Alwins Suche nach Erfüllung - Hans Joachim Gorny - E-Book

Alwins Suche nach Erfüllung E-Book

Hans Joachim Gorny

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Beschreibung

Alwin kommt von der Bundeswehr zurück. Opa renoviert gerade das Haus. Alwins Mutter ist nur noch genervt, kurz vor Weihnachten verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen. Ihr Sparbach und Girokonto bleiben in der Folge unberührt. Spekulationen schießen ins Kraut. Dann zieht auch noch Alwins Vater weg. Opa und Enkel sind nun allein. Die zwei verstehen sich bestens. Probleme bewältigen sie gemeinsam. Aber Alwin weiß mit seinem Leben nichts anzufangen. Er wünscht sich eine schönere Arbeitsstelle, ein Motorrad und eine Freundin, mit der er angeben kann. Aber kann das alles sein?

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Hans Joachim Gorny

Alwins Suche nach Erfüllung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Mutter ist weg

Elli

Papa zieht aus

Der Verfolger

Judenhäuser

Türme

Der Vitara

Besuch

Kind, oder kein Kind

Wolke

Rückenschmerzen

Vitalis

Die Erpressung

Unter einem Dach

Hausmeister

Der Überfall

Der Geigenunterricht

Der Stock

Opas Vermächtnis

Impressum neobooks

Die Mutter ist weg

Alwins Suche nach Erfüllung

von Hans Joachim Gorny

Zwischen dem Verschwinden seiner Mutter und deren Wiederauftauchen hatte Alwin eigentlich eine schöne Zeit verlebt.

Es geschah im Jahr 1986. In diesem Jahr ging Opa Robert in Rente und kam Alwin Anfang Dezember von der Bundeswehr zurück. Der Obergefreite durfte seinen Resturlaub bis zum 31.12. zuhause verbringen. Seine Wehrpflicht hatte er bei den Gebirgsjägern in Mittenwald abgeleistet, weshalb Alwin sich als Elitesoldat fühlte, der auf Gleichaltrige etwas herab sah. Er konnte Skifahren wie der Teufel, glatte Felswände hochklettern, schwere Lasten schleppen und mit Maultieren umgehen.

Alwin war eins achtzig groß, dunkelhaarig, schlaksig und durchtrainiert, er bediente sich einer anständigen Wortwahl und war diplomatisch. Von Anfang an hatte er bei den Ausbildern einen Stein im Brett. Seine Mitgliedschaft im heimatlichen Karate-Club brachte ihm auch einige Freiheiten ein, denn in Mittenwald gab es eine Karategruppe. Während seine Kameraden im Schnee und Matsch herumrobbten, durfte er in der geheizten Sporthalle trainieren, um dem Bataillon 233 Ruhm und Ehre zu verschaffen. Bei den Gebirgsjägern errang er den Schwarzen Gürtel.

Die teils ekligen Aufnahmerituale der Soldaten wurden mit Vorliebe bei schwächeren Kameraden zelebriert. Bei einem ersten Streit, der zugleich auch sein letzter war, verschaffte sich Alwin mit zwei Karategriffen den nötigen Respekt, der ihn vor weiteren Schikanen bewahrte. Was ihn aber nicht vor Alkoholexzessen schützte. Bei seiner Entlassung schwor er vor versammelter Einheit, dass er in seinem zukünftigen Leben nie mehr wieder Enzianschnaps trinken würde. Trotz einiger Besäufnisse verließ er die Bundeswehr mit durchweg positiven Erinnerungen. Außer einer, die ihn schwer drückte, die mit seinem Zugführer zu tun hatte, mit dem er auch in der Karateeinheit trainierte.

Weil sich die Heimatfahrt sehr umständlich gestaltete, lohnte sie nur bei angesammeltem Sonderurlaub. Den gab es für besondere Leistung, zum Beispiel für den errungenen schwarzen Gürtel, oder für Wochenenddienst. In der Regel verbrachte Alwin die Wochenenden in Mittenwald. Bei der Bundeswehr lernt man außer Chaos und Inkompetenz auch die unmöglichsten Typen kennen. Wer gedient hat, kennt die Palette an jungen Männern, die Deutschland zu bieten hat und weiß, wie seltsam Menschen sein können. Eigenschaften wie dumm, gescheit, unfähig, genial, primitiv, kultiviert, sportlich, behindert, oberflächlich und einfühlsam, gingen in allen Bevölkerungsschichten quer durcheinander.

An einem trostlosen Samstagabend, sie waren fast alleine in der Kaserne, betrank sich Alwin zusammen mit seinem Zugführer, einem Feldwebel. Wie es dazu kam, konnte er später nicht mehr nachvollziehen. Sein getrübtes Erinnerungsvermögen wusste noch, dass sie auf des Feldwebels Bude zu viel getrunken und sich dann ausgezogen hatten. Besonders angeekelt erinnerte er sich daran, wie sie sich gegenseitig ausgiebig mit ihren Geschlechtsteilen beschäftigten. Das muss ein 175er sein, dämmert es dem verkaterten Alwin erst am Sonntagabend, womit er den § 175 StGB meinte. Damals gab es noch diesen Paragraphen, der Sex zwischen Männern bestrafte. „Der Mann ist schwul und dürfte es hier nicht sein.“ Alwin hielt zwar seine Klappe, aber den Feldwebel auf Distanz. Diese alkoholbedingte Entgleisung überschattete seine sonst ungetrübte Bundeswehrzeit und nahm ihm jegliche Lust sich nochmals zu betrinken.

Anfang Dezember, nach fast fünfzehn Monaten Wehrpflicht endlich wieder in der Heimat, fand Alwin sein Elternhaus im Umbruch. Sein Opa Robert, dem das Haus eigentlich gehörte, befand sich frisch in Rente und veränderte das Haus nach schon lange ausgedachten Umbauplänen. Robert war der Vater von Alwins Vater Rolf, der schon in jungen Jahren geheiratet hatte. Seine Oma hatte Alwin nie kennengelernt, sie starb schon vor seiner Geburt an einer Embolie. Mutter Claudias Eltern kannte Alwin auch nicht, denn sie war eine Waise. Ihre Eltern wurden in den letzten Kriegswochen beim Pflügen auf dem Feld von einem Tiefflieger erschossen. Claudia musste ihre unfröhliche Kindheit bei einer Tante verbringen. Zum Zeitpunkt des Umbaus war Alwins ein Jahr jüngere Schwester Inge schon einem kanadischen Soldaten in dessen Heimat gefolgt, ihre Hochzeit stand kurz bevor.

Das Haus stammte aus der Kaiserzeit. Es hatte einer jüdischen Familie gehört, die es 1936 verkaufte und auch alles was nicht niet- und nagelfest war, um an Geld für die Auswanderung zu kommen. Wohin sie ausgewandert war, wusste niemand mehr. Auf jeden Fall kam Opas Vater damals sehr günstig zu einem Haus, dessen Obergeschoss er sogar vermieten konnte. Bislang lebte Opa Robert im Obergeschoss. Doch nun, wenn auch als noch sehr rüstiger Rentner, zog es ihn in das Erdgeschoss, um sich in Zukunft die steile Treppe zu ersparen. Demzufolge musste die unten wohnende Familie seines Sohnes nach oben ziehen. Am liebsten wäre ihm, wenn sein Enkel unten wohnen bliebe. Innerhalb der Familie verstanden sich Robert und Alwin am besten. Robert war seit dem Krieg, den er unbeschadet überstanden hatte, bei der Stadt in wechselnden Positionen beschäftigt. Vom Bauhof wechselte er ins Wasserwerk, von dort in das Liegenschaftsamt, zuletzt war er im Tiefbauamt beschäftigt. Von jeher bastelte und baute er gerne in seiner Freizeit, hielt sich im Feld einige Hühner und pflegte einen halben Hektar Reben.

Vater Rolf ging in seinem Beruf auf und hielt sich gerne aus allem heraus. Er war Prokurist in einem großen Industriebetrieb, der den Stadtrand verunzierte. Rolf ging früh aus dem Haus, kam spät zurück und hätte sich am Wochenende am liebsten in Opas Reben verkrochen, um vor der Unausgeglichenheit seiner Frau sicher zu sein.

Mutter Claudia, die im Landratsamt arbeitete, durfte getrost als nervöses Element bezeichnet werden und regte sich schnell auf. Sie wurde von Selbstzweifeln geplagt, haderte oft mit dem Amt und der Welt, machte aus Nichtigkeiten ein Drama und mit Vorliebe führte sie den Männern ihre Unzulänglichkeiten vor. Als einziges Mitglied der Familie Reuter hatte Claudia Abitur, aber sich für einen minder gebildeten Bürokraten entschieden, der ihr harmlos erschien. Rein optisch hatte Rolf es gut getroffen. Mit dem Aussehen seiner Frau konnte er zufrieden sein, aber ihre endlosen Bedenken gegen alles machten ihm das Leben sauer. Wenn sie allerdings von ihrem Mann oder Sohn etwas wollte, konnte sie sehr sympathisch lächeln und mit schmeichelnden Worten das Begehrte erlangen. Sie verfügte also auch über angenehme Seiten. Nachdem Tochter Inge das Land verlassen hatte, fühlte sich die Mutter von drei unterbelichteten Männern umzingelt.

Mit Opa lebte sie von Anfang an auf Konfrontation. Er hatte so seine Vorlieben. Sein Vater hieß Rüdiger Reuter, er selber hieß Robert Reuter, sein Sohn Rolf Reuter und sein Enkel sollte, um die Initialen RR auch weiterhin zu sichern, Rainer Reuter heißen. Da stellte sich die Mutter erstmals quer, sie wollte einen Alwin und keinen, „was für ein bescheuerter Name“, Rainer haben. Noch auf dem Standesamt wollte Rolf den Willen seines Vaters durchsetzen, bekam aber augenblicklich die unangenehme Seite seiner Frau zu spüren. Dadurch wurde das RR-Muster, welches eine lange Tradition werden sollte, unterbrochen. In der Folge zeigte sich, dass Claudia vor allem deshalb einen Mann brauchte, damit er ihr Unangenehmes vom Leibe hielt, für sie alles Mögliche erledigte, und, wenn sie schlecht drauf war, sie sich an ihm abreagieren konnte.

Zu allem kam noch, wie der Zufall es wollte, die besondere Situation, dass der Opa 1922, der Vater 1944 und der Enkel 1966 geboren waren. Nun wäre es natürlich nett, deutete der Opa an, wenn Alwin 1988 ebenfalls Vater werden könnte. „Ich soll mit zweiundzwanzig schon Vater werden?“ rief Alwin erstaunt aus. „Du hättest meine volle Unterstützung“, meinte Opa gönnerisch. Während Opa Robert auf einem Heimaturlaub von der Russlandfront seine Liebste geheiratet und sie auch gleich geschwängert hatte, schwängerte Sohn Rolf seine Liebste unabsichtlich bei einem Techtelmechtel. Eine frühe Vaterschaft wollte Alwin vermeiden, er spürte weder Verpflichtung noch Verlangen, 1988 Vater zu werden. Und er besaß das Unbeugsame seiner Mutter, im Gegensatz zu ihr aber gute Nerven.

Der Opa zog also innerhalb seines Hauses von oben nach unten. Weil die obere Wohnung um zwei Räume kleiner war, durfte Alwin unten in seinem alten Kinderzimmer bleiben. Essen sollte er aber oben bei seinen Eltern. Der Umzug war kaum vollzogen, da vermisste Claudia ihr Bügelzimmer im Erdgeschoss, welches Robert aber für die Badezimmererweiterung benötigte. Zuerst ging er an die Renovierung des oberen Badezimmers, riss Badewanne, Waschbecken und Toilette heraus, klopfte die alten Fliesen von den Wänden und glättete mit Zement zwei Tage lang die Flächen. Was er auch alles gut konnte. Er pausierte aber gerne. Morgens fuhr er mit dem Fahrrad zuerst zu seinen Hühnern und ließ sie aus dem Stall. Sie mussten die Nacht in der gemauerten Hütte verbringen, damit sie der Fuchs nicht holte. Manchmal verschwand Opa in seinen Reben, oder erledigte dies und das. Die Renovierung verlief schleppend, Rentner verfügen über viel Zeit. Als das obere Bad, sogar zur vollsten Zufriedenheit aller, wieder einsatzfähig war, begann er die Zimmer zu renovieren. Am Montag räumte er eins aus, am Freitag war alles gestrichen und tapeziert, am Samstag räumte die Familie das Zimmer gemeinsam wieder ein. Das wochenlange Provisorium, der permanente Staub und Dreck, brachte Claudia zur Verzweiflung. Als es an die Küche ging, stand sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Doch Robert strich die Küche, während ihrer Abwesenheit, an einem Tag durch.

Danach machte Opa in seiner Wohnung weiter. Die Hausfrau dachte tatsächlich nun von Staub befreit zu sein, doch der zog nach oben, Mutters Geschimpfe und Gezeter nahmen kein Ende. Als Letztes widmete sich Robert dem schwierigsten Fall, nämlich seinem Badezimmer. Im Haushalt geschehen doppelt so viele tödliche Unfälle wie im Straßenverkehr. Zum Beispiel fallen viele alte Leute aus der Badewanne oder stolpern über den Rand des Duschbeckens, brechen sich dabei die Knochen oder schlagen sich den Schädel ein. Um dieses in fortgeschrittenem Alter zu vermeiden, wollte Opa zur Badewanne noch eine ebenerdige Dusche, für die aber der Platz fehlte. Unter nicht enden wollendem mütterlichen Protest wurde das Bügelzimmer ausgeräumt. Die ganze Situation war äußerst unerquicklich, weil Claudias Bügel-, Näh- und Hauswirtschaftszimmer nach dem Umbau nur noch ein Kämmerlein sein würde. Erst als Opa sie anschrie: „Mach, dass du Tarantel aus meiner Wohnung kommst, ich will dich hier nicht mehr sehen, richte dich gefälligst oben ein“, herrschte Schweigen. Eisiges Schweigen.

Nun hätten Alwins Eltern auch in eine andere Wohnung ziehen können. Doch dazu waren sie zu geizig, denn bei Opa wohnten sie günstig. Sie brauchten ihr Geld für teure Urlaube und ein repräsentatives Auto. Wobei Rolf mit dem Rad zur Arbeit fuhr, Claudia aber immer mit einem dicken Mercedes zum Amt.

Opa riss sein Bad heraus, was natürlich wieder Staub und Dreck machte und entfernte die Wand zum Bügelzimmer. Claudia schüttete ihren im Obergeschoss zusammen gefegten Kehricht, der angeblich Roberts Staub war, ihm täglich vor die Tür seines frisch renovierten Wohnzimmers. Rolf erinnerte seine Frau daran, dass Opa der Hausbesitzer sei und sie eine Renovierung dulden müsse. Damit war er bei Claudia unten durch und wurde von ihr geschmäht.

Als Alwin von der Bundeswehr kam, war nichts mehr wie zuvor und das Verhältnis zwischen Robert, Rolf und Claudia völlig zerrüttet. Der Opa war gerade am Mauern, an Weihnachten wollte er fertig sein. Weil Alwin ihm beim Erstellen der neuen Trennwand half, war er oben nicht mehr erwünscht, die Mutter kurz vor dem Überschnappen. Er ging ihr aus dem Weg und blieb im Erdgeschoss. Während Opa die neuen Rohre hinter einer zusätzlichen Mauer verschwinden ließ, besuchte Alwin frühere Kumpels. Spät abends war er zurück und Opa hatte sogar schon die Flächen geglättet. Noch später kam Alwins Vater nach Hause. Kurz darauf klopfte es an Opas Küchentür, Rolf trat ein, mit einem völlig verstörten Gesicht und einem Briefbogen in der Hand, den er schweigend vor Opa auf den Tisch legte. Opa hob ihn hoch und las laut vor.

Ich halte es mit euch nicht mehr aus, ihr geht mir total auf den Eierstock, ich gehe dorthin wo es ruhiger ist. Claudia

Auch Alwin las den Satz, es war die Schrift seiner Mutter. Die drei sahen sich ratlos und betreten an.

„Und du hast nichts mitbekommen“, fragte Rolf seinen Vater. Der schüttelte entgeistert sein graues Haupt.

„Hat sie etwas mitgenommen?“ fragte Alwin seinen Vater.

„Ich habe noch gar nicht nachgesehen.“

Alwin ging nach oben, Vater und Opa folgten. Im Flur fehlte Mamas warme Jacke, das Sportzeug lag aber noch im Flurschrank. Im Schlafzimmer jedoch fehlte ziemlich viel Wäsche, stellte Rolf fest. Auch der Schmuck war weg, Ausweise und sonstige Papiere waren nicht zu finden. Es fehlte auch eine Reisetasche.

„Hat sie das alles in eine Tasche bekommen?“ fragte ihr Ehemann ungläubig.

„Sie scheint tatsächlich verschwunden zu sein“, stellte Opa fest.

„Was dich ja freuen wird“, knurrte sein Sohn.

Alwin drehte mehrmals seinen Kopf hin und her. „Man haut doch als erwachsener Mensch nicht so einfach ab. Mama hat doch eine Arbeitsstelle. Und wo soll sie überhaupt hin?“

„Vielleicht hat sie sich einen angelacht“, wagte der Opa zu sagen.

Rolf sah seinen Vater böse an. „Ich kann mir das alles nicht vorstellen, irgendwie ist das nicht logisch. Ich gehe morgen zur Polizei und erstatte Vermisstenanzeige.“

Auch Alwin fand die Sache mehr als seltsam.

„Ich habe in meinem Leben schon zu viel erlebt, um mich noch zu wundern“, kommentierte Robert.

Rolf ging am nächsten Morgen mit dem Brief seiner Frau und Alwin zur Polizei und wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben. Der Beamte hielt ihnen das Blatt vor die Nase. Das sei die freie Entscheidung seiner Frau gewesen, meinte der Polizist. Und auch nichts Ungewöhnliches. Sie hätte sich keiner Straftat schuldig gemacht. Er wolle auch gar nicht wissen was vorgefallen sei, weshalb Frau Reuter das Weite gesucht habe.

„Und warum steht in der Gasse noch ihr Mercedes?“ fragte Rolf verzweifelt.

Elli

An dem Tag, als Claudia Reuter ihre Männer verließ, befand sich ihr Sohn Alwin bei fragwürdigen Freunden.

Alwin war Hauptschüler und Klassenbester seines Jahrgangs, was ihn selbst am meisten überraschte. Denn als Schüler war er nicht von Ehrgeiz getrieben, hatte die Hausaufgaben meistens abgeschrieben und auf Klassenarbeiten nur sporadisch gelernt. Alwin gehörte zu den Typen, die nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, die sich ständig fragten was das alles soll, das mit dem Dasein. Ohne existenzielle Vorstellungen zu haben, ließ er die Zukunft kritiklos auf sich zukommen. Aber im Gegensatz zu anderen, die mit ihrem Leben nichts vorhatten, entschied sich Alwin gegen Unsinn und behielt eine reine Weste. Weil es sich so gehörte, begann er nach der Schule eine Lehre als Landschaftsgärtner, die er nach drei Jahren ebenfalls als Klassenbester beendete. Einige seiner ehemaligen Klassenkameraden waren noch nichts oder mehr oder weniger erfolgreiche Diebe und Dealer.

Sein größter Traum war ein eigenes Motorrad, ein Chopper sollte es sein, auf dem er dann aufrecht sitzend mit ausgestreckten Beinen durch die Heimat gondeln wollte. Es musste kein großes Bike sein und auch kein neues, aber selbst für ein gebrauchtes wollte sein Erspartes nicht reichen. Um den Militär bedingten monetären Engpass zu beseitigen und die neusten Einkommensmöglichkeiten zu sondieren, besuchte er seine alten Kameraden Kalle, Findus und Troll. Die drei hatten auf eine Lehre verzichtetet und waren nach der Schule gleich voll ins Geschäft eingestiegen, indem sie zahlreiche Hilfsarbeiter-Jobs annahmen. Und nebenher auch mit „krummen Dingern“ Kasse machten. Alwin interessierte, wie er am schnellsten und risikofreisten zu ein paar tausend Mark kommen konnte.

„Ich will mir einen Chopper zulegen“, machte er seine drei Kameraden, die mit zwanzig ihre beste Zeit schon hinter sich hatten, mit seinem Wunsch bekannt.

„Ich klau dir einen“, schlug Kalle vor. „Sag mir Marke und Modell.“

Alwin lachte und schüttelte seinen Kopf. „Und wenn mich die Polizei mit dem geklauten Bike anhält, komme ich in Erklärungsnöte. Wisst ihr nichts Besseres?“

„Ich wüsste jemand, für den du dealen könntest“, meinte Troll. „Ein Pfundskerl, ganz ohne Risiko. Du bekommst dein eigenes Revier, idiotensicheren Nachschub und ein garantiertes Einkommen von, na sagen wir, fünfhundert Mark in der Woche.“

„Und weshalb macht ihr den Job nicht?“ wunderte sich der Landschaftsgärtner.

„Uns mag er nicht“, gab Troll zu.

„Und wo steckt der Dealer, der dieses sagenhafte Geschäft bislang gemacht hat?“ wollte Alwin dann doch wissen.

„Ja, der sitzt, weil er dumm war“, meinte Findus ungerührt.

„Wenn ich Schülern Drogen verkaufen müsste, würde ich das Schwein anzeigen“, zeigte Alwin Gewissen. „Kennt ihr keine sichere Art, um an Kohle zu kommen?“

„Doch“, sagte Findus langgedehnt. „Wir wollten schon immer mal in die Baufirma meines Onkels einbrechen und den Tresor herausholen. Kalle und ich wissen auch genau wo er steht, wir haben dort schon gearbeitet.“

„Am Monatsende ist dort am meisten drin“, ergänzte Kalle.

Das wurde immer besser. „Ja wisst ihr denn, wie man einen Safe knackt?“

„Wenn wir den erst mal haben, bekommen wir ihn auch auf“, war Troll überzeugt.

Die Vorschläge liefen aus dem Ruder. „Was Anderes.“

„Am ungefährlichsten wäre“, fand auf jeden Fall Findus, „wenn wir im Südend, dort wo der Bürgermeister wohnt, in eine Villa einbrechen und diese nach Schmuck und Bargeld durchsuchen.“

Alwin schüttelte heftig sein Haupt. „Oh nein, dort habe ich schon gearbeitet. Dort sind mir zu viele Alarmanlagen und Hunde.“ Aus reinem Blödsinn spekulierte er nun wild mit. „Es muss doch eine Möglichkeit geben, wie man jemand um Geld erleichtern kann. Am besten jemand, der mit dem Geld eines anderen unterwegs ist, damit der Verdacht auf den Geldboten fällt.“

Findus pfiff durch seine angeschlagenen Schneidezähne. „Sehr gute Idee. Wir beobachten den Nachttresor der Sparkasse und finden heraus, welche Firma die meisten Geldbomben versenkt. Diesen Boten fangen wir ab.“

„Hab was Besseres“, wusste Kalle. „Was meinst du, was die Geldboten jeden Tag aus dem Handelshof herausholen. Da geht ein Mann allein hinein und kommt mit dem Geld allein heraus. Den könnten wir uns krallen, den Fahrer halten wir im Fahrzeug gefangen.“

Alwin wurde es nun doch mulmig. „Au, au, das wäre mir zu heiß. Das sind Profis, da kommen schnell Schusswaffen ins Spiel. Auch kennt ihr deren Tricks nicht.“ Mit den Dreien komme ich zu keinen Reichtümern, dachte er sich und machte einen weiteren nicht ernst gemeinten Vorschlag. „Aber wie wäre es, wenn man einfach in den Handelshof hineinspaziert und sich von den Frauen die Kassen leeren lässt. Zu dritt müsste man in Windeseile die Tageseinnahmen von mindestens drei Kassen plündern können. Da kommt es nur noch auf einen sicheren Fluchtweg an.“

Die drei schauten sich mit leuchtenden Augen an, alles schien so einfach. Der Handelshof war der größte Supermarkt der Stadt und damals gab es noch den langen Donnerstag.

Findus: „Wo treffen wir uns?“

Alwin: „Ich mache da nicht mit.“

Troll: „Es ist aber deine Idee.“

Alwin: „Ich weiß ja noch gar nicht ob ihr das könnt. Wenn ihr das Ding erfolgreich hinter euch bringt, weiß ich es und mache bei nächsten Mal mit.“

Alle drei schauten überrascht. Dann meinte Kalle: „Wir zeigen dir, dass wir sowas können. Aber es muss schnell gehen, es ist kurz vor Weihnachten, vor Weihnachten wird das meiste Geld ausgegeben. Ich schlage vor, wir nehmen den letzten langen Donnerstag.“ Seine Kumpels nickten.

„Geht aber kein Risiko ein. Und seid nicht gewalttätig“, sagte Alwin locker, der nicht damit rechnete, dass seine ehemaligen Klassenkameraden den Schneid haben, einen Raubüberfall durchzuführen.

Am Donnerstag den 18.12.1986 wurde der Handelshof überfallen. Die Kerle gingen geschickt und schnell vor. Die drei maskierten und bewaffneten Räuber rasten mit einem gestohlenen Pkw in das Foyer des Supermarktes und ließen ihn im Eingang stehen, sodass man das Gitter nicht herunterlassen konnte. Fünf Kassen waren besetzt, alle Damen mussten unter vorgehaltenen Waffen den Inhalt ihrer Schubladen in mitgebrachte Taschen entleeren. Nach kaum drei Minuten flohen die Räuber mit knapp zwanzigtausend Mark. Die drei, so stand am Samstag in der Zeitung, hielten sich für besonders schlau und flüchteten durch eine Einbahnstraße. Beim Verlassen derselben stießen sie mit einem Polizeiauto zusammen und konnten mit ihren Schreckschusswaffen den Waffen der Beamten kein Paroli bieten.

Als der Opa seinem Enkel die Zeitung hinlegte und Alwin die Schlagzeile las, wurde ihm abwechselnd heiß und kalt. Als er zu der Stelle mit dem Zusammenstoß kam, schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Es war seine Idee gewesen, die er seinen Kumpels flapsig unter die Nase gerieben hatte. Er überlegte, ob man ihn deswegen belangen konnte. Nach einigen unangenehmen Gedankengängen kam er zu dem Schluss, dass die Polizei ihn wohl als Drahtzieher des Ganzen abholen würde. Denn dass alle drei dichthielten, konnte er sich nicht vorstellen.

Opa verbrachte den Heilig Abend in seiner Hütte, Vater war mit unbekanntem Ziel außer Haus. Der Enkel überlegte, ob er auf die Polizei warten sollte, entschied sich dann aber dafür, das einzige geöffnete Lokal zu besuchen, das vor allem von Alleinlebenden und Heimatlosen angesteuert wurde. Dort machte Alwin auf lustig, trank einige Pils und wartete insgeheim auf die Polizei. Um Mitternacht begab er sich ins Bett, schlief lange aus und wartete auf die Polizei. Um zwölf machte er sich ein doppeltes Wurst-Käsebrot mit Gurken und hörte oben seinen Vater hin und her tapsen. Er ging nach oben, sein Vater sah schlecht aus, vermutlich verkatert. Sie unterhielten sich über traurige Weihnachten, vor lauter Umbaustress seien die Geschenke vergessen worden.

„Ich hätte mir eh nur ein Motorrad gewünscht“, gab Alwin zu.

Der Vater wiegelte gleich ab. „Für so was gibt es von uns keinen Pfennig“, womit er seine verschwundene Frau miteinbezog. „Für unvernünftige Wünsche ist der Opa zuständig.“ Weil sein Vater so schlecht drauf war, hatte Alwin auf weitere Unterhaltung keine Lust, holte sein Rennrad aus dem Schopf und radelte ins Feld zu Opas Hütte.

Vom Feldweg aus sah man nur das gemauerte Hühnerhaus und einige überdachte Ster Brennholz. Das Ensemble war von Kirschlorbeer, Koniferen und Holunderbäumen überwuchert. Das Brennholz lagerte schon seit Jahrzehnten am gleichen Platz, denn es verbarg die Rückwand von Opas illegal errichteter Hütte, deren Küchenteil sich im gemauerten Hühnerhaus befand. Der Enkel lehnte sein Rad an das Holz und ging um das Hühnergehege herum, wo sich auf der Südseite zwei massive Holztüren befanden. Die eine Tür war der Zugang zu den Eiern, die andere führte in Roberts Allerheiligstes. Alwin klopfte zweimal kurz und zweimal lang. „Komm rein“, rief es von drinnen. Alwin trat in die winzige Küche, die mit einem Campingherd, einem Spültisch und einem Küchenschrank aus der Kaiserzeit ausgestattet war, und von dort in das Wohnabteil. Durch zwei Fensterchen drang wenig Licht, die verborgene Hütte wurde von den immergrünen Gehölzen beschattet. Opa saß an einem kleinen Tisch, der von drei Stühlen umgeben war, vor einem Viertele Rotwein und las im Schein einer Campingleuchte in einer Zeitschrift. In seinem Rücken prunkte ein bequemes ausziehbares Sofa, an der Stirnwand stand ein Buffet aus den Vierzigern, das genauso mitgenommen aussah wie der alte Küchenschrank.

„Weihnachten war bei uns noch nie das Gelbe vom Ei“, empfing er seinen Enkel. „Aber dieses Jahr ist es eine Katastrophe.“

„Ich hab sogar vergessen, dir ein Geschenk zu kaufen“, entschuldigte sich Alwin, der seinem Opa sonst was Interessantes zum Lesen besorgte. Beide schwiegen eine Weile. „Und du hast echt nicht gehört, wie Mama das Haus verlassen hat?“, nahm er das momentane Dauerthema auf, denn auch die Nachbarn hatten nichts gesehen.

„Als ich mit dem Glätten angefangen hab, hat sie mal kurz mit bösem Blick reingeschaut. Vermutlich wegen dem lauten kratzenden Geräusch.“ Er überlegte. „Oder sie hat sich vergewissert, ob ich beschäftigt und abgelenkt bin.“

Alwin nickte. „Das muss sie schon länger geplant haben. Der Vater eines Bundeswehrkameraden ist bei der Polizei. Angeblich bringen sich vor Weihnachten gerne Leute um, erzählte er mir, weil sie nicht mehr in der Lage sind, intakte Familie zu spielen. Oder sie hauen ab.“

Opa wollte das Thema nicht unnötig vertiefen und fragt: „Wie war es denn beim Barras? Haben sie dich auch ordentlich schikaniert?“

„Ich bin eigentlich mit allen gut ausgekommen. Manchmal war es richtig kernig. Wer sich gerne bewegt, kann sich bei den Gebirgsjägern richtig austoben.“ Der Obergefreite grinste. „Ich könnte an einem Seil den Kirchturm erklettern.“ Dann berichtete er von chaotischen Kameraden und Ausbildern, von feinen Kameraden und kompetenten Ausbildern, von Hektik und Leerlauf, seltsamem Essen und kaputtem Gerät. „Es funktioniert alles nicht so ganz, wie es funktionieren sollte. Wenn etwas klappte, war die Kameradschaft zwischen Wehrpflichtigen und Ausbildern am schönsten, am schlimmsten waren die Besäufnisse.“.

Der gröbste Unfug wird immer von betrunkenen Soldaten fabriziert“, wusste Opa. „Mit zwanzig sind die noch immer wie die Kinder, auch die Unteroffiziere.“

Für Alwin war das ein Stichwort. „Habt ihr in Russland auch gesoffen?“

Der ehemalige Unteroffizier Robert Reuter zögerte mit der Antwort, es war ja auch schon über vierzig Jahre her. Dann gab er zu: „Wir haben den Russen jede Menge Wodka abgenommen und oft heimlich getrunken. Das wurde hart bestraft. Gegen Ende des Krieges konnte das die Hinrichtung bedeuten.“

„Au, au“, machte Alwin. „Wer bei uns auf Wache besoffen angetroffen wurde, landete ein paar Tage im Bau. Habt ihr hungern müssen?“

Der Opa rang mit sich. „Ich war ja im Nachschub, da gab es immer genug. Aber Nahrung war bei uns meistens vorhanden, die haben wir uns bei den russischen Bauern besorgt. Was wenig schön war, die hatten selber fast nichts.“

„Und auf dem Rückzug hat die Wehrmacht alles niedergebrannt, damit der russischen Armee nichts blieb“, wusste der Bundeswehrsoldat.

Opa stöhnte. „Das waren wohl die Pioniere die hinter uns die Brücken und Straßen sprengten. Meine Einheit war da weit voraus. Dazu habe ich sogar eine schöne Erinnerung. Irgendwo auf dem Rückzug haben wir eine Zuckerfabrik geplündert und uns die Hosentaschen mit Zuckerwürfel gefüllt. Während dem Marsch steckten wir die ständig in den Mund. Das war sozusagen eine süße Flucht.“ Er lächelte versonnen.

„Wurde es für deine Einheit auch mal brenzlig?“

„Oje. Daran erinnere ich mich überhaupt nicht gerne. Wir waren einmal sechs Wochen lang eingekesselt. Der ständige Beschuss zerrte wahnsinnig an den Nerven. Wir mussten uns eingraben, bald darauf wurden die Rationen gekürzt, auch für den Nachschub.“ Er grinste. „Wir konnten uns nicht waschen, in den Unterkünften fraßen uns die Läuse auf. Die waren einfach überall, ich habe mich schier zu Tode gekratzt.“ Es schüttelte ihn.

„Und wie habt ihr es aus dem Kessel geschafft?“

„Keine Ahnung. Eines Tages hieß es: Aufladen was geht, und in der Nacht sind wir losgefahren. Dabei wurden auch einige Fahrzeuge und Soldaten getroffen, es war alles furchtbar hektisch und unübersichtlich, fast jedem stand die Todesangst ins Gesicht geschrieben.“ Den Opa mit Todesangst im Gesicht konnte sich der Enkel nicht vorstellen, dafür erzählte er zu sachlich.

„Wie war das mit den Juden im Osten?“ sprach der Junge eine heikle Sache an.

Der Alte runzelte die Stirn, rieb sich das Kinn, beantwortete aber die Frage. „Wir sind immer wieder SS-Einheiten begegnet, die separat operierten. Aber was genau die machten, wussten wir nicht. Nach dem Krieg waren wir dann schlauer. Die müssen ordentlich gewütet haben.“

Alwin überlegte kurz, ob er weiter fragen sollte. Er wollte seinen Opa nicht in Verlegenheit bringen. Aber da nun mal Gelegenheit war: „Habe ich dich schon mal gefragt, ob du einen Russen getroffen hast?“ Alwin hatte schon als kleiner Junge seinen Opa öfter mit Fragen zum Krieg gelöchert.

Robert lachte sogar. „Glaube ich nicht, zum Schießen kam ich nur selten. Und wenn, schoss man einfach in Richtung Feind.“ Er bekam ein finsteres Gesicht. „Aber Leichen habe ich genug gesehen. Manchmal wurden Russen in der Nähe unserer Einheit erschossen.“

„Im Kampf?“

„Exekutiert.“

„Was waren das für Soldaten, die andere hinrichteten? Konnten die überhaupt noch ruhig schlafen?“

Es war alles andere als ein Thema, das zu Weihnachten passte. Opas Gesicht passte auch nicht zu Weihnachten. Alwin befürchtete, zu viel gefragt und alte Wunden aufgerissen zu haben und bezweifelte schon, dass er eine Antwort bekommen würde. Doch Opa, der weit weggetreten schien, erzählte mit düsterer Mine weiter vom Krieg.

„Ich habe mich mit einem unterhalten, der bei Exekutionen von Partisanen und so dabei war. Der erzählte mir, nachdem er seinen ersten Zivilisten erschossen hatte, sei ihm schlecht geworden. Tagelang hätte er das Gesicht vor sich gesehen und in der Nacht sowieso. Jedes Mal wenn es weitere Russen zu erschießen gab, holte ihn der Hauptmann aufs Neue. Manchmal waren auch Jugendliche und Frauen darunter, die danach in seinen Träumen herumspukten. Was meinst du, wie er seine Gespenster losgeworden ist?“ Der Opa erwartete von seinem gespannt schauenden Enkel keine Antwort. „Du musst einfach weiter töten bis es so viele Gesichter geworden sind, dass du sie dir nicht mehr merken kannst, war seine Lösung gewesen. Wenn die Gesichter zu viele werden, wird das Töten zur Gewohnheit, man denkt überhaupt nicht mehr drüber nach. Und damit es unpersönlich bleibt, darf man die Opfer auch nicht zählen.“

Alwins Blick verriet Fassungslosigkeit. „Brutal. Das Töten wurde für ihn so selbstverständlich, dass er dabei nichts mehr empfunden hat. Geschäftsmäßig wie ein Metzger. Hat der Mann den Krieg überlebt?“

„Keine Ahnung, er war nicht aus meiner Einheit.“

Alwin holte sich aus dem Buffet ein Weinglas und schenkte sich Roten ein.

„Was darf ich dir denn zu Weihnachten schenken?“ wechselte Opa das Thema.

„Ein Motorrad“, kam ziemlich schnell die Antwort.

„Du meinst wohl Bargeld als Zuschuss. Nach Neujahr arbeitest du ja wieder in deinem alten Betrieb. Wenn du drei Monate durchhältst, hast du bestimmt dreitausend Mark zusammen. Dann gebe ich dir einen Kredit von weiteren dreien. Abgemacht?“ Robert wusste, wie demotiviert Alwin in seine Gärtnerei zurückging, dass er gerne wechseln würde. Leider gab es im Winter keine freien Stellen und sein Arbeitgeber musste ihn nach dem Bund wieder einstellen. Um zu verhindern, dass Alwin hinschmiss, hatte sein Opa das Angebot ersonnen. Der Enkel schlug ein.

Eigentlich war Alwin bescheiden, kam mit wenig aus und wünschte sich kaum etwas. Als Freundeskreis reichten ihm sein Karateverein und sein Opa. Seinen Eltern ging er lieber aus dem Weg. Er las Bücher, Opas Magazine, die Tageszeitung und schaute im Fernsehen die Tagesschau. Das Weltgeschehen jedoch ließ ihn genauso kalt wie die lokalen Ereignisse. Aber auch er begehrte Einiges; Dreierlei, um genau zu sein. Um diese drei Ziele zu erreichen, nahm er Manches auf sich. Außer einem heißen Bike, begehrte er auch eine heiße Freundin und als Drittes, einen schöneren Arbeitsplatz. Das mit dem Chopper schien in die Wege geleitet, nun konnte er das mit der Freundin angehen. Der neue Arbeitsplatz musste bis zur Frühjahrsbelebung warten.

Polizei ließ sich auch weiterhin keine bei ihm blicken, Alwin konnte es kaum fassen und wurde täglich gelöster. An Silvester durchstöberte er mit zwei Karatekameraden einige Discotheken nach bekannten und unbekannten Mädchen, was ihn unbescheidene Eintrittsgelder kostete. Sein letztes Frauenerlebnis lag Monate zurück. In Mittenwald ließ er sich von einer älteren Frau, sie war achtundzwanzig, in deren Wohnung verführen. Die Begegnung verlief sehr hitzig, die Rothaarige hatte sich verlangend auf ihn gestürzt, was er ebenso heftig erwiderte. Nach einem letzten Akt, kurz vor dem Frühstück, eröffnete ihm die leidenschaftliche Frau, dass sie verheiratet sei und es zu keiner weiteren Begegnung kommen dürfe. Alwin, dem die Nacht ausgesprochen gut gefallen hatte, war ernüchtert. Wochen später erfuhr er per Zufall was es mit der Rothaarigen auf sich hatte. Sie war eine unverheiratete Arzthelferin und ständig auf der Jagd nach jungen Rekruten, von denen sie nie genug in ihr Appartement lotsen konnte. Sie wollte einfach so viele junge Männer wie möglich ausprobieren und in ihre Trophäen-Liste einreihen. Alwin ärgerte sich und fühlte sich benutzt, obwohl er ihr für diese Nacht eigentlich dankbar sein sollte.

Seine ersten Erfahrungen mit Mädchen machte er auf Partys. Knutschen, Haare kraulen, Brüste streicheln, Po kneten und so. Auf so einer Party lernte er, nicht mehr ganz nüchtern, seine Freundin Ilona kennen. Ilona war nüchtern und berechnend, entschied sich spontan für den sportlichen, großen und hübschen Alwin und verließ ihren Freund. Besonders gefielen ihr seine lockigen, dunklen und auch schulterlangen Haare, in denen sie dauernd herumgreifen musste. Bei Ilona, die nicht mehr Jungfrau war, durfte er dann auch eindringen, woran er mit gemischten Gefühlen zurück dachte, denn es war hektisch, umständlich und unfeierlich in seinem Zimmer vonstattengegangen. Die Beziehung hielt nur ein Jahr, sie waren zu unterschiedlich. Alwin dachte schneller als sie, handelte schneller, war ordentlich und pünktlich, Ilona war träge. Alwin stellte fest, dass sie sich gehen ließ und langsam aber stetig zunahm, weil ihre Bequemlichkeit nur Kekse und Pommes als Nahrung zuließ. Am liebsten ernährte sie sich von Highspeed-Fastfood, das waren Torten, von denen sie in fünf Minuten drei Stücke verzehren konnte. Ilona glaubte tatsächlich, ihren Alwin sicher zu haben und für ihre Attraktivität nichts mehr tun zu müssen.

Es musste eine Freundin her, mit der er auch angeben konnte. Eine große, dünne und langbeinige, quasi ein Statussymbol. Im Gegensatz zu seinen zwei Begleitern traute sich Alwin, Mädchen anzusprechen, was er auf spaßige Weise machte. Je nachdem wie sie reagierten sagte ihm sein Instinkt, ob sie Grips und Niveau hatten, oder eher von der drögen Sorte waren. Alwin war bekannt für sein großes Allgemeinwissen. Hauptschule hin, neun Schuljahre her, machte er wiederholt die Erfahrung, dass er mehr wusste als die meisten Gleichaltrigen. Vor allem suchte er nach einer Frau, mit der er sich, wie mit dem Opa, über alles unterhalten konnte.

Sein zwei Jahre älterer Kamerad Heinz, der zwar den zweiten Dan, aber noch nie eine Freundin hatte, fuhr sie in seinem R5 von Disco zu Disco. Den „Glasboden“, Alwins Lieblings-Disco, den er aber wegen der acht Mark Eintrittsgeld nur selten besuchte, betraten sie zuletzt. Da war es schon zwei Uhr, der Eintrittspreis halbiert. Die Tanzfläche bestand aus einer Glasplatte, darunter drohten eine Egge, Sensen, Sägeblätter und Stacheldraht. Im Lokal verteilt standen schmale Glastrennwände, die sich mit ebenso großen Spiegelwänden vermischten. Wer betrunken im Lokal umherwandelte, bekam enorme Orientierungsprobleme und fand alleine nicht hinaus. Über die Spiegelwände ließen sich unauffällig Leute beobachten, in Alwins Fall junge, dünne Frauen. Über gewisse Spiegel konnte man sogar hinter die Wände schauen und in Spiegeln in denen sich Spiegel spiegelten, das Lokal überblicken.

Alwin holte sich ein sündhaft teures Pils für fünf Mark und schlenderte langsam durch die Gäste, lehnte sich manchmal an eine Säule, um Frauen zu beobachten, nahm seine Wanderung wieder auf und landete letztendlich an der Theke, die die Tanzfläche flankierte. Trotz der „frühen“ Stunde wurde der Dancefloor eifrig genutzt. Nun trauten sich auch solche, die nüchtern nie tanzen würden. Auf der Tanzfläche bewegte sich ein betrunkener Querschnitt aus Deutschlands Jugend, kaum jemand war über dreißig. Zwischen all den auf der Stelle tretenden oder öde vor und zurück schleichenden Tänzern, bewegte sich ein kleineres Mädchen, das aufgrund seiner Sportlichkeit auffiel. Die quirlige Person hüpfte locker wie ein Gummiball und drehte sich in einem fort. Trotz ihres Elans fasste sie nach einiger Zeit Alwin ins Auge. Sie entsprach überhaupt nicht seinem Typ, aber so wie sie zu ihm hinüber grinste, schien sie pfiffig zu sein. Mit ihrer Stubsnase, den großen Augen und dem breit lächelnden Mund, der von zwei Grübchen begrenzt wurde, hatte sie etwas Niedliches, Schnuckliges, das man gern im oder auf dem Arm halten würde. Ihre expressive Tanzweise zog den angeheiterten Alwin in ihren Bann. Obwohl sie, für seine Begriffe, zu kurze Arme und Beine hatte, konnte er seine Augen nicht von ihr lassen. Alwin war Nichttänzer und erst recht würde er sich nie neben so eine agile Person stellen, die ihn dann, im wahrsten Sinne des Wortes, alt aussehen lassen würde. Schnelligkeit in Karate war etwas ganz anderes als Schnelligkeit auf der Tanzfläche.

Während der DJ die Musik wechselte, rief Alwin „Du begrüßt das Neue Jahr aber sehr sportlich“, hinüber. Sie lächelte zwar, flippte aber weiter, vermutlich, weil ihr die Rockmusik gerade so gut gefiel. Dass ihm die Kleine Spaß machte, konnte er nicht verhehlen. Er schaute auf ihr Hemd, unter dem die nicht kleinen Brüste hüpften und auf den Po, der rund und kräftig, in der Bewegung ständig seine Form wechselte. Dann stellte sie sich doch zu ihm, sie ragte gerade bis an seine Schulter.

„Du siehst auch sportlich aus. Aber tanzen willst du wohl nicht?“, schrie sie. An der Theke stand man voll in der Akustik.

„Dazu fehlen mir noch einige Bier“, schrie er zurück. „Wie heißt du?“

„Ich bin Elli. Und du?“

„Können wir vielleicht nach hinten gehen? Ich verstehe dich kaum.“

Sie winkte mit dem Kopf, ihr zu folgen und stellte sich hinter eine Spiegelwand. „Wie war nochmal dein Name?“

„Ich bin Al.“

Sie sah ihn belustigt an. „Na, kürzer geht’s wohl nicht. Wie heißt du denn richtig?“

„Ich heiße Alwin und ich sage dir, dass Elli auch nicht dein richtiger Name ist.“

„Elisabeth, mit einem L. Das hört sich für mich nach Mittelalter an, so wie Kunigunde und Walburga. Deshalb müssen alle Elli zu mir sagen, weil sich das poppig anhört.“

Ihr Gesicht war ernst geworden, die Grübchen verschwunden. Wenn er sie nicht verärgern wollte, musste er sie Elli nennen, obwohl er Elisabeth sehr schön fand, der Name hatte etwas Königliches.

Ellis Haupt schmückte eine blonde Lockenpracht, er strich ihr die Frisur aus der Stirn. „Du siehst so jung aus, bist du schon achtzehn oder hast du dich herein geschmuggelt?“

Sie machte eine säuerliche Mine. „Das ist ein wunder Punkt, alle halten mich für ein kleines Mädchen. Aber ich bin einundzwanzig.“

Al tat erstaunt. „Dann könntest du ja meine große Schwester sein.“ Sie schlug mit der flachen Hand gespielt auf seine Brust, die Chemie stimmte. Beide alberten ein wenig herum, bald darauf küssten sie sich. Heinz kam vorbei, er wollte endlich heim. Elli schlug Alwin vor, ihn heim zu fahren. Heinz und der dritte Freund trotteten unlustig davon, Elli und Al knutschen weiter. Irgendwie kam die Sprache auf Wohnung und Zimmer, Elli wohnte noch bei den Eltern.

Er wollte sie neugierig machen. „Ich wohne bei meinem Opa, hab ein schönes, großes Zimmer und nebenan eine neue Dusche, die fast so groß ist wie ein Doppelbett.“

„Glaub ich nicht“, sagte sie mit einem verkniffenen Lächeln. Beide wussten, worauf das hinaus lief.

Elli fuhr mit ihrem Fiat Alwin nachhause und ließ sich die Dusche zeigen, die tatsächlich einen überdurchschnittlichen Durchmesser besaß. „So verschwitzt wie du bist, kannst du sie gleich ausprobieren“, schlug er vor.

„Nicht alleine.“

So lernten sie ihre Körper kennen, aufrecht stehend bei bester Beleuchtung, und Beiden gefiel was sie in die Finger bekamen und sie genossen es, angefasst zu werden. Gegenseitig trockneten sie sich ab und Alwin führte Elli zu seinem Bett. Es wurde eine ungetrübte Nacht, beide hatten viel Wonne und Spaß, irgendwann schliefen sie ein. Sie war, er hatte es vermutet und gehofft, im Bett genauso agil wie auf der Tanzfläche. Im Liegen kroch sie um ihn herum und beglückte ihn mit zahlreichen Griffen, was ihn ermutigte, ebenfalls beherzt zuzugreifen. Mit Ausdauer rieb sie ihre vollen Brüste an seinem Körper, von Fuß bis Kopf und zurück. Das machte sie so gerne, dass sie diese Tätigkeit gleich nach dem Erwachen wieder aufnahm. Nach dem Frühsport, der einem Ringkampf gleich kam, spazierte Alwin nackt in die Küche, der Opa war natürlich schon bei den Hühnern, und ließ eine Kanne Kaffee durch.

Auf dem Bett im Schneidersitz Kaffee schlürfend fragte Elli: „Was machst du eigentlich beruflich?“

„Landschaftsgärtner, und du?“

„Bankkauffrau.“

„Aha, immer schön im Trockenen“, spottete er. Den Indoor-Weicheiern fühlte er sich überlegen.

Versonnen sah sie zur Decke. „Schade, ich hatte dich für einen Studenten gehalten.“ Sie stellte die Tasse zur Seite.

„Mit einem schlaffen Studenten hättest du nicht so viel Spaß gehabt.“ Er streichelte die Innenseiten ihrer strammen Schenkel. „Das war eine richtig sportliche Nacht, die kann sich gerne wiederholen. Gehen wir nun zusammen?“

Erstmals wurde sie richtig ernst. „Du siehst toll aus, du fühlst dich gut an, du bist anständig und witzig. Trotzdem will ich keinen festen Partner. Ungebunden zu sein, bedeutet mir sehr viel. Männer versuchen immer, so ein kleines Mädchen wie mich zu bevormunden. Mein Vater und meine Brüder sind da ganz schlimm.“ Mit einer schnellen Bewegung legte sie sich auf den Bauch.

„So was Kleines will man doch beschützen“. Er streichelte nun ihren Hintern. „Du bist zwar nicht meine Traumfrau, die müsste nämlich groß und dünn sein, trotzdem würde ich dich nehmen.“

„Hör jetzt auf“. Elli setzte sich wieder hin. „Wenn du es genau wissen willst. Ich habe ganz bestimmte Pläne und in denen habe ich für einen Arbeiter keinen Platz. Ich bin auf der Suche nach einem Mann aus guter Familie.“

Alwin unterbrach sie. „Aus reicher Familie, vermute ich.“

„Ich will mal einen Akademiker heiraten, einen Zahnarzt oder so.“

„Oder einen Bankchef.“

„Mein Vater arbeitet am Fließband, meine Mutter ist Putzfrau, aus diesem Milieu will ich raus. Ich will an der Seite eines Mannes glänzen und in der Gesellschaft etwas darstellen.“ Während sie redete, verlor Elli jegliches Nette. „Ich will zu Ereignissen eingeladen werden, zu denen meine Eltern nie Zugang hatten. Ich will in die Oper geführt werden und mit den wichtigen Bürgern in einer Reihe sitzen. Dazu in einem großen Auto herumfahren und in einer repräsentativen Villa wohnen.“

„Du willst das Leben einer reichen Frau führen und dein Mann hat sich abzustrampeln, damit er dir das bieten kann“, meinte Al fast schon giftig.

Elli stutzte. Dann meinte sie grinsend: „Du hast es erfasst. So einen Dummen suche ich.“

„Ich sage dir, du wirst bei einem alten Sack landen.“

„Dann komme ich dich besuchen und mache mit dir, was ich mit dem alten Sack nicht machen kann.“

„Solange meine Traumfrau nicht bei mir wohnt, bist du immer willkommen.“

Papa zieht aus

Alwin und Elli sind in den Siebzigern und Achtzigern aufgewachsen. Damals war alles viel bunter und verrückter. Und die Sitten lockerer, Gruppensex war weit verbreitet. Beim ersten warmen Sonnenstrahl lagen die Studentinnen oben ohne oder ganz nackt an den Baggerseen, den Flussufern und in den Stadtparks. Am Körper flatterten die Klamotten, waren teils schreiend bunt, die Fahrzeuge leuchteten in den unwahrscheinlichsten Farben, es gab verrückte, grelle, unpraktische Möbel zu kaufen. Die Reklametafeln waren farbiger, die Häuser wurden es dann auch, es gab Großdemonstrationen, bei denen Innenstädte in Schutt und Asche gelegt wurden. Ganze Banden zogen durch die Republik auf der Suche nach Demos, um sich mit Polizisten zu keilen und abzureagieren. In den Siebzigern konnte man ungestraft LSD konsumieren, die Möglichkeiten der Rockmusik wurden bis ins Bestialische ausgereizt, die ersten Superstars starben am Drogenmissbrauch. In den Achtzigern ging es ungebremst weiter, es kam zur „Neuen Deutschen Welle“, die oberverrückt und abgefahren ganz Europa erfasste. Danach räumte Michael Jackson ab, was ging.

Es gab auch den Terror der RAF, der Roten Armee Fraktion, in der oberschlaue Kinder reicher Eltern zusammenfanden, um die Republik zu verbessern und sich dabei grandios verrannten. Eine Reihe spektakulärer Morde erschütterten Deutschland, die Bevölkerung spürte eine nervöse Polizeipräsenz. Bei Fahrzeugkontrollen standen die Polizisten mit Maschinenpistolen auf der Straße oder sie leiteten sogar den kompletten Autobahnverkehr über einen Rasthof und kontrollierten alle.

Dann kam die Wende. Deutschland wurde eins und, was keiner für möglich gehalten hatte, wieder grauer. Trendsetter war die neugeschaffene Telekom, die die gelben Telefonzellen beseitigte und dafür Graue aufstellte, denen ein Hauch von Rot anhaftete, das als Magenta bezeichnet wurde. Grau dominierte die Fahrzeugfarbe, grau wurden viele Fassaden. Doch ich greife der Zeit voraus.

Alwin lebte und arbeitete in einer Kleinstadt, die von vierzigtausend Menschen bewohnt wurde und bis auf Oper und Theater alles hatte, was das deutsche Herz begehrte. Was der Stadt fehlte, bot die Großstadt in zwanzig Kilometern Entfernung. Wenn die Jungend mal ableben und so richtig Scheiße bauen wollte, tat sie das lieber im Großstadtdschungel und verdrückte sich danach in die Heimat. Umgekehrt galt das aber auch für die Großstädter, die lieber im Hinterland über die Stränge schlugen, in Besenwirtschaften die Sau raus ließen und unerkannt Sexabenteuer nachgingen. In Alwins Heimatstadt gab es viel bessere Discos, Bars und Striplokale, als in der Großstadt.

Die Bank schickte die Jahresabschlussberichte, fünf Stück, jeweils einen für Opa Robert, Vater Rolf, Mutter Claudia, Alwin und die ausgewanderte Inge bekam auch einen. Vater öffnete den Umschlag seiner Frau und fing an zu heulen. Auf Mutters Konto hatte seit ihrem Verschwinden keine Bewegung stattgefunden. Vater Rolf ging damit wieder zur Polizei und meinte, seiner Frau müsse etwas passiert sein, vielleicht würde sie von jemandem festgehalten. Die Beamten fanden das unangetastete Konto nicht außergewöhnlich, nahmen aber trotzdem dieses Mal eine Vermisstenanzeige auf. Dass Menschen auf dem Weg zum Zigarettenautomat verschwinden würden, so ein Polizist, sei kein Witz. Oft werden sie Jahre später bei einer zufälligen Kontrolle wieder entdeckt. Und, dass manche alles liegen und stehen lassen und verschwinden, käme auch vor. Weil viele der Vermissten gefunden würden oder zurückkämen, wüsste man, dass selten ein Verbrechen dahinter steckt. Der Vater besuchte daraufhin Mamas Behörde, forschte dort nach Beziehungen, wollte wissen, ob sonst noch jemand verschwunden sei, er dachte natürlich an einen Geliebten und brachte so lange Unruhe in den Dienstablauf, bis er Hausverbot erhielt. Rolf durchforstete die Ordner seiner Frau, ihre schriftliche Hinterlassenschaft, forschte bei allen Verwandten und Bekannten, kontaktierte Vereine und Organisationen, bei denen sich Claudia früher engagiert hatte und rief alle ehemaligen Klassenkameraden an, deren Adressen er ausfindig machen konnte.

Ab Januar arbeitete Alwin wieder in seinem alten Betrieb. Mit Elli hatte sich leider nichts mehr ergeben. Opa meinte noch, nachdem Al sie hinaus geleitet hatte, er solle sich mit dem Schwängern noch mindestens drei Monate Zeit lassen, damit es ein 88er wird. Alwin zeigte ihm den Vogel, Opa grinste.

Ein Landschaftsgärtner hat weniger mit Pflanzen zu tun als mit Zement und Steinen. Alwins Firma war dafür bekannt, dass sie jeden Garten in eine Festung verwandeln konnte. Im Winter mit Erde, Steinen und Wasser zu arbeiten, war ungemütlich, ständig wechselte das Wetter. Regen, Föhn, Dauerfrost, Schnee, Sonne, bei dem ständigen Auf und Ab der Temperaturen wusste Al nie, ob lange Unterhosen (die er in Nato Oliv vom Bund mitbekam) angebracht waren, oder ob es ohne gehen würde. Nach fünfzehn Monaten hatte er ganz vergessen, was Winterwetter mit den Händen macht. Er konnte froh sein, dass er keine Freundin hatte, die gestreichelt werden wollte. Seine Hände waren voller Schrunden und Hornhautfetzen, zarte Haut hätte er aufgekratzt. Bis Mitte Februar ärgerte er sich über das Wetter und die eintönige Arbeit, dann wurde es interessant.

Am Stadtrand, dort wo die Oberschicht auf Hang-Grundstücken residierte, Alwin musste dabei an Kalle, Findus und Troll denken, durfte sein Betrieb einen Garten umgestalten und dabei aus dem Vollen schöpfen. Es war das Grundstück des Baubürgermeisters. In der Nähe befanden sich auch Haus und Grundstück des Oberbürgermeisters. Leider verzichtete der OB auf Gärtner und ließ es wuchern. Seine Einfahrt bestand aus Kopfsteinpflaster, auf dem das Moos wuchs, im Garten standen Sandsteinmauern, aus denen Farne und andere Pflanzen sprießten, ringsum wuchsen billige, einheimische Büsche und Bäume, die das Haus zu ersticken drohten. Rasenflächen hatte er zwei winzige: eine als Lücke vor der Haustür, damit man sie fand, die andere bei der rückwärtigen Terrasse für den Liegestuhl. Der Rest war Wildnis.

Da war der Baubürgermeister von ganz anderem Kaliber. Der bestellte tonnenweise Betonplatten, Steine, Tröge, Säulen und Simse, damit die Landschaftsgärtner daraus eine Landschaft basteln konnten. Alwins Chef, der auch Gartenarchitekt war, zeichnete eine gut sortierte Gartenanlage. Im Vorfeld waren umfangreiche Planierarbeiten erforderlich. Dann wurden zaghaft erste Mäuerchen in ein Zementbett gestellt und, als Unterlage für die Plattenwege, einige Laster voll Kies abgeladen. Alwin war tagelang mit der Schubkarre unterwegs, um den Kies dort hinzubringen, wo die umfangreichen Plattenwege verlaufen sollten. Jeder Winkel des Gartens musste, ohne sich die Schuhe schmutzig zu machen, gut erreichbar sein. An markanten Punkten wurden Säulen aufgestellt, auf die Säulen Simse zementiert. Als nach langwierigen Vorarbeiten der Rahmen des Gartens endlich stand, wurden die Beete und Rasenflächen mit Steinen eingefasst, danach ging es an die eigentliche Gartenarbeit. Natur durfte nur in Rahmen wachsen, Blumen und Grün wurden in ein strenges Korsett gebannt.

Das Ergebnis gefiel der Hausfrau nicht, sie fand ihren neuen Garten irgendwie komisch, ohne beschreiben zu können weshalb. Der Chef redete sich den Mund fusselig, wusste aber keine Lösung, um den Garten attraktiver zu gestalten. Alwin saß in der Mittagspause auf einer Mauer, biss herzhaft in sein doppeltes Wurstbrot und las in der Tageszeitung irgendwas von Perestroika, die der sowjetische Parteichef Gorbatschow voranbringen wollte. Völlig überraschend kam die Hausherrin und brachte ihm eine Flasche Bier. Alwin dachte sofort: „Die will mich aushorchen.“ Er bedankte sich für das Bier und ließ mit Hilfe einer Spachtel den Kronkorken schneppern.

„Sie machen mir einen intelligenten Eindruck“, schmeichelte die Frau des Baubürgermeisters. „So junge Leute haben doch oft wilde Ideen. Wie würden sie denn den Garten gestalten? Sie brauchen kein Blatt vor den Mund zu nehmen, dass hier etwas nicht stimmt, sieht doch jeder.“

Alwin befürchtete Fettnäpfchen. Dann fiel ihm ein, wie wenig er den Job mochte und dass er sich ruhig das Maul verreisen konnte, weil ihn eine Kündigung nicht jucken würde. „Der Garten ist zu streng angelegt“, tastete er sich zu einer persönlichen Meinung.

„Er soll übersichtlich sein“, meinte die Frau.

„Es ist alles so gerade, so hat der Garten wenig Liebliches“, hielt Alwin dagegen.

Die Hausherrin betrachtete ihn gespannt, der immer noch saß und über das Gelände blickte.

„Ich würde die Ecken der Beete abrunden, in den einen oder anderen Plattenweg würde ich leichte Bögen hineinbringen, damit das Ganze etwas Schwung bekommt, etwas lebendiger wird. So wie jetzt sieht es ziemlich geschäftsmäßig aus, wie Industrie.“ Fast hätte er gesagt, wie ein Gefängnis. „Die Grenzmauer da hinten würde ich unterschiedlich hoch machen, der würde ich ein Auf und Ab verpassen. Halt irgendwie die geraden Linien durchbrechen. Trotz der Gefahr, dass es den Garten unübersichtlicher macht, macht es ihn aber organischer.“

„Ich verstehe“, meinte die Frau. „Danke“, und verließ ihn.

Er sah ihr hinterher. „Jetzt bin ich gespannt, was sie macht und ob es Ärger mit dem Chef gibt.“

Die von Alwin vorgetragenen Vorschläge würden den Garten nicht organischer machen, im Prinzip handelte es sich um einen typischen Spießergarten. Betonmäuerchen, Betonwege, Betontröge, hielten die Botanik strikt in vorbestimmten Grenzen, aus denen sie nicht ausbrechen durfte. Und wehe, der Rasen würde es wagen, über eine Platte zu wuchern, oder eine Blume es wagen, ihr angestammtes Beet zu verlassen, dann wird der Gärtner gerufen, damit er diesem Freiheitsdrang den Garaus macht. Solch einen Garten aus Betonteilen bezeichnete Alwin als steril; manche Leute wollten es anorganischer, andere etwas organischer. Manche wollten Natur gezähmt, andere nahmen auch Unkraut, Insekten und andere Tiere in Kauf.

In Punkto organischer Garten war der Oberbürgermeister ein Vorbild. Dort versickerte das Regenwasser zwischen dem Kopfsteinpflaster, wuchsen standortgerechte Blümchen aus den Ritzen. In den Fugen der Sandsteinmauern lebten Käfer, Blindschleichen und Eidechsen. Die billigen einheimischen Gehölze produzierten Blüten für Insekten und essbare Beeren, alles zusammen lockte Vögel an, die in diesen Gehölzen auch ihre Nester bauten. So ein organischer Garten war Lebensraum, war Natur pur. Das Gegenteil von Beton steril. Nur, an so einem Garten würde Alwins Chef nicht viel verdienen, deshalb wurde der Kundschaft allesmögliche Zeug aufgeschwätzt, von der Betonsäule bis zum sündhaft teuren exotischen Busch, von dem einheimische Tiere aber nicht leben können.

Alwins Chef wurde her zitiert und besprach mit der Auftraggeberin eine weitere Umgestaltung, die Alwin persönlich ausführen durfte. Er riss dem vordersten Beet die Ecken heraus und setzte die Randsteine ins Rund. Al ging vorsichtig zu Werke. Vor jeder neuen Veränderung suchte er bei der Hausherrin das Gespräch, erklärte ihr sein Vorhaben und ließ es von ihr absegnen. Der Chef stellte ihm nur eine stämmige Gärtnereigehilfin zur Seite. Tag für Tag wurde die Betonlandschaft kurviger, was Alwin als lebendiger verkaufte. Auf einmal machte ihm sein Beruf wieder Spaß, für seine eigenen Ideen war er Feuer und Flamme. Rita die Helferin, machte ohne zu murren was er von ihr verlangte, ihr gefiel die neue Arbeitsweise, für Gestaltung schien sie sogar Talent zu besitzen.

Vor die lange Mauer an der Grundstücksgrenze stellte Alwin ein paar Säulen, machte aus der Mauerkrone Wellen, verhalf den eigentlich fertigen Plattenwegen zu kleinen Schwingungen und dort wo ihm die Platten zu reichlich erschienen, riss er welche heraus und schuf kleine grüne Inseln. Er und Rita waren gerade dabei, ein paar hundert Pflanzenzwiebeln zu setzen, als eines Nachmittags, im Gefolge der Hausherrin, mehrere Damen interessiert durch die Betonlandschaft schlenderten. Er musste erklären, welche Bereiche für Rosenstöcke reserviert waren, wo er Bonsaibüsche pflanzen wollte, was Rasen und was Blumenbeet wurde. „Sehr schön“, sagten einige. „Ich bin sehr zufrieden“, freute sich die Bürgermeisterfrau.

Nach Feierabend musste er zum Chef, wohin man nur mit einem unguten Bauchgefühl ging. Alwin nahm an, er hätte seinen Arbeitgeber brüskiert, immerhin war der von ihm gezeichnete Plan zur Makulatur geworden. Sein Chef hatte studiert und war um die vierzig. Bei diesen Typen, wusste Al, zählten vor allem Geltung und Eitelkeit. Dieser studierte Gartenarchitekt setzte sich, mit einem Hefter in der Hand, ihm gegenüber und begann zu blättern. Dann sagte er ernst:

„Du hast uns zu ein paar Aufträgen verholfen. Finde ich gut. Einige Damen der Oberschicht würden gerne ihren Garten umgestalten.“ Der Chef zeigte keine Emotion, überlegte. „Sie wünschen sich deine Ideen in ihren Gärten. Finde ich auch gut, es muss nicht immer so gemacht werden, wie ich es plane. Wir sind doch für Vielfalt.“

Alwin wusste nichts zu kommentieren und auch nicht, worauf das Gespräch hinauslaufen würde.

„Dein Talent als Gärtner ist vermutlich das Kleinere.“ Plötzlich grinste der Chef. „Dein Haupttalent ist wohl, dass du mit diesen Damen umgehen kannst. Du hast sie beeindruckt und sollst nun ihre Gärten auf Vordermann bringen. Einen Gärtner mit diplomatischem Geschick hat nicht jeder. Weil wir ein paar schöne Aufträge bekommen haben, bekommst du ein paar schöne Arbeitsstellen. Und eine Mark Lohnerhöhung.“ Der Chef sah ihn an, Alwin nickte. „Sag den anderen aber nichts“, war der Arbeitgeber wieder ernst.

„Danke, ich freue mich richtig. Darf Rita weiterhin mit mir arbeiten?“

„Wenn du sie brauchen kannst?“

„Die macht was ich sie heiße“, grinste Al nun auch. „Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir der Garten vom OB besser, da leben Tiere drin.“

„Wenn ich ehrlich bin, mir auch. Behalt auch das für dich.“ Der Chef klopfte Alwin auf die Schulter und verschwand.

Fortan machte sein Beruf Alwin sehr viel Freude, an einen Stellenwechsel verschwendete er keinen Gedanken mehr. Da seine Tätigkeit ihn ausfüllte und er auch in der Freizeit an die Arbeit dachte, machte das Leben auf einmal Sinn. Wie sein Chef bemerkte, konnte er es mit den Kundinnen der gehobenen Kategorie ausgesprochen gut, was vor allem an seinem Aussehen und Lächeln lag. Alwin wurde der Gärtner der Oberschicht. Als nächstes landete er auf dem Grundstück eines Professors, dessen Frau grün angehaucht war. Dort redete er erstmals beruflich von Pflastersteinen und Trockenmauern, von den Tieren die zwischen den Steinen lebten und überwinterten. Das kinderlose Paar war hellauf begeistert, Alwin durfte sich auch dort verwirklichen, sein Chef musste die Region nach alten Sandsteinen abgrasen.

Ende April kaufte Al sich eine rote Kawasaki 450 LTD. Die Maschine war mit einem hohen Lenker, einer Stufensitzbank aber mit nur 36 PS ausgerüstet. Das reiche für einen Anfänger, meinte der stolze Besitzer. Opa pflichtete ihm bei. Was jetzt noch fehlte, war eine attraktive Beifahrerin. An zwei Abenden die Woche besuchte er das Karatetraining, besah sich immer wieder die Kameradinnen, besonders genau die Neuzugänge. Meistens waren es Teenager, aber für keines der Mädchen konnte er sich begeistern. In eine feste Freundin müsste ich verliebt sein, sagte er sich. Öfter fuhr er mit Mädchen auf dem Sozius spazieren, ohne dass sich etwas entwickelte. Die Mädchen würden schon gerne mit ihm gehen. Doch Alwin verweigerte, aus Angst sie nicht mehr loszuwerden, sogar das Küssen.

Ich bin zu wählerisch, meinte er selbstkritisch. Wenn ich nach einer perfekten Frau suche, kann das nichts werden, weil es perfekte Menschen nicht gibt. Er probierte es mit dem Naheliegenden und das war seine Kollegin Rita, die in ihn verliebt war. Er nahm sie einige Male auf dem Motorrad mit und auch einige Male mit ins Bett. Aber mit ihr machte es ihm keinen Spaß, da entzündete sich nichts, entstand kein Begehren. Wenn der Samen verspritzt war, war Al sofort lustlos. Rita hatte auf Grund ihrer körperlichen Arbeit zwar kaum Fett, war aber grob gebaut, fühlte sich nicht gut an, ihre Haut wies unschöne Unebenheiten auf. Wenn er sie mit dieser Elli verglich, fehlte es Rita nicht nur an einem schönen Körper, sondern auch an Charme und Witz. Auch vom Charakter her war sie eher krud, mit ihr konnte man sich nur über Arbeit, Fernsehserien und Schlagerstars unterhalten. Jeden Freitag lag sie ihm in den Ohren, weil sie am Wochenende mit ihm zusammen etwas unternehmen wollte. Wobei sie an Sex dachte, das andere interessierte sie nur am Rande. Er behauptete, keine feste Freundin zu wollen, sie solle sich einen anderen suchen. Als sie von ihrem Auserkorenen nach einem halben Jahr immer noch abgewimmelt wurde, kündigte Rita und erschien am Montag nicht mehr zur Arbeit.

Alwin tat es leid. Dass seine Kollegin wegen ihm hinschmeißt, machte ihm zu schaffen. Er brauchte Rat und zwar von einer vernünftigen Person mit der man ernsthaft reden konnte, er brauchte seinen Opa. Robert verbrachte das Wochenende in seiner Hütte, in der er immer viel las und vermutlich auch viel trank. Alwin donnerte mit seinem Motorrad ins Feld, fuhr mit Schwung das Grundstück zum Hühnerhaus hinauf, um das Gehege herum und parkte die Maschine neben Opas Moped. Der Alte hatte keinen Autoführerschein, nie gemacht, und da er so oft sein Fahrrad benutzte, vermutlich auch keinen für seine Kreidler Florett. Opa kam heraus.

„Was sind denn das für neue Sitten“, brummte er.

„Ich brauche deinen Rat“, entschuldigte sein Enkel den lauten Überfall. „Es geht um ein Mädchen.“

„Ja dann immer gerne. Wir holen uns zwei Stühle und setzen uns unter die Bäume.“

Der Alte reichte die Stühle hinaus, er schien nüchtern zu sein. Alwin hatte keine Ahnung wie viel Opa trank, wenn er so alleine in der Hütte vor sich hin brütete. Er erzählte von Rita und dass sie seinetwegen den Job, den sie eigentlich mochte, hingeschmissen hatte und verduftet war.

„Was soll ich machen“, fragte Alwin ratlos. „Soll ich einer Frau nachgeben, die ich nicht liebe, die mir zu einfach gestrickt ist, die sich wie ein Kartoffelsack anfühlt, wofür sie natürlich nichts kann? Ich kann mich doch nicht einer Frau erbarmen, die nicht zu mir passt, damit würde ich mich unglücklich machen und mir das Leben verleiden. Außerdem fühle ich mich zu intelligenten Menschen hingezogen und ihnen auch zugehörig, was vermutlich an dir liegt.“

„Das mit der Intelligenz ist so eine Sache. Als ich zur Schule ging war es normal, wenn man nur acht Klassen Volksschule besuchte. Aufs Gymnasium wechselten nur wenige, fast nur Akademikerkinder. Wer in der Volksschule nicht mitkam, blieb sitzen, einige wurden in der vierten Klasse entlassen. Nach acht Schuljahren zeigte sich, wer etwas taugte, wer Ehrgeiz hatte und wen man für Höheres verwenden konnte. Leider fanden die Minderbemittelten bei den Nazis Verwendung, die SA war ein Sammelsurium schwacher Charakter.“

Alwin stöhnte. „Was hat das jetzt mit Rita zu tun?“

„Ich will dir erklären was passieren kann, wenn die Geschmähten der Gesellschaft Beachtung finden. Beim Barras hieß es immer, wenn der Knecht aufs Pferd kommt, wird er zum Schinder“, erzählte Opa plötzlich vom Krieg. „Die Typen, die nie etwas zu sagen hatten, die in ihrem Leben nur schikaniert und herumgeschubst wurden, waren die schlimmsten Vorgesetzten. Wenn so einer auf einmal andere kommandieren durfte, gab er alles Ungerechte und Schlechte was ihm wiederfahren war, mit gleicher Münze weiter. Typen, die kaum lesen und schreiben konnten, entwickelten eine große Intelligenz, wie sie den Untergebenen das Leben zur Hölle machen. Da sie ihr ganzes Leben nur Knecht waren, wussten sie nicht viel über Menschen und noch weniger über die Welt. Mir graut vor solchen Leuten, denen fehlt der klare Blick, die sind subjektiv bis auf die Knochen, oberflächlich, primitiv und intolerant. Deshalb warne ich dich, lass die Finger von dieser Rita. Wenn du ihr nachgibst, sie sozusagen auf dein Ross nimmst, wird sie sich darauf viel einbilden und andere triezen.“

Alwin konnte nicht folgen. „Du meinst, sie wird eifersüchtig werden?“

„Das sowieso. Wenn eine unattraktive und unbeachtete Person eine große Eroberung gemacht hat, wird sie die mit allen Mitteln verteidigen und Jede und Jeden, der ihrer Beute zu nahe kommt, wegbeißen.“

„Du dramatisiert. Die Rita ist zwar nicht schön und nicht besonders helle, aber sie ist nett und harmlos.“

„Jeder Mensch will beachtet werden, will Anerkennung und Zuwendung. Die meisten wollen sich irgendwie hervortun und über andere erheben, weil sie es nicht ertragen können, dass sie bei der Verwesung genauso stinken wie alle. Und je geringer die Fähigkeiten, desto größer das Verlangen, es den Besseren zu zeigen. Da wird jede Gelegenheit genutzt, um andere herabzusetzen.“

Alwin zog seine Nase kraus. „Für normale Menschen scheinst du nichts übrig zu haben?“