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An einem felsigen Strandabschnitt in der Bucht von Hakata werden an einem kalten Wintermorgen die Leichen eines jungen Paares aus Tokio gefunden. Die Polizei sieht keinen Anhaltspunkt für eine Ermittlung: Der Mann und die Frau liegen friedlich nebeneinander, keine Anzeichen für Gewalteinwirkung, die geröteten Wangen sprechen für eine Zyankali-Vergiftung – eindeutig ein Doppelselbstmord der jungen Liebenden. Für den Mann der einzige Ausweg aus einer Bestechungsaffäre? Seltsam ist nur, dass die beiden offenbar gemeinsam mit dem Zug aus Tokio abgereist sind, Kenichi Sayama aber allein im Speisewagen gegessen und für seine Geliebte Otoki kein Hotelzimmer gebucht hat. Waren der Beamte und die Serviererin wirklich ein Paar? Kommissar Jutaro Torigai stößt auf Ungereimtheiten, die auch den jungen Polizisten Kiichi Mihara aus Tokio beschäftigen: Wollte Sayama wirklich sein Leben beenden? Bei seinen Ermittlungen, die Mihara durch ganz Japan führen, versucht er, den Tathergang minutiös zu rekonstruieren. Denn wenn es kein Selbstmord war, hat er es mit einem ungemein intelligenten Täter zu tun …
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Seichō Matsumoto
Kriminalroman
Aus dem Japanischen von Buccie Kim, Edith Shimomura und Mirjam Madlung
Kampa
Am dreizehnten Januar führte Tatsuo Yasuda abendswieder einen Gast in das kleine Restaurant Koyuki, das im Tokioter Stadtteil Akasaka lag. Seiner Erscheinung nach konnte der Besucher Abteilungsleiter in einem Ministerium sein.
Tatsuo Yasuda war der Besitzer eines Handelsunternehmens für Werkzeugmaschinen, das in den letzten Jahren einen beträchtlichen Aufschwung genommen hatte. Wie es hieß, hatte Yasuda zahlreiche Aufträge über staatliche Dienststellen erhalten und seine Firma auf diese Weise vergrößert. Jedenfalls lud er häufig höhere Beamte ins Koyuki ein. Das Restaurant galt in Akasaka zwar nicht als erstklassig, aber eben deshalb als angenehm und solide. In den separaten Speiseräumen bedienten nur ausgesuchte Mädchen. Yasuda war ein oft und gern gesehener Gast. Geld spielte keine Rolle. Er gab sein Kapital, wie er es nannte, mit vollen Händen aus. Und seine Gäste wussten die Großzügigkeit zu schätzen. Auch wenn er sich sonst gut mit ihnen stand, verriet Yasuda den Mädchen nichts Genaueres über die Gäste, die er ins Koyuki mitbrachte.
Seit dem vergangenen Herbst wurde in den Nachrichten über einen Bestechungsskandal berichtet, der sich in einem bestimmten Ministerium zugetragen hatte. Angeblich waren viele der dort ein und aus gehenden Geschäftsleute in den Fall verwickelt. Die Zeitungen berichteten, dass die Ermittlungen zwar vorläufig nur Beamte in unteren Positionen betrafen, im Frühjahr aber auch auf den Kreis der höheren Beamten ausgedehnt werden sollten.
Vorsicht war also geboten. Yasuda achtete noch stärker darauf, die Identität seiner Gäste zu schützen. Manche von ihnen hatte er schon sieben-, achtmal mitgebracht, doch die Mädchen sprachen sie nicht mit vollem Namen an, Herr K. oder Herr U., alles Nähere blieb ihnen unbekannt. Zwar hatten sie durchaus bemerkt, dass Yasudas Gäste wie Beamte aussahen, doch das kümmerte sie nicht weiter. Es war schließlich Yasudas Angelegenheit, er bezahlte die Rechnung, und im Koyuki tat man gut daran, ihn zufriedenzustellen.
Tatsuo Yasuda war etwa vierzig Jahre alt. Er hatte eine breite Stirn und eine hohe, gerade Nase, einen ziemlich dunklen Teint, freundliche Augen und starke Brauen, die wie aufgemalt darüberlagen. Er war ein Geschäftsmann mit der Ausstrahlung von Selbstvertrauen und Erfahrung. Die Mädchen im Koyuki mochten ihn. Aber er schien sich für keine von ihnen besonders zu interessieren und behandelte alle gleichermaßen freundlich.
Toki war ihm als seine persönliche Serviererin zugeteilt, was daran lag, dass sie ihn bedient hatte, als er das erste Mal dort gewesen war. Sie verstanden sich gut, doch blieb der Umgang offensichtlich auf das Koyuki beschränkt.
Toki war sechsundzwanzig. Mit ihrem hellen Teint und dem ovalen Gesicht, das im Profil besonders hübsch war, sah sie viel jünger aus. Ihre großen dunklen Augen waren sehr ausdrucksvoll, und wenn einer der Gäste sie ansprach, erfreute sie ihn mit einem lächelnden Augenaufschlag.
Manche sprachen sie nur deswegen an, und gelegentlich schien sich ein Gast davon ermutigt zu fühlen. Die Mädchen des Koyuki wohnten alle auswärts, sie kamen nachmittags gegen vier Uhr und gingen nach elf Uhr wieder nach Hause. Manchmal wartete ein Gast auf Toki und bat sie, ihn bei der Unterführung zum Bahnhof Shimbashi zu treffen. Sie konnte ihn nicht einfach abweisen, schließlich war er ein Gast, also sagte sie zu und versetzte ihn ein paarmal hintereinander. So würde der Groschen dann irgendwann fallen, erklärte sie.
»Manchmal stehen sie ziemlich auf der Leitung! Neulich tauchte einer auf, wütend, und hat mich doch tatsächlich so gekniffen, dass ich geschrien habe.«
Im Sitzen lüpfte Toki ihren Kimono, sodass ihre Kolleginnen den blauen Fleck über dem Knie sehen konnten.
»Kein Wunder«, lachte Yasuda, während er an seinem Sake nippte. »Hast ihn eben zu lange hingehalten.«
Yasuda konnte sich als Stammgast des Koyuki eine solche Bemerkung erlauben.
»Und Sie, Herr Y.«, warf Yaeko ein, »Sie haben wohl gar nichts mit uns vor?«
»Warum sollte ich, ihr meint es doch sowieso nicht ernst.«
»Hört, hört«, frotzelte Kaneko, »die Sorte Mann kenne ich!«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen!«
»Lass es gut sein, Kaneko«, sagte Toki. »Wir sind alle in Herrn Y. verknallt, aber er guckt uns nicht mal an. Du verschwendest nur deine Zeit.«
»Pfff!« Kaneko grinste.
Toki hatte recht. Die Mädchen aus dem Koyuki waren alle an Yasuda interessiert. Er hätte jede bekommen können, wenn er es darauf angelegt hätte. Seine Ausstrahlung war unwiderstehlich.
An dem Abend also brachte Yasuda seinen Gast noch bis zum Ausgang und kam dann zurück in sein Separee, um sich bei einem Getränk zu entspannen.
»Was meint ihr, soll ich euch morgen mal ausführen?«, fragte er Yaeko und Tomiko unvermittelt. Die beiden waren sofort einverstanden.
»Aber was ist mit Toki? Soll sie nicht dabei sein?« Tomiko sah sich um. Ihre Kollegin hatte den Raum grade verlassen.
»Erst einmal nur ihr beide. Toki kommt ein anderes Mal dran. Ich kann euch ja nicht alle auf einmal von der Arbeit abhalten.«
Das stimmte allerdings. Die Mädchen mussten um vier Uhr ihren Dienst antreten. Wenn sie vorher mit Yasuda essen gingen, würden sie zu spät kommen. Das konnten sie nicht alle vier tun.
»Also dann, bis morgen um halb vier im Levante in Yūrakuchō«, sagte Yasuda und lächelte.
Als Tomiko am nächsten Tag – es war der vierzehnteJanuar – gegen halb vier ins Levante kam, saß Yasuda bereits an einem der hinteren Tische und trank Kaffee. Er begrüßte sie und bedeutete ihr, sie solle sich ihm gegenübersetzen. Es fühlte sich merkwürdig an, ihn außerhalb der gewohnten Umgebung des Koyuki zu sehen, und sie wurde rot.
»Yaeko ist noch gar nicht da?«, fragte sie.
»Sie kommt bestimmt gleich«, meinte Yasuda lächelnd und bestellte einen Kaffee für sie. Wenig später erschien Yaeko, mit ebenso verlegenem Gesicht. Zwischen all den jungen Leuten in dem Lokal fielen die beiden Mädchen in ihren Kimonos auf.
»Was möchtet ihr denn essen? Etwas Europäisches? Aal? Oder lieber etwas Japanisches?«
»Etwas Europäisches«, antworteten die Mädchen wie aus einem Mund. Japanische Gerichte kannten sie aus dem Koyuki offenbar zur Genüge.
Als die drei das Levante verlassen hatten, schlugen sie den Weg zur Ginza ein, die um diese Zeit fast ausgestorben war. Es wehte zwar ein kühler Wind, aber das Wetter war angenehm, und so bummelten sie eine Weile die Straße entlang. Zum Jahreswechsel vor zwei Wochen war hier der Teufel los gewesen.
»Diese Menschenmassen zu Weihnachten! Entsetzlich!«, schwatzten die Mädchen, während Yasuda ihnen voran die Treppe zum Restaurant Coq d’Or hinaufstieg. Auch dort war es leer.
»Und jetzt sucht euch aus, was ihr essen möchtet.«
»Ach, das ist ganz gleich.« Die Mädchen zierten sich zuerst ein bisschen. Schließlich nahmen sie doch die Karte und fingen an zu beratschlagen, konnten sich aber nicht entscheiden.
Yasuda sah verstohlen auf die Uhr. Yaeko bemerkte es sofort und blickte auf.
»Oje, Sie sind in Eile, Herr Y.?«
»Das nicht. Ich muss nur heute Abend noch nach Kamakura«, sagte Yasuda und faltete die Hände über dem Tisch.
»Entschuldigen Sie. Komm, Tomiko, wir müssen uns beeilen.«
Endlich hatten sie sich entschieden. Bis sie mit der Suppe und dem Hauptgericht fertig waren, verging ziemlich viel Zeit. Die drei unterhielten sich über dies und das. Yasuda schien sich gut zu amüsieren. Als zum Nachtisch die Früchte aufgetragen wurden, sah er erneut auf die Uhr.
»Sie müssen aufbrechen, nicht wahr?«
»Nein, nein, ich habe noch Zeit«, sagte Yasuda, schob jedoch, als der Kaffee kam, schon wieder den Ärmel hoch.
»Nun müssen Sie aber los. Wir verabschieden uns.« Yaeko machte Anstalten aufzustehen.
»Hmmm …« Yasuda rauchte eine Zigarette, kniff die Augen zusammen, machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte:
»Ehrlich gesagt, wenn ihr jetzt geht, komme ich mir ganz verloren vor. Warum begleitet ihr mich nicht bis zum Bahnhof?«
Ob er scherzte oder es ernst meinte, war nicht deutlich.
Die Mädchen sahen sich an. Sie waren ziemlich spät dran, und der Umweg über den Bahnhof würde ihre Verspätung noch vergrößern. Aber in Yasudas scheinbar unbekümmerter Stimme hatte ein ernster Ton mitgeklungen. Vielleicht fühlte er sich wirklich verloren. Außerdem hatte er ihnen eben eine Mahlzeit spendiert, sie konnten seine Bitte unmöglich abschlagen.
»Gut«, entschied Tomiko. »Ich will nur schnell telefonieren und im Koyuki Bescheid sagen, dass wir etwas später kommen.«
Sie ging zum Telefon und kehrte kurz darauf fröhlich zurück. »Alles in Ordnung. Also, wir können.«
»Tut mir wirklich leid«, sagte Yasuda. Als er aufstand, sah er noch einmal auf die Uhr. Der sieht aber oft auf die Uhr, dachten die Mädchen.
»Wann fährt denn Ihr Zug?«, fragte Yaeko.
»Um achtzehn Uhr zwölf, oder ich nehme einen Zug später. Jetzt ist es halb sechs, das schaffen wir gut, wenn wir jetzt aufbrechen«, antwortete Yasuda und ging die Rechnung bezahlen.
Mit dem Taxi waren sie in fünf Minuten am Hauptbahnhof. Im Auto entschuldigte sich Yasuda noch einmal.
»Schon gut, Herr Y.«, meinte Yaeko. »Das ist doch das Mindeste, was wir tun können.«
»Finde ich auch«, pflichtete Tomiko bei.
Auf dem Bahnhof kaufte Yasuda eine Fahrkarte für sich und Bahnsteigkarten für die Mädchen. Die Züge der Yokosuka-Linie Richtung Kamakura fuhren von Gleis dreizehn ab. Die elektrische Bahnhofsuhr zeigte wenige Minuten vor sechs.
»Gut, den um zwölf nach sechs schaffe ich«, sagte Yasuda.
Sein Zug war noch nicht eingefahren. Während sie warteten, blickte Yasuda zum nächsten Bahnsteig, zu den Gleisen vierzehn und fünfzehn hinüber. Von dort fuhren die Fernzüge ab. Man hatte vom Bahnsteig aus einen unverstellten Blick auf Gleis fünfzehn, wo soeben ein Zug bereitgestellt worden war.
»Das ist der Tokio Express. Der fährt bis nach Hakata auf Kyūshū«, erklärte Yasuda den Mädchen.
Auf dem benachbarten Bahnsteig herrschte reges Treiben. Reisende liefen am Zug entlang, begleitet von denen, die sie verabschieden wollten.
»Seht mal!«, rief Yasuda plötzlich. »Das ist doch Toki?«
Die beiden Mädchen wandten die Köpfe und blickten in die Richtung, in die Yasuda wies.
»Ja, wirklich! Da ist Toki!«, rief Yaeko aufgeregt.
In der Tat, dort ging, inmitten der eilenden Menge, Toki, elegant gekleidet und mit einem Koffer. Sie war ohne Zweifel dabei, in den Zug zu steigen. Auch Tomiko hatte sie nun entdeckt und sagte:
»Unglaublich!«
Aber noch unglaublicher schien es den beiden Mädchen, wie vertraut sich Toki mit einem jungen Mann unterhielt, der neben ihr ging. Sie kannten ihn nicht. Er trug einen dunklen Mantel und in der Hand einen kleinen Koffer. Auf- und untertauchend im Gedränge, bewegten sich die beiden auf das Zugende zu.
»Wohin sie wohl fährt!«, sagte Yaeko. Sie konnte kaum atmen vor Aufregung.
»Und wer wohl der Mann neben ihr ist!«, rief Tomiko aus.
Toki und der Mann, die von den Blicken, die sie verfolgten, nichts ahnten, gingen weiter. Sie blieben schließlich vor einem Wagen stehen und prüften die Nummer. Dann stieg der Mann ein, Toki folgte ihm, und sie waren nicht mehr zu sehen.
»Toki hat’s ja faustdick hinter den Ohren! Fährt mit ihrem Schatz einfach nach Kyūshū«, sagte Yasuda grinsend.
Die Mädchen rührten sich nicht von der Stelle. Noch immer starrten sie verblüfft und mit angehaltenem Atem hinüber zu dem Wagen, in dem Toki verschwunden war. Unentwegt strömten die Reisenden am Zug entlang.
»Ich frage mich …«, sagte Yaeko nach einer Weile. »Sie muss ganz schön weit weg fahren, wenn sie den Tokio Express nimmt.«
»Meinst du, Toki hatte die ganze Zeit einen Freund?«, fragte Tomiko.
»Wer hätte das gedacht.«
Die Mädchen sprachen so leise, als hätten sie etwas Unerhörtes entdeckt.
Im Grunde wussten Yaeko und Tomiko wenig über Tokis Privatleben. Toki erzählte nicht gern von sich. Verheiratet war sie nicht, und über einen Geliebten wurde nie geklatscht.
Im Allgemeinen unterschieden sich die Mädchen, die im Koyuki arbeiteten, in zwei Typen. Die einen erzählten ihren Kolleginnen gerne und viel und sprachen auch über intimste Erlebnisse. Die anderen hingegen hüllten sich in Schweigen. Zu ihnen gehörte Toki. Umso überraschter waren Yaeko und Tomiko, zufällig einen Zipfel von Tokis privatem Leben entdeckt zu haben.
»Am liebsten würde ich rübergehen und mir den Mann mal ansehen«, sagte Yaeko aufgeregt.
»Tu das nicht«, sagte Yasuda. »Wir sollten die beiden in Ruhe lassen!«
»Nanu, Herr Y., Sie sind doch nicht etwa eifersüchtig?«
Yasuda lachte. »Eifersüchtig? Ich? Wo ich unterwegs bin zu meiner Frau?«
Unterdessen fuhr auf Gleis dreizehn der Zug der Yokosuka-Linie ein und verstellte den Blick auf Gleis fünfzehn. Später würde man wissen, dass es achtzehn Uhr eins gewesen war.
Yasuda stieg ein. Als er einen Platz gefunden hatte, lehnte er sich aus dem Fenster und meinte:
»Ihr habt es sicher eilig, geht nur. Und vielen Dank!«
»Ja, es ist wohl besser, wir verschwinden jetzt«, sagte Yaeko, die unbedingt zum anderen Zug gehen wollte, um Toki und den jungen Mann zu beobachten.
»Also, Herr Y., auf Wiederehen.«
»Auf Wiedersehen, bis bald!«
Die beiden Mädchen gaben Yasuda die Hand und gingen. Auf dem Weg die Treppe hinunter, drängte Yaeko:
»Komm, Tomiko, lass uns schnell mal gucken gehen.«
»Ich weiß nicht …«, erwiderte Tomiko, aber sie gab schnell nach. Die beiden rannten die Treppe zum Gleis fünfzehn hinauf.
Sie fanden den Wagen, in dem sie Toki vermuteten, und spähten zwischen den Leuten, die sich verabschiedeten, durch das Fenster ins Abteil. Das Wageninnere war hell erleuchtet, Toki und neben ihr der junge Mann waren deutlich zu erkennen.
»Sieh mal«, sagte Yaeko. »Wie Toki schnattert.«
Tomiko interessierte sich mehr für den Mann.
»Der sieht gut aus. Was glaubst du, wie alt ist er?«
Yaeko betrachtete ihn genauer.
»Ende zwanzig, vermute ich.«
»Also ein paar Jahre älter als Toki.«
»Sollen wir reingehen und sie überraschen?«
»Yaeko! Lass das!« Tomiko hielt ihre Freundin zurück. Sie betrachteten die beiden im Abteil noch eine Weile. Schließlich gelang es Tomiko, Yaeko von dem Anblick loszueisen.
»Lass uns gehen, es ist schon spät.«
Als die Mädchen ins Koyuki kamen, erzählten sie gleich alles ihrer Chefin. Auch die war höchst erstaunt.
»Das gibt’s doch nicht!«, sagte sie. »Toki hat mich um fünf oder sechs Tage Urlaub gebeten. Sie wollte nach Hause zu ihrer Familie fahren. Von einem Mann hat sie nichts gesagt!«
»Das war bestimmt eine Ausrede. Und … hat Toki nicht gesagt, dass sie aus dem Norden kommt, aus Akita?«
»Sie ist jedenfalls nicht so harmlos, wie wir dachten. Die beiden werden sich jetzt irgendwo bei Kioto vergnügen.«
Die drei Frauen sahen sich vielsagend an.
Am nächsten Abend kam Yasuda wieder mit einem Gast ins Koyuki. Nachdem er ihn später verabschiedet hatte, fragte er Yaeko:
»Was ist denn mit Toki? Hat sie heute frei?«
»Nicht bloß heute, sie hat fast eine Woche Urlaub genommen«, teilte ihm Yaeko mit hochgezogenen Augenbrauen mit.
Yasuda schlürfte sein Getränk und sagte: »Ist sie etwa auf Hochzeitsreise mit dem jungen Mann von gestern?«
»Vermutlich. Wer hätte das gedacht, nicht wahr?«
»Aber was ist denn dabei? Ihr Mädchen solltet es ihr lieber nachmachen.«
»Leider nein. Es sei denn, Sie entführen uns, Herr Y. …«
»Ich? O nein! Ich könnte nicht mit euch fertigwerden.«
Sie plänkelten noch eine Weile, dann verließ Yasuda das Restaurant. Am folgenden Abend brachte er zwei neue Gäste mit. Wieder bedienten ihn Tomiko und Yaeko, und wieder drehte sich die Unterhaltung um Toki.
Nur wenig später wurden Toki und ihr Begleiter tot aufgefunden – an einem überraschenden Ort.
Wenn man von Moji aus mit dem Vorortzug in Richtung Kagoshima fährt, kommt man durch den kleinen Ort Kashii, der drei Stationen vor Hakata liegt. Steigt man dort aus und lässt die Berge hinter sich, gelangt man an die Küste und hat einen wunderbaren Ausblick über die Bucht von Hakata. Dem Ufer gegenüber erstreckt sich die breite Landzunge Umi-no-Nakamichi, die Halbinsel Shikanoshima erhebt sich aus dem Meer, und links erkennt man schemenhaft die Insel Nokonoshima.
Die Küste heißt heutzutage einfach Kashii, im Altertum nannte man sie das »Wattenmeer von Kashii«. Als sich der Dichter Ōtomo no Tabito, im achten Jahrhundert Beamter der Schutzbehörde dieser Gegend, hier aufhielt, dichtete er:
Kommt zum Wattenmeer von Kashii,
lasst uns Seegras sammeln fürs Frühstück,
unsere weißen Ärmel im Wasser weiden.
Die nüchterne Gegenwart aber hält sich nicht an Gefühle und Geschmack eines Dichters aus höfischer Zeit. In der Morgenkälte am einundzwanzigsten Januar gegen halb sieben ging ein Arbeiter an der Küste entlang, doch nicht, um Seegras fürs Frühstück zu sammeln, sondern auf dem Weg zur Fabrik in Najima, in der er arbeitete.
Die Morgendämmerung war gerade erst angebrochen. Über dem Wasser lag ein milchiger Nebel, es wehte ein kalter Wind, der den Geruch vom Meer mitbrachte. Der Arbeiter hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, den Blick auf den Boden geheftet und schritt ziemlich schnell aus. Dieser Weg über den steinigen Strand war der kürzeste zu seiner Arbeitsstelle; er ging ihn jeden Tag.
Heute aber nahm er plötzlich etwas wahr, das nicht ins gewohnte Bild passte. Auf den dunklen Steinen lagen zwei Körper. Eine unwillkommene Störung in der vertrauten Umgebung.
Starr und steif lagen sie in der bleichen Morgendämmerung. Der Saum ihrer Kleidung flappte im kalten Wind. Nichts sonst, außer den Haaren, bewegte sich. Schwarze Schuhe, weiße Socken, reglos. Entsetzt machte der Arbeiter kehrt. Er wich von seinem Weg ab, rannte in die Stadt und schlug ans Fenster der Polizeiwache.
»Da liegen Leichen am Strand!«
»Leichen?« Der ältere Wachtmeister war eben erst aufgestanden. Ihm war kalt, und er knöpfte sich die Jacke zu, während er dem erregten Besucher zuhörte.
»Ja, zwei. Ein Mann und eine Frau.«
»Wo denn?« Der Wachtmeister sah den Arbeiter mit großen Augen an. Was für ein Schreck in der Morgenstunde!
»Nicht weit von hier. Am Strand. Ich bringe Sie hin!«
»Gut. Warten Sie nur einen Augenblick.«
Trotz des Schrecks war er so geistesgegenwärtig, Namen und Adresse des Arbeiters zu notieren und dem Revier in Kashii telefonisch Bescheid zu sagen. Dann verließen die Männer zusammen die Wache. In der frostigen Luft gefror ihr Atem.
Am Strand lagen die beiden Toten, dem Seewind ausgesetzt. Nun, da der Polizist bei ihm war, traute sich der Arbeiter, die Leichen genauer anzusehen.
Die Frau fiel ihm zunächst besonders auf. Sie lag auf dem Rücken und hatte das Gesicht dem Himmel zugewandt. Ihre Augen waren geschlossen, doch der Mund stand offen, sodass man sehr weiße Zähne sehen konnte. Die Gesichtsfarbe war rosig. Unter einem grauen Wintermantel trug sie einen rotbraunen seidenen Kimono, der weiße Kragen war leicht geöffnet. Die Kleidung war tadellos. So anmutig, wie sie da lag, wirkte die Frau wie eine Schlafende. Nur der Saum des Kimonos bewegte sich leise im Wind und ließ ein gelbes Futter erkennen. Die Füße der Frau steckten in blütenweißen Socken. Neben ihr stand ordentlich ein Paar Kunststoffsandalen.
Der Mann hatte das Gesicht zur Seite gewandt. Auch seine Wangen zeigten die gesunde rosige Farbe eines Lebenden. Man hätte meinen können, er schlafe seinen Rausch aus. Unter einem dunkelblauen Mantel schienen braune Hosen hervor. Die ausgestreckten Füße steckten in makellos geputzten schwarzen Schuhen. Er trug dunkelblaue Socken mit roten Streifen.
Die beiden Toten lagen dicht nebeneinander. Zwischen den Steinen krabbelte eine kleine Krabbe hervor und versuchte in die Orangensaftflasche zu gelangen, die neben dem Mann lag.
»Sieht aus wie gemeinsamer Selbstmord«, sagte der ältere Polizist, während er auf die Toten hinabsah.
»Was für ein Jammer, so junge Menschen.«
Der Strand lag jetzt im hellen Morgenlicht.
Vom Polizeirevier in Kashii benachrichtigt, kam vier-zig Minuten später der Kriminalkommissar von Fukuoka mit zwei Kriminalbeamten, einem Polizeiarzt und Beamten vom Erkennungsdienst im Auto an. Als die Toten von allen Seiten fotografiert waren, hockte sich der Polizeiarzt neben sie auf den Boden, um sie aus der Nähe zu betrachten.
»Beide haben Zyankali genommen«, sagte er. »Die rosige Gesichtsfarbe ist ein Kennzeichen. Offenbar haben sie’s mit dem Saft da getrunken.«
In der Saftflasche war noch ein Rest orangefarbener Flüssigkeit zu sehen.
»Wann ist der Tod eingetreten?«, fragte der Kommissar den Arzt, der einen kleinen Schnurrbart hatte.
»Ohne gründliche Untersuchung ist das schwer zu sagen. Ich denke, vor ungefähr zehn Stunden.«
»Zehn Stunden«, murmelte der Kommissar und sah sich um. Demnach musste es um zehn oder elf Uhr in der vergangenen Nacht geschehen sein. Er versuchte offenbar sich vorzustellen, was sich hier abgespielt hatte.
»Und haben sie das Gift gleichzeitig genommen?«
»Ja. Sie müssen es in den Saft gemischt haben.«
»Ein kalter Platz zum Sterben«, sagte jemand leise, fast vor sich hin murmelnd. Der Arzt blickte auf. Er sah einen hageren, unscheinbaren Mann in einem schäbigen Mantel. Er musste um die fünfzig sein.
»Ah, Sie sind’s, Torigai«, sagte der Arzt. »Auf diesen Gedanken kommt wohl nur ein Lebender. Den Toten ist die Temperatur egal. Im Übrigen … Der Saft passt auch nicht unbedingt zur Jahreszeit.« Der Arzt lachte kurz. »Zudem dürften die beiden in einem seelischen Ausnahmezustand gewesen sein. Da regiert nicht die Vernunft.«
»Und um sich zu vergiften, braucht man eine gewisse Entschlossenheit«, meinte der Kommissar. »Ja, die müssen sich in einer besonderen seelischen Verfassung befunden haben.«
»Chef, ist ein gewaltsamer Tod auszuschließen?«, fragte einer der Kriminalbeamten.
»Ja. Die Kleidung ist ordentlich, nirgends Anzeichen eines Kampfes. Ich gehe davon aus, dass die beiden das Zyankali freiwillig genommen haben.«
Es stimmte. Die Frau lag friedlich da. Ihre weißen sauberen Socken, die sorgfältig ausgerichteten Sandalen neben ihren Füßen, die auf dem Bauch ineinandergelegten Hände …
Die Mienen der Kriminalbeamten entspannten sich. Da es sich um einen Doppelselbstmord zu handeln schien, musste man nicht nach einem Täter fahnden.
Die beiden Leichen wurden in einem Krankenwagen ins Polizeiamt nach Fukuoka überführt. Die Kriminalbeamten zogen frierend die Schultern hoch und stiegen ebenfalls in ihre Wagen. Die Bucht von Kashii blieb im schwachen Glanz der Wintermorgensonne und im kalten Wind schweigend zurück.
Im Polizeiamt wurden die Toten sorgfältig untersucht. Peinlich genau wurde jedes Kleidungsstück fotografiert, das man ihnen auszog.
Aus der Jackentasche des Mannes kam eine Hülle mit Visitenkarten zum Vorschein. Darin steckte eine Monatskarte, gültig für die Strecke Asagaya—Tokio, ausgestellt für Kenichi Sayama, einunddreißig Jahre alt. Denselben Namen zeigten die Visitenkarten, auf denen auch seine Tätigkeit standen: Ministerium X, Sektionsreferent. Darunter stand seine Privatadresse.
Die Kriminalbeamten sahen sich an. Das war doch das Ministerium mit der Korruptionsaffäre? Und genau in dieser Abteilung wurde zurzeit ermittelt! Es verging kaum ein Tag, ohne dass etwas darüber in der Zeitung stand.
»Gibt es keinen Abschiedsbrief?«, fragte der Kommissar.
Alles wurde sorgfältig durchsucht, doch nichts gefunden. Nur knapp zehntausend Yen Bargeld, ein Taschentuch, ein Schuhanzieher, eine zusammengefaltete Zeitung vom Vortag und eine zerknitterte Quittung aus einem Speisewagen.
»Eine Speisewagenrechnung? Was manche Leute so aufheben …«
Der Kommissar nahm den Zettel und glättete ihn vorsichtig.
»Vierzehnter Januar«, las er vor. »Zug Nummer sieben, eine Person, insgesamt dreihundertvierzig Yen. Japanische Speisewagengesellschaft Tokio. Was er gegessen hat, steht da nicht.«
»Wissen wir, wer die Frau ist?«
Es ließ sich schnell feststellen. In ihrer Geldbörse steckten neben achttausend Yen einige kleine Visitenkarten. Auf allen stand: Toki – Restaurant Koyuki – Akasaka, Tokio.
»Sie heißt also Toki. Offenbar war sie Serviererin im Koyuki. Gemeinsamer Selbstmord eines Beamten und einer Serviererin. Durchaus denkbar«, meinte der Kommissar. Er gab Anweisung, sofort an die Adressen auf den beiden Visitenkarten zu telegraphieren.
Dann wurden die Toten vom Polizeiarzt genauer untersucht. Es gab keine äußeren Wunden. Beide waren durch Zyankali gestorben. Todeszeitpunkt vermutlich zwischen neun und elf Uhr des Vorabends.
