Totgesagte leben länger. Karl Marx und der Kapitalismus im 21. Jahrhundert - Konrad Paul Liessmann - E-Book

Totgesagte leben länger. Karl Marx und der Kapitalismus im 21. Jahrhundert E-Book

Konrad Paul Liessmann

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Beschreibung

In den sechziger Jahren glaubte man den Kapitalismus am Ende - und siehe, er lebt fröhlich weiter; in den neunziger Jahren hielt man Karl Marx für tot - und siehe, er feiert ein Comeback. Die Aktualität von Marx besteht gerade darin, dass er, entgegen einer falschen Lesart, kein griesgrämiger Theoretiker des Sozialismus, sondern ein enthusiasmierter Analytiker des Kapitalismus gewesen ist. Und gerade weil dieser weiterlebt, lebt auch Marx weiter.

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Konrad Paul Liessmann

Totgesagte leben länger

Karl Marx und der Kapitalismus im 21. Jahrhundert

1. Totgesagte leben länger

Wer geistig in den Sechziger- oder Siebzigerjahren des vorigen Jahrhundert sozialisiert worden war, für den war klar: Der Kapitalismus ist am Ende. Überall in der Welt waren kommunistische Bewegungen auf dem Vormarsch, in Vietnam und Kambodscha führten die USA ein barbarisches Rückzugsgefecht, es war nur eine Frage der Zeit, bis – der berüchtigten Dominotheorie zur Folge – ein Land nach dem anderen in die Hände der Marxisten, Leninisten oder Maoisten fallen sollte. Südamerika war dafür schon lange reif, und manche diagnostizierten auch Klassenkämpfe in Westeuropa, die Herrschaft der Arbeiterklasse schien nahe. Im akademischen Zirkeln diskutierte man Fragen wie die, in welcher Phase des Spätkapitalismus man sich gerade befinde, ob knapp oder nicht ganz so knapp vor dessen Zusammenbruch, oder darüber, ob der staatsmonopolistische Kapitalismus dessen letztes Aufbäumen darstellte, oder darüber, ob die großen Gesellschaftssysteme langfristig konvergieren könnten. Marx war der Philosoph, der all diese Einschätzungen, Prognosen und Diskurse dominierte, die Frage der richtigen Marx-Exegese entschied – man kann es kaum noch glauben – auch in den westlichen Staaten über akademische Karrieren, und der dialektische Materialismus dominierte als Forschungsmethode und Gesinnungsausweis nicht nur die Geistes- und Kulturwissenschaften. Nur zwei Jahrzehnte später war allen klar: Marx ist tot. Leiblich starb er 1883, geistig 1989.

Unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, den Revolutionen in Osteuropa, dem Zerfall der UdSSR und der sogenannten Globalisierung ist es keinem Publizisten, Politiker oder Historiker erspart geblieben, Marx als endgültig widerlegt zu erachten, ihn endlich dort gelandet zu sehen, wo er nach Auffassung vieler ohnehin immer schon hingehörte: auf den Müllhaufen der Geschichte. Ja, diese selbst erschien nur noch wie ein Marx’sches Phantasma; großspurig konnte deshalb in diesen Jahren das Ende der Geschichte selbst verkündet werden. An mehr als an den Kapitalismus, freie Märkte und an eine liberale Rechtsstaatlichkeit als Horizont der Geschichte war nicht mehr zu denken, alles andere galt als gestrig, uneinsichtig, verzopft. Die Transformation Chinas, der letzten kommunistischen Großgesellschaft, in ein Musterland des neuen, rücksichtslosen und dabei höchst erfolgreichen Kapitalismus bestätigte diese Diagnosen auf ziemlich eindrückliche Art und Weise.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008 ist aber alles wieder ein wenig anders, auch wenn die Hoffnung, dass die Erfahrung dieser Krise zu einer grundlegenden Revision der wirtschafts- und finanzpolitischen Rahmenbedingungen genützt werden könnte, sich in einer geradezu bestürzenden Weise nicht erfüllt hat. Die Resistenz der neoliberalen Ordnung gegen jede Zumutung, die Freiheit der Kapitalströme und die Chancen auf Gewinnmaximierung auch nur ein wenig zu beschränken oder zu regulieren, erweist sich allerdings als Bestätigung einiger grundlegender Thesen von Marx. Seine Wiederkehr im Zuge der rezenten Krisen ist so unumgänglich, auch wenn er aus mehr oder weniger verständlichen Gründen in den Diskursen über die Gestalt und die Zukunft des Kapitalismus aktuell eher ein Schattendasein führt.

Es stimmt schon: Der Gang der Geschichte erzwingt eine kritische Revision jeder Marx-Lektüre. Wohl ist Marx für das Desaster der sozialistischen Großexperimente nicht verantwortlich zu machen. Aber er ist auch nicht mehr die strahlende Theorie-Ikone einer Kapitalismuskritik, die den historischen Fortschritt auf ihrer Seite wähnte. Marx deshalb nicht mehr zu lesen, wäre aber dumm. Der Bankrott des sogenannten realen Sozialismus erlaubt es, Marx, befreit von der Last, geschichtsmächtig werden zu müssen, einfach als das zu lesen, als was er sich letztlich immer auch verstanden hat: als Theoretiker, als Philosophen und als – Sprachkünstler. Die Revolutionen in Osteuropa haben nicht nur die Menschen vom Marxismus befreit; sie haben auch Marx vom Marxismus befreit. Seit Marx nicht mehr an politischen Verhältnissen, die seinen Namen, nicht unbedingt sein Werk, usurpiert hatten, gemessen werden muss, kann man neben den brillanten analytischen Ansätzen auch unbefangen die Schönheit und Eleganz seiner Schriften bewundern. Entlastet von den Verirrungen der Geschichte, lässt sich die enorme ästhetische Qualität seines Werks entdecken. Marx: Das ist auch große Wissenschaftsprosa, wie sie im 19. Jahrhundert zwar nicht selten war, aber in dieser Qualität nahezu konkurrenzlos ist. Er steht damit auf einer Stufe mit Charles Darwin oder Sigmund Freud, deren Einsichten sich trotz aller Modifikationen und Differenzierungen immer wieder als anregend erweisen und deren Lektüre darüber hinaus auch einen literarischen Genuss bedeuten kann.

Was immer der globale Siegeszug der Marktwirtschaft bedeuten mag: Es ist daran zu erinnern, dass jener berüchtigte Karl Heinrich Marx aus Trier, den viele für einen Revolutionär und Visionär des Kommunismus halten, den Großteil seines Lebens – fast vierzig Jahre – damit zugebracht hat, in der Bibliothek des Britischen Museums in London zu sitzen und nichts anderes zu studieren als eine einzige Gesellschafts- und Wirtschaftsform: den Kapitalismus. Natürlich, er schrieb auch manch anderes, oft aus niedrigen Erwerbsgründen; er war Mitglied der 1. Internationalen Arbeiterassoziation; und in jungen Jahren träumte er wohl von einer Revolution. Seine große Liebe, das unerschöpfliche Objekt seiner theoretischen Begierde, nach dem er sich verzehrte bis zur physischen Erschöpfung, war und blieb aber zeitlebens das Kapital. Niemand, der glaubt, dass eine Gesellschaftsform zum Untergang verurteilt ist, und diesen Untergang will, opfert sein Leben der Erforschung derselben. Dafür gibt es nur zwei Motive: die melancholische Faszination für das, was verschwinden soll, oder das unbewusste Wissen, dass es eben gar nicht verschwinden wird. Beides mag bei Marx dazu geführt haben, dass er, anstatt ein besseres Leben zu prophezeien oder programmatisch das zu entwickeln, was andere unter Sozialismus oder Kommunismus verstanden haben, dem Kapital, besser: seiner Imagination des Kapitals und dessen tiefstem und schönstem Geheimnis: der Produktion von Mehrwert, treu blieb bis in den Tod. Von dieser einseitigen und bis heute unerwiderten Liebe handelt unser Essay.

2. Der »tote Hund« und sein Stammbaum

Nach dem endgültigen Zusammenbruch aller realen Sozialismen war und ist gerne die Rede von Marx als einem »toten Hund«. Weniger bekannt ist, dass dies ein Zitat von Marx selbst ist; kaum bekannt allerdings ist, dass sich dahinter eine Kette von Zitationen verbirgt, die selbst ein famoses Stück deutscher Geistesgeschichte darstellt. Seit mehr als zwei Jahrhunderten geistert der »tote Hund« durch die deutsche Philosophie. Und an den Spuren dieses spirituellen Kadavers, von dem nicht gesagt werden kann, ob es Fausts zur Strecke gebrachter Pudel ist, lässt sich einiges von dem ablesen, was den Kern, aber auch den unvergleichlichen Charme dieses Denkens ausmacht.

Im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, von Marx am 24. Jänner des Jahres 1873 verfasst, nimmt der Autor dieser »Kritik der politischen Ökonomie« Stellung zu einigen Meinungen und Kritiken, die nach Erscheinen des ersten Bandes des Kapitals ihm zugekommen sind – wobei ja eine besondere Pointe darin besteht, dass etliche Rezensionen, die zum Kapital erschienen sind, von Marx und Engels selber stammen sollen, weil sowohl Gegner als auch Freunde sich außerstande sahen, dieses Buch zu lesen. Im Nachwort geht Marx allerdings auf einige nichtfiktive Reaktionen ein, unter anderem versucht er, seine Methode der Analyse des Phänomens der bürgerlichen Gesellschaft darzustellen:

»Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber gerade als ich den ersten Band des Kapital ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel so zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit einen Spinoza behandelt hat, nämlich als ›toten Hund‹. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und ich kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zum ersten in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muss sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.« (MEW 23, 27)1

Nein, kein Wort jetzt über Dialektik bei Marx und Hegel. Kein Wort über das einst viel strapazierte »Umstülpen«, kein Wort davon, dass hier irgendjemand vom Kopf auf die Füße gestellt werden soll. Uns interessieren an dieser Stelle eher Marxens Bemerkung, dass Hegel zu seiner Zeit so behandelt werde, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeiten Spinoza behandelt habe, nämlich als »toten Hund« – und die Anführungszeichen, zwischen die Marx den toten Hund setzte. Es handelt sich also anscheinend um ein, allerdings unausgewiesenes Zitat. Solche stummen Verweise und Anspielungen verraten mitunter mehr, als der erste Blick vermuten mag. Was also verbirgt sich hinter dieser etwas schiefen Metapher? Wer also wurde zitiert? Die relativ verlässliche Ausgabe der Marx-Engels-Werke, die vom längst aufgelösten Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED veranstaltet worden war und die in der Regel bemüht gewesen war, alle Zitate, die Marx eingeschmuggelt hat, zu entschlüsseln und nachzuweisen, hat die Quelle zu dem unter Anführungszeichen gesetzten toten Hund nicht belegt. Keine Frage: Spurensuche tut not.

Naheliegend, zuerst bei jenem Philosophen nachzuschlagen, den Marx wohl am besten gekannt hat, nämlich bei Hegel. Und in der Tat: In Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, und zwar im Abschnitt über jene »neueste deutsche Philosophie«, die heute eine alte, eine sehr alte deutsche Philosophie ist – was man nicht zuletzt daran sieht, dass Hegel dabei auch auf einen Denker einging, der mittlerweile nahezu vergessen ist: Friedrich Heinrich Jacobi. Jacobi (1743 bis 1819) war einer der Philosophen des Sturm und Drang gewesen, Realist und Denker des Gefühls, Kritiker von Kant, befreundet mit Mendelssohn, mit Lessing, mit Goethe, daneben Autor einer Reihe von Romanen, und nicht zuletzt war es Jacobi gewesen, der den Begriff Nihilismus geprägt und in die Philosophie eingeführt hatte. Zu Lebzeiten berühmt geworden war er durch ein Buch, das zunächst anonym erschienen war: Briefe an Mendelssohn über die Lehre des Spinoza. Hegel ging in seiner Vorlesung auf diese Schrift ein und sagte: »In dem Briefwechsel [zwischen Jacobi und Mendelssohn] kommt sogleich vor, wie Spinoza vergessen worden ist. Mendelssohn zeigte Ignoranz selbst über das äußerlich Historische der Spinozistischen Philosophie, vielmehr noch über das Innere. Dass Jacobi Lessing für einen Spinozisten ausgab und die Franzosen heraushob, dieser Ernst kam den Herren wie ein Donnerschlag vom blauen Himmel herunter. Sie – selbstgefällig, fertig, obenauf – waren ganz verwundert, dass er auch etwas wissen wolle, und von solchem ›toten Hund‹ wie Spinoza.«2

Da ist er also, der tote Hund. Das Problem ist nur: Auch Hegel setzt den toten Hund unter Anführungszeichen. Nachdem anzunehmen ist, dass Marx den toten Hund von Hegel kannte, handelt es sich offenkundig um das Zitat eines Zitats. Die Spurensuche geht weiter. Vorerst aber noch einige Bemerkungen zu diesem Briefwechsel zwischen Jacobi und Mendelssohn über Spinoza und Lessing: Er steht in Zusammenhang mit einer Debatte, die auch als der sogenannte Pantheismusstreit der deutschen Aufklärer in die Philosophie- und Kulturgeschichte eingegangen ist. Jacobi war sehr begierig gewesen, die Bekanntschaft von Gotthold Ephraim Lessing zu machen, und sandte diesem seinen Roman Woldemar. Lessing revanchierte sich mit dem Theaterstück, das er damals gerade fertiggestellt hatte: Nathan der Weise. Es kam tatsächlich zur Begegnung zwischen diesen beiden Aufklärern, und im Laufe derselben kam man auch auf Spinoza zu sprechen, einen Philosophen, der noch heute ein wenig wie ein toter Hund behandelt wird. In der Szene der Aufklärer galt Spinoza als Pantheist – aber Pantheisten schienen höchst anfällig für den Atheismus. Ein naheliegender Gedanke, wenn man den klassischen Theismus der christlichen Lehre mit einem personalen Gottesbegriff assoziiert: Denn dann ist der Pantheist, für den Gott in allem ist, bald dort, wo Gott überhaupt nicht mehr ist. Es dürfte Jacobi tatsächlich erregt haben, dass Lessing in diesem Gespräch anscheinend eine spinozistische Position vertrat; er schrieb auch sofort an Mendelssohn, ob er denn wisse, dass Lessing Spinozist, also Pantheist, also womöglich gar Atheist sei. Darauf entspann sich ein erbitterter Briefwechsel, Lessing starb, und der »brave« Moses Mendelssohn regte sich darüber, dass man Lessing für einen Atheisten halten könne, so auf, dass er kurz vor seinem Tode noch eine Erwiderung an Jacobi schrieb. Es ist also zu vermuten, dass diese Formel vom toten Hund irgendwo in dieser Auseinandersetzung zwischen Jacobi, Lessing und Mendelssohn zu suchen sein wird.

Tatsächlich, in seinem ersten langen Brief an Mendelssohn schildert Jacobi diese Begegnung und dieses Gespräch mit Lessing, ihren Diskurs über Spinoza. Jacobi rapportiert diese Auseinandersetzung in der literarischen Form eines Dialoges zwischen ›LESSING‹ und ›ICH‹. Er selbst, Jacobi, stellt die These auf, dass es eigentlich so etwas wie einen Parallelismus gäbe in der Auffassung der Einheit von Gedanke und Substanz bei Spinoza und bei Leibniz. Und das musste ein provokanter Gedanke gewesen sein, schien doch Leibniz, der geachtete Rationalist, den populären Aufklärern nicht zuletzt durch seine grandiose Abhandlung über die Theodizee gefeit davor, in den Geruch des Atheisten zu kommen. In dem Moment, in dem Jacobi Leibniz in die Nähe Spinozas rückt, springt Lessing auf und ruft: »Ich lasse Ihnen keine Ruhe, Sie müssen mit diesem Parallelismus [zwischen Leibniz und Spinoza] an den Tag ... reden die Leute doch immer von Spinoza wie von einem todten Hunde«3 – und damit haben wir die Stelle gefunden, wo der ›todte Hund‹ begraben liegt. Lessing also sagte dies zu Jacobi, dieser veröffentlicht es in seinen Briefen an Mendelssohn, daher kennt Hegel den toten Hund, und bei Hegel findet wahrscheinlich Marx diese Formel und wendet sie auf Hegel an – um sich dann selbst als toter Hund wiederzufinden. Er ist damit also in bester Gesellschaft: Spinoza, Hegel, Marx – eine Ahnengalerie, an deren Genese aber mehr beteiligt war als der Zufall philosophischer Kontroversen.

Die Familie der toten Hunde weist nämlich Gemeinsamkeiten auf: Der Pantheismusstreit um Spinoza, der dessen Philosophie denunzieren sollte, eine radikale, verharmlosende und christlich vereinnahmende Hegelrezeption in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, auf die Marx so scharf reagierte und durch die er sich genötigt sah, sich als Schüler Hegels zu bekennen, und heute die Attitüde, dass Marx nach dem Ende des Kommunismus ein für alle Mal erledigt wäre: Es ist diese Geste einer bornierten Ignoranz, die diese Denker vereint, indem sie ihr zum Opfer fallen. Spinoza, Hegel, Marx – diese Philosophen verbindet jedoch mehr als solch eine Missachtung. Spinoza etwa galt nicht nur als einer der philosophisch reflektiertesten Vertreter des Pantheismus, sondern auch als Denker eines radikalen Determinismus, der im Subjekt kein Moment von Freiheit entdecken konnte; ähnlich war auch Hegel davon überzeugt, dass Freiheit, wenn überhaupt, nur als »Einsicht in die Notwendigkeit« denkbar sei, und das Absolute, das sich bei ihm als Weltgeist in der Weltgeschichte durchsetzt und offenbart, trägt deterministische Züge; und diese spielen auch bei Marx eine ganz zentrale Rolle: Gesellschaftstheorie sollte funktionieren wie eine Naturwissenschaft. Und nicht zuletzt dies hat zu jenem Hohn geführt, den man gerne über Marx ausschüttet: Dass eine Theorie, die glaubte, die Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen erkannt zu haben, dann solch eine historische und damit geschichtsphilosophische Niederlage erlitt – wobei auch gefragt werden könnte, ob der Zusammenbruch realsozialistischer Gesellschaften nicht ohnehin dem Marx’schen Geschichtsmodell mehr entsprach als ihr ehemals ideologisch postuliertes Funktionieren: Denn Marx selbst räumte den unterentwickelten Gesellschaften Osteuropas alles Mögliche ein – nur nicht den Sprung vom Feudalismus in den Sozialismus.

Es gibt aber noch ein zweites sachliches Argument, das die toten Hunde philosophisch in eine schöne Deszendenz bringt: die Kategorie der Negation. Von Spinoza stammt die wichtige Überlegung, dass jede Bestimmung, jede Definition eines Begriffs eine Negation darstellt: determinatio negatio est. Damit wird die Negation in ein bestimmendes Prinzip transformiert. Von einer Sache zu sagen, was sie nicht ist, heißt, den ersten Schritt zu setzen, um sagen zu können, was sie ist. Und die Negation spielt in der Dialektik von Hegel die entscheidende Rolle – es ist die Kraft der bestimmten Negation, die Dynamik in die Begriffe und damit in die Weltgeschichte bringt. Das Destruktive am Moment des Negativen in der Dialektik ist aber genau der Punkt, den Marx in seiner Deutung der Hegelschen Philosophie favorisiert. Wollte man sich also von der durchaus polemischen Rede vom toten Hund ernsthaft leiten lassen, käme man zu zwei ganz wesentlichen Dimensionen der Marx’schen Philosophie: zum Determinismus als zentralem Faktor seiner Philosophie der Geschichte und zur produktiven Bedeutung der Negation, des Widerspruchs, der Antinomie in seinem Denken.

3. Die Kritik der Religion als Voraussetzung aller Kritik

Um die Jahreswende 1843/44 schrieb Marx einen Text, von dem man kaum geglaubt hätte, dass er im Europa das frühen 21. Jahrhunderts noch oder wieder als Provokation aufgefasst werden muss. Dieser Text beginnt mit dem ungeheuren Satz: »Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.« (MEW 1, 378) Hier schreibt einer, der sich am Ende einer philosophischen Tradition, am Ende eines philosophisch-politischen Kampfes sieht und dieses Ende dazu benützt, in gewisser und ganz anderer Weise neu anzusetzen, obwohl und weil er dieses Ende als die Voraussetzung für seine eigene Tätigkeit interpretierten und deuten kann. Angesichts der vom islamistischen Terror überschatteten aktuellen Debatten über Sinn, Stellung und Gehalt von Religionen in der modernen Welt, erstaunt es, wie sehr man schon vor annähernd 200 Jahren überzeugt davon war, das Phänomen der Religion durchschaut, analysiert und hinter sich gelassen zu haben. Wollte man philologisch an dieses Ende der Religionskritik, wie sie Marx in der sogenannten Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie