totgequatscht - Edda Minck - E-Book

totgequatscht E-Book

Edda Minck

4,5

  • Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Kann es für Maggie Abendroth was Schöneres geben, als im Advent in der Bestellannahme eines Shoppingkanals an der Strippe hängen zu müssen? Aber sicher! Sie hört am anderen Ende der Leitung, wie jemand umgebracht wird, und Hauptkommissar Winnie Blaschke verpasst ein Abendessen, weil er vergeblich nach dem Mordopfer sucht. Kaum hat sich die Aufregung gelegt, taucht bei der jährlichen Friedhofsausstellung ausgerechnet in Herrn Mattis schönstem Sargmodell, dem Mafioso 2000, ein unerwartetes Exponat auf: männlich, kalt, tot. Die Spurensicherung liefert Ergebnisse, die Mattis Mitarbeiter Rudi Rolinski schuldig sprechen. Da kann nur noch ein Weihnachtswunder helfen, denn: DNA und Fingerabdrücke lügen nicht - oder doch?

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Seitenzahl: 340

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Edda Mincktotgequatscht

Edda Minck, Jhrg. 1958, lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Unter dem Pseudonym Minck & Minck wurden bisher vier Krimis veröffentlicht: »totgepflegt«, »abgemurkst«, »umgenietet« (Droste Verlag) und »ausgeträllert« (KBV). »totgequatscht – Maggie Abendroth: und der Teppich des Todes« ist der fünfte und letzte Band der Maggie-Abendroth-Krimireihe.

Mehr über Edda Minck und ihre Bücher: www.eddaminck.de

Edda Minck

totgequatscht

Maggie Abendroth: und der Teppich des Todes

1. Auflage September 20122. Auflage Oktober 2012

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlagillustration: www.helgejepsen.deRedaktion: Dr. Meike Fritz, BerlinDruck: Aalexx Buchproduktion GmbH, GroßburgwedelPrinted in GermanyPrint-ISBN 978-3-942446-60-0E-Book-ISBN 978-3-95441-121-4

Für Christian und Tanja und das ganze Teamvon Bestattungen Fritz,das Team vom Schloss-Café,Helge Jepsen,Frau Dr. Meike Fritz,das Team von Honey-Hairund VorOrt

Ensemble

Kapitel 1

Und da war er: der gefühlte siebenundzwanzigste weiße Albtraum aus Tüll, Taft und Seide, mit dem Wilma aus der Umkleidekabine rauschte. Mir völlig unverständlich, dass auf ihrem sonst so makellosen Gesicht das fahle Licht einer Neonreklame leuchtete, die verkündete: »Sie haben Ihr Fahrziel erreicht«. Und wie man weiß – Neonlicht macht alt.

Meine beste Freundin drehte sich vor dem Spiegel hin und her, die fleischgewordene Vision aller Hochzeitsfanatiker. Die riesengroße Schleife, die ihre Taille zierte, rutschte und kam knapp unterhalb der Hüfte zum Stehen. Die Enden der Schleife fielen schlapp herunter.

»Ach Gottchen, Gottchen, Gottchen, Kindchen, was sind Sie schmaaal. Wie ein Model. Da würde ja Heidi Klum neidisch werden«, flötete die Verkäuferin des Brautmodenladens Hochzeit’s Himmel, ohne die zehn Stecknadeln aus dem Mund zu nehmen. Bei der Hysterie, die die Dame verbreitete, hätte es auch gerne ›Hochzeitsfimmel‹ heißen können – wenigstens wäre so der Ossi-Apostroph verschwunden.

»Keine Sorge, das ist das Klümchen schon«, sagte ich.

Jede Frau, die Augen im Kopf hat, muss neidisch sein auf Wilma, und Heidi erst recht, weil Wilma glatt noch vier Zentimeter größer ist als Deutschlands Kleiderständer Nummer eins aus Bergisch Gladbach. »Heidi macht nur Karriere, weil unsere Wilma nicht mehr auf den Catwalks dieser Welt läuft, nicht wahr? Außerdem hatte Heidi schon immer zu grobe Fußgelenke.«

Wilma rollte die Augen und schüttelte den Kopf.

Die Verkäuferin blinzelte und starrte der Braut ins Gesicht. »Ach … ich weiß! Nein, sagen Sie es nicht … Sie sind dieser, dieser … Most, ja genau, die sich immer beim Koksen erwischen lässt, aber sehr ähnlich … oder nee, Moment mal! Waren Sie mal bei Wetten, dass ..??«

Wilma sagte: »Nein«, und mir flüsterte sie zu: »Ich bring dich um, Maggie.«

Tja, knapp daneben ist auch vorbei, hätte ich der Verkäuferin sagen können, aber ich klärte sie nicht darüber auf, dass Wilma eines der erfolgreichsten Katalogmodels in Deutschland und Japan gewesen war, bevor noch Claudia Schiffer meinte, sie müsse für den Otto Katalog posieren.

»Können wir jetzt mal endlich? Die Schleife! Muss da nicht so was wie Draht rein? Die fällt doch immer zusammen«, sagte Wilma und zappelte herum. Ihre schlanken Arme ragten wie Stöckchen aus den überladenen Puffärmeln.

»Momentchen, Momentchen. Das haben wir gleich.« Die Dame setzte ihre Lesebrille auf die Nase, begutachtete den Schaden, den Wilmas Taille verursacht hatte, zupfte daran herum und drapierte die Schleife dorthin, wo sie hingehörte – auf den verlängerten Rücken. »Und dann machen wir noch hier und hier und hier … ja, das stecke ich fest. Und Draht? Nee, ich mach das schon. Sie sehen aus, Kindchen. Zucker!« Dann wandte sich die Verkäuferin mit strengem Blick zu Winnie um, der es sich in einem riesigen goldfarbenen Ohrensessel bequem gemacht und bislang nichts weiter beigesteuert hatte als ein wissendes Lächeln gepaart mit wohldosiert gequältem Augenaufschlag, wenn Wilma mit ausladenden Schritten und Hüftgewackel in einem Brautkleid ihrer Wahl an uns vorbeidefilierte. An diesem Vormittag hatten wir immerhin schon sieben Walks gesehen, und Heidi hätte Wilma jedes Mal ein Foto dafür gegeben. An der Performance war nichts auszusetzen gewesen, dafür umso mehr an den Kleidern, die zur Auswahl standen.

Winnie machte ein kluges Gesicht, während die Verkäuferin die Augen zusammenkniff und sagte: »Sie sollten überhaupt nicht hier sein, junger Mann. Das gehört sich nicht. Ein Bräutigam, der das Brautkleid vor der Hochzeit sieht, bringt Unglück. Sieben Jahre mindestens.«

»Ich weiß«, sagte Winnie. »Aber das Brautkleid, das mir Unglück bringen würde, sollte ich es denn jemals sehen, wäre ein schwarzer Smoking. Oder vielleicht auch ein weißer.«

Die Stecknadeln zwischen den Lippen der Verkäuferin wanderten alle zum rechten Mundwinkel, und bevor sie sich vor Schreck mit den Dingern selbst entleiben konnte, sagte ich: »Er ist nur als Modeberater hier. Der Bräutigam befindet sich in Südamerika und rast mit seinem Mountainbike den Popocatepetl rauf und runter und wird von dem Kleid bis zum ersten Nä-Nä-NäNäNäää aus der Kirchenorgel nichts mitbekommen.«

Die Dame klatschte in die Hände. »Wenn das so ist. Dann sagen Sie mal was, Herr Modeberater.« Sie beugte sich zu mir herunter und flüsterte, ohne Winnie aus den Augen zu lassen: »Zieht der sich selber so an?«

Ich nickte. »Ja, das macht der ganz alleine. Beängstigend, nicht wahr? Er bekommt jährlich den Pokal für den bestangezogenen Kripobeamten von Bochum verliehen.«

»Oh«, machte die Verkäuferin.

»Hm«, machte Winnie und zupfte an seiner Hose herum, an der es nichts zu zupfen gab. »Hm, Hm …«

»Er will damit sagen: Du siehst aus wie Daisy Duck auf Koks. Wenn jetzt unter dir eine rosa Spieluhr wäre … oder eine Sahnetorte … vielleicht«, kam ich ihm zuvor, um die Sache abzukürzen. »Wilma, du brauchst was … was … Ach, Winnie, jetzt mal dein Einsatz. Wozu haben wir dich mitgenommen?«

»Also … irgendwie … zu niedlich. Zu viel Zucker. Maggie hat recht, Wilma. Du brauchst etwas weniger Cinderella, dafür etwas mehr Kill Bill.«

»Haben Sie das da?«, fragte ich die Verkäuferin.

»Ist das alles, was ihr beisteuern könnt?«, sagte Wilma, raffte die Röcke und stolzierte zurück in die Umkleidekabine.

»Bist du jetzt beleidigt?«, rief ich.

»Das macht keinen Spaß mit euch. Ich hätte Mia oder Berti mitnehmen sollen. Sogar Elli hat mehr Geschmack.«

»Ja, warum hast du dann nicht? Wenn dir unbedingt der Sinn danach steht, im mauvefarbenen Chiffontutu herumzulaufen, ruf sie doch an.«

Gegen den Modegeschmack der emeritierten Bochumer Kiezkönigin war nichts einzuwenden – vorausgesetzt man war ein Pudel oder über 150 Kilo schwer.

»Ja, hätte ich tun sollen. Die verliert ihre gute Laune wenigstens nicht. Ihr seid beide so … ich weiß auch nicht. Negativ? Desinteressiert … ach …!«

»Aber das waren doch erst sieben Kleider, Kindchen. Für den schönsten Tag im Leben einer Frau muss man das Richtige aussuchen, und das kann dauern. Wir wollen doch keinen Fehler machen, nicht wahr? Immerhin muss man davon ausgehen, dass dieser Tag im Leben nur einmal kommt.« Die Verkäuferin grinste und sah dabei aus wie Hannibal Lecter. »Und Ihre Freunde meinen das nicht so … nicht wahr?!« Sie zischte die letzten beiden Worte hervor, was aber keinen Eindruck auf uns machte.

»Wenn das so weitergeht, wird es so lange dauern, bis die Hochzeit vorbei ist. Wenn du mich fragst, ich finde, ein Hosenanzug à la Bianca Jagger seinerzeit. Was Cooles, ein bisschen Seventies und so …«, rief ich in Richtung Umkleide.

»Maggie hat leider recht«, sagte Winnie. »Du wirst wahrscheinlich von Ackis Freunden auf einem Mountainbike entführt werden – da wäre ein Hosenanzug das Beste. So ein Krinolinendings verheddert sich doch nur in den Speichen.«

Der Vorhang der Umkleidekabine öffnete sich und Wilma steckte den Kopf heraus. »Und wohin mit dem Strumpfband?«

»Mein Gott, das sind doch Detailfragen. Tacker es dir an die Stirn«, sagte ich und hätte am liebsten eine Zigarette geraucht. Aber meine Freundin war schon seit Stunden unerbittlich und verlangte von ihrem Hochzeitsteam ständige Anwesenheit.

Die Verkäuferin sah die Falten auf Wilmas Stirn und pfiff aus dem letzten Loch: »Jemand ein Proseccöchen vielleicht? Ich glaube, wir brauchen ein klitzekleines Päuschen.«

»Für mich nicht, aber geben Sie meinen beiden unfähigen Weddingplannern mal einen Schluck, vielleicht hilft es. Oh herrje, es ist ja schon gleich zwölf. Ich muss zurück in den Salon … aber zwei schaffe ich noch …«

Der Prosecco wurde serviert, und ich beugte mich zu Winnie hinüber: »Das mit der Hochzeit ist doch eine Schnapsidee, oder? Wilma ist ein Heiratshasser. Ich weiß gar nicht, was das alles soll. Und dann auch noch den Fahrradfreak. Wilma hasst Sport. Können wir nicht irgendwas tun, um die Katastrophe zu verhindern?«

»Die einzige Katastrophe sind die Kleider. Und das werden wir verhindern. Aber ansonsten habe ich den Eindruck, dass Wilma und Acki sehr glücklich sind.«

»Ja super! Wilma wird ein Fisch mit Fahrrad. Toll. Keine Hochzeit – kein Ärger, hat sie immer gepredigt. Aber jetzt!? Sie ist infiziert, vom Wedding-Virus. Seit Wochen gibt es nichts anderes als Blumenarrangements, Ankündigungen für Probeessen, das Studium diverser Speisekarten und Urlaubskataloge für Hochzeitsreisen, Einladungskarten-Casting, mit Goldschnitt oder ohne … bunt, groß, klein oder gar nicht … Es gibt mehr Optionen, falsche Einladungskarten zu verschicken, als die ahnungslose Singlewelt sich träumen lässt, Winnie.«

»Mach dir keine Sorgen, Heilung ist in Sicht. Für gewöhnlich genesen die Patienten nach dem Jawort recht schnell.«

»Du bist auch keine Hilfe. Nimm sie in Schutzhaft, die weiß ja nicht mehr, was sie tut.« Meine Laune verschlechterte sich täglich bei diesem Marathon an Glückseligkeit. Nicht, dass ich meiner besten Freundin kein Glück wünschte, aber sie war schon dünner als ich, sah tausendmal besser aus als ich, war pimpillionen mal erfolgreicher als ich, was musste sie auch noch verheirateter sein als ich? Warum musste sie überhaupt einen Mann haben, wo ich keinen hatte? Noch nicht mal in Aussicht, von Herrn Matti mal abgesehen, der mir mit der Sturheit eines Eisanglers Essenseinladungen schickte, die ich höflich ablehnte, weil ich ihn wirklich gern hatte, wie ich mir letztendlich hatte eingestehen müssen. Millimeter für Millimeter hatte er sich im Laufe der letzten Jahre in mein Herz geschlichen. Es gelang mir nicht, an der Tatsache vorbeizukommen, dass Matti etwas an sich hatte, dem auszuweichen mir immer mehr Energie raubte. Die Tatsache, dass er mir schon zweimal das Leben gerettet hatte, konnte es ja nicht sein. Er war so außergewöhnlich, wie ein Finne in Bochum exotisch sein kann, der ein Bestattungsunternehmen führte, für das er sich meinen Namen geliehen hatte. Bestattungen Abendroth klang eben besser als Bestattungen Bietiniemollaiinnen. Aber um der Sache auf den Grund zu gehen, hätte ich mit ihm mehr Zeit verbringen müssen. Und um herauszufinden, warum ich das nicht tat, hätte ich in mich gehen müssen – ein Ort, den ich lieber mied. Mein Selbstbewusstsein war nach allen Debakeln der letzten Jahre (ich hätte ein Buch mit dem Titel In drei kleinen Schritten zum totalen Fiasko schreiben können) auf Reiskorngröße zusammengeschrumpft, wohingegen mein Äußeres sich aufblähte wie ein Fesselballon. Na gut, an Elli Ruschkowskys Maßen kratzte ich noch nicht einmal, aber der Zeiger der Waage stolperte schon wieder stetig auf die achtzig Kilo zu. Vielleicht fielen mir deshalb die nächsten Worte einfach so aus dem Mund: »Heiratest du, weil du das Alter spürst? Oder geht’s nur darum, mal so einen Tüllfummel zu tragen, bevor es ums letzte Hemd geht?«, fragte ich.

Winnie saß mit einem Mal kerzengerade im Sessel.

»Machst du das eigentlich, weil dich der Neid zerfrisst?«, kam es hinter dem Vorhang zurück. »Ich habe auf allen Laufstegen der Welt Hochzeitskleider präsentiert, falls du das vergessen haben solltest.«

»Dann hättest du eins davon mitnehmen sollen. Models kriegen doch immer was geschenkt. Dann wären wir jetzt hier schon fertig.«

Winnie atmete hörbar aus. »Okay, Ladies. Ein Kleid noch, dann muss ich zurück ins Präsidium. Mein Hintern kriegt schon Sitzfalten.«

»Und meine Schicht fängt in einer Stunde an, also dalli, dalli, Frau Korff, so lange ich noch an die Jungfernschaft in weißen Kleidern glaube.«

Hinter dem Vorhang war ein Rascheln zu hören, dann teilte sich der Stoff, und Wilma schritt heraus wie eine Königin. Die Verkäuferin, die geduldig an den Stecknadeln zwischen ihren Lippen vorbei an ihrem Prosecco genippt hatte, hustete vor Schreck, und die Stecknadeln flogen durch den Laden.

Winnie klatschte in die Hände und rief: »Yes, Baby. Das ist es!«

»Es fehlt natürlich noch das Make-up«, sagte Wilma und zog den wagenradgroßen weißen Schlapphut in die Stirn.

»Hab ich doch gleich gesagt.«

»Das ist nicht von uns!«, rief die Verkäuferin, dabei krabbelte sie auf allen Vieren auf dem Hochflorteppich herum, um die Stecknadeln wieder einzusammeln.

»Das weiß ich«, sagte Wilma. »Das ist Vintage. Bianca Jaggers Hosenanzug, den sie bei der Hochzeit mit Mick Jagger getragen hat … Also nicht das Original, versteht sich. Aber …«

Die Verkäuferin nahm uns die halb ausgetrunkenen Proseccogläser aus den Händen und marschierte davon.

»Warum ist sie so sauer?«, sagte Wilma.

»Weil es so aussieht, als würde sie grad nicht über Los gehen und nicht ein paar tausend Euro verdienen. Da kann man schon mal sauer werden. Ich bin Experte für nicht verdientes Geld.«

»Warum hast du das nicht gleich angezogen«, sagte Winnie. »Hätte eine Menge Zeit gespart.«

»Wäre aber nur der halbe Spaß gewesen. Der Anzug muss noch geändert werden. Die Jacke sitzt in den Schultern noch nicht perfekt. Ich dachte, das könnten die hier machen … Wo ist die Verkäuferin denn jetzt?«

»Schmollecke. Such dir lieber einen anderen Schneider, sonst macht sie aus der Hose Hotpants. Wäre schade um die siebzig Zentimeter Schlag. Sag mal, wo hast du nur die Schuhe her? Dein Bräutigam wird auf einem Hochrad in die Kirche rollern müssen.«

»Aus London! Super, was?« Wilma lüpfte die Megaschlaghose, und Winnie schlug sich vor Begeisterung über die zwölf Zentimeter Plateaustiefel auf die Schenkel. »Lass dir von Elli noch ein paar Swarovskisteine drauftackern, dann passt das schon.«

»Tja, Winnie. Du bist jetzt als Brautführer gefordert. Was wirst du tragen? Ich seh dich schon in einem Elton-John-Gedächtnisfrack und Gary-Glitter-Stiefeln. Und was werde ich als Brautjungfer anziehen?«

»Das ist eine Überraschung. Mia und du, ihr werdet natürlich stilecht gekleidet. Die Sachen kommen noch. Anprobe bei mir nächste Woche. Bei Winnie und Nikolaj mache ich mir keine Sorgen.«

»Ach, so … Bei uns muss man sich also Sorgen machen. Verstehe. Wenn du mir mit irgendwelchen Abba-Fummeln kommst, steige ich aus.«

»Hast du dich eigentlich schon um die Musik gekümmert?«, wechselte Wilma abrupt das Thema.

»Wenn ich sage, ich kümmere mich, dann mach ich das auch. Jetzt weiß ich ja endlich, um was es geht. Mit Treulich geführt, ziehet dahin werden wir nicht punkten. Eher schon mit White Wedding von Billy Idol. Wenn der Pfarrer das zulässt … Dein Handy klingelt übrigens.«

Wilma ging zurück in die Kabine. Keine Minute später kündete ein verzücktes Quieken von irgendeiner positiven Nachricht.

»Hört sich an, als hätte Mick Jagger zugesagt«, sagte Winnie.

»Wenn sie etwas netter zu mir wäre, würde ich ihr sagen, dass ich weiß, wo ein weißer Rolls-Royce steht. Die Tagesmiete ist gar nicht mal so teuer.«

»Aber du wirst es ihr noch sagen, Miss Organizing? Du machst das übrigens gut.«

»Danke für die Blumen, Winnie. Erzähl bitte nicht weiter, dass ich auch was kann. Wäre ein Schock für alle, wenn die Wahrheit über die talentfreie Zone herauskäme.«

»Das nenn’ ich mal ein Understatement, Frau Abendroth.«

»Super, super, dass du das einrichten kannst. Ich danke dir … natürlich«, kam es aus der Umkleide. »Ja sicher. Bitte alles nur in Schwarz-Weiß. Ja, klar. Ich hab den Anzug gekriegt. Danke, dass du das geschafft hast. Toll, toll … «

In meinem Kopf läutete Quasimodo die ganz große Glocke. Wilma rief: »Ich pack nur schnell zusammen, dann können wir gehen. Maggie, kannst du schon mal …« Sie reichte mir ihre Handtasche aus der Kabine und ich nahm sie entgegen. Ohne nachzudenken, griff ich hinein. Winnie runzelte die Stirn.

Ich holte das Handy heraus und drückte auf »angenommene Anrufe« und die Telefonnummer, die ich sah, löste ein Erdbeben der Stärke 15 aus. Im nächsten Moment warf meine Hand, ohne vorher Bescheid zu sagen, die Tasche zurück in die Kabine.

»Wilma! Ich stelle nur eine Frage: Kommt der Knipser etwa zur Hochzeit, um die Fotos zu machen?«

»Ja, was ist denn schon …?«

»Dann such dir gefälligst eine andere Brautjungfer.«

»Maggie …!« Wilma hoppelte mit halb heruntergelassener Hose aus der Kabine.

»Ich hab mich doch klar ausgedrückt. Mein Ex oder ich!«

»Jetzt komm mal runter. Das ist organisatorisch eine Win-Win-Situation«, sagte sie und stieg ganz aus der Hose. Sie bückte sich, um das edle Teil aufzuheben, und vor dem Schaufenster blieben die ersten Männer stehen, um Wilmas Rückseite, eingepackt in einen champagnerfarbenen Stringtanga, zu bewundern. »Er hat mir den Anzug aus London besorgt. Er musste mächtig Strippen ziehen bei Yves Saint Laurent, um rauszufinden, wo noch ein Exemplar davon existiert! Und da muss ich ihn natürlich einladen … außerdem macht er die Fotos gratis. Ich muss nur das Material zahlen. Und voilà: Du brauchst dich nicht mehr um einen Fotografen zu kümmern.«

»Das verstehe ich natürlich, Wilma. Der Herr Modefotograf hat sich richtig ins Zeug gelegt für dich, im Fundus von Madame Tussaud vermutlich, oder was? Denkst du überhaupt nicht nach? Reicht es nicht, dass das Schicksal, oder wie auch immer du das nennen willst, mir den Kerl immer wieder vor die Füße wirft, obwohl es nichts, aber auch gar nichts gibt, das mich an der Sache erfreut? Und jetzt bist es ausgerechnet du, die mich in Teufels Küche bringt! Win-Win-Situation! Ich werd dir mal zeigen, was eine richtige Win-Win-Situation ist.«

Ich war laut geworden, weil Wilma mir nicht zuhörte, sondern einfach wieder in der Umkleide verschwunden war. Die Verkäuferin kam angaloppiert, um nachzusehen, was los war.

»Ich werde dir für keine fünf Pfennig bei der Planung helfen! Sieh zu, wie du klar kommst.«

»Jetzt hab ich aber Angst, Maggie. Hilfe, ich kriege meine Hochzeit nicht gestemmt, weil Madame Abendroth den Schuh macht. Ich dachte, du wärst drüber weg.«

»Falsch gedacht. Ich werde drüber weg sein, wenn der Kerl sich atomisiert, vaporisiert und zum Mond appariert hat. Und ja, ich bin bestimmt ersetzbar. Engagier dir doch Froooonck, den Weddingplanner – damit es auch richtig in die Hose geht und der Knipser was abzulichten hat, wenn deine Gäste vorm ausgebuchten Hotel stehen. Ruf doch Sarah Connor an, die weiß, wie man sich dann fühlt.«

Winnie lehnte sich im Sessel zurück und sagte zur Verkäuferin: »Es ist alles in Ordnung – hier wird nur gleich kein Stein mehr auf dem anderen stehen. Was halten Sie davon, noch eine Flasche Prosecco aufzumachen? Oder haben Sie was Stärkeres da?«

»Raus hier. Sie alle drei. Auf der Stelle verlassen Sie meinen Laden.« Um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm auf die Tür.

Ich nahm meine große Umhängetasche. »Bin schon weg.«

»Was ist denn jetzt, Maggie?«

»Was soll sein? Mach deinen Scheiß alleine. Und ein Geschenk kriegst du von mir auch nicht.«

»Wäre sowieso von Quality-TV gewesen. Wahrscheinlich ein Set Tupperdosen aus dem Angebot«, giftete sie aus der Kabine.

Ich drehte mich um. »Und wenn schon! Die wären wenigstens von Herzen gekommen. Tschüss Winnie. Man sieht sich.«

Hinter mir fiel die Tür des Brautmodengeschäfts zu, und ich zündete mir eine Zigarette an. Aus dem Laden hörte ich Wilma nach mir rufen, und ich gebe zu, dass ich mit Freude registrierte, dass sie etwas kleinlaut klang. »Lässt du mir wenigstens die Planungsmappe da?«

»Aber selbstverständlich, Frau Korff!« Ich holte das dicke Heft mit Adressen, Ideen und Zeichnungen aus meiner Umhängetasche, nahm einen Tiefen Zug aus der Zigarette und riss die Kladde in Stücke. »Da hast du deinen Double-Trouble.«

Auf der anderen Seite der Glastür stand Wilma und bekam große Augen. Ja, die passen zum Anzug, Wilma, dachte ich. Ich ließ die Schnipsel auf den Boden rieseln und ging.

Nach ein paar Metern machte ich die nächste Zigarette an der noch glimmenden an und piekste meiner inneren Stimme mit spitzem Finger in die Brust. Dann sag mal was Schlaues dazu. Hat man noch Worte? Meine beste Freundin verrät mich für einen Fummel von Yves Saint Laurent! Judas!

Darf ich auch mal was sagen?, flüsterte meine innere Stimme.

Aber bitte sehr, wenn es hilft.

Mir ist zum Heulen, wisperte sie.

»Halt die Klappe. Dafür haben wir jetzt keine Zeit!«, rief ich laut, und die Passanten, die mir entgegenkamen, wichen erschrocken aus. Ich war schon losgerannt, um den nächsten Bus zu kriegen, der mich direkt zum Callcenter bringen würde, in dem ich seit Monaten arbeitete.

Als die Türen sich hinter mir mit lautem Zisch schlossen, hatte ich die brennende Zigarette immer noch zwischen den Lippen. Alle im Bus starrten mich an. Durch die Lautsprecheranlage tönte die Stimme des Fahrers: »Die Zigarette oder Sie!«

Die Türen öffneten sich wieder. Zu spät, um auf den nächsten Bus zu warten - ich schnippte sie hinaus. Dann trollte ich mich in die hinterste Ecke des Busses und wischte mir die Tränen mit dem Mantelärmel aus dem Gesicht. Plötzlich erschien ein Papiertaschentuch vor meiner Nase.

»Allergie«, krächzte ich und nahm das Taschentuch.

»Ja, ja, die Allergie kenne ich«, sagte eine Männerstimme.

»Oh, du bist es, Hassan. Wenn du auch nur ein Wort darüber verlierst, mache ich dich kalt.«

Normalerweise freute ich mich, meinen Kollegen Hassan im Bus zu treffen. Da war der Gang in die Legebatterie wenigstens nicht ganz so schrecklich. Ich guckte mich um.

»Keine Gefahr. Keiner hier von der Vollpfostenfraktion«, sagte Hassan. »Und warum sollte ich über so was Langweiliges wie eine Allergie reden. Es verhielte sich natürlich anders, wenn hinter deinen Tränen eine tatsächlich dramatische Geschichte stecken würde. Aber das tut es ja nicht, oder?«

»Nein, tut es nicht«, sagte ich. Wo kein Wille ist, da kann auch kein Drama sein.

Hört, hört, sagte meine innere Stimme und verzog sich in die Schmollecke, um sich ihrem mentalen Schluckauf zu widmen.

Kapitel 2

Kurz vor Weihnachten war in der Bestellannahme von Quality-TV keine Zeit für Sentimentalitäten. Ich warf einen Blick auf die Anzeigetafel: 350 Kunden in der Warteschleife, und ich hatte heute Doppelschicht. Gute Aussichten, am Ende des Tages noch nicht einmal mehr zu wissen, wie man seinen eigenen Namen schreibt. Denn als Callcenter Agent kämpft man einen einsamen Kampf gegen Menschenhass, Hörsturz und Zungenlähmung.

»Guten Tag, Quality-TV, mein Name ist Maggie Abendroth. Was kann ich für Sie tun?«, leierte ich die Begrüßung herunter, bog dabei eine Büroklammer auf und zu und wartete darauf, dass der Anrufer mir seine Wünsche mitteilte. Mir tat der Nacken weh, und ich hatte den Eindruck, bereits mit halb Deutschland telefoniert zu haben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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