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Der Autor und Buddhologe, Maler und Mystiker Lama Anagarika Govinda (1898-1985) wurde in Sachsen geboren und trug ursprünglich den Namen Ernst Lothar Hoffmann. Seit früher Jugend bis zu seinem Tod schuf der mit dem klassischen Tibet-Buch "Der Weg der weißen Wolken" berühmt gewordene Autor ein gewaltiges Werk. Seine literarischen Arbeiten umfassen philosophische Abhandlungen, Lyrik, Drehbücher, Reisebeschreibungen sowie Texte über Literatur, Kunstgeschichte und Architektur. Im künstlerischen Oeuvre finden sich Gemälde und Zeichnungen, die sein Leben in Italien, Afrika, Indien und Tibet widerspiegeln, aber auch Grafiken und Choreografien. Der Dalai Lama würdigte Govindas Leistungen für die tibetische Kultur und Ayang Rinpoche nannte ihn "eine goldene Brücke zwischen Ost und West." Das von Birgit Zotz herausgegebene Buch liefert mit Beiträgen von Ram Chandra Tandan, Peter van Ham, Peter Michel, Volker Zotz und François Maher Presley bislang Unbekanntes und Unveröffentlichtes über und von Lama Govinda.
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Edition Habermann
Anagarika Govinda mit 75 Jahren
auf Vortragsreise, im Zug nach Berlin | 1973
TIBETS SACHSE
ERNST HOFFMANN WIRD LAMA GOVINDA
Herausgegeben von Birgit Zotz
Edition Habermann
München 2016
Begleitbuch zur Ausstellung im Museum Waldheim 2016/17
© 2016 Edition Habermann
der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, München
Umschlagbilder: © Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, München Likir Gompa, ein Gelugpa Kloster in Ladakh Gemälde von Anagarika Govinda Portrait Anagarika Govinda, Foto: Li Gotami
Übersetzungen der Texte von R. C. Tandan und Niranjan Majumder aus dem Englischen von Birgit Zotz
ISBN
Hardcover 978-3-96025-006-7
Paperback 978-3-96025-007-4
e-Book 978-3-96025-008-1
www.lama-govinda.de
VORWORT
Birgit Zotz
„DIE GANZE SCHÖNHEIT DER WELT EINZUFANGEN.“ ANAGARIKA GOVINDAS WEG ÜBER DIE KONTINENTE
Ram Chandra Tandan
ANĀGĀRIKA GOVINDA ALS KÜNSTLER EINE INDISCHE PERSPEKTIVE
Peter van Ham
ÄUSSERE ORTE – INNERES GESCHEHEN GOVINDA AUF DEMWEG DER WEISSEN WOLKEN
Peter Michel
LAMA GOVINDAS BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN DEN KULTUREN
Volker Zotz
ANAGARIKA GOVINDA UND SACHSEN
François Maher Presley
ANAGARIKA GOVINDAS GEBURTSSTADT WALDHEIM
Ernst Lothar Hoffmann
PANTELLERIA
Lama Anagarika Govinda
DER PARALLELISMUS ZWISCHEN KUNST UND MEDITATION
DIE KUNST SRI ANAGARIKA GOVINDAS. EIN INTERVIEW VON NIRANJAN MAJUMDER
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Foto: Anagarika Govinda mit 75 Jahren auf Vortragsreise, im Zug nach Berlin | 1973
Geburt des Glücks | Pastell 29,8x40cm
Positano | Italien | 1922 | Pastell 31x21cm
Foto: Mit 7 Jahren in Kassel
Foto: Soldat im Ersten Weltkrieg
Foto: Mit Anna Habermann auf Reisen | 1920er Jahre
Foto: In Kairouan, Tunesien | 1925
Foto: In Śāntiniketan | 1935
Foto: Hochzeit mit Li Gotami | 1947
Foto: Gespräch am Rande der Tagung in Venedig | 1960
Foto: Mit Shunryū Suzuki in Kalifornien
Foto: Beim Vortrag
via krupp | Capri | Pastell 37,5x52,2cm
Moschee Kairouan | Tunesien | Pastell 30,6x22cm
Ziegelbrennerei bei Rajgir | Indien | Pastell 30,5x39cm
Der Palast der Könige von Leh | Pastell 37,3x51,5cm
Durchbruch | Pastell
Befreiung | Pastell
Berg Meru mit Weltenbaum | 1922 | Kohle 27,4x37,5cm
Weg über Schlucht bei Dehradun | Pastell 37,2x49,5cm
Foto: Govinda 1947
Foto: In seinem Haus in Almora
Foto: Vor dem Dresdner Zwinger | 1965
Foto: Mit seinen Brüdern Hans-Joachim u. Oscar | 1965
Foto: Mit Li im Familienkreis in Waldheim I | 1965
Foto: Mit Li im Familienkreis in Waldheim II | 1965
Felsensäule am Grund des Canyons bei Tholing | Tibet Pastell 37,3x54cm
Der Gespaltene Berg von Rii | Pastell 37,3x54,5cm
Roter Tempel des Mahakala | Ladakh | Pastell 40x48,5cm
Samadhi - Ausklang | Pastell 29,8x40cm
Copyright: Lama und Li Gotami Govinda Stiftung
Geburt des Glücks | 3. Versenkungsstufe | Pastell 29,8x40cm
VORWORT DER HERAUSGEBERIN
1920 verließ der im mittelsächsischen Waldheim 1898 geborene Ernst Lothar Hoffmann Deutschland. Nach Stationen auf Capri und in Nordafrika wurde er zum Staatsbürger Indiens und einem Lama des tibetischen Buddhismus. Er erlangte weltweit Beachtung als Schriftsteller, Maler, Interpret buddhistischer Lehren und Praktiken, bevor er 1985 in Amerika starb. Bei seinem Weg über vier Kontinente erfuhr er starke Wandlungen seiner Lebensform und geistigen Perspektive, die weitergingen, als Ernst Hoffmann bereits zu Lama Govinda geworden war.
Bei allen Veränderungen der geistigen Positionen war eine starke Konstante seines Wegs die Wertschätzung und subjektiv empfundene Identifikation mit der tibetischen Kultur, mit der er erstmals 1931 in Indien näher in Berührung kam. Als eine seiner Lebensaufgaben betrachtete er, „die Erinnerung an die Größe und Schönheit des Geistes festzuhalten, welche die Geschichte und das religiöse Leben Tibets erfüllten, damit künftige Generationen ermutigt und inspiriert werden, ein neues Leben auf den Fundamenten einer erhabenen Vergangenheit zu bauen.“1
In einer Zeit, als das Thema Tibet noch nicht in war, man in Europa und Amerika kaum Literatur darüber fand und keine Massenmedien ausführlich über das Land und seine Vertreter berichteten, wollte Govinda durch Bücher und Artikel sowie Vortragsreisen, Impulse der in Tibet gepflegten Kunst und Philosophie für andere Regionen fruchtbar machen.
Für diese Versuche und seine Nähe zu ihrer Tradition wurde er von tibetischen Autoritäten verschiedener buddhistischer Schulrichtungen hoch geachtet. Der XIV. Dalai Lama hob in einer Würdigung zu Govindas 75. Geburtstag dessen Leistungen hervor, „ein Interesse an der Kultur und Religion Tibets unter den Völkern des Westens zu schaffen und zu fördern,“ und wies auf die Bedeutung seiner Bücher für viele dankbare Leser hin.2 Ayang Rinpoche, ein führender Vertreter der tibetischen Drikung-Tradition, schrieb in seinem Nachruf auf Anagarika Govinda: „Er war wie eine goldene Brücke zwischen Ost und West. Lama Govinda besaß große Kenntnisse des tibetischen Buddhismus und der tibetischen Kultur; er war ein vollendeter Praktiker und erlangte tiefe Verwirklichung.“3 Tarthang Tulku, ein hochrangiger Lama der Nyingma-Tradition, der gern mit Govinda gemeinsam lehrte und zusammenarbeitete, betrachtete ihn als guten Freund.4
Tibets Sachse. Ernst Hoffmann wird Lama Govinda ist der Titel einer Ausstellung von Mai 2016 bis Januar 2017 im Museum Waldheim, gemeinsam veranstaltet von Govindas Geburtsstadt und der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung. Aus Anlass dieser Ausstellung erscheint vorliegendes Buch.
In sechs Beiträgen liefert es Informationen und Hintergründe zu Govindas außergewöhnlichem Leben und vielfältigem Wirken, die sich über Besucher der Ausstellung hinaus an Leser mit Interesse an Govindas Werk wenden. Darüber hinaus wird Hoffmann-Govinda selbst in drei Texten zu Wort kommen.
Der erste Beitrag von der Herausgeberin „Die ganze Schönheit der Welt einzufangen“ führt mit einigen Eckdaten und Ereignissen in den Weg und das Schaffen des Mannes ein, der sich nicht eindeutig als Künstler, Schriftsteller, Gelehrter oder Persönlichkeit des religiösen Lebens etikettieren lässt. „Mit Ernst Hoffmann, der Lama Govinda wurde, begegnen wir dem Werdegang eines Menschen, der nicht blieb, wohin die Umstände seiner Geburt, die Konventionen seines Umfelds ihn stellten.“
Ram Chandra Tandan schildert im folgenden Artikel „Anāgārika Govinda als Künstler“ das Echo, das dieser als Maler in Indien erlebte, und interpretiert sein bildnerisches Werk: „Für Govinda erschöpfte sich die Wirklichkeit nicht in ihren sichtbaren Tages- und Nachtseiten, die sich im Kontrast von Licht und Dunkelheit zeigen. Immer suchte der Künstler darüber hinaus nach der verborgenen Innenseite der Dinge, ihrer tieferen Realität.“
Im dritten Beitrag „Äußere Orte – Inneres Geschehen“ liefert Peter van Ham eine kritische Untersuchung wesentlicher Motive in Govindas bekanntestem Werk Der Weg der weißen Wolken. Er sieht „Govindas Erzählweise nicht wesentlich geprägt von stilistischen Intentionen der Leserorientiertheit oder pädagogischen Überlegungen, sondern vielmehr authentisch als Selbstdarstellung eines von seinem Erlebten erfüllten Autors, der sich nicht scheut, seine persönliche Sicht der Dinge in den Mittelpunkt des Berichts zu stellen, der sich bewusst ist über die Subjektivität der Darstellung und diese auch bewusst wählt.“
Peter Michels Gedanken über „Lama Govindas Brückenschlag zwischen den Kulturen“ zeigen, wie es dem Weltbürger bei seinen Wegen zwischen Ost und West keinesfalls darum ging, „kritiklos und schwärmerisch die Seiten zu wechseln, sondern in bewusster Synthese scheinbar Getrenntes im eigenen Inneren zur Synthese zu führen.“
Volker Zotz veranschaulicht an Beispielen, wie Govinda als Wahl-Inder und tibetischer Ordensangehöriger doch nie die Verbindung zu seinen sächsischen Wurzeln aufgab, stets mit seiner Familie in der Geburtsstadt Waldheim in Kontakt blieb und wünschte, dass diese an seinen Erfahrungen teilnimmt.
Die Stadt Waldheim, in der Govindas Weg begann, stellt der abschließende Beitrag von François Maher Presley vor. Wie der Autor bemerkt, war der Lama aus Sachsen nicht an physischen Lokalitäten sondern in geistigen Inhalten zuhause: „Govinda fand seine Heimat in seinem Werk, dessen Wirkung nicht durch Grenzen bestimmt ist, sondern in das jeder Mensch und jeder Ort einbezogen sind.“
Dass dieses Menschen und Orte einschließende Werk drei Jahrzehnte nach Govindas Tod aktuell blieb, zeigt die Tatsache, dass 2016 bei einer zweiten Ausstellung dem Wirken Govindas eine zentrale Rolle zukommt. Diese findet vom November bis zum Herbst 2017 im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen in der Schweiz statt. Der Titel der von Peter van Ham kuratierten Ausstellung lautet angelehnt an Govindas bekanntestes Buch Auf dem Weg der weißen Wolken. Westtibet einst und jetzt. Aus dem Fundus der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung werden Gemälde und Tempelpausen Govindas aus Westtibet gezeigt.
Gerade in einer Zeit, in der sich durch Migrationsströme immer mehr Lebensläufe über mehr als eine geografische Sphäre entfalten, mag das Wirken des Kosmopoliten Anagarika Govinda, der seinen Weg zwischen den Welten in zahlreichen Schriften und Bildern reflektierte, von besonderem Interesse sein.
Den ersten Text, mit dem Govinda in diesem Band selbst zu Wort kommt, schrieb der Autor noch als Ernst Lothar Hoffman auf Capri, als er in den frühen 1920er Jahren für seine archäologischen Studien im Mittelmeerraum unterwegs war. Der Text mit Impressionen von der Insel Pantelleria, wie auch der Titel lautet, blieb damals unveröffentlicht und erscheint im vorliegenden Band erstmals im Druck.
Die Gedanken des zweiten Textes „Der Parallelismus zwischen Kunst und Meditation“ hat der Autor zu Lebzeiten in abweichenden Versionen an verschiedenen Stellen veröffentlicht, erstmals in seinem Buch Art and Meditation (1936), zuletzt in Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewusstsein (1977).
Der dritte Text „Die Kunst Sri Anagarika Govindas“ ist die deutsche Übersetzung eines Live-Interviews, das der indische Journalist Niranjan Majumder im Januar 1946 für das Programm von All India Radio mit Govinda führte.
1 Lama Anagarika Govinda: Der Weg der weißen Wolken. Zürich 1969, S. 14
2 The Dalai Lama: „Message.“ In: Wege zur Ganzheit. Festschrift zum 75. Geburtstag vom Lama Anagarika Govinda von seinen Freunden und Schülern. Almora 1973, S. 7
3Der Kreis 174 (Januar-März 1985), S. 105
4 Vgl. Tarthang Tulku Rinpoche: „Preface.“ In: Lama Anagarika Govinda: Psychocosmic Symbolism oft he Buddhist Stūpa. Emeryville 1976, S. XI
Positano Häuser und Meer | Italien | 1922 | Pastell 31x21cm
Birgit Zotz
„DIE GANZE SCHÖNHEIT DER WELT EINZUFANGEN.“ ANAGARIKA GOVINDAS WEG ÜBER DIE KONTINENTE
Das Leben und Wirken Ernst Lothar Hoffmanns, der als Lama Anagarika Govinda bekannt wurde, lässt sich in keiner Schublade befriedigend ablegen. War er ein Künstler, ein wissenschaftlich orientierter Forscher oder vor allem ein spirituell bewegter Mensch? In jede dieser Kategorien und in weitere ordnete man ihn ein. Herausragende Maler der indischen Moderne wie Nandalal Bose, Asit Kumar Haldar und Abanindranath Tagore betrachteten ihn als einen der ihren.1 Doch in Europa und Amerika nahm man ihn kaum als Künstler wahr, sondern vor allem als literarischen Vermittler buddhistischer und tibetischer Kultur. Vielen galt er als Wissenschaftler, als „einer der großen buddhistischen Gelehrten unserer Zeit.“2 Als solchen sahen ihn auch einige Zeitgenossen in Indien, etwa der bekannte Himalaja-Filmer Navnit Parekh (1923-1998), der Govinda einen „weltbekannten Gelehrten und eine Autorität des tibetischen Buddhismus“ nannte.3 Anderen erschien seine Beschäftigung mit Meditation und religiösen Fragen fern von aller Wissenschaft und irrational. Entsprechend wurde Govinda oft als „Mystiker“ bezeichnet.4
Zur Schwierigkeit, ihn mit einem Etikett wie „Maler“ oder „Gelehrter“ eindeutig zu charakterisieren, kommt jene der geografischen und kulturellen Zuordnung. Von Geburt ein Bürger des Königreichs Sachsen, lebte er in Italien und Nordafrika, bevor er in Indien dessen Nationalität annahm. Zu den Wurzeln in Europa traten als wesentliche Orientierungspunkte Beziehungen zur Kultur Indiens, wo er ein halbes Jahrhundert wohnte, zum Buddhismus Tibets und zum chinesischen Daoismus. Den Lebensabend verbrachte Govinda in Kalifornien.
Wegen seiner globalen Perspektive kann man nicht mit derselben Eindeutigkeit sagen, „Ernst Hoffmann war ein deutscher Schriftsteller“ oder „Anagarika Govinda war ein indischer Maler“, wie sich der sichere Satz formulieren lässt: „Franz Schubert war ein österreichischer Komponist.“ Das indische Wort Anāgārika bedeutet „Hausloser“ und bezeichnet die Lebensform eines Ungebundenen. Dass Govinda es auch zum Eigennamen wählte, sagt viel über sein Selbstbild. An keinem physischen oder geistigen Ort wollte er stehenbleiben, nichts in seinem Dasein galt ihm als eindeutig und endgültig. Unter menschlichem Leben verstand er „nicht das Inbesitznehmen von irgend etwas, sondern ein Teilnehmen an allem, was mit uns in Berührung kommt“ auf einem „Weg der Verwandlung.“5 Er charakterisierte sich als „indischer Staatsbürger europäischer Herkunft und buddhistischer Religion, der einem tibetischen Orden angehört und an die Bruderschaft der Menschen glaubt.“6
Mit Ernst Hoffmann, der Lama Govinda wurde, begegnen wir dem Werdegang eines Menschen, der nicht blieb, wohin die Umstände seiner Geburt, die Konventionen seines Umfelds ihn stellten. Er wollte reflektiert und absichtsvoll seine Religion, seine Nationalität wie seinen jeweiligen geografischen Platz auf der Erde wählen und dabei bewusst wandlungsfähig bleiben. Zu seiner Zeit war diese Haltung alles andere als alltäglich.
Mit 7 Jahren in Kassel
Soldat im Ersten Weltkrieg
Sein ungewöhnliches Leben begann 1898 im mittelsächsischen Waldheim. Der Vater betrieb dort eine Zigarrenfabrik, die Mutter stammte aus Bolivien. Während der Kindheit und Jugend, die er in der Geburtsstadt Waldheim, bei Verwandten in Kassel und in einer Internatsschule verbrachte, begeisterten ihn Erzählungen über die Heimat der Familie mütterlicherseits: „Meine Kindheitsträume woben sich um die schneebedeckten Gipfel der Anden und die majestätischen Einsamkeiten des bolivianischen Hochlandes,“ wo „Karawanen von Maultieren und Llamas sich mühsam durch die Wildnis der Berge wanden.“ Fasziniert hörte er, wie Angehörige über „die Angelegenheiten ihrer Wismut-Minen in den Bergen von Quechisla“ und von den Taten seines Urgroßvaters Otto Philipp Braun (1798-1869) sprachen. Dieser hatte auf Haiti für den ehemaligen schwarzen Sklaven Henri Christophe gearbeitet, der dort von 1811 bis 1820 als König Henri I. regierte. Später unterstütze Otto Philipp Braun als führender Mitstreiter Simón Bolivars dessen Befreiungskampf. Er wurde Kriegsminister Boliviens und vom Präsidenten André de Santa Cruz mit dem Titel „Großmarschall von Montenegro“ geehrt.
Der junge Ernst Hoffmann wollte wie dieser Urgroßvater und andere Verwandte in fernen Ländern wirken. Als Kind wünschte er, sich in Südamerika „dem Bergbau zu widmen“, wie es der Tradition in der Familie der Mutter entsprach. „Als ich jedoch etwas älter wurde, entdeckte ich, daß ich mich nicht so sehr für die Tiefen der Erde als für die Tiefen des Geistes interessierte, und so wandte ich mich vom Studium der Naturwissenschaften zum Studium der Philosophie.“7
Dann rissen ihn der Erste Weltkriegs, an dem er als Soldat teilnehmen musste, und dessen Folgen aus den Studien der Philosophie und Archäologe an der Universität von Freiburg im Breisgau. Schwer an Tuberkulose erkrankt, kehrte er von der italienischen Front heim, um lange Zeit in Sanatorien zu verbringen. Dort schloss er 1920 sein erstes Buch ab, Die Grundgedanken des Buddhismus und ihr Verhältnis zur Gottesidee.8
Dieses Werk, das er mit 18 Jahren zu schreiben begann, war zunächst als Vergleich von Christentum, Islam und Buddhismus geplant. Es ging dem jungen Autor darum, „meine eigene Religion zu bestimmen, denn es schien mir nicht sinnvoll, unbesehen einen Glauben zu akzeptieren, nur weil meine Vorfahren ihm angehangen hatten oder weil er von der Gesellschaft, in der ich lebte, für selbstverständlich gehalten wurde.“9
Während der Arbeit am Buch sprachen ihn mehr als die Aussagen monotheistischer Religionen jene des Buddhismus an, die ihm stärker an die Vernunft zu appellieren schienen: „Wie kann auch durch ein bloßes Glauben an etwas ein Fortschritt erlangt werden? Und wie kann ein Glaube befriedigen, der nicht mit unserem Verstand zu vereinbaren ist oder ihm gar widerspricht?“10
Um sein Lungenleiden auszukurieren oder wenigstens an einem klimatisch milden Ort die letzte Lebenszeit zu verbringen, zog er 1920 auf die witterungsmäßig günstige italienische Insel Capri. Tatsächlich tat ihm die dortige Atmosphäre so gut, dass er sich zunehmend erholte. Dazu trug nicht zuletzt die Pflege durch Anna Habermann (1868-1950) bei, einer Fotografin, die auf Capri ein Studio betrieb. Die ursprünglich Deutsche mit österreichischer Staatsbürgerschaft hatte ihre Tochter durch Tuberkulose verloren. Sie kümmerte sich hingebungsvoll um den jungen Kriegsveteranen, den sie wie einen Sohn aufnahm und vor dem Schicksal ihrer Tochter bewahren wollte.
Nach einiger Zeit festigte sich sein gesundheitlicher Zustand so weit, dass er konzentriert verschiedenen Projekten nachgehen konnte. Um seine archäologischen Studien weiter zu verfolgen, nahm er architekturhistorische Forschungen über frühgeschichtliche Kultbauten im Mittelmeerraum auf. Das Deutsche Archäologische Institut in Rom unterstützte seine in Fachkreisen positiv aufgenommenen Untersuchungen mit einem Stipendium. Hermann Thiersch (1874-1939), Ordinarius für klassische Archäologie an der Göttinger Universität, begrüßte Ernst Hoffmanns Ergebnisse als „gute neue Beobachtungen und wertvolle Berichtigungen der älteren Darstellungen.”11
Neben diesem Projekt zur prähistorischen Architektur beschäftigten Hoffmann auf Capri weiterhin buddhistische Studien. An der nahen Universität Neapel vorhandene Literatur erlaubte ihm, die klassische indische Sprache Pāli zu lernen, um darin überlieferte Reden des Buddha und andere alte Werke im Original zu lesen. Der auf der Insel lebende amerikanische Maler Earl Brewster (1878-1957), mit dem er Freundschaft schloss, setzte sich gleichfalls tiefgehend mit der Lehre des Buddha auseinander und regte Ernst Hoffmann an, das Buch Abhidhammatthasaṅgaha des Philosophen Anuruddha, der etwa im 11. Jahrhundert wirkte, aus dem Pāli erstmals auf Deutsch wiederzugeben. Die Übersetzung erschien in Fortsetzungen von 1926 bis 1928 in der Zeitschrift für Buddhismus und mit einem ausführlichen Kommentar von Hoffmann 1931 in Buchform.12
Gemeinsam mit Earl Brewster begann Hoffman auf Capri, nach Anleitung von ihnen übersetzter buddhistischer Texte zu meditieren. Dabei änderte sich sein Verständnis des Buddhismus. Sah er diesen in seinem ersten Buch von 1920 als Lehre, die dem kritischen Verstand entgegenkam, wurde jetzt die Praxis wichtig. Diese führte ihn zu bislang unbekannten inneren Erfahrungen, etwa einem Empfinden, der Unbegrenztheit des Raums direkt gewahr zu werden:
„Das Raumbewusstsein erstreckt sich nun auch nach unten: der Boden scheint zu versinken, der Körper fortzurücken unter die anderen Objekte im Raum, die in ihrer Bedeutung wesenlos geworden sind, so dass sie keine Begrenzung mehr bilden und die Unendlichkeit des Raumes unmittelbar erlebt wird, in der der Meditierende sich emporgehoben und schwebend fühlt. Die anfängliche Gelöstheit erweitert sich so zum Bewusstsein ungehemmter Freiheit.“13
Solche Erfahrungen verarbeitete Hoffmann in lyrischen Texten. 1927 erschien in Sachsen sein erster Gedichtband Rhythmische Aphorismen.14 Diesem folgte bald ein weiterer mit dem Titel Gedanken und Gesichte, der inneren Erlebnissen Ausdruck gab, etwa jenem des Vergehens und Neuwerdens:
Des Weltenbrandes ferner Widerschein
dringt als ein Letztes
durch das schmale Tor der Sinne
Im Innern weitet sich
ein nie erschauter Raum
Und wächst, je mehr
die Flammengluten schwinden:
Und aus dem Grunde,
der noch wankt und wogt,
Nachbebend von der Außenwelt Geschehen
Sprießt Säul’ auf Säule hoch:
Und Blütenkelchen gleich
entfalten ihre Häupter sie
zur Wölbung15
Ein anderes Medium, in dem Ernst Hoffmann meditative Erfahrungen darstellte, war die bildende Kunst, insbesondere die Malerei mit Pastell- und Aquarellfarben sowie das Zeichnen mit Kohle. Zum Veranschaulichen innerer Einsichten schienen ihm gegenstandslose Bilder angemessen, „die nicht den Umweg über äußere Objekte gehen,“16 sondern deren Formen und Farben direkt zum Betrachter sprechen. Erst nach 1910 fand die so genannte abstrakte Malerei durch Künstler wie Wassily Kandinsky, František Kupka, Piet Mondrian und Robert Delaunay Eingang in die europäische Malerei. Ernst Hoffmanns gegenstandslose Bilder der 1920er Jahre gehören damit zu den frühen Zeugnissen dieses Genres.17
Mit Anna Habermann auf Reisen | 1920er Jahre
Gleichzeitig begann er Landschafts- und Architekturmotive zu malen. Er sammelte erste Erfahrungen mit der Fotografie, indem er Anna Habermann in ihrem Fotostudio half. So erwarb er sich in seiner Zeit auf Capri jene Fertigkeiten und Erfahrungen, die ihn später seine berühmten Tibet-Reisen nicht nur als Autor, sondern auch als Maler und Fotograf reflektieren ließen.
Von Capri aus brach Ernst Hoffmann oft in Begleitung Anna Habermanns immer wieder zu längeren Aufenthalten an verschiedenen Orten des Mittelmeerraumes auf, was auch durch sein archäologisches Forschungsprojekt notwendig wurde. Einige Monate lebte er in Nordafrika unter Angehörigen der Aïssâwa, einer von Muhammad Ben Aïssâ (1465–1526) gegründeten Sufi-Bruderschaft.18Die Teilnahme an den Ritualen dieser islamischen Mystiker bekräftigte seine Auffassung einer Herrschaft des Geistes über das Stoffliche:
„Welchen Namen wir dieser Macht auch geben wollen – ob wir sie Allah zuschreiben oder gewissen Fähigkeiten jenes universellen Bewußtseins, an dem alle lebenden Wesen im Zentrum ihres Seins teilhaben und zu dem der Mensch Zutritt gewinnen kann, wenn er bereit ist, sein kleines Ich zu vergessen, allein wichtig ist die Macht des Geistes über die Materie, selbst in der groben Form, in der diese Macht auf einem primitiv-menschlichen Niveau zum Ausdruck kommt.“
