Tiefer Fall | Der packende Ermittler-Krimi - David Seinsche - E-Book
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Tiefer Fall | Der packende Ermittler-Krimi E-Book

David Seinsche

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Beschreibung

Eine hochrangige Persönlichkeit endet als Wasserleiche – und für Kommissare Langer und Förster beginnt ein tödliches Spiel um Macht, Geld und Verrat.
Der spannende erste Fall für Kriminalkommissare Langer und Förster

Als am Ufer des Sternburger Sees die Leiche des amtierenden Bürgermeisters angeschwemmt wird, geht die Polizei von einem tragischen Unfall aus. Doch die Fassade einer idyllischen Stadtgemeinschaft zerbricht, als alle Zeichen auf Mord deuten.

Getrieben von ihren Vorgesetzten und der örtlichen Presse nehmen Polizeioberkommissar Josef Langer und seine Kollegin Barbara Förster ihre Ermittlungen auf und merken schnell: Dieser Mord ist erst der Anfang.

Werden die Kommissare herausfinden, wer bereit war, für seine Ziele zu töten? Oder werden sie in dem Netz aus Gier, Lügen und politischen Intrigen untergehen?

Erste Leser:innenstimmen
„Ein fesselnder Krimi mit gut gezeichneten Charakteren, einem gewitzten Ermittlerduo und vielen überraschenden Wendungen.“
„Ich mochte die etwas düstere Stimmung und das gut zusammenpassende Team in diesem Krimi!“
„Der Schreibstil dieses Kriminalromans war klasse. Es wurde zunehmend spannender und ließ mich bis zum explosiven Finale nicht mehr los.“
„Der Autor dieses Regiokrimis schafft es mit der düsteren Atmosphäre und den unerwarteten Wendungen, Spannung von Anfang bis Ende aufzubauen.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses E-Book

Als am Ufer des Sternburger Sees die Leiche des amtierenden Bürgermeisters angeschwemmt wird, geht die Polizei von einem tragischen Unfall aus. Doch die Fassade einer idyllischen Stadtgemeinschaft zerbricht, als alle Zeichen auf Mord deuten.

Getrieben von ihren Vorgesetzten und der örtlichen Presse nehmen Polizeioberkommissar Josef Langer und seine Kollegin Barbara Förster ihre Ermittlungen auf und merken schnell: Dieser Mord ist erst der Anfang.

Werden die Kommissare herausfinden, wer bereit war, für seine Ziele zu töten? Oder werden sie in dem Netz aus Gier, Lügen und politischen Intrigen untergehen?

Impressum

Erstausgabe Oktober 2025

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-69090-322-6 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-215-6

Covergestaltung: Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © Pricha.RT, © Rama, © mlangsen, © 1xpert Lektorat: Astrid Pfister

E-Book-Version 20.11.2025, 11:30:58.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Prolog

»Komm schon, mach jetzt nicht schlapp!«, rief Martin seiner Begleiterin über die Schulter hinweg zu. Er hatte vor wenigen Monaten seinen dreiunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Sein etwa zwei Zentimeter langes, flachsblondes Haar war perfekt geschnitten und saß einwandfrei, nirgendwo stand auch nur ein Strähnchen ab. Seine ausgewogene Ernährung sowie die tägliche Rasur taten ihr Übriges, um ihn nicht älter als Fünfundzwanzig aussehen zu lassen. Um als Geschäftsmann Erfolg zu haben, war es seiner Überzeugung nach sehr von Vorteil, wenn man sich nicht nur gut kleidete, sondern auch athletisch aussah. Damit das so blieb, hielt er sich auf viele Weisen fit. Unter anderem besuchte er mehrfach in der Woche das örtliche Fitnessstudio, um dort auf den unterschiedlichsten Geräten zu trainieren. Zusätzlich schwamm er regelmäßig im Hallenbad und war stolz darauf, dass er gut und gerne dreißig Bahnen schaffte, was einer Gesamtlänge von rund anderthalb Kilometern entsprach, ohne dass sein Puls dabei nennenswert schneller wurde. Wenn es das Wetter so wie heute zuließ, schnürte er seine Laufschuhe und ging joggen. Natürlich handelte es sich um Markenschuhe, schließlich wollte er nicht nur gut aussehen, sondern auch zeigen, was er sich leisten konnte. Am liebsten war es ihm, sonntags noch vor dem Sonnenaufgang zu laufen. Da hatte er freie Bahn und musste weder auf flanierende Spaziergänger noch auf herumtollende Kinder oder langsam dahinkriechende Senioren Rücksicht nehmen.

Seine aktuelle Freundin Janine war sowohl in sozialer als auch in sportlicher Hinsicht ganz anders. Sie war zwar schlank, aber weder hielt sie sich körperlich ,in Schuss‘, noch war sie eine Frühaufsteherin. Sie genoss es, wenn sie ausschlafen konnte, was allerdings nur selten vorkam, denn sie arbeitete als Altenpflegerin und übernahm generell die Frühschicht. Auch heute wäre sie am liebsten noch im Bett geblieben, aber da sie Martin einen Gefallen hatte tun wollen, hatte sie sich dazu entschlossen, bei dieser frühmorgendlichen Tortur mitzumachen. Sie war müde und schlurfte beinahe über die asphaltierte Straße, die sich entlang des sanft geschwungenen Ufers des Sternburger Sees schlängelte.

Martin sah sich kurz nach Janine um und stellte fest, dass sie schon wieder zurückgefallen war. Das nervte ihn. Sie war zwar eine nette und zugängliche Person, und im Bett war sie eine Granate, aber dennoch nahm er sich zum erneuten Male vor, sie bald loszuwerden. Sie passte einfach nicht zu ihm. Während er spontan war, war sie planvoll. Wenn er wandern wollte, wollte sie lieber auf der heimischen Couch fläzen und einen romantischen Film ansehen. Wenn er abends tanzen gehen wollte, war sie oft müde. Zu allem Übel kam noch hinzu, dass sie seiner Meinung nach keinen Sinn für Mode hatte. Dass ihr Einkommen bei Weitem nicht ausreichte, um sich Markenkleidung zu kaufen, ignorierte er geflissentlich.

Nein, wir haben keine Zukunft, dachte er kopfschüttelnd. Und wenn er ehrlich war, hatte er auch nie im Sinn gehabt, eine ernsthafte Bindung mit ihr einzugehen. In seinem Leben war einfach kein Platz für eine von Kompromissen geprägte Beziehung. Früher oder später würde nämlich sicher das Thema Familie zur Sprache kommen. Allein bei dem Gedanken daran, nachts aufzustehen, sich um ein quengelndes Baby zu kümmern und die vollen Windeln zu wechseln, stellten sich ihm sämtliche Nackenhaare auf.

Als er sie betrachtete, wie sie sich quälte, kam ihm der Gedanke, einfach weiter zu laufen und Janine ihrem Schicksal zu überlassen. Jedoch sagte ihm der kleine Teil von Anstand, der ihm anerzogen worden war, dass er auf sie warten sollte. Er verdrehte entnervt die Augen und blieb schließlich stehen. Um seine Muskeln warmzuhalten, hüpfte er auf der Stelle und ließ währenddessen seine Arme langsam kreisen. Die straffen Sehnen zeichneten sich wie Starkstromkabel unter seiner Haut ab, die im Übrigen äußerst gepflegt war.

Als Janine nach einigen Sekunden keuchend aufgeholt hatte, machte er sofort Anstalten, weiterlaufen, schließlich befanden sie sich erst auf Höhe des Nachtklubs N8 2Day – was frei übersetzt so viel hieß wie Nacht zum Tag –, und er wollte noch vor acht Uhr mit seiner Runde fertig sein.

»Warte doch mal«, sagte die Frau keuchend und mürrisch. »Ich kann nicht mehr.«

»Jetzt komm schon«, antwortete er ungeduldig. »Wir haben noch was vor uns. Oder bist du etwa schon erschöpft?«, fügte er mit höhnischem Unterton hinzu.

»Sorry, dass ich nicht so eine Sportskanone wie du bin«, stieß sie jetzt unverhohlen wütend hervor. »Kann ja nicht jeder so toll sein.«

Schwer atmend ging sie zum nahe gelegenen Ufer des Sees und kickte einen Kieselstein ins Wasser.

»Da hast du recht, das kann nicht jeder«, erklärte er selbstgefällig. »Ich laufe jetzt weiter. Wir sehen uns nachher bei mir.«

Er winkte ihr zu und rannte los. Nach wenigen Metern blieb er allerdings wieder stehen, verwundert darüber, dass sie ihm keine weiteren Widerworte entgegenwarf. Er drehte sich zu ihr um und bemerkte, dass sie starr, wie eine Salzsäule, auf das still daliegende Wasser hinausblickte. Von seiner Position aus konnte er erkennen, dass ihr Mund offen stand.

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, dachte er amüsiert, schüttelte den Kopf und rief laut: »Was ist denn? Hast du etwa nichts mehr zu sagen?«

Als Janine nicht auf ihn reagierte, regte sich in ihm die Neugier. Er lief zurück zu ihr, um nachzusehen, was sie so aus der Fassung gebracht hatte.

»Was ist denn los?«, fragte er, jetzt etwas besorgter, und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Als sie weiterhin keine Reaktion zeigte, folgte er ihrem Blick. Etwa zwanzig Meter entfernt trieb irgendetwas Großes und Dunkles knapp unter der Wasseroberfläche. Zuerst hielt er es für ein Stück Treibgut oder einen kleinen Baumstamm, aber als er die Augen konzentriert zusammenkniff – der Augenarzt hatte ihm prophezeit, dass er bald eine Brille brauchen würde – und genauer hinsah, meinte er, die Konturen eines Menschen ausmachen zu können. Seine milde Neugier schwang in starkes Interesse um, und um herauszufinden, um was es sich tatsächlich handelte, zog er sich kurz entschlossen seine Turnschuhe und Socken aus und trat ein paar Schritte ins lauwarme Nass. Die aufgehende Sonne spiegelte sich im See, und Martin musste seine Augen mit den Händen abschirmen, um nicht geblendet zu werden. Ja, jetzt war er sich sicher. Da trieb ein Mensch!

Seine Reflexe übernahmen die Kontrolle, als sich Martin ins Wasser stürzte und mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit zu der Person hinüberschwamm. Er überbrückte die Distanz innerhalb weniger Sekunden und zog dann einen Halbkreis, um sich seinem Ziel von hinten zu nähern. Denn sollte die Person wider Erwarten noch bei Bewusstsein sein, konnte es passieren, dass sie in Panik um sich schlug und sie beide gefährdete. Als er den dahintreibenden Menschen schließlich erreichte, schlang er einen Arm unter der Achsel hindurch um dessen Brust. Mit der anderen Hand zog er vorsichtig den Kopf der Person aus dem Wasser und legte ihn sich auf die Schulter. Mit einigen kräftigen Stößen bahnte er sich rückwärts schwimmend den Weg zurück zum Ufer. Im seichten Uferbereich angekommen und den festen Boden unter den Füßen spürend, stellte er sich hin, schob nun beide Arme unter den Achseln des anderen hindurch und zog den leblosen Körper weiter an den Strand. Janine hatte sich in der ganzen Zeit nicht einen Zentimeter gerührt.

»Hilf mir doch mal!«, rief ihr Martin verärgert zu.

Langsam hievte er die Gestalt vollends an Land und legte sie vorsichtig auf dem Rücken ab. Normalerweise hätte er umgehend mit einer Herz-Druck-Massage begonnen, aber ein kurzer Blick in das bläulich verfärbte Gesicht und die leeren Augen der Person sagte ihm, dass für diesen Menschen jede Hilfe zu spät kam. Martin betrachtete die Gesichtszüge des Toten genauer. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, den er sehr gut kannte, denn er hatte bereits mehrfach geschäftlich mit ihm zu tun gehabt. Und selbst, wenn er ihn nicht persönlich gekannt hätte, hätte er gewusst, wen er da aus dem Wasser gezogen hatte, denn diese Person war schon oft in der Lokalzeitung gewesen.

Er stand auf und sah zu seiner Freundin hinüber.

Mit ihr war nicht viel anzufangen, dachte er und fischte sein Smartphone aus dem wasserfesten Beutel, den er, wie immer beim Sport, um seine Taille trug. Er wählte die Nummer des Notrufs und wartete darauf, dass sich dort jemand meldete.

»Notrufzentrale, was ist Ihr Notfall?«, fragte ein Mann am anderen Ende der Leitung.

»Martin Huber, guten Morgen«, antwortete er gleichmäßig atmend. »Ich bin hier in der Nähe des Nachtklubs N8 2Day und habe gerade eine Leiche gefunden.«

»Sind Sie sich sicher, dass es sich um einen Toten handelt?«

»Definitiv«, gab Martin zurück. »Vermutlich ist er ertrunken. Schicken Sie bitte jemanden her.«

»Ein Rettungswagen wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein. Bitte bleiben Sie vor Ort.«

»Soll ich auch die Polizei anrufen?«

»Das erledigen wir.«

»Verstanden.«

Martin beendete das Gespräch und packte sein Telefon wieder ein. Janine schien noch immer unter Schock zu stehen, und als er ihr seine Hände auf die Schultern legte, rührte sie sich immer noch nicht. Er überlegte kurz, ihr eine Ohrfeige zu geben, um sie aus dem Schockzustand zu holen, ließ es aber bleiben. Er wusste zwar, wie man jemanden aus dem Wasser rettete, aber mit Psychologie kannte er sich nur bedingt aus. Sollten sich die ausgebildeten Fachkräfte damit befassen, entschied er. Stattdessen ging er einige Meter abseits und wartete dort auf die Rettungskräfte.

***

Während sich zwei Sanitäter der Leiche widmeten, kümmerte sich ein Notarzt um Janine. Martin hatte jede Hilfe abgelehnt und beteuert, dass es ihm gut ginge. Die Rettungskräfte waren zwar nicht überzeugt gewesen, hatten aber weder die Zeit noch die Lust gehabt, mit ihm darüber zu diskutieren.

Wie von dem Mitarbeiter der Notrufzentrale angekündigt, war auch die Polizei mit insgesamt drei Streifenwagen angerückt, um das Gelände zu sichern und Unbefugten den Zutritt zu verwehren. Einer der Beamten trat nun auf Martin zu.

»Guten Morgen«, sagte der Beamte.

»Morgen«, antwortete Martin.

»Haben Sie den Notruf kontaktiert?«

»Ja. Möchten Sie eine Zeugenaussage?«

»Wenn Sie sich dazu bereit fühlen.«

»Selbstverständlich. Also …«, sagte Martin und beschrieb in allen Details, was vorgefallen war.

»Und Ihre Freundin?«, fragte der Polizist.

»Sie ist eher eine Bekannte. Ich glaube nicht, dass sie momentan dazu in der Lage ist, etwas auszusagen. Sie sehen ja selbst, dass sie unter Schock steht.«

»Herr Huber, in Kürze wird ein Kollege von der Kriminalpolizei hier sein. Daher möchte ich Sie bitten, zu bleiben und auf ihn zu warten.«

»Muss das wirklich sein? Ich bin geschäftlich stark eingespannt und habe viel zu tun. Sie und Ihr Kollege werden sicher verstehen, dass ich meine Termine nicht einfach so absagen kann. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich nicht flüchten werde. Ich möchte lediglich nach Hause und duschen.«

Der Beamte kaute auf der Unterlippe. »Nun gut«, sagte er schließlich. »Sorgen Sie aber dafür, dass Sie erreichbar sind. Ich bin mir sicher, dass Ihre Anwesenheit bald noch einmal benötigt wird.«

»Meinetwegen«, antwortete Martin seufzend und fügte im Stillen hinzu: Bürokratenarsch.

Kapitel 1

Das Handy klingelte nun schon zum dritten Mal innerhalb von fünf Minuten, während es rhythmisch vibrierend über den Tisch wanderte. Kriminaloberkommissar Josef Maria Langer wälzte sich verschlafen im Bett herum, grunzte mürrisch und zog sich die Decke über den Kopf in dem Versuch, das Telefon zu ignorieren. Wenn er nicht ranging, schaffte er es vielleicht, den Anrufer zu zermürben. Garantiert war es irgendein unterbezahlter Callcenter-Mitarbeiter, der ihm irgendetwas Sinnloses verkaufen wollte. Oder es war eine telefonische Umfrage zu einem Thema, das ihn nicht im Geringsten interessierte. Wer auch immer es war, sollte sich zum Teufel scheren. Zu Langers Bedauern ging diese Taktik jedoch nicht auf, denn das Telefon klingelte nun ohne Unterbrechung. Das einzig Gute daran war, dass es sich bei dem Klingelton um sein Lieblingslied handelte, eine Polka, die bereits vor einigen Jahren vom lokalen Trachtenverein geschrieben und eingespielt worden war. Schließlich gab sich der Oberkommissar geschlagen.

»Ist ja gut, du hast gewonnen«, murmelte er, schlug die Decke zurück und griff nach dem Handy, kniff die Augen zusammen und starrte auf das Display. In leuchtenden Buchstaben wurde der Name seines Vorgesetzten Hubert Stenzl angezeigt. Für einen Moment war Langer versucht, das Telefon im auf dem Beistelltisch stehenden Wasserglas zu versenken, aber das würde später nur noch mehr Ärger nach sich ziehen. Außerdem war das Ding teuer gewesen. Er legte seinen Daumen auf die grüne Annehmen-Taste und strich zur Seite.

»Schön, dass du dich bequemst, ans Telefon zu gehen«, meldete sich der Hauptkommissar.

»Es ist Sonntag, da hab’ ich frei«, antwortete der Oberkommissar mürrisch.

»Dieses Mal nicht, Sepp. Beim Nachtklub hat es einen Toten gegeben.«

»Aha«, war alles, was Langer dazu einfiel.

»Bitte nicht so enthusiastisch«, sagte Stenzl ironisch.

»Wozu erzählst du mir das?«

»Normalerweise würde ich annehmen, dass es um einen Betrunkenen geht, der beim Feiern ins Wasser gefallen und ersoffen ist. Aber leider handelt es sich nicht um irgendeinen Toten, sondern um unseren Oberbürgermeister.«

»Du meinst Hans Gebhardt?«

»Kennst du etwa noch einen anderen?«, antwortete Stenzl.

»Hast du Details?«

»Bisher wissen wir nur, dass er anscheinend schon eine Zeit lang im Wasser trieb, bevor er gefunden wurde.«

»Ist das sicher?«

»Die Kollegen vor Ort haben bestätigt, dass seine Haut blau angelaufen war.«

»Okay. Wer hat ihn gefunden?«

»Ein Mann und eine Frau. Die Namen findest du in der Akte. Der Mann hat den Notruf gewählt und die Sanis informiert. Die Frau steht unter Schock und wurde ins Krankenhaus gebracht, dem Mann scheint es laut den Kollegen gut zu gehen. Sepp, ich möchte, dass du gleich loslegst.«

»Wer weiß sonst noch davon?«, fragte Langer.

»Bisher nur die Sanis und ein paar von unseren Leuten. Ich habe bereits allen klar gemacht, dass jeder, der quatscht, mit drastischen Konsequenzen zu rechnen hat.«

»Und du glaubst, dass die Zeugen ebenfalls den Mund halten werden?«

»Das kann ich natürlich nicht garantieren, aber ich bin mir sicher, dass du ihnen das klarmachen wirst.«

»Kann die Geschichte nicht von einem der Jungs übernommen werden?«

»Die sind mit anderen Fällen beschäftigt. Außerdem bist du einer unserer Besten. Und da es sich um den Oberbürgermeister handelt …«

»Na meinetwegen«, erklärte Langer. »Dafür schuldest du mir aber etwas.«

»Darf ich dich daran erinnern, dass du noch immer aktives Mitglied der Polizei bist? Du weißt schon, Freund und Helfer und allzeit bereit.«

»Passt schon. Ich mache mich gleich auf den Weg. Pfiad di!«, sagte der Oberkommissar und beendete das Gespräch.

Er legte sein Handy zurück auf das Nachtschränkchen und verabschiedete sich still von seinem Bett. Dann schob er die Beine über die Bettkante und setzte sich hin. Langsam fuhr er sich mit beiden Händen über seinen fast kahlen Schädel. Nur hier und da hatte er noch Haare übrig, aber auch die würden bald ausfallen. Die Zeiten, wo er noch ein schlanker und trainierter Herzensbrecher gewesen war, waren lange vorüber, und seine fünfunddreißig Dienstjahre hatten ihn überdies vorzeitig altern lassen, sodass er nicht wie einundsechzig aussah, sondern mindestens zehn Jahre älter. Er stützte sein Doppelkinn auf die linke Hand und wartete geduldig darauf, vollends wach zu werden. Um seinem Geist ein wenig nachzuhelfen, zog er die oberste Schublade des Nachtschränkchens auf und warf einen Blick hinein. Dort lag eine halb volle Flasche Jack Daniel's Whiskey. Er nahm sie und betrachtete sie für einige Sekunden nachdenklich, bevor er den Verschluss aufschraubte, den kantigen Behälter an seinen Mund setzte und einen langen Schluck nahm. Als er die Flasche schließlich wieder absetzte, war sie noch zu einem Viertel gefüllt. Obwohl das Zeug scheußlich schmeckte, musste Langer zugeben, dass er sich deutlich besser fühlte. Obwohl er es niemals offen eingestanden hätte, wusste er tief in seinem Inneren, dass er schon lange die Kontrolle über seine Trinkgewohnheiten verloren hatte. In einem spontanen Anflug von Wut auf sich selbst, den Alkohol und generell die ganze Welt, hob er die Flasche hoch und wollte sie gegen die Wand pfeffern, hielt aber inne, als er ein plätscherndes Geräusch vernahm. Er sah an sich herunter und befürchtete schon, sich eingenässt zu haben, aber sein Schlafanzug war an der betreffenden Stelle trocken. Sein Blick ging zu der noch immer hoch erhobenen Flasche. In seinem Ärger hatte er vergessen, den Schraubverschluss wieder zuzudrehen. Nun war der Behälter leer, denn der Inhalt hatte sich auf sein Bett und den Teppich ergossen.

»Na toll«, murmelte er und ließ den Arm langsam sinken. Der Sonntag begann ja wunderbar. Nicht nur, dass er einen toten Bürgermeister am Hals hatte, er musste auch den nun unbrauchbaren Inhalt seiner Flasche ersetzen. Ganz zu schweigen davon, dass er den Teppich und das Bett würde reinigen müssen. Schwerfällig stand er auf, streckte sich und hörte das Knacken seiner Knochen, die sich eher widerwillig auf ihre angestammten Plätze begaben. Im angrenzenden Badezimmer drehte er den Wasserhahn auf, schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sein Spiegelbild. Unter seinen Augen hatten sich schon vor einigen Jahren dicke Tränensäcke gebildet, und hier und da waren Äderchen geplatzt und zogen sich in fahlem Blau über sein Gesicht. Er nahm die abgenutzte Zahnbürste und die fast leere Zahnpastatube von der Anrichte und notierte sich im Geiste, beides bald ersetzen zu müssen.

Während er sich die Zähne putzte, begann sein Kopf, sich mit dem vor ihm liegenden Fall zu beschäftigen. Wenn es sich bei dem Toten wirklich um den Oberbürgermeister Sternburgs handelte, würde es ein interessanter Tanz werden. Langer würde auf jeden seiner Schritte peinlich genau achten müssen, denn er war überzeugt davon, dass Gebhardts Tod nicht lange ein Geheimnis bleiben würde. Seine langjährige Erfahrung würde ihm zwar dabei helfen, Fehltritte zu vermeiden, aber er wusste, dass besonders die Presse wie eine Horde Geier über die Story herfallen und alles kommentieren würde, was er tat.

»Verdammter Stenzl«, fluchte er halblaut. »Hätte sich auch jemand anderen aussuchen können.«

Langer wollte sich rasieren, aber da die Schaumdose nur noch Luft von sich gab, ließ er es bleiben. Der Stoppelbart war schon in Ordnung, entschied er. Er beendete seine Morgenwäsche, zog sich eine schwarze Anzughose und ein dazu passendes weißes Hemd an, stülpte seine ausgetretenen Schuhe über, griff nach seinen Papieren und Schlüsseln und schnallte sich seine Dienstwaffe an den Gürtel, bevor er die Haustür von außen zuzog.

***

Der Oberkommissar parkte seinen fünfundzwanzig Jahre alten und gut gepflegten hellblauen Fünfer BMW unweit des Fundorts der Leiche auf dem Parkplatz des Nachtklubs N8 2Day. Nicht zum ersten Mal bemerkte er, dass der Wagen deutlich besser aussah als er selbst. Oder, wenn man so wollte, als sein ganzes Leben.

Obwohl es erst früher Vormittag war, herrschten bereits über fünfundzwanzig Grad Celsius. Der Himmel war wolkenlos, es war windstill, und die Sonne brannte auf ihn herunter, was ihm Schweißperlen auf die Stirn trieb. Er tupfte sich den so gut wie blanken Kopf mit einem seiner immer griffbereiten Stofftaschentücher ab und steckte es dann zurück in die Hosentasche.

Ich hasse den Sommer, dachte er und ging zur weithin sichtbaren Fundstelle hinüber.

Wie es bei Ermittlungen in Todesfällen üblich war, befand sich die Leiche noch immer an Ort und Stelle, damit die Polizei und die Spurensicherung ihre Arbeit ohne Einschränkungen durchführen konnten. Um es Gaffern so weit wie möglich zu erschweren, Fotos von der Leiche zu machen, war sie mit einem weißen Tuch abgedeckt worden. Die Kollegen von der Spurensicherung waren nur kurze Zeit nach den Rettungskräften angekommen und hatten sich bereits an die Arbeit gemacht. Sie waren noch immer damit beschäftigt, quasi jeden Grashalm einzeln zu untersuchen und sich ein Bild davon zu machen, was vorgefallen war. Langer wusste, dass er sie jetzt nicht ansprechen durfte, wenn er sich keine grobe Abfuhr einhandeln wollte. Die Männer und Frauen waren zwar normalerweise umgängliche Leute, aber wenn sie in ihrer Arbeit gestört wurden, konnten sie recht ungehalten werden.

Darum mag ich sie auch so, dachte er und musste unwillkürlich grinsen.

Der Oberkommissar wandte sich an einen der Streifenpolizisten, die den Tatort bewachten und etwaige Schaulustige abwiesen.

»Servus Peter«, begrüßte er den Beamten.

»Guten Morgen Sepp. Haben sie dich für den Fall eingespannt?«

»Einer muss es ja machen«, gab Langer zurück. »Wie geht’s?«

»Ich könnte mir was Schöneres vorstellen, als Sonntag früh auf einen solchen Einsatz zu gehen.«

»Sei froh, dass du nicht nach München auf die Siko musst«, antwortete der Oberkommissar.

Die NATO-Sicherheitskonferenz, kurz Siko, fand momentan in der nahen Landeshauptstadt statt und wurde von einem Großaufgebot der Polizei aus der gesamten Bundesrepublik geschützt. Es kam auf der Siko glücklicherweise nur selten zu Zusammenstößen mit Demonstranten, aber trotzdem hatten die Einsatzkräfte vor Ort durchgehend zu tun. Schließlich waren zahlreiche hochrangige Politiker aus der ganzen Welt angereist, die beschützt werden mussten.

»Jetzt erzähl mal«, sagte Langer. »Was ist hier passiert?«

»Laut dem Zeugen fanden er und seine Freundin heute früh gegen sechs Uhr eine im Wasser treibende Leiche«, erklärte der Polizist. »Der Mann hat daraufhin die Leiche an Land gezogen und die Sanis informiert. Die haben wiederum uns angerufen, und dann sind wir hierhergefahren. Das war’s im Großen und Ganzen. Du weißt sicher schon, wer der Tote ist.«

»Ja. Gibt es außer den beiden noch irgendwelche Zeugen?«

»Nicht, dass ich wüsste. Es sind zwischendurch einige Spaziergänger vorbeigekommen, die gefragt haben, warum der Weg gesperrt ist, aber sonst nichts. Ich habe sie kommentarlos zurückgeschickt.«

»Gute Arbeit«, lobte der Oberkommissar. »Wo ist der Mann, der ihn gefunden hat?«

»Er sagte, dass er nach Hause gehen wollte.«

»Wie bitte?«, fragte Langer verwundert.

»Er meinte, dass er noch zu arbeiten habe.«

»Und er wollte sich nicht ärztlich beobachten lassen?«

»Scheint so.«

»Die Personalien haben wir?«

»Ja«, bestätigte der Beamte. »Ich habe mir die Freiheit genommen, sie an die Zentrale zu übermitteln, wo sie vermerkt werden.«

»Danke. Ich schaue mich mal etwas um. Grüß deine Frau von mir«, sagte Langer und drückte dem Polizisten die Hand.

Er ging die wenigen Meter zur Leiche hinüber, während er darauf achtete, den beiden Leuten der Spurensicherung nicht im Weg zu stehen. Sie schienen ihre Untersuchung des Toten bereits beendet zu haben, denn momentan begutachteten sie die Umgebung. Langer ging in die Hocke, hob das Leichentuch ein wenig an und betrachtete das Gesicht des Verstorbenen. Die bläuliche Verfärbung der Haut und der aufgedunsene Körper zeugten davon, dass Gebhardt mindestens einige Stunden im Wasser getrieben hatte. Langer schätzte, dass der Bürgermeister irgendwo anders ins Wasser gefallen und hier angeschwemmt worden sein musste. Im Geiste notierte er sich, mit einem Experten der Wasserwacht zu sprechen und sich erklären zu lassen, welche Strömungen im See herrschten. Vielleicht konnte er dann zumindest eingrenzen, wo es passiert war. Mit leichter Verwunderung nahm Langer zur Kenntnis, dass Gebhardt in einem Geschäftsanzug steckte. Er war also nicht joggen gewesen, als er gestorben war.

Dem Oberkommissar war bewusst, dass er sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder ein Bild des möglichen Hergangs machen konnte noch durfte, denn die Ermittlungen standen an ihrem Anfangspunkt und konnten in alle Richtungen führen. Momentan würde er hier auch nicht viel ausrichten können, darum drapierte er das Tuch wieder über der Leiche und winkte den Spurensicherern kurz zu. Zurück bei seinem Wagen stieg er ein und schaltete den auf dem Beifahrersitz liegenden Laptop ein. Er gehörte zwar zur alten Garde und nutzte am liebsten die analogen Methoden, aber er war sich nicht zu fein, die Vorteile der modernen Technik mit kabellosem Internet anzuerkennen. Wenn man einmal den Dreh raushatte, war die Bedienung sogar ziemlich einfach. Mit wenigen Tastengriffen loggte er sich in die polizeiliche Datenbank ein und tippte den Namen des Bürgermeisters in das Suchfeld. Zu seiner Zufriedenheit hatten die Mitarbeiter in der Zentrale bereits alle bisher bekannten Informationen in einer neu angelegten Fallakte hinterlegt. Langer fand die Aussage des Zeugen Martin Huber, las sie gründlich durch und suchte dann dessen Anschrift heraus. Huber wohnte nicht direkt in Sternburg, sondern im nur wenige Kilometer entfernten Nachbarort Gerlaching.

»Gute Gegend«, murmelte Langer halblaut.

Tatsächlich war Gerlaching der Ort, an dem die Zahl der Reichen und Schönen deutlich höher war als im Rest des Landes. Entsprechend exorbitant hoch waren auch die Grundstückspreise. Langer hatte früher davon geträumt, mit seiner Frau dort zu residieren, aber ihnen hatte immer das nötige Kleingeld gefehlt. Selbst für einen Bankkredit hatte das eigene Kapital nie gereicht. Und als Petra vor einigen Jahren nach langem Leiden gestorben war, hatte sein Einkommen trotz der Witwenrente gerade einmal dafür ausgereicht, um über die Runden zu kommen. Zum Glück für ihn hatten sie das kleine Einfamilienhaus, in dem er noch heute wohnte, bereits vollständig abbezahlt, sodass er keine Mietkosten zu tragen hatte, auch wenn die Verwaltungskosten durchaus happig waren.

Er klappte seinen Computer wieder zu, startete den Wagen und fuhr los. Da er sich im Landkreis sehr gut auskannte, wusste er auch ohne Navigationsgerät, wie er zu der Adresse gelangen würde. Keine zehn Minuten später hielt er vor Hubers Haus und schaltete den Motor ab. Langer stieg aus und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn, während er das zweigeschossige Gebäude ausführlich begutachtete. Es handelte sich um einen modernen Neubau mit weiß getünchten Wänden und schlicht gehaltener Fassade. Langer mochte solche Häuser nicht. Auf eine gewisse Art waren sie ihm sogar unheimlich, weil sie so nichtssagend und unpersönlich waren. Ihm waren die alten bayerischen Bauernhäuser deutlich lieber, denn an ihnen konnte man oftmals erkennen, welchen Charakter die Bewohner hatten.

Er schob einen Flügel des schweren, schmiedeeisernen Tors auf und erreichte die Haustür über eine schmale asphaltierte Zufahrt. Laut der Akte wohnte Huber allein, und das unterhalb der Klingel angebrachte Messingschildchen zeigte auch nur seinen Namen.

Wofür braucht ein einzelner Mensch so ein Schloss?, fragte sich der Oberkommissar.

Er drückte den Klingelknopf in die Fassung und lauschte dem angenehmen, melodischen Läuten. Irgendwie kam ihm die Melodie bekannt vor, aber er konnte sie gerade nicht einordnen. Nach über einer Minute regte sich noch immer nichts, daher betätigte er die Klingel erneut. Schließlich hörte er aus dem Haus Geräusche, als würde jemand mit schweren Schritten eine hölzerne Treppe hinabsteigen. Endlich öffnete sich die Haustür, und ein athletischer Mann blickte ihn an. Er war nur mit einem weißen Handtuch bekleidet, welches zwar seinen Unterleib bedeckte, aber die Muskeln des Oberkörpers freiließ.

»Herr Huber?«, fragte der Oberkommissar.

»Ja, das bin ich«, antwortete der Mann. »Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Josef Langer, ich bin Kriminal-Oberkommissar bei der Sternburger Polizei. Haben Sie etwas Zeit für mich?«

»Ich nehme an, dass es um meinen Fund von heute früh geht, richtig?«

»Ja«, bestätigte der Beamte. »Darf ich eintreten?«

»Aber nur kurz. Ich treffe mich gleich mit einigen Freunden und bin bereits spät dran.«

»Es wird nicht lange dauern«, erklärte Langer und trat hinter Huber ins Haus.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht sofort hereingelassen habe, aber ich war gerade unter der Dusche.«

»Ja, das sehe ich«, antwortete der Oberkommissar amüsiert und musterte den kräftigen und noch immer feuchten Körper seines Gegenübers. Langer war nicht homosexuell, aber er wusste einen ästhetischen Anblick durchaus zu schätzen.

»Ich ziehe mir eben etwas über«, sagte Huber. »Gehen Sie doch bitte ins Wohnzimmer, ich bin gleich für Sie da. Einfach den Flur entlang, Sie können es nicht verfehlen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg der Mann schwungvoll die zur Linken befindliche gewundene Metalltreppe hinauf. Langer ging den gewiesenen Weg und betrat ein weiträumiges, von Licht durchflutetes Zimmer, in dessen einer Ecke sich ein gemauerter Kamin befand, an dessen Rand ein Stapel Feuerholz positioniert war. So sauber, wie der Abzug war, ging er davon aus, dass hier noch nie etwas gebrannt hatte.

Oder Huber hat eine hervorragende Putzfrau, fügte er in Gedanken hinzu. Auf dem Sims waren mehrere kleine, gerahmte Bilder in perfektem Abstand zueinander aufgebaut. Er trat näher heran und betrachtete sie eingehend. Auf jedem der Fotos war Martin Huber zu sehen, mal in Anglerkluft, mal in Golfkleidung, meist aber im Anzug. Auf einigen Bildern waren auch prominente Personen abgelichtet, die ihren Arm locker auf Hubers Schulter gelegt hatten und allesamt das gleiche nichtssagende Lächeln zeigten. Anscheinend verkehrte Huber öfter in höheren Kreisen. Vielleicht war er aber auch nur eine Art Autogrammjäger, der sich zufällig zur gleichen Zeit wie die Prominenten am selben Ort befand, aber irgendwie glaubte Langer nicht daran. Er schritt weiter und besah sich die an der Wand hängenden eingerahmten Drucke. Diese zeigten wenig überraschend ebenfalls den Besitzer dieses Hauses an unterschiedlichen Orten auf der Welt. Der Oberkommissar erkannte manche der Gegenden, wie zum Beispiel Paris oder die ägyptischen Pyramiden, aber die meisten Regionen waren ihm unbekannt.

Huber kam die Treppe herunter und trat auf ihn zu. Er war jetzt in eine luftige Leinenhose und ein dazu passendes leichtes Hemd gekleidet. »Danke für Ihre Geduld, Herr Langer. Möchten Sie einen Kaffee? Tee? Einen Saft?«

»Haben Sie Schnaps?«

Der Mann sah ihn kurz an und lächelte dann. »Jetzt hätten Sie mich fast hereingelegt«, sagte er und hob spielerisch mahnend den Zeigefinger. »Sie sind doch im Dienst.«

»Nur ein kleiner Scherz«, fügte der Oberkommissar hinzu, obwohl er es eigentlich durchaus ernst gemeint hatte. »Wasser genügt, vielen Dank«, antwortete er nun und ließ sich zu einem fein gearbeiteten Marmortisch geleiten, der in der Mitte des Zimmers stand.

Als er sein Glas bekommen hatte, setzten sich beide gegenüber und sahen sich an.

»Herr Huber«, begann Langer. »Sie haben heute Morgen zwar schon eine Zeugenaussage gemacht, aber ich möchte gerne noch einmal alles mit Ihnen durchgehen. Haben Sie etwas dagegen?«

»Wenn es nicht allzu lange dauert. Ich bin verabredet.«

»Das sagten Sie bereits. Also«, begann Langer und rief sich schnell den Bericht ins Gedächtnis. »Heute früh gegen sechs Uhr haben Sie die Rettungskräfte informiert und angegeben, dass Sie eine Leiche im Wasser gefunden hätten. Ist das korrekt?«

»So ziemlich. Allerdings hat meine Begleiterin den Toten zuerst gesehen.«

»Ihr Name ist Janine Moser?«

»Ja. Sie arbeitet als Altenpflegerin im örtlichen Seniorenheim.«

»Wie ging es dann weiter?«

»Ich bin ein guter Schwimmer und habe vor einiger Zeit einen Rettungsschwimmer-Kurs absolviert … mit Auszeichnung. Als ich erkannte, dass es sich um einen Menschen handelte, bin ich gleich ins Wasser gesprungen und habe ihn an Land gebracht.«

»Wussten Sie da schon, dass er tot ist?«

»Ich ahnte es, aber erst, als ich ihn am Strand ablegte, war ich mir sicher.«

»Was taten Sie dann?«

»Das, was jeder pflichtbewusste Bürger tun würde. Ich rief die Sanitäter.«

»Haben Sie auch die Polizei angerufen?«

»Nein, das hat der Rettungsdienst übernommen.«

»Was war mit Ihrer Freundin?«

»Oh, sie ist nicht meine Freundin. Eher eine Art … wie soll ich sagen …«

»Bettgefährtin?«, sprang ihm Langer hilfreich zur Seite.

»Ja, so kann man es nennen. Sie stand unter Schock und hat auf nichts mehr reagiert.«

»Haben Sie versucht, sie aus dem Schockzustand zu holen?«

»Nein«, erklärte Huber. »Ich bin kein Arzt, darum habe ich das den Sanis überlassen.«

»Wissen Sie, wer der Tote ist?«

»Ja, natürlich. Ich war erschüttert, als ich ihn erkannte.«

»Warum das?«, wollte der Oberkommissar wissen.

»Na ja, es ist nicht alltäglich, dass man eine Wasserleiche findet. Und wenn es sich dabei dann auch noch um eine Person des öffentlichen Lebens handelt …«

»Sie kommen viel herum, habe ich recht?«, fragte Langer und warf einen kurzen Blick auf die Bilder auf dem Kaminsims. »Sie kennen viele Leute.«

»Wissen Sie, ich bin ein sehr erfolgreicher Unternehmensberater und zähle einige große Firmen zu meinen Klienten. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass man viele Menschen kennenlernt.«

»Ich verstehe. Kannten Sie denn Herrn Gebhardt persönlich?«

»Ich hatte mehrfach geschäftlich mit ihm zu tun«, bestätigte Huber.

»Um welche Art Geschäfte handelte es sich dabei?«

»Tut mir leid, aber darüber darf ich nicht reden. Es gehört zum guten Ton, dass ich mit jedem Klienten ein NDA vereinbare.«

»En-De-A?«, hakte der Oberkommissar nach.

»Das ist Englisch und bedeutet Non-Disclosure Agreement. Eine vertraglich vereinbarte Schweigepflicht.«

»Aha. Ihnen ist aber schon klar, dass ich jederzeit Einblicke in diese Verträge bekommen kann, oder? Also können Sie mir die Zeit auch ersparen und mir direkt erzählen, was Sie mit Gebhardt zu tun hatten.«

»Sie als Polizeibeamter haben sicherlich die Möglichkeit, die Verträge zu lesen, aber ich als Berufstätiger bin an meine Pflichten gebunden. Würde ich das nicht tun, könnte ich verklagt werden. Tut mir leid.«

Langer grunzte missmutig. »Wie sieht es denn privat aus?«, fragte er dann. »Haben Sie da mit Herrn Gebhardt verkehrt?«

»Nein. Ich trenne Privates strikt vom Geschäft. Sie wissen ja, wie das ist.«

»Das weiß ich nicht. Bitte erleuchten Sie mich.«

»Wenn man mit seinem Geschäft erfolgreich sein möchte, muss man knallhart sein. Da dürfen persönliche Befindlichkeiten keine Rolle spielen. Zeigt man Schwäche, wird das vom Geschäftspartner schnell ausgenutzt.«

»Welche Schwächen haben Sie denn?«

»Keine.«

Langer kicherte unwillkürlich. »Kommen Sie schon, Herr Huber, das können Sie mir doch nicht erzählen. Jeder Mensch hat eine Schwachstelle.«

»Nun … vielleicht könnte man es als Schwäche betrachten, dass ich nicht weiß, wie man verliert.«

»Soso …«, sagte Langer.

Er mochte diesen Mann nicht. Huber schien zwar Manieren zu haben, zeigte aber auch eine unverhohlene Arroganz. Der Oberkommissar hatte in seinem Leben ausschließlich schlechte Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht und mied sie daher, soweit es ihm nur möglich war. Leider war das in seinem Beruf lange nicht so oft möglich, wie er es gerne gehabt hätte.

»Warum wissen Sie nicht, wie man verliert?«

»Weil ich immer gewinnen will und alles dafür tue.«

»Wirklich alles?«

»Ja.«

»Betrügen Sie auch?«

»Das ist so ein hartes Wort. Ich würde eher sagen, dass ich Hilfsmittel in Anspruch nehme. Alles legal, natürlich.«

»Natürlich«, wiederholte Langer nickend. »Ich hoffe übrigens, dass Sie es verstehen, wenn ich Sie bitte, über diese Sache mit niemandem zu reden.«

»Nicht ganz«, gab Huber zu.

»In Ordnung, dann drücke ich mich klarer aus. Es handelt sich um eine laufende Ermittlung, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie nicht in alle Welt hinaus posaunen, dass Sie den Bürgermeister mit dem Gesicht nach unten im Wasser treibend gefunden haben. Es gibt einige Leute, für die das ein gefundenes Fressen ist.«

»Sie meinen die Presse?«

»Auch. Wir von der Polizei wollen natürlich nichts verschweigen, aber wenn wir die Öffentlichkeit über den Vorfall unterrichten, soll dies auf die richtige Weise geschehen. Sie als sehr erfolgreicher Unternehmensberater verstehen sicherlich, dass es wichtig ist, sich ausschließlich auf Fakten zu stützen und nicht gleich alle Karten auf den Tisch zu legen.«

»Vollkommen, Herr Langer.«

»Gut. Nur noch eine Frage. Wo waren Sie vergangene Nacht?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil es zu den Ermittlungen gehört. Bitte beantworten Sie meine Frage.«

»Ich war mit Janine unterwegs. Wir waren im N8 2Day und sind später zu mir gefahren.«

»Um welche Uhrzeit war das?«

»Ich glaube, so gegen elf Uhr.«

»Ziemlich früh für einen Samstagabend, oder?«

»Wir wollten die Feier lieber ins Private verlegen.«

»War Frau Moser die ganze Nacht bei Ihnen?«

»Ja.«

»Und was ist sonst noch so passiert?«

»Was genau meinen Sie?«

»Ich möchte wissen, was Sie in der Nacht gemacht haben.«

»Wir hatten Sex.«

»Wie lange ungefähr?«

»Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Aber es waren auf jeden Fall mehrere Stunden.«

»Und dann?«

»Wir haben noch ein wenig geschlafen und sind dann zum Joggen gegangen.«

»Wo Sie Herrn Gebhardt entdeckt haben.«

»Richtig.«

»Vielen Dank. Das genügt mir erst einmal. Wenn ich später noch Fragen haben sollte, werde ich mich bei Ihnen melden. Ich möchte Sie bitten, für mich jederzeit erreichbar zu sein und nicht auf Reisen zu gehen.«

»Ich bin viel unterwegs und kann meine Termine nicht einfach so umshiften.«

»Umshiften?«

»Verschieben.«

»Sie werden sicher eine Möglichkeit finden, Ihre Termine wahrzunehmen, ohne dabei zu verreisen.«

»Gelte ich als Verdächtiger?«, wollte Huber wissen. »Wenn dem nämlich so ist, werde ich meinen Anwalt informieren.«

»Keine Sorge, Herr Huber, Sie fungieren ausschließlich als Zeuge«, erklärte der Oberkommissar. »Zumindest bislang«, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Der jüngere Mann griff nach einem schmalen, an der Seite des Tisches liegenden Metalletui und öffnete es. »Hier ist meine private Nummer. Sie können mich jederzeit anrufen.«

Langer griff nach der Karte, betrachtete sie kurz und steckte sie wortlos ein. Dann bedankte er sich, stand auf und schickte sich an, das Haus zu verlassen. Er öffnete die Haustür, drehte sich aber dann noch einmal um. Zeit, seine Columbo-Masche durchzuziehen.

»Eine Frage hätte ich da noch. Sie sagten, dass Sie Privates streng von Geschäftlichem trennen.«

»Ja, das stimmt.«

»Wie kommt es dann, dass sich auf Ihrem Kaminsims ein Foto befindet, wo Sie und Gebhardt in Tenniskleidung posieren und sich die Hände schütteln?«

»Ach das«, antwortete Huber, ohne einen Blick auf das fragliche Bild zu werfen. »Das war auf einer Veranstaltung einer meiner Klienten. Der Bürgermeister war ebenfalls dort eingeladen gewesen, und da wir uns auf Anhieb gut verstanden haben, haben wir ein Match ausgetragen.«

»Wer hat gewonnen?«

»Er.«

»Ich dachte, Sie können nicht verlieren? Oder haben Sie ihn etwa gewinnen lassen?«

»Ich war an dem Tag nicht zu hundert Prozent fit.«

»Macht sich sicher gut für das Geschäft, nicht wahr?«

Huber verengte seine Augen zu Schlitzen. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Nichts«, sagte Langer in unschuldigem Tonfall. »Vielen Dank für Ihre Zeit. Auf Wiedersehen.«

Der Oberkommissar ging zurück zu seinem Auto. Als nächsten Schritt nahm er sich vor, die Zeugin im Krankenhaus aufzusuchen und sie um ihre Sicht der Dinge zu bitten. Er stieg ein und steckte den Schlüssel in die Zündung. Bevor er den Motor anließ, öffnete er das Handschuhfach, zog einen kleinen, silbernen Flachmann heraus und nahm einen großen Schluck der im Inneren befindlichen braunen Flüssigkeit zu sich. Der Whiskey brannte sich wohltuend seine Kehle und dann die Speiseröhre hinab und verbreitete eine angenehme Wärme in seinem Körper. Nach einem weiteren Schluck verstaute er den schmalen Behälter wieder an seinem angestammten Platz, nahm sich ein Pfefferminzbonbon aus der offen daliegenden Packung und steckte es in den Mund. Während er den Rückwärtsgang einlegte, nahm er eine Bewegung am Fenster wahr. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen, aber es schien ihm, als zeichnete sich hinter dem leichten weißen Vorhang die Silhouette von Martin Huber ab. Möglich, dass dieser gesehen hatte, wie Langer getrunken hatte. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Und im Endeffekt war es ihm auch egal. Er setzte rückwärts auf die Straße zurück und lenkte den Wagen nach Sternburg. Die Klinik befand sich auf einem Hügel, von dem aus man einen guten Blick über den gesamten Ort und das umgrenzende Land hatte. An einem sonnigen und wolkenlosen Tag wie diesem konnte man sogar die fast achtzig Kilometer entfernten Berge sehen. Langer war selbst das eine oder andere Mal hier gewesen, zuletzt, um seine sterbende Frau auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Damals hatte er sich vorgenommen, nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude zu setzen.

»Wer hätte gedacht, dass ich wegen eines anderen Toten wieder hierherkommen muss?«, fragte er sich halblaut, während er das kurze Stück vom für seinen Geschmack zu kleinen Parkplatz zum Haupteingang zu Fuß zurücklegte. Eine junge Pflegerin, die einen alten Mann mit Gehhilfe begleitete, schien ihn gehört zu haben, denn sie drehte kurz den Kopf zu ihm, konzentrierte sich dann aber wieder auf ihren Patienten. Die automatischen Türen des Haupteingangs öffneten sich surrend vor dem Beamten und ließen ihn ein. Der Boden bestand aus blank geputztem Linoleum, wodurch jeder von Langers Schritten von einem unangenehmen Quietschen untermalt wurde.

»Servus Sepp«, begrüßte ihn der ältere Mann, der am Informationsschalter hinter einer Plexiglasscheibe saß.

»Servus Helmut. Was macht das Leben?«

»Gleichbleibend«, antwortete der andere. »Ziemlich langweilig, aber dafür gibt es wenigstens keine unliebsamen Überraschungen. Wie ist es bei dir?«

»Mal so, mal so«, erklärte der Oberkommissar vage. »Hör mal, heute Vormittag wurde eine junge Frau bei euch eingeliefert. Ihr Name ist Janine Moser. Kannst du bitte nachschauen, in welchem Zimmer sie liegt?«

»Klar, warte kurz.«

Helmut, der mit vollem Namen Helmut Joseph Adolf Wanzinger hieß und die Fünfzig überschritten hatte, tippte den genannten Namen in seinen Computer ein.

»Wann klopfen wir mal wieder Karten?«, fragte er.

»Wenn ich mal wieder Zeit habe«, antwortete Langer.

»Aha. Hier«, sagte Helmut und tippte mit der Fingerspitze auf den Monitor. »Zimmer Drei-Eins-Eins. Weißt du, wie du dorthin kommst?«

»Dritter Stock, linker Gang, erstes Zimmer?«

»Nicht mehr. Irgendein Verwaltungstrottel hat sich in einem Anflug von Langeweile gedacht, dass es toll wäre, die Etagennummerierung quasi umzudrehen. Der dritte Stock hat also jetzt die Nummer eins, entsprechend befindet sich Frau Moser hier im Erdgeschoss im linken Flügel. Nachdem sich einige Patienten beschwert hatten, dass sie ihre Zimmer nicht mehr finden, wurden Lagepläne ausgehängt. Wenn du mich fragst, sehen die Dinger nach wie von einem Fünfjährigen gemalte Schatzkarten aus. Anstatt es einfach wieder so zu machen, wie es war … Kompletter Unsinn, die ganze Sache, wenn du mich fragst.«

»Klingt echt ziemlich bescheuert«, pflichtete ihm der Oberkommissar bei. »Ich wette, dass das nicht nur blöd, sondern auch noch sauteuer war.«

»Worauf du dich verlassen kannst«, bestätigte Helmut nickend.

»Lass uns demnächst mal wieder ein Bier trinken gehen«, schlug Langer vor.

»Mein Arzt hat gesagt, dass ich das lassen soll.«

»Dann halt Apfelschorle«, gab der Oberkommissar zurück und hob zum Abschied die Hand. »Grüß deinen Bruder von mir.«

»Mache ich.«

Langer wandte sich ab und ging weiter in das Gebäude hinein. Als er einen der Lagepläne fand und das farbenfrohe Konstrukt eingehend studierte, musste er feststellen, dass er bereits zu weit gelaufen war. Er ging zurück und folgte dann einem an die Wand gemalten roten Pfeil, der ihn hoffentlich dorthin bringen würde, wo er hinwollte. Er passierte mehrere Seitengänge und trat dann durch eine mit Milchglas ausgestattete Flügeltür, die sich automatisch öffnete. Das dritte Zimmer war laut dem daneben angebrachten kleinen Plexiglasschild dasjenige, das er suchte. Er klopfte sanft an und bemerkte, dass die Tür so massiv war, dass drinnen sicher nichts gehört worden war. Er klopfte daher lauter und schob dann die Tür auf. Er fand sich in einem Einzelzimmer wieder, das so hell und sauber war, dass er unverzüglich ein schlechtes Gewissen bekam, denn seine Schuhe waren zwar nicht unfassbar schmutzig, aber der Zeitpunkt, an dem er sie geputzt hatte, lag schon einige Zeit zurück.

An der ihm gegenüberliegenden Seite befand sich eine breite Fensterfront, die viel Licht hineinließ … und auch Hitze, wie Langer feststellen musste. Hier drin war es so heiß und stickig wie in einer Sauna! Kurzerhand ging er zu den Fenstern hinüber und betätigte den Schalter, der die Jalousien herunterlassen würde. Daneben fand er einen Knopf, der die Klimaanlage regelte. Er betätigte ihn und stellte die gewünschte Innentemperatur auf angenehme zweiundzwanzig Grad ein. Als er fertig war, wandte er sich endlich der jungen Frau zu, die auf einer weißen Liege lag und ihn stumm beobachtete. In ihrem Arm steckte eine Kanüle, die stetig eine klare Flüssigkeit aus einem beistehenden Tropf in ihren Körper fließen ließ.

»Hallo«, sagte Langer sanft. »Sind Sie Frau Janine Moser?«

»Ja«, antwortete die Frau mit dünner Stimme. »Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Josef Langer, ich bin Ermittler bei der Sternburger Kriminalpolizei. Wie geht es Ihnen?«

»Nicht besonders«, erklärte sie.

»Das kann ich mir vorstellen, nach so einem traumatischen Erlebnis. Frau Moser, es tut mir leid, aber ich muss Ihnen einige Fragen stellen. Fühlen Sie sich dazu bereit?«

Moser nickte schwach. »In Ordnung.«

Langer zog sich einen unbequem aussehenden Plastikstuhl heran und setzte sich.

»Sie können sich sicher denken, dass es um den Vorfall von heute Morgen geht. Wären Sie bitte so freundlich, mir genau zu erzählen, was sich zugetragen hat? Lassen Sie nichts aus, auch wenn es Ihnen vielleicht unwichtig vorkommt.«

»Ich versuche es«, sagte die Frau und richtete ihren Blick zur Decke, als ob sie nach den richtigen Worten suchen würde. »Ich war mit meinem Freund joggen.«

»Sie meinen Martin Huber?«

»Ja.«

»Wann genau war das?«, wollte Langer wissen.

»Ich glaube, wir sind so gegen fünf aufgebrochen, vielleicht etwas früher. Ich war noch sehr müde.«

»Warum?«

»Wir waren gestern Abend feiern, und sind danach zu ihm.«

»Waren Sie die ganze Nacht bei ihm?«

»Ja.«

»Gut. Erzählen Sie bitte weiter.«

»Ich konnte nicht mit ihm mithalten. Er hat mehrfach angehalten und auf mich gewartet.«

»War er wütend deswegen?«

»Er war zumindest … ungehalten. Sie müssen wissen, er treibt viel Sport.«

»Und Sie?«

»Ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich bin Altenpflegerin und habe immer lange Schichten«, erklärte sie. »Nach dem Feierabend bin ich zu erschöpft.«

»Wie ging es dann weiter?«

»Beim Nachtklub wollte ich eine Pause machen.«

»Sie meinen das N8 2 Day?«

»Ja.«

»Hat er auf Sie gewartet?«

»Nein, er ist weitergelaufen und meinte, dass wir uns später sehen würden.«

»Was ist dann passiert?«

»Ich stand am Ufer, und habe … etwas gesehen.«

»Die Leiche«, stellte Langer fest.

»Ja«, bestätigte sie.