Tiefer Winter - Samuel W. Gailey - E-Book

Tiefer Winter E-Book

Samuel W. Gailey

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Beschreibung

In der Kleinstadt Wyalusing wird eines Winterabends eine Frau brutal ermordet aufgefunden. Neben der Leiche liegt Danny Bedford, der eine tragische Hirnverletzung erlitten hatte, die ihn in seinen geistigen Fähigkeiten einschränkt. Trotz seines zurückgezogenen Lebens hat seine einschüchternde Größe dazu geführt, dass er von den Nachbarn aus Angst vor seinen Taten gemieden wird. Als der Deputy Danny neben der Leiche entdeckt, ist es für ihn offensichtlich, dass Danny die Frau umgebracht hat. Eine unaufhaltsame Kette von Gewalt und Verbrechen durchziehen eine eisige Nacht. Angesichts eines drohenden Schneesturms arbeiten der örtliche Sheriff und ein State Trooper bis in die frühen Morgenstunden, um den Anschein von Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie ein kompliziertes Lügengeflecht offenlegen, das die Gemeinschaft in Wyalusing in Frage stellt. "Deep Winter" ist ein atmosphärisch dichter und raffiniert gezeichneter Kriminalroman, der bis zur letzten Seite überrascht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Samuel W. Gailey

Tiefer Winter

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf Herausgegeben von Wolfgang Franßen

Polar Verlag

Originaltitel: Deep Winter

Copyright: © 2014 Samuel W. Gailey

Alle Rechte vorbehalten

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf

Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering © 2025

© 2025 Polar Verlag e.K.

Unsere Produkte wurden im Rahmen der Verordnung zur allgemeinen Produktsicherheit (General Product Safety Regulation) einer Risikobewertung unterzogen und erfüllen gemäß Artikel 5 der GPSR die Anforderungen an sichere Produkte.

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Hersteller: Polar Verlag e.K, Rippoldsauer Str. 2, DE-70372 Stuttgart, www.polar-verlag.de

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Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Lektorat: Gabriele Werbeck

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Rosemary / Adobe Stock

Autorenfoto: © Amanda Demme

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Leck, Deutschland

ISBN: 978-3-910918-22-1

eISBN: 978-3-910918-23-8

Für Ayn

Inhalt

1984

Achtzehn Stunden zuvor …

Danny

Mindy

Sokowski

Danny

Sokowski

Danny

Sokowski

Danny

Mindy

Sokowski

Danny

Lester

Sokowski

Danny

Carl

Taggart

Sokowski

Lester

Danny

Lester

Danny

Taggart

Lester

Carl

Danny

Lester

Carl

Sarah Knolls

Taggart

Danny

Carl

Scott & Skeeter Knolls

Taggart

Danny

Carl

Scott Knolls

Mr. und Mrs. Bennett

Lester

Sokowski

Taggart

Carl

Lester

Danny

Scott Knolls

Danny

Taggart

Scott Knolls

Taggart

Sokowski

Lester

Danny

Lester

Danny

Lester

Epilog

Danksagung

Ist das Leben nicht schön?

1984

Danny hatte Mindy schon einmal nackt gesehen, da waren sie beide acht Jahre alt gewesen, ewig her. Nur sie beide, auf dem Maisfeld hinter der Pickett’s Bowling Alley. Mindy hatte sich ausgezogen und stand in der kalten Winternacht zitternd da, wartete darauf, dass Danny dasselbe machte. Einen kurzen, verlegenen Moment lang betrachtete Danny ihren nackten Körper, und sein Blick huschte über all die Stellen, die normalerweise unter ihrer hochgekrempelten Jeans und der Flanellbluse verborgen waren. Sie hatte weiche, glatte Haut mit ein paar blauen Flecken und Schrammen an den Knien und Schienbeinen. Neugierig war er schon, aber es kam ihm falsch vor, ein nacktes Mädchen anzuschauen. Ihm wurde schwindlig. Sein Magen schnürte sich zusammen, so als hätte er zu viele Kaubonbons gegessen. Als Mindy sagte, jetzt sei er dran mit Ausziehen, wurde ihm noch schwindliger. Er wusste, dass er das nicht durfte. Wenn Onkel Brett es herausfand, konnte er sich auf was gefasst machen. Onkel Brett würde seinen Gürtel nehmen und Danny versohlen. Das wollte Danny nicht, er wollte nicht mehr versohlt werden. Deshalb rannte er so schnell er konnte weg, rannte durch das verdorrte Maisfeld und schlitterte über vereiste Pfützen, die dürren Maiskolbenblätter zerkratzten ihm Gesicht und Hals, aber er kam nicht weit. Bevor er es bis zur Bowlinghalle schaffte, hielten Mike Sokowski und Carl Robinson ihn auf und verdroschen ihn. Sokowski war der Gemeinere von den beiden. Schon damals.

Jetzt sah er Mindy also zum zweiten Mal nackt. Sie lag auf dem Boden des Trailers wie eine weggeschmissene Stoffpuppe. Er kniete neben ihr, die Hände im Schoß verschränkt, als würde er vor seinem Bett knien und beten. Aus einer Wunde an ihrem Hinterkopf sickerte Blut in den verschossenen Teppichboden, und ein paar Scherben ragten heraus. Mindys Beine waren seltsam verrenkt, die Arme über ihrem Kopf verschränkt, als wollte sie sich strecken. Beinah hätte Danny ihr die wirren blonden Haare aus dem Gesicht gestrichen, aber er hatte Angst, ihr in die halb geöffneten Augen zu sehen. Er hatte Angst, dass ihre Augen anders sein könnten als sonst. Nicht mehr strahlend und neugierig.

Sein Blick glitt über ihren reglosen schmalen Körper – die Beine, den Bauch, die Arme –, aber nicht die Augen, die mied er. Mindys Mund stand weit offen, als wäre er mitten im Gähnen erstarrt. Ihre beiden hübschen Schneidezähne waren abgebrochen, was ihre Eckzähne wie die eines Vampirs aussehen ließ.

Danny wiegte sich vor und zurück. Tränen und Rotz liefen ihm über die Lippen und tropften von seinem Kinn wie Wasser aus einem lecken Hahn. Er wartete, dass sie aufwachte. Wartete, dass sie sich wenigstens ein bisschen rührte. Vielleicht war sie ja nur schlimm verletzt. Aber Danny ahnte, dass sie mehr als verletzt war. Er hatte noch nie einen toten Menschen gesehen, außer im Fernsehen, aber die taten immer nur so, das wusste er. Seine beiden Eltern waren tot, aber auch die hatte er nicht gesehen, bevor sie in den Himmel kamen. Er hatte sich nicht von ihnen verabschieden können.

»Dir geht’s bald wieder gut, Mindy. Okay? Dir geht’s bald wieder gut.«

Mit seiner Linken umklammerte Danny ein kleines geschnitztes Rotkehlchen. Seine Hände waren riesig, fast wie die eines Footballspielers. Danny spielte allerdings weder Football noch machte er irgendeinen anderen Ballsport, weil er in so was nicht gut war.

Du bist viel zu lahm und ungeschickt, sagte Onkel Brett immer.

Dannys lange Finger schlossen sich um den Holzvogel und seine Nägel bohrten sich so fest in seine weiche, verschwitzte Handfläche, dass sie kleine Halbmonde darin hinterließen. Er starrte auf die Holzfigur, drehte sie hin und her, strich über den Schnabel, die Flügel, die Schwanzfedern, dann legte er sie neben Mindys Kopf und passte auf, dass nichts von dem Blut an den Vogel kam.

»Den hab ich dir zum Geburtstag geschnitzt. Hoffentlich gefällt er dir.«

Mindy antwortete nicht. Sie bedankte sich nicht für das Geschenk. Sie tat überhaupt nichts, außer in einer größer werdenden Pfütze ihres eigenen Bluts zu liegen.

Danny nahm eine alte babyblaue Häkeldecke vom Sofa und breitete sie über sie. Vorsichtig schob er die Kanten unter ihre Beine und Hüften, damit sie ganz bedeckt war. Den großen starren Augen wich er immer noch aus.

Danny war das erste Mal bei Mindy zu Hause. Sie kannten sich schon ewig, aber erst an diesem Abend hatte er allen Mut zusammengenommen, war die drei Meilen zu ihrem Trailer gegangen und hatte an ihre Tür geklopft – und dann war das passiert. So hätte es nicht sein sollen.

Er sah sich im Wohnraum und in der Küche des Trailers um – Mindys Zuhause. Alles hier gehörte ihr. Allerdings hatte er es sich ganz anders vorgestellt. Wie oft hatte er sich Mindys Zuhause ausgemalt. Wie es von innen aussah. Wie es roch. Wo sie frühstückte und Fernsehserien schaute und sich die Haare bürstete. Dutzende Male war er an ihrem Trailer vorbeigelaufen und hatte in der Hoffnung, dass sie den Kopf herausstreckte und ihn einlud, seinen Schritt verlangsamt. Er hatte sich vorgestellt, dass sie eine Limo zusammen tranken, ein paar Kekse oder Cracker aßen und plauderten, so wie Freunde eben miteinander plauderten. Aber es passierte nie, weil Danny für sich blieb, immer allein aß und weder den Karneval noch die Parade zum 4. Juli besuchte. Er ließ die Leute in Ruhe, weil es besser so war. Er war anders als die anderen. Das würde er immer sein – mittlerweile hatte er das eingesehen. Die meisten Leute starrten ihn einfach an oder wechselten auf die andere Straßenseite, wenn sie ihn auf dem Bürgersteig auf sie zukommen sahen. Aber Mindy war immer nett zu ihm. Sie lachte ihn nicht aus und gab ihm nicht das Gefühl, dass er dumm war. Sie behandelte ihn wie einen richtigen Menschen.

Danny hatte gedacht, dass in dem Trailer alles rosa wäre. Hübsche rosa Wände, rosa Vorhänge, rosa Möbel. Ein bisschen so wie ein Barbiehaus. Aber es war nicht alles rosa, und es sah auch überhaupt nicht wie ein Barbiehaus aus. Es gab Frauensachen, die er nicht in seinem Zimmer hatte. Plastikblumen in Töpfen mit künstlichen Schmetterlingen und künstlichen Marienkäfern auf Plastikblättern. Auf einem Fernsehtisch neben einem Sessel standen Fläschchen mit rotem und lila Nagellack. Über dem Sofa hing ein Bild vom Sonnenuntergang am Meer. Auf dem Sofatisch lagen stapelweise Frauenzeitschriften, und an einer Wand stand ein Regal mit lauter Büchern, wahrscheinlich über Frauen und die Sachen, die sie machten. Massenhaft Bücher, vor allem Taschenbücher. Danny hatte keine Bücher in seinem Zimmer.

Seine Knie fingen an wehzutun, aber er konnte sich nicht bewegen. Er würde sich nicht bewegen. Er wollte bei Mindy sein, falls sie aufwachte.

Du hättest nicht herkommen sollen, Danny.

Er hob den Kopf und sah sich im Trailer um, aber er war mit Mindy allein. Sonst war niemand da. Er erwartete auch nicht, jemanden zu sehen, weil er wusste, woher die Stimme kam. Er hatte sie lange nicht mehr in seinem Kopf gehört. Normalerweise wollte die Stimme ihm helfen, wenn er in Schwierigkeiten war oder Angst hatte. Nie wollte sie etwas von ihm. Er wartete, ob die Stimme noch etwas sagen würde. Dass sie ihm sagte, was er tun oder an wen er sich um Hilfe wenden sollte, aber es kam nichts mehr.

Danny war von der Stimme in seinem Kopf so abgelenkt, dass sein Blick versehentlich auf Mindys Augen fiel. Das war ein Fehler, aber es war zu spät. Kaum blickte er in ihre großen blauen Augen, konnte er nicht mehr wegsehen. Sie hielten seinen Blick fest, aber das Funkeln darin war verschwunden, und an ihren langen Wimpern hingen feine Blutstropfen. Mindy war nicht mehr da. Sie würde nicht mehr im Friedenshutten arbeiten. Sie würde ihm keine Eier mit Speck und Hash Browns mehr bringen und ihn nichts mehr fragen und ihm das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.

Ein leises Schluchzen entkam Danny. Es fing ganz tief in seinem Bauch an und drang über die trockenen, rissigen Lippen aus seinem Mund in die Totenstille des Trailers. So ein Geräusch hatte er noch nie aus sich herauskommen gehört. Sein Herz fühlte sich komisch an, als könnte es wie ein Ballon platzen, und sein Kopf war auf einmal ganz wattig. Normalerweise bemühte er sich, nicht zu heulen. Onkel Brett hatte immer gesagt, dass richtige Männer nicht wie kleine Babys heulten. Dieses Geräusch, das aus ihm kam, hörte sich wie das Klagen eines Kälbchens an, das seine Mama nicht fand. Das Schluchzen wurde heftiger, bis sein ganzer Körper davon geschüttelt wurde.

Lange kniete Danny weinend neben Mindy und wartete darauf, dass sie aufwachte. Darauf, dass sie aufstand und wieder lächelte.

Achtzehn Stunden zuvor …

Danny

Wie immer wachte Danny vor Sonnenaufgang auf. Er hätte gern länger geschlafen, aber es klappte nicht. Kurz bevor die Sonne über die Hügelkette der Endless Mountains im Norden der Stadt spitzte, öffneten sich seine Augen, und dann konnte er nicht wieder einschlafen, sosehr er sich auch anstrengte. Dabei war er viel lieber in seinen Träumen als dort, wo er jetzt war. In seinen Träumen war er sicher und glücklich, und die Leute darin behandelten ihn wie jeden anderen. An die meisten Träume erinnerte er sich kaum, aber die von dieser Nacht hatte er noch deutlich im Kopf. Er war noch klein, vielleicht fünf oder sechs, seine beiden oberen Schneidezähne fehlten, und weil er Geburtstag hatte, trug er einen roten Papierhut mit weißen Punkten. Er blies ganz fest die Backen auf, um die Kerzen auf dem großen Schokoladenkuchen auszupusten. Schoko mochte er am liebsten. Von den Kerzen mit den winzigen orangen Flammen tropfte heißes Wachs auf die Glasur. Seine Eltern waren da und sahen ihm breit lächelnd zu. Um ihn herum saßen ein Dutzend Kinder am Küchentisch und klatschten und lachten und beäugten den Schokokuchen mit den drei Schichten. Auf dem großen Tisch stapelten sich die Geschenke, die in schönes Geschenkpapier mit bunten Schleifen gewickelt waren. Die Geschenke waren alle für ihn. Sie waren von Freunden, die er nicht einmal kannte. Nachdem er alle Kerzen ausgepustet hatte, wachte er auf.

Ein paar Minuten lang lag er auf seiner dünnen Matratze, die Füße über den Bettrand ragend, und wünschte sich zurück in den Traum, damit er die Geschenke auspacken und sehen konnte, welche Spielzeuge es waren. Stattdessen schlug er in dem morgendlichen Dämmerlicht die Augen auf und sah die Baumschatten wie Marionetten über seine Zimmerdecke huschen und tanzen.

Danny überlegte, dass er genauso gut aufstehen könnte. Heute war ein großer Tag. Er stand auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und streckte sich ausgiebig, dann warf er einen Blick aus dem Fenster im ersten Stock. Er sah das träge dahinfließende dunkle Wasser des Susquehanna River, das sich über großen moosbedeckten Felsen kräuselte und am Ufer leckte. Es gefiel ihm, so nah am Fluss zu wohnen und sein Rauschen zu hören, aber er ging nicht ins Wasser. Nein, er ging nie ins Wasser.

Bald würde die Sonne aufgehen. Beim Anblick des hübschen rosa Himmels, der sich glitzernd in dem dahinfließenden Wasser spiegelte, lächelte Danny. Er konnte das Wort Susquehanna zwar nicht richtig aussprechen, aber sein Papa hatte ihm gesagt, dass es ein indianischer Name war, weil hier nämlich amerikanische Ureinwohner gelebt hatten, bevor die Siedler gekommen waren. Wyalusing hatte einmal M’chwihilusing geheißen, sagte sein Vater, was Danny ziemlich lustig fand. Seine Eltern hatten ihm eine Menge beigebracht, weil sie Lehrer waren und ziemlich schlau. Immerzu hatten sie dicke Bücher gelesen.

Danny tastete sich durch das Zimmer und knipste die Lampe an. Schwaches Licht erfüllte den kleinen Raum, in dem außer einem schmalen Bett, einem Schrank und einer Kommode vom Flohmarkt nicht viel stand. Die Wände waren nackt, und die Farbe war in großen Placken abgeblättert. Beinah stieß Danny mit dem Kopf an die niedrige Decke. Wenn eine Glühbirne durchbrannte, musste er sich nicht auf einen Stuhl stellen, um sie auszuwechseln.

Als er seine übliche grüne Arbeitshose und das grüne Flanellhemd, das über seinem Bauch spannte, anzog, fiel sein Blick in den Spiegel über der Kommode. Er hatte einen Stiernacken und breitere Schultern als die meisten Leute in der Stadt, aber Muskeln hatte er nicht. Er war dick und wabbelig, und die Kinder nannten ihn »Fettmops«. Sein dicker Bauch hing über den Hosenbund und machte es ihm schwer, die abgelatschten Arbeitsstiefel zuzuschnüren. Bei seinem letzten Besuch bei Doc Pete hatte ihm die Arzthelferin gesagt, dass er knapp hundertzwanzig Kilo wiege. Sie sagte, dass das zu viel sei und dass er mehr Obst und Gemüse essen und jeden Tag Sport machen solle. Er hatte genickt und gesagt, ja, klar, aber er aß nun mal gerne, und Sport machte er nicht gerne. Er wusste, dass man nicht lügen durfte, dachte aber, das sei weniger schlimm, als die Arzthelferin zu enttäuschen.

Nachdem er mit Mühe seine Stiefel geschnürt und einen Doppelknoten gemacht hatte, betrachtete Danny seine Sammlung handgeschnitzter Holztiere, die einen Ehrenplatz auf der Kommode hatte. Es waren vor allem unterschiedliche Vogelarten – Blauhäher, Spechte, Eulen, Spatzen –, aber es befanden sich auch zwei Eichhörnchen, zwei Schnecken, drei Hasen und eine Schildkröte darunter. Die Schildkröte mochte Danny am liebsten. Sie hatte den Kopf halb aus dem Panzer gestreckt, als würde sie nach Anzeichen von Gefahr Ausschau halten. Danny hatte ein kleines Lächeln auf das Gesicht der Schildkröte gemalt, obwohl er wusste, dass Schildkröten nicht lächelten. Sie hieß Rudy. Alle seine Tiere hatten Namen. Abgesehen von Mindy waren sie seine einzigen Freunde, und er sprach mit ihnen und tat so, als würden sie mit ihm sprechen, so wie Freunde es machten.

Danny trat an das zerkratzte Waschbecken mit dem rostigen Abfluss und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Seine hellroten Haare waren kurz geschnitten. Wie immer. Für drei Dollar verpasste ihm Mr. Colgrove alle drei Monate einen Bürstenschnitt und verteilte einen Spritzer Vitalis-Haarwasser darauf. Danny mochte den Geruch nicht, aber Mr. Colgrove sagte, es sei gut für seine Haare und außerdem würde er dadurch männlich riechen. Danny duschte oder badete nicht, weil er keine Badewanne hatte. Aber das machte nichts. Badewannen machten ihm sowieso Angst. Dafür wusch er sich jeden Abend mit einem Waschlappen, und wenn er es nicht vergaß, wusch er sich einmal in der Woche die Haare im Waschbecken.

Wie jeden Morgen seifte Danny sein Gesicht mit einem Rasierpinsel ein. Der Rasierpinsel und das Rasiermesser hatten einmal seinem Papa gehört und davor seinem Granddaddy. Granddaddy war in den Himmel gekommen, als Danny noch in den Windeln gesteckt hatte. Danny hatte keine Familienfotos und erinnerte sich nicht, wie sein Granddaddy ausgesehen hatte. Wie sein Papa ausgesehen hatte, wusste er dagegen noch. Er hatte ihm immer zugesehen, wie er sich frühmorgens im Badezimmer rasierte. Wie er sein Gesicht mit dem Rasierpinsel einseifte und den Kopf zuerst nach links und dann rechts neigte, während er mit dem Rasiermesser über die Haut fuhr, bis sie so weich wie ein Babypopo war. Der Rasierpinsel und das Rasiermesser waren das Einzige, was er von seinem Papa hatte. Alles andere hatte Onkel Brett in den Müll geworfen. Danny seifte sich schön dick ein und stellte sich vor, er sei der Weihnachtsmann, der sich nach Weihnachten den Bart abrasierte. Er nahm das Rasiermesser und fuhr sich damit über die Wangen, so wie sein Papa es gemacht hatte. An den Seiten passte er besonders auf – er mochte keine Koteletten. Sie kitzelten und juckten.

Dann setzte er sich auf das ungemachte Bett und zog eine Schuhschachtel darunter hervor. Er öffnete den Deckel und holte sein Schnitzwerkzeug heraus. Zwei Schnitzmesser, unterschiedlich große Meißel und mehrere Stücke benutztes Sandpapier, das er in Farley’s Haushaltswarengeschäft gekauft hatte. Das alles breitete er neben sich aus, dann nahm er ein Stück Fichtenholz, das schon grob die Form eines Vogels hatte. Kopf und Schnabel waren fertig, aber am Rumpf und an den Flügeln musste er noch arbeiten.

Mit seinen dicken Fingern, deren Nägel bis zu den Fingerspitzen abgekaut waren, strich Danny über das Holz und schnitzte und schliff geschickt daran herum. Die feinen Späne pustete er weg und fuhr vorsichtig über die Flügelflächen. Stemmte und schliff noch ein wenig weg und schuf so nach und nach die Federn. Die zarte Vogelgestalt trat immer deutlicher hervor und sah in Dannys Pranken winzig und zerbrechlich aus, so als hielte er ein aus dem Nest gefallenes Küken.

Wie immer vergaß er beim Schnitzen die Zeit. Gedankenverloren arbeitete er an seinen hölzernen Tierfreunden und dachte nicht mehr daran, wer und was er war. Die winzigen Wesen machten sich nie über ihn lustig oder lachten ihn aus, weil er so seltsam sprach. Sie nannten ihn nie fett und blöd. Sie fanden ihn nett und würden niemals etwas Gemeines über ihn sagen.

Den Vogel, an dem er gerade werkelte, würde er Mindy nennen. Mindy das Rotkehlchen. Danny schnitzte das Rotkehlchen Mindy für seine Freundin Mindy zum Geburtstag, weil Rotkehlchen schlau waren und ein bisschen vorwitzig. Genau wie Mindy.

Sein Magen knurrte, aber das Frühstück musste warten. Erst musste er noch etwas erledigen. Danny legte den unfertigen Vogel zurück in die Schuhschachtel und schob sie unters Bett, dann schlurfte er aus seinem kleinen Zimmer.

Danny stapfte die schmale Treppe hinunter und knipste die Neonröhren im Wash ’N Dry Laundromat an. Nach kurzem Flackern brannte das Licht gleichmäßig und ließ den polierten Linoleumboden schimmern. Ein Dutzend quietschgrüne Waschmaschinen und Trockner reihten sich an der Wand des Waschsalons aneinander, dazu ein Getränkeautomat und ein Waschmittelspender, der neben der kleinen Toilette stand.

Danny holte einen Eimer aus der Toilette, ließ kochend heißes Wasser hineinlaufen und goss ein wenig Reinigungsmittel dazu, das den Raum richtig frisch und sauber riechen lassen würde. So wie Mr. Bennett es ihm gezeigt hatte, wischte er den Boden langsam und gründlich. Mr. Bennett hatte Danny mehrmals vormachen müssen, wie man den Waschsalon auf- und zuschloss, bis Danny es heraushatte. Nachdem er den Boden gewischt hatte, sah er in jede Waschmaschine und jeden Trockner, um sich zu vergewissern, dass niemand etwas vergessen hatte. Das hatte Danny am Abend zuvor zwar schon mal gemacht, aber sicher war sicher. Dann wischte er den Staub und die Fussel von den Maschinen ab, sah nach, ob im Getränkeautomaten keine Sorten fehlten und ob der Waschmittelspender gefüllt war. Mr. Bennett wurde immer fürchterlich sauer, wenn Danny nicht aufpasste und irgendetwas fehlte, weil er mit den Getränken gutes Geld verdiente, wie er sagte. Wenn etwas fehlte, füllte Mr. Bennett es auf, und er leerte auch den Münzsammelbehälter.

Das Geld rausholen ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, Danny. Besser, wenn ich das mache. Nicht dass du das Geld verlierst oder eins von den Kids es dir klaut. Du machst den Waschsalon sauber und sperrst abends ab. Punkt elf Uhr. Vergiss mir das nicht.

Danny fand, dass Mr. Bennett recht hatte – eigentlich hatte er mit allem recht. Mr. Bennett war alt und faltig wie ein Opa und sagte immer: Mit dem Alter kommt die Weisheit. Manchmal fragte sich Danny, ob er auch weise sein würde, wenn er alt und faltig war. Wahrscheinlich nicht, dachte er, aber er hoffte, dass er wenigstens nicht dümmer werden würde, als er es sowieso war.

Dafür, dass er den Waschsalon sauber hielt und auf- und zusperrte, bekam Danny fünfzig Dollar die Woche und das Zimmer im ersten Stock. Mr. Bennett hatte ihm versprochen, solange er seine Arbeit gut machte und die Leute einen Waschsalon brauchten, würde er eine Bleibe und ein bisschen Geld zum »Verjuxen« haben, wie Mr. Bennett es nannte. Danny arbeitete hart und gab sich Mühe, nichts falsch zu machen. Hin und wieder schaute Mrs. Bennett im Waschsalon vorbei, und wenn es im Winter in Pennsylvania besonders kalt war, brachte sie ihm eine zusätzliche Decke oder Wollsocken. Einmal hatte sie ihm einen blau-gelben Schal gestrickt, aber den hatte Danny verloren. Er verlor dauernd was. Wenn Mr. Bennett montags zum Geldabholen kam, brachte er Danny jedes Mal eine Dose mit selbst gemachten Keksen oder Toffee von der Missus mit. Sie schmeckten toll, und Danny aß alles auf einen Rutsch auf, auch wenn er sich immer zu bremsen versuchte.

Seit Onkel Brett gestorben war, war das Wash ’N Dry sein Zuhause. Er war damals noch ein Teenager gewesen, vielleicht sechzehn oder siebzehn. Onkel Brett war lange krank gewesen, bevor er in den Himmel kam, und er war noch nicht alt, als er starb, anders als die meisten Leute, wenn sie starben – er war ungefähr so alt, wie Danny jetzt war. Am Schluss war er ziemlich dünn und hatte das meiste Essen wieder ausgespuckt, und irgendwann lag er nur noch im Bett, das nach Pisse und dem anderen roch. In seinen letzten Monaten redete er dauernd mit sich selbst oder heulte. Danny brachte ihm Dosentomatensuppe und Salzcracker ans Bett und fütterte ihn. Manchmal wusste Onkel Brett nicht, wer er war, und schrie, er solle aus seinem Trailer verschwinden. Er warf alles von seinem Nachttischchen und spuckte Danny das zerkaute Essen in die Haare. Einmal nahm er die Suppenschüssel und goss sie über Danny aus, sodass Danny üble Brandblasen an den Armen und Händen hatte. Manchmal verwechselte er Danny auch mit Dannys Vater. Dann nannte er ihn Hank und weinte, weil er nicht sterben wollte. Er umarmte Danny mit seinen mageren bleichen Armen, die einmal stark und braun gewesen waren. Bevor Onkel Brett krank geworden war, hatte er Danny nie umarmt. Der Husten von Onkel Brett klang immer schlimmer, und das Rasseln in seiner Brust war im ganzen Trailer zu hören. Mit diesem Geräusch schlief Danny abends ein und wachte morgens damit auf. Bis Onkel Brett eines Morgens aufhörte zu husten.

Mr. Bennett sagte, dass Onkel Brett zu viel geraucht und getrunken hatte und dass er deswegen gestorben war. Danny verstand nicht, warum jemand rauchte und trank. Zigaretten rochen ekelhaft und kosteten viel Geld, und Alkohol brachte die Leute dazu, sich seltsam zu verhalten. Wenn Onkel Brett trank, wurde er noch gemeiner, als er sowieso schon war. Andere Leute wurden fröhlich und albern, wenn sie Bier und Whiskey tranken, aber Onkel Brett nicht. Wenn er Danny nicht anbrüllte oder schlug, wurde er ganz still und schaute Jagd- und Angelsendungen im Fernsehen an und trank dabei weiter.

Danny ging ein letztes Mal durch den Waschsalon, um zu schauen, ob alles an seinem Platz war und für den Tag vorbereitet. Es sah gut aus, also sperrte er die Eingangstür auf und ging frühstücken.

Auf der zu dieser frühen Stunde ruhigen Main Street von Wyalusing lag eine leichte Schneedecke. Der ungefähr fünfhundert Meter lange Abschnitt mit den Geschäften war geräumt, und am Straßenrand hatte sich mit Asche und Zigarettenkippen vermischter schwärzlicher Schneematsch gesammelt. Die dunklen Wolken am Himmel drohten mit weiterem Schnee.

Auf der Main Street wohnten nur wenige Leute. Die meisten Wohnhäuser standen an der Front Street und der Church Street, große zweigeschossige Gebäude im Queen-Anne-Stil mit Veranden, die sich über die gesamte Vorderseite erstreckten, und steilen Dächern mit Biberschwanzziegeln. In jedem Vorgarten stand entweder ein roter Ahorn oder eine Schwarzbirke. An einigen hing von einem der niedrigeren Äste eine Schaukel. Früher einmal mochten diese Häuser wahre Schmuckstücke gewesen sein, aber jahrelange Vernachlässigung und harte Winter hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Dächer und Veranden hingen durch, die Rasenflächen waren von den Pick-ups, die vor den Häusern abgestellt wurden, durchpflügt.

In der Stadt gab es zwei Kirchen – eine für die Methodisten und eine für die Presbyterianer –, und beide standen an der Church Street. Auch eine alte Bibliothek aus dem Jahr 1902 befand sich dort. Die Grundschule, die Highschool und das Postamt lagen ein paar Blocks entfernt.

Es gab keine Ampeln, nur Stoppschilder an den größeren Kreuzungen. Die meisten waren von Schrotkugeln durchlöchert oder eingedellt. Aber die Leute achteten sowieso nicht auf die Verkehrszeichen.

Die meisten der rund ein Dutzend Läden und Geschäfte an der Main Street hätten einen neuen Anstrich gebraucht. Donna’s Neat Threads, Colgrove’s Barbershop, eine Shell-Tankstelle, Red’s Tavern, die First National Bank und Flick’s Video hatten zusammen mit einigen anderen Läden ihre Pforten für immer geschlossen. Iris’s Gifts and More war letztes Jahr ausgebrannt und seither geschlossen. Über die verrußten Fensterrahmen waren Spanplatten genagelt, und ein paar Kids hatten schweinische Zeichnungen von Frauen auf dem Holz hinterlassen. Danny kannte die Kritzeleien, senkte beim Vorübergehen aber den Blick, weil sie so schmutzig und gemein waren. Er schlurfte den Gehsteig entlang, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Wieder hatte er vergessen, Jacke und Mütze anzuziehen. Wenn er Hunger hatte, vergaß er alles andere. Er überlegte, dass er sich heute Morgen eine heiße Schokolade bestellen würde, aber er würde Mindy zuerst seine Dollarscheine und Münzen zeigen, damit sie das Geld zählte, um sicherzugehen, dass er es sich leisten konnte.

Ein Kombi mit einem toten Reh auf dem Dach rumpelte die Straße entlang. Die Jäger, Vater und Sohn, trugen beide orange Jagdwesten und orange Kappen und starrten Danny an, als sie an ihm vorbeizockelten. Danny lächelte und winkte, so wie er den Einwohnern immer zuwinkte, und der Junge winkte zurück, bis sein Vater seinen Arm packte und nach unten zog.

Smitty’s Gun Shop wurde gerade aufgesperrt. Im Schaufenster waren in einer langen Reihe Jagdgewehre ausgestellt. Danny verlangsamte seinen Schritt und warf aus sicherer Distanz einen Blick hinein. Jagen gefiel ihm nicht besonders. Wegen des Tötens. Einmal hatte ihn Onkel Brett auf die Jagd mitgenommen, da war er zwölf gewesen. Mit zwölf bekamen alle hier ein Gewehr und wurden in den Wald geschickt. Danny erinnerte sich, dass ihm das laute Knallen und der scharfe Schwarzpulvergeruch nicht gefallen hatten. Onkel Brett hatte ihn gefragt, ob er auch einmal schießen wollte, aber Danny hatte den Kopf geschüttelt. Onkel Brett hatte einen Zwölfender erlegt und schien sich über das mächtige Geweih zu freuen – drei-, viermal zählte er die Enden, um sicherzugehen, dass er sich nicht verzählt hatte. So glücklich hatte er seinen Onkel noch nie erlebt. Onkel Brett lächelte breit und versuchte Danny sogar dazu zu bringen, den toten Hirsch anzufassen.

Na komm schon, Junge, fass mal an.

Der Hirsch war noch warm. Danny erinnerte sich, wie er das tote Tier angesehen und gedacht hatte, dass es gerade eben noch gelebt hatte und gesund und munter im Wald herumgesprungen war. Jetzt sprenkelte dunkles Blut die weiße Schneeverwehung, wo der Hirsch zusammengebrochen war. Aus dem schaumigen Maul ragte eine rosa Zunge, und die Augen waren starr und weit aufgerissen. Onkel Brett grinste stolz, als er sich hinunterbeugte, um ihn an Ort und Stelle aufzubrechen. Er stieß sein Jagdmesser in das Brustbein des Hirschs und schlitzte ihn bis zum Schwanz auf. Als die Haut auseinanderklaffte und dampfende Eingeweide in den Schnee quollen, fing Danny an zu heulen. Onkel Brett hörte augenblicklich auf zu lächeln.

Herrgott noch mal, Danny. Es ist doch nur ein blöder Hirsch. Sei nicht so weibisch!

Damals wusste Danny noch nicht, was weibisch war, aber er wusste, dass er es nicht sein sollte. Onkel Brett hatte ihn nie wieder auf die Jagd mitgenommen.

Danny riss seinen Blick von Smitty’s Gun Shop los und ging weiter. Er kam an EB’s Market vorbei. Eilig trat eine Frau ein, Lockenwickler in den Haaren, eine lange Daunenjacke eng um sich gewickelt. Danny versuchte sich zu merken, dass er auf dem Heimweg Bohnen mit Speck mitnehmen musste. Man bekam zwei Dosen für einen Dollar und sie machten einen pappsatt.

Von der Main Street bog er nach links in die Prospect Street ein. Weiter vorne war das Friedenshutten, in dem man Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekam. Das Schild über der Tür versprach Gutes Essen für wenig Geld. Ein halbes Dutzend schneeverkrustete, rostfleckige Autos und ein paar Zugmaschinen hatten sich auf den kleinen Kiesparkplatz gequetscht. Danny stampfte den Matsch von seinen Stiefeln und trat ein.

Mindy

Das Glöckchen über der Eingangstür bimmelte, und alle Gäste drehten sich um, als Danny eintrat. Zwei alte Farmer, die mit krummem Rücken und gesenktem Kopf in der ersten Nische saßen, murmelten sich hinter den an die Lippen gehobenen Kaffeebechern etwas zu. Die beiden Farmer saßen jeden Tag in dieser Nische, und jeden Tag, an dem Danny hereinkam, drehten sie den Kopf von ihm weg und flüsterten sich etwas zu.

Mindy war gerade mit dem Auffüllen der Salzstreuer beschäftigt und beobachtete die Szene vom Tresen aus. Verärgert über die alten Stinkstiefel schüttelte sie den Kopf.

Leute, echt. Man könnte meinen, Frankensteins Monster sei reingekommen.

Mindy hatte ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihre Augen funkelten wie blaue Edelsteine. Sie wirkte müde, lächelte die Gäste aber trotzdem freundlich an, während sie die Salzstreuer auf den Tischen gegen die frisch aufgefüllten austauschte. Um Mund und Augen hatte sie ein paar Raucherfalten, aber sie gab sich keine Mühe, sie zu überschminken. Ihre Kellnerinnenuniform saß eng, weil ihr und den männlichen Gästen das gefiel. Die weiblichen Gäste mochten es weniger. Mindy wusste, dass sie vielleicht ein bisschen viel flirtete, aber es war unschuldig und freundlich gemeint, und außerdem verhalf es ihr zu mehr Trinkgeld.

Sie beobachtete den armen Danny, der mit gesenktem Blick zu seinem üblichen Platz trottete – der letzte Barhocker an dem langen Frühstückstresen. Er ließ sich draufplumpsen, verschränkte die mächtigen Hände im Schoß und wartete.

Der Gute. Immer geduldig, dachte Mindy.

Danny musste die laminierte Speisekarte, die zwischen einem Serviettenspender und einer Ketchupflasche eingeklemmt war, nicht zurate ziehen, und auch Mindy wusste, was er bestellen würde – es war immer dasselbe. Sie setzte ein breites Lächeln auf und ging zu ihm. »Da ist ja das Geburtstagskind!«

Beim Klang von Mindys Stimme hob Danny den Kopf und lächelte, aber sein Blick huschte unruhig herum und wich ihrem aus.

»Wie alt wirst du eigentlich, Danny? Und nicht schwindeln, ja?«

Grinsend schüttelte Danny den Kopf. »Weiß nicht.«

»Ach, das glaub ich dir nicht. Wir haben doch am selben Tag Geburtstag.« Sie beugte sich zu ihm vor. »Aber wir verraten nicht, wie alt wir sind«, flüsterte sie. »Wir tun einfach so, als wären wir immer noch neununddreißig, ja?«

»In Ordnung. Neununddreißig«, erwiderte Danny breit grinsend.

Mindy griff unter die Theke, zog ein Beutelchen Swiss Miss hervor und ließ es zwischen den Fingern baumeln. »Wie wär’s mit einer heißen Schokolade? Geht auf mich.«

Danny bekam rote Backen. So viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt. »Das musst du nicht«, sagte er leise.

»Müssen tu ich gar nichts. Aber ich will.« Mindy goss heißes Wasser in einen Becher und schob ihn vor Danny. »Hier bitte. Happy Birthday.«

»Was sehen meine entzündeten Augen denn da! Ich sollte ein Foto von euch beiden Turteltäubchen schießen, damit ich’s mir übers Sofa hängen kann«, sagte Mike Sokowski kichernd, als er zum Tresen trat und sich auf den Hocker neben Danny schwang. Er nahm den Deputy-Hut ab und strich sich durch die langen schwarzen Haare, die ihm bis auf die breiten Schultern reichten. Gestrüppartig wucherte der lange dichte Bart fast bis zu den Augen hoch. Er grinste Mindy an und strich sich über den von grauen Strähnen durchzogenen Bart. Sokowski gab sich keine Mühe, das Blumenkohlohr links zu verbergen, einen kleinen knorpeligen Knoten aus bräunlicher Haut. Im Gegenteil, er schien es wie eine Trophäe zu präsentieren.

»Mir hast du noch nie ’ne heiße Schokolade zum Geburtstag spendiert.«

Mindy sah ihn finster an, das Lächeln war wie weggewischt. »Das liegt dran, dass du nicht nett bist und nichts Nettes verdienst.«

»Ach Mist. Das hast du mir nie gesagt, als wir zusammen waren. Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich dich sogar immer mit einem glücklichen Lächeln zurückgelassen.«

Mindy ignorierte sein selbstgefälliges Grinsen und wischte ein paar Marmeladenkleckse vom Tresen. »Tja, jeder kann sich mal irren.«

Sokowski, der ihr Unbehagen ganz offensichtlich genoss, kicherte erneut. »Was hältst du davon, wenn wir uns heute Abend im Hotel treffen? Geht auf mich.«

»Vergiss es. Außerdem hab ich was Besseres vor.« Ohne zu fragen, schenkte sie Sokowski Kaffee ein.

»Mann. Hör mal auf, Gift zu verspritzen.«

»Tja, jeder kriegt, was er verdient.«

»Also hör mal. Da komm ich extra, um dir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen.«

Mindy musterte ihn misstrauisch. »Ernsthaft? Du erinnerst dich an meinen Geburtstag?«

»Ja klar. Hab sogar ein Geschenk.« Er schlürfte ein paar Schluck von seinem Kaffee.

»Ein Geschenk?« Gegen ihren Willen blitzte Hoffnung in Mindy auf. Vielleicht steckte in Sokowski ja doch ein netter Kerl.

»Logisch. Hab’s mit dabei, in meiner Unterhose.« Er schnaubte und trank noch einen Schluck.

»Mike. Du bist ein Arschloch.«

»Mein Gott, war nur Spaß. Ich würd dich ehrlich gern ausführen. Mit allem Pipapo. Wein und Kerzen und so.«

»Wie gesagt, ich hab keine Zeit.«

»Klar. Rabattcoupons ausschneiden und Nägel lackieren, was?«

Mindy schüttelte nur den Kopf. »Willst du was frühstücken oder nicht?«

»Dreimal darfst du raten. Wegen der netten Gesellschaft bin ich jedenfalls nicht hier. Pack mir ein Spiegeleisandwich ein. Aber sag Pat, er soll es ausnahmsweise mal nicht totbraten. So schwer kann das doch nicht sein, oder? Das könnte selbst der liebe Danny.«

Kopfschüttelnd ging Mindy in die Küche. Sokowski richtete seine grünbraunen Augen auf Danny. Danny spürte den Blick, hielt aber die Augen gesenkt und trank seine heiße Schokolade. Er verbrannte sich die Zunge daran, ließ sich jedoch nichts anmerken.

Sokowski zündete sich eine Zigarette an und spielte mit dem Zippo, knipste es an und aus und ließ dabei Danny nicht aus den Augen. Nach einer Weile sprach er wieder.

»Was ist los, Danny?«

»Nichts.«

»Nichts? Muss nett sein, wenn nichts los ist, Danny. Keine Sorgen. Keine Probleme. Nur essen, schlafen, scheißen. Schönes Leben.«

Danny zuckte mit seinen fleischigen Schultern. »Weiß nicht.« Er sah in die Küche, wo Mindy zugange war, und wünschte, sie würde wieder rauskommen. Er war nicht gern mit Deputy Sokowski allein.

»Du magst sie, was?«, fragte Sokowski.

Danny starrte in seinen Becher.

»Nicht so schüchtern, Danny-Boy. Ich mag Frauen auch, aber man muss sich in Acht nehmen. Bei den Weibern steigt man nie durch. Ständig jammern und schimpfen und quasseln sie über irgendeinen Scheiß, der dir komplett am Arsch vorbeigeht, aber du bist trotzdem ganz Ohr, damit du endlich zum Zug kommst. Weißt du, was ich mein?«

Danny wusste nicht, was er meinte, nickte aber trotzdem, weil er glaubte, dass das von ihm erwartet wurde.

»Warst du schon mal mit einer in der Kiste, Danny?« Grinsend strich Sokowski sich über den Bart.

Danny erwiderte nichts.

»Mal sehen, ob wir da nicht was machen können. Scheiße, irgendjemand muss sich doch um den kleinen Piepmatz in deiner Hose kümmern.« Sokowski lachte bei dem Gedanken und trank einen Schluck von seinem Kaffee.

Mindy kehrte mit einem Teller Rührei, Speck und Hash Browns zurück, dazu eine Frühstückstüte für Sokowski.

»Hör auf mit dem Mist, Mike. Bring ihn nicht auf falsche Gedanken.«

»Danny und ich führen nur ein Gespräch unter Männern. Stimmt doch, Danny, oder?«

Danny schaufelte stumm sein Frühstück in sich hinein.

»Schau dir mal an, wie der kleine Scheißer durch den Teller pflügt! Der kann ganz schön was verdrücken.«

»Echt jetzt, warum kannst du nicht einfach mal ganz normal nett sein? Danny ist ein lieber Kerl. Was man von dir nicht gerade behaupten kann«, sagte Mindy und bedachte Sokowski mit einem eiskalten Blick.

»Scheiße noch mal. Meinetwegen kann er dich haben.« Sokowski trank noch einen Schluck von seinem Kaffee und setzte seinen Deputy-Hut auf. Dann klatschte er einen Fünfdollarschein auf den Tresen und nickte Mindy zu.

»Wir sehen uns, Little Miss Sunshine.« Sokowski stand auf und schlug Danny auf den Rücken. »Denk dran. Kümmer dich um deinen kleinen Piepmatz, Danny-Boy.«

Auf dem Weg nach draußen packte Sokowski wieder seinen Charme aus und nickte den Leuten lächelnd zu. An dem Tisch neben der Tür blieb er stehen und tätschelte einem der alten Farmer die Schulter.

»Na, nerven dich die Waschbären immer noch, Merle?«, fragte er den älteren der beiden.

Merle nickte bedächtig. »Kann man wohl sagen. Gestern früh hab ich zwei von den Mistviechern im Hühnerhaus erwischt. Haben drei von meinen Hennen totgebissen und fast ein Dutzend Eier verdrückt.«

Sokowski zupfte kurz an seinem Bart, dann tätschelte er erneut Merles Schulter. »Ich sag dir was. Ich schau morgen oder übermorgen mit meinem Gewehr und einer Ladung 30-06 bei dir vorbei und kümmer mich drum. Wie hört sich das an?«

Merle kicherte kurz. »Das gäb ’ne Riesensauerei. 4-10 sollt auch reichen.«

»4-10 ist Weiberkram, Merle.«

Merle kicherte noch mal. »Wär jedenfalls gut, wenn du kommst, Deputy. Meine Augen taugen nichts mehr.«

»Immer gern, Merle. Immer gern.«

Sokowski tippte an seine Hutkrempe, um sich von Dotty, der anderen Kellnerin zu verabschieden, und sie erwiderte sein Lächeln. Er hielt die Tür für ein hereinkommendes altes Paar auf, dann war er weg.

»Manches ändert sich einfach nie«, sagte Mindy vor allem zu sich selbst, bevor sie sich wieder Danny zuwandte und sah, wie schnell er sich das Rührei in den Mund schaufelte. Sie legte die Hand auf seine Schulter. »Hör nicht auf ihn. Ja?«

Danny hielt den Kopf gesenkt und tunkte mit einem Stück Toast Eigelb auf.

»Einige Leute hat er einfach auf dem Kieker. Das weißt du, oder? So ist er immer schon gewesen und so wird er immer sein.« Mindy merkte, dass Danny nicht richtig zuhörte. »Danny.« Sie sprach mit fester Stimme, so wie eine große Schwester mit ihrem kleinen Bruder, der auf dem Spielplatz gehänselt wurde. »Lass dich nicht von ihm ärgern. Okay? Bleib, wie du bist. Ich mag dich so.«

Endlich nickte Danny. »Okay, Mindy.«

Ihr breites Lächeln wirkte auf einmal gezwungen. Sie wusste, dass sie ihren eigenen Rat befolgen sollte. Weil sie sich nämlich immer von Mike ärgern ließ.

Sokowski

Sokowski fuhr mit seinem 1981er Chevy C10 Pick-up den langen Kiesweg entlang. Die XXL-Reifen rauschten über die Schlaglöcher, als wären sie nichts. Der Wagen war erst zwei Jahre alt, und Sokowski hatte einen Langhubmotor mit 450 PS, eine geschmiedete Kurbelwelle, Hochleistungskolben und neue Kurbelwellenlager einbauen lassen, und das Zeug war jeden Penny wert. Sokowski mochte sein Baby. Der Chevy ließ locker jeden Ford oder Dodge stehen – von diesen ausländischen Blechbüchsen gar nicht zu reden. Der Achtzylindermotor heulte auf, als er neben die verwitterte Scheune fuhr. Sie war einmal in einem stolzen Rot gestrichen gewesen, und sein Vater, mittlerweile seit fünfundzwanzig Jahren tot, würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, wie heruntergekommen sie inzwischen aussah, aber Sokowski hatte Gründe, sie nicht zu streichen. Er wollte keine unnötige Aufmerksamkeit darauf lenken. Eine verfallene Scheune interessierte kein Schwein. Es machte den Eindruck, als wäre sie leer und ungenutzt, und genau das wollte er.

Außerdem war es Sokowski schnurzpiepegal, was sein Vater gedacht hätte. Als er sich wie ein Feigling aus dem Leben davongestohlen hatte, hatte er auch keinen Gedanken an Sokowski verschwendet. Sein Alter war ein Jammerlappen und ein Weichei gewesen und außerdem ein lausiger Farmer. Jedenfalls würde er nicht so werden wie der. Nicht so ein Haufen Scheiße.

Sokowski klopfte eine Marlboro aus dem Softpack, steckte es zurück in seine Brusttasche und zündete die Zigarette an, sog den Rauch tief ein. Die Zigarette im Mundwinkel, holte er eine Halbliterflasche Wild Turkey aus dem Handschuhfach und tauschte Zigarette und Flasche aus. Er nahm einen großen Schluck, der angenehm in seiner Kehle brannte. So angenehm, dass er gleich noch einen Schluck nahm.

Das Frühstück von Champions.

Er blickte auf sein durchgeweichtes Eisandwich und musste bei dem Gedanken an Mindy grinsen. Freches Stück. Loses Mundwerk, aber scharfe Kurven, das musste er ihr lassen. Supertitten. Der Hintern war vielleicht ein bisschen zu dick, aber auch nicht schlecht. Außerdem eine Granate im Bett. Ein paar Drinks, und dann ging’s ab. Sie mochte es gerne hart. Genau seine Kragenweite. Und wenn sie einem ihre Fingernägel in den Rücken bohrte, blieben ein paar ziemlich tiefe Kratzer zurück.

Mindy hatte ihre On-off-Beziehung mal wieder beendet, aber sie würde garantiert auch wieder angekrochen kommen. Wenn man es einer Frau gut besorgte, kam sie immer zurück und bettelte um mehr. Und er würde sie zurücknehmen. Warum auch nicht? Er hatte im Laufe der Jahre mit haufenweise Weibern gevögelt, und sie war mit Abstand die Beste, ohne Übertreibung. Er musste ihr nur ein bisschen schöntun, dann hatte er sie wieder in der Kiste.

Beim Aussteigen pfiff er selbstzufrieden vor sich hin. »Camptown Races« war ein echter Ohrwurm. Camptown selbst war ein Drecksloch ungefähr zehn Meilen vor Wyalusing. Er hasste den Ort und die Trottel, die dort wohnten – ein Haufen alter Rentner, die sich mit ihren blöden Gartenzwergen und Vogelbädern im Garten für was Besseres hielten –, aber der Song gefiel ihm. Mit dem entschlossenen Schritt eines Mannes, der stets kriegte, was er wollte, machte er sich weiterhin fröhlich pfeifend auf den Weg zur Scheune. Beim Scheunentor angekommen, bemerkte er den grünen Pinto, der neben dem Gebäude stand.

»Verdammter Schwachkopf.« Er schnippte seine Zigarette in den Schnee, dann ging er hinein.