Time Travellers - Nächster Sprung - Australien! - Stephanie Gessner - E-Book

Time Travellers - Nächster Sprung - Australien! E-Book

Stephanie Gessner

0,0
11,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Schulklasse stolpert in das Abenteuer ihres Lebens Eine ganz normale Klassenfahrt in den Odenwald? Fehlanzeige! Denn durch einen unglücklichen Zufall landet die 6G in Australien – und die neue Referendarin Mayumi auf einer einsamen Insel. Wie sollen sie denn jetzt wieder nach Hause kommen? Und wie kann es überhaupt sein, dass man in der einen Sekunde mit dem Bus auf einer deutschen Autobahn unterwegs ist und in der nächsten im australischen Outback steht? Grace und Rio hingegen haben einen Verdacht: hat die neue Lehrerin vielleicht magische Fähigkeiten? Die Klasse ist sich jedenfalls schnell einig – wenn man schon mal aus Versehen in Australien landet, sollte man das doch eigentlich auch ausnutzen! Und so beginnt die wohl verrückteste Klassenfahrt der Welt …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Albert, den besten Reisegefährten der Welt

Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.

Laotse

Inhalt

Die geheimnisvolle Neue

Seltsame Stäbchen

Total abgefahren

Rote Erde

Wo ist Mayumi?

Kein Netz

Unheimliche Begegnung

Armes Tier

Das Spiegelbild

Das Nachtlager

Angriff am frühen Morgen

Geheime Besprechung

Das Konzert

Das Wasserloch

Attacke aus dem Nichts

Das Monster

Höhenangst

Total erschöpft

Stimmen

Bumerang

Happy Farm

Meer, Meer, Meer!

Frühstück am Strand

Abschied

Leseprobe

Die geheimnisvolle Neue

»Mamaaa! Es sind nur DREI Tage!« Grace warf den Kopf zurück, um sich aus der Umklammerung ihrer Mutter zu befreien.

»Darling, versprich mir, dass du dich sofort meldest, wenn ihr angekommen seid«, jammerte diese und drückte ihre Tochter noch einmal fest.

Grace hasste es, wenn ihre Mum sie vor anderen Darling nannte. Aus gutem Grund. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis Franz rief:

»Daaaaarling, ich glaube, dein Koffer zischt ab!«

Ringsum kicherten ein paar.

»Was?« Grace wirbelte herum. Tatsächlich. Ihr Koffer hatte sich selbstständig gemacht und rollte über den großen Parkplatz, auf dem die Klasse sich an diesem Morgen versammelt hatte. Aus dem Augenwinkel sah Grace Milenas spöttisches Grinsen. Mit erröteten Wangen hetzte sie dem Koffer hinterher. Kurz bevor er gegen den Bordstein knallte, stoppte ihr Klassenkamerad Rio ihn mit dem Fuß.

»Danke.« Grace lächelte Rio an.

»Alles gut.«

Rio hatte sich schon zu Hause von seinem Vater verabschiedet. Es hatte ihn einiges an Überredung gekostet, aber am Ende war er einverstanden gewesen und Rio erleichtert allein zum Treffpunkt gefahren. Nicht auszudenken, wenn die anderen seinen Vater gesehen hätten. Unter Garantie hätte es dann wieder Sprüche gehagelt. Nein, darauf konnte Rio verzichten. Es reichte schon, wenn sie ihn wegen seines Aussehens ärgerten. Nicht, dass sie es aus böser Absicht taten. Eher einfach so, zum Spaß. Falsch war es trotzdem.

»Du hast nur den Rucksack?«, fragte Grace. Sie überlegte, ob sie es mit dem Koffer vielleicht doch ein bisschen übertrieben hatte.

»Ich wusste nicht, was ich mitnehmen sollte«, sagte Rio und lachte verlegen.

Grace kicherte. »Das Problem hatte ich auch – aber es offenbar gaaaanz anders gelöst.«

Sie erreichten den Bus, dessen blitzsauberer silberner Lack in der herbstlichen Morgensonne glänzte. Er wirkte riesig, neu und topmodern. Der blaue Himmel über ihnen war durchzogen von schönen Wattebauschwolken. Es war einer dieser seltenen Herbsttage, die plötzlich noch einmal nach Sommer und Rosen rochen und an denen das Herz höherschlug, weil ausnahmsweise alles zu passen schien. Zufrieden registrierte Grace, dass ihre Mutter sich mit den Eltern der anderen Kinder unterhielt. Sie machte einen Bogen um die Erwachsenen und schob den Koffer zum Laderaum. Die Busfahrerin nahm ihn entgegen.

»Sag bloß, du hast deine Schulbücher mitgenommen«, stöhnte sie, als sie das Teil anhob.

»Nee niemals! Aber sorryyyyy.« Grace legte den Kopf schief und grinste. Sie sah auf ihr Handy. Es war kurz vor acht. Laut Plan starteten sie in wenigen Minuten in den Odenwald. Endlich! Seit Tagen hatte es in der 6G kein anderes Thema gegeben. Klassenfahrt!!! Das war bei Weitem besser als Unterricht und auch besser als die Konzerte irgendwo auswärts, die sie (das G stand für Gesang) als Musikprofilklasse öfters und meistens auch mit viel Spaß gaben. Man sah den Kindern die Aufregung und Vorfreude an, ihre Augen leuchteten bis zur Kirchturmspitze hinauf und wieder zurück. Und die miese Wettervorhersage war ihnen sowieso egal.

»Hauptsache, es schneit nicht«, rief Giovanni fröhlich.

»Wieso, Schnee ist doch cool«, erwiderte seine Schwester Giovanna. »Stellt euch vor, eine Nachtwanderung im Schnee …«, flüsterte sie.

»Jaaaaa!«, riefen ein paar, obwohl natürlich alle wussten, dass es um diese Jahreszeit niemals schneien würde.

»Oh, Mist, ich habe meine Taschenlampe vergessen«, jammerte Nik, was niemanden wunderte, weil er ständig seine Sachen vergaß oder verlor.

»Schaff dir endlich ein Smartphone an, dann hast du eine Taschenlampe«, sagte Milena, die immer ein bisschen zickig klang, auch wenn sie es vielleicht gar nicht so meinte.

Nik und Rio waren die Einzigen in der Klasse, die kein Smartphone hatten. Rio, weil sein Vater es für entbehrlich hielt, Nik, weil er seltsamerweise alte Handys cooler fand.

»Ihr werdet es auch irgendwann checken«, sagte Nik jetzt. »Mein Akku hält noch, wenn eure schon tausend Jahre den Geist aufgegeben haben.«

Franz zog ein flaches Gerät aus der Hosentasche. »Digga, mit meiner Powerbank kannst du einen Kühlschrank versorgen.«

»Aber was willst du unterwegs mit einem Kühlschrank? Der würde dich doch ganz schön aufhalten.« Nik lachte. Es schien ihm nichts auszumachen, dass die anderen ihn manchmal nicht ernst nahmen. Rio bewunderte ihn dafür. Ihm war die Meinung der anderen wichtig.

Grace quetschte sich zwischen Giovanna und Nik. »Wisst ihr schon, wer Frau Diebel ersetzt?«, fragte sie.

Frau Diebel, die Klassenlehrerin, hatte sich vor zwei Tagen den Fuß gebrochen. Ausgerechnet. Aber Herr Rosenkranz, der Na-Wi-Lehrer, der ebenfalls mit auf die Reise gehen würde, hatte bei der Seele seines verstorbenen Lieblingskaktus versprochen, dass er jemand anderen auftreiben würde.

»Hoffentlich nicht Bethmann«, sagte Franz finster. Mathelehrer Bethmann war nicht gerade beliebt bei der 6G.

»Quatsch. Es muss eine Frau sein«, erwiderte Grace.

Die anderen sahen sie an. »Wieso?«

»Weil. Ist vorgeschrieben. Weibliche und männliche Begleitung, wenn Mädchen und Jungen dabei sind.«

»Echt?« Giovanna nickte begeistert. »Nice.«

»Na klar, damit ihr Mädchen euch bei der Lehrerin ausheulen könnt«, rief Ali, der gerade dazugestoßen war, nachdem er seinen Rucksack im hohen Bogen in den Laderaum gepfeffert hatte.

Alle Jungs bis auf Rio und Mattis lachten.

»Mann, wie bescheuert ihr seid!«, sagte Grace verärgert und boxte Ali gegen die Schulter.

»Ja genau. Wer hat eigentlich gestern geheult, als er beim Weitsprung nicht Erster wurde?«, fragte Milena laut.

Alle sahen zu Giovanni, der rot wurde und zu Boden schaute. Es stimmte. Giovanni weinte öfters, wenn er hinter seinen eigenen sportlichen Erwartungen zurückblieb. Ali zog eine Grimasse. »Das ist doch was ganz anderes«, nahm er seinen Freund in Schutz. »Und außerdem …«, weiter kam Ali nicht, weil ihre Aufmerksamkeit auf eine Szene am Ende des Parkplatzes gelenkt wurde. Dort stieg Herr Rosenkranz aus seinem Fiat, der noch aus dem letzten Jahrhundert stammte, wie er immer wieder stolz betonte, ging um das Auto herum und öffnete in seiner übertrieben dramatischen Art die Beifahrertür.

Die Kinder reckten die Hälse. Schlagartig war es still. Sogar die Erwachsenen hörten auf zu plaudern.

Ein zierlicher Fuß in angesagten, neuen Sneakern wurde sichtbar und vor dem Fiat auf den Asphalt abgestellt, dann folgte ein zweiter.

»Wer ist es, wer ist es?«, zischte es aus mehreren Richtungen.

»Keine Ahnung, Rosenkrank versperrt den Blick«, antwortete Franz, der ganz vorne stand und sich breitmachte.

»So wie du«, antwortete Grace spitz.

Franz machte einen kleinen Schritt zur Seite und das Gleiche tat Herr Rosenkranz. Galant hielt er die Tür seiner rostigen Karre auf, während sich neben ihm eine Frau aufrichtete. Sie war jung und unglaublich hübsch, da waren sich Jungs wie Mädchen sofort einig. In ihrem kunstvoll geknoteten dunklen Haardutt steckten zwei dünne Stäbe.

»Pffffffffff …«, machte Ali.

»Kraaaass«, sagte Milena.

»Kann man damit essen?«, fragte Nik.

»Oder stricken?«, fragte Giovanna.

»Keine Ahnung«, erwiderte Grace. »Wer ist das?«, flüsterte sie.

Die anderen hoben ratlos die Schultern. In diesem Moment warf die Sonne ein paar Strahlen auf die Neuankömmlinge und es sah aus, als würden die beiden Stäbe in diesem Haarknoten glitzern.

»Ich habe sie schon im Lehrerzimmer gesehen«, sagte Rio. »Sie ist neu.«

»Sie soll Lehrerin sein?«

Bei den Erwachsenen lebten die Gespräche wieder auf, nur die 6G stand weiter erwartungsvoll da und schaute dem ungleichen Pärchen entgegen, das sich nun mit zwei Gepäckstücken auf sie zubewegte. Kein Zweifel, Herrn Rosenkranz war eine Überraschung gelungen.

»Abgefahren«, murmelte Nik.

»Vorsicht, dir läuft Sabber aus dem Mund!«, sagte Grace trocken.

Die Mädchen und Jungen lachten. Irritiert wischte sich Nik mit dem Handrücken über die Lippen, was die anderen erneut zum Kichern brachte.

»Darf ich vorstellen: Miyata Nagumi, unsere neue Referendarin«, sagte Herr Rosenkranz sichtbar stolz, als er und seine Begleitung schließlich bei den Kindern ankamen.

»Mayumi Nagata«, korrigierte die Referendarin lächelnd und deutete eine kleine Verbeugung an. Sie war nur wenig größer als die Kinder der 6G, sehr schlank, mit einem perfekt gezwirbelten, durch zwei Stäbe gehaltenen Knoten am Hinterkopf und einer so präzise geschwungenen Oberlippe, als wären die beiden kleinen Spitzen mit dem Stift gemalt. Ihre braunen Augen blickten freundlich in die Runde und in ihrer Stimme schien ein Lächeln zu liegen. Alle fanden sie auf Anhieb hinreißend.

»Natürlich, Mayumi Nayata«, beeilte sich Herr Rosenkranz zu sagen und verbeugte sich ebenfalls, allerdings stieß er dabei fast mit dem Kopf gegen den Laternenpfahl am Parkplatzrand.

»Nagata!«, verbesserte Milena. »Herr Rosenkranz, Vokabellernen war sicher schlimm für Sie als Kind, oder?«

Die anderen lachten.

Der Lehrer hob den Finger. »Höre ich da etwa Ironie? Also, wenn du jemals so viele Namen, und zwar botanische Namen, in deinem klugen Kopf unterbringst wie ich, dann kannst du dich glücklich schätzen.« Herr Rosenkranz war Biologe, besser gesagt Botaniker. Er liebte Pflanzen mehr als Menschen. Vor allem Kakteen. Die er jedoch anders nannte, nämlich in aller Regel »meine Sukkulenten«.

»Passt auf, ich schleime mich jetzt ein«, wisperte Ali, und dann sagte er laut: »Frau Nagata, Herr Rosenkranz gehört ins Guinnessbuch der Rekorde. Sein Wissen über Sukkulenten ist gigantisch.«

Erfreut neigte Herr Rosenkranz den Kopf in Alis Richtung, dann winkte er ab. »Nicht doch, nicht doch.«

Grace registrierte, dass ihr verschusselter NaWi-Lehrer sich sogar rasiert und gekämmt hatte. Das passierte sonst nur zu besonderen Anlässen. Was Grace außerdem registrierte: Ringsum in den Bäumen war es still geworden. Eben noch hatten die Vögel mehrstimmig gezwitschert, gesungen, gezetert, nun aber, da Herr Rosenkranz und die neue Referendarin aufgetaucht waren, war es plötzlich so leise wie im Orchestergraben kurz vorm ersten Konzertton. Grace hob den Kopf und schaute hoch zu den Platanen, an denen sich die ersten Blätter gelb färbten. Eine Krähe sauste im Sturzflug herab, ließ sich auf dem Außenspiegel des Busses nieder und legte den Kopf schief. Es sah aus, als würde sie die Reisegruppe belauschen. Belustigt lächelte Grace.

Mayumi schaute kurz zu Herrn Rosenkranz und vergewisserte sich, ob er noch etwas hinzufügen wollte, dann lächelte sie in die Runde und sagte freundlich: »Hallöchen. Ich hoffe, ihr nehmt mich mit.«

»Jaaaaa!«, riefen alle fröhlich.

Und dann ging es plötzlich sehr schnell. Mütter und Väter rückten noch mal ihren Kindern zu Leibe und sprachen letzte Warnungen, Mahnungen und Wünsche aus.

»Melde dich.«

»Geh nicht zu spät schlafen!«

»Ich hab dich lieb.«

»Du musst genug essen. Und trinken. Trinken ist auch wichtig!«

»Viel Spaß! Aber nicht zu viel!«

»Du brauchst deinen Schlaf!«

»Unterhose wechseln!«

»Ruf mich bitte jeden Abend kurz an. Nur kurz.«

»Zähne putzen!!!«

»Schick ab und zu eine Whatsapp.«

»Füße waschen. Du weißt ja, deine müffeln schnell …«

»Daddel nicht so viel.«

»Ach, mein Butzidutzischnutzischätzelein!«

Und Alis kleiner Bruder sagte: »Komm bloß nicht wieder!«

*

Als die meisten schon in den Bus geklettert waren, wurde Grace immer noch von ihrer Mutter gehätschelt und rechts, links, rechts, links, rechts auf die Wangen geküsst, bis wirklich niemand mehr außer ihnen und den anderen Eltern auf dem Parkplatz stand. Die Busfahrerin warf den Motor an. Aus den Bäumen ringsum erhoben sich Dutzende von Krähen und flogen davon.

Mit einer jähen Bewegung befreite sich Grace. »Mum, ich verpasse den Bus!«

»Sei bitte vorsichtig, Darling!« Ihre Mutter wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Mach ich!«, rief Grace fröhlich. In der Tür riss sie noch mal den Arm hoch und winkte.

»Mädel, mach hinne«, rief die Busfahrerin.

Da drehte Grace sich um und kletterte endlich in den Bus.

Seltsame Stäbchen

»Dann hocken Sie sich mal hin, junge Dame«, sagte die Busfahrerin und legte den Gang ein.

Während die anderen Kinder noch mit dem Gurt beschäftigt waren oder ihren Eltern zuwinkten, warf Grace einen Blick über die vorderen Reihen. In der vierten oder fünften war ein freier Platz neben Rio.

»Darf ich?«, fragte sie und ließ sich im selben Moment auf den weinroten Sitz fallen.

»Klar«, sagte Rio und lächelte scheu. Er hatte gehofft, dass sich Grace neben ihn setzte, und extra schon den Rucksack vor seine Füße gepackt. Grace gehörte zu den wenigen, die nett zu ihm waren. Die meisten in der Klasse fanden Riouncool. Weil er so altmodische Sachen trug, glaubte Rio. Zumindest machten sie sich immer wieder darüber lustig. Was konnte er dafür, dass seine Mutter nicht mehr lebte und sein Vater seit drei Jahren arbeitslos war? Klamotten kauften sie secondhand. Nichts von Rios Anziehsachen hatte mehr als fünf Euro gekostet. Bei der Klassenfahrt war er nur dabei, weil er sich das Geld vom Patenonkel zum Geburtstag gewünscht hatte und zu Weihnachten gleich mit. Die anderen hatten keine Ahnung, wie knapp bei Kasse sie waren.

Grace beugte sich über Rio und patschte mit der Hand gegen das Fenster. »Ciao Kakao, tschüssikowski!«, schrie sie übermütig und kicherte, als ihre Mutter ihr eine Kusshand zuwarf.

»Auf Nimmerwiedersehen!«, rief Ali von weiter hinten.

Rio atmete tief ein. Grace’ blonde Lockenmähne duftete so ähnlich wie der Vanillejoghurt, den es manchmal in der Mensa gab. Etwas, was er an Mädchen wirklich mochte, war, dass sie viel besser rochen als Jungs. Die meisten jedenfalls. Rio selbst benutzte heimlich das Parfüm seiner Mutter. Nur in superwinzigen Mengen, damit es möglichst für sein restliches Leben hielt. Natürlich wusste niemand davon, nicht mal sein Vater.

Mit einem fröhlichen Tuten fuhr der Bus los. Ein letztes Mal wurde noch mal an Scheiben geklopft und gewunken, dann bogen sie ab auf die Straße.

»Endlich.« Grace plumpste zurück in ihren Sitz und schnallte sich an. Sie blickte sich um. Links hockten Giovanna und Milena. Direkt vor ihr saß die neue Referendarin. Weiter hinten waren ein paar dabei, schon mal die mitgebrachten Brotdosen zu öffnen. Grace spürte, wie ihr Magen grummelte. Sie hatte am Morgen vor lauter Nervosität nichts essen können.

»Hast du auch Hunger?«, fragte sie Rio. Der schüttelte den Kopf. Zum Essen war er immer noch viel zu aufgeregt.

Grace holte einen Apfel aus ihrer Tasche und biss hinein. Vor ihr zog die Referendarin die beiden Stäbchen aus dem Haarknoten. Grace und Rio grinsten sich an.

»Wie heißt sie noch mal?«, flüsterte Grace kaum hörbar.

»Mayumi Nagata?«, wisperte Rio.

Grace musterte ihn. »Krass, wie schnell du dir das immer merken kannst!«

»Ist doch nur ein Name.«

Grace lugte zwischen den Sitzen nach vorne. Frau Nagata holte ein Wollknäuel aus ihrer Tasche und begann, mit ihren beiden Stäben Maschen aufzunehmen.

»Sie strickt! Es sind tatsächlich Stricknadeln«, kicherte Grace und biss dann so krachend in den Apfel, dass die Referendarin vor ihr zusammenzuckte. Ein helles, metallisches Klirren ertönte. Rio und Grace schoben die Köpfe unter den Sitz. Dort lag eine der Stricknadeln. Rio wollte schon die Hand ausstrecken, als die Stricknadel sich plötzlich erhob und nach oben schwebte.

Die beiden schnellten zurück nach oben und schlugen unsanft mit den Köpfen zusammen.

»Au!«

»Autsch!«

Grace rieb sich die rechte, Rio die linke Schläfe. »Verdammt, was hast du denn für einen Betonschädel?«, jammerte Grace leise.

»Selber.« Rio lugte vorsichtig zwischen den Sitzen hindurch nach vorne. Grace schob Rio zur Seite. Frau Nagata hielt wieder beide Stricknadeln in den Händen.

Grace schaute nach links. Giovanna und Milena starrten regungslos auf ein Handy.

»Hast du das gesehen?«, wisperte Rio.

Grace nickte. »Sie hat sich nicht gebückt, oder?«

»Nein. Das Teil ist …«, Rio suchte nach Worten, »… geflogen?«

»Wie heftig ist das bitte?« Grace blickte sich noch einmal um, aber von den anderen schien niemand etwas bemerkt zu haben. Die meisten quatschten miteinander, ein paar daddelten auf ihren Handys. Herr Rosenkranz saß ganz vorne und unterhielt sich mit der Busfahrerin.

»Sollen wir mal fragen, wie sie das macht?«, flüsterte Grace.

»Was? Nein!« Rio drückte sich zurück in den Sitz. »Was, wenn sie sauer wird?« Er dachte nach. »Vielleicht haben wir uns getäuscht.«

»Oder sie hat eine unsichtbare Schnur an den Dingern. Sehr praktisch.«

Rio nickte langsam. »Hmmmmm. Vielleicht.« Er erinnerte sich, wie gern seine Mutter gestrickt hatte. Rasend schnell war das bei ihr gegangen, innerhalb von zwei Tagen hatte sie ein Paar Socken fertig. Die meisten davon trug er immer noch, auch wenn sie langsam wirklich zu klein wurden. Rio versuchte sich vorzustellen, wie man Strickzeug halten musste, ohne dass sich ein unsichtbarer Faden verhedderte. »Unmöglich«, murmelte er schließlich. Er schielte hinüber zu Grace. Sie hatte ihn nicht gehört, weil sie immer noch lautstark an dem Apfel herumnagte und außerdem inzwischen in ihr Buch vertieft war. Rio schloss die Augen. Das Klappern der Stricknadeln erinnerte ihn an früher. In seiner Erinnerung sah er, wie er auf der Couch im Schneidersitz neben seiner Mutter hockte und im Rätselheft las. Seine Mutter summte eine Melodie und hielt ab und zu das Strickzeug mit ausgestreckten Armen in die Luft, um es zu begutachten. Und manchmal ließ sie es los, umfasste Rios Fuß und drückte ihn. Dann lächelte er, ohne von seinem Rätsel aufzusehen. Alles, wirklich alles würde Rio dafür geben, um noch einmal die Hand seiner Ma auf seinem Fuß zu spüren.

Total abgefahren

Ein kurzer Ruck ging durch den Bus. Die Kinder reckten die Hälse.

»Hä?«

»Was geht ab?«

»Sind wir da?«, tönte es von hinten.

Ein paar rieben sich die Augen. So auch Rio. Er musste eingeschlafen sein. Müde schaute er aus dem Fenster. Sie standen auf einem Rastplatz, über den der Herbstwind ein paar gelbe Blätter trieb. Der Himmel hatte sich etwas zugezogen.

Vorne pustete Herr Rosenkranz in ein Mikrofon. Es klang, als würde auch durch den Bus ein Windstoß fegen. Die Kinder lachten.

»Oh, Mann, Rosenkrank und Technik«, hörte man Franz in der letzten Reihe quäken.

»Ihr Lieben, wir machen eine Pi…, äh, Pause«, sagte Herr Rosenkranz. Wieder Lachen.

»Pipi!«, rief Ali. »Wir machen alle Pipi, haha.«

Das Gelächter nahm kein Ende. Das war das Gute an diesem NaWi-Lehrer. Er brachte sie ohne Absicht ständig zum Lachen. Und das Beste: Er nahm es ihnen und sich selbst nicht mal übel.

Auch jetzt überhörte Herr Rosenkranz den albernen Kommentar. »Fünf Minuten, länger nicht«, fügte er lächelnd hinzu und legte das Mikro zurück.

Frau Nagata hatte das Strickzeug weggepackt und war aufgestanden. Hinter ihr drängelten ein paar Kinder und spülten sie mit nach draußen.

Grace hatte das Buch zurück in ihre Tasche gesteckt. Sie blickte der Referendarin hinterher, dann hinüber zu Rio.

»Sollen wir sie uns mal ansehen?«, sagte sie.

»Was?«

»Na, die Stricknadeln!«

Ein Lächeln huschte über Rios Gesicht. »Quatsch. Das dürfen wir nicht.«

»Boah, du Langweiler.« Grace setzte sich auf, schob den Arm zwischen den Sitzen hindurch und fingerte nach Frau Nagatas Tasche.

Rio nagte auf seiner Unterlippe herum und schaute ängstlich umher. Milena und Giovanna waren zum Glück ausgestiegen, Herr Rosenkranz auch. Weiter hinten kloppten sich Nik und Tassilo.

»Ich hab sie«, wisperte Grace aufgeregt und zog ihren Arm zurück. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie die Stricknadel. Rio nagte immer hektischer an seiner Lippe. Er wollte gerne nach der Stricknadel greifen, aber er traute sich nicht. Behutsam streckte er die Hand aus.

»Vorsicht! Heiß!«, sagte Grace und wich zurück. Dann lachte sie, als sie sah, wie Rio erschrocken zurückzuckte.

»Haha, du bist so ein Schisser«, spottete sie.

Rio atmete aus und ging nicht darauf ein. »Ist sie schwer?«, wollte er wissen.

Grace legte sie ihm einfach in die Hände. »Hier.«

Rio schluckte. Ihm wurde plötzlich warm. Aber er wollte sich nicht vor Grace blamieren. Also betrachtete er die Stricknadel. Sie war anders als die von seiner Mutter. Irgendwie schwerer. »Scheint ein besonderes Metall zu sein, findest du nicht?«, fragte er.

»Kann sein.« Grace zuckte mit den Schultern.

Rio pikte vorsichtig in seine Hand. Um den Piks herum entstanden blaue Kreise, die sich wellenförmig ausbreiteten.

»Hast du das gesehen?«, fragte er atemlos.

Grace nickte. »Wahnsinn.« Sie hielt ihm ihre Hand hin. »Mach mal.«

Rio schluckte. Dann pikte er vorsichtig. Wieder Kreise. Dieses Mal in Schwarz.

»Schwarz, wieso schwarz?«, fragte Grace beunruhigt. Was hat das zu bedeuten?«

»Keine Ahnung.«

In diesem Moment stieg Frau Nagata in den Bus.

»Mist!«

»Oh nein!«

Panisch sahen die beiden sich an. Verflixt. Sie hätten aufpassen und ab und zu aus dem Fenster sehen müssen. Jetzt war es zu spät und die Referendarin fast wieder zurück an ihrem Platz. In letzter Sekunde versteckten die beiden die Stricknadel unter Grace’ Pulli, der auf dem Sitz lag.

Bevor sie sich setzte, warf Frau Nagata ihnen einen Blick zu.

»Na, alles klar, ihr beiden?«

Grace und Rio nickten stumm.

Frau Nagata lächelte. »Worauf freut ihr euch am meisten?«

Sie sah so unglaublich jung aus, fand Grace, die als Erste wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Kaum älter als ihre große Schwester, die in der vergangenen Woche zwanzig geworden war. Vielleicht lag es an dem kurz geschnittenen Pony, den Frau Nagata trug.

»Äh, keine Ahnung, die … äh … Jugendherberge?«, stammelte Grace. »Ich war noch nie in einer«, schob sie hinterher.

»Oh! Ich auch nicht!«, rief Frau Nagata und lachte hell. »Könnt ihr euch das vorstellen?«

»Waren Sie als Kind nicht auf Klassenfahrt?«, wollte Rio wissen, der sich nun auch wieder etwas gesammelt hatte. Er versuchte, nicht zum Sitz zu schielen. Das war gar nicht so einfach. Der Pulli schien förmlich HIER zu schreien. Jedenfalls schaute Frau Nagata nun plötzlich auch genau dorthin, bevor sie dann wieder hochsah und antwortete: »Nein, tatsächlich nie. Schade, oder?« Und damit wandte sie sich um und ließ sich auf ihrem Sitz nieder.

Grace und Rio wechselten einen Blick. Für einen Moment hielten sie die Luft an.

Grace bewegte die Lippen. »Hat sie was gemerkt?«, fragte sie tonlos. Rio hob die Achseln. Dann ließ er den Kopf in die Hände sinken. Was machten sie jetzt?

»Wenn wir sie auf den Boden legen? Dann sieht es so aus, als wäre sie wieder runtergefallen?«, wisperte Grace.

Durch den Gang preschten die anderen Kinder zurück, die die Pause genutzt hatten, um aufs Klo oder an den Kiosk zu gehen. Zwischen Alis Zähnen hing eine meterlange grüne Gummischlange.

»Ich weiß nicht«, sagte Rio. Und wenn sie dann durch den ganzen Bus rollt?«

»Besser als unter meinem Pulli«, schnaubte Grace. Rios Art ging ihr langsam auf die Nerven. Ständig hatte er Angst, Fehler zu machen. Okay, dass sie die Stricknadel stibitzt hatten, war ein Fehler gewesen. Aber bestimmt würde es nicht so schlimm sein, wenn sie nun einfach unter den Sitzen verschwand. Jemand weiter hinten würde sie finden, aufheben und nach vorne bringen.

Der Bus fuhr los. So wie alle anderen schnallten auch Grace und Rio sich wieder an.

»Glaub mir, es ist das Beste«, versuchte Grace es noch einmal.

»Aber wenn sie einfach sofort zurückschwebt«, wandte Rio ein.

Grace stöhnte leise. Mist. Daran hatte sie nicht gedacht. Sie schwieg.

»Lass mich kurz überlegen, was wir am besten tun, okay?«, bat Rio.

»Gut.« Grace nickte. »Aber mach schnell.«

»ICH habe das Teil nicht geklaut«, hätte Rio gerne erwidert. Aber er schwieg. Es nützte ja nichts, wenn sie nun anfingen zu streiten.

In diesem Moment begann der Bus zu beschleunigen. Zuerst hatte es den Anschein, als wollte er sich nur auf der Autobahn einfädeln, aber dann wurde er immer schneller. Und schneller. Die Kinder hoben die Köpfe.

»Was geht ab?«, schrie Franz.

»Yes, Turbo!«, rief Milena.

»Totaaaaal abgefaaaahren!«, johlte Giovanni.

Die meisten Kinder jauchzten. Herr Rosenkranz wandte sich an die Busfahrerin. Die hielt panisch das Lenkrad umklammert und antwortete nicht. Frau Nagata begann, hektisch in ihrer Tasche zu kramen. Ging in die Hocke, spähte unter die Sitze, während der Bus inzwischen schon eine Geschwindigkeit erreicht hatte, die selbst für einen Ferrari rekordverdächtig gewesen wäre. Die ersten Kinder fingen an zu schreien.

»Was ist hier los? Warum rasen wir so?«

»Hilfe!«

»Stopp!«

Aber der Bus nahm immer mehr an Tempo zu. Obwohl das schon gar nicht mehr möglich schien.

Mit Wucht wurden die Kinder in ihre Sitze gedrückt. Krampfhaft hielten sie sich an den Lehnen fest. Rio versuchte, aus dem Fenster zu sehen. Die Landschaft raste an ihm vorbei. Er erkannte nichts mehr. Das war auf jeden Fall viel schneller als der ICE, in dem er einmal gesessen hatte. Grace hatte eine Hand in seinen Oberschenkel gekrallt.

»Verdammt, was passiert hier?«, schrie sie.

Das Letzte, was sie und Rio sahen, war Frau Nagatas wehende Haarmähne vor ihnen. Dann schien der Bus abzuheben, während es gleichzeitig stockfinster wurde. Es war, als bekäme das Universum einen schrecklichen Hustenanfall, es krachte, donnerte, knarrte und dann knallte und schepperte es wie ein Feuerwerk. Inzwischen schrien und kreischten auch die Mutigsten unter ihnen. Einige weinten.

*

Plötzlich verebbte das Pfeifen und Donnern. Immer ruhiger wurde es. Dann setzte der Bus unsanft auf dem Boden auf. Schlingerte, quietschte. Verlangsamte die Fahrt. Am Ende tuckerte er, so als würden die restlichen Tröpfchen Benzin noch ausgespien, bevor er endlich nach einer gefühlten Ewigkeit stehen blieb. Ein letztes Schnaufen, das sich anhörte wie ein sehr, sehr langer Pups. Dann herrschte Stille.

Rote Erde

In der Luft hing ein stechender Geruch nach verbranntem Gummi. Es war weder dunkel noch hell im Bus. Ein schummriges rötliches Licht drang durch völlig verstaubte Fensterscheiben.

»Sind wir tot?«, fragte eine Stimme.

»Keine Ahnung«, antwortete jemand.

»Ich glaube, ich lebe.«

»Ich vielleicht auch.«

»Was zur Hölle ist passiert?«

Grace öffnete die Augen. Sie sah, dass ihre Hände sich in Rios Oberschenkel krallten. Sie zog sie zurück und strich sich die verwuschelten Haare aus der Stirn. Rio hatte die Knie angezogen und den Kopf dazwischen vergraben. Sie stupste ihn an. »Ey, alles okay?«

Langsam hob Rio den Kopf. Seine Lippen brannten. Er schmeckte Blut. Bestimmt hatte er sich auf die Lippen oder die Zunge gebissen.

»Bist du verletzt?«

Er räusperte sich. »Äh, nein, ich glaube nicht.«

Ringsum begannen sich auch die anderen zu regen. Milena und Giovanna lösten sich aus ihrer Umklammerung.

»Alter, was war das?«, fragte Milena.

Sie lugten in den Gang. Dort lag überall Zeug verstreut, das aus der Ablage über ihren Köpfen gefallen war.

»Warum ist es hier so finster?«, fragte Giovanna.

»Und warum so heiß?«, entgegnete Rio und zog sich den Pullover über den Kopf.

Weiter vorne erhob sich die Busfahrerin wie in Zeitlupe vom Sitz. Benommen torkelte sie zur Tür und ruckelte daran, bevor ihr klar wurde, dass sie dafür ja den Türdrücker betätigen musste. Nach ein paar zitternden Versuchen öffneten sich die beiden Ausstiege. Grelles Licht fiel ins Innere des Busses. Die Fahrerin wich zurück und legte eine Hand vor die Augen. Neben ihr wurden Kopf und Oberkörper von Herrn Rosenkranz sichtbar. Seine Arme reckten sich kurz in die Luft, dann fielen sie kraftlos hinunter. Er wandte den Kopf.

»Kinder?« Es klang wie das Krächzen eines sehr alten Vogels.

»Ja?«, antwortete die 6G.

»Geht es euch gut?«

»Ja.«

»Vielleicht.«

»Ich weiß nicht.«

Herr Rosenkranz machte eine Bewegung mit dem Arm. Dann stieg er, auf die Busfahrerin gestützt, aus dem Bus.

Nach und nach reckten die Kinder ihre Glieder und stolperten nach vorne.

Das Licht war von so blendender, scharfer Helligkeit, dass sie die Hände schützend vor Augen hielten.

»Brutal!«

»Wo sind wir?«

»Wieso ist es so hell?«

»Und so heiß?«

Wie betäubt schauten sie sich um. Trockene rote Erde, so weit das Auge reichte. Hier und da ein paar Sträucher, in der Ferne felsige rote Hügel und darüber der blaueste Himmel, den es nur geben konnte. Die Hitze stülpte sich wie eine warme Decke über sie. Die Luft roch irgendwie holzig.

»Alter …«, begann Franz, aber selbst er brachte fürs Erste nicht mehr heraus.

Die Busfahrerin wankte um den Bus und klopfte hier und da an die Außenverkleidung. Das Fahrzeug sah aus wie mit rotem Puder bestäubt, war aber unversehrt. Sie entdeckte keine einzige Beule, aber dafür eine Art Medaillon unterhalb der riesigen Windschutzscheibe: Es zeigte eine männliche Gestalt mit Vollbart, langem, gelocktem Haar und weit ausgebreiteten Flügeln. »Nicht zu fassen«, murmelte sie. Ihre Arme schmerzten. Sie hatte mit aller Kraft versucht, das Lenkrad in der Spur zu halten.

Herr Rosenkranz stand immer noch wie angewurzelt da. Seine Augen fixierten etwas. Plötzlich kam Leben in ihn. Noch etwas wackelig, aber zielstrebig ging er auf eine Pflanze zu. Bückte sich. Wie eine brave Herde kleiner Schafe folgten ihm die Kinder.

»Mulla Mulla«, flüsterte Herr Rosenkranz.

»Mulla Mulla?«, fragte Grace.

»Jetzt ist er völlig durchgedreht«, sagte Franz.

Der Lehrer ging in die Hocke und nahm vorsichtig die buschige Blüte einer ungefähr dreißig Zentimeter hohen Pflanze zwischen die Finger.

»Ptilotus atripicifolius«, sagte er und plumpste rücklings auf seinen Hosenboden. »Auch bekannt als Mulla Mulla.«

»Sieht aus wie unsere Klobürste«, sagte Ali.

Herr Rosenkranz schüttelte angeekelt den Kopf.

»Können Sie mal einen Tick deutlicher werden?«, sagte die Busfahrerin ungeduldig.

Der Lehrer hob den Blick. Schimmerten da Tränen in seinen Augen?

»Das ist …, wir sind …, wir müssen …«

»Herrgott, jetzt spucken Sie es doch endlich aus!«, rief die Busfahrerin.

Herr Rosenkranz schluckte. »Australien.« Über seine Wange lief tatsächlich eine Träne. »Mulla Mulla gibt es nur in Australien.«

»Mulla Mulla, soso.« Die Busfahrerin gab ein ungläubiges Schnaufen von sich. »Und wie soll das gehen?« Sie zeigte auf den Bus. »Sehen Sie da ein Flugzeug?« Die Busfahrerin lachte, aber es klang kein bisschen fröhlich. »Ich NICHT!«

Kopfschüttelnd entfernte sie sich von der Gruppe. Die Kinder hörten, wie sie »Ich bin doch keine Pilotin!« rief. »Ich bin Hilde Krachleder und verdammt noch mal eine normale, verdammt gute Busfahrerin!«

Verdattert schauten sie ihr hinterher. Aber noch ungewöhnlicher als die irgendwie verständliche Reaktion der Busfahrerin war das, was nun mit dem Lehrer passierte. Er schlug die Hände vors Gesicht. Und dann begann er, hemmungslos zu schluchzen.

Die Kinder sahen sich an.

»Echt jetzt?« Franz tippte sich an die Stirn.

»Was sollen wir tun?«, fragten mehrere gleichzeitig.

Ratlos umringten sie den Lehrer. Schließlich setzten sich Nik und Ali neben ihn.

»Herr Rosenkranz, Sie müssen aufhören zu heulen«, sagte Nik ernst. »Das geht nicht.«

»Genau«, pflichtete Ali ihm bei. »Eigentlich sind wir diejenigen, die heulen müssten. Wir sind die Kinder. Verstehen Sie?«

Der Lehrer hob den Kopf und wischte sich über die Nase. »Wer behauptet, dass Erwachsene nicht weinen dürfen?«, schniefte er.

»Ähm, keine Ahnung, aber sie tun es einfach nicht«, antwortete Ali.

»Meine Mutter weint auch und nicht mal selten«, warf Grace ein.

Ali rollte die Augen. »Ja okay, eine Frau.«

»Mein Vater weint auch«, kam es leise von Rio. Es kostete ihn Mut, das zu sagen.

Ali blies die Wangen auf. Bevor er etwas erwidern konnte, sagte Herr Rosenkranz: »Ali, was ist das für ein völlig altmodischer Kram, den du da redest?« Dann packte er rechts und links nach Niks und Alis Händen und ließ sich aufhelfen. »Weinen ist keine Schande. Für niemanden.« Herr Rosenkranz klopfte sich den roten Staub von der Hose und zog geräuschvoll die Nase hoch.

»Kinder«, sagte er dann, offensichtlich gefasst. »Wir sind, und da besteht für mich kein Zweifel, es sei denn, wir wären auf einer anderen Galaxie, im australischen Outback.«

»Out-was?«, riefen einige.

»Krass.«

»Ey, das gibt’s doch nicht!«

»Soll das ein Witz sein?«

Alle schrien durcheinander.

Der Lehrer klatschte in die Hände. »Ruhe!« Er zeigte auf die Umgebung. »Outback ist alles, was in Australien abseits der Küste liegt. Ich vermute …«, er räusperte sich, »… und hier liegt die Betonung auf Vermutung, dass wir im südlichen Northern Territory sind. Mit anderen Worten: in der Mitte von Australien. In einer sogenannten Halbwüste.«

Ungläubiges Staunen. Am Bus lehnte die Busfahrerin und schüttelte den Kopf. Das war einfach zu verrückt.

»Ja aber, wie …?«, ging es wieder los.

»Fragt mich nicht. Jedoch …«, Herr Rosenkranz versuchte zu lächeln, »… werden wir auf jeden Fall das Weite suchen. Und zwar dalli dalli. Denn ich muss in drei Tagen zurück bei meinen Sukkulenten sein.«

Er klatschte erneut. »Also, beginnen wir. Alle mal aufstellen und durchzählen.«

Herr Rosenkranz zählte. Am Ende nickte er zufrieden. »Fünfundzwanzig, ganz recht.«

Rio sah sich suchend um. Dann fragte er: »Wo ist eigentlich Frau Nagata ?«

Forum der Chrononauts

LaMachine

An alle!!!

Heute um 9:05 Uhr (MEZ): Reisebus LÖST SICH IN LUFT AUF!!! Ort: A67. (Koordinaten: 49° 39’ N, 8° 34’ O).

***Zeitfresserchen***

Sicher, dass er nicht in eine Nebelwand gefahren ist??

LaMachine

Haha. Ich war direkt hinter ihm. Kein Nebel, keine Autobahnausfahrt. Fahrzeug beschleunigte unnormal und verschwand.

∼TimeGames

Fabrikat? Besatzung?

LaMachine

Mercedes, neu. Silbermetallic. Mit Besatzung.

Zeit‡Geist

Leute, das klingt irgendwie offiziell, oder? Geheimdienst? Oder Max-Planck-People?

LaMachine

k.A. – vermutlich GD. War ja klar, dass die seit den neuesten

Entwicklungen an etwas dran sind.

∼TimeGames

Hast du das Kennzeichen?

LaMachine

MZ-ZR 24? Bin nicht sicher!

∼TimeGames

Crazy. ZR könnte für ZeitReise stehen. Gut gemacht, LaMachine. Ich lade die Angaben in unserer Datenbank. Vielleicht taucht dein Bus irgendwo wieder auf.

LaMachine

Wo ist Mayumi?

»Frau Nagata ?«, fragte Herr Rosenkranz irritiert und wandte den Kopf in alle Richtungen. Und dann noch einmal, als müsste er den Namen wiederholen, um sich die Person in Erinnerung zu rufen. »Frau Nagata .«

»Ich schaue im Bus!«, rief Grace und stürzte los, gefolgt von Rio, Giovanni und Jamila.

Sie schauten unter jedem Sitz und sogar oben in der Ablage, was etwas unrealistisch war, aber, ehrlich gesagt, war dies alles doch ziemlich unrealistisch. Wenn ein Bus mit fünfundzwanzig Kindern, zwei Lehrpersonen und einer Busfahrerin es binnen Sekunden von einer deutschen Autobahn in die australische Halbwüste schaffte, dann könnte sich eine Referendarin auch in der Gepäckablage befinden. Irgendwie schien hier sehr viel möglich.

Grace ging noch mal zu dem Platz zurück, auf dem Mayumi Nagata gesessen hatte.

Beide Sitzplätze waren leer. Auch Mayumis Tasche mit dem Strickzeug fehlte.

»Lasst uns mal nach ihrer Tasche suchen«, schlug Rio vor. »Vielleicht ist die auch durch den Bus gewirbelt wie der ganze andere Kram.«

Rio hatte recht. Ihre Taschen und Rucksäcke lagen überall querbeet verstreut. Möglicherweise befand sich Mayumis Tasche noch irgendwo.

»Wie sah sie denn aus?«, fragte Jamila.

»Schwarz-weiß, aus Leder und der Riemen war rot«, antwortete Grace.

Jamila verzog spöttisch die Mundwinkel. »Die hast du dir ja genau angeschaut«, sagte sie, und es war unklar, ob sie damit die Tasche oder die Referendarin meinte.

Grace lächelte. »Was den Vorteil hat, dass wir nun wissen, wonach wir suchen müssen.«

Jamila zeigte auf die im Bus verstreuten Sachen. »Wenn ich die Taschen aller Kinder kenne, weiß ich ebenfalls, wonach ich suchen muss.«

»Falsch«, kam es leise von Rio, und alle hoben den Kopf, weil sie von ihm nicht gewohnt waren, dass er widersprach. »Dann weißt du nur, wonach du NICHT suchen musst.«

»Besserwisser.« Jamila wandte sich ab und begann weiterzusuchen. Noch einmal klapperten sie jeden Sitzplatz und jedes Fach und auch die obere Ablage ab. Aber sie fanden keine schwarz-weiße Ledertasche mit rotem Riemen.

Herr Rosenkranz steckte den Kopf durch die Bustür. »Kinder, was macht ihr so lange?«

»Wir haben sehr genau gesucht«, antwortete Jamila und drückte sich am Lehrer vorbei nach draußen. Grace, Rio und Giovanni folgten ihr.

»Sie ist nicht da.« Grace ließ sich neben den anderen auf den sandigen Boden fallen.

»Auch nicht ihre Tasche«, fügte Rio hinzu.

Herr Rosenkranz stand immer noch in der Bustür. Er sah erschöpft aus und vollkommen ratlos.

»Ist sie weg?«, fragte Nik enttäuscht.

Herr Rosenkranz brachte nicht einmal mehr ein Schulterzucken zustande. Es wirkte, als würde er in sich zusammensinken.

Am Rande der Gruppe sank Midori zu Boden und begann zu weinen. Frau Krachleder ging neben ihr in die Hocke und legte einen Arm um das Mädchen. »Schsch, nicht aufregen. Alles wird gut.«

Midori, die erst seit Beginn des Schuljahres neu in der Klasse war, zog die Knie an und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt.

»Hör mal auf zu heulen. Das bringt gar nichts«, kam es genervt von Franz. Und zu den anderen: »Wir sind alle da. Wieso ist sie dann weg?«

»Vielleicht wurde sie irgendwie rausgeschleudert«, wagte Jamila eine erste Theorie. Sie schüttelte ihre dunklen Locken. »Ich meine, es grenzt ja an ein Wunder, dass niemand sonst verloren gegangen ist, oder?«

Manche Kinder nickten, andere starrten ins Leere so wie ihr Lehrer. Midoris Schluchzer verebbten. Frau Krachleder tätschelte noch einmal die Schulter des Mädchens, bevor sie sich hochrappelte. »Das kann doch alles nicht sein«, sagte sie energisch und kramte ihren dicken Schlüsselbund aus der Hosentasche.

»Zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber sicherheitshalber schauen wir doch mal hier unten nach.«

Sie öffnete die großen Klapptüren zum Laderaum. Neugierig kamen die Kinder näher. Der Anblick war chaotisch. So wie oben im Bus herrschte ein wildes Durcheinander aus Koffern, Taschen und Rucksäcken.

Frau Krachleder schob ein paar Gepäckstücke zur Seite.

»Frau Nagata ?«, rief sie in den dunklen Raum. »Sind Sie da?«

»Vielleicht macht sie ein Nickerchen«, witzelte Ali. Ein paar kicherten.

Der Lehrer sah ihn streng an. »Das ist nicht komisch, junger Mann.«

Grinsend schob Ali seine Hände in die Hosentaschen.

Frau Krachleder war in den Gepäckraum geklettert. »Das ist aber seltsam …«, hörte die Klasse sie sagen, und dann folgte ein grandioser Schrei, begleitet von einem furchterregenden Fauchen. Im nächsten Moment sprang etwas Tierisches aus dem Gepäckraum.

»Uaaah!«, schrie Ali, der ganz vorne gestanden hatte.

Auch die anderen Kinder wichen zurück.

Das Tier sauste an ihnen vorbei und verschwand zwischen den Mulla-Mulla-Pflanzen.

»Hilfe, was ist das?!«

»Ein Känguru!«

»Ein Koala!«

»Ein Tiger!«

Alle brüllten durcheinander.

Ali sprang auf Giovannis Rücken.

»Alter, was machst du? Du erschreckst mich!«, rief Giovanni.

»Es hat mich gestreift!«, jammerte Ali und umklammerte seinen Freund.

Giovanni schüttelte ihn mit Mühe ab. »Mann, du erwürgst mich ja!« Er zeigte auf die Sträucher. »Es ist weg. Reg dich ab.«

Ali stand wieder auf seinen Beinen, aber er hielt sich dicht hinter Giovanni.

»Was meinen Sie, sollen wir es suchen?«, fragte Mattis, der in der Klasse erstens für seine Schüchternheit und zweitens für vernünftige Vorschläge bekannt war.

»Was? Auf gar keinen Fall! Oder?«, rief Ali und schaute panisch in die Runde, aber außer Milena, die ebenfalls ängstlich war, wenn es um Tiere ging, nickte niemand.

»Sagen wir mal so«, begann Frau Krachleder und klopfte sich den Staub von der Hose, »Känguru, Koala und Tiger können wir ausschließen, denke ich.«

Der Lehrer nickte bedächtig. »Tiger gibt es hier nicht. Koalas und Kängurus fauchen nicht.« Er strich sich mit der Hand über seine kurzen, strubbeligen Haare. »Aber es könnte vielleicht doch eine Wildkatze sein, also eine wilde Hauskatze. Davon gibt es in Australien eine große Menge, soviel ich weiß.« Herr Rosenkranz war sich nicht ganz sicher und wie immer, wenn dies der Fall war, rümpfte er seine Nase. So als würde ihm selbst nicht gefallen, was er da gerade gesagt hatte.