Beschreibung

Irgendwann ist Sense!
Faschingsumzug im Vogelsberg: Jubel, Trubel, Heiterkeit, und am Ende wird ein Mann erschlagen. Der Tote war verkleidet: als Tod.
Kriminalhauptkommissar Henning Bröhmann passt das überhaupt nicht. Er ist nämlich am selben Tag von seiner Frau verlassen worden und muss nun nicht nur einen Mord aufklären, sondern sich auch um Kinder, Haus und Hund Berlusconi kümmern. Wobei nicht ganz klar ist, was mehr schlaucht: die Suche nach dem Täter, der Alltagskampf mit einer schwer pubertierenden Tochter oder die Frondienste in der Kindertagesstätte «Schlumpfloch».
Die Ermittlungen in Sachen Sensenmann führen direkt in die Schattenwelt der mittelhessischen Faschingskultur, zum Stimmungsmusiker Herr Bärt, der mit dem Schlager «Lass uns fummeln, Pummel» zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist. Sie führen außerdem zum depressiven Sohn des Toten, zu schrecklichen Comedy-Galas, jahrzehntelang totgeschwiegenen Schweinereien, mancherlei Liebeswirrungen, einem Verhör in einer finnischen Feng-Shui-Sauna und am Ende zu einem so dramatischen wie überraschenden Finale.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339


Dietrich Faber

Toter geht's nicht

Bröhmanns erster Fall

Kriminalroman

Rowohlt Digitalbuch

Inhaltsübersicht

Für Andrea und ...1. KAPITEL2. KAPITEL3. KAPITEL4. KAPITEL5. KAPITEL6. KAPITEL7. KAPITEL8. KAPITEL9. KAPITEL10. KAPITELLass uns fummeln, Pummel11. KAPITEL12. KAPITEL13. KAPITEL14. KAPITEL15. KAPITEL16. KAPITEL17. KAPITEL18. KAPITEL19. KAPITEL20. KAPITEL21. KAPITEL22. KAPITEL23. KAPITEL24. KAPITELNachbemerkungLeseprobe ...Kommissar Henning Bröhmann ...Frau Dr. Ellen Murnau, ...
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Für Andrea und Ben

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1. KAPITEL

Natürlich wäre es viel cooler, wenn ich nicht ich wäre.

Dann würde ich in Berlin-Mitte leben. Vielleicht aber auch in Hamburg, «in der Schanze» oder «auf Pauli».

Jedenfalls nicht im Vogelsberg. Und schon gar nicht in Bad Salzhausen. In einer Doppelhaushälfte. Ich würde urban im Altbau wohnen, mit wenig Möbeln und hohen Wänden.

Ich würde in der Mittagssonne mit übergeschlagenen Beinen an einem Bistrotisch im Freien sitzen, filterlose Selbstgedrehte rauchen, schönen Frauen nachblicken, einen Latte trinken und auf meinem iPad herumspielen.

Ich würde nicht in der Bäckerei Wurstmann einen abgepackten Salat essen und im «Oberhessischen Anzeiger» verwackelte Fotos der Jahreshauptversammlung des Männergesangvereins betrachten.

Ich wäre auch nicht verheiratet. Ich hätte nicht zwei Kinder von einer Frau.

Ich hätte vier Kinder von fünf Frauen. Und diese wären auch nicht Lehrerinnen, sondern nach Neuseeland ausgewandert, würden dort Schafe züchten und Bestsellerromane schreiben. Manchmal käme ich sie besuchen. Dann wären wir alle ausgesprochen heiter, ausgelassen, braun gebrannt und austrainiert, würden guten Wein trinken, Gitarre spielen und uns keine Vorwürfe machen.

Auch beruflich wären die Schwerpunkte anders gelagert.

Ich wäre dann irgendwo da draußen, wo es wirklich wehtut. Ich würde behinderte osteuropäische aidskranke Kinder vor der Zwangsprostitution retten und dabei ganz beiläufig aufdecken, dass der vom schwulen Oberstaatsanwalt gedeckte Innenminister mit Drogen handelt und früher vom zukünftigen Papst in einer Jesuitenschule sexuell missbraucht wurde.

Ich würde mich jedenfalls nicht im Polizeirevier Alsfeld mit der Überarbeitung der Broschüre «Verkehrssicherheit im Vogelsberg – was können auch Sie tun?» befassen.

Das aber tue ich, denn ich bin nun mal ich.

Mein Name ist Henning Bröhmann. Dafür kann ich nichts.

Für vieles andere, vermutlich sogar für das meiste in meinem Leben, kann ich etwas. Einiges hätte ich gern ein wenig anders. Doch dies zu ändern erscheint mir oft eine Spur zu anstrengend.

 

Ich lebe mitten in Hessen in einem sehr undicht besiedelten Mittelgebirge namens Vogelsberg, nahe an der Grenze zur Wetterau. Objektiv gesehen ist es hier recht schön, zumindest landschaftlich. Subjektiv gesehen auch. Und doch finde ich immer wieder Anlass zur Klage, da ich seit meiner Kindheit nahezu durchgängig hier lebe und vielleicht auch gerne einmal etwas anderes gesehen hätte. Dazu kam es aber nicht, wofür ich den Vogelsberg nicht verantwortlich machen darf. Manchmal tue ich es aber doch.

Und so wachsen nach dem einen oder anderen Jahr, das ins Vogelsberger Land gegangen ist, inzwischen auch meine Kinder hier auf, die vierzehnjährige Melina und der fünfjährige Laurin.

Im Kurort Bad Salzhausen leben wir. Bad Salzhausen gehört inzwischen zur Stadt Nidda, die genauso heißen darf oder muss wie ihr Fluss. Nidda bezichtigt sich selbst als «das Herz zwischen Wetterau und Vogelsberg», was bedeutet, dass es sich nicht entscheiden kann, zu welchem Landstrich es denn nun geographisch, politisch oder emotional gehören möchte. Für mich ist der Fall klar, ich bin Vogelsberger und kein Wetterauer.

Ich habe mich niemals für und niemals gegen meine Heimat als Wohnort entschieden. Ich war und bin einfach dort. Und das inzwischen völlig zu Recht und verdientermaßen. Immer häufiger stelle ich fest, dass ich den Vogelsberg verteidige, wenn dessen Bewohner einmal wieder als rückständig oder hinterwäldlerisch bezeichnet werden. Oft fallen mir zwar keine Gegenargumente ein, doch es geht mir hier ums Prinzip. Ich bin auch jemand, der Politiker klasse findet.

 

Und dann bin ich noch ein Arsch. Sagt jedenfalls meine Tochter.

Ich finde das nicht, und wenn es so wäre, dann könnte sie, wenn sie es mir schon unbedingt ins Gesicht sagen muss, eine andere, eine nettere, eine höflichere Umschreibung finden. Doch das tut sie derzeit sehr selten, denn mit dem Nettsein ist das gerade so eine Sache. Melina ist vierzehn, und das mag vieles entschuldigen, aber eben nicht alles.

Meine leibliche Tochter Melina Bröhmann steht an diesem kalten Faschingssonntag in unserem Wohnzimmer halb-, was sage ich: dreiviertelnackt vor mir und teilt mit, dass sie nun los wolle.

«Los?», frage ich, während ich auf einem übriggebliebenen Weihnachtsplätzchen kaue. «Wohin?»

«Na, auf diesen fuck Faschingsumzug, wohin sonst, ist ja sonst nix los in diesem Scheißkaff!», antwortet sie und blickt konsequent an mir vorbei oder durch mich hindurch, so genau kann ich das nicht erkennen bei der vielen Schminke.

«Ja, aber du hast doch gar nichts an!», entgegne ich zaghaft.

«Hohhhh, Mannnn, das ist mein Kostüm.»

«Aha, und als was gehst du?»

«Als Nutte.»

Ich erhebe mich vom Sofa, um Zeit zu gewinnen, und schaue rat-, sprach- und fassungslos durch die Wohnung, suche den Blickkontakt zu der Mutter dieses Mädchens, finde ihn aber nicht und bleibe somit auf mich allein gestellt.

Ich baue mich vor meiner Tochter auf, als würde meine körperliche Überlegenheit irgendeinen Nutzen bringen, und frage so väterlich wie möglich:

«Weißt du denn überhaupt schon, was das ist, eine … äh … Nutte?»

Wieder die falsche Frage.

«Haha, sehr witzig, keiner lacht. Kann ich jetzt gehen!»

Eigentlich ergeben diese vier Worte eine Frage. Doch Melinas Betonung macht deutlich: Am Ende dieser Frage stehen vier Ausrufezeichen.

«Kann ich jetzt gehen!!!!»

Wenn mir in solchen Situationen gar nichts mehr einfallen möchte und ich damit beginne, mit dem Denken aufzuhören, dann rede ich manchmal ganz plötzlich so wie mein Vater. Dann spuckt mein Mund Sätze wie den folgenden aus:

«Ich glaube, dir geht’s zu gut, Junge … äh, Mädchen, das kommt gar nicht in die Tüte. So was zu fragen, das hätten wir uns früher gar nicht getraut. Bei uns gab es gar keine, also, gab’s so ein Wort überhaupt nicht.»

«Hohhhhrrrr, du bist voll Scheiße», schreit sie dann.

Und darauf folgt: «Du Arsch!», und wumms, die Zimmertür und krrrk, der Schlüssel.

In Momenten wie diesem dürfte mein Polizeibereitschaftshandy ruhig öfter einmal klingeln. Tut es aber nie.

Franziska, meine Frau, wirft einen fragenden Blick ins Wohnzimmer.

«War was?»

«Nö, eigentlich nichts», antworte ich. «Ich bin ein Arsch, und meine Tochter ist eine Nutte, also alles ganz normal.»

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2. KAPITEL

Ach, übrigens, Henning», beginnt Franziska einen Satz, in einem Tonfall, der mir sagt, dass sie etwas von mir will. Vor 25 Jahren, als wir uns bepickelt pubertierend auf Klassenfahrt befanden und es plötzlich hieß, Franziska wolle etwas von mir, da fühlte sich das äußerst gut an. Wenn sie heute, nach fünfzehn Ehejahren, etwas von mir will, dann geht das oft in eine Richtung, die nicht mehr ganz so sexy ist.

Franziska will wissen, ob das Rote in der Steckdose Blut, Wasserfarbe oder Tomatensoße sei. Ich muss passen, und Franziska klärt mich auf, dass Laurin Spaghetti in der Steckdose versteckt habe. Ich hätte es sehen müssen, meint Franziska, und vermutlich hat sie recht.

Dann möchte sie wissen, ob ich mit Berlusconi draußen gewesen wäre. Sie formuliert dies als Frage, obwohl sie die Antwort kennt. Nein, lautet sie.

Das hundebedingt regelmäßige Gassigehen tut mir selbst eigentlich auch echt gut. Es würde vermutlich sogar Spaß machen, wenn Berlusconi nicht ständig, seinem ausgeprägten Jagdtrieb folgend, jungen Häschen nachsteigen und sich nicht permanent so territorial und sexualisiert verhalten würde. Vielleicht hätte man Berlusconi doch kastrieren sollen. Es wäre uns einiges erspart geblieben.

Ich stelle immer wieder fest, dass ich grundsätzlich nicht mit einer Ehefrau streiten kann. Ich habe zwar nur diese eine und hatte auch bisher noch keine andere, aber bei allen anderen Ehefrauen wäre es, muss man annehmen, genauso.

Wie geht das, streiten, und muss man das überhaupt? Ich halte Konflikte für überbewertet und versuche, ihnen wenn irgend möglich, aus dem Weg zu gehen. Franziska sagt, sie würde sich wünschen, dass ich auch einmal einen Standpunkt hätte, diesen formulieren und am Ende dann sogar noch für ihn einstehen könnte. Meistens aber kenne ich ihn gar nicht, diesen sogenannten Standpunkt. Jedenfalls nicht in Beziehungsgesprächen. Franziska aber will ihn hören. Sie ist Lehrerin.

Wenn wir so etwas Ähnliches wie einen Streit haben, würde ich immer dreinblicken wie Berlusconi, wenn er kackt, sagt sie. So auch jetzt. Ich hätte das Wochenende frei, sagt Franziska, also könnte ich doch einmal mitkommen zum Faschingsumzug, wenigstens meinem Sohn zuliebe. Das mit Laurin ist emotionale Erpressung, denke ich, und außerdem habe ich nicht frei, sondern Bereitschaft und kein Kostüm. Sage es aber nicht, sondern gucke wie ein scheißender Köter und sehe diesen unschönen Anflug von Resignation in Franziskas blauen Augen. Dann wird es schwer und still um uns. Wie so oft in letzter Zeit.

Irgendwann sage ich: «Geh du doch mit Laurin zum Umzug. Ich bleibe mit dem Biest hier.»

«Das ist ja wohl logisch, dass ich Berlusconi nicht auch noch mitnehme», sagt Franziska.

«Ich meine unsere Tochter», sage ich.

 

Urplötzlich merke ich, wie müde ich bin. Ich schlafe immer schlecht, wenn ich Bereitschaftsdienst habe und mein Diensthandy neben mir liegt. Es braucht nur irgendein Küchengerät, Hund oder Kind zu fiepen, dann zucke ich zusammen, bekomme schwitzige Hände und fürchte, dass ich los muss. Ich, der Kriminalhauptkommissar Henning Bröhmann, der hoffentlich bald die Dienststellenleitung an den wesentlich begabteren Markus Meirich abgeben wird.

 

Während sich Franziska nun mit dem als Avatar verkleideten Laurin in den Straßenfasching der sechs Kilometer von Bad Salzhausen entfernten Niddaer Innenstadt stürzt, meine Tochter in ihrem Zimmer am Telefon ihre Eltern verflucht und Berlusconi die Steckdose ableckt, sitze ich vor dem Laptop und schieße Moorhühner tot. So hat jeder was zu tun.

Faschingsumzügen beizuwohnen ist meine Sache nicht.

Mein Vater war achtzehn Jahre lang Sitzungspräsident und Vorsitzender des Faschingsvereins Rudingshain e.V. In meiner Kindheit und Jugend habe ich im Musikcorps Rudingshain e.V. im Harlekinkostüm auf Faschingsumzügen die Trompete geblasen. Ich bin da so reingerutscht. Wie andere in Drogenszenen abgleiten und dann nicht mehr rauskommen, so bin ich im Musikcorps versackt. Väterliche Prägung und kindliche Neugier haben mich im Alter von zehn Jahren da hineingetrieben. Als ich merkte, dass ich auf Übungsstunden im Musikcorps noch weniger Vorfreude empfand als auf Mathematikarbeiten, war es zu spät. Es war Pflicht. Schließlich war mein Vater auch nie gerne der Sitzungspräsident. Er war es einfach. Er war der Meinung, dass man sich in einem Dorf in die Gemeinschaft integrieren müsse. Und das tue man am besten im Vereinswesen. Und als Präsident des Polizeipräsidiums Osthessens müsse man im Faschingsverein eben auch ein Präsident sein.

Erst ein chronischer hartnäckiger psychosomatischer Lippenherpes ließ mich im Alter von sechzehn Jahren den Schritt wagen, nicht mehr Trompete spielend neben dem dicken Waldemar im Gleichschritt durch den Vogelsberg zu marschieren.

 

Und dann ist es plötzlich doch weg, das Töchterchen. Schneller als der Wind aus dem Haus gehuscht. Unfassbar. Ich habe nur noch die Tür zuschlagen hören und sie bei knapp null Grad im Dirnenkostüm abziehen sehen.

Nun ja, man muss auch mal loslassen können.

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3. KAPITEL

So war das nicht gemeint.

Natürlich gibt es da irgendwo auch bei mir den Wunsch nach Veränderung. Natürlich sollte es so nicht ewig weitergehen, und natürlich war vieles auch in gewisser Weise festgefahren.

Aber dass innerhalb weniger Minuten mein Leben ein so derart ungemütliches Tempo aufnimmt, das kann ich nicht gewollt haben.

Natürlich ist auch mir nicht entgangen, dass Franziska in letzter Zeit ein wenig müde wirkte. Natürlich habe ich auch einige Male ihre Unzufriedenheit wahrgenommen, und es war natürlich auffallend, dass sie in den letzten Wochen nicht einmal mehr den Versuch unternahm, mit mir zu streiten.

Natürlich, natürlich, natürlich, aber das ist doch alles nur eine Phase und vor allem noch lange kein Grund, unsere Ehe und alles in Frage zu stellen.

Doch so wirklich gefragt hatte sie eigentlich gar nicht mehr.

 

Doch der Reihe nach:

 

Ungefähr zwei Stunden nachdem Melina gegen fünf aus ihrem häuslichen Gefängnis ausbrach, bin ich allein gewesen. Jetzt steht Franziska urplötzlich in unserem Wohnzimmer. Viel früher als erwartet ist sie vom Faschingsumzug zurückgekehrt. Ich hatte mich gerade mental auf die Live-Übertragung des Spiels Eintracht Frankfurt gegen 1. FC Nürnberg im Bezahlfernsehen vorbereitet und seit fast einer Stunde die nichtige Vorberichterstattung verfolgt.

Franziska starrt mich an. Eigentlich dachte ich alles an ihr zu kennen, doch dieser Blick, der ist neu. Ich versuche meine Irritation über ihr frühes Heimkehren zu verbergen und begrüße sie in betont freudigem Tonfall:

«Oh, hi … wo ist denn Laurin?»

«Bei Calvin-Manuel.»

Das ist ein Kind, das auch nichts für seinen Namen kann. Laurin kennt ihn aus dem Kindergarten. Kindergarten ist untertrieben, Laurin geht in die reformpädagogische elternselbstorganisierteundverwaltete Kindertagesstätte Schlumpfloch e.V. Richtig … nicht Schlupfloch, sondern Schlumpfloch.

Calvin-Manuels Eltern sind Wolle und Molli und sehen aus, wie sie heißen.

Wolle schreibt seit vierzehn Jahren an einer Philosophie-Doktorarbeit. Er hat somit genügend Zeit, sich als Vorsitzender des Elternvereins wichtig zu machen. Er mag mich nicht. Und das wiederum mag ich nicht. Ich konnte noch nie damit umgehen, dass mich jemand nicht mag, selbst wenn ich diesen Jemand selber gar nicht ausstehen kann. Und das ist bei Wolle der Fall. Wolle ist 44 Jahre alt, hört am liebsten Franz-Josef Degenhardt auf Vinyl und ist der unumstrittene Diktator unseres basisdemokratischen Kindergartens. Wolle gehört zu der bärtigen Spezies Mann, von der man glaubt, dass es sie nicht mehr gäbe.

Und Molli ist mollig.

Franziska sieht blass aus. Sie steht nun direkt vor der Fernsehhälfte, in der Oka Nikolov das Tor hütet. Ich entscheide mich dafür, die Liegeposition auf dem Sofa zu verlassen, und setze mich auf. Ich blicke sie an. Sie sagt:

«Wir haben Molle und Wolli …»

«Wolle und Molli», korrigiere ich.

«Jaaah, mein Gott, wir haben sie beim Umzug getroffen. Laurin wollte mit Manuel-Calvin …»

«Calvin-Manuel!», korrigiere ich sie wieder und komme mir dabei noch nicht einmal originell vor.

«FRESSE!!», schreit sie plötzlich. «Henning, es reicht!» Ich zucke zusammen, schaffe es aber nicht, den Freistoß von Caio komplett zu ignorieren. Weniger aus Ignoranz, mehr aus Unsicherheit. Er landet in der Mauer.

«Kannst du vielleicht einmal diese Scheißkiste ausmachen!»

Auch eine Frage, die keine ist. Kurz bevor ich den Ausschalter drücken will, fällt gerade das 1:0 für Nürnberg. Auch das noch. Nikolov läuft mal wieder bei einer Ecke unter dem Ball durch.

«Mach die Glotze aus!»

So laut habe ich sie in all den Jahren niemanden anschreien gehört. Nicht einmal Melina.

«Na ja, jetzt reg dich doch mal nicht gleich so auf», versuche ich etwas hilflos zu beschwichtigen.

«Gleich? Ich soll mich nicht gleich so aufregen? Seit Monaten reiße ich mich am Riemen, um nicht völlig auszurasten, und du sagst, ich soll mich nicht gleich aufregen?»

Nun gucke ich vermutlich wieder wie Berlusconi.

«Was ist das denn hier bitte?», schreit sie weiter. «Von dir kommt nichts. Du ziehst dich nur noch zurück. Die ganze Scheiße bleibt an mir hängen. Ach, ich hab keinen Bock mehr, das immer wieder durchzukauen. Ich gehe morgens in die Schule, habe Hunderte von Schülern am Hals, hol dann Laurin aus dem Kindergarten, koche Essen, lass mich von Melina beschimpfen, bereite den Unterricht für den nächsten Tag vor, bis irgendwann mein Mann zwar physisch eintrifft, aber doch nicht vorhanden ist. Da ist kein Interesse an den Kindern, an mir, an nichts, was hier ist. Da seh ich nur Selbstmitleid und Zynismus.»

«Na ja, also, äh, so würde ich das jetzt nicht …», versuche ich sie erneut zu besänftigen.

«Henning, ich kann nicht mehr, ich bin fertig. Ich habe die Nase voll. Verstehst du? Ich will das so nicht mehr. Ich gehe auf dem Zahnfleisch, verstehst du?»

«Hmm», mümmele ich.

«Ich bin ausgebrannt.»

«Na ja, das ist ja jetzt so ’ne Art Mode …»

«Sag jetzt nichts Falsches!», schreit sie. Noch lauter als zuvor.

«Hmm …»

«Ich kann so nicht mehr … so … ich dreh durch, so geht es nicht.»

«Hmm …»

Stille.

«Hmm», mache ich dann noch ein weiteres Mal, um die Stille zu beenden.

Franziska zittert. Auf ihrer Stirn sehe ich kleine Schweißperlen. Ihre Hände hat sie zu Fäusten geballt.

Das hier ist kein normaler Streit. Das hier ist etwas anderes. Das geht weiter. Das ist etwas, das ich nicht kenne. Da ist irgendein ungutes Gemenge aus Wut, Panik und Trauer zu spüren. Es macht mir Angst. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.

Franziska atmet dreimal durch, dann sagt sie:

«Ich muss weggehen … in eine Klinik oder so. Abstand brauch ich, irgendwie.»

Sie beginnt zu weinen. Noch immer zittert sie.

Unbeholfen versuche ich sie zu umarmen

«Fass mich jetzt nicht an», sagt sie darauf kaum hörbar. Hilflos ziehe ich meine Arme zurück und starre durch das Fenster ins Vogelsberger Nichts.

«Ich gehe jetzt. Verstehst du das?»

Gehen? Nein, das verstehe ich nicht.

«Ja … aber die Kinder und alles …?»

«Genau, du sagst es … die Kinder und alles …», sagt Franziska dann und starrt an mir vorbei.

Und genau in diesem Moment klingelt, ohne ein Spur von Sensibilität, mein Bereitschaftshandy. Es meldet sich mein Kollege und Stellvertreter Markus Meirich. Er teilt mir mit, dass ich zu einer Leiche kommen müsse. Ein Toter sei in der Nähe des Niddaer Faschingsumzuges aufgefunden worden, hinter dem Feuerwehrgerätehaus. Nun starre auch ich. Nicht so was bitte jetzt auch noch.

Franziska fragt: «Was ist?»

«Äh, ich muss los», stammele ich. «Da liegt ein Toter …»

«Wo?»

«Da, hier, also …»

«Hier?»

«Ja, hier bei uns in Nidda. Auf dem Faschingsumzug. Ich muss da jetzt hin. Können wir später nicht nochmal reden?»

Meine Knie beginnen zu zittern.

«Ich muss jetzt weg», sagt Franziska mit fester Stimme. «Laurin bleibt bis morgen bei Wolle und Molli –»

«Hmm …»

«– morgen und Faschingsdienstag ist kein Kindergarten. Du kriegst das hin.»

«Franziska, ich …»

«Du kannst das. Ich übernachte heute bei Petra. Und dann gebe ich dir Bescheid, wohin ich gehe. Ich kann wirklich nicht anders, glaub mir.»

«Warte doch noch bis morgen», flehe ich.

«Nein. Ich will nicht mehr warten. Ich kann nicht mehr warten.»

«Wann kommst du wieder?»

«Weiß nicht, ich weiß gar nichts mehr.»

Auch ich weiß nun gar nichts mehr. Weder, wie es weitergeht, noch, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Habe ich das wirklich gerade selbst erlebt? Hat Franziska mich nun tatsächlich verlassen? Mich? Uns? Die Kinder? Oder nimmt sie nur, wie man so schön sagt, eine Auszeit? Werde ich nun zu einem alleinerziehenden Vater? Und wie soll ich das den Kindern beibringen, wenn ich es mir selbst nicht einmal erklären kann? Ich dachte immer, ich kenne meine Frau. Scheiße!

 

Franziska und ich kennen uns, seit wir vierzehn sind. Eigentlich war ich von dem Tag an, als wir in eine Klasse kamen, in sie verliebt. Doch natürlich waren für sie die Burschen, die schon Moped fuhren, deutlich interessanter. In der elften Klasse dann aber, als andere Auswahlkriterien die Oberhand übernahmen, wurden wir auf einer Klassenfahrt ein Paar. Ihre Freundin Gabi petzte mir, dass Franziska mich «süß» fände. Ich konnte dies nur schwer glauben, da ich von mir eine andere Selbstwahrnehmung hatte. Franziska, dachte ich, die spielt in einer anderen Liga. Da ich alles andere als ein fescher Aufreißertyp war, versuchte ich zaghaft und unbeholfen diese Süß-Botschaft auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen. Zunächst wusste ich nicht, ob ich tatsächlich in dieses Mädchen verliebt war oder nur in den Stolz, dass dieses Mädchen anscheinend ein Auge auf mich geworfen hatte. Doch dann warf ich mein Auge zurück.

So saßen wir schließlich auf einer Klassenfahrt irgendwo im Schwarzwald ganz plötzlich ganz alleine am Lagerfeuer. Ich spielte Westernhagen auf der Westerngitarre, und irgendwann, nachdem auch die dritte Saite riss, rückten wir näher zusammen, alberten noch ein wenig verlegen herum, ehe wir uns zum ersten Mal küssten. Ich war sechzehn und sie nicht 31, sondern auch sechzehn. Es war der bis dato beeindruckendste Moment in meinem Leben, denn von Liebe wusste ich nicht viel. Wir blieben zwei Jahre zusammen, ehe wir uns trennten, um zu überprüfen, ob es da draußen nicht doch etwas Besseres für uns beide gäbe. Nachdem wir unabhängig voneinander festgestellt hatten, dass dies für uns wohl nicht der Fall sei, kamen wir wieder zusammen, zogen in eine gemeinsame Wohnung, heirateten, bekamen zwei Kinder, einen Hund und eine Doppelhaushälfte, um am Ende vor dem Scherbenhaufen des heutigen Tages zu stehen.

 

Franziska also packt still weinend ihre Tasche. Ich stehe blöd noch ein paar Sekunden im Weg herum und mache mich dann ohne Abschied konsterniert auf den Weg zu meiner Arbeit, zu einem Toten.

Ich bin seit sechs Jahren Kriminalhauptkommissar bei der Kripo in Alsfeld. Zum Glück wurde meine Stelle aufgeteilt. Ich bin nur zuständig für die ziemlich kleinen Kleinstädte Nidda, Schotten, Lauterbach mit all ihren angrenzenden Dörfern, die Namen wie Busenborn oder Eichelsachsen tragen. In diesem Vogelsberger Bereich wird vielleicht einmal eine Ehefrau verprügelt oder zu laut Party gefeiert, doch Mordopfer gibt es in der Regel nicht. Dafür sind andere Städte zuständig. In den letzten sechs Jahren gab es gerade einmal drei Todesfälle aufzuklären. Der Täter des ersten Mordes hat sich gestellt, der zweite Mörder läuft noch frei herum, und beim dritten Fall war es dann wohl doch Selbstmord. Und jetzt liegt diese Karnevalsleiche also nicht nur in meinem Zuständigkeitsbereich, sondern nahezu vor meiner Haustür. Von Bad Salzhausen nach Nidda kann man hinüberspucken.

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4. KAPITEL

Ich steige also in meinen Dienstwagen und bekomme auf halber Strecke in Geiß-Nidda Würgereize. Ich behalte alles in mir, passiere dann das Ortsschild Nidda und fahre direkt zum Feuerwehrgerätehaus in den Burgring. Meine Kollegen sind bereits da. Markus Meirich, der mich angerufen hat, und Teichner, dessen Vornamen ich immer vergesse. Ich bin mir sicher, dass Teichner einen hat, aber er wird von allen nur Teichner genannt.

Der Tatort ist abgesperrt. Alles sieht so aus wie sonntags im «Tatort», denke ich. Schade nur, dass jetzt nicht Ballauf, Schenk, Leitmayr, Batic oder die lippenaufgespritzte Thomalla kommt, um die Sache hier in die Hand zu nehmen. An Simone Thomallas und meinem Beispiel kann man sehen, dass es sowohl im Film als auch im echten Leben bei der Besetzung des Hauptkommissars schlimme Fehlbesetzungen gibt. Ich halte meine blöde Dienstmarke hoch, um zu Markus Meirich, Teichner und der Leiche zu kommen.

Was ich dort nun auf dem Boden sehe, passt zu diesem Tag. Dort liegt der tote Tod. Toter geht’s nicht. Der Tote trägt das Kostüm des Todes, das Faschingskostüm eines Sensenmanns. Kapuze und schwarzer Umhang, und neben der Kirche liegen eine furchteinflößende Maske und die obligatorische Sense.

«Nicht anfassen», plärrt mich Teichner von der Seite an, als ich nach der Sense greifen will, ohne mir vorher Plastikhandschuhe überzuziehen

«Mann, Mann, Mann», fügt er hinzu. Es ist und bleibt immer wieder demütigend, vom eigenen Assistenten belehrt zu werden, vor allem, wenn er recht hat.

«Auch guten Tag», erwidere ich zickig, während ich Markus Meirich zur Begrüßung die Hand reiche.

Markus sagt: «Na, das wurde aber auch mal Zeit, dass es mal den Tod erwischt. Sonst sterben immer die Lebendigen.»

Markus mag ich, Teichner nicht.

Markus nennt mir die Fakten: Der tote Tod wurde hinter dem Feuerwehrgerätehaus erschlagen, vermutlich mit einer dort herumliegenden Eisenstange. Sein Name: Klaus Drossmann, 61 Jahre alt, wohnhaft in Mannheim. Papiere hatte er bei sich, es wurde ihm auch sonst nichts entwendet, sein Leben mal ausgenommen.

Nach drei Stunden Arbeit am Tatort kehre ich zurück nach Hause. Berlusconi hat auf den Teppich gepinkelt, und die Ehefrau ist fort. Umgedreht wäre zwar komisch, mir aber doch im Endeffekt lieber.

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5. KAPITEL

Ich bin eine Memme, und das aus voller Überzeugung. Dauerhaft optimistische Menschen, deren Gläser immer halb voll sind, die mit einem Lächeln im Gesicht zuversichtlich stets nach vorne schauen und nach Rückschlägen, wenn sie am Boden liegen, sofort wieder voller Tatendrang aufstehen, sind mir zunächst einmal suspekt. Ich glaube ihnen nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass es allen guttäte, mehr zu memmen. Allen außer mir, denn ich tue es ohnehin schon genug. Memmen darf im Übrigen keinesfalls mit schlichtem, nöligem Jammern verwechselt werden. Jammern tut man über das Wetter, den Benzinpreis, die Politiker und darüber, dass der Nachbar mehr verdient. Memmen tut man über das Leben an sich. Es geht tiefer und hat Stil. Meistens zumindest. Schwer zu beschreiben, es hat mit melancholischem Weltschmerz, Wohlstandsproblemen und sensiblen Befindlichkeiten zu tun. Es ist so etwas wie Selbstmitleid de luxe. Ich will damit nur sagen: Ich bin kein Jammerlappen, ich bin eine Memme.

Seit nunmehr 15 Jahren bin ich mit Franziska verheiratet. Franziska ist eine coabhängige Memme. Sie selbst ist natürlich keine, muss sich aber mein Memmen anhören. Mal mit mehr Mitgefühl, mal mit weniger. Früher mehr, heute weniger. Und im Moment gar nicht mehr.

 

Zwei Tage warte ich nun schon auf eine Nachricht, doch von Franziska ist nichts zu sehen und zu hören. Laurin ist noch immer bei Calvin-Manuel, und Melina guckt sich im Fernsehen an, wie magersüchtige Mädchen von einem dümmlichen Ex-Model mit scheppernder Stimme gedemütigt werden.

Zwei Tage ist zudem auch schon der Tod tot. Zum Glück kann man sich auf Markus Meirich wie immer verlassen. Er macht die Arbeit, die ich machen müsste. Noch mehr als sonst. Zwar war ich gestern und heute in Alsfeld im Büro, aber ich bekomme keinen klaren Gedanken gefasst. Ich werde mit Markus sprechen und ihm meine Situation schildern müssen. Vielleicht kann ich mich freistellen lassen. Wie soll ich das hier sonst auf die Reihe kriegen?

Aber ich bin doch der Hauptkommissar. Und wir sind ohnehin unterbesetzt. Ich habe in den letzten Jahren streckenweise so schlecht gearbeitet, dass ich ein viel zu schlechtes Gewissen habe, um Markus mit Teichner alleine zu lassen. Jetzt, wo nach Jahren einmal ein großer Fall ansteht. Jetzt, wo ganz Mittel- und Osthessen auf Nidda schaut. Ein Toter im Rahmen des großen Faschingsumzuges. Das gibt es hier sonst nicht.

 

Ich werde morgen Mittag Laurin vom Kindergarten abholen. Zum Glück kann er noch eine Nacht länger bei Wolle und Molli bleiben, Molli bringt ihn morgen früh noch einmal zum Schlumpfloch, also zum Kindergarten. Dann aber werde ich ihm irgendwie erklären müssen, warum seine Mama nicht da ist. Wie geht das mit einem Fünfjährigen? Er ist so auf seine Mutter fixiert. Immer wenn er nachts weinend aufwachte und ich darauf von Franziska gebeten bis genötigt wurde, auch einmal nach ihm zu schauen, hat er bei meinem Anblick noch stärker zu weinen angefangen und klar zu verstehen gegeben, dass meine Person nicht wirklich erwünscht ist. Dann ist Franziska doch gegangen, und ich konnte nicht mehr einschlafen. Mit mir will Laurin immer Polizei spielen. Ich hasse das. Er will unbedingt Polizeipräsident werden, wie sein Opa. Er kann alles andere werden, von mir aus auch Zuhälter, nur bitte nicht Polizist und schon gar nicht Polizeipräsident. Ich hege trotzdem die große Hoffnung, dass er am Ende doch nicht zur Polizei will. So wie ich nie zur Polizei wollte und dann doch dort gelandet bin, so wird Laurin, der sich momentan nichts anderes wünscht, als Polizist zu werden, am Ende vermutlich ganz etwas anderes machen. Ich wünsche es ihm jedenfalls.

Mit Melina habe ich das Gespräch über den neuen Status quo bereits am Sonntagabend geführt. Es lief so ab:

«Melina, ich muss mal mit dir reden.»

«Oh, neeeeee.»

«Nein, nicht so, sondern anders …»

«Was?»

«Pass auf, Mama geht es nicht gut. Sie ist … na ja, wie soll ich sagen, überlastet und braucht eine Pause, und, na ja, jetzt ist sie für ein paar Tage quasi weg, um sich zu erholen. Also, sie ist krank, wird aber wieder gesund, muss sich halt erholen und braucht sozusagen Erholung, um gesund zu werden. Wie lange das dauert, weiß ich nicht. Aber sie ist jetzt erst mal weg und kommt irgendwann wieder. Jetzt sind wir halt ohne sie, aber wir kriegen das doch hin, oder?»

«Fertig?»

«Ja, eigentlich schon, ich weiß nicht, ob du …»

«Kann ich jetzt gehen?»

«Äh, ja …»

Dann ging sie auf ihr Zimmer. Immerhin haben wir uns nicht gestritten.

 

Es ist immer wieder absurd. Ich leite Ermittlungen. Ich bin weisungsbefugt, ich bin einer der Hauptkommissare bei der Alsfelder Kripo. Es läge also an mir zu sagen, was zu tun ist. Meistens aber muss ich das nicht. Es nimmt immer irgendwie alles so seinen Gang. Markus Meirich weiß immer, was zu tun ist. Ich beschäftige mich derweil mit Präventionsprojekten. Entwickle gemeinsam mit Miriam Meisler, der Präventionskoordinatorin, Projekte wie Aktionstage an Schulen, schreibe an den Broschüren und stelle sie dann der Öffentlichkeit vor. Das mache ich ganz gerne, jedenfalls klappt das ganz gut. Manchmal fahre ich auch zu Berufsbildungsmessen und stelle dann jungen Menschen den Polizeiberuf vor. All das ist planbar und überfordert nicht. Mord überfordert eindeutig. Mord und Ehefrau-weg überfordern noch eindeutiger.

Und auch heute Morgen, als wir uns zu einer Lagebesprechung im Alsfelder Büro treffen, stehe ich schon bei der Eröffnung der Sitzung neben mir.

«Okay, Leute», sage ich, «dann lasst uns doch mal zusammentragen, wie und was es jetzt … äh, weitergeht. Na ja, viel wissen wir ja noch nicht, und daher … äh …»

«Nujoh …», unternuschelt mich Teichner.

«Wie bitte?», frage ich nach.

«Ach nichts», murmelt er und grinst doof.

«Mach du erst mal», sagt er, um dann doch noch seinen Satz hinterherzuschieben: «Wobei man ja eigentlich schon recht viel weiß …»

Pause.

«Also, ich wenigstens.»

Er zieht die Brauen hoch und verschränkt die Arme vor seinem unförmigen Körper.

«Teichner, du bist gefeuert», sage ich. Nein, ich sage es nicht, sondern denke es nur. Das ginge auch gar nicht ohne Zustimmung des Oberkriminalrats Ludwig Körber. Onkel Ludwig, wie ich ihn seit meiner Kindheit, aber natürlich nicht im Dienst, nenne, der alte Freund meines Vaters, dem ich meine Position zu verdanken habe, die ich gar nicht wollte. Aber mit dem «Nein»sagen ist das so eine Sache. Ich verdiene schließlich auch mehr, und das Geld ist in den Handyverträgen meiner Tochter gut angelegt.

«Ja klar, ein bisschen was wissen wir schon», fasele ich. «Wir könnten auch weniger wissen, aber eigentlich auch … mehr.»

Ich höre mich sprechen, aber mein Gehirn weiß nicht, was es sagt. Ich habe andere Sorgen, denke ich, dieser Tote interessiert mich einen Scheißdreck. Mühsam finde ich den Faden wieder, den ich noch gar nicht hatte. «Okay, Teichner, dann trag doch mal zusammen, was wir schon alles wissen.» Teichner erhebt sich, sein Auftritt. Er schmiert sich das für sein Alter recht schüttere Haar mit den Fingerspitzen nach hinten, holt bedeutsam Luft und legt los:

«All right, also, unser Opferlein ist ein gewisser Klaus Drossmann. Er ist durch einen harten Schlag auf die Schläfe getötet worden. Zeitpunkt zwischen 16 und 17 Uhr. Also gegen Ende des närrischen Bandwurms.»

Teichner hält inne und blickt erwartungsfroh in die Runde. Seine Augen verschwinden zwischen den üppig aufgedunsenen Wangen und seiner speckig verschwitzten Stirn. Offenbar wartet er auf einen Lacher. Aber weder Markus Meirich noch ich lassen uns zu einem Höflichkeitsschmunzler hinreißen.

«Also Lindwurm, natürlich, nicht Bandwurm, ne … hehe, nicht närrischer Bandwurm …», erklärt er seinen Nichtwitz.

«Ja, Herrgott, schildere jetzt doch bitte sachlich die Lage, verdammt nochmal!», platzt es aus Markus Meirich heraus, und ich danke ihm stumm dafür.

Teichner fährt beleidigt fort: «O.k., o.k., nur die Ruhe … Also, Todeszeitpunkt zwischen 16 und 17 Uhr. Das Opfer hat alle Papiere bei sich gehabt. Daher wissen wir, dass Klaus Drossmann 61 Jahre alt wurde und in Mannheim lebte. Wir, also eher meine Wenigkeit hat recherchiert, dass Drossmann bis 1989 mit seiner Familie in Schotten gelebt hat. Seine Frau ist vor sechs Jahren gestorben.»

Teichner blickt in die Runde, aber niemand applaudiert.

«Dann hat meinereiner auch noch herausgedröselt, dass Drossmann einen Sohn hat.»

Wieder macht er eine Pause und scheint erneut begeisterte Ovationen zu erwarten.

«Der Sohn heißt Frank Drossmann, ist 34 Jahre alt, wohnt alleinstehend in Gießen und arbeitet dort beim Finanzamt.»

«Ist er schon informiert?», frage ich.

«Für solch hohe Aufgaben wie Angehörige verständigen ist doch ein Herr Teichner nicht vorgesehen. Das machen doch hier andere Leute …»

«Ich habe Frank Drossmann vorhin erst erreicht», schaltet sich Markus Meirich ein. «Ich fahre nachher hin. Willst du mit?»

Markus hat mich gemeint, doch Teichner antwortet: «Ja, klar.»

«Ach, du, äh, Teichner, es wäre besser, wenn du hier im Büro die Stellung hältst», komme ich Markus zu Hilfe. Zu Markus sage ich: «Markus, mach das ruhig alleine. Ich werde in der Zeit … na ja, es liegt ja noch so einiges andere an.»

Mit Berlusconi Gassi gehen, das liegt an, denke ich, während die Sitzung mit einer etwas zu langen Stille ihren Abschluss findet.

 

Warum in aller Welt muss Berlusconi immer Passantinnen im Schritt schnüffeln?, denke ich, nachdem ich von meinem Hundespaziergang heimgekehrt bin. Er ist einfach schlecht zu erziehen. Vielmehr ist er schlecht erzogen, na ja, eigentlich ist er gar nicht erzogen. Ist bei Mischlingen aus Osteuropa auch nicht immer leicht. Berlusconi ist einfach so, ein Hund mit Charakter. Wenn er «Sitz» machen soll, gibt er Pfötchen. Wenn er laufen soll, macht er «Platz», und wenn er Platz machen soll, furzt er.

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6. KAPITEL

Es wird Zeit, mit Markus zu sprechen. Ich will ihm ehrlich meine Lage schildern. Er muss wissen, warum es auf ihn nun noch mehr ankommt als ohnehin schon. Ich rufe ihn an, während Melina in ihrem Zimmer zu laut Rihanna oder so hört.

«Markus», sage ich, «ich muss mal mit dir reden.»

«Das trifft sich gut», antwortet er, «ich mit dir auch.»

Jetzt wird er sagen, dass er nun endgültig die Nase voll davon hat, andauernd meine Inkompetenz zu schultern, denke ich sofort.

Markus Meirich ist ein Gewinnertyp. Er ist 36 Jahre alt, spielte bis vor fünf Jahren noch beim SC Moers in der Volleyball-Bundesliga, ehe er sich auf seine Polizeikarriere konzentrierte und nach Alsfeld zog. Markus hat eine attraktive, intelligente Frau, Nadja, und eine süße dreijährige Tochter. Ich blicke zu ihm ein wenig auf. Nicht nur wegen seiner zwei Meter vier Lebendgröße, sondern wegen seiner zielstrebigen inneren Ruhe.

Privat haben wir uns nie getroffen, was ich bedaure, aber doch nie änderte. Vielleicht ist mein schlechtes Gewissen ein Hinderungsgrund.

«Hast du nachher Zeit?», fragt er mich. «Ich würde gerne persönlich mit dir reden. Ich treffe mich gleich mit Frank Drossmann in Gießen und könnte dann auf der Rückfahrt in Bad Salzhausen vorbeikommen.»

«Das ist gut, ja. Beim Italiener?», schlage ich vor. «Ruf an, wann du da sein kannst.»

 

Zwei Stunden später sitze ich bei Antonio in der einzigen Bad Salzhäuser Pizzeria. Antonio ist das personifizierte italienische Klischee. Schon alleine, dass er Antonio heißt. Sein Lokal nennt sich folgerichtig «Da Antonio».

Er singt gerne und meistens «O Sole mio», sagt ständig prego, grazie, Grappa und Mama, rollt ausgiebig das r und dehnt die Vokale extrem aus. An der Wand hängen kitschige Adria-Bilder und ein Mannschaftsfoto des AC Mailand. Von Antonio wird jeder bereits während des zweiten Besuches in seinem Restaurant zum Stammgast zurechtgeduzt. Ich bestelle natürlich einen Chianti und warte auf Markus. Ich werde ihm sagen, dass er die Leitung der Ermittlungen allein übernehmen solle, da er auf mich nicht bauen könne. Noch weniger als sonst. Dass ich ihm helfen würde, so gut es geht. Und dass ich bei Onkel Ludwig, dem Kriminaloberrat, ein gutes Wort für ihn einlegen würde. Das hat er zwar nicht nötig, er wird auch so seinen Weg gehen, aber es soll meine Dankbarkeit und meinen guten Willen unterstreichen. Ich werde ihm offen und ehrlich mein persönliches Fiasko darstellen, denke ich, während ich an dem säuerlichen Rotwein nippe.

Dann betritt Markus das Lokal. Antonio begrüßt ihn herzlich, und während sie sich gegenüberstehen, stelle ich fest, dass sich Antonios Nase ungefähr auf Höhe von Markus’ Bauchnabel bewegt. Denn Antonio ist selbstverständlich auch klein.

«Ich erzähle dir am besten erst einmal von diesem Frank Drossmann», sagt Markus, als er am Tisch Platz genommen und einen Apfelsaft bestellt hat. «Affelsaff», wie Antonio sagt. Markus gehört zu den wenigen Traditionalisten, die noch puren Affelsaff trinken und keine Affelsaffschorle.

«Das ist ein ganz eigenartiger Typ, dieser Drossmann junior», fährt Markus fort. «Ein absoluter Eigenbrötler. Total introvertiert. Der redet nichts. Als ich ihm die traurige Nachricht vom gewaltsamen Tod seines Vaters überbracht habe, hat er nur ‹Hm!› gesagt, keine Miene hat der verzogen! Er wirkte weder geschockt noch traurig, noch sonst irgendwas. So was habe ich echt noch nicht erlebt.»

«Meinst du, er hat etwas damit zu tun?», frage ich.

«Kann ich mir nicht vorstellen. Warum sollte er seinen Vater ausgerechnet beim Faschingsumzug in Nidda erschlagen? Er wäre auch den ganzen Tag zu Hause gewesen, meint er. Zum Vater hätte er seit Jahren kaum noch Kontakt. Das war auch so fast das Einzige, was er gesagt hat. Es hätte keinen Krach gegeben, man hätte sich halt auseinandergelebt, seit die Mutter vor sechs Jahren gestorben sei.»

Während ich Markus so zuhöre, merke ich wieder, wie egal es mir ist, wer diesen Drossmann erschlagen hat. Ich habe andere Sorgen.

«Andere nahe Familienangehörige gibt es nicht», fährt Markus fort. «Die haben ja früher in Schotten gewohnt. Das ist der einzige Anhaltspunkt. Der alte Drossmann war früher im Schottener Karnevalsverein aktiv. Da wird man dann wohl ansetzen müssen.»

«Ja, das wird man dann wohl …», sage ich, ehe eine längere Stille einsetzt, die jäh von Antonios «O Sole mio» aus der Küche unterbrochen wird.

In diesem Moment vibriert es in meiner Hose, und mir wird wieder klar, dass das Smarteste in meinem Leben derzeit mein Phone ist.

Es meldet sich Petra.

«Petra», überplärre ich Antonios Gesang. «Moment, Moment, ich kann hier schlecht reden», stammele ich nervös, während Antonio die Al-Bano-und-Romina-Power-CD aus den achtziger Jahren einschiebt, um auch das letztverbliebene Klischee noch zu erfüllen.

«Äh, Markus, sorry», sage ich und fuchtele dabei nervös mit den Armen herum, «aber ich muss ein lebenswichtiges Telefonat führen. Lass uns unser Gespräch morgen führen …»

«Ja, aber …», versucht Markus einzuwenden. Doch da habe ich ihn schon mit dem Handy in der Hand und einem «Felicità» in den Ohren sitzengelassen.

Bei Petra wollte Franziska eine Nacht bleiben, ehe sie in eine Klinik, in eine Kur oder wo auch immer hingeht.

«Petra, gut, dass ihr anruft», hechle ich aufgeregt ins Telefon. Sie möge mir doch bitte gleich Franziska geben, sage ich forsch, während ich in meinen Golf-Diesel-Kombi steige.

«Pass auf, Henning, die Fransi will nicht mit dir sprechen. Ich soll dir nur was ausrichten.»

Ich hasse die Kurzform «Franzi» für den Namen meiner Frau. Aber «Fransi» mit stimmhaftem «s», das klingt noch schlimmer. Petra ist Franziskas älteste und vermutlich treueste Freundin. Die zwei kennen sich seit dem Kindergarten, waren bis zum Abitur in einer Klasse, und nun unterrichten sie auch noch beide im Gymnasium Nidda. Immerhin aber haben sie in verschiedenen Städten unterschiedliche Fächer studiert und unterschiedliche Männer geheiratet. Franziska belegte die Fächerkombination Deutsch und Musik in Marburg, Petra Erdkunde und Biologie in Gießen. Franziska heiratete mich und Petra den Oliver. Ich finde Petra eher mittel – ach was, sie ist eine unglaublich altkluge, besserwisserische blöde Kuh. Sie hat eine leicht quäkende Stimme, aber dafür kann sie ja leider fast nichts. Petra redet immer über Schule. Mit allen und immer. Sie leidet unter dem schlechten Ruf ihres Berufsstandes und fühlt sich aus diesem Grund genötigt, alle ihre beruflichen Arbeitsschritte der Welt stöhnend mitzuteilen. Sie klagt stets über die lauten, frechen und unterrichtsstörenden Jungs und würde am liebsten per Lehrplan die Pubertät abschaffen.

Ihr Mann Oliver redet nicht. Braucht er auch nicht, denn den Job übernimmt Petra für ihn mit. Einmal im Jahr treffen wir uns zu viert zum gemeinsamen Grillen. Während Petra und Franziska den Gurkensalat herrichten, lebhaft über Kollegen und Schüler lästern und den Undank der Restwelt bejammern, stehe ich mit Oliver schweigend am Schwenkgrill. Manchmal sagt er: «Und? Ist durch, oder?» Dann nicke ich meistens und sage: «Keine Ahnung.» Und dann schweigen wir weiter.

«Wie? Franziska will nicht mit mir sprechen? Ich möchte nur wissen, was sie vorhat, und kein Beziehungsgespräch führen.»

«Und genau das soll ich dir ja ausrichten», quäkt sie mir ins Ohr. «Sie ist nämlich gar nicht mehr da. Sie ist auf dem Weg nach Borkum in eine Spezialklinik.»

«Nach Borkum? Auf die Nordseeinsel?», frage ich ungläubig nach.

«Ja, genau. Wichtig ist, dass die Fransi keinen Kontakt zur Außenwelt hat. Deswegen bittet sie dich, sie nicht zu kontaktieren oder ihr nachzureisen oder Ähnliches. Zwei Briefe hat die Fransi geschrieben, einen für Melli und einen für Lauri, die schmeiß ich nachher bei euch ein.»

Meine Kinder heißen Melina und Laurin und nicht Melli und Lauri, und Franziska heißt auch nicht Fransi. Doch darum geht es jetzt nicht.

«Alles klar», sage ich nur noch und lege auf. Danke, Franziska, vielen Dank für diese Aktion und schön, dass du auch mir einen Brief geschrieben hast. Ich kämpfe ein wenig mit den Tränen, gehe aber als klarer Sieger hervor.

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7. KAPITEL

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