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Von Leipzig nach Jerusalem: eine Liebesgeschichte wider die Schatten der Vergangenheit. Maya kommt als Austauschschülerin aus Israel nach Leipzig. Fremd, verletzt und voller Zweifel trifft sie auf Leon, der fasziniert ist von ihrer Geschichte - und von ihr. Aus vorsichtiger Nähe wächst eine intensive Verbindung, die von Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen überschattet wird. Während Maya mit den Narben von Hass und Verlust ringt, öffnet Leon ihr die Familiengeschichte eines Widerstandskämpfers. Doch die Frage, wo Widerstand endet und Terror beginnt, droht ihre Liebe zu zerreißen. Von den Straßen Jerusalems bis zu den Schatten des KZ Sachsenhausen verwebt der Roman persönliche Gefühle mit historischen Spuren. Er erzählt von Schuld und Erinnerung, von Schmerz und Hoffnung - und davon, wie schwierig, aber möglich Versöhnung sein kann. Ein interkultureller Young Adult-Roman über Liebe, Verantwortung und die Kraft, Brücken zu bauen. Kann eine junge Liebe Mauern überwinden, die seit Generationen bestehen?
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Seitenzahl: 643
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
Zwischen Fiktion und Wirklichkeit
Liebe zwischen den Welten
Leon
Verdrängung
Die Familie Auerswald
Demonstration der Liebe
Papa
Risse
Zusammenbruch
Die Wahrheit
Fundament aus Liebe und Kampf
Otto und Klara
Politisierung und Liebe
Kapp Putsch
Glückliche Zeit
Der Märzaufstand
Die goldenen Zwanziger
Rübensuppe
Straßenkampf vorm Blauen Engel
Die Saalschlacht von Lauter
Risse
Objektiv betrachtet
Zuflucht bei Papa
Kalter Krieg
Free Palestine
Antisemiten
Die Vernehmung
Tamar
Das Tagebuch
Die Fortsetzung
Als die Schatten länger wurden
Pyrrhussieg
Reichstagsbrand
Rauswurf
Das Sondergericht
Zuchthaus Waldheim
Klara kämpft ums Überleben
Fridas Tag
Helmut und die Olympiafeier
Elfriede verbrennt Erinnerungen
Hoffnung
Heimkehr
Kleine Gesten der Menschlichkeit
Aktion Gitter
Kampf um Heilung
Die Ruhe vor dem Sturm
Der Skandal bricht los
Leid ist kein Wettbewerb
Familiäre Spannungen
Anstand
Hass und Schuld
Tamars letzter Wunsch
Sirenen des Terrors
Miriams Ultimatum
Abschied
Todesmarsch
Ankunft in der Hölle
Das Todeskommando
Vergewaltigungen
Fußball und Menschlichkeit
Die Auslese
Das Geschenk der Hoffnung
Wiedersehen eines Toten
Die neue Hölle
Der Tänzer tanzt nicht mehr
Überleben im Belower Wald
Das tote Pferd
Der letzte Kreis der Hölle
Geisterbahn
Befreiung
Jerusalem
Ein neuer Anfang
Ankunft in der Zerrissenheit
Die verschlossene Tür
Shakshuka
Alte Freunde
Am Grab der Schwester
Die andere Seite
Die Stimme der toten Tochter
Widerstand und Zweifel
Der Anruf
Pilgerfahrt nach Jerusalem
Die heilige Stadt
Erde zu Erde
Epilog
Ein Jahr später: Weihnachten bei den Auerswalds
Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches,
kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir kommen alle
auf dieselbe Art und Weise auf die Welt.
Wir sind alle gleich
Margot Friedländer, deutsche Holocaustüberlebende
Darkness cannot drive out darkness;
only light can do that.
Hate cannot drive out hate;
only love can do that.
[Dunkelheit kann nicht von Dunkelheit vertrieben werden;
nur Licht kann das.
Hass kann nicht von Hass vertrieben werden;
nur Liebe kann das.]
Martin Luther King, Jr., US-amerikanischer Bürgerrechtler
Einen lieben Dank an meinen
größten Fan der ersten Stunde.
Felix Rupf
Es begann ganz harmlos, als ich mich eine Zeit lang mit Ahnenforschung beschäftigte. Zwischen alten Dokumenten und verblassten Fotografien stieß ich auf einen Namen, der mein Leben verändern sollte: Otto Auerswald, mein Urgroßvater. Seine Geschichte packte mich vom ersten Moment an – kommunistischer Widerstandskämpfer, fünf Jahre Zuchthaus, Deportation ins KZ Sachsenhausen, der grausame Todesmarsch und schließlich die Befreiung 1945. Diese Eckdaten ließen mich nicht mehr los, doch gleichzeitig stellte sich mir eine brennende Frage: Wie sollte ich diese Geschichte erzählen, ohne in die Falle eines trockenen Geschichtsbuchs zu tappen?
Aus dieser Frage erwuchs ein klarer Anspruch: Ich wollte nicht nur berichten, was geschehen war, sondern meinen Lesern ermöglichen, es wirklich zu verstehen. Geschichte sollte nicht nur dokumentiert, sondern erlebbar werden – sie sollte Lehren vermitteln und zum Nachdenken anregen. Mit diesem Ziel vor Augen entwickelte ich die Idee einer fiktiven Rahmenhandlung, die reale Bezüge aufgreift und historische Ereignisse mit zeitgenössischen Konflikten verwebt. Dieser ursprünglich kleine literarische Rahmen, wuchs während der monatelangen Planungen zu einer eigenständigen, vielschichtigen Erzählung heran.
Je tiefer ich in die Materie eintauchte, desto deutlicher wurde mir die Komplexität meines Vorhabens. In unzähligen Gesprächen mit meinem Mann und Freunden kristallisierte sich heraus, welch schwieriges Terrain ich betrat. Die Verbindung zwischen Ottos historischem Widerstand gegen das NS-Regime und heutigen politischen Konflikten erwies sich als wahres Minenfeld voller Sensibilitäten und potenzieller Missverständnisse. Diese Erkenntnis führte zu einer wichtigen Einsicht: Die Rahmenhandlung durfte kein bloßes narratives Vehikel sein, sondern musste mit derselben Sorgfalt, demselben Respekt und derselben Tiefe behandelt werden wie die historischen Ereignisse selbst.
Diese Überzeugung prägte meine weitere Arbeit. Obwohl die Gegenwartshandlung vollständig meiner Fantasie entspringt, habe ich sie bewusst in reale Orte und authentische Begebenheiten eingebettet. Leipzig mit seinen vertrauten Straßen, Tel Aviv mit seinem pulsierenden Leben, Jerusalem mit seiner vielschichtigen Geschichte – jeder Schauplatz wurde sorgfältig recherchiert, jedes Detail überprüft. Die fiktiven Charaktere bewegen sich durch eine Welt, die so real und greifbar ist wie möglich. Diese Arbeit erforderte überraschenderweise ebenso intensive Recherche wie die Rekonstruktion von Ottos Lebensweg.
Was die historischen Fakten betrifft, so stützte ich mich auf verschiedene Quellen. Zur Geschichte meines Urgroßvaters existieren noch einige Dokumente aus der Zeit vor seiner KZ-Haft – hauptsächlich Anklageschriften und Gerichtsurteile, die seine Widerstandsaktionen belegen. Interessanterweise zeigen diese Dokumente auch, dass Otto weitaus häufiger inhaftiert war, als ich es im Buch darstelle. Die ständigen Verhaftungen, die endlosen Wochen in Untersuchungshaft, die wiederholten Prozesse – all das gehörte zu seinem Alltag als Widerstandskämpfer. Doch ich entschied mich bewusst dagegen, jede dieser Episoden zu schildern. Nicht nur hätten diese ständigen Wiederholungen die Erzählung ermüdend gemacht, sie hätten auch von der eigentlichen Botschaft abgelenkt, die ich vermitteln möchte: dem Mut zum Widerstand, der Kraft der Überzeugung und der Bedeutung des Erinnerns.
Aus der Zeit im Konzentrationslager und während des Todesmarsches sind hingegen nur wenige direkte Zeugnisse überliefert. Diese Lücken in der Dokumentation stellten eine besondere Herausforderung dar. Anhand der dokumentierten Daten seiner Einlieferung und Befreiung konnte ich dennoch, gestützt auf historische Fakten und Zeitzeugenberichte anderer Häftlinge, seinen Weg präzise nachzeichnen. Dabei half mir die umfangreiche Literatur über diese dunkle Zeit, die fehlenden Puzzlestücke zu ergänzen.
Bei aller Bemühung um historische Genauigkeit wich ich an einigen Stellen bewusst von der reinen Datenlage ab. Diese Entscheidung traf ich aus zwei wohlüberlegten Gründen: Zum einen wollte ich der Erzählung Leben einhauchen und sie vor einer bloßen Aneinanderreihung von Fakten bewahren – Geschichte sollte atmen, nicht nur aufzählen. Zum anderen war es mir wichtig, Geschichten zu erzählen, die in diesem Kontext bisher wenig Beachtung fanden. Es sind Geschichten, die durch Zeugenaussagen belegt sind, Schicksale, die sich so oder ähnlich tausendfach ereigneten, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sie alle genau so meinem Urgroßvater widerfahren sind.
Ein ähnliches Prinzip leitete mich bei der Gestaltung der fiktiven Handlung: Auch wenn die grundlegende Geschichte meiner Erfindung entspringt, wurzeln die vielen kleinen und großen Erlebnisse, die sie formen, fest in der Realität. Die Konflikte, die Emotionen, die Begegnungen – sie alle sind Menschen widerfahren, haben stattgefunden, sind in ihrem Kern wahr. Nur eben nicht unbedingt genau diesen Charakteren in genau dieser Konstellation. Auf diese Weise entstand ein Gewebe aus Wahrheit und Fiktion, das hoffentlich mehr Wirklichkeit transportiert als es eine reine Dokumentation vermocht hätte.
Am Ende dieser langen Reise durch Vergangenheit und Gegenwart hoffe ich von ganzem Herzen, dass dieses Buch sowohl meinem eigenen Anspruch als auch dem Andenken all jener gerecht wird, die gelitten haben und leiden. Es soll eine Brücke sein zwischen dem, was war, und dem, was ist – eine Mahnung an die Zerbrechlichkeit der Freiheit und gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung, dass Mut und Menschlichkeit auch in dunkelsten Zeiten bestehen können.
Der Herbstwind fegte über den Schulhof des Luise-Otto-Peters-Gymnasiums in Connewitz, als ich durch die repräsentative Toranlage mit Rundbogen und Wappen und über das breite Granitpflaster zum Haupteingang ging. Vor dem Gelände klingelte die Straßenbahn an der Bornaischen Straße; die Oberleitungen zeichneten dunkle Linien in den Himmel. Meine Hände waren feucht, obwohl es längst nicht warm war. Nur ein weiterer Schultag, redete ich mir ein, während ich die schweren Glastüren unter den hell verputzten Fassaden aufstieß. Der Uhrturm mit seinem Zifferblatt prägte die Silhouette.
Auf dem Weg hatte ich die bunten Graffiti und Sticker an den Hauswänden des Viertels gesehen – »Refugees Welcome«, »Kein Mensch ist illegal«, anarchistische Symbole. Connewitz war anders als der Rest von Leipzig, wilder, politischer. Mein Vater hatte mich gewarnt, dass es hier »sehr links« zuginge, aber das Luise-Otto-Peters-Gymnasium hatte einen guten Ruf.
Im Inneren öffnete sich ein hohes Treppenhaus mit breiten Podesten; Licht fiel durch große Fenster. Es roch nach Bohnerwachs, Heizkörperwärme und nassen Jacken. Holzhandläufe waren glatt poliert, irgendwo tickte eine Fluruhr. Stimmen drangen aus den Klassenzimmern, Deutsch mit sächsischem Einschlag, den ich nach einem Jahr in Leipzig immer noch gewöhnungsbedürftig fand. Über die Treppen verteilten sich die Schülerströme nach oben.
Die Nummerierung hier in Deutschland war anders als zu Hause – alles war anders. 204, 204... Da war es. Ich atmete tief durch und drückte die Klinke herunter.
»Ah, Sie müssen Maya sein!« Die Stimme gehörte zu einer Frau um die vierzig mit kurzen, braunen Haaren und einer randlosen Brille. Sie trug ein elegantes, dunkelblaues Blazer-Ensemble, das professionell aber nicht steif wirkte. »Ich bin Frau Weber, Ihre neue Deutschlehrerin. Herzlich willkommen am Luise-Otto-Peters-Gymnasium.«
Fünfundzwanzig Augenpaare richteten sich auf mich. Mein Magen zog sich zusammen, wie immer, wenn ich im Mittelpunkt stand. »Danke«, murmelte ich auf Deutsch und hasste es, wie mein Akzent jedes Wort markierte.
»Setzen Sie sich bitte dort hinten hin, neben Leon.« Frau Weber deutete zu einem Platz in der dritten Reihe. »Leon, heben Sie mal die Hand.«
Ein Junge mit dunkelblonden, etwas zu langen Haaren hob lässig die Hand. Er trug ein verwaschenes T-Shirt mit einem Aufdruck, den ich nicht lesen konnte, und hatte lebhafte grüne Augen, die mich neugierig musterten. Kein nervöses Starren wie bei den anderen – eher interessiert, fast amüsiert.
Ich bahnte mir den Weg zwischen den Tischen hindurch und ließ mich auf den Stuhl fallen. Der Junge – Leon – rückte seinen Stuhl ein Stück zur Seite, um mir mehr Platz zu machen.
»Hi«, flüsterte er, während Frau Weber zur Tafel ging. »Bist du die neue Israelin?«
Ich nickte knapp. Israelin. Als wäre das mein Beruf oder so.
»Cool. Ich bin Leon.« Er grinste und sein Gesicht veränderte sich komplett – aus dem entspannten Beobachter wurde ein lebendiger, fast schelmischer Teenager. »Falls du Fragen hast... ich kenne mich hier aus.«
»Maya«, sagte ich leise zurück. Seine Direktheit war überraschend. Die meisten Deutschen waren höflicher, distanzierter.
»Maya... wie die Biene?«, flüsterte er mit einem schelmischen Grinsen.
Ich starrte ihn einen Moment lang an. Macht er gerade Witze über meinen Namen? »Nein«, sagte ich trocken. »Wie die Person.«
Er lachte leise in sich hinein, und ich musste gegen ein kleines Lächeln ankämpfen. Wenigstens war er nicht langweilig.
Frau Weber begann mit der Stunde – irgendetwas über Fontane und den Realismus. Ich versuchte zu folgen, aber meine Gedanken wanderten ab. Der Klassenraum war typisch für die Schule: hohe Decken, viel Tageslicht. Dielen knarrten unter den Füßen der Schüler, Kreide kratzte über die grüne Tafel, und neben ihr leuchtete das moderne Smartboard – alt und neu in ruhiger Koexistenz. An den Wänden hingen Poster von deutschen Dichtern und ein Weltatlas.
»Pssst.« Leon schob mir einen Zettel herüber. Darauf stand: Vp-Mobil24-App schon installiert? Brauchst du Hilfe mit dem Login?
Ich schaute ihn überrascht an. Natürlich, die Stundenplan-app. In Israel hatten wir auch eine digitale Lösung verwendet, aber hier war alles neu. Er zuckte mit den Schultern, als wäre es völlig normal, der Neuen zu helfen.
Warum ist er so freundlich? In Tel Aviv hätte das verdächtig gewirkt. Hier... ich wusste es nicht. Vielleicht waren deutsche Teenager wirklich so hilfsbereit.
»Danke«, formte ich lautlos mit den Lippen.
Die Stunde zog sich. Ich notierte pflichtbewusst alles, was Frau Weber sagte, auch wenn die Hälfte über meinen Kopf hinwegflog. Mein Deutsch war gut, aber Literaturanalyse auf Muttersprachlerniveau? Noch nicht.
Als es zur Pause klingelte, packte ich hastig meine Sachen zusammen.
»Hey, warte mal.« Leon war aufgestanden und lehnte sich lässig gegen meinen Tisch. »Brauchst du Hilfe beim Zurechtfinden? Die Schule ist ziemlich groß.«
Ich zögerte. Einerseits war ich dankbar für das Angebot. Andererseits... ich hasste es, hilfsbedürftig zu wirken.
»Ich komme schon klar«, sagte ich automatisch.
»Klar.« Er grinste wieder. »Trotzdem. Falls du Fragen hast – ich bin meistens hier in der Pause.« Er deutete zum Fenster. »Oder auf dem Hof. Und falls die Lehrer dich nach irgendwelchen Schulregeln fragen...« Er zog eine Grimasse. »Einige sind ziemlich pingelig.«
»Maya!« Eine Stimme von der anderen Seite des Klassenzimmers ließ mich herumfahren. Ein Mädchen mit langen, braunen Haaren und einem breiten Lächeln kam auf mich zu. Sie trug Jeans und einen bunten Pullover und strahlte eine unkomplizierte Freundlichkeit aus, die mich sofort entspannen ließ.
»Hi, ich bin Lena«, sagte sie fröhlich. »Ich hab gehört, du kommst aus Israel? Das ist ja total spannend! Ich war noch nie da, aber ich würde total gerne mal...«
»Lena«, unterbrach Leon belustigt. »Lass sie erst mal ankommen.«
»Oh, sorry!« Lena lachte und ihre Wangen röteten sich leicht. »Ich rede immer zu viel, wenn ich nervös bin. Nicht dass ich nervös wäre, aber... na ja, eine neue Mitschülerin aus Israel ist schon was Besonderes hier in Leipzig.«
Ich musterte die beiden. Leon, entspannt an den Tisch gelehnt, beobachtete unsere Unterhaltung mit diesen aufmerksamen grünen Augen. Lena sprudelte vor Energie über und wirkte, als würde sie gleich vor Neugier platzen. Beide wirkten... ehrlich. Ohne Hintergedanken.
»Ist schon okay«, sagte ich zu Lena. »Ja, ich komme aus Israel. Aus Tel Aviv.«
»Wow! Ist es da wirklich immer so warm? Und das Meer?« Lenas Augen leuchteten. »Hier ist es ja meistens grau und kalt...«
»Lena studiert praktisch den Wetterbericht von Tel Aviv«, kommentierte Leon trocken. »Seit sie weiß, dass du kommst.«
»Tu ich nicht!« protestierte Lena, wurde aber noch roter.
Ich fand mich dabei wieder, fast zu lächeln. Fast. Diese beiden hatten etwas... Leichtes. Unschuldiges. Als hätten sie nie etwas Schlimmes erlebt, nie nachts wach gelegen und auf Sirenen gehorcht.
Sie sind nett, dachte ich überrascht. Einfach nur... nett.
»Danke«, sagte ich leise. »Für... ihr wisst schon. Dass ihr freundlich seid.«
Leon und Lena wechselten einen Blick.
»Klar«, sagte Leon einfach. »Ist doch normal.«
Normal. Ich fragte mich, wann ich das Wort zum letzten Mal gedacht hatte.
Die Pausenglocke läutete und ich griff nach meinem Rucksack. Vielleicht würde dieser erste Tag ja doch nicht so schlimm werden.
»Kommst du mit zur Cafeteria?«, fragte Lena hoffnungsvoll. »Das Essen ist nicht großartig, aber...«
»Ich komme mit«, hörte ich mich sagen.
Und als wir zusammen den Klassenraum verließen – Leon rechts von mir, Lena links, beide redend und lachend – spürte ich zum ersten Mal seit Monaten so etwas wie... Hoffnung.
Auch wenn ich nicht wusste, worauf.
Nach der Deutschstunde folgte Geschichte mit Herrn Müller, einem Mann mittleren Alters mit Glatze und der Angewohnheit, beim Sprechen wild zu gestikulieren. Leon saß wieder neben mir – ich hatte mich bewusst neben ihn gesetzt, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, warum.
»Heute sprechen wir über Konfliktlösung in der internationalen Politik«, verkündete Herr Müller und schrieb das Thema an die Tafel. »Wer kann mir ein aktuelles Beispiel für einen lang andauernden Konflikt nennen?«
Mehrere Hände schossen in die Höhe. Leons war eine davon.
»Leon?«
»Der Israel-Palästina-Konflikt«, sagte Leon ohne zu zögern. »Ein Paradebeispiel für... komplexe Machtstrukturen.«
Mein Magen zog sich zusammen. Nicht schon wieder. Ich starrte auf mein Heft und tat, als würde ich Notizen machen.
»Interessant«, sagte Herr Müller. »Und wie würden Sie diesen Konflikt charakterisieren?«
»Naja...« Leon lehnte sich zurück, und ich spürte, wie er einen kurzen Blick zu mir warf. »Es ist... kompliziert. Beide Seiten haben gelitten. Aber manchmal entstehen Machtungleichgewichte, die... schwierig zu durchbrechen sind.«
Seine Antwort klang vorsichtiger als ich erwartet hatte. Fast, als würde er etwas zurückhalten.
»Maya«, sagte Herr Müller plötzlich, und mein Kopf schoss hoch. »Sie kommen aus Israel. Haben Sie eine Perspektive dazu?«
Alle Augen richteten sich auf mich. Mein Mund wurde trocken. »Ich... es ist wirklich kompliziert«, stammelte ich. »Vielleicht... könnten wir über einen anderen Konflikt sprechen?«
Leon sah mich mit einem undefinierbaren Ausdruck an – war das Mitgefühl? Neugier? Herr Müller nickte verständnisvoll und wechselte zum Kalten Krieg über.
Die restliche Stunde verlief ruhiger, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Immer wieder spürte ich Leons Blick auf mir. Er machte keine Notizen, beobachtete stattdessen abwechselnd den Lehrer und mich.
Als es zur großen Pause läutete, packte ich hastig meine Sachen zusammen.
»Hey«, sagte Leon leise. »Alles okay? Du wirkst...«
»Alles bestens«, unterbrach ich ihn schneller als nötig. »Ich muss nur... kurz weg.«
Bevor er antworten konnte, war ich aufgesprungen und zur Tür hinausgestürzt.
Das Mädchenklo im ersten Stock war zum Glück leer. Ich lehnte mich gegen die Tür und atmete tief durch. Warum bin ich weggelaufen? Er war doch vorsichtig...
Ich ging zu den Waschbecken und ließ kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen – ein Trick, den meine Schwester mir beigebracht hatte, wenn ich nervös war. War, dachte ich bitter. Als würde sie mir jemals wieder etwas beibringen können.
Durch das hohe Rundbogenfenster blickte ich hinaus auf den weitläufigen Pausenhof, wo üppige Kastanien ihre Schatten warfen. Die bunte Graffitiwand, ein Relikt der alten Turnhalle, leuchtete in der Herbstsonne. Schüler saßen auf der langen, von Efeu umrankten Bank und genossen die Pause.
Während ich mir die Hände wusch, starrte ich in den Spiegel über dem Waschbecken. Das Mädchen, das mich anblickte, sah müde aus. Meine dunklen Haare fielen etwas unordentlich um mein Gesicht – ich hatte vergessen, sie vor der Schule zu bürsten. Die braunen Augen wirkten zu groß für mein Gesicht, und meine Haut war blasser als zu Hause in Tel Aviv. Der Mangel an Sonne hier in Deutschland machte mir zu schaffen.
Du siehst aus wie ein verlorenes Kätzchen, würde meine Schwester gesagt haben. Sie hatte immer gewusst, wie sie mich zum Lächeln bringen konnte, selbst an schlechten Tagen.
Ich zog meinen Davidsternanhänger aus dem Ausschnitt meines Pullovers hervor und ließ ihn über dem Stoff hängen. In Israel hatte ich nie darüber nachgedacht – dort trugen viele Leute religiöse Symbole. Hier fühlte es sich anders an. Sichtbarer. Verletzlicher.
Was mache ich hier eigentlich? Dieser Leon war nett, das konnte ich nicht abstreiten. Und lustig. Und er half mir, ohne etwas dafür zu erwarten. Aber er war auch... politisch. Engagiert. Wahrscheinlich einer von denen, die bei Demonstrationen mitliefen und Meinungen hatten zu Dingen, die sie nur aus den Nachrichten kannten.
Trotzdem. Wenn ich ehrlich war, war er der erste Mensch seit Monaten, der mich zum Lächeln gebracht hatte. Und ich war so verdammt müde davon, allein zu sein.
Ich stopfte den Anhänger wieder unter den Pullover und richtete meine Haare. Eine Chance, beschloss ich. Ich gebe ihm eine Chance.
In Physik saß ich wieder neben Leon, diesmal ohne zu zögern. Herr Schmidt, ein hagerer Mann mit einem grauen Bart, schrieb Formeln zur Wellenausbreitung an die grüne Tafel neben dem modernen Smartboard.
»So«, sagte er, »wer kann mir die Grundformel für die Geschwindigkeit einer Welle erklären?«
Ich hob die Hand. Physik war easy – in Israel hatte ich immer gute Noten gehabt.
»Maya?«
»v gleich f mal lambda«, sagte ich. »Geschwindigkeit ist Frequenz mal Wellenlänge.«
»Sehr gut. Und können Sie das auch anhand eines praktischen Beispiels erklären?«
Ich nickte und begann, die Schallausbreitung zu erklären. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Leon versuchte, mitzuschreiben, aber seine Notizen sahen chaotisch aus.
Als Herr Schmidt uns Aufgaben zur Partnerarbeit gab, drehte Leon sich zu mir um.
»Okay«, sagte er mit einem unsicheren Grinsen. »Ich gebe zu – Physik ist nicht meine Stärke.«
»Das merkt man«, sagte ich trocken und blickte auf seine verwirrten Notizen.
»Autsch.« Er hielt sich die Brust, als wäre er getroffen. »Meine kleine Biene kann ganz schön stechen.«
Kleine Biene. Ich versuchte, nicht zu lächeln, scheiterte aber kläglich. »Zeig mal deine Aufgabe.«
Er schob mir sein Heft hin. Die Rechnung war komplett falsch, aber seine Handschrift war überraschend ordentlich – nur die Physik-Formeln waren durcheinander.
»Okay«, sagte ich und nahm seinen Stift. »Du hast die Formel richtig, aber hier...« Ich korrigierte seine Rechnung, erklärte dabei jeden Schritt.
Leon sah mir zu, wirklich aufmerksam. Nicht so, wie andere Jungs, die nur vorgaben zuzuhören. Er stellte intelligente Fragen, auch wenn er die Grundlagen nicht beherrschte.
»Du bist gut in dem Zeug«, sagte er, als ich fertig war.
»In Israel hatte ich Physik als Leistungskurs«, erklärte ich. »Wollte eigentlich... na ja, ist jetzt anders.«
»Was wolltest du werden?«
Ich zögerte. »Ingenieurin. Vielleicht bei der Armee oder...« Ich brach ab. Wieder einer dieser Momente, wo meine Vergangenheit zu kompliziert wurde für Small Talk.
»Hmm, IDF...« sagte Leon mit einem Ton, den ich nicht ganz deuten konnte. »Die haben ja... viel zu tun in letzter Zeit.«
Ich spürte, wie sich etwas in meinem Magen zusammenzog, entschied aber, es zu ignorieren. »Vielleicht könntest du mir ja mal helfen? Ich meine, wenn du Lust hast. Ich bezahle auch.«
»Du bezahlst?« Ich hob eine Augenbraue.
»Mit Döner. Oder Eis. Oder was auch immer Bienen essen.«
Dieses Mal konnte ich das Lächeln nicht unterdrücken. »Bienen essen Nektar, du Genie.«
»Siehst du? Darum brauche ich Nachhilfe. Nicht nur in Physik.«
Die Pausenglocke läutete, und die anderen Schüler begannen zu packen.
»Also?«, fragte Leon, während er seine Sachen zusammensuchte. »Hättest du Lust? Wir könnten uns heute Nachmittag treffen, wenn du willst.«
Ich dachte an den leeren Nachmittag zu Hause, an Papa, der bis spät arbeiten würde, an die Stille in unserer Wohnung. An die Alternative, allein zu sein mit meinen Gedanken.
»Okay«, hörte ich mich sagen. »Aber bei dir zu Hause. Unsere Wohnung ist...« zu deprimierend, zu leer, voller Erinnerungen – »...chaotisch gerade.«
Leon grinste. »Perfekt. Meine Familie ist zwar auch chaotisch, aber wenigstens ist es unterhaltsam.«
Als wir das Klassenzimmer verließen – Leon rechts von mir, wieder redend und lachend –, spürte ich etwas, was ich fast vergessen hatte: Vorfreude.
Und auch wenn eine kleine Stimme in meinem Kopf immer lauter warnte – seine Bemerkung über die IDF, sein Blick bei der Gazadiskussion, die Art wie er »Machtungleichgewichte« gesagt hatte –, dass das eine gefährliche Idee sein könnte, entschied ich mich bewusst, sie zu überhören. Ich war zu einsam, um auf Warnzeichen zu achten.
Manchmal musste man Risiken eingehen, um wieder leben zu lernen.
Die Tram ratterte durch Leipzig in Richtung Gohlis, und mit jeder Station wurde ich nervöser. Mit feuchten Händen rückte ich die Physikbücher in meinem Rucksack zurecht. Bei dem Jungen, den ich heute erst kennengelernt hatte. Was würden seine Eltern von mir denken? Eine Israeli, die ihrem Sohn Nachhilfe gibt?
Leon wartete an der Haltestelle auf mich, lässig gegen einen Laternenpfahl gelehnt. Als er mich sah, strahlte er über das ganze Gesicht.
»Hey, Bienchen«, sagte er grinsend, und ich musste trotz meiner Nervosität lächeln. Dieser alberne Spitzname war irgendwie zu unserem Ding geworden.
»Ich habe dir gesagt, mich nicht so zu nennen«, erwiderte ich halbherzig, aber ohne echten Ärger in der Stimme.
»Zu spät«, lachte er. »Du hast darauf reagiert.«
Wir liefen durch gepflegte Straßen mit prächtigen Altbauten. Gohlis war so anders als Connewitz – hier gab es keine bunten Graffitis oder anarchistischen Sticker. Stattdessen: saubere Fassaden, kleine Vorgärten, teure Autos.
»Hier ist es«, sagte Leon und deutete auf ein imposantes Gründerzeithaus. »Dritter Stock.«
Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs und alten Holzdielen. Leon öffnete eine schwere Eichentür, hinter der eine weitläufige Wohnung lag. Hohe Decken, Stuck, große helle Räume. Die haben wirklich Geld, dachte ich.
»Mama? Ich bin da! Mit Maya!«
Eine schlanke Frau um die vierzig kam aus der Küche, die Haare zu einem eleganten Bob frisiert, ein freundliches Lächeln im Gesicht.
»Hallo Maya, ich bin Sabine«, sagte sie und reichte mir die Hand. »Leon hatte gerade von dir erzählt. Du hilfst ihm in Physik?«
»Ja, gerne«, antwortete ich und hoffte, dass mein Akzent nicht zu stark durchkam.
»Das ist wunderbar. Leon braucht wirklich Hilfe«, sagte sie mit einem liebevoll-spöttischen Blick zu ihrem Sohn. »Ich bereite gerade das Abendessen vor. Ihr zwei könnt in Leons Zimmer lernen.«
Leon führte mich einen Flur entlang, vorbei an Familienfotos und teuren Kunstdrucken. Eine elegante Wendeltreppe führte zu den Schlaf- und Kinderzimmern. Sein Zimmer war überraschend aufgeräumt – ein großer Schreibtisch am Fenster, Bücherregale voller politischer Literatur, ein RB Leipzig-Poster über dem Bett.
»So«, sagte er und setzte sich an den Schreibtisch. »Bring mir bei, warum Physik nicht der Feind ist.«
Die nächste Stunde verging wie im Flug. Leon war ein aufmerksamer Schüler, stellte kluge Fragen und schien tatsächlich zu verstehen, was ich ihm erklärte. Es fühlte sich gut an, jemandem zu helfen, der wirklich lernen wollte.
»Kinetische Energie ist also die Energie der Bewegung«, wiederholte er konzentriert.
»Genau. Und potentielle Energie ist...«
»Gespeicherte Energie aufgrund der Position«, ergänzte er triumphierend.
»Siehst du? Du verstehst es längst. Du musst nur Vertrauen in dich haben.«
»Ja, ich spüre schon, wie die Energie zwischen uns fließt«, sagte er und lächelte.
Er schaute mich an, und für einen Moment war da etwas in seinen Augen, was mich verlegen machte. Redet er noch über Physik?
»Leon! Maya! Abendessen!«, rief Sabine aus der Küche.
Der Esstisch war liebevoll gedeckt – weißes Porzellan, Stoffservietten, frische Blumen in der Mitte. Ein Mann um die fünfzig saß bereits am Kopfende, graue Schläfen, gepflegter Anzug auch zuhause. Daneben ein junger Mann, der Leon ähnlich sah, aber schmaler und mit einem ironischen Lächeln.
»Maya, das ist mein Vater Thomas«, stellte Leon vor. »Und das ist mein Bruder Seb. Maya kommt aus Israel und hilft mir in Physik.«
»Hallo Maya«, sagte Thomas und stand auf, um mir die Hand zu schütteln. »Israel? Faszinierend. Ich war beruflich schon oft in Tel Aviv.«
»Sie arbeiten im Auslandsgeschäft?«, fragte ich höflich.
»Deutsche Bank Leipzig«, nickte er. »Institutionelle Kunden, internationale Finanzierungen. Sabine übrigens auch, Abteilung Risikomanagement.«
Beide bei der Bank? Kein Wunder, dass sie sich diese Wohnung leisten können.
»Ah, die Nachhilfelehrerin«, grinste Seb. »Leon, brauchst du jetzt schon externe Hilfe? Das wird ja immer schlimmer.«
»Halt die Klappe, Seb«, grummelte Leon, aber es klang liebevoll.
»Sebastian«, ermahnte Sabine ihren älteren Sohn, während sie Schüsseln auf den Tisch stellte. »Sei nett zu unserem Gast.«
Das Essen war köstlich – Rinderbraten mit Klößen und Rotkohl. Sehr deutsch, dachte ich amüsiert. Zuhause gab es meist israelische oder mediterrane Küche.
»Und Maya, wie gefällt dir Deutschland?«, fragte Thomas.
»Es ist... anders als zuhause. Aber die Menschen sind freundlich.«
»Das kann ich mir vorstellen. Gerade nach allem was dort passiert...«, begann Thomas, wurde aber von Sabine unterbrochen.
»Thomas, lass das Kind in Ruhe essen.«
»Ich meinte nur...«, setzte er erneut an.
»Papa, nicht schon wieder«, stöhnte Seb. »Du fängst mit deinen politischen Kommentaren an, bevor wir überhaupt fertig gegessen haben.«
»Es ist durchaus legitim, sich über das Weltgeschehen Gedanken zu machen«, verteidigte sich Thomas. »Zum Beispiel diese ganze Bankenregulierung aus Brüssel. Völlig realitätsfern.«
»Oh nein«, murmelte Sabine und rollte mit den Augen. »Jetzt geht es wieder los.«
»Die EU-Regulierung ist doch vernünftig«, konterte Leon. »Die Banken haben 2008 bewiesen, dass sie sich nicht selbst kontrollieren können.«
»Leon, du verstehst nicht, wie komplex internationale Finanzierungen sind«, sagte Thomas geduldig. »Zu viele Vorschriften lähmen die Wirtschaft.«
»Und zu wenige Vorschriften führen zu Krisen, die der Steuerzahler bezahlt«, schoss Leon zurück.
»Typisch links«, warf Seb ein. »Alles regulieren, den freien Markt abschaffen. Als würde das funktionieren.«
»Und typisch liberal«, erwiderte Leon. »Hauptsache die Reichen werden reicher.«
»Jungs!«, mahnte Sabine. »Wir haben Besuch!«
Ich beobachtete fasziniert, wie die drei Männer sich über Politik stritten, aber ohne wirkliche Feindseligkeit. Es war mehr wie ein Ritual, ein Spiel, bei dem jeder seine Rolle kannte.
»Sorry Maya«, sagte Thomas zu mir. »Wir diskutieren gerne. Aber sag mal, wie siehst du denn die Situation im Nahen Osten? Da bist du ja praktisch Expertin.«
Mein Magen verkrampfte sich. Das Gespräch war gefährlich nahe an dem Territorium angekommen, das ich meiden wollte. Leon schaute mich gespannt an.
»Äh... es ist kompliziert«, sagte ich vage. »Aber erzählen Sie lieber von Leipzig! Ich kenne die Stadt noch nicht so gut.«
Geschickt gelenkt. Thomas ließ sich gerne auf sein Lieblingsthema Leipzig ein, und die gefährliche Klippe war umschifft.
»Leipzig ist eine wunderbare Stadt«, schwärmte er. »Besonders für Fußball! Leon und ich sind RB Leipzig Fans. Seb interessiert sich mehr für die großen internationalen Vereine.«
»Lokaler Fußball ist nett«, sagte Seb grinsend. »Aber die Champions League ist viel spannender. Man City, Real Madrid – das sind echte Global Player.«
»Und der FC Erzgebirge Aue!«, ergänzte Thomas begeistert. »Da kommen wir her, aus dem Erzgebirge. Das ist mein Herzensverein.«
»Global Player hin oder her«, sagte Thomas zu Sebastian. »Heimatvereine haben Seele!«
»RB Leipzig ist eh besser als der Kommerzfußball von Real Madrid.«, murmelte Leon. »Aber den FC Erzgebirge kannste ganz vergessen.«
»Leon!«, protestierte Thomas. »FC Erzgebirge Aue ist ein ambitionierter Verein!« Er schaute zu Sebastian. »Und Real Madrid ist wirklich nur ein Geschäft.«
Ich lächelte und entspannte mich wieder. Über Fußball konnte ich zuhören, ohne emotional zu werden.
Nach dem Essen half ich Sabine beim Abräumen – sehr zu ihrer Freude.
»Endlich mal jemand, der mitdenkt!«, sagte sie zu mir. »Die Männer hier lassen mich immer alles alleine machen.«
»Hey, das stimmt nicht!«, protestierte Leon aus dem Wohnzimmer.
»Doch!«, rief Sabine zurück. »Du hilfst nur, wenn ich dich drei Mal darum bitte!«
Als ich später mit Leon zur Straßenbahnhaltestelle lief, dachte ich über den Abend nach. Seine Familie war nett, gebildet, wohlhabend. Aber auch politisch zerstritten – und das auf eine Art, die mir zeigte, wie privilegiert sie waren. Sie konnten sich über Politik streiten, weil es für sie ein akademisches Spiel war. Nicht Leben oder Tod.
»Deine Familie ist nett«, sagte ich zu Leon.
»Auch wenn sie ständig streiten?«
»Gerade deshalb. Es zeigt, dass ihr euch trotzdem liebt.«
Leon blieb stehen und schaute mich an. »Maya?«
»Ja?«
»Danke. Für heute. Für... alles.«
Er küsste mich sanft auf die Wange, und ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Auf der Rückfahrt in der Tram dachte ich daran, wie Thomas nach dem Nahen Osten gefragt hatte. Ein harmloses Interesse, aber es hatte mich trotzdem alarmiert. Wie lange würde ich diese Gespräche noch umgehen können?
Eine Weile noch, hoffte ich. Solange wie möglich.
Der warme Nachmittagssonnenschein fiel durch Leons Zimmerfenster und tauchte seinen Schreibtisch in goldenes Licht. Es war die dritte Woche, in der ich ihm Nachhilfe gab, und seine Physikbücher lagen zwischen uns ausgebreitet wie eine kleine Landschaft aus Formeln und Diagrammen.
»Impuls ist das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit«, erklärte ich Leon, während wir an seinem Schreibtisch saßen. Seine Fortschritte waren beeindruckend.
»Also p gleich m mal v«, murmelte er konzentriert und schrieb die Formel auf. »Aber warum ist das wichtig?«
»Stell dir vor, du spielst Fußball«, sagte ich. »Der Ball hat eine bestimmte Masse. Wenn du ihn härter trittst...«
»...erhöht sich die Geschwindigkeit, und damit der Impuls«, vollendete er grinsend. »Und je mehr Impuls, desto schwerer ist er zu stoppen.«
»Genau! Du verstehst es wirklich.«
Leon lehnte sich zurück und schaute mich an. »Du bist eine gute Lehrerin, Bienchen. Viel besser als Herr Schmidt in der Schule.«
Ich spürte, wie mir warm wurde. »Hör auf mit dem Spitznamen.«
»Niemals«, lachte er. »Es steht dir. Du bist fleißig wie eine Biene, aber auch... summst so schön vor dich hin, wenn du nachdenkst.«
»Ich summe nicht!«, protestierte ich.
»Doch, tust du. Gerade eben hast du die Melodie von ›Seven Nation Army‹ gesummt.«
Hatte ich das wirklich? Ich merkte, wie ich rot wurde. »Das... das mache ich unbewusst.«
»Es ist süß«, sagte Leon leise, und plötzlich war die Atmosphäre anders. Elektrisch.
»Ähm... sollen wir mit Stoßgesetzen weitermachen?«, fragte ich schnell.
Am Tag darauf läutete die Schulklingel über den Pausenhof, und Hunderte von Stimmen mischten sich zu einem lebendigen Geräuschteppich. Die große Linde warf ihren Schatten über die Bank, wo Lena mit ein paar anderen aus unserer Klasse saß. Der milde Frühlingswind trug das Lachen und die Gespräche der Schüler zu uns herüber.
»Maya! Hier drüben!« Lenas Stimme hallte über den Schulhof. Ich winkte ihr zu und ging mit Leon hinüber zu der Bank, wo sie mit ein paar anderen aus unserer Klasse saß.
»Hey Lena«, sagte ich und setzte mich neben sie. Leon ließ sich auf die Lehne fallen, lässig aber nah genug, dass ich seinen Arm spürte.
»Und, wie läuft die Nachhilfe?«, fragte Lena grinsend. »Leon, verstehst du endlich, warum Äpfel auf den Boden fallen?«
»Ha ha, sehr witzig«, erwiderte Leon. »Für deine Information: Ich habe gestern zehn Punkte in der Physikklausur geschrieben.«
»Wirklich?« Lena schaute beeindruckt zwischen uns hin und her. »Maya, du bist ein Wunder! Was ist dein Geheimnis?«
»Sie erklärt es so, dass es Sinn macht«, sagte Leon. »Und sie ist geduldig. Sogar wenn ich zum zehnten Mal frage, warum F gleich m mal a ist.«
»Das ist die Kraft, oder?«, fragte Lena.
»Kraft gleich Masse mal Beschleunigung«, bestätigte ich. »Die Grundlage der Mechanik.«
Leon zog sein Handy hervor und öffnete eine App. »Hört mal, ich habe etwas für euch.« Er drückte Play, und Musik erklang – eine ruhige, melancholische Melodie.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Ludovico Einaudi. ›Nuvole Bianche‹«, sagte er. »Findet ihr nicht, dass Physik wie Musik ist? Alles folgt bestimmten Gesetzen, aber wenn es zusammenkommt...«
»...wird es zu etwas Schönem«, vollendete ich und schaute ihn überrascht an. »Das... das ist eine wunderschöne Art, es zu betrachten.«
Unsere Blicke trafen sich, und für einen Moment vergaß ich alles andere. Lena räusperte sich theatralisch.
»Ihr zwei seid süß«, sagte sie grinsend. »Wann ist eigentlich die Hochzeit?«
»Lena!«, rief ich empört.
Leon lachte nur. »Erst muss ich Physik bestehen.«
Der Samstagnachmittag lag wie warmer Honig über Connewitz. Die bunten Häuserfassaden leuchteten in der Sonne, und aus den kleinen Cafés drang der Duft von frisch geröstetem Kaffee und gebackenem Kuchen. Unsere Schritte hallten gemächlich auf dem Kopfsteinpflaster, während wir Hand in Hand durch die Straßen wanderten.
»Erzähl mir von Tel Aviv«, sagte Leon plötzlich, während wir an einer Straßenecke stehen blieben.
Mein Magen verkrampfte sich leicht. »Was willst du wissen?«
»Alles. Wie es dort riecht, wie die Menschen sind, was du vermisst.«
Ich zögerte. »Es riecht nach... nach Meer und Jasmin und manchmal nach Zigarettenrauch von den Cafés. Die Menschen sind...« laut, direkt, warmherzig, aber auch müde, dachte ich. »...sehr lebendig.«
»Und du vermisst es?«
»Ja«, sagte ich ehrlich. »Aber nicht alles.«
Leon blieb stehen und drehte sich zu mir um. »Was vermisst du nicht?«
Die Sirenen, die Angst, die Nachrichten, die Erinnerungen... »Das... das ist kompliziert.«
»Okay«, sagte er sanft und nahm meine Hand. »Du musst nichts erzählen, was du nicht möchtest.«
Seine Hand war warm und stark, und zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich mich sicher. Wir gingen weiter, Hand in Hand, und sprachen über unwichtige Dinge – über Musik, über Bücher, über die lustige Art, wie manche Deutsche »sch« aussprechen.
»Du weißt«, sagte Leon, als wir vor einem Graffiti stehen blieben, das »Make Love Not War« verkündete, »ich bewundere dich.«
»Warum?«
»Du bist so stark. Du kommst in ein fremdes Land, lernst eine neue Sprache, hilfst anderen...« Er schaute mich an. »Du bist besonders, Maya.«
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Stark? Ich fühlte mich die meiste Zeit wie zerbrochen.
»Kommst du mit zur Demo am Freitag?«, fragte Leon nach einer Physikstunde. »Es geht um Klimagerechtigkeit und soziale Themen.«
Ich zögerte. »Ich... ich bin nicht politisch.«
»Musst du auch nicht sein. Es geht um Menschen. Um Gerechtigkeit.« Seine Augen leuchteten. »Außerdem würde es mir viel bedeuten, wenn du dabei wärst.«
Wie hätte ich Nein sagen können?
Der Freitagnachmittag hüllte den Augustusplatz in sanftes, goldenes Licht. Der große, offene Platz war bereits voller Menschen mit Schildern und Bannern, ihre Stimmen vermischten sich zu einem vielstimmigen Chor der Überzeugung. »Klimaschutz jetzt!«, »Gegen Armut!«, »Menschenrechte für alle!« stand darauf.
»Maya!« Lena kam auf uns zugelaufen, ein selbstgemaltes Schild in der Hand: »Zukunft statt Zerstörung«. »Du bist auch da! Das ist toll!«
»Lena sammelt Demonstrationserfahrungen«, erklärte Leon grinsend. »Letzte Woche war sie bei Fridays for Future.«
»Es macht Spaß, für etwas Sinnvolles einzustehen«, sagte Lena strahlend.
Leon führte uns durch die Menge. Überall sah ich junge Gesichter, Familien mit Kindern, ältere Menschen mit entschlossenen Mienen. Die Stimmung war friedlich aber energiegeladen.
»Da vorne ist die Bühne«, sagte Leon und deutete nach vorn. »Gleich geht es los.«
Eine junge Frau mit einem Megafon begann zu sprechen: »Wir sind hier, weil wir eine gerechtere Welt wollen. Eine Welt ohne Armut, ohne Umweltzerstörung, ohne Ungerechtigkeit!«
Die Menge jubelte. Ich schaute zu Leon und sah, wie seine Augen strahlten. Er war in seinem Element.
»Und jetzt«, rief die Moderatorin, »möchte Leon Auerswald ein paar Worte an uns richten!«
Leon? Ich starrte ihn überrascht an.
»Du hältst eine Rede?«, flüsterte ich.
Er grinste verschmitzt. »Kleine Überraschung.« Er küsste mich schnell auf die Wange und bahnte sich einen Weg zur Bühne.
Mein Herz klopfte, als ich ihn auf der kleinen Bühne sah. Er nahm das Mikrofon und schaute über die Menge.
»Hallo Leipzig!«, rief er, und die Menge antwortete mit Jubel. »Ich bin Leon, sechzehn Jahre alt, und ich glaube an eine bessere Zukunft!« Seine Stimme war klar und selbstbewusst.
»Wir leben in einer Zeit, in der manche Menschen im Überfluss schwelgen, während andere hungern. In der wir unseren Planeten zerstören für kurzfristige Profite. In der Menschen diskriminiert werden wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Identität.«
Er machte eine kurze Pause, ließ die Stille wirken. »Aber wir sind hier, weil wir wissen: Es geht anders! Wir können eine Welt schaffen, in der alle Menschen in Würde leben können. Eine Welt des Friedens, der Gerechtigkeit, der Solidarität!«
Frieden, dachte ich. Wenn es nur so einfach währe.
Er deutete in die Menge. »Viele sagen: ›Ihr seid zu jung, ihr versteht die Welt nicht.‹ Aber genau das Gegenteil ist wahr! Wir verstehen die Welt, weil wir die Zukunft sind, die sie betrifft. Wir sind die Generation, die nicht wegsehen kann, wenn Wälder brennen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, wenn Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Wir sind die, die später erklären müssen, warum wir nichts getan haben – oder die stolz sagen können: Ja, wir haben etwas verändert!«
Die Menge jubelte. Leon hob die Stimme, seine Augen funkelten. »Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, mutig zu sein. Jeder von uns kann im Kleinen beginnen: weniger verschwenden, mehr teilen, aufstehen, wenn jemand Unrecht erleidet. Aber vor allem: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir gemeinsam lauter sind als jede einzelne Stimme!«
Er streckte die Hand aus, als wolle er alle mitnehmen. »Wir brauchen keine Angst davor zu haben, groß zu träumen. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, unbequem zu sein. Veränderung beginnt genau hier – auf diesem Platz, in dieser Stadt, in unseren Herzen. Wir sind viele, und wir sind entschlossen!«
Er ließ den Blick über die Menge schweifen. »Stellt euch vor, wir würden aufhören zu sagen: ›Das geht nicht.‹ Und anfangen zu sagen: ›Lasst es uns versuchen.‹ Stellt euch vor, wie viel stärker, gerechter, menschlicher unsere Welt sein könnte. Genau dafür sind wir hier!«
Dann senkte er das Mikrofon leicht, seine Stimme wurde ruhiger, fast vertraulich: »Es liegt an uns. An jedem Einzelnen. Und ich verspreche euch: Ich werde nicht aufhören, für diese Zukunft zu kämpfen. Weil sie es wert ist. Weil wir es wert sind.«
Die Menge hörte gebannt zu. Ich auch.
»Jeder von uns kann einen Unterschied machen«, fuhr Leon fort. »Mit kleinen Taten, mit großen Träumen, mit der Bereitschaft, für das Richtige einzustehen. Gemeinsam sind wir stärker!«
Die Menge applaudierte lautstark. Ich applaudierte auch, aber mein Blick wanderte über die vielen Schilder und Banner. Die meisten waren harmlos, aber am Rand der Demonstration sah ich einzelne Palästinaflaggen. Mein Magen verkrampfte sich.
Nicht hier, dachte ich. Nicht jetzt.
Ich schob die Gedanken weg und konzentrierte mich auf Leon, der gerade von der Bühne kam und strahlend auf mich zuging.
»Du warst… wow«, sagte Lena und umarmte ihn. »So überzeugend!«
»Du warst unglaublich«, sagte ich leise, als er bei mir ankam. »Ich wusste nicht, dass du so… leidenschaftlich sein kannst.«
»Nur bei Dingen, die mir wichtig sind«, sagte er und schaute mich intensiv an.
Die Demonstration setzte sich in Bewegung. Wir liefen durch die Leipziger Innenstadt, riefen Slogans, sangen Lieder. Lena hakte sich bei mir unter, Leon ging auf meiner anderen Seite. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein normaler Teenager, der für eine bessere Welt demonstriert.
Aber die Palästinaflaggen tauchten immer wieder in meinem Blickfeld auf. Jedes Mal krampfte sich mein Magen zusammen, und ich zwang mich, wegzuschauen.
Die Abenddämmerung legte sich sanft über den Augustusplatz, als Leon und ich langsam zurückkehrten. Die Straßenlaternen begannen zu flackern, und die letzten Demonstranten verteilten sich in alle Himmelsrichtungen. Lena war zu ihrer Volleyballgruppe gegangen, und wir waren allein in der sich leerenden Stadt.
»Danke, dass du mitgekommen bist«, sagte Leon. »Es bedeutet mir viel, dass du dabei warst.«
»Du warst beeindruckend da oben«, sagte ich ehrlich. »Ich habe nie jemanden gesehen, der so... überzeugend sprechen kann.«
»Wirklich?« Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. »Maya, ich muss dir etwas sagen.«
Mein Herz begann schneller zu klopfen. »Was?«
»Ich...« Er lächelte verlegen. »Seit dem ersten Tag, als du dich neben mich gesetzt hast, denke ich nur noch an dich. Du bist klug und schön und stark und...« Er stockte. »Ich glaube, ich bin verliebt in dich.«
Die Welt schien stillzustehen. Verliebt? In mich?
»Leon, ich...«
»Du musst nichts sagen«, sagte er schnell. »Ich wollte es nur... du solltest es wissen.«
Aber ich wollte etwas sagen. Ich wollte ihm sagen, dass er auch ständig in meinen Gedanken war. Dass seine Leidenschaft mich faszinierte. Dass ich mich bei ihm sicher fühlte wie schon lange nicht mehr.
Stattdessen tat ich etwas völlig Unerwartetes: Ich ging einen Schritt auf ihn zu und küsste ihn.
Seine Lippen waren warm und weich, und als er seine Arme um mich legte, vergaß ich alles andere. Die Palästina-flaggen, die Erinnerungen, die Angst – alles war weg. Es gab nur uns zwei, und obwohl Menschen um uns herum liefen und redeten, Straßenbahnen vorbeifuhren und das Leben der Stadt weiterging, fühlte es sich an, als seien wir allein auf der Welt. Die letzten Strahlen der Abendsonne umhüllten uns wie ein warmer Mantel.
Als wir uns lösten, lächelte Leon so strahlend, als hätte er gerade die Weltformel entdeckt.
»Das war...«, begann er.
»Die beste Impulsübertragung aller Zeiten«, vollendete ich grinsend.
Er lachte laut auf. »Du machst sogar beim Küssen Physikerwitze!«
»Das liegt daran, dass du ein schlechter Einfluss auf mich bist«, sagte ich und küsste ihn noch einmal.
In diesem Moment, mit Leons Armen um mich und seinen Lippen auf meinen, fühlte ich mich vollständig glücklich. Die Schatten der Vergangenheit waren noch da, aber sie schienen weiter weg, weniger bedrohlich.
Vielleicht, dachte ich, vielleicht kann ich hier wirklich ein neues Leben beginnen.
»Bist du nervös?«, fragte Leon grinsend, als wir vor der Haustür unserer Wohnung in der Südvorstadt standen. Die alte Gründerzeitvilla war in warmes Abendrot getaucht, und durch die hohen Fenster des ersten Stocks konnte ich das schwache Licht aus unserer Küche sehen.
»Warum sollte ich nervös sein?«, log ich. »Du bist derjenige, der gleich meinen Vater kennenlernt.«
»Stimmt auch wieder.« Leon strich sich durch die Haare und schaute zu den verzierten Balkonen hinauf. »Was soll ich sagen? Wie soll ich mich verhalten?«
»Einfach du selbst sein.« Ich suchte nach dem Schlüssel in meiner Tasche und atmete den Duft der Lindenbäume ein, die die kleine Straße säumten. »Papa ist ziemlich entspannt. Er wird dich mögen.«
Hoffentlich, dachte ich. Papa hatte in den letzten Wochen immer wieder gefragt, wer der Junge sei, der mich zum Lächeln bringt. Er hatte bemerkt, dass ich wieder fröhlicher war, dass ich öfter summte, dass ich nicht mehr so viel Zeit allein in meinem Zimmer verbrachte.
Das Treppenhaus roch nach altem Holz und dem Lavendelreiniger, den Frau Sprewitz aus dem Erdgeschoss benutzte. Unsere Schritte hallten auf den abgetretenen Stufen, während wir in den ersten Stock hinaufstiegen.
»Papa? Ich bin da!«, rief ich, als ich die Wohnungstür aufschloss.
»In der Küche!«, kam die Antwort aus dem hinteren Teil der Wohnung.
Wir gingen durch den schmalen Flur, an dessen Wände Papa ein paar seiner wenigen Fotos gehängt hatte – hauptsächlich Landschaftsbilder aus Deutschland, die er auf Wanderungen gemacht hatte. Die Küche war klein, aber gemütlich, mit cremefarbenen Schränken und einer alten, aber funktionsfähigen Küchenzeile. Papa stand am Herd und rührte in einem großen Topf, aus dem es nach Tomatensauce und Kräutern duftete. Er trug sein altes graues T-Shirt und sah müde aus – wahrscheinlich hatte er wieder bis spät gearbeitet.
»Papa, das ist Leon«, sagte ich. »Leon, das ist mein Vater, David.«
Papa drehte sich um und lächelte warm. Seine Augen, die die gleiche dunkle Farbe hatten wie meine, leuchteten auf. »Leon! Endlich lerne ich dich kennen.« Er wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und streckte Leon die Hand entgegen. »Maya hat in letzter Zeit viel über dich erzählt.«
»Hab ich nicht!«, protestierte ich, obwohl es stimmte.
Leon schüttelte Papas Hand fest. »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Herr Levi.«
»David reicht völlig«, sagte Papa mit einem Lachen. »Herr Levi macht mich alt. Wollt ihr zu Abend essen? Ich habe Pasta gemacht – nichts Besonderes, aber es riecht schon mal gut.«
»Gerne«, sagte Leon. »Darf ich helfen?«
Papa schaute überrascht auf. »Natürlich. Maya, kannst du den Tisch decken?«
Während ich das Geschirr aus dem Schrank holte – das einfache weiße Service, das Papa und ich uns nach meiner Ankunft gekauft hatten –, beobachtete ich die beiden aus den Augenwinkeln. Papa zeigte Leon, wo die Gläser standen, und Leon fragte höflich nach diesem und jenem. Sie wirkten entspannt miteinander, als würden sie sich schon länger kennen.
Das läuft gut, dachte ich erleichtert und deckte den kleinen Esstisch, der direkt an die Küche anschloss.
Zwanzig Minuten später saßen wir alle am Tisch. Die Kerze, die Papa angezündet hatte, warf warme Schatten an die Wände und ließ das ganze Zimmer gemütlicher wirken. Draußen war es inzwischen fast dunkel geworden, und das Licht der Straßenlaternen zeichnete lange Streifen auf den Holzboden.
»Also, Leon«, sagte Papa, während er sich Pasta auf den Teller schaufelte, »Maya erzählt mir, dass du dich sehr für Politik interessierst.«
Leon nickte eifrig und legte seine Gabel kurz hin. »Ja, sehr sogar. Ich finde, unsere Generation muss Verantwortung übernehmen für die Zukunft.«
»Das sehe ich genauso.« Papa lächelte nachdenklich. »Was für politische Themen beschäftigen dich denn besonders?«
»Vor allem soziale Gerechtigkeit«, sagte Leon, und seine Augen leuchteten mit derselben Leidenschaft auf, die ich schon bei der Demo gesehen hatte. »Klimawandel, Ungleichheit, Menschenrechte... solche Sachen.«
Ich spürte, wie sich mein Magen verkrampfte. Bitte nicht über den Nahen Osten, dachte ich. Bitte nicht jetzt.
»Das sind wichtige Themen«, sagte Papa und drehte nachdenklich sein Weinglas zwischen den Fingern. »Gerade als junger Mensch ist es gut, dass du dir Gedanken machst.«
»In meinem Alter waren viele von uns noch sehr naiv«, fügte er hinzu, und ich hörte etwas in seiner Stimme, das mich aufhorchen ließ – eine Schwermut, die ich kannte, aber nie richtig verstanden hatte. »Man glaubt oft, die Welt sei einfacher, als sie ist.«
Leon schaute interessiert auf. »Wie meinen Sie das?«
»Nun ja...« Papa zögerte einen Moment und schaute aus dem Fenster in die dunkle Straße. »Manchmal dauert es Jahre, bis man versteht, wie komplex manche Konflikte sind. Wie sehr Menschen von ihrer Umgebung geprägt werden.«
Ich starrte auf meinen Teller, auf die Spiralnudeln, die plötzlich wie kleine Labyrinthe aussahen. Er redet über sich selbst, dachte ich. Über Mama. Über Israel.
»Maya«, sagte Papa plötzlich, »kannst du uns noch etwas Wasser holen?«
Ich stand dankbar auf und ging zum Kühlschrank, froh über die Ablenkung.
Eine Stunde später war das Essen vorbei, und Leon musste langsam nach Hause. Die Atmosphäre war entspannt geblieben – Papa hatte keine weiteren schwierigen Fragen gestellt, sondern stattdessen Leon von seinen Wanderungen in der sächsischen Schweiz erzählt. Leon hatte begeistert zugehört und Papa von seinem Lieblingssport, dem Klettern, erzählt.
Als Leon kurz auf die Toilette ging, blieb ich mit Papa allein in der Küche zurück. Er räumte die Teller in die Spülmaschine und bewegte sich dabei mit der ruhigen Präzision, die ich an ihm kannte.
»Er ist ein guter Junge«, sagte Papa leise, ohne von den Tellern aufzuschauen. »Ich mag ihn.«
»Wirklich?« Ich spürte, wie sich meine Schultern entspannten.
»Wirklich. Er ist höflich, intelligent, und...« Papa drehte sich zu mir um und lächelte, »er macht dich glücklich. Das sehe ich.«
Ich schaute weg und fixierte einen Punkt auf der Arbeitsplatte. »Es ist nur... wir sind erst seit ein paar Wochen zusammen.«
»Trotzdem. Du lächelst wieder, Maya. Du singst morgens unter der Dusche. Du isst mehr.« Er legte mir die Hand auf die Schulter, und ich spürte seine Wärme durch den dünnen Stoff meines Pullovers. »Seit Monaten habe ich mir Sorgen gemacht, und jetzt...«
»Papa.« Meine Stimme wurde leiser. »Ich will nicht darüber reden.«
»Ich weiß.« Er drückte meine Schulter sanft. »Aber ich bin froh, dass du Leon hast. Dass du jemanden gefunden hast, der dich zum Lachen bringt.«
In diesem Moment kam Leon zurück, und Papa löste schnell seine Hand von meiner Schulter. »Entschuldigung, ich hoffe, ich habe nichts verpasst.«
»Gar nichts«, sagte Papa schnell. »Wir haben nur über Mayas Kochkünste geredet.«
»Ich kann nicht kochen!«, protestierte ich.
»Das stimmt«, bestätigte Papa grinsend. »Letzte Woche hat sie versucht, Nudeln zu machen, und dabei fast die Küche abgefackelt.«
»Papa!«
Leon lachte herzlich. »Das muss ich hören!«
Später, als Leon gehen musste, begleitete ich ihn die Treppe hinunter bis zur Haustür. Die Straße lag still da, nur ein paar Fenster in den anderen Häusern waren noch erleuchtet. Ein kühler Abendwind spielte mit den Blättern der Lindenbäume.
»Dein Vater ist toll«, sagte Leon und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Ich mag ihn wirklich.«
»Er mag dich auch.« Ich lehnte mich gegen die Wand neben ihm. »Danke, dass du heute hier warst.«
»Danke, dass du mich eingeladen hast.« Er küsste mich sanft, seine Lippen warm gegen meine kühlen. »Ich liebe es, mehr über dich zu erfahren.«
Nachdem er in der Dunkelheit verschwunden war, ging ich wieder nach oben. Ich fand Papa im kleinen Wohnzimmer, das nur durch eine einzelne Stehlampe beleuchtet war. Er saß auf dem alten braunen Sofa und las ein Buch – einen technischen Wälzer über Cybersecurity –, aber ich sah an der Art, wie er die Seiten umblätterte, dass er nicht wirklich konzentriert war.
»Danke«, sagte ich leise und setzte mich in den Sessel ihm gegenüber.
»Wofür?«
»Dass du so nett zu ihm warst. Dass du nicht... zu viele Fragen gestellt hast.«
Papa schaute von seinem Buch auf, und im Lampenlicht sah er älter aus als sonst, müder. »Maya, ich will nur, dass du glücklich bist. Und Leon macht dich glücklich.«
»Das tut er.« Ich zog die Beine unter mich. »Er ist anders als... als alle anderen.«
»Das sehe ich.« Papa legte das Buch beiseite und lehnte sich zurück. »Und wenn du bereit bist, über andere Dinge zu reden, bin ich da. Das weißt du, oder?«
Ich nickte, obwohl mein Hals eng wurde. »Ich weiß.«
Aber ich war nicht bereit. Ich wollte nicht über andere Dinge reden. Ich wollte nur hier sitzen, in diesem warmen Zimmer mit seinen wenigen, sorgfältig ausgewählten Möbeln, bei Papa, und an Leon denken, und so tun, als wäre das alles, was zählte.
Vielleicht, dachte ich und lauschte dem leisen Rauschen der Bäume vor dem Fenster, kann es das wirklich sein.
Die Oktobersonne schien warm auf die Leipziger Innenstadt, während Leon und ich Hand in Hand über das Kopfsteinpflaster der Grimmaischen Straße schlenderten. Wir hatten gerade »Dune: Part Two« im CineStar gesehen, und Leon redete noch immer begeistert über die Spezialeffekte und die politischen Metaphern des Films.
»Die Art, wie Villeneuve die Unterdrückung der Fremen dargestellt hat«, sagte er und gestikulierte lebhaft mit seiner freien Hand, »das ist genau das, was heute überall auf der Welt passiert. Menschen kämpfen gegen ihre Kolonisatoren.«
Ich nickte halbherzig und beobachtete die Straßenmusiker vor der Mädlerpassage. Ein alter Mann spielte Geige, und seine Melodie mischte sich mit dem Stimmengewirr der Touristen. Das war es, was ich an Leipzig liebte – diese Mischung aus Geschichte und Leben, die ständige Bewegung ohne die Hektik einer Großstadt.
»Du bist still«, bemerkte Leon und drückte meine Hand. »Hat dir der Film nicht gefallen?«
»Doch, schon.« Ich lächelte ihn an. »Ich mag es nur, dir beim Denken zuzuhören.«
Er grinste und küsste mich auf die Stirn. »Bienchen, du machst mich verlegen.«
Wir bogen in die Petersstraße ein und schlenderten in Richtung Marktplatz. Die Nachmittagssonne tauchte die Fassaden der Gründerzeithäuser in goldenes Licht, und für einen Moment fühlte sich alles perfekt an. Leon erzählte von seinem nächsten Physiktest, ich hörte zu und dachte daran, wie glücklich ich mich in den letzten Wochen gefühlt hatte.
Dann hörten wir die Rufe.
Schon von weitem war das rhythmische Skandieren zu vernehmen, das sich über den Marktplatz ausbreitete. Mein Schritt verlangsamte sich unwillkürlich, aber Leon zog mich weiter.
»Komm, schauen wir mal, was los ist«, sagte er neugierig.
Als wir um die Ecke bogen, sahen wir sie: etwa fünfzig Menschen mit Transparenten und Palästinaflaggen, die sich vor dem Alten Rathaus versammelt hatten. »Free Palestine« stand in großen Buchstaben auf einem Banner, und die Demonstranten riefen Slogans, die ich nicht verstehen wollte.
Mein Herz begann zu rasen. Die rot-schwarz-weiß-grünen Flaggen schienen plötzlich das ganze Blickfeld auszufüllen, und die Rufe klangen lauter, aggressiver, als sie vermutlich waren. Ich blieb stehen und spürte, wie meine Handflächen feucht wurden.
»Oh, eine Solidaritätsdemo«, sagte Leon, und in seiner Stimme schwang Interesse mit. »Gut, dass die Leute sich für die Unterdrückten einsetzen.«
Nein, dachte ich. Bitte nicht jetzt.
Ich versuchte, Leon in eine andere Richtung zu ziehen, aber er schien fasziniert von der Demonstration. Seine Augen leuchteten mit der gleichen Leidenschaft auf, die ich schon bei unserer ersten gemeinsamen Demo gesehen hatte.
»Maya, siehst du das?«, sagte er und deutete auf ein Transparent mit der Aufschrift »Stoppt den Völkermord«. »Endlich protestiert jemand gegen das, was dort drüben passiert. Die Palästinenser haben das Recht, sich zu wehren.«
Meine Kehle schnürte sich zu. Die Worte trafen mich wie physische Schläge, aber ich versuchte, mein Gesicht neutral zu halten.
»Leon«, sagte ich leise, »können wir einfach weitergehen?«
Aber er hörte mich nicht richtig. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf die Demo gerichtet.
»Weißt du«, fuhr er fort, »die meisten Deutschen wissen gar nicht, was wirklich in Gaza passiert. Wie die Menschen dort eingesperrt sind, wie Kinder sterben...«
Stop. Das Wort schrie in meinem Kopf, aber meine Lippen bewegten sich nicht.
Bilder blitzten vor meinen Augen auf – Bilder, die ich seit Monaten erfolgreich verdrängt hatte. Eine Nachrichtensendung in Tel Aviv. Mamas Schreie in unserem Wohnzimmer. Ein Anruf, der alles veränderte. Ein Name, den ich nicht denken durfte. Ein Gesicht, das ich nicht sehen wollte.
»Leon, bitte«, sagte ich und zog stärker an seinem Arm. »Ich möchte hier weg.«
Er schaute mich verwirrt an. »Warum? Es ist doch nur eine friedliche Demo. Es ist wichtig, dass-«
»Nein!« Das Wort kam schärfer heraus, als ich wollte. »Es ist nicht wichtig. Zumindest nicht jetzt.«
Leon blinzelte überrascht. »Maya, was ist los? Du wirst ganz blass.«
Ich zwang mich zu einem Lächeln und schüttelte den Kopf. »Mir ist nur ein bisschen schwindelig. Können wir einen Kaffee trinken gehen? Irgendwo anders?«
Für einen Moment sah er aus, als wollte er etwas sagen. Sein Blick wanderte zwischen mir und der Demo hin und her, und ich sah die Verwirrung in seinen Augen. Aber dann nickte er.
»Natürlich. Komm, wir gehen ins Café Central.«
Während wir uns von der Demonstration entfernten, konnte ich die Rufe noch immer hören. Sie folgten uns wie ein Echo, und mit jedem Schritt wurde mein Herz schwerer.
Kinder sterben, hatte Leon gesagt.
Ja, dachte ich bitter. Das tun sie.
Ich dachte an ein Mädchen mit dunklen Locken und einem ansteckenden Lachen. Ein Mädchen, das gerade achtzehn geworden war und ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hatte. Ein Mädchen, das niemals die Chance bekommen würde, selbst zu entscheiden, wofür sie demonstrieren wollte.
Aber das sind nicht die Kinder, um die Leon trauert, dachte ich, und der Gedanke tat mehr weh, als alles andere.
Im Café Central bestellte Leon zwei Cappuccino und redete über belanglose Dinge – das Wetter, seine nächste Klausur, ein lustiges Video, das Lena ihm geschickt hatte. Ich nickte und lächelte und tat so, als würde ich zuhören. Aber in meinen Gedanken war ich noch immer auf dem Marktplatz, umgeben von Flaggen und Rufen und der schrecklichen Erkenntnis, dass der Junge, den ich liebte, niemals verstehen würde, warum ich nicht mehr schlafen konnte.
»Du bist wieder ganz weit weg«, sagte Leon sanft und legte seine Hand auf meine. »Geht es dir wirklich gut?«
Ich schaute in seine besorgten Augen und spürte, wie mein Herz brach. Er meinte es gut. Er war ein guter Mensch. Aber er würde niemals verstehen, dass manche Wunden zu tief waren, um sie mit politischen Argumenten zu heilen.
»Es geht mir gut«, log ich. »Ich bin nur müde.«
Aber das stimmte nicht. Ich war nicht müde. Ich war gebrochen. Und zu diesem Zeitpunkt fragte ich mich, ob Liebe wirklich stark genug war, um über alles andere hinwegzusehen.
Vielleicht, dachte ich und starrte in meinen Kaffee, sind Papa und Mama aus einem Grund geschieden.
Die Gedanken kamen unwillkürlich, und ich hasste mich dafür. Aber sie kamen trotzdem, zusammen mit der schrecklichen Erkenntnis, dass manche Unterschiede zu groß waren, um sie zu überbrücken.
Leon redete weiter, lächelte, machte Witze. Und ich lächelte zurück und tat so, als wäre alles in Ordnung.
Aber tief in mir wusste ich, dass etwas zerbrochen war. Etwas, das vielleicht nie wieder heilen würde.
Das warme Licht der Stehlampe im Wohnzimmer der Auerswalds tauchte alles in eine gemütliche Atmosphäre, während wir nach dem Abendessen noch beisammensaßen. Ich fühlte mich mittlerweile wie ein Teil der Familie – nach fast zwei Monaten war es zur Gewohnheit geworden, dass ich mindestens zweimal die Woche hier war. Sabine hatte mich längst davon überzeugt, sie beim Vornamen zu nennen, und Thomas neckte mich freundlich wegen meines Akzents, wenn ich deutsche Redewendungen verwendete.
»Maya, probier mal von dem Lebkuchen«, sagte Sabine und schob mir den Teller rüber. »Der ist noch von letzter Woche, aber immer noch gut.«
»Danke.« Ich nahm ein Stück und lehnte mich in den weichen Sessel zurück. Leon saß neben mir auf der Coucharmlehne, seine Hand ruhte entspannt auf meiner Schulter.
Sebastian scrollte auf seinem Smartphone durch irgendwelche Kryptocharts und murmelte Zahlen vor sich hin. »Bitcoin ist wieder bei 45k... vielleicht sollte ich noch mehr in Ethereum investieren.«
»Du solltest überhaupt nicht mit Krypto spekulieren«, sagte Thomas kopfschüttelnd. »Das ist reines Glücksspiel.«
»Papa hat recht«, stimmte Sabine zu. »Da wird kein echter Wert geschaffen.«
»Doch wird!«, verteidigte sich Sebastian. »Blockchaintechnologie ist die Zukunft. Ihr versteht das nur nicht.«
»Ach, Sebastian«, mischte sich Leon grinsend ein, »du bestätigst nur, was ich immer sage. Der Kapitalismus bringt junge Leute dazu, ihr Geld für Luftschlösser auszugeben.«
Sebastian schnaubte. »Sagt der, der glaubt, dass Kommunismus funktioniert.«
»Natürlich funktioniert er«, sagte Leon und genoss sichtlich die Provokation. »Ich sehe nur, wie das kapitalistische System Menschen dazu bringt, auf digitale Münzen zu setzen, während echte Probleme ungelöst bleiben.«
»Bitcoin ist Geld ohne Banken«, argumentierte Sebastian. »Das ist revolutionär.«
»Revolutionär?« Leon lachte. »Revolutionär wäre es, wenn wir Geld abschaffen würden.«
»Leon«, warnte Sabine amüsiert. »Lass deinen Bruder seine Träume.«
»Das sind keine Träume!«, protestierte Sebastian. »Ich habe letzten Monat zwanzig Prozent Gewinn gemacht!«
»Und diesen Monat?«, fragte Thomas trocken.
Sebastian wurde rot. »Das... das sind normale Schwankungen.«
»Siehst du«, sagte Leon triumphierend. »Kapitalismus in Reinform. Heute reich, morgen arm.«
»Wenigstens versuche ich, mein eigenes Geld zu verdienen«, schoss Sebastian zurück. »Statt zu träumen, dass der Staat mir alles gibt.«
Ich lächelte und kuschelte mich tiefer in den Sessel. Das war so typisch für die beiden – sie konnten über alles streiten, aber es war nie böse gemeint. Thomas und Sabine tauschten einen wissenden Blick aus.
»Also gut«, sagte Thomas schließlich und griff nach der Fernbedienung. »Bevor ihr beiden wieder die Welt rettet... sehen wir uns die Nachrichten an?«
Ich spürte, wie sich meine Schultern unmerklich anspannten, aber nickte. In den letzten Wochen hatte ich bemerkt, dass die Familie Auerswald sehr bewusst bestimmte Themen mied, wenn ich da war. Ihre politischen Diskussionen waren normalerweise lebhaft und manchmal hitzig – Thomas mit seinen konservativen CDU-Ansichten, Sabine als pragmatische Mitte, Sebastian mit seinem liberalen FDP-Optimismus und Leon mit seiner linken Überzeugung. Aber sobald es um internationale Konflikte ging, wechselten sie geschickt das Thema.
Ich war ihnen dankbar dafür, auch wenn wir nie darüber gesprochen hatten.
Der Fernseher flackerte auf, und die vertraute Melodie der Tagesschau erfüllte das Zimmer. Die ersten Meldungen handelten von der deutschen Innenpolitik – Diskussionen über das Bürgergeld, Klimapolitik, die üblichen Themen, die zu lebhaften aber harmlosen Debatten zwischen den Auerswalds führten.
»Die Grünen übertreiben wieder«, brummte Thomas.
»Papa, du klingst wie ein alter Mann«, sagte Leon grinsend.
»Ich bin ein alter Mann«, erwiderte Thomas mit gespielter Empörung.
Sabine warf ihnen beiden einen warnenden Blick zu. »Nicht vor Maya. Sie soll nicht denken, dass wir eine chaotische Familie sind.«
»Sind wir aber«, sagte Sebastian, ohne von seinem Laptop aufzu
