Thousand Islands - Die Geister von Swanton - Tessa Wegert - E-Book

Thousand Islands - Die Geister von Swanton E-Book

Tessa Wegert

0,0
9,99 €

Beschreibung

Senior Investigator Shana Merchant leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, seit ein Serienkiller sie gefangen hielt. Von der Rückkehr ins Grenzland der Thousand-Islands-Region, Shanas Heimat, hatte sie sich eigentlich innere Ruhe und ein beschauliches Kleinstadtleben erhofft – eine Illusion, wie sich schnell herausstellt: In Swanton wird das Skelett ihres seit Jahrzehnten vermisst gemeldeten Onkels gefunden. Die örtliche Polizei geht von einem Mord aus. Dann verschwindet ein kleiner Junge auf einer der Inseln. Shana ahnt, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben. Und nicht nur das: Jemand scheint nur auf ihre Rückkehr gewartet zu haben. Jemand, der sie schon lange verfolgt ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 437

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



DASBUCH

»Da ist gar nichts kompliziert dran. Er ist weggezogen«, sagte Mom. »Hat sich wie ein Dieb in der Nacht davongemacht und seine Familie im Stich gelassen, um nach Philadelphia zu ziehen. Du siehst also, Brett kann gar nicht vor zwanzig Jahren gestorben sein. Er war in Pennsylvania.«

»Und genau da liegt das Problem«, warf Dad ein. »Die Polizei hat ein bisschen nachgehakt, und demnach ist Brett spurlos verschwunden.«

»Dann habt ihr Brett zum letzten Mal wann genau gesehen?«

»1998«, antwortete Dad. »Ende Juni«, fügte Mom hinzu.

Ein anonymer Hinweis führt die örtliche Polizei in Swanton zum Fundort einer Leiche: Es handelt sich um Shanas Onkel Brett. Ist es nur ein Zufall, dass die Leiche ausgerechnet jetzt entdeckt wird, als Shana an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt? Die Polizistin glaubt nicht an Zufälle – erst recht nicht, als sich herausstellt, dass Brett ermordet wurde …

DIEAUTORIN

Tessa Wegert ist Kanadierin mit deutschen Wurzeln. Sie arbeitet als Journalistin für u. a. Forbes, The Huffington Post und The Economist. »Die Geister von Swanton« ist nach »Ein rätselhafter Mord« der zweite Teil ihrer Thousand-Islands-Reihe.

TESSA WEGERT

THOUSAND

ISLANDS

DIE GEISTER VON SWANTON

KRIMINALROMAN

AUS DEM AMERIKANISCHEN ENGLISCH

ÜBERSETZT VON ANKE KREUTZER

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe The dead Season erschien erstmals 2020 bei Berkley, Penguin Random House, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 12/2021

Copyright © 2020 by Tessa Wegert

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Bettina Spangler

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München,

unter Verwendung von © Arcangel /

David Hall; finepic®, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-26027-9V001

www.heyne.de

Karl, Leila und Karel,

in unendlicher Liebe

PROLOG

SWANTON, VERMONT, AUGUST 1995

Sichelförmig umschloss der Wald das John R. Raleigh Memorial Field mit seinem sonnenversengten Gras. Auf diesem schütteren Rasen spielte ich in der Little League, bevor ich damals in Swanton einen besseren Zeitvertreib fand.

Als wir an jenem Tag durch diese Wälder streunten, fand kein Spiel statt. Erst zwei Stunden zuvor waren Dutzende Kinder mit ihren Eltern über das Feld geschwärmt und Mütter durch den silbrigen Staub, der vom Kalksteinbruch am Ende der Straße herüberwehte, ihren Kleinsten hinterhergejagt; hatten nur geistesabwesend genickt, wenn die Großen am Baseballspiel das Interesse verloren und stattdessen um Erlaubnis baten, den Wald auszukundschaften. Deshalb war unser Fund so alarmierend. Derjenige,der das, was wir dort entdeckten, liegen gelassen hatte, legte es darauf an, dass Kinder wie wir es zu Gesicht bekämen.

»Ich sehe mal nach.«

Ich blieb stehen. Er war mir ein paar Schritte voraus, sodass er mir die Sicht versperrte, doch gleichzeitig drang mir ein neues Geräusch ins Ohr, das sich in das Grillenzirpen am Boden und in das Vogelzwitschern in den dichten, windzerzausten Baumkronen über uns mischte. Die Fliegen summten an einer Stelle direkt vor seinen Füßen. Ich lief zu ihm hinüber und senkte den Blick, zuerst auf meine Keds, Größe 34.5 – ziemlich verdreckt, Mom würde sauer sein –, und dann auf das in Plastik gewickelte, recht große Objekt. Bei seinem Anblick zog sich mir der Magen zusammen.

»Ih!«, sagte ich. Und drückte ihm das Kinn an die Schulter. Er roch verschwitzt, das war neu; mit neuneinhalb Jahren sechs Monate jünger als ich, doch groß für sein Alter, war er schon halb in der Pubertät. »Was ist das?«

»Ich glaube, eine Katze«, sagte er, ohne aufzublicken.

»Das ist doch krank.« Es war mehr als das. Das Tier steckte in einem durchsichtigen Plastikbeutel, am oberen Ende mit grünen Verschlussstreifen verschnürt, wie ich sie gerne im Lebensmittelgeschäft mitgehen ließ. Ein weiß befelltes Bein war nach oben gestreckt, sodass sich die rosafarbenen Zehenballen von innen an die Folie drückten. Mir wurde die Spucke zäh wie Leim. »Ist sie …«

»Tot?« Ich konnte seinen Herzschlag in seinem Rücken fühlen. »Da ist Blut.«

Ich schluckte und trat hinter ihm hervor. Durch das Plastik konnte ich sehen, dass das weiße Fell rings um das linke Ohr der Katze dunkel und blutverklebt war.

»Wenn die tot ist«, sagte er, »wurde sie umgebracht.«

»Scheiße.« Es tat irgendwie gut, das verbotene Wort auszusprechen, und er verzog den Mund zu einem Grinsen. Er sah mich fragend an.

»Hab da so was läuten gehört. Dieser alte Mann in der Stadt, wohnt drüben am Fluss. Hab’s von Crissy gehört. Dass der Tiere quält und so.«

»Aber Crissy ist eine Lügnerin.«

Das war Fakt: Sie dachte sich ständig alles Mögliche aus, meistens, um sich aus dem Haus zu stehlen und mit ihren Freunden abzuhängen.

»In dem Fall hat sie nicht gelogen.«

»Unsere Nachbarin hat eine Katze«, hielt ich dagegen. »Die buddelt ständig in unseren Blumenbeeten und legt tote Mäuse vor die Haustür. Mom hasst das. Einmal war sie so wütend, dass sie sagte, sie könnte das Vieh erwürgen. Ich wette, dass viele Leute von Katzen genervt sind.« Um mein Argument zu unterstreichen, wedelte ich mit der Hand Richtung Kadaver und scheuchte dabei die Fliegen wie eine Wolke schwarzes Konfetti auf.

»Das hier ist was anderes.«

»Jedenfalls steckt irgendjemand dahinter. Wir müssen herausfinden, wer.« Das war mein erster Gedanke und nicht etwa wir müssen es meinen Eltern erzählen oder auch melden wir es der Polizei. Schon damals liebte ich einen guten Kriminalfall.

»Wir müssen uns nach Anhaltspunkten umsehen.« Auch bei ihm war die Freude nicht zu überhören. So ernst er tat, sah ich, dass er sich innerlich die Hände rieb. »Fußspuren und so was in der Art. Außerdem können wir uns umhören, ob ihn irgendjemand hier gesehen hat.«

Sollen wir was spielen? Das hier war von jetzt an unsere neue Lieblingsbeschäftigung. Die Spiele, die andere Viertklässler liebten – Four-Square, Räuber und Gendarm –, ließen uns kalt. Wir wollten mehr. Normalerweise mussten wir uns die zu lösenden Rätsel selber ausdenken, doch hier hatten wir einen echten Fall direkt vor den Füßen, und wir waren entschlossen, ihn zu knacken. Wir waren die geborenen Ermittler, er und ich. Davon war ich fest überzeugt.

»Ich sehe mich hier mal um. Übernimm du das Spielfeld.« Er grinste mir noch einmal zu, bevor er sich auf den Waldweg kauerte und eine Fliege vom Schienbein klatschte. Von der Sonne hatte er so braune Haut, dass seine Beine drei Schattierungen dunkler waren als der Streifen, der da, wo seine Socke am ausgeleierten Elastikbund heruntergerutscht war, zum Vorschein kam.

»Okay«, sagte ich und schaffte es, den Kopf nicht zu bewegen und mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die grünen Verschlussbänder, die er sich an dem sonst verdeckten, blassen Streifen Haut ums Bein gebunden hatte, nicht entgangen waren.

EINS

»Du bluffst.«

»Nee.« Ich drehte die Karten auf dem Tisch zwischen uns um, und tada! Drei Asse gewinnen.

McIntyre stöhnte. »Ich hasse es, mit dir zu spielen. Du hast immer Glück.«

»Bin eben ein Glückskind«, sagte ich mit ungerührter Miene, während ich die Karten einsammelte und zu einem ordentlichen Stapel sortierte. McIntyre versuchte – ohne Erfolg –, Blickkontakt herzustellen. »Das muss aufhören, Shay.«

Sie meinte meine Stimmung. Die, zugegeben, in letzter Zeit rabenschwarz war. Seit meinem Neuanfang auf Thousand Islands waren vier Monate vergangen, und seit das alles den Bach runtergegangen war, drei Wochen. Tim hatte einmal behauptet, in der Gegend hier sei das Leben einfach, doch das war lange her, das war vor den Morden und bevor ich fast ertrunken wäre und bevor ich meinen Verlobten in die Wüste schickte. Wenn sie das in Upstate New York unter einfach verstanden, wollte ich lieber nicht wissen, wie es war, wenn es hier mal kompliziert wurde.

Ich griff hinter mich, zog eine Decke von der Rückenlehne meines Stuhls und legte sie mir über den Schoß und die Knie. Auf der überdachten Veranda von Nelly’s Bistro lag vorsorglich für Claytons kalte Morgenstunden auf jedem Sitzplatz eine Decke bereit. Eigentlich fröstelte ich nur ein bisschen und hätte statt des Überwurfs eher einen dritten Becher Kaffee gebraucht, doch das Kartenspiel war vorbei, und ich stellte fest, dass ich die Hände nicht stillhalten konnte. »Ich weiß«, sagte ich zu Mac. »Ist eben nicht so leicht.«

»Wieso leicht, wenn man’s schwierig haben kann? Du bist Shana Merchant, die taffe Polizistin, die den blutigsten Fall seit Jahren aufgeklärt hat.«

Feuertaufe, wie man so sagt – nur bei mir dann doch mit Wasser. »Gib den Startschuss für die Konfettiparade.«

»Gute Idee«, sagte sie. »Mit Konfetti aus diesen verdammten Korruptionsfällen, die sich auf meinem Schreibtisch stapeln, damit können wir die ganze Church Street zuschneien lassen. Lust auf eine Bärenkralle?«

Ich warf einen skeptischen Blick auf das Gebäckstück in ihrer Hand. »Nicht ein bisschen üppig nach dem Frühstück?«

»Hab schließlich Geburtstag.«

»Nein, noch nicht.«

Sie pulte einen Mandelsplitter aus dem mit Zuckerguss überzogenen Teig und schlug nach mir, wie eine Katze mit der Pfote. »So gut wie – und wenn man erst mal fünfzig ist, kann man machen, was man will. Ich spiele mit dem Gedanken, mir zum Nachtisch auch noch diesen appetitlichen kanadischen Grenzschützer zu genehmigen.«

Ich prustete los. Ich wusste, welchen Grenzschützer sie meinte, und der war allerdings zum Anbeißen, knuspriger als alles Gebäck, das Nelly’s zu bieten hatte. Was würde ich nur ohne Maureen McIntyre und ihren trockenen Humor anfangen? Manchmal konnte ich es immer noch nicht fassen, dass wir Freundinnen waren, besonders, wenn ich mir ihre Karriere vor Augen führte. Wenn es von Sheriff McIntyre Poster gäbe, hätte ich mir längst eins übers Bett gehängt – könnte ich nur eine entsprechende Wand mein Eigen nennen. Mac war nicht nur mein berufliches Idol, sondern auch der Mensch, ohne den ich kein Dach über dem Kopf hätte. Die meisten meiner Sachen hatte ich eingelagert, doch dank McIntyre, Sheriff von Jefferson County, hatte ich eine La-Z-Boy-Couch zum Schlafen und die beste Gesellschaft, die sich jemand in meiner Situation nur wünschen konnte.

Als ich aus der gemeinsamen Wohnung mit meinem Ex-Verlobten zu McIntyre in die Nähe von Watertown zog, versicherte sie mir gleich am ersten Tag, sie habe nicht vor, in mich zu dringen. Rede, wenn du so weit bist, sagte sie, genauso wie damals im Juli, als ich es, noch ganz frisch in meinem neuen Job, vorgezogen hatte, meinem engsten Kollegen nichts von meiner wechselvollen Vergangenheit zu erzählen. Sie hatte mich nicht gezwungen, mit irgendwem über die Gespenster zu reden, die mich verfolgten. Wie damals so auch jetzt.

Die Kopf-hoch-Nummer, die Mac jetzt wieder einmal abzog, hatte mit meinem Ex zu tun und seinem Verrat. Doch wenn sie glaubte, Carson Gates drückte mir auf die Stimmung, lag sie gründlich daneben. Die dünne Linie, die sein Verlobungsring an meinem Finger hinterlassen hatte, war zwar Beweis dafür, dass ich ihn einmal geliebt hatte, doch schon bald wäre davon nichts mehr zu sehen.

Nein, dass ich – während McIntyre sich in einer Geschichte über ein Ehepaar erging, das sich in ihrem Büro eine Stunde lang für die Unschuld der vier des Amtsmissbrauchs verdächtigten Beamten von Watertown verbürgt hatte – zwanghaft jeden Mann im Bistro beäugte, hatte nichts mit Carson zu tun. Der mit der Frau und den Kindern ist zu klein, andererseits hat er, seit er da sitzt, zweimal zu mir herübergesehen, und beim Bestellen klang seine Stimme für einen Samstagmorgen ziemlich angespannt. Der Typ, der gerade mit seiner Freundin hereingekommen ist, hätte die richtige Größe und den passenden Körperbau, aber nicht das Gesicht.Trotzdem konnte ich die Augen nicht von dem Fremden lassen. Mit einer prothetischen Nase und ein bisschen Flüssiglatex, wie man sie für schlappe zwanzig Dollar online kaufen konnte, wäre er überzeugend verfremdet.

Hinter der überdachten Terrasse, auf der wir saßen, blies vom Fluss der Wind herüber und rüttelte an den durchsichtigen Plastikplanen, die den Sitzbereich im Freien schützten. Als der Mann auf meinen unverwandten Blick aufmerksam wurde und beim Anblick meiner Narbe den Mund verzog, erstarrte ich unwillkürlich. Mein halbes Leben lang sehe ich nun schon die dünne weiße Linie im Spiegel, die vom Mundwinkel bis zum linken Ohr hinaufreicht, doch meistens vergesse ich sie, bis mich die Reaktion der Leute daran erinnert.

Ich wandte mich wieder meinem Teller zu und stellte fest, dass ich völlig geistesabwesend mein Frühstück aufgegessen hatte. Nach der Stress-Fressattacke ließ ich den Blick über den St. Lawrence River schweifen. Normalerweise war Nelly’s um diese Jahreszeit nicht mehr geöffnet, doch angesichts der ungewöhnlich milden Temperaturen hatte sich die Eigentümerin entschlossen, noch ein paar Wochen dranzuhängen. Aber damit war es nun vorbei. Eine Kaltfront war im Anzug, und Nelly’s würde bis zum nächsten Sommer die Plastikplanen gegen Spanplatten tauschen. Es war zwecklos, länger so zu tun, als sei noch Herbst. Die kraftlose Sonne und die eisige Brise ließen keinen Zweifel zu. Der Winter stand vor der Tür.

Ich schlürfte den restlichen Kaffee aus und sagte: »Das hier wird mir fehlen.«

»Ach ja«, seufzte Mac. »Ich vergesse immer wieder, dass du neu hier bist. Du kennst das noch nicht, aber so läuft es hier nun mal.«

»Ein Leben auf Zeit?«

»Ein Leben mit den Jahreszeiten. Wenn die Touristen ihre Sachen packen, sind wir unter uns. Wir sind zu wenige, um die hiesige Wirtschaft aufrechtzuerhalten, was leider auch für Coffeeshops und Restaurants wie dieses hier gilt. Aber irgendwann im Spätfrühling macht alles wieder auf. Neue Saison, neuer Anfang. Du wirst sehen.«

Ich nickte. Der Frühling war noch Monate hin. Stellte sich die Frage, wo ich dann wäre. Ich hatte keine Ahnung.

»Nicht hingucken«, sagte Mac, »aber wir bekommen Gesellschaft.«

Augenblicklich bekam ich an den sommersprossigen Unterarmen eine Gänsehaut, und es dauerte peinlich lange, bis bei mir der Groschen fiel und ich merkte, dass mir Mac grinsend über die Schulter blickte. Als ich mich umdrehte, sah ich den Mann durchs Restaurant herüberkommen, mit zwei Kaffeebechern von der Selbstbedienungstheke in der Nähe des Eingangs.

In den letzten Wochen hatte ich Tim Wellington kaum zu Gesicht bekommen, was nach meiner Suspendierung und angesichts der Psychotherapie, zu der sie mich verdonnert hatten, und der Tatsache, dass ich ihm absichtlich aus dem Weg ging, nicht weiter verwunderlich war. Wie er so daherkam und sich redliche Mühe gab, keinen Kaffee zu verschütten, brachte er mich unwillkürlich zum Lachen. Das mir jedoch schnell verging. Tim war nicht allein.

»Sheriff.« Er stellte die Becher ab und schüttelte McIntyre die Hand. Dann: »Lange nicht gesehen, Shane.«

Der Spitzname, eine Anspielung auf einen alten Western, wuchs mir allmählich ans Herz. Um alter Zeiten willen wollte ich mich trotzdem gerade darüber beschweren, als mein Blick auf die Frau an seiner Seite fiel. Ich konnte sie nicht unterbringen. Wie Tim war sie schätzungsweise Anfang dreißig und hatte ein kleines Gesicht mit runden Kulleraugen, die an diese unheimlichen viktorianischen Puppen erinnerten. Sie ließ sich von Tim einen der Becher reichen, und für einen Moment berührten sich ihre Hände. Acht Uhr an einem Samstagmorgen ist eine seltsame Zeit für ein Date, ging es mir durch den Kopf. Tim hielt gebührenden Abstand, doch seine Wangen waren rosiger als sonst, und er hatte Stoppeln am Kinn. Dann wohl doch kein Date. Einfach nur ein Frühstück.

Schau an, schau an. Alle Achtung.

Sosehr ich mich freute, ihn zu sehen, so wenig passte es mir in diesem Moment. Ich hatte geplant, mich meinen Dämonen zu stellen und als die Ermittlerin aufs Revier zurückzukehren, die ich vor Tim, vor Carson und vor Blake Bram gewesen war. Ich wollte nicht, dass meine Kollegen mich fragten, wie es mir ging, am allerwenigsten dieser hier. Und schon gar nicht im Beisein einer Frau mit Puppengesicht und von Mac.

»Darf ich bekannt machen, Kelsea«, sagte Tim. Die Frau spulte einen Gruß und ein paar Floskeln über das ungewöhnlich warme Wetter ab. Jemand von hier, so wie Tim. Als sie geendet hatte, wandte sich Tim an mich. »Wie’s aussieht, könntest du einen zweiten Kaffee vertragen. Ich komme mit.«

Ich beäugte seinen Becher, aus dem mir ein verlockender Duft in die Nase stieg, und die Frau, die er hier warten lassen würde. »Stimmt«, sagte ich und stand auf.

Wir vertrauten Kelsea Mac an und begaben uns zum Eingangsbereich, wo wir die Kaffeetheke für uns hatten. Tim hatte nicht daran gedacht, seinen randvollen Becher dazulassen, und fluchte leise, als ihm das heiße Gebräu nun doch über das Handgelenk schwappte.

»Schön, dich zu sehen«, sagte er, während er nach einem Stoß Papierservietten und ich an der Thermoskanne mit entkoffeiniertem vorbei nach dem anständigen Kaffee griff.

»Die sieht schon besser aus.«

Er meinte meine Hand. Die Verbrennungen, die ich im Zuge meines letzten Falls davongetragen hatte und einem Kessel kochendem Wasser sowie einem gestörten Teenager verdankte, heilten recht gut. Bevor ich einen Witz darüber machen konnte, für den Rest meines Lebens dem Kaffee abzuschwören, fragte Tim: »Und? Wie läuft’s?«

»Gut. Läuft gut.«

Er zog die buschigen Augenbrauen hoch. »Und? Wann ist der Termin?«

Deshalb also wollte er mit mir reden. »Was, meine psychologische Diensttauglichkeitsprüfung? Das meinst du?« Ich rührte mir Sahne in den Kaffee und leckte den Strohhalm ab. »Nächste Woche.«

»Und fühlst du dich schon fit?«

»Ist ja kein Eignungstest.«

»Nein, schon klar, ich dachte nur – du hast es dir lange genug gemütlich gemacht, weiter nichts. Ich könnte im Revier wahrlich Verstärkung brauchen.«

Als leitende Ermittlerin bin ich die Vorgesetzte unserer Einheit, also der Boss. Alle anderen sind mir unterstellt. Aber die Zeit, die Tim und ich bei den Ermittlungen zum Fall Sinclair an deren Familiensitz auf Tern Island verbracht hatten, änderte die Dynamik zwischen uns, und mit einem Anflug von Bedauern wurde mir klar, wie sehr ich den eingespielten Schlagabtausch zwischen uns vermisste. »Alle Hände voll zu tun?«, fragte ich. Das sollte ein Witz sein – in A-Bay ist außerhalb der Saison ungefähr so viel los wie auf einem Universitäts-Campus in den Sommerferien –, doch Tims Gesicht hellte sich auf.

»Du machst dir keine Vorstellung. Letzten Donnerstag? Da war ein überhasteter Drogendeal danebengegangen, und dieses geschiedene Ehepaar fetzte sich darüber, wer von ihnen die Kunden behält. Der Mann zieht los und vertickt etwas von ihrem gemeinsamen Stash, und seine Frau verpfeift ihn bei mir und schnallt nicht, dass sie sich damit selbst belastet.«

»Du lieber Himmel.«

»Aber warte! Das ist noch nicht alles. Vom Campingplatz in der Swanbay – du weißt schon, drüben beim Price Chopper? Der schäbigste Rostkutter, den du dir vorstellen kannst, aber irgendjemand konnte dem Drang nicht widerstehen, sich den zu krallen, während die Eigentümerin gerade zum Einkaufen an Land gegangen war. Sie nennt sich Miss Betty, und sie ruft jetzt tagtäglich bei mir an und fragt, wieso ich den Kahn immer noch nicht gefunden habe. Findet, ich sei eine Schande für die hiesige Strafjustiz.«

Ich musste so lachen, dass ich Mühe hatte, meinen Becher gerade zu halten. »Hast du sie zart darauf hingewiesen, dass du kein Anwalt bist?«

»Noch nicht, aber wenn sie sich am Montag und am Dienstag und am Mittwoch wieder meldet, werde ich es wohl erwähnen. Aber ehrlich gesagt sind mir die Anrufe von Miss Betty allemal lieber als die von der Zeitung. Wie’s aussieht, hat sich Cunningham nun doch endlich von der Sinclair-Story losgeeist. Es fühlte sich schon so an, als hätte ich einen Stalker.«

»Wir, wir beide.« Auf unserem Weg zum Troop-D-Hauptquartier, wo wir über unseren letzten Fall Bericht zu erstatten hatten, war uns der Feature-Schreiber der Watertown Daily Times den ganzen Weg bis nach Oneida gefolgt. Der anschließende Artikel führte zu immer weiteren Anrufen und Bitten um Stellungnahme, die ich konsequent ignorierte.

»Jedenfalls«, sagte Tim, »bin ich froh, dass du da bist.«

»Mac hat darauf bestanden, dass wir einen letzten Burrito verdrücken, bevor sie hier für den Winter dichtmachen.«

»Hier im County, meinte ich.« Plötzlich knisterte es zwischen uns.

»Wo sollte ich denn sonst sein?«, erwiderte ich in unbeschwertem Ton, doch Tim blieb ernst.

»Du weißt schon, wo. Ich musste immer wieder über unser Gespräch nachdenken. An dem Tag in Oneida.«

Das auch ich nie vergessen würde. Zwar war es uns gelungen, den Fall Sinclair abzuschließen, nur eher nicht auf die sauberste Art. Obwohl ich mir des Risikos bewusst gewesen war, hatte ich mich in die Ermittlungen gestürzt und dabei einigen Schaden angerichtet. Es wäre unseren Zeugen ein Leichtes gewesen, ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs gegen mich anzustrengen. Es war ein Wunder, dass sie es nicht getan hatten. Die Tatsache, dass ich den Fall auf Tern Island übernommen hatte, während ich noch mit meiner posttraumatischen Belastungsstörung kämpfte, war in mehr als einer Hinsicht unverantwortlich. Im Lauf der letzten Wochen war mir das Ausmaß meines Fehlverhaltens immer schmerzlicher bewusst geworden und saß mir jetzt wie Stacheldraht im Fleisch. Kein Wunder also, dass die da oben wissen wollten, wie und wodurch die Dinge aus dem Ruder gelaufen waren und ein Vermisstenfall in heilloses Chaos ausgeartet war.

Hinter uns stürmte ein lebhafter Trupp Teenager herein, um sich an der Kaffeebar breitzumachen. Tim fasste mich am Ellbogen und geleitete mich in eine Ecke mit leeren Tischen an der hinteren Wand.

»Du hattest in den letzten Wochen jede Menge Zeit.«

»Hätte ich dir eine Mütze stricken sollen?«

Nach Tims Gesichtsausdruck zu urteilen, war ihm nicht nach Witzen zumute. »Du suchst also nicht nach ihm?«

Ihm, nicht nötig, sich deutlicher auszudrücken. »Bram hat das Weite gesucht«, sagte ich.

»Mag sein.« Ich wurde aus Tims Ton nicht schlau und witterte eine Falle. »Nachdem er uns in New York entwischt war, hatte Blake Bram ja wohl jeden Grund, den Bundesstaat zu verlassen. Er könnte seinen Namen geändert haben. Wäre nicht das erste Mal. Oder er ist nach Hause gegangen. Nach Swanton zurück.«

»Ich glaube nicht.«

»Du glaubst es nicht, weil das untypisch für ihn wäre? Oder du glaubst es nicht, weil du etwas weißt?« Nicht weit von uns schnatterten die Jugendlichen, während sie sich ihre Becher füllten. Ich konnte sehen, wie Tim unter der Jacke und dem dicken Rollkragenpullover die Schultern anspannte. »Bram könnte abgetaucht sein«, sagte er, »oder noch hier sein. Ich hätte Cunningham die Hölle heißmachen sollen dafür, dass er in dem Artikel dein Bild abgedruckt hat. Wie in aller Welt haben die überhaupt Wind davon bekommen, dass wir nach Oneida wollten?«

»Keine Ahnung«, sagte ich mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. »Der Mann ist gründlich, das muss man ihm lassen. Sieh mal, ich weiß nicht, wo Bram derzeit steckt oder wo er sich seit seiner Flucht aus New York aufgehalten hat. Es hat seitdem keine weiteren Morde mehr gegeben, die zu seinem Modus Operandi passen. Was aber nicht heißen muss, dass er damit fertig ist.«

»Aber du schon? Ich meine, mit ihm? Du hast nämlich immer noch nicht meine Frage beantwortet.«

Die Jugendlichen verteilten sich auf zwei Nachbartische links und rechts.

»Du solltest deine Freundin nicht warten lassen.«

Für mich waren Tims Augen immer grau gewesen, doch im Novemberlicht, das durch die Fenster an der Frontseite des Restaurants einfiel, zeigten sich darin Strahlenkränze aus Blau und Weiß. Er zwinkerte mir zu, nickte und ging zur Terrassentür voraus.

Als ich mich ihm anschloss, hörte ich eine der Kellnerinnen zu den Teenagern sagen: »Das sind für eine ganze Weile die letzten Bärenkrallen, schlagt euch noch mal den Bauch voll, solange ihr könnt.«

Nelly’s letztes Wochenende. Die Sauregurkenzeit stand vor der Tür, und ich sah machtlos zu.

ZWEI

Das Frühstück lag mir wie ein Stein im Magen, und dank meines Gesprächs mit Tim war ich auch noch spät dran. Ich schaffte die halbstündige Fahrt von Clayton nach Watertown in einundzwanzig Minuten und legte das letzte Stück auf der Arcade Street im Laufschritt zurück, bis ich Seitenstechen hatte.

Mein Ziel befand sich gut versteckt zwischen einer Pizzeria und einem Atelier an der Rückseite eines Innenhofs, doch bevor ich durch den gemauerten Bogeneingang trat, nahm ich mir einen Moment Zeit, um einen Blick in beide Richtungen der Straße zu werfen. An den Wänden des Gebäudes blätterte die Farbe ab, das Pflaster unter meinen Füßen strotzte vor Dreck, nichtsdestotrotz zog es mich magisch hinein. Ich war so gut darin geworden, nach Bedarf meine Wut anzufachen, dass meine Glieder, kaum hatte ich das Studio betreten, schussbereit waren wie ein Pfeil auf einem angelegten Bogen.

Das kleine Foyer, das zu dem Dojo führte, war sparsam eingerichtet und sauber. An einer Seite befand sich ein Anmeldeschalter, an der anderen waren ein Wasserspender und ein paar Bänke. An der Wand hingen Poster von Bruce Lee und Jet Li, und die Beleuchtung war so gedimmt, dass ich mich an eine unterirdische Höhle erinnert fühlte. Ich zwinkerte die Sonnenflecken weg, die mir noch vor den Augen tanzten, schlüpfte aus den Schuhen und kramte in meiner Sporttasche nach meinem Gürtel.

»Du bist spät dran«, sagte der Sensei, während ich den dicken gekräuselten Stoffstreifen herauszog und meine Tasche und Schuhe an die Wand schob. Der Gürtel war braun, nicht mehr weit von schwarz entfernt, aber ich hatte ihn nicht verdient. Bei meinem letzten Fall war ich angegriffen worden und hatte es nicht geschafft, auch nur die einfachsten Selbstverteidigungstechniken anzuwenden. Ich war nicht mehr in Übung; bis vor Kurzem hatte ich ein Jahr lang keinen Karatekurs mehr belegt. Mein neuer Sensei war ein stämmiger Bursche namens Sam, der keine Nachsicht mit mir walten ließ. »Zwanzig-zwanzig-zwanzig«, sagte er schon, bevor ich auch nur die Socken ausgezogen hatte. »Und zehn zusätzliche Liegestütze für die Verspätung.«

Ich kniete mich hin und schlang mir den Gürtel um die Taille, um ihn über dem Bauchnabel festzuzurren. »Tut mir leid«, sagte ich. »Was mit der Arbeit.«

Sensei Sam zog eine Augenbraue hoch. »Du arbeitest wieder?«

»Noch nicht. Aber bald.«

Er trat zur Seite, damit ich mich verbeugen und das Dojo betreten konnte. Dann schloss er die Tür hinter mir und sah mir dabei zu, wie ich Buße tat: Hampelmänner, Bauchpressen und Liegestütze. Die zusätzlichen zehn absolvierte ich doppelt so schnell, und als ich fertig war, brannten mir die Arme. Ich legte eine Pause ein und wischte mir den Schweiß von der Stirn, doch Sam schüttelte den Kopf.

»Roundhouse-Kicks, Side-Kicks, Back-Kicks, je vier Mal beide Seiten. Zweifingerknöchel-Fauststöße aus der Reiterstellung, bis ich Stopp sage.«

Ich endete mit einem Kick und begab mich zur hinteren Wand mit dem Spiegel. Ich hatte mich an Sams rauen Charme gewöhnt, sogar Geschmack daran gefunden. Sam verhätschelte mich nicht. Seinerzeit in Manhattan waren meine Karatekurse eine Art Treff gewesen, von einem Dutzend bunt zusammengewürfelter Erwachsener, die ihre Kata, Blocks und Konterschläge übten. Ich verbrachte meine Zeit damit, Kombinationen zu trainieren, aber ebenso viel mit Palaver.

Manchmal gingen wir hinterher auch noch in der Bar um die Ecke einen trinken. Mein Privattraining in Watertown war das komplette Gegenteil. Hier ging es mir einzig und allein um meinen Fortschritt. Vorbereitet zu sein, wenn es so weit war.

»Schneller«, sagte Sam, als ich, mit dem Gesicht zur Spiegelwand, schnelle, scharfe Luftschläge übte. Gegen die pfirsichfarbene Haut am Hals und an den Unterarmen wirkte Sams Kampfsportuniform schwärzer als schwarz. Ich hatte ihn einmal gefragt, wieso er Shaolin-Kempo-Meister und nicht zum Beispiel professioneller Baumstammwerfer geworden sei. Er erzählte mir, er habe mit seinem Vater, bevor der an Krebs starb, Karatefilme gesehen. Sein Rang, die Krönung von anderthalb Jahrzehnten harter Arbeit, sei ein Tribut an seinen Dad. Seitdem habe ich mich mit Fragen zu seinem Privatleben zurückgehalten.

»Ist bald so weit, hm?«, bemerkte er, während er meine Form einschätzte. »Du scheinst dir ziemlich sicher zu sein, dass du bestehst.«

Ich verkniff mir ein Grinsen. Er war schon der Zweite an diesem Tag, der meine psychologische Tauglichkeitsprüfung zur Sprache brachte, und allmählich ging mir die Einmischung auf die Nerven. Sam wusste kaum etwas über meine Situation, nur so viel wie nötig, um zu verstehen, weshalb ich kam. Entführung. Trauma. Genesung. Letzteres war noch in Arbeit, doch ich hatte schon eine Menge bei ihm gelernt. In gewisser Weise brachten mir die Karatestunden mehr als die Therapie bei meinem staatlich zugewiesenen Therapeuten.

»Gasko ist … schwer zu … durchschauen«, keuchte ich, während ich zuschlug. »Aber er scheint mit meinem Fortschritt zufrieden zu sein.«

Schweigend begab sich Sam in die entgegengesetzte Ecke, wo die gepolsterten Pratzen gestapelt waren. Ich beobachtete ihn im Spiegel dabei, wie er ein Tretpolster aussuchte und damit zurückkam. Er blieb stehen und sah mich eindringlich an. »Und du?«

Ich drehte mich zu ihm um und schüttelte die Arme aus. Ich spürte meinen Puls bis in die Fingerspitzen und das Brennen in den Muskeln. »Ich habe nicht wirklich ein Problem. Die Flashbacks sind weg. Ich bin wieder normal. Den Umständen entsprechend.«

Sam reagierte mit einem unverbindlichen Grunzlaut und wies mich an, gegen den Trittschild zu treten.

Meine ersten paar Kicks waren kräftig, doch das Polster gab nicht nach. »Gasko tut so, als könnte ich in dem Moment, wo ich auf einen neuen Fall angesetzt bin, anfangen zu halluzinieren. Seiner Meinung nach wäre ich bei einem Mord- oder auch schon bei einem Entführungsfall am Arsch.«

»Tritt durch das Polster.«

Ich drehte mich auf den Ballen und kanalisierte alle Kraft, die ich zusammenkratzen konnte, in mein rechtes Bein. Sam stand wie ein Fels. »Frauen haben offenbar ein größeres Risiko, von einer traumatischen Erfahrung einePTSDzurückzubehalten, und deshalb geht Gasko einfach davon aus, dass ich immer noch ein Wrack bin. Aber das stimmt nicht mehr. Ich kenne die Anzeichen.«

Sam kniff die Augen zusammen. »Hol jedes Mal mit dem Bein ganz weit aus.« Er runzelte die Stirn. »Demnach keine Schlafprobleme mehr.«

Kick. »Ich schlafe gut.«

»Keine schlimmen Erinnerungen, die du nicht unter Kontrolle hast.«

Kick. »Nicht eine.«

»Du gehst nicht Gesprächen aus dem Weg, die dir dein Trauma ins Gedächtnis rufen könnten. Du bist nicht misstrauisch gegenüber Fremden. Du hast keine Angstsymptome oder übertriebenen Schreckreaktionen.«

»Lass gut sein, Sam.« Ich trat dreimal in schneller Folge gegen den Schild, und diesmal geriet Sam für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht. Meine Oberschenkel standen in Flammen – und was zum Teufel sollte das Ganze überhaupt? Ich hatte ihm die Sache mit meiner Entführung nicht anvertraut, damit er mir damit dumm kommt. Und ich hatte auch meine obligatorische Psychotherapie nicht erwähnt, damit er sich über mich lustig machen konnte. Noch jemand, der den Psychoanalytiker spielte, konnte ich wahrlich nicht brauchen. Als ich ihm das sagte, zuckte Sam nur mit den Achseln.

»Ich frage nur«, antwortete er, »weil es für das, was wir hier treiben, von Belang ist. Es ist wichtig, Shana. Du kannst nicht die Reaktionsfähigkeit deines Körpers trainieren und den Kopf auslassen.« Es ging blitzschnell. Mit einem gedämpften Laut ging der Schild zu Boden, und Sensei Sam wurde von einer steinernen Säule zum Zyklon. Mir blieb gerade genug Zeit, die Füße fest aufzustellen, bevor er hinter mir war und mir fest den rechten Arm um den Hals legte. Die Muskeln seines Unterarms drückten sich mir gegen das Brustbein und unters Kinn. Mit der Linken umfasste er sein rechtes Handgelenk, um seinen Klammergriff zu arretieren. Ich spürte seinen Atem im Ohr und seinen Schweiß an der Wange, während er sich der Länge nach an meinen Rücken presste.

Ich begriff augenblicklich, was er damit bezweckte: Es war ein Test. Den kenne ich, dachte ich. Pack seinen Unterarm und dreh den Kopf in Richtung seiner Hände, um dich herauszuwinden. Tritt ihm seitlich in den Unterleib, versetz ihm einen Hammerschlag auf den Kopf und renn weg. Wir hatten die Abfolge x-mal geübt – und doch gehorchte mir mein Körper nicht. Misstrauen gegen Fremde. Diffuse Angst. Schreckreaktion. Ich bekam plötzlich keine Luft mehr. Unter meinem zurückgebundenen Haar brannte mir die Kopfhaut, mir schlug das Herz bis zum Hals, mir rauschte das Blut in den Ohren. Wie ein sich windendes Kind wehrte ich mich gegen Sams Griff, meine Bewegungen waren nicht zielgerichtet, sondern aus der Verzweiflung geboren. Box dich irgendwie frei. Schlag um dich und sieh zu, wo du hintriffst.

Ich erhaschte einen Blick in den Spiegel und sah den Ausdruck von Sorge und Mitgefühl in Sams Gesicht. Da gab ich auf. Ich erschlaffte, und Sam ließ mich los. Als ich von ihm wegwirbelte und meine Hände sah, stellte ich fest, dass sie zitterten.

»Shana.« Er versuchte, mir die Hände auf die Schulter zu legen, eine unschuldige Geste, um mich zu trösten. Doch ich zuckte zurück. »Hör mal, du bist nicht die erste Frau, die hierherkommt. Auch nicht die erste Polizistin. Ich wünschte, ich könnte sagen, meine Schüler machten das hier als Vorsichtsmaßnahme, aber in Wirklichkeit geht es vielen von ihnen um Vergeltung. Oder darum, dass es nicht noch einmal passiert, weil es beim ersten Mal richtig schlimm war. Du bist stärker als die meisten. Aber das bringt dir nichts, solange du diesen Kerl nicht aus dem Kopf bekommst.«

Ich drehte mich um, damit er nicht sah, wie ich die Lippen zusammenpresste. Du verstehst das nicht, hätte ich ihm gern gesagt. Ich wurde von einem Serienmörder gefangen gehalten, der drei Frauen und einen blutjungen Polizisten getötet hat. Doch ich wusste, dass Sam richtiglag. Ich musste Blake Bram aus dem Kopf bekommen.

»Hey. Geht’s wieder?«

»Ja.« Ich hielt die Tränen der Wut und Scham zurück. Es war unangenehm still im Raum. Ich wischte mir mit beiden Händen über die feuchte Stirn und wandte mich wieder zu ihm um, schüttelte die Handgelenke aus und streckte mich. »Ja, Sensei«, sagte ich. »Das Ganze noch mal.«

DREI

Mochte ja sein, dass es sträflicher Leichtsinn war, so einsam und allein in den Außenbezirken der Stadt herumzufahren, wo nur noch heruntergekommene Farmhäuser den flachen Horizont sprenkelten. Oder ohne Begleitung stundenlang am Flussufer spazieren zu gehen und sich den Wind um die Ohren pfeifen zu lassen. Es war mir zu einer lieben Gewohnheit geworden, die mir dabei half, die leeren, nicht enden wollenden Tage zu ertragen. Während ich beobachtete, wie der Himmel und der Fluss nahtlos zu einer perlgrauen Fläche verschmolzen, zwang ich mich, die Muskeln zu entspannen, und gegen das unablässige Geschwätz im Kopf versuchte ich möglichst viele Inseln aufzuzählen.

Ungefähr eintausendachthundert davon erhoben sich aus dem Wasser, viele mit Anwesen gekrönt, die noch aus dem neunzehnten Jahrhundert stammten, als gut situierte Herren aus Großstädten wie New York und Philadelphia mit dem Zug nach Norden reisten, um dort diese prächtigen Wochenendsitze zu errichten. Im Sommer wimmelte es auf dem St. Lawrence von Booten, und Flaggen mit dem jeweiligen Wappen der Inseleigentümer knatterten in der Brise. Jetzt im Winter war alles verwaist. Außer mir war hier meilenweit keine Menschenseele.

Natürlich war es nicht ungefährlich, so schutzlos im Freien herumzulaufen. Es hatte etwas von Immersionstherapie; der Gedanke, Bram wiederzusehen, erfüllte mich im gleichen Maße mit Furcht wie mit dem sehnlichen Wunsch nach der unendlichen Entlastung, nachdem ich mich meiner schlimmsten Angst endlich gestellt hätte. Und so trotzte ich dem Novemberwind und hieß ihn mit ausgebreiteten Armen willkommen. Na los, Arschloch, worauf wartest du? Da bin ich.

Als ich zu Mac zurückkam, war es bereits später Nachmittag und folglich dunkel wie ein Grab. Am Himmel baumelte eine Neumondsichel, und auf meinem Weg vom Auto zum Haus tanzten feste, trockene Schneeflocken in der Luft.

Am selben Tag, an dem Mac mich eingeladen hatte, bei ihr zu wohnen, hatte sie mir einen Schlüssel gegeben, und wir hatten beide über den Meilenstein in unserer Beziehung gewitzelt. Jetzt war ich dankbar dafür, diesen Schlüssel zu haben. McIntyre war heute Abend bei Verwandten in der Nähe von Chippewa Bay zu Besuch und käme erst spät zurück, somit richtete sich die ungezügelte Euphorie ihres Maltipoos ganz auf mich. Mit schrillem Freudengebell stürzte er mir aus seinem Hundebett entgegen und warf sich mir an die Beine. »Hey, Whiskey«, sagte ich, während ich ihn hochhob und die Tür hinter mir verriegelte. Mac hatte die Heizung heruntergestellt, es war eiskalt im Haus. Ich gönnte dem winzigen Hund – der seinen Namen nicht der Spirituose, sondern einer der Inseln verdankte – eine Streicheleinheit, bevor ich meine Sporttasche fallen ließ und mich zum Kamin begab. Zwanzig Minuten später hatte ich es mir mit käseüberbackenen Makkaroni aus der Mikrowelle und einem Glas Cabernet sowie einem Fellknäuel im Schoß auf dem Sofa bequem gemacht.

Das Feuer hüllte das Zimmer in ein warmes goldenes Licht. Wenn künftig jeder Samstagabend für mich so ausfiel, hätte ich kein Problem damit. Irgendwo im Dorf feierte Carson jetzt Party. Ziemlich genau um diese Zeit war er zweifellos dabei, irgendein Mädchen mit dieser gut einstudierten Geschichte über einen Jungen hier aus der Gegend zu beeindrucken, der als Polizeipsychologe in New York ganz groß rausgekommen und schließlich in seine geliebte Heimatstadt zurückgekehrt war. Er würde sie in die Wohnung mitbringen, die wir zwei Monate und sechsundzwanzig Tage lang miteinander geteilt hatten, so als hätte ich nie existiert. In der Stadt ging das Gerücht, Carson habe vor, eine kleine Insel zu erwerben; Sams Schwester arbeitete in einem kleinen Maklerbüro, und sie konnte die Aussicht auf einen so aufregenden Deal nicht für sich behalten. So viel also dazu, dass Carson Geld sparte, um seine eigene Praxis aufzumachen. Ich kannte seine Wohnträume und hätte mich nicht gewundert, wenn er ein historisches Gebäude abreißen würde, um an seiner Stelle eine moderne Monstrosität hochzuziehen. Vielleicht würde ja das Mädchen, das er heute Nacht ins Bett bekam, das brave Frauchen, das ihm zu seinem Bilderbuchleben noch fehlte. Ich konnte für die Arme nur hoffen, dass sich seine Wünsche nicht erfüllten. Carsons Kontrollsucht war noch lange nicht gestillt.

Ich hatte gerade mein Weinglas wieder aufgefüllt, als das beharrliche Dröhnen eines Handys das Knistern im Kamin übertönte. Ich hatte es seit Stunden außer Acht gelassen – einer der Vorzüge, suspendiert zu sein –, und so brauchte ich einen Moment, bis mir wieder einfiel, dass ich es noch in meiner Sporttasche hatte. Ich wühlte darin und fand es in meiner gefalteten Kampfsporthose. Als ich sah, von wem der Anruf kam, ging ich mit einem Lächeln ran.

»Hi, Mom, was gibt’s?« Das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, kauerte ich mich hin, um meine Sportkluft wieder zusammenzufalten. Die militärisch strenge Ausbildung an der Akademie der New York State Police war mir zur zweiten Natur geworden. Auch wenn ich nicht mehr um halb fünf Uhr morgens aufstand und um zehn Uhr abends ins Bett ging, würde ich lieber sterben, als meine Sachen auf den Boden zu werfen.

»Shana.« Meine Mutter atmete auf, als hätte sie die Luft angehalten. »Bin ich froh, dich zu erreichen. Hast du einen Moment Zeit?«

Ihre Stimme klang irgendwie seltsam, eine Spur förmlich, was schlechte Neuigkeiten befürchten ließ. Ich kam hoch und setzte mich auf die Fersen. »Alles in Ordnung?«

Sie hatte wohl meinen Schrecken bemerkt, denn im nächsten Moment klang sie wieder normal. »Alles bestens, uns geht es gut. Du hast dir doch keine Sorgen gemacht? Dein Vater wollte, dass ich dich nicht damit behellige, aber – es geht ihr gut, Wally, um Himmels willen!« Im Hintergrund hörte ich meinen Dad etwas dazwischenquatschen, etwas, das verdächtig nach Das Kind hat genug um die Ohren klang. Während die beiden sich kabbelten, packte ich meine übrigen Kleider ordentlich in die Tasche, doch als ich nach dem T-Shirt griff, das ich beim Training getragen hatte, fiel etwas heraus und schlitterte über die Dielen. Verblüfft hob ich es auf und wendete es in der Hand. Es war eine Spielkarte, eine Herz-Drei. Die Rückseite zierte ein Foto von Heart Island, mit Boldt Castle, vom ursprünglichen Eigentümer der Insel erbaut, ein Märchenschloss, das aus den Baumkronen ragte. Ich war mir sicher, dass es sich bei dem Kartenspiel, das Mac und ich am Morgen verwendet hatten, um ein gewöhnliches Set von Bicycle handelte, andererseits hatten wir es uns aus dem Schrank des Bistros geliehen. Die hier war dann wohl irgendwo dazwischengeraten. Wie sie allerdings in meine Sachen kam, war mir schleierhaft.

»Hör zu, heute ist etwas passiert. Du kennst das Missisquoi-Naturschutzgebiet? Das Sumpfland auf Hog Island?«

»Sicher.« Ich steckte die Karte wieder in meine Tasche und ging zu Whiskey zurück. Della Merchant wusste alles über Swanton, was es zu wissen gab, und hielt sich grundsätzlich mit dem Dorfklatsch auf dem Laufenden. Ich vermutete, dass ihre Geschichte etwas mit einer Affäre zu tun hatte. Ein Schäferstündchen im Moor, dem eine Schlammschlacht folgte.

»Ich habe aus verlässlicher Quelle erfahren, dass die Polizei da draußen etwas gefunden hat. Menschenknochen«, sagte sie. Ich schluckte den Wein im Mund so schnell herunter, dass er mir in der Nase brannte. »Im Ernst?«

»Also, Shay, bevor du …«

»Wurde sie identifiziert? Was ist die Todesursache? Wurde sie …«

»Immer langsam. Ich weiß nur, dass die Polizei ermittelt, aber nicht viel in der Hand hat. Vor ein paar Tagen ist ein anonymer Anruf eingegangen, der hat sie dorthin geführt, und jetzt sag du mir, wieso jemand bei einem solchen Fund nicht den Anstand hat, seinen Namen zu hinterlassen.«

Mir schwirrte der Kopf bei der Vorstellung, wie sich die Nachricht in meiner Heimatstadt verbreitete. Jeder, der mit Entsetzen davon hörte, würde das Gerücht in schaudernder Sensationslust weiterverbreiten und darüber spekulieren, wer es war und wie und warum. »Ich könnte mir denken, dass derjenige einfach darüber gestolpert und panisch geworden ist und deshalb seinen Namen nicht genannt hat.«

»Du sagst, der Hinweis kam vor ein paar Tagen rein? Das wäre Mitte der Woche gewesen. Immerhin gehen selbst um diese Jahreszeit eine Menge Leute in der Gegend wandern. Gibt ja reichlich schöne Wege, und man kann mit dem Kanu oder dem Kajak rüberkommen, entweder auf dem Missisquoi River oder dem Lake Champlain. Könnte jemand aus der Stadt sein, der vom Weg abgekommen ist und sich verletzt hat. Der Wald ist schließlich ziemlich urwüchsig und naturbelassen. Wäre also gut möglich, dass kein Fremdverschulden im Spiel ist, aber halte mich bitte auf dem Laufenden«, sagte ich und kraulte dabei unablässig Whiskey hinter den Ohren. Der kleine Hund schnaubte verzückt. »Ich wette, so viel Aufregung hat es in Swanton nicht mehr gegeben, seit Mickey Bellington sein Haus schwarz angestrichen hat.«

Mom lachte. »Wahrscheinlich. Und ja, mache ich. Mary-Jo beim Friseur – die schneidet deinem Vater immer die Haare – hat einen Bruder bei der Polizei. Der hört so das eine oder andere auf dem Revier. Und du weißt ja, wie die Leute reden.«

»Und ob.« In meiner Kindheit fielen bei solchem Gerede nicht selten die Namen von Mitgliedern meiner Familie. Knochen. Ich nahm noch einen Schluck Wein. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, musste ich für diese Nachricht dankbar sein, die mir für den Rest des Abends eine willkommene Ablenkung bescherte. Meine Begegnung mit Tim und das psychologische Gutachten gingen mir immer noch wie ein Mühlrad durch den Kopf. Wenn ich das alles für eine Weile vergessen konnte, bestand auch die Aussicht, ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

»Bevor ich auflege«, sagte meine Mutter, »wollte ich dich noch was fragen. Wie läuft es denn so mit deinem Therapeuten?«

McIntyre kam kurz vor Mitternacht nach Hause, nicht lange nachdem ich den Abwasch erledigt, Whiskey noch einmal Gassi geführt und mich zu Bett begeben hatte. Als ich hörte, wie sie die Tür verriegelte und zu ihrem Zimmer tappte, tat ich, als ob ich schon schliefe. Mein Bauch war in Aufruhr, was nichts mit dem kümmerlichen Abendessen und auch nichts mit zu viel Rotwein zu tun hatte, und ich wollte damit allein sein. Herausbekommen, was es zu bedeuten hatte.

Früher hatte ich einen gesegneten Schlaf, sobald ich lag, war ich weg. In letzter Zeit, besonders seit ich die Tabletten gestrichen hatte, die Carson mir verschrieben hatte, um mich »ins Traumland zu befördern«, verbrachte ich die meisten Nächte so wie diese: stocksteif wie in einem Sarg und mit Blick zur Decke. Als Mac die Tür zu ihrem Schlafzimmer schloss, riss ich die Augen wieder auf und beobachtete, wie das Licht vom Kamin Staubkörner in Spinnen und die Fugen zwischen den Rigipsplatten in Schluchten verwandelte. Diese Sinnestäuschungen waren eine treffende Metapher dafür, wie ich mich gefühlt hatte, als ich Mom dasselbe erzählte wie heute Sam. Ich bin wieder so gut wie neu. Und schon bald zurück im Dienst.

Die Behauptung war nicht ganz und gar gelogen. Abgesehen von diesem nervigen Moment mit meinem Sensei fühlte ich mich schon eine ganze Klasse besser. Ich hatte Sam versichert, die Flashbacks, die ich auf Tern Island gehabt hatte, seien verschwunden, sobald ich wieder auf dem Festland war, und das stimmte. Auch die Panikattacken hatte ich hinter mir gelassen. Zwar sah ich immer noch häufig Bram vor Augen, doch inzwischen fühlte es sich eher wie etwas an, das mir der Wind ins Auge weht, wie ein störendes Sandkorn und nicht wie der Atem eines mörderischen Monsters im Nacken. Immer wieder begab ich mich ungeschützt ins Freie und stellte fest, dass ich damit fertigwurde. Zieh dir das rein, Carson Gates.

Und doch wusste ich genau, dass ich meine PTSD nicht ganz überwinden konnte, ohne mich mit dem Mann zu konfrontieren, dem ich sie verdankte. Gil Gasko, mein Psychotherapeut, sagte, ich müsse die Tatsache akzeptieren, dass mein Entführer noch frei herumläuft, und lernen, nicht in ständiger Angst zu leben. Als ob das funktionieren würde. Blake Bram war der Grund dafür, dass ich bei dem Bullshit-Spiel mit Mac so geistesabwesend gewesen war, ebenso wie bei meinem Karatetraining mit Sam und bei allem dazwischen. Bram hatte mich acht Tage lang in einem Keller im East Village von New York gefangen gehalten, bevor er den Polizisten erschoss, der in sein Gruselkabinett hereingestolpert war, und die Gelegenheit zur Flucht ergriff. Auch wenn er mich zurückgelassen hatte, ließ er mich immer noch nicht los.

Monatelang hatte ich über dieses Rätsel gegrübelt und zu ergründen versucht, was Bram damit bezweckte. Seine drei anderen Opfer hatte er sehr schnell, binnen drei Tagen nach ihrer Entführung, umgebracht, mich jedoch am Leben gelassen. Ausgerechnet mich, eine in der Identifizierung von Tatverdächtigen ausgebildete Polizistin, hatte er laufen gelassen – eine ständige Bedrohung für ihn.

Ich war immer wieder in der Hoffnung nach Swanton zurückgekehrt, ihn dort ausfindig zu machen. Er war zu clever, um sich so leicht schnappen zu lassen, doch mein Instinkt sagte mir, dass Bram auf der Lauer lag. Ich hatte keine Ahnung, wann er wieder auftauchen würde und wo oder wie er dann aussehen würde. Nur eines wusste ich mit Sicherheit: Ich würde alles daransetzen, diesen Flüchtigen hinter Gitter zu bringen. Irgendwie würde ich es schaffen. Mit jeder Faser drängte es mich, ihn unschädlich zu machen. Sicher, wir stammten aus derselben Stadt, doch es gab noch eine tiefere Verbindung zwischen ihm und mir, von der außer uns beiden niemand wusste.

Und das machte mir am meisten Angst.

VIER

Es war ein wolkenverhangener, kalter Morgen. Im Laufe der Nacht war das Schneegestöber in Nieselregen übergegangen, und meine Fahrt von Watertown nach A-Bay zurück führte mich über schwarze, schimmernde Straßen. Thanksgiving stand vor der Tür, und ein städtischer Angestellter war bereits dabei, an den Lampenmasten in der James Street Kränze aufzuhängen. Ich fühlte mich versucht, anzuhalten, um den Tannennadelduft zu schnuppern, ließ den Blick jedoch stattdessen wie einen Suchscheinwerfer über die Straße schweifen. Mit einem flauen Gefühl spähte ich in jedes Schaufenster und jeden geparkten Wagen. Mein Leben war zu einer einzigen endlosen Übung in Gegenüberwachung geworden. Und das erforderte literweise Kaffee.

Im Lauf der drei Wochen, in denen ich jetzt schon bei Gil Gasko in Therapie war, hatten wir bereits jeden Coffeeshop in der Stadt unsicher gemacht. Er hatte keine Praxis so wie Carson seinerzeit; Gil wohnte in Syracuse und fuhr, wohin ihn die EAP-Beratung schickte – in diesem Moment ins Bean-In. Er saß an einem Zweiertisch und pustete den Dampf von einer Tasse schwarzem Tee, während ich meinen Kaffee orderte und mich zu ihm gesellte.

»Ungemütlich draußen«, sagte Gil. Der Blick, mit dem er meine dünne Canvas-Jacke beäugte, erinnerte mich an Dad. Zieh dich warm an, Liebes, trällerte mein Vater immer mit dick aufgetragenem britischem Akzent. Gil war zehn Jahre jünger als mein Dad, mit dunklem Haar, drahtigem Bart und einem auffälligen spitzen Haaransatz. Unter seinem Fleecepulli und der Jacke steckte ein Körper wie ein Mauerbrecher, und seine Finger erinnerten an Hotdog-Brötchen, doch hinter seinem koboldhaften Äußeren verbarg sich ein freundliches, sanftmütiges Naturell. Der Mann verströmte heitere Ausgeglichenheit, für mich inzwischen eine Voraussetzung für seinen Beruf.

Es gehörte zu unserer Routine, uns mit ein paar Minuten Small Talk aufzuwärmen, bevor wir uns den unangenehmen Dingen zuwandten, die uns hergeführt hatten. »Schon irgendwelche Pläne für Thanksgiving?«, fragte Gil.

Erst die Frage machte mir bewusst, dass ich keine hatte. Letztes Jahr hatte ich die Feiertage bei Carsons Familie in Sackets Harbor, westlich von Watertown verbracht. Zu der Zeit waren wir erst zwei Monate zusammen, doch er bestand darauf, mich seinen Eltern vorzustellen. Doch die hatten wenig Interesse daran gezeigt, mich kennenzulernen, und stattdessen den ganzen Tag lang nur mit Geschichten über ihren bemerkenswerten Sohn um sich geworfen.

Während ich mir Gils Frage durch den Kopf gehen ließ, zog ich ein Haargummi aus der Tasche und bändigte meinen widerspenstigen Schopf zu einem Pferdeschwanz, wobei mir ein Schmerz durch beide Arme schoss – Nachwirkungen der Karateeinheit.

»Schätze, ich fahre zu meinen Leuten«, sagte ich.

»In Swanton.«

»Genau.«

Gil nickte. »Schon ’ne Weile her, nicht wahr? Das letzte Mal haben Sie mir erzählt, Sie hätten Ihre Familie – warten Sie – seit drei Wochen nicht gesehen?«

»Seit meiner Suspendierung.«

»Und wieso?«

Womit wir bei der Geschäftsordnung wären. Gil sollte mich dazu ermuntern, über meine Gefühle, mein Verhalten und die Wechselwirkung zwischen beidem nachzudenken. Seine Einschätzung meines Zustands hatte Gewicht, da sich meine Vorgesetzten bei meiner psychologischen Diensttauglichkeitsprüfung, die ich bestehen musste, um wieder als leitende Ermittlerin des Bureau of Criminal Investigation arbeiten zu können, auf seine Empfehlungen stützten. Ich musste Gil also zeigen, dass ich die starke, gefestigte Kriminalistin war, auf die sie bei der New York Police bauten, und so hatte ich seine Empfehlungen gewissenhaft befolgt, vom Offensichtlichsten (eine Liste mit meinen Ängsten zu erstellen) bis zum Absurden (eine Meditations-App herunterzuladen und mir das aufmunternde Gesülze eines Gurus anzuhören). In den letzten einundzwanzig Tagen hatte ich mehr geredet als normalerweise in Monaten, hatte Fangfragen beantwortet, wie etwa Können Sie Ihre Kernstressoren benennen? Oder Sind Sie bereit, positive Selbstgespräche in Ihren Alltag einzubauen? Ich konnte nur hoffen, dass ihm das, was er von mir zu hören bekam, gefiel.

»Wieso ich länger nicht in Swanton gewesen bin?«, wiederholte ich seine Frage. Nachdem ich früher viel häufiger hingefahren war, leuchtete seine Frage ein. »Meine Eltern wissen, was auf Tern passiert ist. Das war mein erster Fall hier oben, und ich kann nicht gerade behaupten, er wäre glatt gelaufen. Nehmen Sie noch die Trennung dazu und was letztes Jahr in New York passiert ist und … na ja, meine Eltern machen sich Sorgen um mich.«

Gil tupfte sich mit einer Serviette den Tee vom Schnauzbart. »Klingt nach dem idealen Zeitpunkt, um mal wieder bei ihnen vorbeizuschauen. Kontakt zu halten. Sich ein bisschen auszusprechen.«

»Sollte man meinen«, sagte ich, »aber manchmal tut es ihnen nicht gut, mich zu sehen.«

»Wieso das?«

Ich machte den Mund auf und wieder zu. Gil hatte mich nie gefragt, woher meine Narbe stammte. Normalerweise behielt ich die Geschichte für mich, und ich hatte auch jetzt nicht die Absicht, damit herauszurücken. Stattdessen hob ich die Hand. »Ich muss sie nicht mit der Nase darauf stoßen, wie gefährlich mein Job sein kann«, sagte ich und zeigte Gil, was an meiner Hand von der Verbrennung noch zu sehen war. »Diese Arbeit, das ist mein Leben. Ich bin jetzt zweiunddreißig Jahre alt und mache genau das, was ich schon mit fünf Jahren machen wollte. Ich habe ganz bestimmt nicht vor, beruflich umzusatteln. Meine Leute werden das leichter akzeptieren können, wenn meine Hand verheilt ist. Wird es ihnen leichter machen, die Schattenseiten des Jobs zu vergessen.«

Gil stellte seinen Becher ab und verdrehte die Augen. »Wenn Sie sich erst mal von akutem psychologischem Stress erholt haben, werden Sie unbedingt ein gutes Unterstützungsumfeld brauchen.«

»Ist ja nicht so, als würden sie mich nicht unterstützen«, entgegnete ich. »Aber ich bin nun mal ihre einzige Tochter und das Küken in der Familie. Natürlich wäre ihnen wohler, wenn ich einen netten, sicheren Job in der Werbebranche hätte, so wie mein Bruder, oder auch irgendwo in der Verwaltung gelandet wäre wie die Hälfte meiner Klassenkameraden an der Highschool. Aber das bin ich nicht. Meine Familie hat das schon begriffen.«

»Das ist gut. Und ich kenne zumindest noch eine weitere Person, die Sie in Ihrer Karriere unterstützt.« Ich sah ihn verdutzt an. »Tatsächlich?«

»Ja. Tim Wellington.«

Ich hatte unerwähnt gelassen, dass ich Tim am Vortag über den Weg gelaufen war. Genauer gesagt erwähnte ich ihn so gut wie nie. »Sie haben mit Tim gesprochen?«, fragte ich.

»Vor ein paar Tagen. Von Lieutenant Henderson wusste ich, inwieweit Tim in den Fall involviert war, und ich dachte mir, es könnte nicht schaden, mich mit ihm in Verbindung zu setzen. Und ich muss schon sagen, Shana, er ist ein Fan.«

»Wovon?«

»Von Ihnen. Er respektiert Sie als Ermittlerin und schätzt Ihren Beitrag, seit Sie zur Truppe dazugestoßen sind. Das hat er sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.«

Tim hat mit Gasko gesprochen und mir nichts davon gesagt?