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Der Rentner Max steht am Flughafen und liest in der Bild, dass in China die Hunde ihre Besitzer beißen. Er fliegt nach Namibia, um auf einer Rinderfarm einen vierwöchigen Urlaub zu verbringen. Dort verfolgt Max, wie sich auf dem Globus der Wahnsinn ausbreitet, der schließlich auch die Farm überrollt.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2025
Hans Joachim Gorny
Tierreich versus Menschheit
Ein Katastrohenroman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Des Menschen bester Freund
2 Urlaub
3 Jäger
4 Die Lehrerin
5 Es kommt näher
6 Katy und Stefan
7 Der Schock
8 Handzahm
9 Okahandja
10 Die Giraffe
11 Krankentransport
12 Exodus
13 Kopf und Kragen
14 Elektrozaun
15 Milch
16 Der Zoo
17 Omajova-Pilze
18 Ein Unimog
20 Hühner
21 Der göttliche Eingriff
22 Watusis
23 Im Container
24 Drei Jahre später
24 Drei Jahre später
Impressum neobooks
Maximilian Waliser wandert durch den Frankfurter Flughafen Richtung Terminal 1. Wie immer, ist er drei Stunden zu früh. Sicher ist sicher. Das liegt an der deutschen Bahn. Mit den Verspätungen, die schon lange zum Wesen der deutschen Bahn gehören, könnte er noch leben. Aber das größere Risiko, zu spät zu kommen, sind die Zugausfälle aufgrund des Personalmangels. Wenn man was für die Umwelt machen und den Zug nehmen will, sollte er zumindest fahren. Aber das scheint heutzutage nicht mehr selbstverständlich zu sein. Deshalb fährt Max so frühzeitig los, dass er drei bis vier Stunden vor Abflug am Airport ankommt.
Dort wo er wohnt gibt es nicht einmal einen Bahnhof. Auch keine Autobahn oder Bundesstraße. Nur Dörfer und Hügel. Und das im dichtbesiedelten und hochentwickelten Deutschland. Wenn Max zum Flughafen Frankfurt will, braucht er jemanden, der ihn zum nächsten Bahnhof fährt, und der befindet sich in der Kreisstadt. Seine Söhne wohnen weit weg, seine Frau arbeitet noch und ist immer sehr eingespannt. Außerdem stinkt es ihr, dass ihr Mann nun Rentner ist und das voll ausnützt, denn Max fliegt zum ersten Mal für vier Wochen weg, und das in beider Traumland Namibia. Zum Bahnhof gefahren hat ihn ein Kamerad aus seiner Sportgruppe.
Max gibt sein Gepäck auf, das aus einer Reisetasche besteht, die für einen vierwöchigen Urlaub zu wenig Volumen hat. An seinem Aufenthaltsort wird er nur T-Shirts, Unterhosen und Shorts benötigen, die er waschen lassen - oder auf die Schnelle selber waschen kann. Zeit dafür findet sich immer. Die Wanderschuhe hat er an, die warme Jacke hat am Zielort ausgedient, es ist Anfang März und auf der Südhalbkugel unter Umständen noch unmenschlich heiß. Sein Bordgepäck ist eine Umhängetasche, in der sich der Fotoapparat, das Fernglas, ein Tolino, eine Plastikflasche und Zahnputzzeug befinden.
Er geht zu der Sicherheitskontrolle, die sich in den letzten Jahrzehnten, seit er das erste Mal nach Afrika geflogen war, unglaublich verschärft hat. Zu diesem frühen Zeitpunkt muss er nicht anstehen. Aber er muss drei Mal durch den Metall-Detektor, bis er in einer seiner vielen Hosentaschen den Ehering findet, den er zuhause abgezogen und beiläufig eingesteckt hat. Mit der Umhängetasche steuert er die Toiletten an, um seine leere Cola-Plastikflasche mit Wasser zu füllen. Das gute heimische Kalkwasser darf man ja nicht, wie alle Flüssigkeiten, in die andere Welt mit hinübernehmen. Kaffee, Wasser und Cola Zero sind seine Hauptgetränke, Alkohol hatte Max das letzte Mal vor über zwanzig Jahren getrunken. Egal wo man zu Gast ist, soll man welchen trinken, auch wenn man mit dem Auto kommt. Geselligkeit scheint ohne Alkohol nicht zu funktionieren. Das Heimfahren offensichtlich auch nicht. Das hat ihn schon immer gestört. Vom Charakter her ist Max ein nüchterner Mensch, bewusstseinstrübende Substanzen passen einfach nicht zu ihm, so findet er. Er hat sich einige einfache Grundregeln zugelegt, eine lautet: Trink ich keinen Alkohol, hab ich keine Probleme; nicht mit der Polizei, nicht mit der Gesundheit, nicht mit der Frau.
Apropos Frau; er schreibt ihr, dass er sich nun die Duty-Free-Läden anschauen und erst wieder nach der Landung in Windhoek melden wird. Auf Gerlindes Druck hin, hat er als Geburtstagsgeschenk ein Handy entgegengenommen, wohl wissend, dass er eigentlich keins braucht. Handys sind, seiner Meinung nach, zum Kommunizieren und zum Spielen da und um andere zu kontrollieren. Drei Gründe, weshalb er keins wollte. Max will nicht angerufen werden und schon gar nicht im Urlaub. Auch nicht von seiner Frau. So sehr er sie bewundert und vermutlich auch liebt, zieht er zwischen Zuhause und Urlaub eine scharfe Trennlinie. Zuhause ist es unruhig und arbeitsreich, im Urlaub wird abgeschaltet. Er ist ein ruhebedürftiger Mensch, der gerne allein ist, viel grübelt und liest und bei Wikipedia stöbert. Jetzt als Rentner erst recht. Vor allem interessiert ihn, weshalb es so ist wie es ist. Mit großem Interesse verfolgt er jeden Hinweis der ihm erklärt, wie es erdgeschichtlich und historisch zu den heutigen Umständen gekommen ist. Politik, Gesellschaft und Umwelt haben eine Geschichte, die keinen Anfang hat und nie enden wird.
Max schlendert an den Geschäften entlang, überlegt, ob er sich eine Cola gönnen soll. Der Flug startet zweiundzwanzig Uhr und geht über Nacht. Also keine Cola und auch keinen Kaffee. Beim unbequemen Sitzen muss man nicht auch noch wach bleiben. Sein Blick fällt auf eine Schlagzeile. Hunde beißen ihre Besitzer. In China würden auffällig viele Hunde ihre Herrchen und Frauchen beißen, und böser Weise auch deren Kinder. Max hat schon am Samstag im Spiegel etwas Ähnliches gelesen. Wieso sind die chinesischen Hunde so schlecht erzogen? Die chinesischen Touristen sind auch nicht besser, weiß er aus eigener Erfahrung.
Nun scheint die Sache sogar zu eskalieren, von einer dramatischen Entwicklung ist zu lesen. Die chinesischen Arztpraxen und Krankenhäuser hätten auffallend viele Bisswunden zu versorgen. Das Personal müsse sogar Überstunden machen. Max kauft das Blatt, wenn es Chinesen schlecht ergeht, interessiert ihn das auch im Urlaub. Die Personen die schon totgebissen wurden, seien nicht mehr zu zählen, liest er weiter. Fortsetzung auf Seite 3.
Wieso fangen Haustiere an zu spinnen? fragt er sich. Waren sie mit dem Futter unzufrieden? Als jemand, der von Haustieren keine Ahnung hat, tippt er auf irgendeine Krankheit. Bakterienbefall vielleicht oder Plasmodien, Parasiten wären auch noch eine Möglichkeit. Da gibt es in der Natur krasse Beispiele. Den Parasit Toxoplasma gondii zum Beispiel, dessen Hauptwirt sind Katzen. Als Zwischenwirte dienen Mausartige. Das Toxoplasma dringt in die Gehirne der Mäuse ein und nimmt ihnen die Angst vor Katzen. So kommen die Katzen zu leichter Beute und der Parasit zu seinem Hauptwirt. Allgemein erhöht der Parasitenbefall die Risikobereitschaft der Tiere. Der Parasit nimmt auch gerne einen Wirtswechsel vor. Vielleicht sind inzwischen auch die Hunde infiziert und lassen sich von den Menschen nichts mehr gefallen.
Max blättert um und liest: Die chinesischen Wissenschaftler tippen auf eine neue Virenart. Na, da wäre ich wohl nie draufgekommen, lästert er für sich. Viren müssen doch für alles herhalten. Der Zeitungsbericht bleibt wage, weder benennt er bestimmte Hunderassen noch bestimmte Regionen. Er meldet einfach nur pauschal, dass in China viel gebissen wird, es auch Todesopfer gibt, die Arztpraxen und Krankenhäuser überfordert sind, die Tierheime überquellen und viele Hunde eingeschläfert werden.
Vielleicht wird auch unser kläffender Nachbarhund befallen, sodass man ihn einschläfern muss, hofft Max.
Am nächsten Morgen, Viertel nach sieben, steigt Maximilian aus dem Flieger. Der Airport Windhoek ist echt überschaubar. Dreihundert Passagiere marschieren, flankiert von zahlreichem Personal, damit sich niemand verläuft, über ein weites Flugfeld, auf dem nur drei abgestellte Maschinen stehen, zur Ankunftshalle. Dort werden an sechs Schaltern die Pässe abgestempelt. Danach geht es ins Land. An der Barriere nach dem Ausgang stehen zahlreiche Leute, die auf ankommende Verwandte, Touristen, Gäste und Kollegen warten. Viele halten ein Pappschild hoch, auf das ein Name oder mehrere Namen gekritzelt sind. Max sucht nach seinem, und entdeckt ihn ziemlich schnell. Ein kleiner Nama beginnt zu grinsen. Es ist Trevor, der Max und seine Frau die letzten beiden Male zur Farm gefahren hat. Sie geben sich die Hand.
„Heute du allein?“, fragt Trevor.
„Meine Frau muss arbeiten, ich bin jetzt Rentner.“
„God save the german Rentners. Best Kundschaft.“
Namibia ist ein Wirrwarr aus Sprachen. Neben seiner Muttersprache spricht jeder noch Afrikaans, Englisch oder Deutsch und hat von Ovambo, Kavango, Herrero, Nama, Damara oder San zumindest eine Ahnung.
Auf der Fahrt nach Windhoek sieht Max schon die ersten Antilopen und Paviane, die auf freiem Feld wie auch auf Wildfarmen nach Futter suchen. Und sein aufmerksames Auge entdeckt Greifvögel wie Adler, Bussarde und Sperber, von denen es in Afrika viel mehr Arten gibt als in Europa. Er sieht aber auch ummauerte und mit S-Draht gesicherte Wohnanlagen, die es früher nicht gab. Dahinter stehen lauter gleichaussehende Häuser, zu denen nur kommt, wer ein Tor mit Wärterhäuschen passiert.
Windhoek selbst umfahren sie durch die Wohngebiete. Das Umland ist total zersiedelt. Max wird dabei etwas wehmütig. Was war das doch damals, kurz nach der Unabhängigkeit, für eine schnucklige City gewesen. Sie war bunter, die alten deutschen Häuser waren dominanter, und alles Wesentliche hatte sich innerhalb eines Kilometers an der Independent-Street abgespielt. Die Stadt geht auseinander wie ein Geschwür und hat inzwischen eine halbe Million Einwohner. Namibia hat insgesamt nur drei Millionen und ist zweieinhalbmal so groß wie Deutschland. Der nächste Ballungsraum befindet sich an der Nordgrenze, hunderte Kilometer entfernt. Auch Swakopmund, ein Touristenmagnet an der Atlantikküste, ist etwas größer, vom Airport bis dorthin fährt man fünf Stunden. Zwischen den Städten liegen riesige Farmen und Naturschutzgebiete, die nach Süden immer trockener und einsamer werden. Im Westen erstreckt sich die Namib mit den welthöchsten Dünen, nach Osten verliert sich alles in der Kalahari.
Nach der Hauptstadt steuert Trevor die Kleinstadt Okahandja an. Dort befindet sich ein unübersichtlicher Künstler/Souvenir-Markt, den sie achtlos links liegen lassen. Bei Walisers zuhause hängt, steht und liegt so Einiges, was sie in den letzten dreißig Jahren meinten, aus Namibia mitnehmen zu müssen. Danach verlässt der Fahrer mit seinem Gast die Asphaltstraße und taucht auf einer breiten Sand-Pad in das Farmland ein.
Maxens Herz macht einen Hüpfer; wie es ausschaut, hat es gut geregnet. So manches Mal ist er durch verdorrtes, grasloses Land gefahren. Die Farmer trifft eine Dürre doppelt, weil weder die Rinder noch die Wildtiere genug zu fressen finden. Es gibt zwar überall gebohrte Brunnen, aber ohne Gras und Blätter verhungern Kühe und Antilopen. Die Rinder werden dann verkauft, und weil in Trockenzeiten sehr viele Farmer ihre Tiere verkaufen müssen, erhalten sie nur einen Spotpreis. Das Wild verendet unauffällig und stillschweigend in Massen. Die Trophäen, also die Geweihe der Antilopen, um die zu schießen viele Jäger ins Land kommen, liegen dann zahlreich, für jeden nutzbar, in der Landschaft herum.
Doch dieses Jahr ist der Busch grün, der Weißdorn blüht gelb, der Kameldorn weiß. Weil das Land nicht flach ist, steht an vielen Stellen Wasser. Beidseitig der Pad breiten sich gelbe Blütenteppiche aus, die manchmal von pinkfarbenen unterbrochen sind. Jetzt ist sein Urlaubsland so pittoresk wie er es liebt. Riesige gerundete ockerfarbene Felsen und einige Gebirgszüge lockern den Norden Namibias auf, machen es um einiges ansehnlicher als die flache Kalahari, die aber auch schön ist, wenn es geregnet hat.
Max und seine Frau haben auf einer Zeltsafari die Kalahari einmal nass erlebt. Kilometerweit stand Wasser auf der Strecke. Einmal hatte es drei Tage lang genieselt, was er eigentlich nur aus Deutschland kannte. Überall standen die vielfältigsten Blumen, auf den Sandböden rankten sich mehrere Gurken- und Melonenarten dahin, überall nur fette und träge Tiere. Aber bei Regen kann es auch im heißen Afrika sehr frisch werden, und wer jeden Morgen bibbernd ein nasses Zelt einpacken muss, verliert schnell an Urlaubsfreude. Mehrmals musste das Allrad-Fahrzeug aus dem Morast geschoben werden, was nur beim ersten Mal Spaß gemacht hatte.
Jetzt hofft Max, dass keines der Riviere, in denen das Regenwasser abfließt, noch strömt. Das kann manchmal Tage dauern, und die Pad kreuzt drei davon. Trevor fährt einen normalen Toyota-PKW ohne four-by-four, der schon auf trockenem Sand schlingert. Besorgt schaut Max auf die Pfützen am Wegesrand.
„The Riviers are empty?“, fragt er nach.
„They are dry, I call‘d Heiner.“
Heiner ist der Senior-Chef der Farm, der muss es wissen, sagt sich Max. Der hat eine gewisse Ernsthaftigkeit, während sein Sohn Bernhard sich mit den Touris gerne Späße erlaubt. Bernhard, gerufen Bernd, würde ihn samt Gepäck durch fließendes Wasser waten lassen.
Dann, endlich, nach einer weiteren Stunde Fahrt seit Okahandja, das Schild am Straßenrand: Neumannhof Gästefarm. Neumannhof heißt die Farm aber nur für die Touristen, offiziell heißt sie irgendwas mit Otschi. Max steigt aus und öffnet das Tor, das will er sich nicht nehmen lassen. Dann geht es noch fünfzehn Minuten auf holpriger Pad, an Zäunen entlang, in Richtung Farmhaus. Unterwegs sieht er kaum Rinder, aber ein Pärchen Steinböckchen und eine Gruppe schön gezeichneter Oryxe, die ihre geraden spitzen Hörner nach unten halten und sich unter den Drähten durchdrücken. Normale Zäune sind für Wildtiere keine Hindernisse. Zuletzt taucht ein hoher Maschendraht-Zaun auf, hinter dem sich ebenerdige Gebäude befinden.
Der Ankömmling macht auch dieses Tor auf, Trevor fährt ihn dann zum nächsten Gästehaus, von denen es drei gibt, mit jeweils zwei Doppelzimmern. Max wird sofort von vier Hunden begrüßt, kurz denkt er an China. Es sind dieselben Hunde wie letztes Jahr. Alle paar Jahre wird ein Kläffer von einer Oryx auf die Hörner genommen oder von Pavianen zerfetzt. Trevor bleibt im Auto sitzen, er mag keine Hunde und die Tiere spüren das. Max nimmt seine Taschen heraus und zählt seinem Chauffeur im Wert von hundertfünfzig Euro einige tausend Rand auf die Hand. Den angebotenen Drink lehnt der kleine Nama ab, der nächste Kunde wartet in einigen hundert Kilometer Entfernung.
Max schaut sich um, ob die Neumanns wieder etwas Neues gebaut haben. Er sieht das alte Farmhaus, in dem auch gegessen wird, in dem sich die Bar befindet, die am eifrigsten von den Jägern genutzt wird. Gleich neben dem Farmhaus stehen die drei Gästehäuser und liegt der Pool, der immerhin so groß ist, dass man sechs Meter weit schwimmen kann. Hinter dem Hauptgebäude befinden sich das Schlachthaus und das Waschhaus. Etwas abseits stehen der großzügige Carport mit integrierter Werkstatt und eine riesige Wellblechscheune, in der Heu und anderes Futter gelagert wird. Alle paar Jahre war zu der bestehenden Bebauung etwas hinzugekommen. Das neueste Haus wurde für das alte Farmerpaar gebaut, quasi als Altenteil. Auf den Dächern produzieren Photovoltaikmodule mehr Strom, als die Farm verbraucht. Die Gebäude werden von hohen alten Palmen und unbekannten immergrünen Laubbäumen beschattet. Umgeben sind die Häuser von Steinen und Blumenbeeten. Als Dekoration stehen ausgediente rostige Farmgeräte herum, die teils überwuchert sind.
Aus dem Farmhaus kommen Senta und Lucy geeilt, Heiners Frau und ihre Schwiegertochter, die Sohn Bernhard geheiratet hat. Beide umarmen Max, fragen nach dem Flug und Max fragt, ob es genug geregnet hat. „Es war noch nie genug“, behauptet Senta.
„Das Mittagessen ist gleich fertig“, meint Lucy. „Du bekommst wieder das Zebra-Zimmer.“
„Dann geh ich mal schnell duschen“, sagt Max und schnappt sich seine Tasche. Sein Domizil für die nächsten vier Wochen besteht aus einem Doppelbett mit Moskitonetz-Baldachin, einem Kleiderschrank, zwei Sesseln in Zebraoptik, einem Tischchen und einem Zebrafell als Teppichboden. Und natürliche Toilette und Dusche. Wie in einem modernen Kloster. Und mindestens genauso ruhig. Kaum Leute, kein Verkehr, kein Fernseher, kein Supermarkt zu dem man ständig rennen muss.
Nach der Dusche, auf dem Weg zum Haupthaus, trifft Max den Herrero-Gärtner Martin und grüßt ihn. Kurz darauf sieht er auch das Zimmermädchen Conchita, ebenfalls Herrero. Dann kann ich auch gleich die Köchin Susanne begrüßen, sagt er sich. In der Küche lernt er noch eine neue Ovambo-Hilfe kennen, die angeblich Edith heißt. Alle afrikanischen Angestellten haben zusätzlich einen afrikanischen Namen. Welches der richtige Name ist, bleibt meist ein Geheimnis. Die Neumanns sprechen, außer deutsch, englisch und afrikaans, auch herrero, und schauen deshalb, dass sie Herrero-Personal bekommen. Doch diese Edith, stellt sich heraus, hat Ovambo-Eltern, aber sie spricht ein perfektes Deutsch, denn sie ist bei deutschstämmigen Farmern aufgewachsen. Heiner, Senta und Bernd können herrero, weil sie in ihrer Kindheit mit Herrero-Kindern gespielt haben.
Max begibt sich auf die überdachte Veranda und sieht gleich einige bekannte Gesichter. Es sind zwar sechs Doppelzimmer, aber zwölf Gäste sind noch nie am Tisch gesessen. Die Gäste, die jedes Jahr wiederkehren, sind allein reisende weibliche und männliche Rentner und Pensionäre. Am Tisch sitzen schon zwei alte Frauen und zwei alte Männer, die er alle paar Jahre oder sogar jedes Mal trifft.
„So, jetzt gehöre ich zu euch Müßiggängern“, begrüßt er sie freudig. „Meine Frau verdient das Geld und ich mache hier einen faulen Lenz.“
Die zwei Frauen, Hedwig und Elfriede, die unabhängig voneinander urlauben, sind fast siebzig. Die zwei Männer, Johannes und Kurt, siebenundsiebzig und achtzig, haben auch nichts miteinander zu tun. Jeder der vier Alten hat ein eigenes Doppelzimmer. Etwas Abseits sitzt ein Pärchen, so um die fünfzig, das Max noch nicht kennt. Mit ihm war nun das letzte freie Zimmer belegt.
„Wie kommt ihr hierher?“, fragt er das Pärchen.
„Wir sind auf der Durchreise“, sagt die Frau, „wir bleiben nur zwei Nächte“, was oft vorkommt. Unzählige Touristen nehmen am Flughafen einen Leihwagen entgegen und touren durchs Land. Andere Ausländer haben sogar irgendwo ein Fahrzeug untergestellt und fahren damit jedes Jahr aufs Neue durch die südafrikanischen Länder.
Bis das Essen kommt wird gefragt: Wo kommt ihr her, wo wart ihr schon, wo wollt ihr noch hin? Die fünf Alten am Tisch können da gut Auskunft geben, denn sie waren schon überall, haben in jungen Jahren das Land hinauf und hinab und kreuz und quer bereist. Das Paar will weiter in den Caprivi-Streifen und von dort nach Victoria Falls.
Es gibt Oryx-Schnitzel, was keine Überraschung ist, denn Oryxe gibt es auf dem Farmgelände mehr als Rinder. Und bei zwanzigtausend Hektar kommen da eine Menge Oryx-Schnitzel zusammen. Deshalb gibt es Oryx-Fleisch in allen Variationen. Als Schnitzel, Steak, Hackbraten, Klopse, Rollbraten, Trockenfleisch, am Spieß, als Leberwurst, Bierschinken und Grillwurst. Dazu immer Gemüse, Maisbrei, Nudeln oder Reis, Salat und süßen Nachtisch.
Auf der Farm duzt man sich. Der weibliche Teil des Pärchens heißt Anita, ihr Mann scheint verschlossen zu sein, er äußert sich zu nichts. Mehrmals schaut sie zu Max hinüber, er spürt, ihr liegt eine Frage auf der Zunge.
Als er sich sein zweites Schnitzel auf den Teller legt sagt sie: „Dich hätte ich glatt als Vegetarier oder sogar Veganer eingestuft.“
„Mache ich so einen kranken oder gebrechlichen Eindruck?“ fragt er zurück. Er weiß aber was sie meint. Als einziger am Tisch hat er eingefallene Wangen und keinen nennenswerten Bauch.
„Du siehst aus wie auf Dauerdiät. Was ist dein Geheimnis?“
„Ich habe keins. Aber ich arbeite. Körperlich. Ich arbeite mit Geräten in der Landschaft und schwitze mein Essen wieder heraus. Außerdem trinke ich kein Bier.“
„Hm“, machte Anita. „Dann isst du wohl viel Fleisch, aber das soll doch ungesund sein?“
Er schüttelt den Kopf. „Einmal nein und einmal ja. Ich lange nur im Urlaub so zu, um die Neumanns zu schädigen“, er grinst zu Senta und Lucy hinüber. „Aber im Prinzip habe ich meine Ernährung genial gelöst.“ Wie, lässt er offen und isst weiter.
„Und wie?“, bohrt Anita. „Weißt du vielleicht etwas, was wir nicht wissen?“, und betrachtet ihren übergewichtigen Mann. „Du siehst auch gesund aus.“
Max lächelt. „Stimmt, bin ich auch. Die Ärzte verdienen an mir nichts. Die reine Verschwendung, dass ich in einer Krankenkasse bin.“
Anita bekommt einen lauernden Blick. „Jetzt sag schon, lass es raus, wie ernährst du dich?“
Max lehnt sich zurück und schaut zu ihr hinüber, macht ein Gesicht, als ob er überlegen würde, ob er sie in sein Geheimnis einweihen soll. Dann: „Ich esse alles, aber von jedem nicht viel.“ Was eine weitere seiner Grundregeln ist. „Ich esse querbeet und trinke keinen Alkohol. Von jedem ein bisschen, so kann man sich nicht vergiften. Aber bei den Meisten scheitert das schon beim Alkohol.“
Irgendwie wird es schweigsam am Tisch. Um die allgemeine Verlegenheit zu überbrücken fragt Max: „Es ist so ruhig hier. Wo sind eigentliche Lieschen und Hänschen?“ Lucys Zwillinge, die natürlich Bernd gezeugt hat, die sie unter Schmerzen mit Komplikationen geboren hat, sind fünf Jahre alt und meinen oft, die Gäste unterhalten zu müssen. Die Kinder sind wie ihre Großeltern und Eltern blond. Wenn sie mit ihren leuchtenden Haaren zusammen mit den schwarzen Farmarbeiter-Kindern spielen, sind manche Gäste ganz verzückt und greifen zum Fotoapparat bzw. heutzutage zum Handy. Sie finden den Kontrast und die Friedfertigkeit so schön, weniger die verzogenen Kinder. Doch Lieschen und Hänschen beziehen es auf sich und fühlen sich toll und wichtig.
„Die sind mit Bernd zu meiner Mutter nach Windhoek“, verrät Lucy. „Die Windhoeker Oma soll auch was von ihnen haben. Sie wollen sich mal einen Kindergarten von außen anschauen.“ Denn für Farmkinder gibt es keine Kindergärten. Wenn sie in die erste Klasse kommen, müssen sie in ein Internat und für so manches Kind geht die Welt unter, wenn es sich plötzlich an Uhrzeiten und allgemeingültige Regeln halten muss.
„Und wo steckt Heiner?“ will Hedwig wissen. „Der wollte mich und Elfriede heute Nachmittag zu einem Ansitz fahren.“
„Der besucht einen Nachbarn. Zum Kaffee und Kuchen ist er zurück und bringt euch.“
Der Nachtisch kommt. Edith bringt eine Schüssel Schokopudding, Lucy verteilt die Tellerchen, alle löffeln den kühlen Nachtisch, das Thermometer steigt auf sechsunddreißig Grad.
Zwischen Mittagessen und Kaffee und Kuchen, die um sechzehn Uhr serviert werden, geht gar nichts, auch bei den Farmleuten und ihren Angestellten nicht. Lesen, Dösen, Schlafen ist angesagt. Max legt sich aufs Bett und liest im Tolino an einem Roman. Nach zehn Minuten ist er eingeschlafen, nach einer Stunde wieder wach und fühlt sich total überhitzt. Er steigt in seine Badehose und geht mit Handtuch und Tolino ums Haus herum zum Pool. Das Wasser ist immer wunderbar kühl. Stufe für Stufe fühlt er sich besser, dann gleitet der Körper in diese luxuriöse Herrlichkeit von vier auf sechs Metern. Aber auf dieser kleinen Fläche hin und her zu schwimmen ist nur das halbe Vergnügen. Max stößt sich ab und taucht am Boden entlang, wo das Nass am kühlsten ist, so lange von Wand zu Wand, bis ihm die Luft ausgeht. Was altersbedingt sehr schnell geschieht. Danach legt er sich nass im Schatten auf eine Liege, und friert sogar einige Minuten lang. Nach etwa einer halben Stunde wiederholt er die Prozedur und rettet sich so über die heißeste Tageszeit hinweg.
Beim Kaffeetrinken kann er nun Heiner begrüßen, der auch sechsundsechzig geworden ist. Heiner ist deutlich übergewichtig, wie die meisten Farmer, das blonde schüttere Haar weht ihm lose um den Kopf. Maximilians Haar ist kurz und grau, aber dicht. Wo Heiner runde Backen hat, hat Max Hohlräume, des Farmers Hals misst den doppelten Umfang, sein Bauch ruht auf dem Gürtel oder dem Schoß, man sieht es nicht genau, auf jeden Fall irgendwo vor ihm. Von Bauch kann man bei Max nicht reden.
„Was gab’s denn so Interessantes bei den Nachbarn?“, fragt Kurt der Älteste, der jährlich neunzig Tage in Namibia verbringt und Heiner schon seit Jahrzehnten kennt. „Welche waren’s überhaupt?“
„Die Krügers, im Osten. Die mit der Wildtier-Farm“, antwortet der Farmer. Er bekommt ein unternehmungslustiges Lächeln. „Ich will denen einige Zebras abkaufen, unsere Zebras verstecken sich immer in den Bergen. Wenn wir einige mehr haben, so denke ich, werden die Gäste vielleicht auch mal was von ihnen zu sehen bekommen. Und wir auch.“
„Gehören Zebras überhaupt in diese Landschaft?“ fragt Kurt in kritischem Ton.
„Eigentlich nicht“, muss Heiner zugeben. „Mein Großvater hat mir erzählt, dass es bei uns ursprünglich nur Kudus gab, wegen der Berge, in denen sie gerne herumklettern.“
Bernd, der mit den Zwillingen zurück ist, setzt sich dazu und lauscht seinem Vater.
„Die Oryxe gab es hier überhaupt nicht, die sind aus irgendwelchen Gründen später eingewandert. Die Springböcke sind mit den Oryxen gekommen. Die Impalas allerdings, die habe ich vor dreißig Jahren ausgesetzt.“
„Die Steinböckchen, Blauböckchen und die Warzenschweine“, unterbricht Bernd seinen Vater, „gab es hier aber schon immer. Was wissen die Krügers denn Neues?“
„Wir hatten es von den Chinesen. Mat Krüger kennt einige und hat von denen einen Hund bekommen.“
„Aha“, machte es rund um den Kaffeetisch.
„Ich sehe“, freut sich Heiner, „ihr seid im Bilde. Der Hund ist aber nicht auffällig.“
„Noch nicht“, wirft Senta dazwischen.
Heiner wiegt seinen Kopf unbestimmt hin und her. „Mat ist Ingenieur und arbeitet nicht auf der Farm, sondern auf Baustellen und dort mit Chinesen zusammen. So ist er auch an Hund gekommen. Jedenfalls heute war er zu Hause und hat mir das neuste Gerücht aus China zugetragen. Das mit den Hunden muss eine verteufelt gefährliche Sache sein. Die werden inzwischen massenweise getötet. Wer seinen Liebling versteckt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach früher oder später gebissen“, Heiners Stimme wird leiser, „wenn nicht sogar getötet.“
„Ist es also echt so schlimm wie die im Fernsehen behaupten?“ fragt Hedwig.
„Es ist echt eine Katastrophe. Ich habe Mat gesagt, dass er seinen Chinesenhund sofort erschießen soll. Was ist, wenn der das Virus nach Afrika gebracht hat. Ihr wisst doch bestimmt noch, wie schnell Corona um die Welt war. Schon morgen können Krügers Hunde anfangen zu spinnen, und kurz danach ist das Virus schon bei uns.“
„Falls es überhaupt ein Virus ist“, warf Max ein „und nicht irgendein chinesischer Parasit. Das mit dem Virus ist meines Wissens noch nicht bewiesen.“
„In dem Fall ist das wurstegal wenn es etwas Ansteckendes ist“, meint Bernd.
„Und jetzt kommt der Hammer“, sagt Heiner in die Runde und alle sind still und spitzen ihre Ohren. „Angeblich, hat Mat mir erzählt, und er hat es von einem Chinesen der sehr gut Englisch spricht und gerade aus Shanghai eingeflogen ist, angeblich, fangen in China nun auch die Schweine an zu spinnen.“
Max marschiert schon vor dem Frühstück zum nächsten Damm der Haus-Damm genannt wird. Auf dem Farmgelände gibt es fünfzehn Dämme, mit ihnen wird das abfließende Regenwasser aufgefangen. Da es an Ort und Stelle versickert, kommt es dem lokalen Grundwasserspiegel zugute. Der nächstgelegene Brunnen profitiert davon. Momentan steht hinter jedem Damm das Resultat des letzten Regens. Die Ansitze, die neben manche Dämme gebaut wurden, sind für die Wildbeobachtung momentan aber nutzlos, weil die Tiere überall Wasser finden und lieber irgendwo im Busch trinken.
Noch häufiger als Dämme sind Felsformationen aus gerundeten Blöcken, die sich in Linie, oft mehrere hundert Meter lang, durch die Landschaft ziehen. Diese Felsen sind dunkel. Solche befinden sich auch gegenüber dem Haus-Damm. Max klettert hoch, setzt sich aber nicht auf - sondern in die Felsen, denn auf den Felsen würde er von zufällig vorbeiziehenden Tieren wahrgenommen. Dort wartet er aber nur sekundär auf Tiere, primär wartet er auf den Sonnenaufgang. Fast jeden Morgen. Da hinter dem Damm gerade Wasser steht, hat er das doppelte Vergnügen, weil sich der Sunrise spiegelt.
In den Felsen leben zahlreich die Klippschliefer, Murmeltier ähnliche Säuger. Max erkennt ihre Anwesenheit an den vielen Kothaufen, die an Hasenkot erinnern. Tagsüber sind sie sehr neugierig, schauen aus ihren Löchern heraus und springen grüppchenweise herum. Aber auch Mangusten und Ichneumons leben zwischen den Steinen. Und ziemlich viele Reptilienarten. Wer genau hinschaut, entdeckt Felsen-Amganen, Skinks, Riesenskins, Sandeidechsen, Buschrenner und auch mal einen Waran. In dem losen Konglomerat stecken auch Schlangen, aber die sieht man fast nie. Max hat keine Angst vor ihnen, denn Schlangen sind vorsichtig, damit nichts auf sie tritt.
Die Sonne erhebt sich über den Busch, wie schon dutzende Male erlebt. Max holt eine Pfeife hervor, stopft sie und steckt sie an. Genüsslich bläst er den Rauch in den afrikanischen Morgen. Das praktiziert er schon seit Jahren, immer zum Sonnenaufgang, jeden Morgen in jedem Namibiaurlaub. Kein Mensch, auch nicht seine Frau, weiß, dass er sich einmal täglich dieses Vergnügen gönnt. Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund, lautet ein Spruch aus seiner Jugend. Jetzt als Rentner genießt er es doppelt.
Unten schlendert ein verschlafener Schabrackenschakal vorbei, er ist sehr unaufmerksam, dann macht er Toilette und drückt den Darminhalt heraus. Unsinniger Weise überlegt Max, ob infizierte Hunde Schakale anstecken können. Oder Hyänen, von denen es auf dem Farmland einige Braune gibt. Er schüttelt seinen Kopf und inhaliert den letzten Zug. Als er die Pfeife ausklopft, sucht der Schakal das Weite. Auf dem Rückweg, der ihn direkt zum Frühstückstisch führt, sieht er noch ein rehähnliches Steinböckchen davonspringen und in einem Baum einen Steppenadler, der sofort abhebt.
Manchmal spaziert er morgens in das nächste Rivier. Die Riviere sehen jedes Jahr anders aus, weil durch sie Ströme aus Regenwasser abfließen und dabei jedes Mal Tonnen Sand und Kies bewegen. In dem breiten Sand-Bett erkennt man deutlich die Wildwechsel. Gerne setzt er sich in der Nähe eines Wechsels auf einen Stein und hofft, dass Tiere kreuzen. Für Max ist es ein besonderes erhabenes Gefühl, wenn ein zweihundert Kilo schwerer Oryx oder ein dreihundert Kilo schwerer Kudu in der Nähe vorbeimarschieren. Er darf sich dabei nur nicht bewegen und muss Gegenwind haben. Und die Pfeife muss fertiggeraucht sein. Auch wenn er diesen Tieren auf einer Wanderung begegnet, ist er immer noch fasziniert, wenn ihn die langhornigen Antilopen in Augenhöhe anblicken. Das ist etwas ganz anderes, als vom schützenden Fahrzeug herab.
Nach dem Frühstück verlässt Anita mit ihrem Stockfisch die Farm und geht wieder auf Achse, das Zimmer ist frei. Es sollen bald zwei bayrische Jäger einziehen. Bernd fährt zu einem Posten und fragt, wer mit will. Die fünf verbliebenen Gäste melden sich kollektiv. Der achtzigjährige Kurt darf vorne sitzen, Hedwig, Elfriede und Johannes sichern sich oben die Logenplätze. Max, als der Jüngste, darf auf- und absteigen und die Tore der einzelnen Weiden öffnen und schließen.
Sie fahren auf einer Sand-Pad, flankiert von Zäunen, durch mehr oder weniger dichtes Buschland. Die meisten Büsche und Bäume sind dornenbewehrt. Besonders bedrohlich leuchten die langen Waffen des Weißdorns. Dominant im Geäst sind Tauben, doch auch Bül-Büls, Trauerdrongos, Rotbauchwürger und Akaziendrosseln sind hin und wieder zu sehen. Selten ein Greifvogel. In der Luft flitzen Europäische Bienenfresser umher, die im Mai in Maximilians Heimat auftauchen werden. Was ihm besonders gefällt, wenn er durchs Gelände wandert, sind die Bodenvögel. Da begegnen ihm Perlhuhn-Familien, mehrere Frankolin-Arten, Sandhühner, Trappen und manchmal eine Riesentrappe. Und was gibt es bei ihm zuhause? Nur Fasane. Und die wurden von den Jägern ausgesetzt.
Unterbrochen wird der Busch von gerodeten Flächen, die im Dornenwald erscheinen wie karge Inseln. Hier machen die Farmer ihr Heu und hier sammeln sich abends die Antilopenherden. Auch heute Morgen können sich die Gäste an einer gemischten Herde aus Oryxen, Kudus und Springböcken erfreuen. Dazwischen grasen, kniend auf den Vorderbeinen, Warzenschweinfamilien. Diese Wildschweinart ist in diesem Jahr sehr häufig, man begegnet ihr auf jedem Spaziergang. Kurz bevor sie den Posten erreichen, stöbern sie noch eine Gruppe Impalas auf, die um einiges größer sind als Steinböckchen, aber noch lange nicht das Gewicht einer Oryx erreichen.
Der Posten besteht aus einem Windmotor, der das Grundwasser hochpumpt, einem großen runden Bassin, in dem sich das Wasser sammelt, einigen Tränken und Koppeln. In einer Koppel stehen Kälber, die der Farmer nun zu ihren Müttern lässt, damit sie gesäugt werden. Nachwuchs und Kühe brüllen voller Ungeduld, die einen wollen sattwerden, die anderen ihre Milch loswerden. Die meisten Kälber befinden sich gleich neben der Farm, was frühmorgens wie ein Wecker funktioniert. In Farm-Nähe sind sie am sichersten, denn Kälber stehen auf der Speisekarte der Leoparden, die es einfach überall gibt. Einmal im Jahr darf der Farmer einen schießen, den er teuer einem Jagdgast anbietet. Da macht der staatliche Naturschutz aber Auflagen. Geschossen werden darf nur tagsüber, was meistens in der Dämmerung geschieht. Leoparden in Käfigen zu fangen und dann zu erschießen, wie es manche Farmer schon gemacht haben, ist verboten.
Außer Leoparden leben auf den namibischen Farmen auch Geparde, Luchse, Ginsterkatzen, Servale, Zibetkatzen und Rotkatzen. Die kleinste Art wird als African Wildcat bezeichnet, sie ähnelt der europäischen Wildkatze. Aber Katzen sieht man nur auf Safaris in Nationalparks, wo sie nicht gejagt werden, auf Farmland sind sie strikt nachtaktiv und unsichtbar.
Vor dem Mittagessen sind wieder die chinesischen Zustände Thema. Insgeheim warten Gäste und Farmer darauf, ob Mat Krügers Hund zu beißen anfängt. Die Neumanns sind bestens informiert, via Satellit empfangen sie vier deutsche Fernsehprogramme. Das mit den Hunden scheint ein fortwährendes Drama zu sein. Doch inzwischen hat sich das Schweine-Gerücht bewahrheitet, wie Senta berichtet.
„Die chinesischen Hausschweine proben den Aufstand. Dort sind die Schweinehöfe um einiges größer als in Europa. In China werden täglich zehntausende Schweine geschlachtet. Vereinzelt sind welche beim Verladen ausgebrochen und haben, wild um sich beißend, Menschen attackiert.“
„Da ist echt die Sau los“, unterbricht Kurt, der abends heimlich bei Senta und Heiner vor dem Fernseher sitzt.
„Die Viecher sind wie von Sinnen“, erzählt Heiner weiter. „Die springen über die Absperrungen und flüchten ins nächste Wohngebiet. Dort verwüsten sie den Markt, zerlegen die Stände, um an Fressbares zu kommen und beißen alle Menschen, die sich ihnen nähern. In einem Wohngebiet kann man sie natürlich nicht abschießen, das ist zu gefährlich, Querschläger und so. Von den Marktständen steht hinterher nicht mehr viel. Da Schweine Allesfresser sind, haben sie dort einen gedeckten Tisch.“
„Ich habe hier ein Video aus dem Internet“, meldet sich Bernd. „Es zeigt Schweine, die in einen Supermarkt eingedrungen sind.“ Er sagt den Gästen wo sie es finden, sofort hängen alle Nasen über den Handys. Max, der seines im Kleiderschrank versteckt hat, schaut bei Kurt rein. Er sieht schlachtreife Tiere die durch Supermarktgänge rennen und Leute vor sich her scheuchen, schreiende Leute, die ihre Einkaufswägen den Schweinen entgegenschupsen, panisch ihre Kinder auf die Arme nehmen und Richtung Ausgang sprinten, wo sie anderen Schweinen begegnen, von denen sie umgerissen werden. Man sieht Schweine, die vorsätzlich auf Menschen zu rennen, sie umstoßen und in ihre Körper beißen. Manche Chinesen versuchen mit hochgerissenen Armen und Gebrüll die Schweine zu stoppen, werden aber angesprungen und ebenfalls gebissen, wie Schmerzensschreie vermuten lassen. Manche Schweine stoßen wahllos ihre Rüssel in Regale und schlagen ihre Zähne in irgendeine Packung oder schieben gleich das Regal leer.
Eine Sequenz zeigt Schweine in der Gemüseabteilung, wie sie Karotten, Paprika und Kohlköpfe herausreißen und wild schmatzend fressen. Lieschen und Hänschen gucken in Lucys Handy und quicken vor Vergnügen, was sich bei den Erwachsenen in Grenzen hält, die das Geschehen eher mit gemischten Gefühlen betrachten. Als auf den Bildern immer mehr Blutpfützen zu sehen sind, nimmt sie den Kindern das Handy weg. Das Mittagessen, das inzwischen dampfend auf dem Tisch steht, ist vergessen, der Appetit vergangen.
„Der Typ der das gefilmt hat muss ziemlich mutig sein“, meint Lucy.
„Vielleicht lebt der überhaupt nicht mehr“, kommentiert Kurt trocken.
„Und wie bekommt man die Viecher da wieder raus?“ fragt Elfriede, die auf einem Bauernhof großgeworden ist und sich mit Schweinen auskennt.
„Die machen es wie mit den Hunden“, so Bernd. „Laut den Frühnachrichten, wurden mutige Beamte mit Elektroschockern hineingeschickt, die die Tiere lähmten. Veterinäre die nachrückten, verpassten ihnen dann eine Spritze. Ob zur Betäubung oder eine Todesspritze wurde nicht erklärt.“
„Ihr müsst mal überlegen, wie das wäre“, meint Heiner, „wenn man die Tiere abschießen würde. Was das für riesige Blutlachen gäbe, was für ein Geschmier. Da ist betäuben eine saubere Sache und spart teure Munition.“
„Auf jeden Fall kann man sie nicht mehr zusammentreiben“, ergänzt Bernd. „Sie scheinen ihre Angst vor Menschen verloren zu haben und greifen sofort an.“
„Das ist wie bei dem Parasit Toxoplasma gondii“, meint Max und erzählt den Zusammenhang von Mäusen und Katzen.
„Also werden die Schweine vom Parasiten den Menschen zugeführt“, folgert Lucy.
Max zieht ein schiefes Gesicht „Das macht nur Sinn, wenn die Menschen die Schweine verzehren. Leider ist es gerade so, dass die Schweine die Menschen fressen wollen. Was ich irgendwie saublöd finde.“
Nach und nach werden die Handys beiseitegelegt, zögerlich die Teller gefüllt. Max sinniert noch: „Ob der Parasit auch noch andere Tierarten befällt?“
„Die Chinesen bleiben dabei“, brummt Heiner, „es ist ein Virus.“
Damit ist das Thema gegessen, sie haben es satt und beschäftigen sich schweigend mit der Mahlzeit.
„Wann kommen eigentlich unsere beiden Jäger?“ fragt Hedwig beim Nachtisch.
„Morgen“, antwortet Senta. „Abends machen wir dann gleich einen Sundowner, um sie einzustimmen.“
Das Farmland ist steinig und felsig. Auf der Erde liegen unglaublich viele Mineralien, diverse Quarze vor allem. Die schon beschriebenen dunklen Steinformationen sind nicht die Einzigen. Im Hinterland befindet sich ein kleiner Gebirgszug der zur Farm gehört und nur sporadisch zur Beweidung genutzt wird. Zwischen Farm und Gebirge ragen helle Felsen in runden Formen aus dem Busch. Sie sind zum Teil riesig, auf manche könnte man eine Kirche stellen. An einer Wand hat Heiner in seiner Jugend frühgeschichtliche Felsgravuren gefunden, seither ist das sein Lieblingsplatz. Einer der ockerfarbenen Giganten-Iglus eignet sich bestens für einen Sundowner, weil man von hinten hinauffahren kann.
Die zwei Jäger Friedbert und Karl-Heinz sind nicht zum ersten Mal auf der Farm, sie haben hier schon öfter gejagt und sind hier auch schon öfter versumpft. Sie kennen Kurt, Hedwig und Max, die wissen was ihnen nun blüht. Beide Jäger sind um die vierzig, etwas bleichgesichtig, haben einen kleinen Bauch und reden selbstverständlich bayrisch. Als einzige trinken sie zum Mittagessen ein Bier, danach legen sie sich hin. Am Kaffeetisch, sechzehn Uhr, im Schatten der Palmen, es hat siebenunddreißig Grad, erzählen sie von ihren Plänen. Friedbert will eine prächtige Kudu-Trophäe schießen, Karl-Heinz fehlt in seiner Sammlung noch ein stattliches Impala-Gehörn. In der Dämmerung des morgigen Tages soll es losgehen, der eine fährt mit Bernd, der andere mit Heiner, möglichst weit voneinander weg.
Gegen Abend werden die Fahrzeuge beladen. Klapptische und -stühle, Kühlboxen, Brotkisten und Farmgäste werden auf drei Toyota-Pick-Ups mit Safarisitzbänken verteilt. Der Fahrtwind tut gut, es war der bislang heißeste Tag gewesen. Auf einem abenteuerlichen Pfad fahren die Fahrzeuge mit Allradantrieb auf den Felsen. Dann wird abgeladen, die Stühle Richtung Sonne gestellt, im Hintergrund die Tische mit Essen und Getränke bestückt. Jeder bekommt ein Getränk seiner Wahl in die Hand gedrückt, Max trink eine eisgekühlte Cola Zero. Der Blick geht über schier endloses scheinbar lückenloses Buschland, vereinzelt durchbrechen Monolithe das Blätterdach. Andächtig sehen die Menschen der roten Sonne beim Verschwinden zu. Dann versorgen sich die Anbeter mit belegten Broten, Würsten und Frikadellen und schauen verträumt in die Nachröte, die meistens viel schöner ist als der Untergang. Dazu trinkt so mancher schon das zweite Bier und die Unterhaltung wird reger.
Bernd und Heiner halten sich an die zwei Jäger, denn die bringen das Geld. Auf der Farm gibt es Gäste und es gibt Jäger. Bei der dritten Flasche Bier wird die Unterhaltung lustiger, die Jagdgenossen brauchen nun, um sich Waidmannsheil zu wünschen, einige Kurze. Die alten Gäste erzählen sich Erlebnisse aus früheren Tagen, an die sich Senta unbedingt zu erinnern hat. Lucy muss sich um die Zwillinge kümmern, damit sie nicht quengeln oder in der zunehmenden Dunkelheit verschwinden. Die Kinder gehen immer barfuß, scheinen Sohlen aus Holz zu haben und sie müssen überall herumschnüffeln. Gerne lassen sie sich von den Gästen bedienen und unterhalten, aber wenn ihnen etwas nicht passt, meckern sie bei Lucy oder Opa Heiner. Senta und Bernd lassen die Kleinen gerne abblitzen.
Die Jagdgäste langen ordentlich zu, denn die Sundowner gehen auf Kosten des Hauses. Bis Heiner, der sich zurückgehalten hat, die Reißleine zieht und zum Aufbruch bläst. Scheinwerfer grellen auf und zerstören die Idylle, alles wird verpackt und aufgeladen. Max mogelt sich auf das erste Fahrzeug und freut sich auf die Nachtfahrt, denn im Scheinwerferkegel sieht man manchmal Tiere, die man sonst nie zu Gesicht bekommt. Stachelschweine und Erdferkel zum Beispiel, oder Erdwölfe und braune Hyänen. Ganz selten mal ein Pangolin, ein Gürteltier, denn die werden stark gewildert und teuer an die Chinesen verkauft. Auf der Rückfahrt sieht er immerhin ein uriges Erdferkel.
Die Jäger denken nicht daran zu Bett zu gehen und verschwinden in der Bar. Johannes und Kurt setzen sich dazu, was Heiner und Bernd recht ist, ab jetzt werden die Strichlisten erweitert. Es bleibt unangenehm laut, Lachsalven zeugen von unterirdischen Witzen und stören Maxens Konzentration beim Lesen. Das wird nichts mit der Jagd morgen früh, ist er sich sicher.
Max kann es nicht glauben, schon in der Morgendämmerung verlassen die zwei Jagdteams die Farm, er sieht sie noch, bevor er die Farm durch das andere Tor verlässt. Er hört Paviane rufen. Paviane sind die Feinde der Farmer. Zum einen reißen sie angeblich den jungen Kälbern die Bäuche auf, um an die Innereien zu kommen, zum andern machen sie viel kaputt. Das was Menschen mühsam zusammengebastelt haben, ist den Affen ein Dorn im Auge. Da werden gerne Hochsitze und Ansitze abgebaut, mit Vorliebe die Wellblechdächer verbogen, Windräder zum Turnen benutzt und leider auch die modernen Solarpumpen beschädigt. Was nicht niet-und nagelfest ist, wird zerstört und auch verkackt.
Max kann sich denken wo die Viecher sitzen, nämlich genau dort wo er jetzt hin will. Auch die Primaten sitzen gerne auf den Felsen, dass sie allerdings auf den Sonnenaufgang warten und eine Pfeife rauchen, glaubt Max weniger. Sie sitzen auf den Felsen, weil sie dort ihre Feinde früher sehen, welche außer den Menschen auch die Leoparden sind. Auf dem Weg dorthin scheucht er einen Kap-Hasen auf und ein Steinböckchen. Die Paviane würden beide, ohne mit der Wimper zu zucken, killen und fressen. Doch Max hat mit den Affen kein Problem, auch sie gehören in dieses Land und haben ihre Existenzberechtigung. Aber er ärgert sie gerne.
Er sieht Dutzende auf den Steinen herumspringen. Alte Männchen, die ihre furchterregenden Reißzähne zeigen, wie auch Weibchen an deren Bäuche Säuglinge hängen, während die ältere Brut reitend auf den Rücken ihrer Mütter sitzt. Forsch geht er auf die Felsen zu, die Paviane räumen ihre Plätze. Als der Tourist oben steht, befinden sich die Einheimischen schon unten und streben der nächsten Felsformation zu. Immer sitzen Mehrere erhöht und stoßen Warnrufe aus. Diesmal hockt einer auf der Spitze eines Termitenbaus, ein anderer auf einem Baum, und zwar so hoch es geht. Paviane haben schärfere Augen als Menschen, ihnen entgeht wenig. Und sie sind raffiniert. Während Max hinüberschaut und sich ablenken lässt, eilen hinter seinem Rücken ganze Familien vorbei, stellt er fest.
Er begibt sich nach unten, mit Geschrei weichen die Affen zurück, fünfzig bis hundert Meter Abstand haltend. Die Bande sammelt sich auf dem nächsten Steinhaufen, Max wedelt mit den Armen, was einige Biester panisch macht, dann wirf er mit Steinen nach ihnen. Und ist entsetzt, wie kurz er nur noch werfen kann. Das hat er halt schon lange nicht mehr gemacht, eine Körperbewegung, die total vernachlässigt wurde. Max hasst das, wenn er unvermittelt daran erinnert wird wie alt er ist, obwohl er keine gesundheitlichen Probleme hat. Die Affen jedenfalls, verlassen auch diese Felsen nach hinten weg und Max verfolgt sie noch ein wenig. Ein Mensch scheucht einen ganzen Pavian-Stamm vor sich her. Was sagt das aus? Wohl, dass die Tiere mit dem Schlimmsten rechnen. Und das wäre der Tod.
Inzwischen hat sich die Sonne über den Horizont gestohlen. Er geht zurück, setzt sich auf seinen Stein und raucht zufrieden seine Pfeife.
Beim Frühstück sitzen die alten Gäste mit Lucy und den Kindern alleine am Tisch. Die Zwillinge wollen Marmeladenbrote, dann doch nicht, Lucy muss Nutella holen, was aber auch nicht recht ist, weil Max und Kurt gerade von der Köchin Susanne jeweils zwei Spiegeleier serviert bekommen.
„Ihr müsst doch gar nichts essen“, meint Kurt zu den Kindern. „Probiert es doch mal ohne Frühstück.“
„Gute Idee“, bestätigt Elfriede grinsend, „ihr esst uns eh alles weg.“
„Stimmt gar nicht“, beschwert sich Lieschen, „ihr esst uns alles weg.“
„Die Nutella bestimmt nicht“, sagt Max betont gelangweilt. „Denn die ist kein Lebensmittel. Das ist nur so ein Zuckerzeug das die Zähne kaputt macht.“ Dass Zucker dick macht, getraut er sich nicht zu sagen, die Kinder stehen gut im Fleisch.
„Seht es doch positiv“, mischt sich auch noch Johannes ein. „Wer nicht frühstückt, muss keine Zähne putzen.“
