11,99 €
Ein witziges Raum- und Zeitreiseabenteuer befördert eine Schulklasse nach Sizilien! Scheibenkleister! Statt zurück zuhause in Mainz befindet sich die 6G nach einem missglückten Rücksprung weiterhin im Zeit-Halt – dieses Mal in Italien. Zwar sind sich alle schnell einig, dass es sie schlechter hätte treffen können und trösten sich mit Pizza und Eis über alle Gedanken an zuhause hinweg. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse: Die 6G wird nicht nur versehentlich in die Vergangenheit zurückgeworfen, sondern gerät auch in der Gegenwart in ernsthafte Gefahr. Denn noch immer sind der Klasse die skrupellosen Chrononauts auf den Fersen, und um dahinterzukommen, wie die 6G durch die Zeit reisen kann, sind ihnen alle Mittel recht … Weitere Bücher der Reihe: Time Travellers – Nächster Sprung – Australien! (Band 1)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2025
Time Travellers
Band 1: Nächster Sprung – Australien!
Band 2: Pizza, Pasta und Probleme
Für meinen Vater Heinrich Gessner, der mir die Liebe zum Lesen schenkte
Der Duft von Thymian
Casanova
Taormina
Die Codierscheiben
Rutschiger Feuerberg
Geheimnis gelüftet
Krisen
Das beste Versteck
Die Zeitmaschine
Im Ohr des Dionysios
Archimedes
Im Jahr der 133. Olympiade
Geheime Gedanken
Heiße Quelle
Nacht in Syrakus
Geschenke
In der Tiefe
Die Rettung
Verflixte Verfolger
Rizza Mafiosa
Der Fremde am Strand
Sankt Peter
Die Flucht
Ciao, Roma!
Leseprobe
1
2
3
Es liegt eine Art Magie darin, weit fortzugehen und dann völlig verändert zurückzukehren.
Kate Douglas Wiggin
Mit einem jähen Ruck blieb der Bus stehen. Ein seltsames Puffen ertönte, einmal, zweimal, dreimal, so als würde der Motor erschöpft schnaufen.
Dann war es still. Unheimlich still.
Im Inneren des Busses herrschte Chaos.
Taschen und Rucksäcke waren aus den Gepäckfächern gefallen und lagen überall verstreut herum. Auf den Sitzplätzen kauerten fünfundzwanzig Mädchen und Jungen sowie ein Lehrer. Ganz vorne umarmte die Busfahrerin mit gesenktem Kopf das große Lenkrad. Alles und alle sahen ausgesprochen durchgeschüttelt aus.
Von außen flutete gelbes Sonnenlicht durch die Fensterscheiben, wanderte sanft über die Gesichter der Kinder und ließ Staubpartikel in der Luft tanzen.
Nach und nach öffneten sie die Augen. Jemand durchbrach die Stille mit einem leisen Stöhnen.
»Aua.«
»Mann, du liegst auf meinem Ohr.«
»Sind wir da?«
»Ja, in der Hölle.«
Frau Krachleder, die Busfahrerin, hob den Kopf. Kein roter Staub wie beim letzten Mal. Sie blickte nach rechts, wo Lehrer Rosenkranz sich aus seiner gekrümmten Haltung löste und aufrichtete wie eine Pflanze, die dem Licht entgegenwuchs.
»Alles in Ordnung?«, krächzte sie.
Der Lehrer räusperte sich. »Ja. Bei Ihnen?«
»Hmmmm«, brummte sie und wandte sich Giovanna und Giovanni zu, die hinter ihr saßen und immer noch das magische Stäbchen umklammerten. »Und bei euch beiden?«
Die Zwillinge schienen verwirrt. Giovanni hob wie in Zeitlupe die Hand und zeigte mit dem Stäbchen nach draußen. »Sieht irgendwie nicht aus wie … zuhause, oder?«
Giovanna presste die Nase ans Fenster. »Aber wo sind wir?«
Herr Rosenkranz nahm das kostbare Stäbchen an sich und reichte es der Busfahrerin. Dann löste er seinen Gurt. »Wer weiß, vielleicht in einer Ecke von Deutschland, die wir bisher nicht kannten …?«
»Das wage ich zu bezweifeln«, erwiderte Frau Krachleder und verstaute das Stäbchen im Handschuhfach. Sie griff zum Handmikrofon, das vorne im Cockpit befestigt war. »Reisegruppe Odenwald, alles okay dahinten?«
»Ja.«
»Ich weiß nicht.«
»Vielleicht.«
»Glaub schon.«
»Mein Arm tut weh.«
»Odenwald?«
Frau Krachleder lächelte. Was auch immer nun wieder passiert war und wo auch immer sie gelandet waren: Sie hatten es offensichtlich überlebt. Das war doch schon mal ein erleichternder Gedanke und überhaupt das Allerwichtigste.
»Mayumi Nagata, sind Sie hier irgendwo?«, erkundigte sie sich.
Keine Antwort.
»Ist sie immer noch nicht da?«, fragte jemand ganz hinten. Sie hatten gehofft, dass sie endlich wieder mit der sympathischen Referendarin vereint werden würden. Aber anscheinend hatte das nicht geklappt.
»Wo sind wir?«, riefen mehrere Kinder gleichzeitig. Ursprünglich, vor gefühlt einer Woche, hatte sich die 6G der Jules-Verne-Schule an einem schönen Herbstmorgen auf eine ganz normale Klassenfahrt begeben. Doch dann war sie aufgrund einer völlig verrückten, magischen Verwicklung nicht wie geplant im Odenwald, sondern weit weg in Australien gelandet. Etwas, was nur sehr selten passierte, nämlich ein sogenannter Hanzatsu, hatte sich ereignet. In Australien hatte sich ein abenteuerliches Erlebnis ans andere gereiht – sogar verfolgt wurden sie am Ende! Glücklicherweise waren sie entkommen. Mithilfe von Mayumis magischen Stäbchen, den O-Hashi, hatten sie versucht, nach Hause zurückzukehren, aber mit ziemlich großer Sicherheit war das gründlich schiefgegangen.
Frau Krachleder und Herr Rosenkranz tauschten einen langen, fragenden Blick. Ihre Mundwinkel zuckten, ganz leicht nur, aber die Kinder in den vorderen Busreihen sahen es trotzdem. Und jetzt – huschte da etwa ein schelmisches Lächeln über das Gesicht des Lehrers? Frau Krachleder zog die Augenbrauen hoch, presste eine Hand an den Mund und wandte sich ab. Offenbar wollte sie ihre Gefühlsreaktion nicht vor der ganzen Klasse zeigen. Aber was genau fühlte sie eigentlich? Erleichterung, natürlich, dass alle noch lebten, so viel war sicher. Aber darüber hinaus? Die Wahrheit war, Hilde Krachleder war sich selbst nicht sicher. Wie alle anderen war sie hauptsächlich mächtig verwirrt. Allem Anschein nach waren sie nicht wie geplant in Deutschland gelandet und auch die Referendarin Mayumi Nagata hatte sich im Laufe dieser missglückten Heimreise, also Kikoku, bedauerlicherweise nicht wieder zu ihnen gesellt.
»Tja. Ich würde sagen, wir sehen uns erst einmal um.« Frau Krachleder betätigte den Knopf für die Türen. Die Kinder streckten ihre Glieder und rappelten sich eins nach dem anderen hoch. Einige begannen, die herumliegenden Taschen und Rucksäcke zurück in die Gepäckablagen zu stopfen.
»Alter, schaut mal, mein Sitz!«, rief Milena plötzlich. »Ich liege!«
»Hä!«
»Was?«
Die anderen reckten die Hälse. Tatsächlich, Milenas Sitz hatte sich in eine Liegefläche umgewandelt.
Sofort untersuchten alle Kinder ihre Sitze.
»Hier! Da ist ein Griff an der Seite«, rief Mattis. »Den kann man nach unten drücken!«
Vierundzwanzig Jungen und Mädchen tasteten nach einem kleinen Hebel. Innerhalb von Sekunden lag die 6G in der Horizontalen.
»Haha.«
»Juchhu!«
»Cool!«
»Wie genial ist das denn?«
»Gute Nacht!«
»Ich kack ab. Leute, wir haben BETTEN!«
»Ja, aber immer noch kein Handynetz«, sagte Lilli und seufzte.
»Schaut mal, Aussie hat auch ein eigenes Bett!«, rief Alea, die die Klassenkatze während des Kikoku auf dem Schoß gehalten hatte. Nun lag Aussie neben ihr und streckte sich.
»Lol.«
»Schade, dass nicht noch ein Kratzbaum dran ist«, meinte Franz in vollem Ernst.
»Au ja, das wäre praktisch!«, stimmte Jamila lachend zu.
Alle redeten durcheinander. Die neuen Sitzliegen waren die Sensation. Bisher hatte die 6G in Australien draußen unter freiem Himmel geschlafen. Was wahrlich nicht schlecht, sondern ein Abenteuer ganz eigener Art gewesen war. Aber nun war ihr Bus quasi ein fahrendes Hotel und das fanden die meisten großartig.
»Na ja. Irgendwie auch gruselig.« Grace drückte den Hebel wieder nach oben und richtete sich auf. »Ich meine, wie geht das? Das waren bis eben doch nur Sitze, oder?«
Rio, der vor ihr saß beziehungsweise lag, wandte sich um. »Im Grunde müssten wir uns die Frage, wie das geht, die ganze Zeit stellen.« Er lächelte sie an.
Sein Freund Mattis nickte. »Ja, und deshalb stellt man sie sich am besten gar nicht.«
Frau Krachleder war inzwischen einmal durch den Mittelgang und wieder zurückgelaufen. Nachdenklich kratzte sie sich an der Stirn. »Ich habe die Sitzreihen gezählt. Es sind weniger als bislang«, stellte sie mit einem Grollen in der Stimme fest.
Sie klopfte gegen den Fahrersitz. Auch der besaß nun einen kleinen Hebel. Das gefiel Hilde Krachleder überhaupt nicht. Der Bus war so etwas wie ihr Heiligtum. Sie liebte ihn von Herzen. Und es stimmte ja auch, der silberne Komet, wie sie und die 6G ihn liebevoll nannten, war bisher ein sehr treuer und zuverlässiger Reisebegleiter gewesen. Er hatte sie durch die australische Wüste befördert und nie im Stich gelassen, obwohl Straßen und Strecken teilweise wahrhaftig eine Herausforderung für ihn gewesen waren. Nun besaß er zwar Sitze, die sich zu Betten umfunktionieren ließen, aber dafür fehlten gleich mehrere Plätze. Das fand Frau Krachleder ganz und gar nicht in Ordnung. Man hätte sie vorher fragen sollen, bevor eine Veränderung vorgenommen wurde!
»Schauen Sie mal, wir haben jetzt tierisch viel Platz, auch im Sitzen!«, rief Grace, die spürte, dass bei der Busfahrerin gerade die Laune in den Keller sank.
»Ja, und die anderen Plätze haben wir doch gar nicht gebraucht«, suchte auch Giovanna nach einem guten Argument.
»Momentan nicht. Aber was, wenn ich wieder zuhause bin und bei meinem Chef mit einer fahrenden Jugendherberge ankomme? Wisst ihr, was dann los ist?«
Ein paar Kinder versuchten, sich das vorzustellen, und kicherten. Herr Rosenkranz legte beruhigend eine Hand auf den Arm der Busfahrerin. »Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Alles wird gut.« Er schenkte ihr einen freundlichen, aufmunternden Blick.
»Ihre Zuversicht möchte ich haben«, murmelte sie und stutzte. »Woher nehmen Sie die überhaupt? So kenne ich Sie gar nicht!«
Das stimmte. Sonst war eher Herr Rosenkranz der Bedenkenträger und Frau Krachleder im Gegensatz dazu die Optimistische, die auch in brenzligen Situationen die Nerven behielt. Irgendwie hatte sich der Lehrer seit dem langen, aufregenden Trip durch Australien ganz schön verändert.
»Ich weiß auch nicht«, erwiderte er jetzt und fuhr sich durch die zerzausten Haare. »Aber ich wäre bereit für ein weiteres Abenteuer.« Er zeigte nach draußen. »Also für den Fall, dass wir nicht in Deutschland, sondern immer noch im Zeit-Halt oder was auch immer sind. Und danach sieht es ja schon irgendwie aus.« Grinsend schaute er zu seiner Klasse, die sich begeistert auf den bequemen Liegen rekelte. »Und ihr? Seid ihr dabei?«
»Jaaaa!«, schallte es von allen Seiten.
»Kommt drauf an!«, tönte Korbinian.
»Du Obernervensäge«, schnauzte Franz den Klassenkameraden an. »Du bist auch nie zufrieden, oder? Kapierst du es nicht, solange wir auf Klassenfahrt sind, haben wir keinen Unterricht.«
Korbinian zuckte die Achseln. »Und wennschon.«
»Maaann, Korbi, du bist der einzige Mensch, der auf einer Klassenfahrt Heimweh nach dem Stundenplan hat!«, rief Domenica ihm freundlich zu. »Entspann dich.«
»Los, schauen wir uns mal draußen um!«, forderte Giovanni die anderen auf. Schnell stellten sie ihre Betten wieder in die gewohnte Sitzposition zurück. Dann stieg beziehungsweise stolperte die 6G aus dem Bus.
Draußen schien die Sonne und am Himmel tummelten sich ein paar hübsche Schönwetterwolken. Es war warm, aber nicht so heiß wie in Australien. In der Luft lag ein herrlicher, aromatischer Duft. Der Bus stand auf einer schmalen, geteerten Straße, die den Straßen im australischen Outback gar nicht so unähnlich war, nur war die Erde ringsum nicht rot, sondern hellbraun. Die Straße hinauf und hinunter war außer Büschen, Bäumen und abgeernteten Stoppelfeldern nichts zu sehen, aber direkt neben ihnen ragte eine riesige, bröckelnde Hausfassade aus gelbem Sandstein in die Höhe. Der ringsum liegende Garten hatte Ähnlichkeit mit einem Getreidefeld. Zu beiden Seiten kämpfte meterhohes Gras mit Feigenbäumen und Disteln um einen Platz an der Sonne. Die Fenster waren dunkle Öffnungen ohne Scheiben.
»Dadrin wohnt niemand mehr, oder?«, fragte Rio, der ein Steinchen aufhob und zwischen den Fingern drehte.
»Nein. Das sieht mir sehr nach einer alten Ruine aus.« Herr Rosenkranz ging ein paar Schritte darauf zu. An der Vorderseite des zerfallenen Gebäudes standen einige niedrige Büsche und noch etwas weiter hinten wucherten grüne, rundliche Sträucher mit winzigen Blättern. Der Lehrer ging in die Hocke, löste einen kleinen Zweig, schnupperte und schloss die Augen.
»Hmmmm. Ich rieche das Mittelmeer.«
Die Kinder umringten ihn. »Zeigen Sie mal her!«
Das Zweiglein machte die Runde. Die meisten Kinder zuckten ratlos mit den Achseln.
»Keine Ahnung, was das sein soll«, maulte Korbinian genervt.
»Wieso Mittelmeer? Das hier riecht doch nicht nach Wasser«, sagte Milena.
»Wartet, ich weiß es!«, rief Jamila und presste das Kraut an ihre Nase.
»Höher. Du musst es dir reinschieben«, witzelte Ali, der Klassenclown. Er stopfte sich den Zeigefinger in die Nase. »Schau. So.«
»Thymian«, sagte Jamila und warf Ali einen missbilligenden Blick zu.
Grace nahm ihr den Zweig ab. »Stimmt. Jetzt, wo du es sagst.« Sie wandte sich an Herrn Rosenkranz. »Boah, die ganze Luft riecht danach. Wahnsinn.«
»Und was heißt das nun?«, wollte Giovanna wissen.
»Wächst Thymian am Mittelmeer?«, fragte ihr Bruder Giovanni.
Herr Rosenkranz stellte sich vor seine Klasse und schob die Hände in die Taschen seiner abgeschnittenen Jeans. »Genauso ist es. Der Mittelmeerraum ist das Hauptverbreitungsgebiet.« Er lächelte. »Na, welche Länder kennt ihr, die am Mittelmeer liegen?«
»Keine Ahnung, Holland?« Ali war auf ein Mäuerchen gesprungen und balancierte über die locker übereinandergeschichteten Steine.
Herr Rosenkranz schüttelte den Kopf. »Sei froh, dass deine Erdkundelehrerin das nicht gehört hat.«
»Italien!«, rief Giovanna.
Costas hob die Hand. »Griechenland?«
»Ja und ja«, erwiderte Frau Krachleder, die gerade um das hintere Ende des Busses geschlendert kam, nachdem sie eine kleine Runde gedreht und sich umgesehen hatte. »Und davon abgesehen, gibt es noch mindestens fünfzehn weitere Länder.« Die Busfahrerin war ein Ass in Geografie.
»Und die können Sie alle aus dem Stand aufsagen, meine Liebe?« Herr Rosenkranz schien beeindruckt.
»Natürlich. Das verlangt die Berufsehre«, antwortete Frau Krachleder lächelnd.
Ein paar Kinder kicherten. »Hast du gehört, er hat meine Liebe gesagt«, flüsterte Milena.
»Das ist noch gar nichts«, erwiderte Giovanna. »Bei unserer Abreise in Australien hat sie ihn Rosenkränzchen genannt.«
»Nein!«
»Doch! Ich saß hinter ihr.«
»Hahaha«, platzte es aus Milena heraus.
»Milena!« Herr Rosenkranz schaute streng. Die Mädchen pressten die Lippen aufeinander und versuchten, sich nicht anzusehen.
»Ich würde vorschlagen, ihr verteilt euch ein bisschen und geht auf Entdeckungstour.«
»Menno, wie langweilig. Sagen Sie doch einfach, wo wir sind«, moserte Korbinian, der sich offenbar vorgenommen hatte, als Stinkstiefel in die Geschichte einzugehen.
Domenica fuhr herum. »Kann es sein, dass du immer was zu meckern hast? Das ist echt unglaublich!«
Frau Krachleder legte eine Hand auf Domenicas Schulter. »Ganz ruhig. Den Ratespaß lassen wir uns nicht verderben. Also Mädchen und Jungs, seht euch um. Vielleicht finden wir erste Anhaltspunkte dazu, wo wir uns befinden.« Sie wies mit dem Daumen hinter sich.
Die Klasse schwärmte aus. Hinter dem Bus begann ein schmaler Feldweg, der an einer Seite von einem relativ niedrigen Elektrozaun begrenzt war.
»Kommt, wir schauen mal, wo der Weg hinführt«, rief Domenica und rannte vorneweg. Grace, Rio, Giovanni und Mattis folgten ihr. Ein anderer Teil der Klasse lief die Straße hinunter und eine dritte Gruppe versuchte es bergauf.
Auf dem Feldweg kamen sie nicht sehr weit. Nach ungefähr zweihundert Metern erreichten sie einen Zaun, an dem ein Schild hing. Die Schrift darauf war ziemlich verblichen und nur schwer zu lesen.
»Divieto di Caccia«, buchstabierte Domenica.
Grace grinste. »Klingt ein bisschen wie Kacka.«
»Divieto di Caccia!«, rief Giovanni und gestikulierte plötzlich wild. »Das ist Italienisch!« Er machte einen Hüpfer und reckte die Faust in die Luft. Dann kehrte er auf dem Absatz um und rannte zurück. Die anderen setzten ihm nach.
»Giovanna!«, schrie Giovanni nach seiner Schwester. »Giovanna! Wir sind in Italien!«
Im Nu machte die Nachricht die Runde.
Die Zwillinge klatschten einander ab. »Wie cool ist das denn!« Giovannis Augen strahlten.
»Wir waren eine Ewigkeit nicht hier!«, rief Giovanna.
»Was? Italien? Wieso?«
»Ich war noch nie in Italien.«
»Da wollte ich schon immer mal hin!«
»Italien ist coool!«
»Schschschsch!« Frau Krachleder wandte sich an die Geschwister.
»Also? Woher habt ihr diese Eingebung?«
»Da oben ist ein Schild, auf dem steht Jagen verboten. Auf Italienisch«, erklärte Giovanni.
»Aha.« Frau Krachleder legte den Kopf schief. »Und du kannst die Sprache lesen?«
Giovanni nickte. »Ja, na ja, nicht alles. Ein bisschen. Unsere Oma hat es uns beigebracht.«
Herr Rosenkranz schob sich nach vorne. »Eure Großmutter ist Italienerin?«, fragte er interessiert.
Die Zwillinge nickten. »Und Opa. Sie sind vor vielen Jahren mit unserem Papa nach Deutschland gezogen.«
»Und eure Mutter?« Jetzt wollte es der Lehrer genau wissen.
»Die ist nicht aus Italien.«
»Aber sie macht die besten Spaghetti Bolognese«, fügte Giovanni hinzu.
Beim Thema Essen gerieten einige sofort in Verzückung.
»Ohhhh Spaghetti!«
»Tortellini!«
»Pizzaaaa!«
»Ich lieeeebe Pizza!«
»Lecker!«
»Ich habe so einen Hunger!«
»Ich auch!«
Die Erwachsenen sahen sich an. »Tja, Essen wäre eine gute Idee, oder?«, fragte die Busfahrerin. Auch sie spürte schon eine unangenehme Leere in der Magengegend, etwas, das sie gar nicht gut vertrug. Im Gegenteil. Wenn Frau Krachleder hungrig war, konnte sie richtig unleidlich werden.
Herr Rosenkranz antwortete nicht, sondern stand einfach nur da. Auf seinem Gesicht lag ein seliges, verträumtes Lächeln.
Ein paar der Kinder kicherten. Der Lehrer bemerkte es nicht.
Frau Krachleder machte einen Schritt auf ihn zu. »Hallöchen, Erde an Raumschiff Rosenkranz, wir sind mit großer Wahrscheinlichkeit in Italien. Ist das zu Ihnen durchgedrungen?«
»Italien …« Der Lehrer seufzte.
»Müssen Sie weinen?«, fragte Ali ängstlich, weil er wusste, dass der NaWi-Lehrer sehr wohl dazu in der Lage war.
Herr Rosenkranz strich sich durch die Haare. »Keine Sorge. Dieses Mal nicht.« Er seufzte noch einmal. »Aber wisst ihr … Italien … diese Biodiversität … erneut dieses Glück …« Er schaute in die Runde. »Das muss ich erst einmal für einen Moment sacken lassen.«
»Biodiviti-was …?«, grunzte Franz.
»Ja, was ist das nun schon wieder?«, wollte Milena wissen.
»Hat es was mit Ihren Sukkulenten zu tun?«, fragte Mattis. Der Lehrer war ein leidenschaftlicher Kakteenforscher. Seine Sammlung zu Hause umfasste fast zweitausend Stück. Das wusste die 6G natürlich.
»Ich glaube, er meint einfach alle Pflanzen, die es hier so gibt«, versuchte Rio eine Erklärung.
Frau Krachleder klopfte ihm auf die Schulter. »Du hast es erfasst«. Und dann, zum Lehrer gewandt: »Sacken lassen können Sie's auch im Bus. Ich würde sagen, wir steigen ein und peilen erst mal eine Versorgungsstation an.«
In diesem Moment hörten sie das Winseln.
»Was ist das?«
»Woher kommt es?«
»Ich höre nichts.«
»Oh nein, das klingt ja wie …«
»… was Tierisches«, sagte Ali mit Grabesstimme und versteckte sich hinter seinem Freund Giovanni.
»Alter, spring bloß nicht wieder auf mich«, warnte dieser. In Australien, als die kleine Katze Aussie zu ihnen gestoßen war, war Ali in seiner Angst auf Giovanni geklettert. Dieses Mal blieb er zwar mit beiden Füßen auf dem Boden, allerdings passte kein Blatt Papier mehr zwischen die beiden Jungs. Giovanni legte einen Arm um Ali. »Ganz ruhig, Kumpel.«
Ein paar Kinder machten sich im umliegenden Gelände auf die Suche, während Franz sich flach auf den Boden legte und unter den Bus schaute. Frau Krachleder ging schließlich zum Laderaum und legte einen Finger an die Lippen. »Seid mal ganz ruhig, bitte.«
Nun hörten es alle: Aus dem Laderaum drang ein Winseln.
Die Busfahrerin stieg in den Bus, um die große Klappe zu öffnen, als Milena aufschrie. »Halt! Wartet doch mal!«
»Ja genau«, rief auch Ali.
»Wieso denn?«
Milena warf die langen braunen Haare zurück. »Was, wenn es etwas … äh … Abartiges ist? Das herausspringt und …«, sie wedelte mit den Armen, »… jemanden angreift!«
»Du meinst so gefährlich wie Aussie?«, feixte Jamila. Aussie war einst in einem riesigen Satz aus dem Laderaum gesprungen und hatte der 6G zugegebenermaßen im ersten Augenblick einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Schon kurz darauf hatte sie sich aber als das allerliebste kleine Katzentier der Welt entpuppt.
Jamila schüttelte den Kopf. »Ich finde nicht, dass dieses Geräusch irgendwie gefährlich klingt. Im Gegenteil. Da jammert jemand.«
»Ja, und braucht vielleicht Hilfe«, ergänzte Alea, die genau wie Jamila und Franz wahnsinnig tierlieb war.
»Genau, wir sollten uns beeilen«, fand auch Rio.
Also betätigte Frau Krachleder den Schalter, um den Laderaum zu öffnen, und die Klappe fuhr empor. Alle Kinder hielten den Atem an. Sogar Herr Rosenkranz war aus seiner biodiversen Verzückung aufgetaucht und schaute interessiert zu.
Zuerst sahen und hörten sie nichts. Jamila kroch zur Öffnung und schnalzte ein paarmal sachte mit der Zunge. »Hallo?«, rief sie leise. Auch von den anderen trauten sich ein paar weiter vor.
»Hey, Winseltier, wo bist du?«, flüsterte Franz und trommelte sanft mit den Fingern gegen den Boden des Laderaums. »Du brauchst keine Angst zu haben.«
»Doch. Bleib einfach, wo du bist!«, rief Ali von hinten.
In diesem Augenblick kroch ein kleines hellbraunes Fellwesen zwischen den Reisetaschen und Koffern hervor und tapste ihnen entgegen. Direkt über der Nase hatte es einen schwarzen Punkt und an den Seiten hingen – im Vergleich zum winzigen Körper – relativ große, rundliche Hängeohren.
»Oh, mein Gott!«
»Ohaaaaaa!«
»Schaut mal!«
»Cuteness Overload!!«
»Neiiiin!«
»Jaaaaaa!«
Die 6G war völlig aus dem Häuschen. Alle gingen in die Hocke und umringten das kleine, niedliche Tier. Sogar Ali und Milena trauten sich einen Schritt nach vorne. Rio war einer Ohnmacht nahe. Sein Herz pochte wie wild. Von genau so einem Welpen hatte er seit Langem geträumt.
»Es ist ein Hund, oder?«, fragte Ali.
»Nein, ein Wolf«, antwortete Korbinian.
Ali machte einen Satz zurück. »Was?«
Der Lehrer legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Sei unbesorgt. Ein Wolf sieht anders aus. Hier haben wir es zweifelsfrei mit einem Hund zu tun.«
»Er ist so unfassbar süß.« Jamila hatte die Arme ausgestreckt und den Welpen zu fassen bekommen. »Hey, du«, wisperte sie und vergrub ihre Nase in seinem Fell, nur um sie sogleich wieder anzuheben. »Upsi. Er … müffelt irgendwie.« Sie lachte.
»Echt jetzt?«
»Wonach?«
Die anderen kamen näher und schnupperten.
»Bäh.« Giovanna wich zurück. »Das ist Hundepipi.«
»Iiiih.«
Ein paar Kinder entfernten sich ebenfalls ein wenig.
»Stellt euch nicht so an.« Jamila hielt den Kopf des Tierchens zwischen den Händen und betrachtete es. »Er ist halt noch ein Baby.«
Rio hatte sich bis ganz nach vorne geschoben und streckte nun seine Hand aus. Behutsam streichelte er über das zarte Fell des Welpen. Den störenden Geruch ignorierte er.
»Na, das hat uns noch gefehlt«, stöhnte Frau Krachleder. »Ein Babyhund, der nicht stubenrein ist.« Sie sah von einem Kind zum anderen. »Und was machen wir nun? Wie stellt ihr euch das vor, mit einem …«, sie suchte nach einem passenden Wort, »… undichten Reisebegleiter?« Sie wechselte einen Blick mit dem Lehrer.
Herr Rosenkranz räusperte sich. »Nun, äh, tja. Das ist in der Tat eine Herausforderung. Ich fürchte, die Geruchsbelästigung wäre nicht unerheblich.«
»Hä? Wieso?«
Manche Kinder verstanden nicht, worauf der Lehrer hinauswollte.
»Weil er überall hinpinkelt und dann alle Sachen stinken«, erklärte Korbinian und zeigte auf Jamila. »So wie deine Hose zum Beispiel.«
»Oh.« Jamila hob den kleinen Vierbeiner hoch. Auf ihrer Hose war ein runder dunkler Fleck zu sehen. Sie zuckte mit den Achseln. »Na und. Das ist eben so.«
Rio sprang ihr bei. »Gib ihn mir mal.« Schon hielt er den kleinen Schatz auf dem Schoß. Der schnupperte interessiert an Rios Händen und begann, ihm die Finger abzulecken.
Die anderen lachten.
»Hey, er hat Hunger!«
»Und Durst bestimmt auch.«
»Der Hund passt zu dir«, sagte einer.
»Ja, denn ihr habt irgendwie … die gleiche Haarfarbe«, fand Grace und kicherte.
Wieder lachten einige. Rio war das egal. Selig schaute er auf das Hündchen. Er hatte noch nie einen Welpen im Arm gehalten.
Oh Mann, Rio ist einfach soooo cool, hörte er eine Stimme. Er lugte zur Seite. Neben ihm hockte Domenica. Sie schaute ihn nicht an und sie hatte auch nicht laut gesprochen, da war er sicher. Aber er hatte sie gehört. Was bedeutete, dass seine magische Fähigkeit noch funktionierte. Vorhin im Bus hatte er kurz die Finger gekreuzt, so wie Mayumi es ihm gezeigt hatte. Das war nun der Beweis. Er schob die Hände unter den Hund und kreuzte die Finger noch einmal, um die Fähigkeit abzustellen. Im Moment wollte er nicht hören, was irgendjemand von ihm oder über ihn dachte. Das konnte nämlich auch anstrengend sein.
Rio hob den Welpen hoch und reichte ihn Domenica. »Hier. Willst du?«
Sie lächelte und nickte.
Und so machte der kleine die Runde. Obwohl er nicht besonders gut roch, landete er in den Armen oder auf dem Schoß fast aller Mädchen und Jungen. Bereitwillig schleckte er über Finger und ließ sich streicheln. Schließlich hob Grace sein Hinterteil hoch und zeigte es den anderen. »Schaut mal. Ein Junge.«
»Cool, jetzt haben wir Weibchen und Männchen«, sagte Jamila zufrieden.
»Wie kann man nur so unfassbar niedlich sein«, murmelte Alea.
»Ja, er ist der Hammer«, fanden auch die anderen.
In der Zwischenzeit war Franz auf die Suche nach Aussie und ihrem Trinknapf gegangen und mit beiden zurückgekehrt.
»Sie lag mal wieder auf einem Rucksack und hat geratzt«, sagte er grinsend.
Jemand öffnete eine Wasserflasche und befüllte den Napf. Dann setzten sie den Welpen vorsichtig auf den Boden. Schnuppernd näherte er sich dem Wasserschälchen. Während der kleine sehr, sehr durstig schlabberte und die Klasse darüber abermals in Verzückung geriet, hockte sich Franz mit Aussie zu ihm.
»Soll ich …?«, fragte er in die Runde.
Ein paar nickten.
»Und wenn sie ihm die Augen auskratzt?«, gab Milena zu bedenken.
»Aussie kratzt niemandem was aus«, behauptete Jamila kopfschüttelnd.
Franz pflanzte die Katze vorsichtig neben den anderen kleinen Vierbeiner. Und als wäre es das Normalste der Welt, tastete die Katze sich an den Trinknapf heran und begann ebenfalls zu trinken. Der Welpe hob den Kopf, beschnupperte Aussie kurz und trank dann weiter.
»Oh nein! Schaut sie euch an!
»Alter …«
»Unglaublich, oder?«
»Wahnsinn.«
Die Kinder zückten ihre Handys und machten Fotos.
»Das ist fast das Niedlichste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe«, sagte nun auch Frau Krachleder. »Fast?«, fragte Franz. »Was kann denn noch niedlicher sein?«
Die Busfahrerin wich seinem Blick aus. »Mein kleiner …« Sie verstummte und sprach den Satz nicht zu Ende. Stattdessen schaute sie Franz nur kurz in die Augen und lächelte. Dann ging sie in die Hocke und strich den Tieren über das Fell, woraufhin beide zeitgleich ihre winzigen Hinterteile hoben.
Die Klasse brach in Gelächter aus.
»Hahaha, wie witzig!«
»Der sieht mir nach einem echten Casanova aus«, sagte die Busfahrerin.
»Casanova? Was soll das sein?«
»Ist das ein Hundename?«
Frau Krachleder schmunzelte. »Nein, es ist der Name eines berühmten italienischen Mannes, der vor ungefähr dreihundert Jahren bekannt dafür war, dass er sich mit sehr vielen Damen sehr gut verstand.« Sie kraulte den kleinen Hund noch einmal am Nacken. »Und der kleine hier scheint ja ebenfalls sehr charmant zu sein. Oder wer von euch hat jetzt noch nicht mit ihm geschmust?«
»Ich!«, rief Ali von weiter hinten.
»Ja, aber weil du denkst, er futtert deine Müsliriegel«, erwiderte Jamila.
»Witziger Name«, sagte Grace.
Rio nickte. »Ja, finde ich auch.«
»Sehr cool. Aussie und Casanova.« Auch die anderen waren zufrieden.
Und so kam der kleine Vierbeiner zu seinem Namen und die 6G zu einem neuen Klassen-Maskottchen.
Inseltagebuch
Irgendwo im Nirgendwo #4
Immer noch ohne Nachricht von der 6G, ganz verrückt macht mich das. Solange sie sich nicht melden, kann ich Sensei nichts berichten. Wahrscheinlich hat der Kikoku nicht funktioniert. Aber weshalb? Hat es damit zu tun, dass ich insgeheim nicht von hier wegwill? Oh, wenn Sensei das erfährt! Ihr darf ich es nicht sagen, aber wenigstens mit mir selbst muss ich doch ehrlich sein: Ich würde so gerne noch bleiben.
Gestern hat mich ein sehr netter Typ, dem ich immer wieder mal beim Schwimmen begegnet bin, gefragt, ob ich bei einem Surfkurs mitmachen will. Schweren Herzens habe ich Nein gesagt. Die Bedingungen dafür wären ideal, das Wasser, die Wellen, das Wetter … Aber ich bin eine Ermöglicherin! Zu meinen Aufgaben gehört mit Sicherheit kein Surfkurs. Wichtig sind nur die Mädchen und Jungen der 6G. Oder? Schadet es ihnen, wenn ich surfe?
心配
波
Sorge
Wellen
Nachdem Aussie und der kleine Casanova den Trinknapf geleert und die Kinder anschließend beide mit Katzenfutter aus ihren Vorräten versorgt hatten, organisierte Frau Krachleder einen mit Wasser getränkten Lappen und rubbelte das Hündchen gründlich ab. »Damit werden wir hoffentlich den gröbsten Gestank los«, erklärte sie.
Casanova sträubte sich und gab lustige Quieklaute von sich.
»Waschen ist nicht sein Ding«, sagte Giovanna lachend.
»Nein, er ist lieber ein Stinktier als ein Hund«, scherzte Ali.
»Wir können ihn ja auch Stinky nennen«, schlug Milena vor.
Ein paar lachten.
Giovanna warf ihrer Freundin einen giftigen Blick zu. »Untersteh dich.«
Herr Rosenkranz drängte zum Aufbruch. »Meine Lieben, wir sollten los. Einen Ort finden, wo wir etwas …« Er hatte sein Portemonnaie aus der Hosentasche gezogen und einen Blick hineingeworfen. »Verflixt.« Eine australische Zwanzigdollarnote kam zum Vorschein. »Die bringt uns nicht weiter. Wir brauchen Euro.«
»Heißt das Konzert?«, rief Nik erfreut.
In Australien hatte die 6G, die ja eine Musikprofilklasse war, in größeren Ortschaften öfters Gesangskonzerte gegeben und auf diese Weise Geld für Reiseproviant und Benzin gesammelt. In Italien würde dies offensichtlich wieder so sein.
»Au ja, wir singen!«, riefen ein paar begeistert.
»Können wir nicht erst essen?«
»Ja genau! Ich sterbe.«
Frau Krachleder drückte Rio den Welpen in die Arme und ließ den Lappen im Laderaum verschwinden. »Alle einsteigen, bitte. Ihr wisst ja inzwischen, wie das hier läuft. Wir suchen uns erst einen Weg, dann einen Ort und dann sehen wir weiter. Und ohne Geld kein Essen. Capito?«
Die Kinder kletterten zurück in den Bus. Rio trug den kleinen Hund wie eine Trophäe und grinste dabei, als hätte er gerade eine Million Euro gewonnen und ein Gratis-Eis noch dazu. Casanova würde erst mal bei ihm bleiben, Volltreffer! Ein bisschen Unbehagen bereitete ihm allerdings diese Pipisache. Sein Freund Mattis dachte offenbar das Gleiche.
»Also, auf eine vollgepinkelte Hose kann ich verzichten, Kumpel«, sagte Mattis zu Casanova, der aufgeregt seine neue Umgebung beschnupperte, nachdem die Jungs sich auf ihre Plätze gesetzt hatten.
»Wir müssen einfach öfter anhalten«, murmelte Rio und legte eine Wange an den kleinen Hundekopf. Das Fell war noch weicher als das von seinem Kuscheltier, das er auf dieser Reise schon ein paarmal vermisst hatte. Es wäre ihm peinlich gewesen, es mitzunehmen. Ein wenig beneidete er Svetlana – die Einzige, die ihr Kuscheltier dabeihatte. Obwohl er sich nicht sicher war, ob sie einfach so cool war, dass sie sich nichts aus der Meinung der anderen machte, oder ob sie gar nicht erst auf die Idee gekommen war, dass die anderen das kindisch finden könnten.
In der Sitzreihe gegenüber ließ sich Giovanna auf einen Sitzplatz fallen.
»Rutsch mal rüber«, befahl Milena und zeigte auf den Sitz am Fenster.
»Wieso denn?«, beschwerte sich Giovanna.
»Weil das meiner ist.«
»Ist er nicht.«
»Doch«, sagte Milena und schob ihr Hinterteil so energisch auf den Gangplatz, dass ihre Freundin gezwungenermaßen aufrücken musste.
Giovanna schaute aus dem Fenster und knurrte etwas, das niemand verstand.
Grace, die mit Domenica hinter Rio und Mattis saß, streckte ihren Arm zwischen die Vordersitze, um Casanova streicheln zu können. »Du bist total verknallt in ihn, stimmt's?«
»In wen? Mich?«, neckte Mattis.
Rio wurde rot, was Grace nicht sehen konnte, dafür aber Giovanna.
»Hihi«, rief sie. »Die sind verknallt!«
Sofort reckten alle die Hälse und wollten wissen, um wen es ging.
Rio verdrehte die Augen. Er wusste mal wieder nicht, was er sagen sollte. Eigentlich hatte er wirklich Fortschritte gemacht und seine Unsicherheit schon ein gutes Stück überwunden, seit er sich in Australien mit Mattis angefreundet hatte. Und natürlich auch, weil er mithilfe seiner magischen Fähigkeit nun wusste, dass die anderen ihm gegenüber gar nicht so ablehnend waren, wie er immer vermutet hatte. Aber in der jetzigen Situation war er doch überfordert.
Im Gegensatz zu Mattis. Ihn schien das Ganze zu belustigen. Rio bewunderte ihn dafür.
»Ich meinte den Hund!«, schrie Grace nun, die plötzlich bereute, was sie gesagt hatte, weil sie spürte, wie unangenehm es Rio war. Und sie mochte Rio wirklich. Außerdem teilten sie ein ziemlich wichtiges Geheimnis. Da musste man zusammenhalten.
»Sorry, Kumpel«, raunte sie und tätschelte noch einmal Casanovas Kopf, bevor sie sich wieder zurück in ihren Sitz fallen ließ.
»Kein Ding.« Rio schielte hinüber zu Mattis. Sie grinsten sich an. »Runde Schach?«, fragte dieser.
»Gerne.«
Und damit war das Thema erledigt.
*
Frau Krachleder schloss die Türen und zündete den Motor. Als sie den Fuß aufs Gaspedal setzte, sagte Herr Rosenkranz, der neben ihr in der ersten Reihe saß: »Wir müssen auch unbedingt noch mit Frau Nagata reden. Vielleicht macht sie sich schon Sorgen.«
Die Busfahrerin nickte knapp. Der Hunger zwickte sie inzwischen gewaltig, weswegen eine längere Unterhaltung mit der jungen Referendarin momentan absolut nicht infrage kam. »Alles zu seiner Zeit«, grantelte sie. Und weil ihr der eigene Tonfall sofort wieder leidtat, schob sie schnell »zunächst einmal müssen wir an unser leibliches Wohl denken« hinterher.
Dann brachte sie den silbernen Kometen auf Kurs.
*
Nach einer kleinen Weile mündete die schmale, geteerte Straße, die kaum mehr als ein Weg war, in eine Kreuzung. Auf einem Hinweisschild stand Taormina 5 km.
»Klingt doch schon mal sehr gut«, murmelte Hilde Krachleder. Hinter ihrer Stirn addierte sie blitzschnell die Entfernungen. Wenn sie sich nicht täuschte, dann lag Taormina ganz im Süden Italiens auf der schönen Insel Sizilien. Und damit waren sie momentan keine zehn Stunden von Rom entfernt. Für einen ganz kurzen Moment schloss sie die Augen. Rom. Seit so vielen Jahren wollte sie die Ewige Stadt sehen. Einmal im Leben den Petersdom betreten, für eine sehr gläubige Christin wie Hilde die wichtigste Kirche der Welt. Und dort eine Kerze anzünden für ihren kleinen Liebling Lionel.
Aus dem Augenwinkel sah Hilde Krachleder, wie Herr Rosenkranz ganz und gar in der Beobachtung der vorbeiziehenden Landschaft aufging. Die Straße war gesäumt von riesigen Kakteen, deren Namen er ihnen garantiert noch näherbringen würde, davon war die Busfahrerin überzeugt. Sollte sich herausstellen, dass es in Rom einen botanischen Garten gab, dann könnte sie diesen Vollblutbotaniker bestimmt dazu bringen, mit ihr und der Klasse dorthin zu fahren. Sie musste es nur geschickt anstellen.
»Herr Rosenkranz, wie heißen diese gigantischen Teile da draußen?«, rief Ali.
Der Lehrer wandte sich um. »Du meinst die Saguaros?«
»Keine Ahnung. Die Kaktusse halt.«
»Ali!« Herr Rosenkranz kippte beinahe aus dem Sitz.
»Es heißt Kakteen und das weiß dieser filzige Milchling auch!«, sagte Giovanni und boxte seinem Freund gegen den Arm.
»Sukkulenten heißt es«, verbesserte Paul.
Frau Krachleder lachte hell auf. »Meine Lieblingsvokabel! Ich habe mich schon gefragt, wann sie heute das erste Mal fällt.«
Sie erntete einen missbilligenden Blick. »Machen Sie sich etwa lustig?« Herr Rosenkranz kräuselte die Nase.
»Nein, nein, keinesfalls«, winkte die Busfahrerin ab. »Ich bin doch mittlerweile selbst ein riesengroßer Sukkulentenfan.« Und dann schob sie säuselnd hinterher: »Ich wünschte, wir kämen noch einmal in einen botanischen Garten.«
Jetzt lächelte der Lehrer.
Auf seinen Wangen zeichnete sich eine zarte Röte ab, wie Hilde Krachleder, die einen schnellen Seitenblick auf ihn geworfen hatte, sehr zufrieden feststellte. Sie sah Rom schon ein Stück näherrücken.
Kurz darauf begann sich die Gegend zu verändern. Keine Kakteen, sondern Oliven- und Orangenbäume, zwischen denen kleine ockergelbe Häuser mit rostroten Dächern standen, säumten nun die Straße. Schnell tauchten immer mehr Gebäude auf, die Fahrbahn wurde schmaler. Frau Krachleder manövrierte den silbernen Kometen geschickt um eine paar lange Haarnadelkurven und lenkte ihn dann auf einen Parkplatz.
Herr Rosenkranz griff zum Mikro. Statt wie üblich hineinzupusten, ahmte er das Zwitschern eines Spatzes nach. Er konnte alle möglichen Vogelstimmen imitieren und jede einzelne hatte für ihn eine eigene Bedeutung. Spatz hieß Zuhören. Auch die 6G wusste das. Ihr Geplapper verstummte.
»Gut, ihr Lieben«, begann der Lehrer. »Ab hier geht es zu Fuß weiter, denn Taormina ist eine sehr, sehr alte Stadt mit engen Gassen, durch die kein Bus passt. Und falls es jemanden interessiert: Wir befinden uns am südlichen Zipfel von Italien, auf einer Insel namens Sizilien.«
Die Klasse applaudierte.
»Und wo singen wir?«, fragte Giovanni, der den Klassenchor liebte und es gar nicht abwarten konnte.
»Hoffentlich gibt es in der alten Stadt nicht nur alte Leute!«, rief Franz.
Neben ihnen fuhren zwei weitere Busse auf den Parkplatz. Herr Rosenkranz hob eine Hand. »Meines Wissens gibt es hier ein großartiges, weltberühmtes Bauwerk und dorthin werden wir uns aufmachen«, erklärte er, ohne auf die beiden Kommentare einzugehen.
»Och nee, Bauwerk, wie öde«, moserte jemand weiter hinten.
Alle redeten durcheinander.
Erneut erklang das Spatzengezwitscher, bis wieder Ruhe einkehrte.
»Sonnenhüte nicht vergessen«, befahl der Lehrer.
