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Franz Jäger und Klaus Müller fühlen sich als Höhlenforscher. Jede Höhle und jeden Erdkeller ihrer südbadischen Heimat wollen sie kennenlernen. Bis sie einen tödlichen Fund machen. Für Franz beginnt ein lebenslanges Trauma. Die Geschichte seines Heimatstädtchens und grausige Funde topedieren immer wieder sein Glück.
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2023
Hans Joachim Gorny
Sieben Keller
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Keller und Höhlen
2 Höhlenforscher
3 Der Winzer-Beck
4 Noch ein Abenteuer
5 Ein Trauma
6 Der Oberstudienrat
7 Josephine
8 Bauboom
9 Bundestagswahlen
10 Archive
11 Die Schwestern
12 Medienwahn
13 Versetzt
14 Wert oder Wappen
15 Der Pfarrer
16 In den Tropen
17 Die Ausgrenzung
18 Das Kloster
19 Psychospiele
20 Die Mauer
21 Kopfsteinpflaster
22 Der Camper
23 Die Liste
Epilog
Impressum neobooks
Franz und sein Freund Klaus waren Höhlenforscher; in ihrer Heimat gab es kein Loch das sie nicht kannten. Und Löcher und Höhlen gab es viele.
Die Freunde lebten in Südbaden in der Kleinstadt Sandheim, die am Rande der Oberrheinischen Tiefebene lag. Im Rücken der Gemeinde lagen die Schwarzwald-Vorberge. Die Stadt war Ende des 17. Jahrhunderts auf den Trümmern eines mittelalterlichen Orts entstanden. Das Beste an ihr waren die schönen barocken Gebäude im Ortskern und die barocke Kirche, die sich darüber erhob. Der Dreitausend-Seelen-Ort war landwirtschaftlich geprägt, in der Stadt gab es Ställe und Misthaufen. Die Felder der Großbauern lagen in der Rheinebene, die der Klein- und Feierabendbauern befanden sich auf den Hügeln der Vorberge, die aus Löss bestanden.
Während der Eiszeiten hatte der stetige Westwind feinsten kalkhaltigen Staub abgelagert, der durch gelegentliche Regenfälle zusammengebacken und zu gelblichen Löss wurde. Die Schwarzwald-Vorberge mussten einmal Dünen gewesen sein. Das Material war zwar sehr standhaft, aber vom Pflug einmal aufgebrochen, wurde es bei Starkregen zu Tal gespült. Vor dem Beginn der Landwirtschaft waren die Hügel höher, wegen unsachgemäßer Bewirtschaftung sind ihre Kuppen in die Täler geschwemmt worden. Um das zu unterbinden, wurden die Schwarzwald-Vorberge terrassiert. Eine Terrasse hieß im Volksmund Boden, man hatte einen Boden hier und dort, womit ein Grundstück gemeint war.
In Ortsnähe befanden sich viele Gärten, an den Ost-, West- und Südseiten der Vorberg-Hänge viele Reben. Es gab eine Weinbau-Tradition, die angeblich auf die Römer zurückging, die in der Rheinebene ihre Spuren hinterlassen hatten. Die kleinsten Böden befanden sich an den steilen Ostseiten der Hügel und gehörten den ärmsten Leuten. Aber jede Familie hatte einige oder mindestens einen, auf dem sie Wein anbaute, damit etwas Alkoholisches ins Haus kam. Der Wein war in der Regel sauer, wurde mit Wasser als Schorle getrunken und diente der Erfrischung. Auch Franz‘ Familie besaß einige Böden, denn die Jägers lebten schon seit dreihundert Jahren hier. Klaus Familie dagegen hatte nichts, denn die Müllers waren zugezogen. Ein Grundstück zu erlangen war damals nicht möglich.
Es war Kalter Krieg, die Deutschen fühlten sich bedroht, der Rock ‘n Roll startete soeben seinen Siegeszug und machte die Jugend rebellisch. In Sandheim höchstens eine Handvoll junge Leute. Die Gemeinde war katholisch, das Wort des Pfarrers hatte Gewicht, die Lehrer durften ihre Zöglinge züchtigen. Auch bestand zwischen einzelnen Dörfern eine Feindschaft - der Versuch, im Nachbardorf zu poussieren, konnte mit Dresche enden. Frauen galten als männlicher Besitz, den auch die Dorfjugend verteidigte.
Der Feind von Sandheim war das Nachbardorf Altsand, das aber keine tausend Einwohner zählte. In Altsand, haben Archäologen entdeckt, hatten schon die Kelten gesiedelt. Es entstand am Fuße eines sonnenbeschienenen Hügels und am Ufer eines breiten Baches, der beste Siedlungsplatz weit und breit. Die Ebene vor dem Dorf bestand aus fruchtbarem Schwemmland, vermutlich deshalb die Bezeichnung Sand. Auf der anderen Seite des Schwemmlands, gegen Süden, an der Nordseite eines Hügels, war Sandheim entstanden, das den Altsandern die wertvollen Ackerflächen streitig machte, was nur Feindschaft hervorbringen konnte.
Nachdem die Römer die Oberrheinische Tiefebene aufgegeben hatten, waren die Alemannen nachgerückt und hatten Sand gegründet. Leider waren die Alemannen 499 von einem anderen aufstrebenden Volk besiegt worden, nämlich den Franken. Diese hatten einen König und eine straffe Führung, während die Alemannen ein loser Haufen waren. Die Franken hatten dann ihre eigenen verdienten Leute in Alemannien angesiedelt, um die alten gewachsenen Strukturen zu zersetzen. Das hatten sie von den Römern gelernt. Die Namen der alemannischen Dörfer endeten mit -ingen, alle fränkischen Gründungen endeten mit -heim. Sandheim wurde dem alten Dorf vor die Nase gesetzt, bekam die Markt- und Stadtrechte und entwickelte sich prächtig, bis zum Dreißigjährigen Krieg. Da brannten die schwedischen Truppen alles nieder und vernichteten auch die Archive und Kirchenbücher.
Den dörflichen Feindschaften zum Trotz forschten Franz und Klaus auch in den Nachbargemeinden. Immer auf der Hut, nicht gesehen zu werden oder zumindest nicht verdächtig zu erscheinen. Sie hatten den gemeinsamen Ehrgeiz, jede Höhle kennenzulernen und schreckten selbst vor Einbrüchen nicht zurück. Wenn der Schaden nicht zu groß ausfiel. Weil der Lössboden so standhaft war, hatten die Einheimischen außerhalb der Dörfer schon immer Höhlen in die Hügel gegraben. Oft mehrere nebeneinander. Als Weinkeller, Bierkeller, Vorratskeller oder einfach für Geräte und alles, was in den engen Gassen keinen Platz fand. Viele Keller waren mit Sandsteinen ausgebaut, hatten ein Gewölbe, einen Luftschacht und eine stabile Tür zum Abschließen. Manche wurden nur mit Pfosten und Brettern abgestützt. Es bestand immer die Gefahr, dass über Dachs- und andere Gänge das Regenwasser den Weg ins Innere fand. Die Habenichtse verzichteten, mangels Material, auf die Auskleidung ihrer Höhlen, dann waren Wände und Decke Löss pur. Gerade während des zweiten Weltkrieges entstand eine ganze Reihe neuer Höhlen, in denen die Bürger ihren wertvolleren Besitz einlagerten, um ihn vor den Bombern zu schützen. Viele Höhlen wurden auch auf die Schnelle gegraben, damit sich die Leute, die auf den Feldern arbeiteten, vor Tieffliegern in Sicherheit bringen konnten. Die beiden letzteren Arten von Höhlen befanden sich inzwischen im Verfall.
Eine dieser Höhlen machten Franz und Klaus zu ihrem Hauptquartier. Sie hatten sie zufällig entdeckt, denn der Höhleneingang war durch Büsche und Brombeeren verborgen. Doch ihr Forscher-Instinkt hatte sie hinter die Hecken schauen lassen. Das war ihre erste selbstentdeckte Höhle und sie waren mächtig stolz auf ihren Fund. Doch hielten sie ihn geheim. Im Innern befanden sich zusammengebrochene Regale, mit deren Brettern belegten sie den Boden. In ihr Hauptquartier schleppten sie dann vielerlei Gerümpel, das sie als Beute bezeichneten. Einen alten Sessel, zwei Stühle, denen sie auf halber Höhe die Beine absägten, ein Nachttischchen, eine Karbid-Lampe und einige leere Flaschen. Erbeutete Töpfe und Pfannen erwiesen sich als nutzlos, in der Höhle konnte man kein Feuer machen, weil ein Abzug fehlte. Trotzdem saßen sie dort oft stundenlang herum und redeten über Gott und die Welt. Denn eine eigene Höhle hatte was.
Mit einem Spaten bewaffnet konnten selbst kleine Buben sich ihre eigene Höhle bauen und viele machten das auch. Damals zogen noch Kinderbanden, bewaffnet mit Schnellenbogen, Speeren und Schwertern, durch die Landschaft, bekriegten sich und hauten sich auch gelegentlich gegenseitig auf die Finger. Wenn jemand ernsthaft verletzt wurde, galt das nicht als Absicht sondern als Unfall. Die Kinder bauten sich Hütten und Verstecke, die von feindlichen Banden aufgespürt und zerstört wurden. Die eifrigsten Kundschafter waren Franz und Klaus, beide waren zehn Jahre alt.
Die zwei blonden und mageren Zehnjährigen waren, was Höhlen betraf, schon richtig erfahren. Franz kannte die Keller seiner Verwandten, die der Nachbarn und auch einige die ihn nichts angingen. Dabei war er weniger auf Beute aus. Wenn er zuhause mit unbekanntem Besitz aufgetaucht wäre, hätte es vom Vater was hinter die Ohren gegeben; erst danach hätte der Vater gefragt, woher das Mitbringsel stammte. Franz untersuchte Keller und Höhlen, weil es spannend und nicht ungefährlich war. Damit hatte er seinen Klassenkameraden Klaus angesteckt. Klaus hatte keine Verwandten die Keller besaßen, er hatte überhaupt keine Verwandten. Zumindest kannte er sie nicht. Die Familie Müller stammte aus Ostpreußen und war eine der vielen Flüchtlingsfamilien, die nach dem Krieg in Sandheim gestrandet waren.
Die Flüchtlinge waren von der Obrigkeit zwangseinquartiert worden, was viel Unmut erzeugt hatte. Die Einheimischen waren nicht bereit, ihren knappen Wohnraum und ihre knappen Ressourcen mit Fremden zu teilen. Zimmer mussten geräumt und abgetreten werden. Dabei sind Welten aufeinander geprallt, denn die Flüchtlinge waren evangelisch und deshalb fremder als Ausländer. Sie hatten die falsche Religion, die falsche Sprache, benahmen sich falsch und sie sahen auch fremd aus. Damals konnte man fast Jedem ansehen, aus welchem Dorf er stammte. Es gab charakteristische Gesichter und Haare, die ihre Herkunft nicht verleugnen konnten.
Über Generationen hatte sich in Punkto Zuwanderung nichts bewegt. Während dem Kaiserreich und dem Dritten Reich gab es kaum Zuwanderung von Fremden, Neubürger waren eine total neue Erfahrung. Bestimmte Familiennamen, wie Jäger und Weber zum Beispiel, waren allgegenwärtig und dominierten die Stammbücher. Die Situation entspannte sich erst in den Fünfzigerjahren, nachdem die Neue Heimat am Stadtrand zwei Wohnblocks gebaut hatte. Das war dann doch die Höhe: Die Habenichtse bekamen schöne neue Wohnungen mit Klosett und Bad, während die Alteingesessenen in den Stall mussten oder über den Hof zum Abort. Gebadet wurde am Samstag in einem Zuber in der Küche.
Nicht alle Flüchtlinge bekamen eine neue Wohnung. Die Müllers lebten in einem kleinen verfallenen Häuschen, das stetig an Substanz verlor. Klaus‘ Vater Johannes war mit seiner Mutter Herta und seiner verbliebenen Schwester Sybille ein Jahr nach Kriegsende in Sandheim gelandet. Als jugendlicher Flakhelfer war Johannes desertiert, hatte seine Mutter und die zwei Schwestern auf einen Wagen gesetzt und war mit ihnen und ihrem spärlichen Besitz gegen Westen geflohen. Schon zwei Tage später war der Gutshof, auf dem sie gearbeitet hatten, von der Roten Armee niedergebrannt worden. Auf der Flucht verendete zuerst das Pferd, danach starb auch die jüngste Schwester. Jede große Stadt die sie ansteuerten lag in Trümmern, haltlos und traumatisiert versuchten sie es über die Dörfer, konnten manchmal Tage bleiben, manchmal Wochen. Mutter und Sohn nahmen jede Arbeit an. Verfroren, fast verhungert und halb irre waren die Müllers in Sandheim gelandet, wo sie in der Vordergass bei einem alten Lustmolch unterkamen. Zum Glück für Mutter Herta und Schwester Sybille war der nach vier Monaten an einer Infektion gestorben.
In dessen Haus konnten sie bleiben. Johannes heiratete dann mit neunzehn Jahren ein Mädchen, das auch ein Flüchtlingskind war, nämlich Klaus Mutter Brunhilde. Die Braut war mittellos wie Johannes, die Hochzeit sehr bescheiden. Die beiden bekamen zwei Kinder, Klaus und Luise. Johannes drängte seine Schwester Sybille aus dem Haus, diese arbeitete dann beim Sandheimer Apotheker als Dienstmädchen und wohnte auch bei ihm.
In Klaus´ Elternhaus gab es nur zwei Zimmerchen, eine Küche und eine Abstellkammer. Seine Eltern schliefen natürlich im Schlafzimmer, wo auch Luise nächtigte. Klaus musste im Wohnzimmer schlafen, Oma Herta in der Abstellkammer. Obwohl die Alte noch keine fünfzig Lenze zählte, war mit ihr nicht mehr viel anzufangen. Gelernt hatte sie nichts, konnte nur Haushalt. Den Müllers gelang es nicht, einen Garten oder einen Boden zu pachten, für Kleinvieh war kein Platz, weshalb Oma Herta wenig zu tun hatte. Für eine geregelte Arbeit war sie zu phlegmatisch, die Ereignisse auf der Flucht hatten aus ihr eine antriebslose Person gemacht. Die Alte achtete auch nicht auf sich, lebte stumpfsinnig in den Tag hinein. Ihre lebendigen Enkel versuchten manchmal sie aufzuheitern, nur mit viel Aufwand konnten sie ihr mal ein Grinsen abringen.
Zwei Häuser weiter in der Vordergass wohnten die Jägers, hatten ebenfalls einen Sohn und eine Tochter, aber viel mehr Platz. Sie lebten in einem ehemaligen Bauernhof, verfügten über fünf Zimmer, eine Scheune, einen Stall und einen großen Hof, in dem man ungestört spielen konnte. Franz‘ Vater Heiner war kein Soldat gewesen, er arbeitete bei den Badischen Stromwerken und war als Kanonenfutter zu schade, weil er für die regionale Stromversorgung zuständig war. Um seine Arbeit nicht zu verlieren, musste er in die NSDAP eintreten. Viele Mitbürger haben ihm das krumm genommen. Stromer blieb er aber auch nach dem Krieg. Die Behörden waren gezwungen, mit dem vorhandenen Potential weiterzumachen, auch wenn sie in der Partei gewesen waren, sonst wäre alles aus den Fugen geraten. Als Heiner heiratete, war er schon sechsundzwanzig, und als kurz nach der Hochzeit sein Vater starb, hatte er sofort die drei Kühe verkauft, den Misthaufen ausradiert, die Felder verpachtet und aus dem Stall eine Garage gemacht. Erst Jahre später konnte er sich den VW Käfer leisten, für den die Garage gedacht war. Franz‘ Mutter Eva arbeitete auch, in der örtlichen Zigarrenfabrik. In fast jeder Ortschaft gab es damals eine, in Sandheim sogar zwei. Die Zigarrenfabriken boten den Frauen die Möglichkeit an Geld zu kommen, damit sie sich Stoffe, Knöpfe, Gummis und auch mal etwas Geschirr kaufen konnten. Weil ihre Eltern Doppelverdiener waren und auch noch am Stadtrand einen großen Garten bewirtschafteten, kannten Franz und seine Schwester Renate keinen Mangel.
Einen Nachteil hatte Franz seinem Freund gegenüber, er musste jeden Sonntag zur Kirche, was er hasste. Bei den evangelischen Müllers spielte Religion keine Rolle mehr.
Klaus fühlte sich als Sandheimer, eine andere Stadt kannte er ja nicht. Trotzdem war er als Flüchtling gebrandmarkt, als einer der Zugereisten, die böse Zungen als Hergelaufene bezeichneten. Als ob die Ostpreußen an ihrem Schicksal selber Schuld wären. Auf jeden Fall hatten es diese Neubürger schwer, anerkannt zu werden. Irgendwie waren sie auch komisch. Dass das erlebte Trauma auch auf die nächste Generation abfärbte, war damals nur wenigen bewusst. Am ehesten erfuhr man Anerkennung in einem Verein, meistens in einem Fußball- oder Turnverein. Wenn man Leistung brachte und dem Verein zu Ruhme und Ehre verhalf, dann war man jemand.
Franz und Klaus waren gemeinsam im Turnverein, konnten deshalb, ohne Mithilfe der Beine, an einem Seil hinauf klettern, was sie auch manchmal im Feld an Lianen übten. Sie träumten davon, einmal in eine tiefe Höhle hinab zu steigen, wo sie dann die Gerippe von Höhlenbären und Mammuts finden würden. Und vielleicht sogar Neandertalerknochen. Leider besuchten sie nach den Osterferien nicht mehr die gleiche Klasse, denn Franz wechselte auf das Gymnasium, Klaus blieb bis zur achten in der Volksschule.
Im Kaiserreich musste unsinnig viel Geld in Umlauf gewesen sein. Jedes Dorf das keine schöne Kirche hatte, bekam eine neue im romanischen, neugotischen oder barocken Stil. Egal ob katholisch oder evangelisch. Viele Gemeinden erhielten ein repräsentatives Rathaus und neue Schulen. Damals bekam Sandheim ein Gymnasium und bald darauf eine neue Volksschule, beide standen klotzig am Stadtrand. Das Gymi an der Nord-, die Volksschule an der Südeinfahrt. Gegenüber im Elsass, das damals zum deutschen Kaiserreich gehörte, wurde die prächtige Hochkönigsburg wieder errichtet, in Köln der Dom vollendet, in Ulm wurde dem Münster der höchste Turm der Christenheit verpasst. Da war der Turm des Freiburger Münsters schon über 500 Jahre fertig.
Die Freiburger hatte es in der Kaiserzeit besonders hart getroffen. Zuvor hatte schon die Bahnlinie die Stadt stark verändert. Durch diese kamen nicht nur viel Neues und viele Fremde in die Stadt. Auf einmal konnten die Freiburger innerhalb eines Tages auf bequeme Weise in ihre Hauptstadt Karlsruhe reisen, konnten nun ihre Waren im ganzen Reich verkaufen. Güter aus dem ganzen Reich, ach was, aus ganz Europa, gelangten jetzt auf zuverlässige Art pünktlich nach Freiburg. Die Bahn ermöglichte auch im großen Stil die Anfuhr von Kohle. Die Kohle wurde vergast, Freiburgs Straßen wurden mit Gaslaternen ausgestattet. Die Straßenbeleuchtung machte die Stadt noch attraktiver, sie wuchs und wuchs. Auch befeuert durch die Choleraepidemien im Ruhrgebiet und in Hamburg. Um die Jahrhundertwende ließen sich Begüterte aus ganz Deutschland in Freiburg luxuriöse Zweitwohnung bauen. Riesige neue Stadtteile entstanden, alte Türme und Häuser wurden aufwändig aufgestockt. Innerhalb von fünfundzwanzig Jahren verdoppelte sich die Zahl der Einwohner und Gebäude. Wie mochten das die Menschen damals empfunden haben? Wahrscheinlich waren die Meinungen, wie fast immer, zweigeteilt. Für die Profiteure war das wohl der Aufbruch in eine neue Zeit, für die konservativen Beobachter der Verlust der südbadischen Identität und Kultur. Zusehen zu müssen, wie immer mehr Felder, Höfe und Landschaft verschwinden, erschüttert jeden Eingeborenen, der dabei keinen Reibach macht.
An Sandheim war dieser Boom vorübergegangen, zwei neue Schulen mussten genügen, obwohl die Bewohner für ein Krankenhaus gekämpft hatten, denn ihr Spital sah zwar urig aus, war es leider auch im Innern.
Es war an einem Sonntagmorgen, am Ende der Osterferien. Am Montag würde das neue Schuljahr beginnen, Franz dann das Gymi besuchen, Klaus in der Fünften starten. Die Gelegenheit war zu günstig, Franz Eltern würden nicht in der Kirche sein. Sie waren mit Renate, Franz´ sechsjähriger Schwester, die am Dienstag eingeschult würde, auf Verwandtenbesuch. Renate sollte von einer Kusine ein nettes Kleidchen bekommen, vielleicht auch noch ihre protzige Schultüte. Das war Verhandlungssache, Schultüten waren damals noch nicht gang und gäbe.
Kaum hatte um neun der VW Käfer den Hof verlassen, Franz winkte noch hinterher, stand Klaus schon auf dem selbigen.
„Können wa?“ fragte er.
„Muss mich noch umziehen.“
Franz eilte ins Haus und befreite sich vom Sonntagsstaat, schlüpfte in seine Arbeitsklamotten und Gummistiefel. Dann stülpte er seinen Rucksack über, in dem sich ein Seil und eine Flasche Wasser befanden und sie schlichen aus der Gasse. Petzende Nachbarn, die sich am heiligen Sonntag über die Gummistiefel und den Rucksack wunderten, würden Fragen und Ärger verursachen. Zum Glück befanden sich die meisten noch am Frühstückstisch.
Die beiden Jungs eilten aus der Stadt und steuerten den nächsten Hohlweg an. Ihr Ziel war die Nachbargemeinde Bimsheim, die quasi um die Ecke lag. Sie kürzten über den Hügel ab. Zu Zeiten der ersten Besiedlung gingen die Gemeindeverbindungen über die Hügel, weil die Täler versumpft waren und keine dauerhaften Wege zuließen. Auf dem Weg über die Hügel haben die Räder der Fuhrwerke und die Hufe der Zugtiere den Löss aufgebrochen, der nächste Starkregen hatte die lose Erde dann zu Tale geschwemmt. So haben sich die, vielleicht seit zwei-dreitausend Jahren, vielbenutzen Wege bis zu zehn Meter tief eingegraben. In diesen Hohlwegen ist es windstill, im Winter milder, im Sommer kühler als oben.
Franz war zu Ohren gekommen, dass es oberhalb von Bimsheim einen alten offenen Weinkeller gab. Sein Besitzer war Ende letzten Jahres bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, seine Witwe schien am Keller kein Interesse zu haben, seine Kinder lebten alle auswärts. Der Keller sei schon aufgebrochen. Und er sei ausgemauert. Nun wussten die zwei aus Erfahrung, dass es in so aufwändig ausgebauten Höhlen nicht nur ein einfaches Gewölbe gab, am Ende der Röhre befanden sich seitwärts manchmal Räume, in denen oft ausufernd gefeiert wurde. So ein Sündenbabel zu sehen, regte die Fantasie der Zehnjährigen ungemein an.
Von Sandheim aus marschierten sie einen Hohlweg hinauf, die in Südbaden Hohlgasse (alemannisch Kinzig) hießen. Der Querschnitt der Hohlgasse war U-förmig. Beidseitig der Fahrspur lag das Material, das im Laufe der Jahrhunderte von oben herab gerutscht war. Auf dieser Erde standen Büsche aller Art. Viel Holunder, auch Hartriegel, Pfaffenhütchen und Weißdorn. Es gab auch einige Bäume - Wilde Pflaumen, Robinien, Feldulme und Feldahorn zum Beispiel. Und es gab Schlingpflanzen. Besonders die Waldreben, von den Kindern Lianen genannt, wurden teils armdick. An ihnen konnte man hochklettern oder sich wie Tarzan über eine Schlucht schwingen. Im Gehölz der Hohlgassen wurden auch gerne, möglichst hoch gelegene, Verstecke gebaut, die man gut verteidigen konnte. Der obere Teil der Hohlgassen bestand aus glatten Wänden, in die Uferschwalben und Dohlen ihre Bruthöhlen gruben.
Bimsheim lag in der Ebene, aber am Rand der Vorberge. Oberhalb des Dorfes lagen hauptsächlich Rebterrassen, die über Hohlgassen zu erreichen waren. Seitliche Ausgänge der Hohlgassen nannte man Schlupf. Sehr selten gab es Hohlwegkreuzungen. Franz hatte nur eine vage Ahnung wo sich dieser ominöse Keller befinden sollte. Sie marschierten schnellen Schrittes die betreffende Hohlgasse hinunter, bekamen aber keinen Kellereingang zu sehen. Sie schlenderten wieder nach oben, schauten auch hinter Büsche. Nichts.
„Vielleicht ist er schon verschüttet“, meinte Klaus.
„Villicht isch der inem Schlupf“, entgegnete Franz. Von denen gab es in dieser Gasse drei.
Danach gingen sie wieder talwärts und kontrollierten die Ausgänge. Im letzten links wurden sie endlich fündig. Der Eingang war zur Gasse hin durch ein Feldgehölz verdeckt, das schon lange nicht mehr zurückgeschnitten worden war. Doch die Enttäuschung war groß. Die angeblich alte morsche Tür war durch eine stabile neue ersetzt, an der Tür hing ein funkelnagelneues Zahlenschloss.
„Das ist mal eine Überraschung“, entfuhr es Klaus. „Das war wohl eine Falschinformation.“
„So ä Schissdreck“, ärgerte sich Franz, überlegte eine Weile und erklärte dann: „So Keller hän ä Luftschacht, do sied ma dann wiä deäf di sin.“ Sprach‘s und kletterte den Rain hinauf.
Steile Böschungen wurden in Südbaden als Rain bezeichnet. Auf dem Boden über dem Eingang standen einige Rebenzeilen und dahinter, vor dem nächsten Rain, stand eine alte Hütte aus groben Brettern mit rostigem Wellblechdach. Bevor die Winzer Fahrzeuge hatten, marschierten sie und ihre Helfer zu Fuß in die Reben oder sie fuhren auf einem Fuhrwerk mit, auf dem die leeren Bottiche standen. Irgendjemand brachte zur Mittagszeit das Vesper und Wein vorbei, das in den Hütten verzerrt wurde. Die Hütten dienten auch als Wetterschutz, mal schnell nach Hause fahren ging ja nicht. Damals war die Vorbergzone übersät mit Rebhütten; jeder wollte eine besitzen, so als Statussymbol der einfachen Leute.
Es war kein Luftschacht zu sehen. Vielleicht steht einer hinter der Hütte, überlegte Franz. Doch dort wucherte dichtes Gestrüpp, das sogar durch ein zerbrochenes Fenster in die Hütte wuchs. Aber er fand ein Loch. Es war größer als der Eingang eines Dachsbaus, sogar so groß, dass man hineinschlupfen konnte. Es war eine Ausspülung, wie es sie manchmal in der Landschaft gab. Franz tastete hinein, steckte dann ein Bein ins Loch, dann beide.
Er hörte Klaus rufen. Franz ging vor zur Gasse und rief: „Kumm ruff. Do hinde isch ä Loch, ich bruch dinni Daschelamp.“
Klaus sprach Hochdeutsch, Franz sprach alemannisch, das, außer in Südbaden auch im Elsass, der Nordschweiz und in Vorarlberg gesprochen wurde, das sich von Dorf zu Dorf veränderte und fließend in Nachbardialekte überging. Der Einfachheit halber und des besseren Verständnisses wegen, werden die Dialoge ab jetzt in Hochdeutsch wiedergeben.
Klaus leuchtete, als er neben Franz stand, in das Loch hinab und sah im Inneren ein riesiges Bergmännchen stehen. So groß wie ein kleines Kind. Es klebte an der Wand, daneben ging es noch tiefer hinab. Bergmännchen, in anderen Gegenden auch Lösskindel genannt (Osteokolle), sind knubbelige harte Strukturen. Einsickerndes Wasser härtete, im Laufe vieler Jahre, den kalkhaltigen Löss und gab ihm viele Formen. An manchen Stellen fand man sie häufig, manchmal sogar als große Zapfen; dieser Zapfen hier war riesig. Franz bekam einen heißen Kopf, das Abenteuer rief, er beschloss hinunter zu steigen.
„Gib mir die Lampe, vielleicht sehe ich den Boden.“
Widerwillig reichte Klaus die Taschenlampe, er wäre gerne selber hinabgestiegen, doch Franz war der Chefforscher, weil einheimischer als er. Franz glitt auf dem Hosenboden vorsichtig abwärts. Die Ausspülung war nicht gleichmäßig wie ein Kamin, es gab Absätze, an denen er sich mit Hand und Fuß abstützen konnte. Doch ging es tiefer hinab als gedacht. Schon kurz nach seinem Eintauchen war er nicht mehr zu sehen.
Klaus wurde es mulmig. „Franz, siehst du was?“ rief er hinunter, weil er nichts mehr hörte.
„Binde das Seil irgendwo fest und wirf es mir runter“, kam es hohl aus der Tiefe.
Klaus tat wie geheißen und hoffte, dass das kaum zehn Meter lange Spielseil ausreichte. Tiefer als zehn Meter fand er schon verwegen. Wenn sich am Ende des Seils ein Gewölbe auftat oder eine riesige, von fließendem Wasser ausgespülte Grotte, bestand die Gefahr, das sein bester Freund hinein stürzte. Dann müsste Klaus, um Franz zu bergen, ein längeres Seil organisieren. Oder sogar die Feuerwehr verständigen. Dann würde ihr Unternehmen entdeckt und sie würden zuhause den Hosenboden voll bekommen.
„Franz, wo bist du jetzt? Ich sehe und höre nichts.“
„Hier sind Sandsteine. Ich glaube, ich bin im Keller. Das Gewölbe ist kaputt.“
„Man, pass bloß auf, dass sich keine Steine lösen.“ Klaus hörte wieder nichts und rief: „Was siehst du? Gibt es was zu erbeuten?“
„Hier liegt viel Erde. Darunter liegen Steine, es sind, glaube ich, Bodenplatten. Ich leuchte jetzt erst mal alles ab und komm dann hoch, damit du runter kannst.“
Klaus war zufrieden, so ein Abenteuer wollte er sich nicht entgehen lassen. Auch wenn es nur Dreck und Steine zu sehen gab. Allein, mit einer Taschenlampe in einem dunklen Loch herum zu leuchten hatte seinen Reiz. Es könnten Fledermäuse an der Decke hängen oder ein Dachs oder Fuchs darin leben.
Derweil hatte sich Franz ganz hinab gelassen, stampfte auf den Platten herum, um deren Lage zu prüfen. Er leuchtete in die Richtung, in der der Eingang sein musste. Doch dort stand eine lückenlose Sandsteinmauer. Mit der Linken Faust klopfte er die Steine ab. Eine richtig feste Mauer. Er klopfte nach links weiter, schwenkte die Lampe ringsum, um stieß einen Schrei aus.
Klaus hört den Schrei. „Was ist, hast du dir wehgetan? Bist du verletzt“, brüllte er nach unten. Das konnten sie an einem Sonntag keinen Falls gebrauchen.
Franz hatte vor der hintern Wand Knochen gefunden. Vielleicht war hier ein Reh hinein gestürzt, oder vielleicht sogar eine Wildsau. Auf jeden Fall waren die Knochen größer als die eines Stallhasen. Was er zuerst für Fell gehalten hatte, entpuppte sich als irgendwelche Fetzten. Dann stieß er den Schrei aus.
„Hier liegen Knochen“, rief er hinauf. „Ich dachte, die wären von einem großen Tier das hier hineingefallen ist. Aber jetzt habe ich den Schädel gefunden. Hier unten liegt ein Mensch. Ich komm wieder hoch.“
Schnell wie ein Affe im Basler Zoo lief Franz mit den Händen am Seil und den Füßen auf dem Löss den Schlund hinauf. Schnell atmend, mit weißem Gesicht, schaute er ratlos in das ratlose Gesicht von Klaus.
Der erkannte sofort, dass er nicht veräppelt wurde. „Was machen wir jetzt? Das können wir unmöglich zuhause erzählen.“
Franz nickte. „Stimmt, das gibt Dresche. Dann auch noch am Sonntag, wo ich in der Kirche sein sollte. Aber vielleicht ist hier ein Verbrechen passiert, das aufgeklärt werden muss.“
„Oder eine Person ist verunglückt und wird schon lange vermisst“, ergänzte Klaus.
Der Gottesdienstschwänzer überlegte, ob er schon mal von einem Vermissten gehört hatte. Im Krieg wurden viele Menschen vermisst, nur wenige waren wieder aufgetaucht.
„Wir müssen zur Polizei“, drängte Klaus.
In Zeitlupe wickelte Franz das Seil auf und steckte es noch langsamer in seinen Rucksack. Allmählich klärte sich sein Verstand, das intensive Nachdenken vertrieb den Schreck, der ihm noch in den Gliedern steckte. Klaus beobachtete ihn aufmerksam und wartete auf eine rettende Idee.
„Wir machen das diskreter. Ich leih dir morgen Nachmittag mein Fahrrad. Damit fährst du zum Bimsheimer Rathaus und meldest das. Die Sandheimer brauchen von dem Toten nichts zu wissen.“
Klaus wusste zwar nicht was diskret bedeutete, verstand aber trotzdem - beider Elternhäuser würden nichts erfahren.
Der erste Schultag war locker, Schüler und Lehrer mussten sich neu orientieren. Klaus wechselte nur den Klassenlehrer und das Klassenzimmer. Franz hatte sich schon vorher etwas im Gymnasium umgesehen, war auch mit seinen Eltern bei einem Elternabend gewesen. Im Gymnasium Sandheim sammelten sich Schüler aus mehreren Ortschaften, Arbeiterkinder wie er waren in der Minderheit.
Am Nachmittag schob Franz sein Fahrrad unauffällig zu Müllers hinüber, Klaus bestieg das Velociped und radelte nach Bimsheim. Das Dorfrathaus kam mit zwei Sachbearbeiterinnen aus, der Bürgermeister erledigte seinen Job im Nebenerwerb. Klaus ging zur Verwaltung und die Rathausangestellte erkannte sofort, dass es sich um einen Fremden handelte.
„Was willst du?“, fragte sie barsch.
Klaus war gleich verärgert. Dass er rüde angesprochen wurde passierte ihm öfter. Für die Alteingesessenen würde er auf ewig ein Flüchtling bleiben, obwohl er noch nie geflohen war.
„Ich will einen Toten melden“, verkündete er schneidig.
Der Sachbearbeiterin stieg die Zornesröte ins Gesicht, dafür war sie nicht zuständig.
„Oder vielmehr die Knochen eines Toten“, ergänzte Klaus schnell.
Unwillig blaffte sie ihn an. „Dann geh zur Polizei, du bist hier im Rathaus.“
„Mach ich aber nicht, sonst bekomm ich Prügel.“
Die Frau verstand das sogar, hatte ein Einsehen und ließ sich den Fundort beschreiben. Danach war alles klar: Einbruch in einen Weinkeller. Zu Klaus Überraschung stellte sie sich dann vor die Tür und verlangte seinen Namen. Dabei war er nicht besonders auf Zack und sagte: Klaus Müller.
„Bist du eines der Flüchtlingskinder aus Bimsheim?“ fragte sie noch. Er nutzte die Vorlage und sagte ja.
Schon kurz danach brachte Klaus das Rad zurück und erstattete Bericht.
Franz schlug sich auf die Stirn. „Wieso hast du deinen Namen verraten? Hättest du nicht Gottfried Henninger oder Xaver Dietrich sagen können?“
„Oder vielleicht Helene Lehmann. Man, die hat mich übertölpelt. Dafür wohne ich jetzt in Bimsheim.“
„Wenn das bloß gutgeht.“ Franz war gar nicht wohl.
Am Mittwoch darauf kam er aus seiner ersten Lateinstunde nachhause. Kaum am Mittagstisch, fuhr am Hoftor ein Polizeiauto vorbei und hielt vor Müllers.
Jetzt haben sie herausgefunden wo er tatsächlich wohnt, schoss es Franz durch den Kopf. Er aß sein Brot auf, legte sein Brettchen in den Spülstein und ging nach draußen. Wenn sie Klaus verhaften, wollte er ihn nicht alleine lassen. Freund ist Freund. Er sah gerade, wie Klaus von einem Uniformierten zum Polizeiauto geschoben wurde. Seine Mutter und Luise sahen ihm ungläubig nach. Der Vater war zum Glück auf Arbeit.
„Ist es wegen den Knochen?“ fragte Franz.
Klaus nickte nur.
„Dann müssen sie mich auch mitnehmen, ich war dabei“, sagte Franz dem Polizisten.
„Dann erzähl mal“, meinte der Polizist zu Franz. „Mal sehen, ob sich deine Geschichte mit seiner deckt“, und zeigte auf Klaus.
Franz berichtete genauso wie es geschehen war und hoffte, dass Klaus nicht geflunkert hatte.
Der Oberwachtmeister überlegte, sah zu seinem Kollegen, der zuckte mit den Schultern. „Na gut“, meinte er dann. „Ihr Beide kommt morgen nach der Schule aufs Revier und gebt das zu Protokoll. Verstanden?“
Die Jungs versprachen es dienstbeflissen.
„Sorgen sie dafür“, sagte er noch zu Frau Müller. Die hatte Franz` Beichte mitbekommen. Nach Feierabend informierte sie sofort Franz Mutter.
Eva Jäger war eine richtig schöne Frau, die sich von den sonstigen Dorfbewohnerinnen wohltuend abhob. Optisch. Sie hatte herrliche volle kastanienbraune Haare, die sie meist offen trug. Große blaue Augen, eine eher kleine Nase, dafür volle Lippen und Grübchen in den Wangen. Sie hatte eine sportliche Figur, ohne viel dafür zu tun, bewegte sich elegant und agil. Sie verfügte über einen unglaublichen Charme, über ein gewinnendes Lächeln und bezauberndes Lachen, wusste ihre sympathische Erscheinung auch gewinnbringend einzusetzen.
Aber Eva konnte auch ausrasten. Dann begann sie endlos zu schimpfen, konnte verletzende Bemerkungen formulieren die sich ins Hirn brannten, kam vom Hundertsten ins Tausendste, konnte Vergehen in einer Weise darzustellen, die ein Todesurteil rechtfertigten. Sie war dann wie von Sinnen. Ihr Mann, der sie überhaupt nicht und seine Kinder nur selten schlug, musste ihr einmal eine kräftige Ohrfeige verpassen, damit sie wieder zu Verstand kam.
Leute die sie nicht näher kannten, bewunderten ihre einnehmende Erscheinung und fragten sich, weshalb sie nicht auf einer Theaterbühne agierte, sondern in einer Zigarrenfabrik arbeitete. Leute die sie kannten, fürchteten ihre Schattenseite, ihre Kommentare und die Herabsetzungen. Manche hielten sie sogar für eine Psychopathin. Nur ein geschickter Mann wie Heiner Jäger, der wusste wie er seine Mitmenschen nehmen musste, hatte es wagen können sie zu ehelichen.
Das Gewitter das nun über Franz hereinbrach, hatte weder mit Knochen und Leichtsinn, noch mit Höhlenforschung oder einem Einbruch in einen Weinkeller zu tun. Franz hatte den Gottesdienst geschwänzt. Er hatte gesündigt, Gott geschmäht, die Religion missachtet, das Tor zur Hölle aufgestoßen, die Familie unmöglich gemacht. Ihre Beschuldigungen wurden immer unwirklicher.
„Ich muss jetzt Latein büffeln, damit ich die Bibel besser verstehe“, setzte Franz dem endlosen Sermon einen Punkt.
Klaus` Vater kam als erster nachhause, kurz danach der von Franz. Während Heiner Jäger sich noch von seiner Frau aufklären ließ, hörte man in der Gasse schon die Schmerzensschreie von Klaus und das Klopfen auf seinen Hosenboden. Immerhin durfte er die Hose anbehalten.
„Wie kann man nur in ein unbekanntes Loch hinabsteigen“, fragte Heiner Jäger bedrohlich. „Und dann auch noch in ein eingestürztes Gewölbe klettern, wo jeden Augenblick ein weiterer Brocken herunterfallen kann. Ihr zwei Halbhirne hättet für immer unter der Erde verschwinden können, keiner hätte euch gefunden. Dann hast du dich auch noch des versuchten Diebstahls verdächtig gemacht.“
Keine Rede von Kirche schwänzen. Einwände wie, dass sie schon viel Erfahrung hätten und immer einer am anderen Ende des Seiles wachte, konnte Franz nicht mehr vorbringen. Der Vater hatte plötzlich einen Stock in seiner Rechten, schnappte mit der Linken Franzens blonden Schopf und drückte seinen Bauch auf einen Küchenstuhl. Dann schlug er zu, zehn Mal, aber nicht allzu fest, Franz sollte ja am nächsten Tag problemlos die Schulbank drücken können.
Der Krieg steckte der Bevölkerung noch in den Knochen, zu heftig war er gewesen. In jedem Ort liefen Leute herum, denen ein Arm oder ein Bein fehlten oder beide, die blind oder anderweitig verletzt waren oder eine Macke hatten. Vieles war noch ungeklärt, einige Menschen blieben vermisst. Die Bimsheimer Rathausdame hatte ihren Bürgermeister instruiert, der von den französischen Besatzern eingesetzt worden und ein Zugereister war. Die meisten einheimischen Männer hatten eine Nazivergangenheit, von einem Fremden wusste man das nicht so genau und verzichtete gerne auf Nachforschungen. Der Bimsheimer Bürgermeister war ein Bauer aus dem tiefsten Schwarzwald, der durch den Krieg nicht besonders gelitten hatte, er hatte überhaupt keine Toten gesehen. Dementsprechend elektrisierte ihn die Möglichkeit, auf gemeindeeigenem Grund eine Leiche zu haben.
Mit dem Erben des ausgemusterten Weinkellers war er gen Berg marschiert, hatte die Tür inspiziert, die immer noch mustergültig verschlossen war. Im Weinkeller war das Gewölbe tadellos, auch die Abschlusswand hatte keine Mängel. Dann hatten sie die darüber liegende Rebterrasse bestiegen und waren zur der von Klaus beschriebenen Hütte gegangen. Ohne suchen zu müssen hatten sie das Loch gefunden, Schleifspuren zeugten vom Ein- und Ausstieg. An der Sache könnte was dran sein, hatten der Bürgermeister und der Erbe überlegt. Sie waren zur Böschungskante gegangen und hatten festgestellt, dass sich das Loch in der Flucht des Weinkellers befand. Ganz eindeutig hinter der Abschlusswand. Da der Junge von einem eingestürzten Gewölbe gesprochen hatte, musste es sich um eine zusätzliche Kammer handeln. Danach hatte der Bürgermeister den nächsten Polizeiposten informiert.
Die herbeigerufenen Polizisten waren nicht so wagemutig wie die Jungs, keiner wollte sich schmutzig machen und in ein ausgespültes Loch hinuntersteigen.
„Da passen wir auch gar nicht hinein“, meinte der eine.
Der Dienstgradhöhere hatte beschlossen: „Wir melden das der Kripo in Freiburg. Sollen die entscheiden was zu tun ist.“
Die Freiburger besorgten sich Maurer, diese brachen in die Rückwand des Kellers eine Öffnung, ohne dass das Gewölbe einstürzte. Danach tastete sich ein Forensiker in die unbekannte Kammer. Tatsächlich fehlten dem Gewölbe nur wenige Steine, aber auf dem Steinboden lagen etwa zwei Kubikmeter Erde. Der Experte machte Fotos und sammelte die Knochen und das herumliegende Material ein. Danach wurde vorsichtig der Erdhaufen abgetragen und mit einer Schubkarre hinaus gefahren. Es könnten sich darin noch mehr Knochen oder Gegenstände befinden, die zur Identifizierung des oder der Toten beitragen konnten. Da war es schon Donnerstagnachmittag, Franz und Klaus standen zwangsweise dabei. Anstatt ein Protokoll aufzugeben, mussten sie mit einem Wachtmeister zum Weinkeller fahren. Dort wurden sie von einem Kriminalbeamten nochmals verhört. Ob sie etwas verändert hätten oder etwas mitgenommen? Franz verneinte. „Wir müssen bei euch also keine Hausdurchsuchung machen?“ drohte der Mann. Franz beteuerte, dass er sich nur alles angeschaut habe. Dann erst wurde ein Protokoll verfasst.
Letztlich wurde die Kammer vermessen, sie war dreieinhalb x drei Meter groß. Gleich mehrere Experten schauten sich das Mauerwerk sehr genau an. Bei der Auswertung von Fotos und Faserresten kam der Forensiker zum Schluss, dass die gefundene Person vielleicht gefesselt war. Und, dass es sich vielleicht um einen Kerker gehandelt hatte.
Weil zu Skelett und Kerker weder die Kellerbesitzer noch sonst ein Bimsheimer eine Angabe machen konnten, stand am Montag der Fund in der Zeitung. Wer wisse etwas über die Person, die zwei Zehnjährige in einem Kerker artigen Keller gefunden hätten? Das Wort Kerker zündete mehr als das Gerippe. Am Montagnachmittag war die Kripo nochmals in dem Keller und suchte weiter. Es wäre ein Archäologe dabei gewesen, erfuhren Franz und Klaus um ein paar Ecken. Das regte ihre Fantasie an.
Klaus war völlig aus dem Häuschen. „Vielleicht haben wir einen Neandertaler gefunden. Vielleicht werden wir noch berühmte Entdecker. Oder es handelt sich um eine historische Person, die ein Landesfürst beseitigt hat.“
Franz verzog sein Gesicht: „Abwarten.“ Er hatte von seinem Vater das nüchterne und sachliche Denken geerbt. Dass ein Neandertaler und ein Sandsteingewölbe nicht zusammenpassten merkte auch ein Zehnjähriger. Klaus jedoch suchte nach Anerkennung. Als Kind von Flüchtlingen war das auch zu verstehen. Seine Familie gehörte, nach dem Empfinden der Alteingesessenen, nicht hierher, sie besaß nichts und sie lieferte nichts Brauchbares. Zudem war Klaus ein schlechter Schüler, der nur in die Volksschule ging, keine Talente besaß, und im Turnen gehörte er auch nicht zu den Besten. Dafür hatte er ein überdurchschnittliches Geltungsbedürfnis, er wollte sich unbedingt profilieren. Trotzdem war er kein nerviger Wichtigtuer, sondern ein netter Kerl, der keine Bosheit kannte, mit dem man sich über alles Mögliche unterhalten konnte.
Dass er sich in der Schule verplapperte war wohl eher Absicht. Nicht lange und jeder wusste, dass er und Franz es gewesen waren, die in den sogenannten Kerker eingestiegen waren und das Gerippe gefunden hatten. Während Franz es nur einsilbig zugab, ließ sich Klaus bereitwillig ausfragen, erzählte von den vielen Kellern und Höhlen, die sie schon erforscht hätten und sonnte sich darin, etwas Besonderes zu sein. In der Schule, im Verein, beim Einkaufen und auf der Straße erzählte er jedem, dass er und Franz einmal einen Neandertaler finden wollen. Es wirkte nicht angeberisch, Klaus war einfach nur begeistert und jeder spürte das. Franz ließ sich zeitweise von dieser Leidenschaft anstecken und überlegte, ab er später Archäologie studieren soll.
Ihre Ausflüge in die Landschaft aber waren beendet, die Eltern hatten es ihnen verboten. Nicht einmal in ihre eigene Höhle durften sie oder mal irgendwo eine Hütte bauen oder mit anderen Jungs eine Bande bilden.
Ein weiterer Zeitungsbericht machte das Gerippe noch mysteriöser, denn in den Fünfzigerjahren stand noch nicht viel Technik zur Verfügung. Das Alter der Knochen hätte man, in etwa, mit der Fluor Datierung bestimmen können. Doch die wäre bei einem Skelett, das in einem geschlossen Sandsteinkeller lag, wohl eher ungenau, stand in der Zeitung. Die Kripo hatte die Knochen röntgen lassen und den Verschleiß der Gelenke, die Abnutzung der Zähne und deren Zustand untersucht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde es sich bei dem Skelett um eine Frau handeln, die vermutlich keine dreißig Jahre alt geworden war, konnte man lesen. Zudem sei sie, wenn man die Lage der Stricke richtig deute, wahrscheinlich gefesselt gewesen. Es sei deshalb zu vermuten, dass es sich hierbei um ein Verbrechen handle. Um mehr Klarheit zu erlangen, müsse man die archäologischen Ergebnisse abwarten.
Eine gefesselte eingemauerte Frau war natürlich der Hammer. Franz hatte Verwandte in Bimsheim, die versuchte er auszufragen. Dabei bekam er das Gefühl, dass nach dem Krieg so einige Gemeinheiten unter den Tisch gekehrt worden waren. Vor allem die Gemeinheiten den wenigen Juden gegenüber. War die Tote eine Jüdin gewesen? Hatte man sie verschwinden lassen und deren Besitz einkassiert? Doch man versicherte ihm mehrmals, dass schon vor Beginn des Krieges alle jungen Juden weggezogen waren. Die vier zurückgeblieben Alten wurden dann, wie alle verbliebenen Badischen Juden, 1940 oder so nach Gurs in Frankreich gefahren. Die Tote konnte unmöglich eine Jüdin gewesen sein. Überhaupt sei seit Menschengedenken keine Frau vermisst worden.
Das mit Gurs wurde nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Über Juden wurde prinzipiell nicht gesprochen, sie wurden auch nie in der Presse erwähnt. Niemand, auch die Journalisten nicht, wollten an dieses Thema erinnern. Zu Viele hatten von deren Enteignung profitiert und fast jeder hatte die Verbrechen einfach hingenommen. Oder absichtlich weggesehen. Der verlorene Krieg plus die Massenvernichtung von Mitbürgern war einfach zu viel auf einmal, um damit leben zu können. Lieber stritt man sich innig und ausgiebig über die Schaffung einer Bundeswehr. Dass in Deutschland sich wieder das Kriegerische etablierte, war nicht jedem recht.
Wochen nach der Entdeckung der Knochen erschien der vorläufige Bericht der Archäologen, sie hatten ihre Schlüsse gezogen. Ein gefundener Geweberest lasse auf uralte Kleidung schließen, so der Zeitungsartikel. Auf jeden Fall auf Kleidung, die von Hand gewebt worden war. Eine Kupferspange in ihrem, vermutlich rotbraunen Haar, von dem kaum etwas erhalten war, deute sogar auf das frühe achtzehnte Jahrhundert hin. Auch die Reste der Stricke würden dazu passen. Was die Archäologen besonders auf diese Zeit schließen ließ, war die Beschaffenheit des Mauerwerks. Die des Gewölbes und die der Trennmauer. Der Weinkeller war vielleicht um 1700 errichtet worden. Gewölbe und Trennmauer bestanden aus demselben Material und waren in derselben Machart gebaut. Alle Steine, auch die in der Kammer, wiesen die gleichen Ablagerungen auf. Das hieß, der Kerker war schon kurz nach Fertigstellung des Gewölbes eingerichtet worden. Die Spezialisten schlossen daraus, dass die Frau vor 200 oder 250 Jahren umgebracht wurde.
Damit wanderten die Knochen nach Karlsruhe in eine Kammer des Landesmuseums.
„Also kein Neandertaler“, spottete Franz.
„Und das Verbrechen wird wohl nicht mehr aufgeklärt werden“, vermutete Klaus richtig.
„Das waren ja finstere Zeiten. Vielleicht hatte sie eine ansteckende Krankheit gehabt. Oder viel Schmuck um den Hals.“
„Danach hat der Mörder ihr Vermögen kassiert“, spann Klaus den Faden weiter. „Oder ihr Mann wollte ihr das Maul stopfen. Kann ich voll nachvollziehen.“
„Damals waren sie ja noch gläubiger als heute. Vielleicht hatte einer ihr ein Kind gemacht und sie dann verschwinden lassen, um Konflikte zu vermeiden.“ Franz hatte schon von unerwünschten Kindern gehört.
„Oder es war eine Nutte gewesen die plaudern wollte“, fiel Klaus noch ein. „Stell dir mal vor, dass sie zu mächtigen Männern ins Bett gestiegen ist und diese dann erpresst hat. Das hat sie ihr Leben gekostet.“
Franz wusste nicht was eine Nutte war, spürte aber, dass er das nicht wissen durfte. Er lenkte ab. „Auf jeden Fall ist es aus mit unserer Höhlenforscherkarriere. Ich habe mir aber überlegt, ob wir in den Kellern der Altstadt weiterforschen könnten. Da gibt es Gewölbe, die schon im Dreißigjährigen Krieg standen.“ Franz hatte im Heimatkundeunterricht aufgepasst, Klaus nicht.
„Wenn du mal einen weißt.“
„Ich muss jetzt Hausaufgaben machen. Unter anderem habe ich ein Gedicht zu lernen.“
Franz hatte, wie fast jeder Eingeborene, einen Über-Namen, der ihn unverwechselbar machte. Im Volksmund war er Vorgass-Jägers-Franz. Sein Vater war der Jäger-Stromer, seine Mutter die Schnelle Eva, womit vermutlich weniger ihre flinken Bewegungen gemeint waren, als vielmehr ihr flinkes Mundwerk. Die Über-Namen wurden aber nie im Beisein der Betroffenen ausgesprochen, immer nur, wenn über ihn oder sie geredet wurde. Nicht alle wussten wie sie genannt wurden und einige Namen waren alles andere als schmeichelhaft.
Vorgass-Jägers-Franz nahm die Schule sehr ernst. Er war nicht gerade ein Streber, aber ein eifriger Schüler. Und er war der erste aus seiner Sippe der das Gymnasium besuchte. Darauf war er stolz und wollte der Familie keine Schande bereiten. So hatte er nachmittags wenig Zeit und wenig Zeit für Klaus, die Hausaufgaben waren ihm wichtiger. Zudem musste er seinen Eltern manchmal im Garten helfen. Damit er die körperliche Arbeit nicht verlernte. Nur selten fanden die zwei Freunde noch Gelegenheit, sich davonzustehlen; ihr Hauptquartier im selbstendeckten Stollen vergammelte. Wenn sie sich trafen, saßen sie meistens vor Müllers Haus oder in Franz` Zimmer und erzählten sich was gerade Stoff war.
Die gefundene Tote war im Städtchen und bei den beiden Buben immer noch Thema, als nach Pfingsten abends der Winzer-Beck in Jägers Hof kam. Franz und Klaus saßen neben dem Spaltklotz und erzählten sich Geschichten. Der Winzer-Beck hieß richtig Hans Vierling, was die Leute aber nur deshalb wussten, weil er auch im Gemeinderat saß. Er hatte eine kleine Bäckerei und einen Weinberg. Mit einem Keller, der einen Luftschacht besaß, wie Franz wusste. Den er und Klaus noch nicht erforscht hatten. Der Winzer-Beck war ein freundlicher und anständiger Typ, weshalb er sehr beliebt war und man ihm selten einen Wunsch abschlug.
„Na ihr zwei Höhlenforscher, mal wieder ein paar Knochen entdeckt“, grüßte der beleibte Bäcker die zwei mageren Buben.
Franz grinste schief. „Wir dürfen nicht mehr“, machte er es kurz.
Der Winzer-Beck grinste zurück. „Ich glaube, ich habe da etwas für euch. Ist dein Vater schon da?“
Franz nickte und rief laut „Papa“ ins Haus. Sekunden später schaute der aus der Haustür heraus.
„Hallo Heiner“, grüßte der Dicke. „Ich müsste mir mal deinen Jungen ausleihen.“ Er lächelte dabei.
„Und wie lange? Bekommt er Stundenlohn?“ lächelte Heiner Jäger zurück.
„Ich will seinen Forscherdrang nutzen“, war die geheimnisvolle Antwort.
Franz und Klaus waren plötzlich ganz Ohr.
Heiner nickte leicht. „Das musst du erst einmal erklären.“
„Ich habe doch an der Sonnhalde einen tiefen Keller. Der ist ausgebaut, aber uralt. Jetzt habe ich festgestellt, dass an der Rückwand einige der oberen Steine locker sind. Einen konnte ich nach hinten drücken. Von einer Bockleiter aus. Ich hab hineingeschaut und keine Erde gesehen. Dann habe ich einen langen Stecken geholt und hineingestoßen. Da ist nichts, nur ein Hohlraum.“ Er schaute erwartungsvoll in die Runde.
Die Jungs und auch der Vater dachten sofort an den Leichenkeller in Bimsheim. Der Winzer-Beck hatte vermutlich auch an den gedacht.
„Ihr wisst woran ich denke?“
Drei Köpfe nicken.
„Ich hab mir gedacht“, jetzt sah er Franz direkt an, „dass du vielleicht mal hineinsteigen willst um nachzusehen, was da so rumliegt. Ich rechne zwar nicht mit Knochen, will aber einfach Gewissheit haben, dass keine drin liegen. Und ich will wissen, wozu der Raum früher gedient hat. Und ob vielleicht ein paar Altertümer drin sind.“
Er schaute auch erwartungsvoll zu Heiner.
„Zweihundert Jahre alte Rotweinflaschen“, hauchte Heiner, der nicht ohne Humor war. „Das Stück zu tausend Mark.“
Alle vier lachten.
„Wir werden oben noch zwei, drei Steine herausnehmen, dann müsstest du durchpassen. Geht das in Ordnung, Heiner?“
Die Buben brannten schon auf die Aufgabe, Klaus rechnete fest damit, dass er mitdurfte.
„Die Hälfte der Flaschen bekommen wir“, grinste Heiner, was so viel hieß wie ok.
„Samstagnachmittag hol ich euch ab“, bestimmte der Winzer-Beck.
Damals war samstagvormittags noch Unterricht. Nach dem Mittagessen fuhr der Winzer-Beck mit seinem Traktor in die Vordergass und holte die zwei Buben ab. Franz verschob die Hausaufgaben auf den Abend. Der Traktor hatte auf jeder Seite über den großen Rädern einen Sitzplatz. Franz und Klaus genossen sichtlich die erhöhte Fahrt durch die Stadt. Als der fast neue Hanomag den Berg hinaufrumpelte mussten sie sich festklammern. Die Jungs waren sehr aufgeregt und spekulierten wahllos, was sie vielleicht alles finden würden. Klaus‘ Erwartungen waren wesentlich höher als die von Franz. Der erstere wünschte sich Schmuck, alte Münzen und Kirchenschätze zu finden, der etwas nüchternere Franz zumindest ein paar alte Werkzeuge oder Geräte, oder einfach nur ein paar alte Bücher.
Den Zahn musste ihm der Winzer-Beck gleich ziehen. „Bücher verrotten in so einem Keller. Da müsste es schon sehr trocken sein. Wie in einem Silo.“
Er hielt vor dem Tor und schloss auf, lud noch einen Vorschlaghammer, ein Brecheisen und eine Lampe ab. Die Kinder-Forscher hatten ihr Seil und ihre Taschenlampe mitgebracht. Der Winzer drückte Klaus den Vorschlaghammer und Franz das Brecheisen in die Hände, steckte seine Petroleumlampe an und marschierte voraus in den Berg zum Kellerende. Beidseitig standen Fässer und Bottiche, daneben lagerte Gerümpel, vor der Abschlusswand stand die schon erwähnte Bockleiter.
„Eure Aufgabe ist es nun, noch ein oder zwei Steine herauszunehmen und den Raum abzuleuchten. Wenn drinnen etwas liegt, brechen wir noch zwei Steine heraus und einer von euch zwei darf reinsteigen und schauen was es ist. Aber nur einer.“
„Diesmal bin ich dran“, machte Klaus schon mal klar und fummelte seine Taschenlampe aus dem Kittel.
„Nix da, wir losen“, hielt Franz dagegen, der das Seil ausrollte.
Klaus wollte endlich auch seinen Forscherruhm. „Du hast schon das Gerippe entdeckt, jetzt will ich auch mal etwas entdecken.“
Doch Franz entwickelte auf einmal Egoismus. „Du willst nur damit angeben. Und du kannst kein Geheimnis bewahren. Am Montag weiß dann schon die ganze Stadt was wir gefunden haben.“
„Gar nicht.“
„Du bist unwissenschaftlich“, setzte Franz eine letzte Marke.
„Wollt ihr vielleicht erst mal was arbeiten, bevor ihr euch entzweit?“, unterbrach der Winzer-Beck den Disput. „Unwissenschaftlich“, er lachte. „Auf die Leiter mit euch und versucht diesen Stein zu lockern“ - und zeigte mit einem Haselnussstecken auf den Stein, den es zu lösen galt.
Das Gewölbe war über drei Meter hoch, einen halben Meter unter der Decke fehlte der Stein, den der Winzer nach hinten gedrückt hatte. Der angedeutete Nachbarstein war zwar locker, aber verkantet. Der Winzer-Beck wollte, dass er nach vorne herausgearbeitet wurde. Die zwei Forscher rütteln und hebeln so intensiv, dass ihr Auftraggeber die Leiter stützen musste. Aber sie bekamen den Stein nicht heraus. Dann befahl der Dicke seine Helfer von der Leiter und stieg mit einem Fäustel nach oben. Seine Rechte mit dem Fäustel verschwand in dem Loch und er klopfte mit Ausdauer von hinten an den fälligen Stein. Langsam wanderte der nach vorne. Die Kinder hätten das dem Dicken nicht zugetraut.
„Jetzt seid ihr wieder dran“, meinte er schnaufend. Mit dem Brecheisen drückten sie den nicht allzu großen Sandstein zur Seite, so dass sie ihn an zwei Seiten fassen und herausziehen konnten. Und ließen ihn nach unten plumpsen.
„Noch einen“, kam von unten das Kommando.
Den brachten sie ohne Mithilfe heraus.
„Ich versuche meinen Kopf hineinzustecken“, sagte Klaus eifrig.
„Bist du sicher, dass du deinen Kopf nicht hinaus streckst“, lästerte Franz.
Es passte nur der Kopf hindurch, für die Schultern reichte es noch nicht. Klaus leuchtete wild umher und meinte: „Da müssen noch welche weg.“
Die folgenden Steine ließen sich einfacher entfernen. Als einer klemmte, stieg der Winzer hoch und verpasste dem Widerspenstigen einen kräftigen Schlag mit dem Vorschlaghammer, dass der Mörtel spritzte. Fast wäre die Bockleiter umgekippt. Als zehn Steine unten lagen sagte der Winzer zu Klaus: „Jetzt leuchte mal alles ab.“
