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An einem kalten und nassen Novembermorgen liegt vor der Pfarrkirche des beschaulichen Weinortes Malsch eine mit Nadeln durchsiebte Puppe. Ist der schaurige Fund ein Überbleibsel der feuchtfröhlichen Karnevalseröffnung, die am Abend zuvor im Pfarrheim stattfand, oder steckt mehr dahinter? Gibt es in Malsch vielleicht Anhänger eines dunklen Voodoo-Kults, die nachts schwarze Messen rund um die Pfarrkirche zelebrieren? Oder hat die Puppe mit einer Mordserie zu tun, die die friedliche Wallfahrtsgemeinde im Kraichgau vor Jahren bis ins Mark erschütterte? Tobias Stetten ist sich anfangs sicher, dass dem grausigen Fund keine tiefere Bedeutung zukommt. Doch als ein Freund bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt und Tobias urplötzlich den heißen Atem eines rätselhaften Verfolgers im Nacken spürt, der den Familienvater sogar beim Golfen bedroht, wird Tobias klar, dass sein Leben an einem seidenen Faden hängt.
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2026
Matthias Melich
Tödliche Nachlese
Matthias Melich
Tödliche Nachlese
Der nächste Putt könnte der letzte sein
Thriller
Draupadi Verlag
Draupadi-Verlag, Dossenheimer Landstr. 103, 69121 Heidelberg, Germany.
An einem kalten und nassen Novembermorgen liegt vor der Pfarrkirche des beschaulichen Weinortes Malsch eine mit Nadeln durchsiebte Puppe. Ist der schaurige Fund ein Überbleibsel der feuchtfröhlichen Karnevalseröffnung, die am Abend zuvor im Pfarrheim stattfand, oder steckt mehr dahinter? Gibt es in Malsch vielleicht Anhänger eines dunklen Voodoo-Kults, die nachts schwarze Messen rund um die Pfarrkirche zelebrieren? Oder hat die Puppe mit einer Mordserie zu tun, die die friedliche Wallfahrtsgemeinde im Kraichgau vor Jahren bis ins Mark erschütterte? Tobias Stetten ist sich anfangs sicher, dass dem grausigen Fund keine tiefere Bedeutung zukommt. Doch als ein Freund bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt und Tobias urplötzlich den heißen Atem eines rätselhaften Verfolgers im Nacken spürt, der den Familienvater sogar beim Golfen bedroht, wird Tobias klar, dass sein Leben an einem seidenen Faden hängt.
Der Autor ist seit einigen Jahren in der glücklichen Situation, frei über seine Zeit verfügen zu können. Seither widmet er sich ausschließlich kreativen und karitativen Projekten. Vorher hat er an den Universitäten Köln und Rochester, NY, studiert, zum computergestützten Fremdsprachenlernen promoviert und über fünfundzwanzig Jahre bei SAP gearbeitet.
Mehr zu seinen Projekten finden Sie auf:
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und
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Dieses Buch wäre nicht möglich gewesen ohne tatkräftige Unterstützung. Dafür möchte ich den folgenden Personen danken (in alphabetischer Reihenfolge):
Dr. Volker Bätz
Helmut Fieres
Claudia Jaster
Ines und Noah Melich
Benjamin Schneider
Mein Dank geht auch an Ingo Cordes für die fantastischen Fotos, die die erfolgreiche Vermarktung des Buches ermöglichen.
Für die Gestaltung des Covers und weitere Grafikunterstützung sage ich ‚Herzlichen Dank‘ an Dr. Christoph Hütten.
Besonderer Dank gilt meiner lieben Frau Ines und unserem Sohn Noah, die stets daran geglaubt haben, dass dieses Werk fertiggestellt wird.
„Ich würde so gerne mal wieder ein Buch lesen, aber mir fehlt leider die Zeit.“ Habt Ihr diesen Spruch schon einmal gehört? Ich bin sicher, ich kenne Eure Antwort. Immer kommt irgendetwas dazwischen, ständig ist etwas zu erledigen. Die Arbeit, die Familie, der Verein … alles und alle fordern permanenten Einsatz und unsere volle Aufmerksamkeit. Dauernd sind wir ausgebucht, hecheln unseren Verpflichtungen hinterher, haken Aufgaben nur noch ab und fühlen uns beständig ausgelaugt und überfordert. Warum eigentlich? Haben wir wirklich keine Zeit, oder vergessen wir nur, uns welche zu nehmen?
Doch ich will Euch kein schlechtes Gewissen machen, sondern Euch bestärken. Ihr seid nämlich auf dem richtigen Weg! Ist Euch bewußt, dass Ihr den ersten Schritt in Richtung Entspannung schon genommen habt? Ja, denn Ihr haltet gerade ein Buch in den Händen und lest diese Zeilen. Der Anfang ist also gemacht, und der ist ja bekanntlich am schwersten! Also los! Blättert weiter und fangt an zu lesen. Was hält Euch zurück? Ich darf Euch versprechen, dass das Buch leicht zu lesen und spannend geschrieben ist. Alle Kapitel sind kurz und somit perfekt geeignet für die kleine Lektüre zwischendurch. Und ganz nebenbei werdet Ihr eintauchen in eine neue, vielleicht unbekannte Welt. Im Verlauf des Buches kommt Ihr nämlich nicht nur der Aufklärung dunkler Machenschaften näher, sondern erfahrt viel über das Leben einer kleinen, beschaulichen Kraichgaugemeinde, deren Jahreskreis geprägt ist von Wein, Kirche und Karneval. Wenn da bloß nicht diese schreckliche Puppe wäre, die an einem nasskalten Novembermorgen auf den Stufen der Pfarrkirche liegt: Ein Fund, der ungute Erinnerungen an eine furchtbare Mordserie weckt, die den kleinen Ort vor Jahren bis ins Mark erschütterte. Findet auf den nächsten Seiten selbst heraus, liebe Leserinnen und Leser, was dahinter steckt!
Ich wünsche Euch großen Spaß bei der Lektüre und viele entspannte Momente! Euer
In diesem Sinne wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen!
Euer
Matthias Melich
Bei der Lektüre wird den geneigten Leserinnen und Lesern auffallen, dass der Text an einigen Stellen Schriftformatierungen aufweist. Diese Auszeichnungen sind sinnstiftend, d.h. sie geben den Leserinnen und Lesern zusätzliche Informationen zur Art und Weise, wie die gekennzeichneten Worte oder Passagen zu verstehen sind:
Das Ziel der Schriftauszeichnungen ist es, Euch, liebe Leserinnen und Leser, bei der Lektüre noch intensiver in die Geschehnisse und Abläufe im Buch hineinzuziehen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir Feedback gebt, ob dieses Ziel erreicht wurde!
Ein idyllischer Ort im Kraichgau döst friedlich in der sommerlichen Gluthitze. Alles ist wie immer! Auch für Familie Stetten, deren Leben in den gewohnt beschaulichen Bahnen verläuft. Doch dann wird ihr Heimatort jäh aufgeschreckt. Auf den Stufen der Pfarrkirche wird die geschändete Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Die wochenlangen polizeilichen Ermittlungen verlaufen ergebnislos im Sande. Als Tobias Stetten zufällig auf neue Hinweise stößt und ihm niemand glaubt, beginnt der Familienvater auf eigene Faust mit Nachforschungen und kommt so der grausamen Wahrheit langsam auf die Spur. Doch mit jeder Entdeckung wächst gleichzeitig die Gefahr für ihn und seine gesamte Familie, denn der ruchlose Mörder versucht mit allen Mitteln seine Identität zu verschleiern. So entspinnt sich gegen den skrupellosen Feind im Schatten ein tödlicher Kampf, der die Stettens ins Verderben zu reißen droht.
Blutige Spätlese ist ein Regionalthriller aus dem Kraichgau – kraftvoll wie ein lokaler Spitzenwein mit betont individueller Note. Tief verwurzelt in den Traditionen des Wein- und Wallfahrtsortes Malsch. Rassig wie ein Topspiel der TSG 1899 Hoffenheim. Raffiniert abgerundet mit einem Schuss kurpfälzischem Karneval und einem Hauch Katholizismus. Betont gruselig im Abgang. Ein wohltemperierter Lesegenuss der besonderen Art!
Das Werk ist bereits im Draupadi Verlag als Hörbuch erschienen unter der ISBN 978-3-949937-09-5.
1
Die Zeit war gekommen! Mein Gott, wie sehr er sich darauf gefreut hatte, seinen Feldzug zu starten. Er hatte gewartet, bis sich der Staub gelegt und alle Welt den aufsehenerregenden Mordfall vergessen hatte. Jetzt war es so weit. Er würde die ersten Nadelstiche setzen! Und dann die Schlinge langsam zu ziehen! Ganz langsam, Stück für Stück! Diese Bastarde würden sich am Ende nur noch eins wünschen, nämlich dass es endlich vorbei war.
Ο
Heute Morgen war es wirklich lausig. Peitschender Regen, heftiger Wind und kalt war es auch. Wollte sie wirklich den warmen Nissan verlassen und zur Kirche sprinten? Hier drin saß sie gemütlich warm und geschützt vor den Unbilden des Herbstes. Der Umschwung musste letzte Nacht passiert sein. Ganz unerwartet und plötzlich. Aus dem Nichts sozusagen. Dass die kalte und nasse Seite des Herbstes irgendwann zuschlagen würde, war ihr klar gewesen. Aber sie hatte die Gedanken an kühle, windige und feuchte Tage verdrängt. Klar! Warum sollte man sich damit beschäftigen, wenn der Oktober sie mit milden Temperaturen und Sonnenschein verwöhnt hatte? Doch jetzt im November war es so weit. Ab jetzt waren warme Pullover und regendichte Jacken gefragt.
Tür auf und dann so schnell wie möglich in die Sakristei. Eijeijei! Der Wind war wirklich heftig heute Morgen. Fast hätte er ihr die Tür aus der Hand gerissen. So! Noch den Wagen verriegeln und dann ab in Richtung Kirche.
Wie rutschig es war. Fast wäre sie auf dem Parkplatz auf den glitschigen Blättern ausgerutscht. Wenn sie heil in der Sakristei ankommen wollte, dann musste sie ihren Schritt verlangsamen. Und höllisch aufpassen. Bei jedem einzelnen Tritt.
Ach du grüne Neune! Wenn das Laufen heute Morgen so gefährlich war, dann würde Agnieszka vor der Messe noch das Laub zusammenkehren müssen. Damit die Messbesucher nicht stürzten, wenn sie in die Kirche kamen. Mist! Daran hatte sie beim Frühstück nicht gedacht. Wie spät war es? 9:45 Uhr. Also noch gut fünfundvierzig Minuten bis zum Beginn der sonntäglichen Messe. Es blieb also nicht viel Zeit für alle Vorbereitungen. Sie hätte früher vom Tisch aufstehen sollen, statt zu Hause mit ihrem Mann noch gemütlich eine Tasse Kaffee zu schlürfen. Wie üblich war er nach ihr aufgestanden und am Frühstückstisch erschienen, als sie schon im Begriff war zu gehen. „Jetzt hetz doch nicht so“, hatte er gesagt. „So viel musst du doch gar nicht vorbereiten. Ist doch kein Festtag heute. Nur ein normaler Sonntag. Die Messe wird pünktlich losgehen, auch wenn du noch eine Tasse Kaffee mit mir trinkst.“ „Aber nur für fünf Minuten“, hatte sie geantwortet. Hatte sich wieder hingesetzt und sich noch eine Tasse eingeschenkt. Dann waren es zehn geworden. Vielleicht sogar fünfzehn. Diese Zeit fehlte ihr jetzt. Na ja! Jetzt war es zu spät, sich darüber aufzuregen, dass sie sich von ihrem Mann hatte bequatschen lassen. Er hatte es ja gut gemeint und es war richtig gemütlich gewesen.
Die Stufen am Parkplatz! Natürlich auch voller Blätter! Hier würde sie mit dem Kehren anfangen müssen. Das war die gefährlichste Stelle. Die alten Leute stellten ihre Autos gerne direkt vor der Kirche ab und nahmen dann den Weg über die Steintreppe hinauf zur Kirche. Nicht auszudenken, wenn hier jemand ausrutschte und sich wer-weiß-was brach.
Was war das für ein komisches Geräusch, das sie gerade gehört hatte? Ein kurzes Klirren. Ein helles Scheppern. Von der Kirche war das Klappern gekommen. Irgendwo vom Seiteneingang. Was konnte das gewesen sein? Seltsam. Dort war doch nichts locker, was der Wind hin und her schleudern konnte. Na ja. Wird schon nichts Großes sein. Aber das Geräusch war ihr in die Glieder gefahren. Hatte sie erschreckt. Ihren Puls hochgetrieben. Seit den furchtbaren Ereignissen vor einigen Jahren, die ihren friedlichen Weinort erschüttert hatten, war sie schreckhaft geworden. Vor allem, wenn sie sonntagmorgens den Messnerdienst erledigte und allein an der Kirche war. So wie heute.
Blödsinn! Mach Dich nicht verrückt, Agnieszka! Ja, sie hatte damals eine Leiche gefunden. War förmlich über sie gestolpert, als sie beim morgendlichen Rundgang um die Kirche um die Ecke in Richtung Hauptportal gebogen war. Aber da war es Sommer gewesen. Ein strahlender Sonnentag. Brütend heiß. Heute hingegen war es fies. Nasskalt und unangenehm. Die Kälte. Der Wind. Der Regen. Peitschten in ihr Gesicht, egal in welche Richtung sie blickte. Nein! Heute würde es keine Leiche geben. Und überhaupt, es würde keine Leiche mehr in ihrem Heimatort geben. Schließlich hatte die Polizei nach dem Tod des Mälscher Rippers ganze Arbeit geleistet. Hatte jeden noch so kleinen Stein in Malsch umgedreht. Alles und jeden überprüft. Die Weingüter. Die Arbeitsvermittlungsagentur. Buchstäblich alle, die auch nur im Geringsten mit den bulgarischen Weinarbeiterinnen, aus deren Reihen immer wieder Frauen ermordet worden waren, in Kontakt gekommen waren. Was da alles ans Licht gekommen war! Vor allem bei der Agentur. Wie hatte die noch geheißen? InterService. Ja, genau. Das war der Name gewesen. Schlamperei ohne Ende. Ein Saftladen. Die Buchführung, die die gehabt hatten, ein Witz. Ob jemals alle Opfer bekannt werden würden? Das wusste nur der Herr.
Es gab keinen Grund, jetzt unruhig zu werden. Die alte Geschichte war aufgeklärt und abgeschlossen. Dass es einen zweiten Mörder gab, der in ihrem friedlichen Weinort sein Unwesen trieb, war mehr als unwahrscheinlich. Kein Grund also, ängstlich zu werden!
Was war denn hier passiert? Mein Gott, wie es hier nur aussah! Als ob der Blitz eingeschlagen hatte. Furchtbar! Luftschlangen. Konfetti. Überall auf dem Boden verstreut. Klitschnass. Ob sich das mit dem Besen aufkehren lassen würde? Hoffentlich. Aber sie würde kräftig fegen müssen, das war klar.
Wo kam dieses ganze Zeug nur her? Hatte hier jemand gestern Nacht eine wilde Party gefeiert? Im Freien? Trotz Kälte und Wind? Natürlich! Oh Gott, wie hatte ihr das entfallen können? Heute war der 12.11. Die Faschingszeit hatte begonnen. Die Karnevalisten hatten sicher gestern wie jedes Jahr den Auftakt der fünften Jahreszeit im Pfarrheim gefeiert. So wie es hier aussah, schienen die Narren sich ausgiebig ausgetobt zu haben. Gut, dass ihr das eingefallen war. Dann brauchte sich Agnieszka nämlich nicht um die Müllbeseitigung zu kümmern. Das würde die Karnevalsgesellschaft Blau-Rot Malsch übernehmen. Rechtzeitig vor Messbeginn, wenn die Elferräte nicht vergaßen, aus den Federn zu kriechen.
Da! Schon wieder! Ein Scheppern. Das leise begann, anschwoll und irgendwann mit einem lauten Klirren stoppte. Was konnte das sein? Zu sehen war weit und breit nichts Verdächtiges. Komisch. Na ja. Das würde sie gleich herausfinden, wenn sie ihren Gang um die Kirche startete, um die Türen für die Gläubigen zu öffnen.
Wenn die Karnevalisten gestern den Saisonauftakt gefeiert hatten, dann würden heute Morgen deutlich weniger Besucher in die Messe strömen. In Malsch waren die treuesten Kirchgänger nämlich auch die feierfreudigsten Fastnachter. Wer war eigentlich heute Lektor? Herr Stetten. Auch so ein Karnevalist. Der wird doch ganz sicher gestern Abend dabei gewesen sein. Hoffentlich verschläft er seinen Lektorendienst nicht. Normalerweise war er ja zuverlässig, der Herr Stetten. Aber was war heute Morgen schon normal?
Schon wieder! Verflixt noch einmal! Wo kam nur dieses laute Klirren her? Als ob etwas lose war und irgendwo anstieß. Und das ziemlich heftig. Was konnte das sein? Auf keinen Fall eine Kirchentür. Die waren nämlich noch alle geschlossen. Auch am Rathaus schien nichts durch die Luft zu wirbeln. Die Fenster alle zu. Die Rollos hochgezogen. Von da kamen die Geräusche nicht. Oh! Was war das? Eine Weinflasche. War ihr hier am Seitenportal direkt vor die Füße gerollt. Ja klar. Wenn die Flasche irgendwo anstieß, dann verursachte das ein weithin hörbares Scheppern. Vermutlich hatte die ein Fastnachter auf dem Nachhauseweg bei den Stufen des Hauptportals abgestellt. Der stürmische Wind hatte sie dann umgeworfen und seither rollte sie hin und her. Zum Glück war sie nicht kaputtgegangen! Das Beste war, wenn Agnieszka die Flasche mit in die Sakristei nahm.
Aber was war das? Da! Auf den Stufen des Portals. Da lag doch etwas, oder? Ja, da vorn. Auf der Treppe. Im Regen. Sieht aus wie – ein kleines – Kind! Oh Gott! Wie furchtbar! Das gibt es doch gar nicht! So etwas hatte sie ja noch nie gesehen! Lauter Nadeln. Im Körper. Überall! Mein Gott, wie schrecklich! Nein! Um Himmelswillen. Nicht schon wieder. Bitte nicht!
Ο
Aua! Mein Kopf! Dieses Brummen! Furchtbar. Als ob etwas mitten im Gehirn pochte. Dumpf und ohne Unterlass. Ein dunkler Ton und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Wie spät war es eigentlich? Sieben Uhr. Noch eine gute halbe Stunde bis zum Aufstehen. Oh, wenn es ihm doch nur gelänge, noch einmal einzuschlafen! Das würde sicher guttun. Eine Mütze Schlaf. Aber so, wie er sich kannte, würde ihm das vermutlich nicht gelingen. Puh! Wie lange er wohl schon wach war und sich von links nach rechts und zurückdrehte? Eine Stunde? Zwei? Egal, was er anstellte, er schaffte es nicht, wieder einzuschlafen. Sein Körper und sein Geist kamen einfach nicht zur Ruhe.
Das lag sicher an dem ganzen Alkohol, den er gestern Abend bei der Karnevalseröffnung getrunken hatte. Oh, Tobias! Warum hast du nicht besser aufgepasst und rechtzeitig aufgehört? Sicher, sie hatten viel Spaß gehabt an ihrem Tisch. Begonnen hatte alles damit, dass der Präsident der Karnevalsgesellschaft, Waldemar Grünwald, Marlies und ihn ganz nach vorn in die erste Tischreihe geholt hatte. „Ich habe schöne Plätze für euch“, hatte er gesagt, als sie das Pfarrheim betreten hatten. Das hatte Tobias gefreut, denn sie waren wie immer zu spät gekommen und das bedeutete in der Regel, dass sie ganz hinten Platz nehmen mussten. Doch dann hatte Tobias gesehen, dass das Angebot des Präsidenten ein wenig vergiftet war, denn sie mussten neben dem Pfarrer Platz nehmen. Neben dem wollte bei Fasching nämlich meist niemand sitzen. Nicht, weil er ein unangenehmer Mensch war, sondern, weil die Leute nicht wussten, was sie den ganzen Abend mit dem Pfarrer besprechen sollten. Außerdem fühlten sich die Schäfchen beim Schunkeln und Singen nicht richtig wohl, wenn sie neben ihrem geistlichen Beistand hockten. Wenn man fragte, dann sagten alle, dass sie sich über die Anwesenheit des Pfarrers bei der Karnevalseröffnung freuten, aber ihn als Sitznachbar haben wollte keiner.
Waldemar kannte die Befindlichkeiten seines Publikums natürlich und seine Lösung war bestechend einfach gewesen. Als Lektor kannte Tobias den Pfarrer gut und so hatte es aus Sicht des Präsidenten nahegelegen, die Familie Stetten direkt neben dem Kirchenmann zu platzieren. Was lag näher als zwei ‚Kirchenleute‘ an den gleichen Tisch zu setzen? Problem gelöst!
Na ja, wenn Tobias ehrlich war, dann war der Abend fröhlich verlaufen. Vor allem, nachdem der Pfarrer einige Gläser Mälscher Rotwein intus gehabt und begonnen hatte, Geschichten aus seiner Studienzeit und aus vorherigen Pfarreien zu erzählen. So hatten sie einen feuchtfröhlichen Abend verlebt, mit viel Wein, Gesang, Schunkeln und so weiter. Hart wurde es erst, als irgendwann die Bürgermeisterin mit ihrem Mann zu ihnen stieß und eine Runde Willis nach der anderen kommen ließ. Ab da hätte Tobias genauer aufpassen sollen. Ein oder zwei wären kein Problem gewesen. Aber er hatte mehr verkasematuckelt. Wie viele genau? Keine Ahnung. Jetzt war die Messe ohnehin gesungen.
Wie dem auch sei! Das Lamentieren brachte nichts. Sieben Uhr dreißig. Zeit, langsam aufzustehen, wenn Tobias seinen Lektorendienst erfüllen wollte. Wollte er das? Ehrlich gesagt, nein. Aber er hatte keine andere Wahl. Schließlich würde der Pfarrer auch anwesend sein. Und es war nicht ausgeschlossen, dass Waldemar und ein paar seiner Elferräte ebenfalls zur Messe erscheinen würden. Tobias hatte keine Wahl: Er musste sich hoch quälen, um seinen Dienst zu absolvieren. Wie hatte sein Vater immer gesagt? Wer viel feiern kann, kann auch viel arbeiten. Toller Spruch! Also raus aus den Federn und ab ins Bad. Eine heiße Dusche würde ihm guttun. Danach würde die Welt anders aussehen!
Wie würde er heute Morgen eigentlich zur Kirche kommen? Das Auto hatten er und Marlies gestern Abend oder besser gesagt, früh am Morgen, am Rathaus stehen lassen. Tobias würde also zur Kirche hoch laufen müssen. Oh, was war das für ein verdammter Mist! Heute Morgen hatte sich wirklich alles gegen ihn verschworen! Übernächtigt, Brummschädel, das Auto an der Kirche geparkt! Welcher Idiot hatte ihn eigentlich am Tag nach der Karnevalseröffnung als Lektor eingeteilt? In der Gemeinde wusste doch wirklich jeder, dass Tobias an dieser Veranstaltung teilnahm. Gab es denn in ganz Malsch nicht einen Lektor, der kein Karnevalist war und den man hätte einteilen können? „Das kommt davon“, würde Marlies jetzt sagen. „Das kommt davon, dass du nichts liest und Dich um nichts kümmerst. Immer bist du mit etwas anderem beschäftigt. Und dann wunderst du dich, dass die Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorstellst.“ Ganz Unrecht hatte sie nicht. Aber das würde sich jetzt ändern. Ab morgen würde Tobias stets das Orts- und das Kirchenblatt lesen. Von vorn bis hinten. Dann würde es ihm nicht mehr passieren, dass er am Tag nach der Karnevalseröffnung Lektorendienst schieben musste. Wartet nur ab, ihr alle da draußen! Ab morgen ist Tobias Stetten hellwach! Dann weht ein anderer Wind, Freunde! Ihr werdet es sehen!
Ο
Noch die Stufen hoch und dann hatte er es fast geschafft. Ziemlich gefährlich hier, mit all dem nassen Laub! Wenn man da nicht aufpasste, dann haute es einen schnell um. Die Blätter mussten vor der Messe auf jeden Fall noch weggefegt werden. Sonst rutschte noch jemand aus.
Was war das nur für ein furchtbarer Morgen! Dieser verdammte Regen und dazu der böige Wind. Dass er ausgerechnet heute Morgen zur Kirche hatte laufen müssen. Hätte es nicht einen Tag länger schön sein können? Dann wäre der Spaziergang zur Kirche bedeutend angenehmer gewesen. Na ja. Tobias es fast geschafft. Die letzten Schritte bis zur Sakristei würde er auch noch gut überstehen.
Tür auf und dann nichts wie rein in die gute Stube. In der Sakristei würde es sicher angenehm warm und trocken sein. Das war jetzt das Allerwichtigste. Uhhh! Die Brille. Total beschlagen. So war es halt im Herbst, wenn man aus nasser Kälte in warme Räume kam. Dann konnte man nichts mehr sehen. Also Brille ab und auf den Tisch rechts neben der Tür legen. Dann erst einmal den Winterparka öffnen. Draußen hatte er sich darin noch wohlgefühlt, aber hier drin wurde einem direkt zu warm.
Niemand da? Wo war denn Frau Seefeld? Die musste doch irgendwo stecken. Schließlich war die Sakristei aufgeschlossen. Vielleicht ist sie in der Kirche und richtet den Altar. Aber in der Kirche ist noch alles dunkel. Wo kann sie nur sein?
Egal! Sicher wird sie gleich auftauchen. Am besten holte er sich erst einmal das Lektorengewand aus dem Schrank und zog es an. Dann würde er sich hinsetzen. Auf die Bank rechts neben der Tür und durchschnaufen. Der Weg zur Kirche war anstrengend gewesen. Nicht nur wegen des Windes und des Regens. Sondern, weil es von der Goethestraße bis zur Kirche fast stetig bergan ging. Vor allem die letzten hundert Meter den Kirchberg rauf. Das war das anstrengendste Wegstück. Mit dem Auto bewältigte man den Anstieg mühelos. Aber zu Fuß sah es anders aus. Vor allem, wenn man etwas zu spät dran war, unter Schlafmangel litt und leicht verkatert war.
Die Brille war wieder klar. Noch trocken wischen und er konnte wieder richtig klar sehen. Was war das denn da vorn auf dem Pult gegenüber? Eine Weinflasche? Ja, sah ganz danach aus. War das der Messwein für Pfarrer Antdorf? Eher nicht. Das war doch ein Wein aus dem Hause Liebermann. Genau derselbe, den sie gestern Abend im Pfarrheim getrunken hatten. Ahh! Vermutlich hatte die Flasche draußen irgendwo auf dem Boden gelegen und Frau Seefeld hat sie eingesammelt. Damit nichts passiert. Aber daneben lag doch noch etwas? Etwas Kleines. Von hier nicht richtig zu erkennen. Könnte eine …
„Herr Stetten! Ach, bin ich froh, dass Sie da sind! Sie kennen sich doch aus mit so etwas …!“
Um Gottes willen! Was war denn nur los! Die arme Frau sah ja erbärmlich aus. Total weiß im Gesicht und völlig außer Atem.
„Jetzt kommen Sie doch erst einmal herein und machen die Tür zu, damit es nicht so zieht! Danke! Und erst einmal einen guten Morgen, liebe Frau Seefeld!“
„Ja natürlich. Guten Morgen! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Mir wird das hier alles zu viel …“
Wovon um alles in der Welt redete die arme Frau? Wuchs ihr der Messnerdienst über den Kopf? Vielleicht. Aber das konnte nicht der einzige Grund sein, warum sie so aus dem Häuschen war. Ja, natürlich! Sicher hatte sie sich darüber geärgert, dass vor der Kirche noch Luftschlangen und Konfetti von gestern Abend herumlagen. Die ließen sich bei der Nässe heute Morgen sicher nur schlecht wegkehren. Und dann noch das ganze Laub überall! Frau Seefeld missfiel es, wenn es rund um die Kirche nicht picobello ausschaute. Doch das war heute Morgen schwierig!
„Jetzt ziehen Sie doch mal den Mantel aus und setzen sich zu mir. Wir haben ja noch ein paar Minuten, bis der Pfarrer auftaucht.“
„Ja, gut. Moment! So, jetzt bin ich bei ihnen.“
„Prima. Sie sehen jetzt schon viel besser aus. Ich habe mich eben richtig erschrocken, als ich Sie gesehen habe. Machen Sie sich wegen des Konfetti und der Luftschlangen keine Sorgen. Die Karnevalsgesellschaft wird das ganz sicher noch aufräumen. Und wenn noch etwas Müll herumliegt, dann werden wir das auch überleben. Ich glaube, die Messbesucher werden eher schmunzeln als sich darüber aufregen.“
Warum sagte sie denn nichts? Und weshalb blickte sie immer wieder rüber in Richtung Pult? War es wegen der Weinflasche? Oder wegen dieses anderen Dings, das da rumlag? Was war das überhaupt? Hier von der Bank ließ sich das Häuflein nicht richtig erkennen. Trotz sauberer Brille.
„Ach, Herr Stetten. Es geht wieder los! Das überlebe ich nicht noch einmal …“
Um Himmelswillen. Jetzt fing die arme Frau auch noch an zu weinen. Heute Morgen war alles irgendwie anstrengend. Immer, wenn man total fertig war und sich einen ruhigen Tag wünschte, kam es dicke.
„Na, na, Frau Seefeld! Mal ganz ruhig. So, hier haben Sie erst einmal ein Tempotaschentuch. Und jetzt der Reihe nach. Was geht denn schon wieder los?“
Keine Antwort. Nur ein tiefes Seufzen und ein Schluchzen.
„Da! Schauen Sie. Dort drüben!“
Okay! Aus ihr war nichts herauszubekommen. Also aufstehen und rüber zum Pult. Mal schauen, was da so friedlich herumlag und die arme Frau aus der Fassung brachte. Sah aus wie eine Puppe. Ja, genau. Eine normale Puppe. Total durchnässt. Hatte also die ganze Nacht draußen gelegen. Vermutlich hatte Frau Seefeld die Puppe gefunden, als sie ihren morgendlichen Rundgang um die Kirche unternahm, um die Türen aufzuschließen. Aber warum versetzte eine x-beliebige Puppe die Messnerin so in Aufregung? Oh! Was war das? Wie seltsam! In der Puppe steckten ja Nadeln. Lange, dünne Nadeln. Die hatte Tobias von seinem Sitzplatz aus nicht gesehen. Komisch! Wer durchsiebte eine Puppe mit Metallstiften? Das war doch krank. Oder das Werk eines total Besoffenen.
„Sie meinen die Puppe? Ja, schaut irgendwie – nun wie soll ich sagen – befremdlich aus. Ist das der Grund, warum ihnen der Schreck in die Glieder gefahren ist?“
Wieder keine Antwort. Nur ein Nicken.
„Wo haben Sie das Ding denn gefunden? Draußen? Vor der Kirche?“
„Vor dem Hauptportal. Sie wissen schon. Genau da, wo vor ein paar Jahren – die junge Frau …“
Ah! Daher wehte der Wind. Frau Seefeld sah eine Verbindung zwischen der Puppe und der Leiche, die sie vor vier Jahren vor der Kirche gefunden hatte. Jetzt war klar, was sie so aufgeregt hatte.
„Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Ach Gott, liebe Frau Seefeld! Sie nehmen sich das viel zu sehr zu Herzen und sehen Verbindungen, die gar nicht existieren. Sie wissen doch: Gestern Abend war im Pfarrheim die Hölle los – äh, ich meine – Jubel, Trubel, Heiterkeit. Sicher ist die Puppe das Maskottchen einer Tanzgardistin. Im Laufe des Abends hat jemand dem Mädchen einen Streich gespielt und ihr das Ding entwendet. Oder vielleicht waren das ein paar Halbstarke, die sich zu viele Horrorfilme reingezogen haben. Die haben sich einen Jux daraus gemacht, die Puppe genau da abzulegen, wo damals die junge Frau lag. Glauben Sie mir! Das Ganze ist es nicht wert, sich auch nur einen Augenblick darüber Gedanken zu machen. Oder sich aufzuregen!“
Seine Worte schienen zu helfen. Ihr Atem war ruhiger geworden und sie schaute ein wenig zuversichtlicher drein.
„Danke! Na, wenn Sie das sagen, dann wird es so sein. Sie kennen sich schließlich aus. Sie haben ja damals diesen furchtbaren Kerl zur Strecke gebracht.“
‚Zur Strecke gebracht‘ war maßlos übertrieben. Tobias war der Auslöser gewesen, derjenige, der die Suche nach dem Mörder ins Rollen gebracht hatte. Aber dabei wäre Tobias um ein Haar fast selbst draufgegangen. Viel hatte jedenfalls nicht gefehlt und der Mälscher Frauenmörder hätte ihn erledigt. Im Ort hatte sich seither die Meinung verfestigt, dass Tobias den Täter dingfest gemacht hatte. Aber diese Details spielten im Moment keine Rolle. Hauptsache, die arme Frau beruhigte sich wieder.
„Ja, davon bin ich überzeugt. Es ist wieder närrische Zeit, Frau Seefeld, und Sie wissen doch, jeder hat einen anderen Humor! Wissen Sie was! Ich nehme das Ding jetzt und schmeiße es in den Mülleimer. Dort gehört es nämlich hin. Und dann vergessen wir einfach, was passiert ist.“
„Ja, vermutlich haben Sie recht. Danke für ihre Hilfe!“
„Bitte schön. Ich habe zwar nicht viel getan, aber wenn es ihnen geholfen hat, dann ist es doch gut. Wissen Sie was? Jetzt schaue ich erst einmal ins Lektionar und bereite mich auf die Lesung vor. Wer weiß, welche Zungenbrecher da drin sind. Wir wollen doch nicht, dass ich mich beim Lesen an irgendeinem alt israelitischen Stamm verhaspele. Da wären Sie dann schuld, weil Sie mich mit der Puppe ganz durcheinander gebracht haben.“
Geschafft! Ein kurzes Lachen. Jetzt war sie aufgestanden, vermutlich um das Messgewand zu richten. Wenn jetzt noch der Pfarrer auftauchte, dann konnten sie eine ganz gewöhnliche Messe feiern.
Ο
Während der gesamten Messe hatte er daran denken müssen. An die Puppe und das, was Frau Seefeld gesagt hatte. Es wäre ihr alles zu viel und sie würde das nicht noch einmal durchhalten. Für die Messnerin war die Sachlage klar: Die Puppe stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Frauenleiche, die Agnieszka Seefeld an jenem denkwürdigen Sommermorgen vor vier Jahren auf den Stufen der Pfarrkirche gefunden hatte. Für sie war die Puppe Teil zwei eines Horrorschockers, der die friedliche Gemeinde am Fuße des Letzenbergs bis ins Mark erschüttert hatte. Die Mälscher Bürgerinnen und Bürger hatten damals schmerzlich erfahren müssen, dass das Grauen nicht nur anderswo lauerte, sondern sich buchstäblich in ihrer Mitte abgespielt hatte. Im Verborgenen. Im Dunkel. Mitten unter ihnen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch das Grauen war vorüber. Alles war aufgeklärt, zumindest so weit es ging. Der Täter war überführt und tot. Alles war also wieder gut in ihrer Gemeinde. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sich in ihrem Ort erneut eine schreckliche Geschichte abspielen würde. Sicher, es gab Parallelen zwischen dem Fund der Puppe und dem der Leiche. Das konnte man nicht leugnen. Beide waren an einem Sonntagmorgen vor der Messe gefunden worden. Beide Male war Frau Seefeld diejenige, die böse überrascht worden war. Puppe und Leiche hatten am gleichen Ort gelegen, nämlich auf den Stufen vor dem Hauptportal. Man konnte also die Vermutung äußern, dass es eine Beziehung zwischen beiden Funden gab. Auf den ersten Blick war das nicht von der Hand zu weisen.
Wenn man aber genauer draufschaute, dann begann sich das Bild zu ändern. Die Leiche war ein Mensch gewesen, der gewaltsam aus dem Leben geschieden war. Die Puppe war ein Spielzeug, ein Kuschelobjekt, nichts Lebendiges aus Fleisch und Blut. Außerdem stimmte die Jahreszeit nicht. Die Leiche der jungen Frau war im Hochsommer gefunden worden. Die Puppe im Herbst. Und es gab noch einen Unterschied, einen, der wesentlich war: Für das Auftauchen der Leiche hatte es keine Erklärung gegeben. Die Tote war buchstäblich aus dem Nichts erschienen. Niemand hatte die junge Frau kommen sehen. Keiner war in der Nähe gewesen, als sich die Frau versucht hatte, mit letzter Kraft die Stufen heraufzurobben. Bei der Puppe war die Situation anders. Sicher, vermutlich hatte auch niemand gesehen, wer die Puppe auf die Stufen gelegt hatte, und höchstwahrscheinlich würde der Täter nicht zu ermitteln sein, wenn er sich nicht bewusst oder unbewusst outete. Und überhaupt, was hieß Täter? Konnte man bei der Puppe von einem Täter sprechen? Nicht wirklich. Das Ganze war ein schlechter Scherz, der garantiert mit dem gestrigen Karnevalstreiben in Verbindung stand. Im Pfarrheim war es hoch hergegangen, das wusste Tobias ja. Die gesamte Zeit, ein Kommen und Gehen. Raus und rein. Bei jedem Toilettengang hatte Tobias Besucher vor dem Pfarrheim stehen sehen. Rauchend. Mit einer Flasche Bier oder einem Glas Wein in der Hand. Wenn jemand tatsächlich geplant hatte, in dieser Nacht unerkannt etwas auf den Kirchenstufen abzulegen, dann war diese Person ein sehr hohes Risiko eingegangen. Völlig unnötig, denn eine Woche früher oder später, also immer dann, wenn in Malsch sonntags eine Messe stattfand, hätte dieser jemand die Puppe ohne jegliches Risiko hinlegen können. Warum also hatte er sich genau diese Nacht ausgesucht? Wenn man rational darüber nachdachte, dann gab es nur eine Erklärung: Weil es ein Besucher der Karnevalseröffnung war! So einfach war die Sache!
Und daraus ergab sich auch der Hintergrund der gesamten Geschichte: Das Ganze war ein Scherz, zugegebenermaßen ein schlechter. Ein junger Bursche, der einem Gardemädchen das Kuscheltier mopst, um sie zu ärgern. Oder um die junge Dame auf sich aufmerksam zu machen. Oder ein Spaßvogel, der der Messnerin einen Schrecken einjagen wollte. Oder es war schlicht ein Zufall. Jemand hat die Puppe beim Nachhauseweg verloren. Wie auch immer. Es gab tausend Möglichkeiten, wie die Puppe auf die Stufen gekommen war. Warum also eine Verbindung zur Mordserie vor vier Jahren konstruieren, wenn es viele naheliegende und stichhaltige Erklärungen für das Auftauchen der Puppe gab?
Das Einzige, was das Bild störte, waren die Nadeln. Warum durchbohrte jemand eine Puppe mit Metallstiften? Vor allem, wenn es ein Scherz sein sollte. Dass man jemandem ein Kuscheltier entwendete, um ihn in Aufruhr zu versetzen, geschah in jeder Familie. Eltern und vor allem Geschwister ließen geliebte Objekte verschwinden, um den kleinen Bruder oder die kleine Schwester zu foppen. Aber niemand kam auf die Idee, ein Kuscheltier zu pfählen. Die Nadeln waren der Pferdefuß an der Sache. Niemand hatte zufällig Metallstifte in der Tasche, wenn er zum Karneval ging. Es sei denn, er beabsichtigte, etwas Böses zu tun. Wenn dieser Gedankengang stimmte, dann kam Planung ins Spiel. Dann hatte jemand in dunkler Absicht gehandelt. Nicht spontan, sondern mit Vorsatz und das ließ die Sache in einem anderen Licht erscheinen.
Nadeln in einer Puppe – an was erinnerte Tobias das dunkel? „Leben und Sterben lassen.“ Der Bond-Film, der in der Karibik spielte. Da ging es doch neben illegalen Drogengeschäften auch um Voodoo, oder? Voodoo, der Fluch der Karibik! In dem Bond-Film gab es doch auch etwas mit Puppen. Wie war das denn noch? Wenn man wollte, dass jemand litt, dann stach man mit einer Nadel in eine Puppe, die eine Person im realen Leben symbolisierte, und das führte in der Folge dazu, dass besagte Person starke Schmerzen litt. Puh! Na, das wäre ja ein Ding! Voodoo in Malsch! War die Globalisierung wirklich schon so weit fortgeschritten, dass sinistre religiöse Bräuche aus der Karibik in ihrem friedlichen Ort zelebriert wurden? Aber war das andererseits nicht ein wenig weit hergeholt? Das war doch hirnrissig, oder? Darauf konnte man nur kommen, wenn man noch von einer langen Partynacht ein wenig benebelt war.
Und selbst wenn dunkler karibischer Zauber im Spiel war, wer war die Zielperson des vermeintlichen Voodoo-Anhängers? Die tote junge Frau von vor vier Jahren konnte es nicht sein. Die litt keine Schmerzen mehr. Die war tot. Wenn die Puppe also im Zusammenhang mit der damaligen Mordserie stand, dann konnte der böse Fluch sich eigentlich nur gegen diejenigen richten, die die Aufklärung betrieben hatten. Wenn dies stimmte, dann musste der Voodoo-Anhänger aus dem Umfeld des Mörders stammen und sich rächen wollen an all denen, die den Fall aufgeklärt hatten. Also an Tobias und Kommissar Dominik Fuchs, seinem Tennisfreund. Nur gab es niemanden, den es nach Rache dürsten konnte. Thorsten Schneider hatte keine Familie und keine lebenden Verwandten. Das hatte jedenfalls Dominik gesagt. Und Dominik musste es wissen. Schließlich war er der leitende Kommissar bei den Ermittlungen im Mälscher Mordfall gewesen.
Nein! Das war alles Blödsinn. Total konstruiert. Völlig aus der Luft gegriffen. So etwas Abgefahrenes gab es nur in der Welt des Mister Bond. Nicht bei ihnen in Malsch. Und falls doch? Nun, dann musste Tobias feststellen, dass der Fluch nicht funktionierte. Die Nadeln mussten spätestens vor vierundzwanzig Stunden in die Puppe gerammt worden sein und Tobias fühlte sich putzmunter, wenn man den leichten Kater und den Schlafmangel mal außer Acht ließ. Aber das waren, wie sein Hausarzt Ludger Diessen zu sagen pflegte, Befindlichkeitsstörungen. Nein und nochmals nein! Es lohnte nicht, sich gedanklich weiter mit der Puppe zu beschäftigen und schon gar nicht, sich irgendwelche Sorgen zu machen. Tobias hatte goldrichtig gelegen, als er Frau Seefeld empfohlen hatte, das Ding zu entsorgen. Deckel auf, Puppe rein und fertig! Und keinen Gedanken mehr an diesen Blödsinn verschwenden.
Ο
„Erde an Tobias! Erde an Tobias! Guten Morgen, mein Schatz!“
„Äh – ja, natürlich! Guten Morgen. Hast du gut geschlafen? Stehst du schon lange da?“
„Zu Frage eins: Ja, ich habe gut geschlafen. Zu Frage zwei: Ja, ich stehe hier schon mindestens fünf Minuten. Du scheinst ja meilenweit weg zu sein. Geistig, meine ich. War die Messe so anregend? Habe ich etwas verpasst? Was war denn das Thema?“
„Na ja, anregend war es nicht. Irgendwie Standard. Die Lesung war ein Brief an die Korinther. Glaube ich zumindest. Das Evangelium – also, tja, da müsste ich nachdenken. Aber da komme ich noch drauf. Die Predigt war okay. Nichts Weltbewegendes. Wie immer!“
„Da hat der Herr Lektor heute Morgen ja richtig mitgefeiert …“
„Äh – nun – wie soll ich sagen? Also ich war etwas abgelenkt. Muss ich zugeben. Durch die Puppe.“
„Du sprichst in Rätseln. Welche Puppe?“
„Also, Frau Seefeld hat beim morgendlichen Rundgang um die Kirche vor dem Hauptportal eine Puppe gefunden und das hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie war ganz fertig, als ich in der Sakristei ankam.“
„Eine Puppe? Vor dem Hauptportal? Und was ist daran so irritierend? Wird jemand verloren haben, denke ich.“
„Ja, das habe ich auch gesagt. Frau Seefeld wittert jedoch einen Zusammenhang mit dem Mordfall der toten jungen Frau. Keine Ahnung, wie sie darauf kommt. Ich habe versucht, sie zu beruhigen. Habe dasselbe gesagt wie du. Aber – na ja!“
„Und du sinnierst jetzt auch darüber, ob die Leiche und die Puppe im Zusammenhang stehen könnten, richtig?“
„Äh, ja, was soll ich sagen? Also mich hat das Ganze dann auch mitgenommen. Irgendwie …“
„Jetzt verstehe ich. Deshalb sahst du so angestrengt aus, als ich ins Esszimmer gekommen bin. Irgendwann hast du dann angefangen zu schmunzeln. Was ist dir denn da durch den Kopf gegangen?“
„Ach so. Also, ich habe bislang nicht alles erzählt. Jemand hat ein paar Nadeln in die Puppe gesteckt. Das war auch der Grund, warum Frau Seefeld ausgetickt ist. Eine normale Puppe hätte sie vermutlich nicht aus der Bahn geworfen, aber mit den Nadeln sah das Ding ein wenig gruselig aus. Dann musste ich an dunkle Riten denken. Voodoo. In Malsch. Kannst du dir das ernsthaft vorstellen? Der Gedanke hat mich amüsiert.“
„Was dir so alles durch den Kopf geht! Voodoo in Malsch. Darauf muss man erst einmal kommen. Aber ich muss zugeben. Das mit den Nadeln ist schon seltsam. Wer erlaubt sich einen so blöden Scherz?“
„Ich weiß es nicht, Schatz. Vielleicht ein heimlicher Verehrer eines Gardemädchens, der eine Abfuhr erhalten hat. Keine Ahnung. Hängt sicher mit der Karnevalseröffnung zusammen.“
„Stimmt. Ja, das ist vermutlich so. Mir ist jedenfalls den ganzen Abend nichts Beunruhigendes aufgefallen. Aber ich wollte Dich eigentlich etwas anderes, ganz profanes fragen. Hast du schon die guten Nachrichten von deiner Tochter gehört? Ah, da kommt sie ja gerade.“
„Hallo, Papa! Hast du schon die tollsten Neuigkeiten gehört?“
„Nein! Dann lass mal hören!“
„Ich habe ein Zimmer gefunden. In Karlsruhe. In einer WG. Ist das nicht super? Dann brauche ich nicht mehr zum Studium zu pendeln. Gut, oder?“
„Äh, das ist wirklich eine gute Nachricht. Ab wann?“
„Nächsten Monat!“
„Oh! So bald!“
„Ich brauche jetzt ein paar Möbel. Fährst du nächste Woche mit mir zu IKEA?“
„Ja, klar. Gern!“
„Klasse! Ich bin dann mal wieder in meinem Zimmer. Supertag heute!“
Weg war sie. Es war also so weit: Sie würde ausziehen. So bald schon. Damit hatte Tobias nicht gerechnet. Das war wirklich eine Überraschung. Zoe hatte doch gerade erst ihr Abitur gemacht und dann ihr duales Studium bei Megalodon, einem global agierenden Sportartikelhersteller, aufgenommen. Seither verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit in der Filiale Karlsruhe-Durlach oder an der Uni. Leider passten die Zugverbindungen von Malsch nicht immer zu ihren wechselnden Arbeitszeiten, sodass sie viel Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln aufwenden musste. Das war der Grund, warum sie schon seit einigen Wochen intensiv nach einem WG-Zimmer in Karlsruhe fahndete. Offensichtlich mit Erfolg!
„Tja, mein Schatz. Unsere Tochter wird erwachsen!“
„Das ist mir schon bewusst. Aber mir ist so, als ob sie erst vor ein paar Jahren eingeschult wurde. Da kann sie doch unmöglich schon ausziehen!“
„Ihre Einschulung ist mehr als zwölf Jahre her, Herr Stetten! Die Zeit vergeht. Und vergiss nicht. Du wirst ja auch bald nicht mehr arbeiten. Nur noch eineinhalb Jahre. Dann ist es so weit. Dann gehst du in den Vorruhestand!“
Richtig! Als sein Arbeitgeber vor wenigen Wochen ein Vorruhestandsprogramm angekündigt hatte, war Tobias einer der Ersten gewesen, der sich gemeldet hatte. Nicht, weil es ihm bei SO Soft nicht mehr gefiel, sondern, weil er sich eigenen Projekten widmen wollte. Welche das waren, konnte er bisher nicht sagen. Aber er war sicher, dass Projekte kommen würden, und dafür würde er Zeit brauchen, die er heute einfach nicht hatte. Außerdem konnte er im Vorruhestand leichter seiner neuen sportlichen Lieblingsbeschäftigung nachgehen, dem Golfspielen. Tennis war zwar auch noch en vogue, aber nicht mehr so intensiv, seit er kleine weiße Bälle über den Golfplatz drosch.
„Stimmt! Dann ist es vorbei mit der täglichen Plackerei. Aber ganz so weit ist es noch nicht. Noch gehe ich arbeiten. Aber unserer Kleinen werde ich wohl helfen müssen, ihre Studentenbude einzurichten.“
„Klingt gut! Braver Papa! Das solltest du ihr übrigens so nicht sagen. Es heißt nicht mehr Studentenbude, sondern Studierendenbude. Vielleicht auch Student:enbude. Keine Ahnung. Zoe wird es dir sicher gerne erklären.“
„Das kann sie gerne machen. Nur läuft sie dann Gefahr, dass ihr Herr Papa sie im Stich lässt. Für mich bleibt es eine Studentenbude. Basta!“
Ο
Da sage noch einer, es sei nichts los bei ihnen zu Hause! Die Tochter zog aus und das schon bald. Sicher, es war Tobias immer bewusst gewesen, dass die Kinder flügge wurden. Aber, dass das so bald sein würde. Und dies würde nur der Anfang sein. Nur noch ein paar Jahre und ihr Sohn würde auch sein Abitur machen. Dies hätte zur Folge, dass auch er sich aus dem elterlichen Staub machen würde. Jedenfalls so lange, bis das Geld knapp wurde.
Was bedeutete Zoes Auszug für ihn in den nächsten Tagen? Möbel kaufen, das WG-Zimmer renovieren, Kisten packen und viele Fahrten zwischen Malsch und Karlsruhe. Da würde viel Zeit draufgehen. Aber wie sagte die Familie doch immer so treffend, wenn sie Papas Hilfe anforderte: „Du musst dir halt mal Zeit nehmen für uns! Das schaffen andere auch!“ Ganz Unrecht hatte seine Familie nicht. Zwar hatte Tobias bei Super Optimierte Software, seinem langjährigen Arbeitgeber, eine Menge um die Ohren, aber wenn er ehrlich war, dann würde er sich schon ein paar Stunden im Kalender freiräumen können. Daran würde SO Soft auch nicht zugrunde gehen! Mit Zoe ihr Zimmer einzurichten würde schließlich nicht nur viel Arbeit bedeuten, sondern auch eine Menge Spaß machen und ihn an seine eigene Studienzeit erinnern. Mein Gott, wie lange das schon her war. Besser, er rechnete nicht so genau nach.
Huch! Da klingelte das Telefon! Wer konnte das sein?
„Stetten“
„Ah, der Meister persönlich. Gut, dass ich Dich direkt erwische!“
Dominik! Sein Tennisfreund. Was wollte der denn heute Morgen? Einen Ersatzspieler für das samstägliche Tennistraining suchen? Dazu war es eigentlich noch zu früh. Heute war erst Sonntag, also noch fast eine Woche hin.
„Hast du die Nachricht schon gehört?“
Nachricht? Wovon sprach sein Tennisfreund? Nein, Tobias war nichts zu Ohren gekommen.
„Nö, worum geht es denn?“
Hoffentlich war es nichts Schlimmes. Dominik klang seltsam. Sein Tonfall war anders. Normalerweise schäumte er über vor Lebenslust, wenn er sich telefonisch meldete. Doch heute Morgen klang er bedrückt. Als ob ihm etwas auf der Seele lastete.
„Es geht um Ingo. Er ist gestern Nachmittag tödlich mit dem Auto verunglückt.“
Ingo Windach? Tot? Das gab es doch gar nicht. Mit dem Auto verunglückt. Ach du Schreck! Vergangene Woche hatten Tobias und Ingo noch Doppel gespielt und gewonnen. Nicht im Traum hätte Tobias damals daran gedacht, dass dies ihr letztes Match gewesen sein könnte.
„Puh! Na, du hast ja Nachrichten. Ich bin total baff. Ingo Windach tot. Wie ist denn das passiert?“
„Tja. Das ist die große Preisfrage. Ingo ist am Samstagnachmittag von Östringen nach Rettigheim gefahren. Du kennst die Strecke doch. Direkt nach dem Ortsausgang. Da verläuft die Straße schnurgerade bergab. Durch den Wald und da hat er wohl bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Der Wagen hat sich überschlagen und ist in die Bäume auf der rechten Seite geflogen. Dabei hat es Ingo erwischt. Er war wohl sofort tot.“
Stille am anderen Ende der Leitung. Natürlich kannte Tobias die Strecke. Dort fuhr er immer vorbei, wenn er seinen Sohn zum Euler Gymnasium nach Östringen brachte. Auf dieser Straße gab es weit und breit kein Hindernis. Außerdem war der Fahrbahnbelag in gutem Zustand.
„Mann, das haut mich total um. Ich muss erst einmal durchatmen. Noch mal langsam zum Mitschreiben. Das Ganze ist am Samstagnachmittag passiert?“
„So ist es. Am helllichten Tag!“
Am Samstagnachmittag war das Wetter doch blendend gewesen. Sonne, angenehme Temperaturen. Die Straßen- und Sichtverhältnisse sind also gut gewesen. Was um alles in der Welt hatte den Unfall verursacht?
„Hmmh! Ich bin grad noch am Nachdenken! Samstag war es schön. Alles trocken und gute Sicht. Warum ist er denn von der Fahrbahn abgekommen? Ist ihm jemand entgegengekommen? Oder ist ein Tier über die Straße gelaufen, dem er ausweichen wollte?“
„Das sind alles gute Fragen, mein Lieber. Ein anderes Auto war wohl nicht im Spiel. Auf ein Tier deutet auch nichts direkt hin. Auf jeden Fall konnte man kein Reh oder Wildschwein finden. Vielleicht ein Herzinfarkt. Oder ein technisches Versagen. Stand heute weiß niemand nichts Genaues! Ich vermute, die Kollegen vom Verkehr sind dabei, die Sache aufzuklären.“
Ein rätselhafter Unfall also und ein tragischer dazu. Wie lange spielten Tobias und Ingo schon zusammen Tennis? Zehn Jahre mindestens, vermutlich sogar länger. Ingo war einer der Ersten im Club gewesen, den Tobias kennengelernt hatte, als er eingetreten war. Jetzt war alles vorbei. Wie furchtbar!
„Ja, es hat uns alle umgehauen. Kilian Sauerbach hat am Samstag spät abends eine Nachricht in unsere WhatsApp-Gruppe geschrieben. Aber du hast Dich nicht gemeldet. Da habe ich gedacht, ich rufe mal an!“
Stimmt. Seit gestern Nachmittag hatte Tobias nicht mehr auf sein Mobiltelefon geschaut. Am Samstagabend die Karnevalseröffnung, dann die Messe heute Morgen. Er hatte noch keine ruhige Minute gehabt, um einen Blick auf sein Mobiltelefon zu werfen.
„Ja, du, vielen Dank! Ich habe tatsächlich bis jetzt nicht auf mein Handy geschaut. Wie hat es denn seine Familie aufgenommen?“
Ingo hatte eine Frau und einen erwachsenen Sohn, der irgendwo studierte.
„Schlimm. Ich habe kurz mit seiner Frau telefoniert. Sie hat uns sehr spät am Samstag angerufen. Du weißt ja, dass meine Frau und Ingos Frau Cousinen sind.“
Nein, das hatte Tobias nicht gewusst. Aber das war nicht überraschend. In Malsch gab es viele verwandtschaftliche Beziehungen, die Tobias als Zugezogener nicht überblickte.
„Weiß man schon, wann die Beerdigung ist?“
„Nächste Woche. Vermutlich am Freitag. Wir wollen alle hingehen …“
„Ich komme natürlich auch mit. Sagst du Bescheid, wenn alles fest steht?“
„Mache ich! Wir wollen eine gemeinsame Trauerkarte schreiben und einen Mannschaftskranz besorgen. Ich gehe davon aus, dass du dich beteiligst …“
„Ja, klar. Natürlich!“
„Tja. Dann lege ich jetzt auf. Keine guten Nachrichten. Mach’s gut!“
Weg war er. Nein, das waren wahrlich keine guten Nachrichten gewesen. Ein toter Tenniskumpel! Puh, das musste Tobias erst einmal verarbeiten. In Momenten wie diesen wurde einem klar, über welchen Mist man sich tagtäglich Gedanken machte. Tote Puppen. Voodoo-Rituale in Malsch. Was für ein Blödsinn. Am Samstag hat das Leben, oder besser der Tod zugeschlagen. Urplötzlich und wie aus dem Nichts. Ingo Windach war von ihnen gegangen. Für immer. Ein tragisches Ereignis.
Ο
„Papa? Kann ich Dich kurz stören?“
„Ähm – ja, meinetwegen. Was ist denn?“
Gerade hatte Tobias angefangen, die Maße ihres Esszimmers in den Computer einzugeben. Für die neuen Möbel, die er kaufen wollte, und von denen die Familie noch nichts wusste.
„Was machst du da überhaupt? Und warum liegt der Zollstock neben dir auf dem Tisch? Misst du etwas aus?“
Mist! Den Zollstock hatte Zoe natürlich bemerkt. Dann hatte sie eins und eins zusammengezählt. Mit ihrer Vermutung, dass Papa etwas plante, lag sie natürlich goldrichtig. Sicher ahnte sie auch, dass Tobias seine Frau bisher nicht in seine Überlegungen eingeweiht hatte. Das Beste war, wenn er das Gespräch auf ein anderes Thema lenkte.
„Ach, weißt du. Ich probiere etwas aus. Nichts Wichtiges. Du weißt ja, ich plane, mir mehr Zeit für die Familie zu nehmen. Du bist die Erste, die davon profitiert.“
Das breite Grinsen in ihrem Gesicht verriet, dass sie genau wusste, dass ihr Vater etwas vorhatte, von dem niemand etwas erfahren sollte. Vor allem nicht seine Frau!
„Sehr gut, Papa! Damit sind wir auch schon beim Thema. Du weißt doch, dass ich ein WG-Zimmer in Karlsruhe gefunden habe?“
Zoe legte eine kurze Kunstpause ein und schaute ihn erwartungsvoll an. Würde sich ihr Vater erinnern oder nicht? Das war jetzt die Frage. Doch dieses Mal hatte Zoe Pech gehabt.
„Ja, mein Schatz. Ich erinnere mich. Damit hättest du nicht gerechnet, oder?“
„Kompliment! Damit hätte ich in der Tat nicht gerechnet. Du machst Fortschritte, Papa!“
„Tja, da staunst du, oder?“
„Ja, ja. Schon gut! Aber zur Sache. Ich habe mir das Zimmer gestern noch einmal angesehen. Ich kann vom Vormieter Möbel übernehmen. Nur der Schrank ist Scheiße. Der bricht fast auseinander. Außerdem gefällt er mir nicht. Können wir morgen zu IKEA fahren und einen neuen kaufen?“
Morgen? So schnell? Hatte er nicht morgen früh eine Frühstückssession mit seinem Team? Oder war das übermorgen? Mal kurz nachsehen.
„Schaut gut aus! Dann bleibe ich morgen früh im Homeoffice. Lass uns direkt nach meinen Morgen-Calls um zehn Uhr hinfahren. Bei IKEA in Walldorf ist es immer so voll. Wir wollen doch zu dem in Walldorf, oder?“
„Ja, ich denke schon. Der in Karlsruhe ginge natürlich auch. Aber den kenne ich nicht. Lass uns nach Walldorf gehen.“
„Machen wir. Abfahrt morgen früh um neun Uhr dreißig.“
„Ist gebongt. Vielen Dank, dass du mitkommst.“
„Halt, nicht so schnell, Zoe! Hast du denn die Maße? Weißt du, wie groß der Schrank sein kann?“
Keine Antwort. Nur ein verspieltes Grinsen um die Mundwinkel. Und jetzt bemühte sie sich noch, ein Pokerface aufzusetzen.
„Ach, du Schreck! Das habe ich natürlich vergessen. So ein Mist!“
„Netter Versuch! Aber um deinen alten Vater ins Bockshorn zu jagen, musst du früher aufstehen. Ich lege meinen Zollstock an die Tür, damit wir ihn morgen früh nicht vergessen. Okay?“
„Super, Papa! Vielen Dank, dass du mir hilfst. Wird ein toller gemeinsamer Event morgen früh! Ich freu’ mich! Bis später!“
Weg war sie. Ihre Tochter war erwachsen geworden. Keine Frage. Hatte ihre neue Bleibe schon ausgemessen. Sehr gut! Nur einen Punkt hatte sie vergessen. Oder nicht angesprochen. Wer würde die Möbel aufbauen? Papa? Entweder hatte sie nicht daran gedacht, dass man bei IKEA-Möbeln selbst Hand anlegen musste, oder sie war implizit davon ausgegangen, dass Tobias ihr helfen würde. Na ja, das würde er auch noch schaffen. Im Zweifelsfall konnte er morgen Abend früher Schluss machen, um mit Zoe in Karlsruhe die Möbel aufzubauen. SO Soft würde es sicher überleben, wenn er den Laptop ausnahmsweise schon am späten Nachmittag statt am Abend zuklappte. Schließlich durfte er seine Arbeitszeit flexibel gestalten!
Ο
„Bist du ready?“
„Ready as ready can be, Papa! Ich bin so aufgeregt! Wir kaufen heute einen Schrank für mein Zimmer!“
Die Erregung war ihr an der Nasenspitze ablesbar. Schon beim Frühstück hatte sie ganz hibbelig auf ihrem Stuhl gesessen. War ständig aufgestanden und in die Küche gerannt, weil ihr etwas fehlte.
„Hast du die Maße? Wenn wir die vergessen, dann brauchen wir gar nicht loszufahren.“
„Habe ich. Ausgedruckt und im Handy. Ich habe auch schon mal im Internet geschaut. Das Modell Trine gefällt mir gut. Aber da gibt es ja so viele Möglichkeiten. Die müssen wir uns nachher im Detail ansehen.“
Oh weia! Den Rest des Morgens würden sie also bei IKEA verbringen und sich dort die hunderttausend Varianten der Trine-Serie ansehen. Zum Glück gab es ein Bistro, in das sich Tobias zurückziehen und wo er seine E-Mails checken konnte, falls seine Tochter in einen Aussuchrausch verfiel.
„Wir dürfen nur nicht vergessen zu kaufen …“
„Papa! Sei nicht immer so negativ. Natürlich vergessen wir das nicht. Nur müssen wir uns halt alles genau anschauen.“
„Na, dann wünsche ich euch zwei viel Spaß in Walldorf. Tut mir nur einen Gefallen – streitet euch nicht! Ich kann leider nicht mitkommen. Ich habe zwei Release Planning Calls, die ich nicht verschieben kann! So und jetzt raus mit euch beiden. Ich brauche das Esszimmer für meinen ersten Call um neun Uhr dreißig.“
„Klaro, Mama! Sind schon so gut wie weg. Tschüss!“
„Tschüss und viel Spaß!“
Den würden sie sicher haben. Hoffentlich war es nicht wieder so voll bei IKEA. Dann würden sie nämlich keinen Berater finden, der ihnen bei der Zusammenstellung des Schrankes helfen würde. Vielleicht hatten sie aber auch Glück und Zoe gefiel einer der Musterschränke in der Ausstellung. Dann würden sie auch ohne Hilfe genau wissen, nach welchen Bauteilen sie suchen mussten.
„Ich geh’ schon mal raus zum Auto. Den Zollstock nehme ich mit.“
So schnell war Zoe noch nie gewesen, wenn sie gemeinsam irgendwohin fuhren. Unglaublich, welche Energie die Aussicht auf ein WG-Zimmer mit eigenem Mobiliar freisetzte.
„Ich komme gleich. Hast du schon die Wagenschlüssel?“
„Habe ich – natürlich!“
Das Missfallen über seine Äußerung war unüberhörbar gewesen.
„Für den großen Wagen?“
„Ich bin doch nicht blöd. Klaro! Wir müssen den Schrank ja heute noch nach Karlsruhe transportieren, oder?“
Ja, das stand im Laufe des Tages wohl auch noch an und der Aufbau natürlich. Ah, guter Punkt! Den Werkzeugkasten durften sie nicht vergessen. Sonst würden sie heute Abend in Karlsruhe stehen ohne Akkuschrauber, Schraubenzieher und allem, was man noch so zum Aufbau benötigte. Das wäre ein Desaster, denn dann wäre die Fahrt umsonst gewesen.
„Ich komme gleich. Hole nur noch die Werkzeugkiste, damit wir ihn später nicht vergessen.“
Hatte Zoe ihn noch gehört? Vermutlich nicht. Gut, dass wenigstens einer in diesem Haushalt mitdachte.
Ο
„Wollen wir uns einen Parkplatz nahe am Eingang organisieren?“
„Gute Idee, Papa! Das macht das Einladen später leichter.“
„Dann sollten wir den Wagen an der Ladestation abstellen. Die ist direkt am Eingang. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass die Batterie geladen wird, während wir einkaufen!“
„Wow! Klingt super, Papa!“
„Alles nur Erfahrung. Die ganzen Kaufhäuser errichten neuerdings Ladestationen und die sind immer direkt am Eingang. Da können wir es doch ausnutzen, dass wir einen Hybriden haben.“
„Absolut! Und Mama freut sich doch immer so, wenn der Wagen geladen wird!“
„Schau mal. Da vorn. Direkt die erste Station ist frei.“
„Nichts wie hin.“
„Am besten parkst du rückwärts ein. Ich weiß nicht, ob das Ladekabel lang genug ist, wenn du vorwärts in die Lücke reinfährst.“
Sehr gut! Zoe hatte das Auto perfekt eingeparkt. Jetzt noch die Ladekarte aus dem Armlehnenfach herausnehmen und den Wagen anschließen.
„Oh! Klasse. Du hast das Auto ja schon angeleint.“
Noch schnell authentifizieren, die Karte in das Fach zurücklegen, den Wagen verriegeln und dann ab in den IKEA.
„Scheint bislang nicht viel los zu sein, Papa! Gut, dass wir früh losgefahren sind.“
Stimmt. Der Parkplatz um sie herum war noch ziemlich leer und es fuhren nur wenige Autos ins Parkhaus. Das war gut! Dann würden sie Zoes Schrank in Ruhe aussuchen können.
Durch die Drehtür und noch die Treppe rauf. Geschafft! Vor ihnen lag die gesamte IKEA-Einkaufswelt.
„Schau mal. Wir sind ja schon mitten im Schlafzimmerbereich. Das ist ja super!“
Tatsächlich. Die erste Abteilung war der Bereich Schlafzimmer. Vor ihnen nichts als Betten, Nachttische und Schränke.
„Welche Farbe suchst du denn?“
„Am besten weiß. Da schau mal. Der da vorn. Der sieht doch toll aus. Halboffen, mit Schubladen aus Glas vorn. Der ist nicht so breit. Hoch ist er auch. Ich habe nach oben viel Platz. Meine WG ist ja in einem Altbau!“
Zoe hatte recht. Der Schrank in der Mitte sah wirklich gut aus. Wenn ihr der gefiel, dann umso besser. Dann würden sie sich die endlose Sucherei und Zusammenstellerei sparen können.
„Ja, komm. Dann schauen wir uns den mal genauer an.“
Der Schrank hatte wirklich alles, was Zoe brauchen würde. Einen Bereich zum Hängen, Staufächer und Schubladen und chic sah er auch aus. Also perfekt für eine Studentenbude.
„Schau mal. Der da drüben. Scheint die gleiche Serie zu sein. Hat aber ’ne Spiegeltür. Das will ich auch!“
„Nimm überall aus den Plastikhängern die Pappstreifen mit der Lagerinformation mit. Dann sammeln wir das ganze Zeug unten zusammen und hauen ab!“
„Nicht so schnell, Papa! Ich will mir den Rest auch noch ansehen.“
Auweia. Dann würden sie also doch noch viel Zeit im IKEA verbringen.
„Oh! Schau mal. Da vorn. In der Wühlbox. Total süß. So eine will ich auch!“
Oh mein Gott! Was war das? Gab es denn so etwas? Damit hatte Tobias nicht gerechnet. Da lagen sie. Zuhauf. Puppen. Das gleiche Modell, das Frau Seefeld auf den Stufen des Kirchenportals gefunden hatte.
„Papa? Was ist los? Du wirkst ganz verdattert? Alles okay?“
Zoe hatte also gemerkt, dass ihn der Anblick der Puppen für einen Moment aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Sollte er ihr die Geschichte erzählen? Aber warum? Eigentlich lohnte es sich nicht, sie einzuweihen. Schließlich war die Sache vor der Kirche nur ein Dumme-Jungen-Streich gewesen.
„Ähm, nein! Alles gut. Ich hatte kurz an einen blöden Scherz gedacht, den irgendwelche Leute zum Karnevalsauftakt gemacht hatten. Alles gut! Wenn dir die Puppe gefällt, dann nimm sie ruhig mit!“
Jetzt war also klar, woher die Puppe stammte. IKEA verkaufte sie. Deutschlandweit. Vermutlich zu tausenden. Wenn es die Puppe überall gab, dann war sie nichts Besonderes. Jeder konnte sie einfach und schnell erwerben. Da vor allem junge Leute regelrecht zu IKEA pilgerten, war es gut möglich, dass ein Gardemädchen eine Puppe bei ihrem letzten Besuch hier gekauft hatte. Oder dass ein Verehrer sie gesehen und mitgenommen hatte als Geschenk für seinen Schwarm.
„Papa! Ich gehe kurz auf die Toilette. Bin gleich wieder da!“
„Okay! Ich warte!“
Dass ihn der Puppenfund erneut aufwühlen würde, hätte Tobias nicht gedacht. Eigentlich hatte er die Geschichte abgehakt. Vermutlich lag es weniger an der Puppe, als an Frau Seefelds Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen der Figur und der alten Mordserie gab. Ja! Genau. Da lag der Hund begraben. Nicht der Fund der Puppe, sondern eine mögliche Verbindung zu den ermordeten Frauen hatte alte Wunden in ihm wieder aufreißen lassen. Na ja! Aufreißen war übertrieben. Maßlos übertrieben sogar. Seine Gedanken hatten begonnen, um den Fund und das ganze Drumherum zu kreisen. Das war alles. Und das war angesichts der Ereignisse damals auch kein Wunder.
Oh! Da vorn lief ein IKEA-Mitarbeiter herum.
„Entschuldigen Sie! Eine kurze Frage. Die Puppen hier. Verkaufen Sie die schon lange?“
„Ja! Die gibt es schon eine ganze Zeit. Sind ein Schlager. Die hier sind erst vorgestern wieder reingekommen. Mein Tipp: Nehmen Sie eine mit, bevor sie weg sind.“
„Mache ich. Danke!“
„Papa? Was wolltest du von dem IKEA-Mitarbeiter!“
