Tod eines Narzissten - Ines Allerheiligen - E-Book

Tod eines Narzissten E-Book

Ines Allerheiligen

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Beschreibung

Professor Hartung, leitender Arzt einer psychiatrischen Klinik, wird vor seinem Haus brutal ermordet aufgefunden. Schnell wird klar: Hartung war alles andere als beliebt. Arrogant, herablassend, narzisstisch - so beschreiben ihn Kollegen, Nachbarn und Patienten. Doch wer hasste ihn so sehr, dass er zum Äußersten ging? Ein neuer, fesselnder Fall für das Team um Hanna Wolf und Kai Siemer.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2026

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„Darf es nun etwas sein oder stehen sie hier nur rum?“

Die Verkäuferin des kleinen Kiosks wirkte genervt. Dann schüttelte sie ihren Kopf, schnalzte mit der Zunge und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Ihre Worte drangen nur langsam zu Theo durch. Sie kamen von weit her, wie durch einen dichten Nebel. Als sie Theo endlich erreichten, sprach sie schon mit dem Mann, der neben ihm stand, der einen kleinen Kaffee ohne Milch, aber mit Zucker bestellte. Während der Kaffeevollautomat laut die Kaffeebohnen mahlte, versuchte Theo, sich zu sammeln. Er machte einen Schritt auf die Ladentheke zu und formte den Satz mit seinen Lippen – einmal und noch ein weiteres Mal - und beobachtete dabei genau, wie die Verkäuferin den Kaffee in die Tasse laufen ließ, ihn vor sich abstellte, ein Päckchen Zucker danebenlegte und ihn dem nervös wartenden Mann vor die Nase stellte.

„Bitteschön. Das macht 2,60 €.“

Der Mann gab ihr drei Euro und sagte: „Stimmt so.“

Dann eilte er in Richtung Fähre davon, die gerade angelegt hatte.

Theo schaute ihm nach. Die Autos, die von der Fähre kamen, fuhren langsam an ihm vorbei in Richtung Vegesacker Bahnhof. Auf der anderen Seite der Straße sah er Fußgänger und Radfahrer. Zwischen ihnen lief der Mann mit seinem Kaffee, den er hoch über seinem Kopf hielt, um nichts zu verschütten, und verschwand in der Kabine der Fähre.

„Haben sie sich nun entschieden, was sie möchten, junger Mann?“

Ihre Worte rissen Theo aus seinen Gedanken.

„Ich möchte bitte einen Cappuccino mit viel Zucker.“ Theo lächelte der Frau freundlich entgegen. Seine Worte kamen zwar nur langsam über seine Lippen, aber deutlich.

„Na, geht doch.“

Der Kaffeevollautomat fing erneut an zu röhren, mahlte die Espressobohnen und begann gleichzeitig, ein Kännchen Milch aufzuschäumen. Der Duft von frischem Cappuccino wehte aus dem Kioskfenster zu Theo herüber, beruhigte ihn und weckte Erinnerungen an eine vergangene Zeit.

Theo war Lehrer gewesen, bevor es ihn aus dem Leben gerissen hatte. Ganz plötzlich war sie da. Er stand auf dem Flur der Schule, in der er schon seit 20 Jahren unterrichtete, unfähig, seinen Fuß auf die erste Treppenstufe zu stellen. Der Klassenraum der 9. Klasse – seiner Klasse - lag im fünften Stockwerk des Gebäudes. Nur noch diese eine Treppe, dachte er, doch sein Fuß gehorchte ihm nicht. Ein unbändiges Angstgefühl überflutete seinen Körper – von den Füßen bis in den Kopf. Plötzlich drehte er sich um und rannte. Er rannte. Er rannte einfach nur noch nach Hause. Von diesem Moment an war sie da – die Angst.

Das war vor vier Monaten gewesen. Seitdem konnte er nicht mehr in die Schule gehen, nicht unterrichten. Er konnte das Haus nicht mehr verlassen, nicht mehr einkaufen gehen und dann war er in die Klinik gekommen. Er bekam starke Medikamente, die ihm die Angst nahmen und mit denen er das Leben wieder ertragen konnte. Aber sie nahmen ihm auch viele seiner Empfindungen und schränkten ihn geistig und körperlich ein. Er fühlte sich an manchen Tagen wie im Körper eines 80-Jährigen, obwohl er erst 45 Jahre alt war. Seine Vitalität war völlig abhandengekommen und seine Gedanken liefen langsamer als die eines 100-Jährigen, dachte er manchmal. Aber er konnte wieder nach draußen gehen, am Leben teilnehmen und anschließend in die Geborgenheit der Klinik zurückkehren.

„Ein Cappuccino, der Herr.“

Theo schaute die Kioskbesitzerin an, bezahlte und bedankte sich. Dann ging er mit seinem Becher in Richtung Utkiek, setzte sich auf eine Bank und schaute auf die Weser. Eine Routine, die ihm Sicherheit gab – die ihm das Gefühl vermittelte, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben. Er verließ die Klinik jeden Morgen zur selben Zeit, genauso, als würde er zur Arbeit gehen.

In den Therapiegesprächen, die er zwei Mal wöchentlich führte, hatte er erkannt, wie wichtig ihm die Arbeit als Lehrer und ein routinierter Tagesablauf waren. Sein Bezugstherapeut hatte ihm dann vorgeschlagen, dass er versuchen sollte, diese Routine – das morgendliche Verlassen der Klinik, als ob er in die Schule zur Arbeit ginge - wieder in sein Leben einzubauen. Theo verließ daraufhin jeden Morgen die Klinik in Richtung Weser, holte sich einen Cappuccino am Kiosk an der Fähre und trank diesen genüsslich auf einer Bank am Utkiek. Danach ging er zurück, frühstückte und nahm an einigen der angebotenen Therapien teil.

Er schaute auf seine Handyuhr, die ihm anzeigte, dass es Zeit war, zurückzugehen. Sein Magen knurrte bereits und er freute sich auf das Frühstück im Gemeinschaftsraum der Klinik, in Gesellschaft der anderen Patienten. Ein eisiger Wind schlug ihm entgegen, als er die Fußgängerzone der Reeder-Bischoff-Straße hochging.

Er wehte durch die kleine Straße und verwirbelte die Blätter, die ein fleißiger Mitarbeiter der Firma Stadtgrün mühsam zusammengekehrt hatte. Theo hörte ihn leise fluchen, als er erneut begann, die widerspenstigen Blätter einzufangen. Für nächste Woche war der erste Nachtfrost vorausgesagt und Theo freute sich darauf. Er liebte den Winter – die klare frische Luft, den Schnee und die Gemütlichkeit, die die dunkle Jahreszeit mit sich brachte.

*

„Hereinspaziert, hereinspaziert.“

Sabine machte eine Verbeugung, mit einer einladenden Armbewegung, für jeden, der in den Therapieraum wollte. Als sie Theo sah, lief sie auf ihn zu.

„Na, du bist aber spät heute. Der Lehrer muss doch als Erstes in der Klasse sein.“ Sabine blinzelte ihn herausfordernd an.

„Das ist doch nicht meine Klasse, Sabine.“

„Das weiß ich doch. Ich wollte dich nur ein wenig ärgern.“ Sabine verbeugte sich vor Theo, sagte erneut „Hereinspaziert“ und betrat mit ihm zusammen den Therapieraum. Theo setzte sich auf den Stuhl, der ganz rechts außen im Halbkreis stand, und Sabine nahm wie immer neben ihm Platz. Nach und nach füllte sich der Raum, bis alle fünf Plätze besetzt waren. Keiner sagte ein Wort. Professor Hartung hatte dies so angeordnet.

„Ich beginne die Therapie erst, wenn es mucksmäuschenstill ist“, hatte er gesagt.

„Es liegt ganz bei euch, ob ihr euch daran haltet. Doch denkt daran: „Jede zusätzliche Minute, die ihr redet, geht von eurer wertvollen Therapiezeit ab.“

Dann hatte er suffizient gelächelt und mit seinen Fingern auf die Stuhllehne geklopft, bis auch der letzte still war.

Theo schabte unruhig mit den Füßen auf dem weißgepunkteten Linoleumfußboden. Professor Hartung war schon fünf Minuten überfällig, was so gar nicht zu seiner sonst geradezu peniblen Pünktlichkeit passte, mit der er gewöhnlich sogar fünf Minuten vor Beginn der Therapiestunde erschien.

Auch die anderen Patienten begannen allmählich, nervös zu werden. Aus allen Ecken der Stuhlrunde war verhaltenes Hüsteln zu hören. Schließlich erhob sich Markus mit einem entschlossenen Seufzer, strich sich seine Hose glatt, entfernte einige weiße Fusseln und sagte:

„Ich gehe jetzt mal ins Stationszimmer und frage nach, wo Professor Hartung bleibt.“

Er wandte sich zum Gehen, kehrte dann aber wieder um und rückte seinen Stuhl zurecht. An der Tür drehte er sich erneut um, schielte zu seinem Stuhl rüber, nickte dann, als er sah, dass dieser immer noch exakt in der Runde stand, und ging dann raus in den Flur.

Theo stand auf und ging zum Fenster. Sein Blick fiel auf ein welkes Blatt auf der Fensterbank – er wischte es runter. Seine Finger zitterten leicht, ein Zeichen seiner inneren Anspannung. Was, wenn Professor Hartung heute nicht kommen würde? Die tägliche Gruppentherapie war sehr wichtig für ihn und gerade heute – er hatte sich seit Tagen darauf vorbereitet, seine Geschichte zu erzählen.

Vom Flur her drangen schnelle Schritte in den Raum und Theo ging zurück zu seinem Platz. Markus kam schwer atmend zur Tür rein: „Professor Hartung ist nicht da!“ Von seiner Stirn tropften Schweißperlen auf den Fußboden - er pustete. Markus war Mitte 50, stark übergewichtig und absolut untrainiert. Der kurze Weg zum Stationszimmer hatte ihn bereits an die Grenzen seiner Ausdauer gebracht.

„Was heißt das, er ist nicht da?“, fragte Theo.

„Na, die Stunde fällt aus.“ Markus zuckte mit den Schultern. „Mehr haben die Schwestern mir auch nicht gesagt.“

In der allgemeinen Aufbruchsstimmung kam Sabine zu Theo: „Wollen wir eine Runde Tischtennis spielen?“

Aber Theo wollte nicht. Er musste laufen – seine Anspannung ablaufen. Er hätte die Stunde heute gebraucht, so sehr. Die Panik, die langsam in ihm aufstieg, begann, Besitz von ihm zu ergreifen.

„Nein, jetzt nicht, Sabine“, erwiderte er ein wenig unwirsch und ließ sie einfach stehen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er wusste, wenn er jetzt nicht sofort seine Übungen machte, dann würde sie ihn überrennen – die Panik.

*

„Da vorne muss es sein.“

Hanna deutete auf die blinkenden Blaulichter in der Ferne, die schon zu sehen waren, als Kai gerade in die Straße Braut-Eichen einbog. Etwa in der Mitte der Straße standen zahlreiche Polizeiwagen am Straßenrand und hatten damit begonnen, alles abzusperren. Die Straße Braut-Eichen war eine ansteigende Straße im Ortsteil Bremen–Schönebeck, in der gehobene Villen standen – ganz in der Nähe des Schönebecker Schlosses. Die Straße war bereits voller Autos, die durch die Absperrung nicht weiterkamen, und begannen, auf der Straße ihre Autos zu wenden, was einige Autofahrer dazu veranlasste, ein Hupkonzert zu starten.

„Ich parke das Auto hier unten. Dann sind wir schneller“, sagte Kai und bog in einen kleinen Waldweg ein, der rechts von der Straße Braut-Eichen abging.

Hanna Wolf und Kai Siemer gehörten zum Team der Kripo Bremen Nord. Sie arbeiteten schon seit vielen Jahren zusammen und waren auch privat befreundet. Hanna war Anfang des Jahres vierzig geworden und hatte ihren Ehrentag damit gekrönt, dass sie ihren langjährigen Freund Till geheiratet hatte. Hanna war groß, schlank und sportlich - mit feuerroten Locken, die ihr Gesicht umrahmten. Sie arbeitete schon seit 17 Jahren bei der Kripo in Bremen und seit neun Jahren im Revier in Bremen Lesum, sieben Jahre davon zusammen mit ihrem Kollegen Kai Siemer. Kai war ebenfalls vierzig – schlank, mit strubbeligem, blondem Haar. Er wohnte unweit der Straße Braut-Eichen, zusammen mit seiner Frau Katrin und seiner Hündin Lola.

Hanna und Kai bahnten sich einen Weg die Braut-Eichen hoch, bis sie kurz vor dem Ziel von einem Polizisten aufgehalten wurden.

„Halt, hier können sie nicht weiter!“

Der eifrige junge Polizist versperrte ihnen den Weg.

„Hanna Wolf, Kripo Bremen.“ Hanna hielt ihm ihre Polizeimarke hin. Der Beamte trat einen Schritt zur Seite.

„Und das ist mein Kollege, Kai Siemer.“

Ein kurzes Nicken des jungen Polizisten, dann durften sie passieren. Kai hob das Absperrband an, ließ Hanna zuerst durch, bevor er selber unter dem rot-weißen Plastikband hindurchschlüpfte. Weiße Tücher flatterten leicht im Wind und versperrten die Sicht auf die Einfahrt eines großen Grundstücks. Dahinter bewegten sich schemenhaft Menschen in Schutzanzügen, deren Schatten durch Strahler auf die Tücher geworfen wurden. Im Hintergrund erhob sich eine Villa. Der Garten davor glich einer provisorischen Einsatzzentrale.

„Hanna! Kai! Schön, dass ihr da seid.“

Uwe Maschen, Pathologe im Team, kam ihnen mit schnellen Schritten entgegen. Sein grauer Zopf lugte unter einer weißen Schutzkappe hervor und in der Hand hielt er ein Klemmbrett, welches bereits mit einigen Notizen beschrieben war.

„Wieviel wisst ihr schon?“ Er begrüßte die beiden mit einem Handschlag.

„Nur dass man einen Toten gefunden hat“, sagte Hanna kurz.

„Na dann will ich euch mal aufklären“, sagte er leise.

„Bei dem Toten handelt es sich um Professor Thomas Hartung. Psychiater und Chefarzt der hiesigen psychiatrischen Klinik.“

Hanna runzelte die Stirn. Der Name kam ihr bekannt vor.

„Hartung … hat der nicht erst vor einem halben Jahr den Chefarztposten hier übernommen?“

„Ja, genau. Der Artikel stand ganz groß im Weser-Kurier. Fünfzig Jahre alt, verheiratet. Seine Frau hat ihn vor knapp zwei Stunden hier auf dem Grundstück gefunden. Sie wunderte sich, dass sein Auto noch in der Einfahrt stand, obwohl er schon sehr früh, gegen fünf Uhr, das Haus verlassen hatte, um zur Arbeit zu fahren. Sie steht unter Schock, nicht vernehmungsfähig. Unsere Psychologin Ellen Perkins betreut sie im Haus.

„Wie ist er gestorben?“, fragte Kai seinen Freund Uwe.

„Die Kehle wurde ihm durchgeschnitten. Mit einem Messer vermutlich. Es sieht bestialisch aus, der Tatort ist …“ Er schüttelte den Kopf.

„…ein Schlachtfeld – alles voller Blut.“

„Habt ihr die Tatwaffe schon gefunden?“ Hanna trat einen Schritt in Richtung Tatort, zögerte aber noch, hinter die Tücher zu schauen.

„Nein, aber die Kollegen suchen bereits das Grundstück ab. Portmonee mit Inhalt und sämtlichen Papieren sind noch da. Raubmord können wir also ausschließen. Wollt ihr einen Blick auf den Toten werfen, bevor ich ihn abtransportieren lasse?“

Hanna und Kai folgten Uwe hinter den Sichtschutz. Der Tote lag auf dem Rücken und hatte beide Arme von sich gestreckt. Die Beine waren lang und lagen eng aneinander. Uwe hatte nicht übertrieben, der Tatort glich einem Kriegsschauplatz.

„Wurde der Tote bewegt oder liegt er noch genauso, wie seine Frau ihn gefunden hat?“, fragte Hanna, während sie sich hinkniete, um sich den Schnitt am Hals genauer anzusehen.

„Es wurden bisher nur die Spuren genommen“, antwortete Uwe. „Thomas und Britta sind mit dem Tatort fertig, untersuchen jetzt den Garten und nehmen auch Spuren im Haus des Toten.“

Thomas Balke und Britta Helms bildeten die KTU des Bremen-Norder-Teams – ein eingespieltes Duo, das seit Jahren Seite an Seite arbeitete. Britta, eine zielstrebige Frau Mitte dreißig, brachte frischen Elan und analytischen Scharfsinn mit. Thomas hingegen, ein ruhiger, erfahrener Ermittler Anfang sechzig, war die Gelassenheit in Person.

„Wie er so daliegt, erinnert er mich ein wenig an Jesus am Kreuz. Diese Arme – zur Seite ausgestreckt - und dann die geraden Beine, an den Füßen ganz eng zusammen.“ Kai machte ein Foto von dem Toten.

„Was meint ihr?“, er schaute zu Uwe und Hanna.

„Du hast Recht, Kai“, sagte Hanna, „es sieht wirklich ein wenig so aus.“

Uwe machte noch ein letztes Foto, dann winkte er seinem Team. Der Tote konnte abtransportiert werden zur Pathologie im Polizeirevier in Lesum.

Aus dem Haus traten Britta und Thomas und gingen langsam auf die kleine Gruppe vor dem Absperrband zu. In ihren weißen Ganzkörperanzügen wirkten sie in dem Scheinwerferlicht beinahe gespenstisch – klinisch sauber.

„Wir sind jetzt auch durch“, sagte Thomas und zog die Kapuze seines Schutzanzuges zurück. Wir haben sämtliche verwertbaren Spuren gesichert – im Haus selbst und im näheren Umfeld. Der Tatort ist dokumentiert, der Rest ist Sache der Auswertung. Er warf einen kurzen Blick zu Britta, die ihm zustimmend zunickte. Dann trat er einen Schritt zurück und begann, sich langsam aus dem Schutzanzug zu schälen. Mit geübten Handgriffen streifte er ihn vom Körper. Britta tat es ihm gleich.

„Wir fahren jetzt direkt ins Revier“, fügte er hinzu, während er den Anzug ordentlich zusammenfaltete. Er begrüßte Kai und Hanna mit einem kleinen Lächeln und stieg dann gemeinsam mit Britta in den bereitstehenden Einsatzwagen.

„Bis gleich, wir sehen uns im Büro“, rief Hanna den beiden hinterher und hob die Hand zum Abschied. Ihr Blick folgte dem Wagen, der langsam vom Tatort wegrollte.

Hanna wandte sich an Kai: „Ich gehe mal zum Haus rüber und versuche, herauszufinden, ob wir schon mit der Frau des Opfers sprechen können.“

An der Eingangstür stand Ellen, die Psychologin, und rauchte eine Zigarette.

„Hallo Ellen, kann ich schon mit der Ehefrau des Opfers sprechen?“

„Nein, tut mir leid, Hanna. Der Arzt hat ihr gerade eine Beruhigungsspritze gegeben. Die Kinder werden gleich eintreffen und sich um sie kümmern. Sie ist völlig durch den Wind. Ich denke, morgen früh wird es gehen. Hast du das Opfer noch gesehen?“, sie schaute Hanna erschöpft an.

„Ja, sah wirklich schlimm aus. Das muss ein Schock für die Arme gewesen sein. Hat sie schon irgendetwas erzählt?“

„Nein, sie steht unter Schock. Die Nachbarin hat sie wimmernd vor der Leiche ihres Mannes gefunden. Sie hat dann auch die Polizei informiert. Hier ist der Name der Frau. Sie wohnt ein Haus weiter.“ Sie reichte Hanna einen Zettel.

„Danke, Ellen. Dann werden wir sie als Erstes befragen. Schreibst du den Bericht heute noch und schickst ihn mir zu?“

„Ja, das mache ich, Hanna. Ich fahre jetzt gleich zum Revier, sobald die Kinder hier eintreffen.“

Hanna ging zurück zum Tatort, wo Kai sich gerade mit Uwe unterhielt.

„Konntest du mit der Ehefrau sprechen?“

„Nein, sie steht unter Schock. Wir werden morgen wiederkommen oder gegen Abend. Aber ich würde jetzt mit der Nachbarin sprechen, warte … Frau Marion Berger ist ihr Name. Sie hat Frau Hartung gefunden, als sie vor der Leiche ihres Mannes zusammengebrochen war.“ Hanna und Kai verabschiedeten sich von Uwe, der dabei war, seine Utensilien zusammenzupacken.

„Wir sehen uns dann später in der Pathologie“, rief Uwe den beiden hinterher, nahm seine Tasche und packte sie in den Kofferraum seines Autos.

Hanna und Kai gingen zurück durch die Einfahrt auf die Straße „Braut-Eichen“ und ein paar Meter weiter bis zum Nachbarhaus der Familie Berger. Auch dieses Haus glich einer Villa, war aber direkt einsehbar, da das Grundstück nicht so groß war und noch eine Hinterbebauung hatte. Vor dem Grundstück stand ein kunstvoll verzierter Eisenzaun mit Gegensprechanlage – man musste klingeln, um eingelassen zu werden.

Hanna drückte auf die Klingel. Nach kurzer Zeit meldete sich eine weibliche Stimme:

„Hallo, wer ist da?“

„Hier sind Hanna Wolf und Kai Siemer von der Kripo Bremen. Wir würden gerne mit Frau Berger sprechen.“

„Einen Moment, bitte. Ich öffne das Tor.“

Es summte und das Tor sprang leicht auf. Hanna und Kai drückten es auf und folgten dem Steinweg, der direkt zur Eingangstür führte.

In der Tür stand eine schlanke Frau mittleren Alters, die sie mit den Worten begrüßte:

„Hallo, ich bin Marion Berger. Kommen Sie doch bitte rein.“