere Mutter dachte und wie ich ihr immer zugeschaut hatte, wenn sie ihr langes Haar vor dem Spiegel gebürstet hatte. Aber Mom hatte sich nie geschminkt, so dass man ihre Sommersprossen sah. Wir hatten ein paar von ihren Sachen behalten, bis wir zu den Pflegefamilien kamen. Dad hatte alles von ihr weggeschmissen – selbst den Ehering. Ich hatte es geschafft, ein paar Fotos und die Kamera zu retten, Dani hatte ihre Rezeptkarten behalten, und Courtney hing an einem alten Parfümfläschchen, das längst schon eingetrocknet war.

»Wo gehst du hin?«, fragte ich.

»Weg.« Normalerweise erzählte Courtney mehr, so dass sie sich vermutlich mit jemandem traf, mit dem sie sich besser nicht treffen sollte, zum Beispiel mit dem Freund einer Freundin. Mom hatte Courtney immer ihr wildes Kind genannt, aber sie hatte es mit Stolz gesagt. Dani war ihre Arbeitsbiene und ich ihre Träumerin. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, sie hätte irgendeine von uns vorgezogen, eher, dass sie jede von uns für etwas anderes liebte. Sie sagte, wir alle seien die besten Teile von ihr und dass es ihr das Herz brechen würde, wenn irgendeiner von uns etwas zustieße.

Courtney lächelte in den Spiegel. »Und wo ist dein Freund?«

Ich verdrehte die Augen. Courtney wusste ganz genau, dass Billy nicht mein Freund war – er war einfach nur ein Junge, der ein Stück die Straße runter wohnte. Manchmal hingen wir zusammen ab, aber wir waren nicht zusammen, obwohl er es ständig versuchte. Ich hatte mich einmal von ihm küssen lassen, nur um zu sehen, wie das war. Er schmeckte eklig, nach Barbecue-Chips, und seine Haut roch nach Schweiß. Ich hatte Courtney oder Dani nichts davon erzählt, aber ich hörte gerne zu, wenn sie sich unterhielten. Dani hatte bisher nur mit Corey geschlafen – die beiden waren seit der achten Klasse zusammen –, aber Courtney hüpfte durch die Betten und hatte mir genug über Sex und Jungs erzählt, dass ich mir nicht sicher war, ob ich das selbst jemals durchziehen wollte.

 

Es war bereits nach Mitternacht, als Courtney endlich nach Hause getorkelt kam. Sie roch nach Aftershave und Zigaretten und kicherte, als sie sich in unserem Zimmer das Nachthemd anzog. Wir teilten uns ein Schlafzimmer, seit wir Babys waren, und häufig schliefen wir im selben Bett, aneinandergekuschelt wie Hundewelpen, zugedeckt von Courtneys langem Haar. Wenn es richtig kalt war, quetschte Dani sich auch noch dazu. Dann redeten wir über unsere Mom, über unsere Träume, über Dani und ihre Farm, die mehrere Hektar groß sein würde, über Courtney und ihre Musik und wie die Menge ihren Namen brüllen würde. Ich wollte einfach nur Fotos machen, von allem und jedem. Meine Schwestern waren meine Lieblingsmotive, aber ich mochte es am liebsten, wenn sie nicht wussten, dass ich da war. Dani, die einen Riesenwirbel um ihre Tomaten machte oder durch die Maisfelder lief, Courtney, ungeschminkt und mit zerzausten Haaren, wenn sie Gitarre spielte.

Courtney zog sich die Decke über den Kopf und war sofort weg. Ich sank langsam wieder in den Schlaf.

Stunden später erwachte ich von einem Krachen unten im Haus.

Ich schreckte hoch und tastete nach der Lampe auf meinem Nachttisch.

»Was zum Teufel war das?«, fragte Courtney.

»Ist er das?«

»Ich weiß nicht. Hast du seinen Truck gehört?«

»Ich hab geschlafen. Ich hab unten etwas gehört.«

Ich fand das Licht in dem Augenblick, in dem Dani mit angespannter Miene ins Zimmer schlüpfte. Ohne einen Muskel zu rühren, starrten wir drei zur Tür und lauschten. Wurde da nicht der Kühlschrank geöffnet? Wir hörten, wie etwas herunterfiel. Jemand fluchte.

Jetzt kamen schwere Schritte die Treppe hoch. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich neben Dani. Courtney setzte sich auf, die Decke hochgezogen, einen Fuß auf dem Boden, bereit zur Flucht.

Dad stieß die Tür auf. Sein weißes Unterhemd hatte Schweißflecke, Blut oder Ketchup besprenkelte die Vorderseite. Seine Schultern waren mit dunklen Sommersprossen bedeckt und sonnenverbrannt.

Er schenkte uns ein breites Lächeln. »Da sind ja meine Mädchen!«

Ich beobachtete ihn, um zu sehen, ob sein Lächeln verschwinden und er anfangen würde, Beleidigungen zu brüllen. Wenn Dad trank, war er zuerst fröhlich, aber das hielt nie lange an.

»Hey, kommt schon, wo bleibt eine verdammte Umarmung für mich?« Er lächelte immer noch, doch in seinen Augen flackerte bereits Ärger auf.

Dani und ich gingen zu ihm, Courtney folgte uns zögernd. Dad zog uns in einer erdrückenden Umarmung an sich, und wir verschwanden in einer Duftwolke aus Bier, saurem Schweiß und Zigarettenrauch.

»Kommt, lasst uns Karten spielen«, sagte er, als er uns losließ.

»Es ist spät, Dad«, sagte Dani. »Walter will, dass wir früh aufstehen und …«

»Ich gebe einen Scheiß auf das, was Walter will«, sagte Dad. »Ich will Karten spielen.« Manchmal führte die Erwähnung von Walters Namen dazu, dass Dad schneller wieder runterkam. Er wollte nicht noch einmal seine Wohnung verlieren. Aber heute Nacht war er schon zu besoffen, die blauen Augen waren glasig, das sandfarbene Haar klebte feucht an der Stirn.

Sein Blick konzentrierte sich auf Courtney. »Komm schon, Court. Du bist doch für jeden Spaß zu haben – stimmt’s, Mädel?« In seiner Stimme schwang ein scharfer, prüfender Unterton mit, als wüsste er irgendetwas. Courtney machte ein erschrockenes Gesicht.

»Klar, Dad. Lass uns Karten spielen.«

Er war sauer auf sie. Das wurde mir klar. Was hatte sie getan?

Sie setzte sich in Bewegung, aber langsam, am ganzen Körper angespannt, als würde sie sich gegen die bevorstehenden Schläge wappnen. Er tat, als würde er sich auf sie stürzen. Sie schrie auf, und er lachte. Seine tiefe Stimme durchdrang den Raum.

»Ihr Mädchen seid nichts als ein Haufen Feiglinge.«

Wir folgten ihm die Treppe hinunter, sein breiter Rücken füllte den Raum aus. Er zog einen der Stühle unterm Tisch hervor und klatschte mit der Hand auf das Holz.

»Hierher mit euren fetten Ärschen.«

Wir nahmen um ihn herum Platz, und er grinste mich an. »Wie geht’s dir, Spatz? Hast du mich vermisst?«

»Ja, Dad.« Mir war zum Weinen zumute. Ich hasste diese vom Trinken verwaschene Stimme, sein schleimiges Husten, die rotgeränderten Augen.

Er zog einen Satz Spielkarten aus der Hosentasche und begann zu geben. Als wir alle unsere Karten hatten, zog er eine Packung Kippen aus der anderen Tasche, zündete sich eine an und ließ sie aus dem Mund hängen. Ein Auge blinzelte vom Qualm.

»Wir spielen um Zigaretten«, sagte er und warf jeder von uns ein paar Kippen zu.

Wir sahen uns an.

»Glaubt ihr Schlampen etwa, ich wüsste nicht, dass ihr meine Kippen klaut?«

Dani sagte: »Dad, wir haben nicht …«

»Spar dir den Scheiß.« Er sah mich an. »Hol mir ein Bier aus dem Kühlschrank.«

Hastig stand ich auf und riss eine Dose aus dem Plastikring. Es waren nur noch zwei übrig.

Ich reichte ihm die Dose und setzte mich. Er öffnete sie mit einem lauten Plopp, nahm einen Schluck. Das Bier lief ihm aus dem Mundwinkel, ohne dass er es fortwischte. Courtney und Dani studierten ihre Karten. Danis Stirn glänzte vor Schweiß. Courtneys Blick war immer noch verängstigt und huschte von Dad zu ihrem Blatt.

Er erwischte sie dabei, wie sie ihn ansah. »Versuchst du, mir in die Karten zu gucken?«

»Nein.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und beugte sich vor. »Versuchst du, mir in die verdammten Karten zu gucken?«

»Nein, Dad!«, schrie sie auf.

Er lehnte sich zurück und musterte sie abschätzend. »Du hältst dich wohl für besonders schlau, was?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin überhaupt nicht schlau.«

Er sah uns der Reihe nach an. »Nichtsnutziges Pack – alle, wie ihr da seid. Ich reiß mir den Arsch für euch drei auf, und euch fällt nichts Besseres ein, als mich auf Teufel komm raus zu blamieren.«

»Es tut mir leid, Dad.« Ich wusste nicht, wofür ich mich entschuldigte, aber das war egal.

Sein Blick blieb wieder an Courtney hängen. »Tut es dir leid?«

»Ja, Dad, es tut mir wirklich leid.«

»Dann schieb mal deinen jämmerlichen Arsch rüber zum Herd und mach mir ein Ei-Sandwich.« Er lachte, dann begann er zu husten und erstickte fast am Zigarettenrauch.

Courtney stand auf und schaltete den Herd ein, stellte eine Bratpfanne auf die Platte und holte Eier aus dem Kühlschrank.

»Wir haben kein Brot«, sagte Dani. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Hand mit den Karten zitterte leicht.

Dad riss sich die Zigarette aus dem Mund. »Ihr habt kein Brot?«

»Wir haben kein Geld.«

»Wo ist das Geld, das ich euch dagelassen habe?«

Einhundert Dollar. Zu dritt hatten wir im Laden gestanden und die Preise auf den Dosen und Schachteln studiert. Äpfel waren im Sonderangebot gewesen, und wir hatten eine große Tüte gekauft.

»Wir haben alles aufgebraucht«, sagte Dani. »Wir brauchten Lebensmittel.«

Jetzt schüttelte er den Kopf, eine gefährlich langsame Bewegung. »Ihr verdammten, nichtsnutzigen Schlampen. Ein Mann kommt nach wochenlanger Arbeit nach Hause, und er kriegt nicht mal ein ordentliches Sandwich?«

Wie angewurzelt stand Courtney neben dem Kühlschrank und wartete.

»Ich kann dir Rührei machen, Dad«, sagte sie. »Ich mache gute Eier.«

Er drehte sich um und sah sie an. »Du machst gute Eier?« Er lachte. »Wenigstens etwas kriegst du hin.«

Er beobachtete sie lauernd, während sie mit bebenden Händen die Eier in eine Schüssel schlug. Immer wieder schaute sie nervös zu ihm hinüber. Er nahm einen kräftigen Schluck Bier und zog an der Zigarette, die er fast zwischen den Zähnen zerbiss.

»Sieh zu, dass die Pfanne gut heiß wird.«

»Sie ist heiß, Dad«, sagte sie.

»Richtig heiß?«

»Ja.« Eingeschüchtert warf sie ihm erneut einen raschen Blick zu.

Mein Herz klopfte in der Kehle, und in mir stieg das scheußliche Gefühl drohender Gefahr auf. Irgendetwas würde passieren. Ich merkte es am Gesicht meines Vaters, an der Art, wie er sein Bier umklammerte, wie seine Stiefel unter dem Tisch tappten.

»Was hast du so getrieben, Courtney? Arbeitest du hart?«

»Ja, jeden Tag.«

»Und was ist mit abends? Was treibst du dann, Courtney?«

Ich sah die Furcht in ihrem Gesicht.

»Ich hänge einfach rum«, sagte sie. Sie verschüttete etwas von dem Ei, und es landete auf der Herdplatte. Der Geruch von verbrannten Eiern erfüllte den Raum. Hektisch versuchte sie, die verkrustete Masse von der Herdplatte zu wischen.

Ich sah zu Dad, der immer noch Courtney beobachtete. Ich wartete auf die Explosion, doch er war ganz ruhig und zog nur an seiner Kippe. Courtney stellte den Herd aus, schabte die Eier auf einen Teller und holte eine Gabel aus der Schublade.

Sie kam herüber, stellte den Teller vorsichtig vor ihm ab und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Zu dritt sahen wir zu, wie er einen Bissen nahm. Eistücke fielen ihm von der Gabel und landeten auf dem Tisch. In der anderen Hand hielt er immer noch die brennende Zigarette, der Qualm zog Dani in die Augen. Sie rührte sich nicht, hustete nicht einmal.

Dad grunzte, nickte und nahm noch einen Bissen.

Ich spürte, wie Courtney neben mir sich leicht entspannte, hörte, wie sie Luft holte.

Mit angewiderter Miene hörte er auf zu kauen, dann öffnete er den Mund und spuckte den ganzen Bissen zurück auf den Teller.

»Die sind ja verdammt nochmal faul!«

»Wir haben die Eier erst gestern eingesammelt!«, sagte Courtney.

»Das ist wahr!«, sagte Dani.

»Vielleicht bist du das faule Ei«, sagte Dad und starrte Courtney mit wahnsinnigem Blick an. »Alles, was du anfasst, schmeckt nach Scheiße.« Er nahm den Teller und warf damit nach ihr. Sie wich hektisch nach rechts aus, so dass ihr Stuhl umkippte und sie auf dem Boden landete. Der Teller zerschmetterte hinter uns. Dani und ich sprangen auf.

Dad machte einen schweren Schritt auf Courtney zu, bis sein riesiger Körper drohend über ihr aufragte. Dani schob mich hinter sich, während sie die Arme nach Courtney ausstreckte, doch Dad hatte sie bereits gepackt und zerrte sie vom Fußboden hoch.

Courtney schrie und versuchte, sich loszureißen. Er schleifte sie zum Herd. Ich versuchte, ihnen zu folgen, aber Dani hielt mich zurück.

»Weißt du, wie es ist, solche Scheiße über mein Kind zu hören?«, grölte er.

Courtney wimmerte. »Was hab ich getan?«

»Bob ruft mich im Camp an und erzählt mir, dass meine nichtsnutzige Tochter mit einem verheirateten Mann fickt!«

Dad hatte Courtney bis dicht an den Herd bugsiert. Sie schrie. Ich schluchzte und weinte. »Dad, lass sie los!«

Dani ließ meinen Arm los und rannte los, um das Gewehr zu holen, zog es unter der Couch hervor und schnappte sich die Packung mit der Munition.

Dad nahm die Bratpfanne und hielt sie dicht an Courtneys Gesicht. Sie wand sich und versuchte verzweifelt, zu entkommen. Ich warf mich auf seinen Rücken und prügelte auf ihn ein, zerkratzte seinen Hals und jedes Stück Haut, das ich finden konnte. Er rammte den Ellenbogen nach hinten, erwischte mich am Kinn, und ich landete auf dem Boden.

Er packte Courtneys Gesicht so fest mit einer Faust, dass ihre Augen hervortraten.

»Dani!«, brüllte ich. Sie hatte die Waffe an der Schulter, auf Dad gerichtet, aber sie starrte ihn nur an, ihr entsetztes Gesicht war kreidebleich.

Dad presste die Pfanne an Courtneys Wange. Sie kreischte auf, ein Geräusch, das mich zu durchbohren schien. Dani stand einfach da, das Gewehr zitterte in der Luft.

Ich kam auf die Beine, riss Dad am Arm und zog die Bratpfanne fort. Er holte aus und schlug mir kräftig ins Gesicht. Ich stolperte zurück und krachte gegen den Tisch. Die Pfanne fiel ihm aus der Hand und donnerte auf den Boden.

»Verdammte Schlampen!«

Er wickelte sich Courtneys Haare um die Hand und zerrte sie daran durch den Flur ins Badezimmer. Mit dem Rücken rutschte sie über die Holzdielen, die Beine traten nutzlos um sich.

Ich rannte ihnen nach, packte Dad mit beiden Händen am Gürtel und zog ihn zurück. Er schlug mich mit der freien Hand, aber ich ließ ihn nicht los. Er war im Badezimmer.

»Ich hab die Cops gerufen!«, brüllte Dani. »Sie sind unterwegs!«

Unser Telefon war vor zwei Wochen abgestellt worden.

Sie rannte uns nach, immer noch mit dem Gewehr in der Hand. »Hör auf, Dad! Hör auf!«

Dad klappte den Toilettendeckel hoch und hielt Courtneys Gesicht über die Schüssel. Er tauchte sie unter, riss sie hoch, so dass sie nach Luft schnappen konnte, und drückte sie erneut nach unten. Ihre Beine zappelten.

Ich schlug auf seinen Rücken ein, schnappte mir den Mülleimer und ließ ihn auf seinen Kopf niedersausen, aber er hörte nicht auf. Dani hatte das Gewehr erneut erhoben.

»Aus dem Weg!«, brüllte sie, und ich ließ den Eimer fallen und wich zur Tür zurück.

»Lass sie los!«, schrie sie. »Lass sie los!«

Dad lachte. Wasser lief Courtney übers Gesicht. Sie keuchte und würgte und zerkratzte ihm die Hände. Erneut tauchte er ihren Kopf unter. Der Moment zog sich in die Länge. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Dani hörte nicht auf zu schreien, aber sie zog nicht den Abzug. Courtneys Griff lockerte sich, sie hörte auf, mit den Beinen zu strampeln.

Ich riss Dani das Gewehr aus der Hand, zielte auf den fleischigen Teil von Dads Schulter und drückte ab.

Der Schuss hallte in dem kleinen Raum wieder. Dani kreischte. Seitlich an Dads Hals klaffte eine blutige Scharte auf.

Er ließ Courtney los, die auf dem Boden zusammensackte. Er umklammerte seinen Hals und starrte auf das Blut. Er drehte sich um und kam auf mich zu, die Hände ausgestreckt, das Gesicht vor Wut hässlich.

»Ich bring dich verdammt nochmal um!«

Verzweifelte Schluchzer kamen aus meinem Mund, und ich zog erneut den Abzug. Ein kleines Loch in seiner Stirn, er fiel auf die Knie und kippte nach vorn. Er machte ein paar merkwürdige Geräusche, keuchende Atemzüge, dann Stille. Blut sickerte auf den Linoleumboden und bildete eine Pfütze um seinen Kopf.

»O Gott.« Dani rannte zu ihm und überprüfte seinen Puls. »Er atmet nicht!«

Meine Hände zitterten. Ich fiel auf die Knie und starrte die Leiche meines Dads an. Dani hatte ihn umgedreht und hielt sein Gesicht zwischen den Händen, blies ihm in den Mund und drückte auf seine Brust, doch ich wusste, dass es zu spät war.

Courtney kroch an Dad vorbei, ihr Haar und das Gesicht waren nass. Sie kam zu mir, und ich ließ die Waffe fallen. Wir hielten einander ganz fest. Endlich hörte Dani auf und hockte sich hin.

»Scheiße, scheiße, scheiße.«

Sie drehte sich zu uns um, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Du hast ihn umgebracht«, sagte sie mit zittriger Stimme. Sie klang verblüfft.

Ich hatte Dad umgebracht. Ich hatte Dad getötet. Ich konnte es nicht fassen. Ich schluckte hart.

»Ich musste es tun. Courtney wäre sonst ertrunken!«

Rot vor Scham wandte Dani den Blick ab. Sie wischte sich über die Nase und starrte erneut auf Dads Leiche. Sie nahm ihren Kopf in beide Hände.

»Und was zum Teufel machen wir jetzt?«

Ich schaute auf das Blut unter Dads Kopf. Seine offenen Augen starrten hoch zur Zimmerdecke. Ich dachte an all die Momente, in denen ich Angst gehabt hatte, er würde eine von uns umbringen, an all die Momente, in denen ich mir gewünscht hatte, er würde einfach verschwinden und wir müssten nicht länger in Angst leben. Ich hatte geglaubt, unser Leben wäre dann besser, dass wir endlich frei sein würden.

Doch als ich jetzt auf den Leichnam meines Vaters hinunterschaute, fürchtete ich mich mehr als je zuvor in meinem Leben.

4. Kapitel

Wir ließen Dad und das Gewehr im Badezimmer liegen und schlossen die Tür. In der Küche half Dani Courtney, die Verbrennung mit kaltem Wasser zu kühlen. Weinend und zitternd beugte sie sich über die Spüle, ihre Haare und das Nachthemdoberteil waren nass.

»Vielleicht sollte sie besser ins Krankenhaus.« Ich konnte den Blick nicht von der Verbrennung abwenden, einer hervortretenden, üblen Wunde, fast zehn Zentimeter lang. Es sah aus, als würde es verdammt weh tun.

Courtney schüttelte den Kopf und verspritzte Wasser um sich herum. »Sie werden uns wieder in Pflegefamilien stecken.«

Dani lief inzwischen in der Küche auf und ab. Ihr Hemd war mit roten Klecksen übersät, das Gesicht und die Hände waren mit hellroten Streifen bedeckt. Sie blieb stehen und starrte mit gehetzter Miene auf mein Nachthemd. Ich blickte herunter, sah die Blutstropfen. Meine Lippen fühlten sich geschwollen an, und im Mundwinkel schmeckte ich Blut. Sie mussten aufgeplatzt sein, als Dad mich geschlagen hatte.

Dani begann erneut, hin- und herzulaufen. »Verdammt, das ist echt richtig übel.«

»Sollen wir Walter und Ingrid alles erzählen? Vielleicht können sie uns helfen oder …«

»Nein, wir müssen nachdenken.« Sie setzte sich. »Man würde dich verhaften. Und uns vielleicht auch, wenn sie glauben, wir wären deine Komplizinnen oder so.«

»Walter könnte kommen und nach uns sehen – wegen der Gewehrschüsse«, sagte ich. Die .22er war nicht besonders laut, aber die gusseiserne Badewanne hatte das Echo des Schusses zurückgeworfen, und das Fenster hatte offen gestanden. Ich stellte mir vor, wie Walter sich anzog, in seine Stiefel stieg und nach den Autoschlüsseln suchte.

Sie nickte. »Wir müssen uns schnell etwas einfallen lassen.«

»Ich werde der Polizei die Wahrheit sagen – ich habe es getan.«

Meine Beine zitterten. Ich stützte mich mit den Händen darauf – um sie stillzuhalten oder mich selbst aufrecht? Ich war mir nicht sicher. Mein Blick huschte zur Badezimmertür. Alles war ruhig. Die Luft schien wie elektrisiert und zäh. Ich schmeckte Blut.

Dani starrte die Badezimmertür ebenfalls an. Ob sie daran dachte, dass sie es nicht geschafft hatte, den Abzug zu ziehen?

Sie wirbelte zu uns herum, ihre Miene war grimmig und entschlossen.

»Wir müssen seinen Truck verstecken, bis wir wissen, was wir tun.«

»Okay«, sagte ich. Wir sahen Courtney an.

»Okay«, sagte sie.

 

Während Courtney und Dani sich umzogen, rannte ich nach draußen. Ich hatte noch keinen Führerschein, aber Dani hatte ab und zu mit mir Fahren geübt. Ich kletterte in Dads Pick-up und schob den Sitz nach vorn. Der Truck stank nach verschüttetem Bier und Dads Rasierwasser, das wir ihm letztes Jahr zu Weihnachten gekauft hatten. Ich versuchte, den kleinen Plastikcowboy zu ignorieren, der am Rückspiegel baumelte, das Arbeitshemd, das er auf den Boden geschmissen hatte, die leeren Bierdosen, die herumrollten, die alte Zigarettenschachtel, bei der eine Ecke des Silberpapiers umgeknickt war. Ich dachte daran, wie er mir aus der dünnen Folie Tiere gebastelt hatte, als ich klein war.

Dann bemerkte ich die Plastiktüte auf dem Sitz. Darin konnte ich nur die Ecke einer gelben Schachtel erkennen. Ich hob die Tüte mit dem Finger an.

Auf einer der Schachteln war vorn das Bild einer Kameralinse abgebildet, in der anderen befand sich ein Film. Ich kniff die Augen zusammen.

Sieh nicht hin, denk nicht drüber nach.

Ich fuhr den Pick-up in ein Dickicht aus Bäumen weit hinter unserem Haus, wobei ich mich nur auf das Mondlicht und meine Erinnerung verließ. Ich hatte Angst, die Scheinwerfer zu benutzen, falls Walter und Ingrid bereits auf dem Weg zu uns waren. Ich zögerte kurz, dann schnappte ich mir die Plastiktüte und rannte zurück zum Haus. Courtney stand an der Vordertür, sie trug ein frisches, langes T-Shirt.

»Dani versucht sauberzumachen«, sagte sie. »Du sollst dich auch umziehen, aber zieh was an, was du auch zum Schlafen tragen würdest. Beeil dich.« Sie sprach mit zusammengebissenen Zähnen, ihr Gesicht war verzerrt, als hätte sie bei jeder Bewegung Schmerzen.

Ich wusch mir das Gesicht und zog ein altes Nachthemd an.

Unten hatte Dani einen Haufen alter Handtücher geholt und sie um Dads Kopf verteilt, um das Blut aufzunehmen. Courtney machte die Küche sauber, räumte die Bratpfanne weg, stellte die umgefallenen Stühle wieder auf. Ich sammelte die Spielkarten und Zigaretten auf, die quer über den Tisch verstreut waren, während sie Dads leere Bierdose ganz nach unten in den Mülleimer stopfte.

Als wir ins Badezimmer kamen, hockte Dani auf dem Boden und starrte Dads Leichnam an.

»Was … was machen wir mit ihm?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht.«

Courtney stand neben mir. »Sollen wir ihn ins hintere Schlafzimmer bringen?«

»Das wird eine Blutspur hinterlassen«, sagte ich.

Draußen hielt ein Fahrzeug an. Mit Panik im Blick starrten wir einander an. Dani sprang auf, rannte zum Vorderfenster und spähte zwischen den Vorhängen hinaus.

»Ist es die Polizei?«, flüsterte ich.

Eine Tür wurde zugeknallt.

»Walter«, zischte Dani. »Tu so, als würdest du Tee kochen.« Sie wandte sich an Courtney. »Lass ihn nicht die Wunde sehen – setz dich auf die Couch in die Ecke, wo es am dunkelsten ist, und wende den Kopf ab.«

Wir rannten auf unsere Plätze, auf Zehenspitzen, um keinen Lärm zu machen, während Dani zur Tür ging und öffnete.

»Hi, Walter.«

Von meinem Platz in der Küche aus konnte ich ihn nicht sehen, aber ich hörte ihn fragen: »Ist bei euch alles in Ordnung? Ich habe Schüsse gehört.«

»Die Ratte war wieder im Vorratsschrank. Diesmal haben wir sie erwischt.«

»Ihr müsst vorsichtig sein mit dieser Waffe.«

»Das sind wir – Dad hat uns beigebracht, wie man schießt.«

»Ich dachte, ich hätte vor einer Weile seinen Truck gehört.«

Meine Hand erstarrte mitten in der Bewegung, als ich den Arm nach einem Becher ausstreckte.

»Das war nur Courtney, sie hat sich nach Hause bringen lassen.«

Ich holte tief Luft. Gut mitgedacht, Dani.

»Wann kommt euer Daddy nach Hause? Er ist mit der Miete im Rückstand.«

»Er müsste jeden Tag hier sein. Gibt’s noch irgendwas, was wir hier erledigen können?«

»Ich weiß nicht, Dani. Wir suchen schon so viel Arbeit für euch, wie wir können, verstehst du?« Einen Moment herrschte Stille, dann sagte er: »Was ist das für ein Geruch?«

Mist, konnte er das Blut riechen?

»Was für ein Geruch?« Dani klang ruhig, aber sie packte die Tür so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.

»Irgendwie angebrannt.«

»Ach, das war nur Jess. Sie hat eine Pfanne zu lange auf dem Herd gelassen, und ein paar Eier sind angebrannt. Wir waren ohnehin alle wach, also dachten wir, wir könnten uns eine Kleinigkeit warmmachen, aber Jess ist in der Küche einfach nicht zu gebrauchen.« Sie lachte.

Ich rief laut: »’n Abend, Walter.«

»’n Abend, Jess«, rief er zurück. Dann sagte er, an Dani gewandt: »Ihr solltet ins Bett gehen. Morgen gibt’s auf der Farm einiges zu tun.«

»Ja, Sir.«

»Also gut. Sagt mir Bescheid, wenn euer Dad aufkreuzt.«

»Machen wir.«

Sie schloss die Tür, sank dagegen und spähte durch das Seitenfenster, bis wir den Truck davonfahren hörten.

Sie drehte sich wieder um. »Wir müssen die Leiche loswerden.«

 

In der Garage fanden wir eine alte Plastikplane und rollten Dad darauf. Wir mussten alle drei mit anpacken, um ihn von der Stelle zu bewegen. Dann zogen wir die Plane um ihn herum und wickelten Klebeband um seine Fußknöchel und den Oberkörper, damit sie nicht verrutschte. Die blutigen Handtücher und Klamotten stopften wir in Müllsäcke. Wir arbeiteten zügig, ohne zu sprechen, doch Courtney schniefte unablässig, und Danis Gesicht war blass, ihr Blick zornig.

Ich sah ständig Dads Lächeln vor mir, wenn er mich Spatz nannte, dachte daran, wie er uns zum Quadfahren oder Schießen mitgenommen hatte, wie er mir einen Film mitgebracht und Dani Samen gekauft hatte. Er hatte uns beigebracht, uns nicht auf Männer zu verlassen, nur weil wir Mädchen waren, hatte uns gezeigt, wie man beim Pick-up das Öl oder die Reifen wechselte oder Dinge im Haus reparierte. Wenn er in der Nähe war, fürchteten wir uns vor nichts und niemandem. Nur vor ihm hatten wir immer Angst. Ich dachte an die Brandnarben von den Zigaretten an meinen Beinen, an den Tag, an dem er Courtney aus dem Truck geworfen hatte, an seine Augen, die zu schmalen Schlitzen geworden waren, sobald er getrunken hatte. Ich hatte das Gefühl, er würde mich durch die Plane hindurch anstarren, und konnte seine Stimme in meinem Kopf hören. Ihr verdammten, nichtsnutzigen Schlampen.

»Sollen wir ihn zur Kiesgrube bringen?«, fragte Dani. Die alte Kiesgrube, die jetzt mit Wasser vollgelaufen war, war eine halbe Meile entfernt und so tief, dass die Leute sagten, da lägen Holztransporter auf dem Grund.

Courtney schüttelte den Kopf. »Wir müssen ihn begraben, sonst könnte er eines Tages wieder auftauchen.«

»Irgendwo, wo niemand nachschauen wird«, sagte Dani. »Also nicht in der Nähe von unserem Haus.«

Schweigend dachten wir nach.

»Was ist mit dem Schweineacker?«, sagte ich. »Unter dem Trog. Da ist der Boden immer feucht wegen des Matsches – und sie haben den Trog seit Jahren nicht mehr von der Stelle bewegt.«

Dani nickte. »Das wird auch gegen den Gestank helfen.«

Ich zuckte zusammen, aber Danis Mund war nur eine schmale Linie.

 

Wir hoben ihn an und schleppten ihn, unter dem Gewicht stöhnend, zur Hintertür. Wir setzten ihn ab, dann rannte Dani zum Schuppen und kam mit einer Schubkarre zurück.

Wir trugen ihn die Hintertreppe hinunter und legten ihn quer über die Karre, darauf stapelten wir den Sack mit den Klamotten und ein paar Schaufeln. Wir wechselten uns ab, zwei schoben, während die Dritte voranging. Wir mussten den Trampelpfad nehmen, der unser Haus mit der Farm verband. Normalerweise brauchten wir für die Strecke zehn Minuten, doch jetzt schoben wir zwanzig Minuten und waren am Ende schweißüberströmt und atmeten schwer. Wir wuchteten den Trog beiseite, wobei wir im Matsch ausrutschten und herumschlitterten, dann begannen wir zu graben. Sobald wir durch den Matsch durch waren, wurde der Boden trocken, und als wir endlich ein Loch gegraben hatten, das tief genug war, waren wir allesamt dreckverschmiert und erschöpft.

Wir schoben die Schubkarre näher heran und rollten unseren Vater hinaus. Er landete nur teilweise im Loch, so dass wir den Rest von ihm hinterherstopfen mussten. Er passte kaum hinein. Dani warf den Müllsack ins Grab. Es gab ein dumpfes Geräusch, und wir sahen uns um. Die Nacht war ruhig bis auf einen der Farmhunde, der auf dem Hügel bellte. Ich hoffte, Walter würde nicht herauskommen, um der Sache nachzugehen.

»Sollen wir irgendetwas sagen?«, flüsterte Courtney.

Wir schauten hinunter auf den Leichnam, das dunkle Leichentuch schimmerte im Mondlicht.

Nichtsnutziges Pack … alle, wie ihr da seid …

Ich stieß die Schaufel in den Boden und warf die Erde ins Loch, dann noch eine Schaufel voll, dann noch eine, immer schneller, und bei jedem Wurf weinte ich. Meine Schwestern taten es mir gleich.

Als wir fertig waren, umarmte Dani mich und Courtney und hielt uns fest. Wir klammerten uns aneinander, unsere Haut und unser Atem verschmolzen zu eins.

»Alles wird gut«, sagte Dani.

 

Es war fast Morgen, der Himmel wurde bereits hell, und in ein paar Stunden mussten wir zur Arbeit auf der Farm sein, doch wir schrubbten den Fußboden im Badezimmer mit Bleiche. Als Wischlappen nahmen wir alte Betttücher. Schließlich mussten wir aufhören, zu müde, um noch irgendetwas zu schaffen. Wir hatten das Blut nicht vollständig wegbekommen – in den Rillen des Linoleumbodens waren immer noch rostrote Flecken zu erkennen.

Die Wand hatten wir auch noch nicht ausgebessert, dort, wo mein erster Schuss hingegangen war, also hängten wir ein kleines Bild aus dem Wohnzimmer über das Loch. Unsere Klamotten und die Lumpen warfen wir in Müllsäcke und stopften diese in den Dielenschrank, bis wir wüssten, wie wir sie loswurden, dann schlossen wir das untere Badezimmer ab und verriegelten das Haus. Vorher vergewisserten wir uns, dass alle Fenster geschlossen waren. Wir brachen in unseren Betten zusammen und versuchten, ein paar Minuten Ruhe zu finden, ehe der Tag begann. Doch ich warf mich nur hin und her und hörte, wie Courtney sich ebenfalls herumwälzte. Sie hatte Ibuprofen genommen, aber an ihrer Atmung und dem gelegentlichen Stöhnen merkte ich, dass sie immer noch Schmerzen hatte. Mein Kinn tat weh, wo Dad mich mit dem Ellenbogen erwischt hatte – selbst meine Zähne schmerzten –, aber wir hatten nicht mehr viele Tabletten, also hatte ich sie alle Courtney überlassen. Als Dani kam, um uns zur Arbeit abzuholen, waren ihre Augen gerötet.

Tagsüber ließen wir die Fenster geschlossen. Wenn wir nach Hause kämen, würde eine Bruthitze im Haus herrschen, aber wir hatten keine Wahl, wenn wir nicht riskieren wollten, dass jemand herumschnüffelte, ehe wir das Badezimmer fertig geputzt und der Bleichmittelgestank sich verzogen hatte.

Meine Lippen waren nicht mehr geschwollen, aber sie brannten, sobald ich sprach, und am Kinn hatte ich einen blauen Fleck, den wir jedoch überschminken konnten.

Wir waren nicht sicher, was mehr Verdacht erregen würde: Wenn Courtney bei der Arbeit fehlte oder wenn sie dort mit einer frischen Brandwunde auftauchte, die bei Tageslicht sogar noch übler aussah als gestern Nacht. Mittlerweile war die Haut knallrot und warf Blasen. Dani meinte, es sei eine Verbrennung zweiten Grades, doch keine von uns wollte riskieren, ins Krankenhaus zu gehen. Sie würden garantiert mit unserem Vater sprechen wollen.

»Ich sage einfach, es war ein Unfall«, sagte Courtney. »Wir brauchen das Geld.«

»Wichtiger ist, dass wir nicht erwischt werden«, sagte Dani.

»Wir haben oft Unfälle«, sagte ich. »Wenn wir sagen, sie ist krank, kommt Ingrid vielleicht, um nach ihr zu sehen. Selbst wenn sie nicht kommt, werden sie es herausfinden, wenn sie sie in ein paar Tagen sehen und sie immer noch die Verbrennung im Gesicht hat. Sie werden wissen, dass wir sie versteckt haben.«

Dani nickte. »Du hast recht. Besser, wir verhalten uns ganz normal.«

An diesem Tag arbeiteten wir an verschiedenen Stellen auf der Farm, aber wir verabredeten, dass wir, falls jemand fragte, erzählen würden, Courtney habe sich am Morgen gebückt, um etwas aus dem Schrank zu holen, als ich gerade mit der heißen Pfanne vorbeigekommen sei.

Ich mistete die Ställe aus und versuchte, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Mach die Ecke sauber, nimm die Schaufel, lade die Schubkarre voll …