Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Tragik der Allmende Allmende meint ursprünglich eine Dorfwiese im Mittelalter, die gemeinschaftlich genutzt wird, auf die alle Gemeindemitglieder ihr Vieh zum Weiden führen dürfen. Geschieht das aber ohne jegliche Regeln, kann es schnell zur Tragik der Allmende kommen. Der junge Herr von Schritte erfährt durch sein erstes Buch, "Die Söhne der großen Bärin" vom Schicksal der Indianer in Amerika. Das angeblich freie, ungenutzte Land, das vor ihnen liegt, wird von den Eroberern gewaltsam in Besitz genommen und ihren eigenen Zwecken unterworfen. Als Erwachsener sucht er dann den Battleground von Little Big Horn auf, wo General Custerund sein 7. Kavallerie-Regiment von den vereinigten Stämmen vernichtet wurde. Er entnimmt dem Boden einen daumengroßen Kaktus, von dem er eine große Anzahl Ableger züchtet. Als er nach Jahren auf einem Sommerfest seine Kaktusse stolz der Öffentlichkeit präsentiert, erlebt er Reaktionen, über die er sich nurv wundern kann. Chou.Chou Peter und Gisela unternehmen endlich ihre lang geplante Frankreichreise zu den Schlössern der Loire. Als Frankreichliebhaber nenen sie sich gleich hinter der Grenze Pierre und Gisèle. Und Pierre spricht Gisele fortan mit dem Kosenamen Chou-Chou an. bei ihren ausgiebigen Besichtigungen stoßen sie im Schloss Chaumont auf das Portrait von Ruggerie, dem berühmten Wahrsager der Katharina von Medici. Eine Weissagung des Ruggerie vermengt sich mit einem Ausspruch eines sonderbaren Mannes, den Pierre beim Einkaufen getroffen hatte, und der Ruggerie sehr ähnlich sieht. Die Weissagung entfaltet nach und nach eine ungheure Kraft und droht sie zu zerstören. Eine ausgewachsene Peinlichkeit - in einer Zahnarztpraxis Mäuschen, Bärchen, Schweinchen - eine Dystopie in Deutschland
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zum Buch
Allmende meint ursprünglich eine Dorfwiese im Mittelalter, die gemeinschaftlich genutzt wird, auf die alle Gemeindemitglieder ihr Vieh zum Weiden führen dürfen. Geschieht das aber ohne jegliche Regeln, kann es schnell zur Tragik der Allmende kommen. Der junge Herr von Schritte erfährt durch sein erstes Buch „Die Söhne der großen Bärin“ vom Schicksal der Indianer in Amerika. Das angeblich freie, ungenutzte Land, das vor ihnen liegt, wird von den Eroberern gewaltsam in Besitz genommen und ihren eigenen Zwecken unterworfen. Als Erwachsener sucht er dann den Battleground von Little Big Horn auf, wo General Custer und sein 7. Kavallerie-Regiment von den vereinigten Stämmen vernichtet wurde, und entnimmt ihm einen daumengroßen Kaktus, von dem er eine große Anzahl Ableger züchtet. Als er nach Jahren auf einem Sommerfest seine Kaktusse stolz der Öffentlichkeit präsentiert, erlebt er Reaktionen, über die er sich nur wundern kann.
Peter und Gisela unternehmen endlich ihre lang geplante Frankreichreise zu den Schlössern der Loire. Als Frankreichliebhaber nennen sie sich gleich hinter der Grenze Pierre und Gisèle. Und Pierre spricht Gisèle fortan mit dem Kosenamen Chou-Chou an. Bei ihren ausgiebigen Besichtigungen stoßen sie im Schloss Chaumont auf das Portrait von Ruggerie, dem berühmten Wahrsager der Katharina von Medici. Eine Weissagung des Ruggerie vermengt sich mit einem Ausspruch eines sonderbaren Mannes, den Pierre beim Einkaufen getroffen hatte, und der Ruggerie sehr ähnlich sieht. Die Weissagung entfaltet nach und nach eine ungeheure Kraft und droht sie zu zerstören.
Eine ausgewachsene Peinlichkeit - in einer Zahnarztpraxis
Mäuschen, Bärchen, Schweinchen - eine Dystopie in Deutschland
Achim Fischer, in Posen geboren, aufgewachsen in Potsdam und München; studierte Pädagogik, Politologie und Publizistik in Bochum und Berlin. Er lebt in Würzburg. Kontakt: [email protected]
Das Cover zeigt eine Grafik von Konrad Grimm
Tragik der Allmende
Chou-Chou
Eine ausgewachsene Peinlichkeit
Mäuschen, Bärchen, Schweinchen
Dank
In der Spieltheorie wird das Resultat eines Spiels mit zahlreichen Parteien, bei dem es um eine gemeinsame endliche Ressource geht, den jede Partei gern zu ihrem Vorteil nutzen möchte, oft als Tragik der Allmende bezeichnet. KIT YATES
Bärenbande
Als Herr von Schritte in den Sommerferien im Harz nach Ablauf des zweiten Schuljahrs seinen achten Geburtstag erlebte, schenkten ihm seine Eltern ein fünfhundert Seiten starkes Buch, obwohl er noch nicht flüssig lesen konnte. Allenfalls war er fähig, wenn er mit dem Finger langsam die Zeilen entlangfuhr und die Silben und Wörter halblaut zusammenfügte, den Sätzen nach und nach den Sinn zu entlocken. Den Buchdeckel zierte ein stilisierter Adler, ein Totemzeichen, denn geschildert wird das Schicksal der Bärenbande, der Söhne der großen Bärin, einer Abteilung Dakotas unter der Führung ihres jungen Häuptlings Tokai-ihto. Eine mehr als tragische Geschichte, die den Untergang des Stammes zu Zeiten der letzten Indianerkriege im Gebiet der Black Hills zum Thema hat.
Herr von Schrittes drei Jahre älterer Bruder Heiner, der nicht mitansehen wollte, wie quälend der Leseprozess bei seinem jüngeren Bruder verlief, ging am Morgen, als er aufgewacht war, zu Herrn von Schrittes Bett, der noch schlief. Er nahm ihm das Buch kurzerhand weg und begann selbst darin zu lesen und gab es nicht wieder her. Die Eltern wiesen Heiner an, er solle seinem Bruder dessen Besitz lassen und sein eigenes Buch lesen. Doch die zwei Wochen Ferien hätten nicht ausgereicht, um bei dem von Herrn von Schritte angeschlagenen Lesetempo bei der Handlung nennenswerte Fortschritte zu erzielen, weshalb sich seine Mutter erbarmte und ihm jeden Tag eine Stunde vorlas. Seine Mutter saß dann in einem Liegestuhl in dem wiesengrünen Tal, durch das die Ilse heiter plätschernd über Steine hüpfte, und Herr von Schritte stand neben ihr, lehnte leicht an dem Gestänge des Stuhls und hörte aufmerksam zu. Das Vorgelesene beeindruckte ihn mächtig. Durch die Stimme seiner Mutter verstärkt in seiner Wirkung erfuhr er von der Brutalität und Rücksichtslosigkeit der weißen Eindringlinge und der Soldaten, die wegen ihrer Bajonette an den Gewehren Langmesser genannt wurden. Zu Beginn der Eroberungen erschienen vereinzelte Jäger, Abenteurer und Händler, die von den Indianern noch gelassen, zumindest geduldet und sogar freundlich aufgenommen wurden. Das schien Herrn von Schritte leichtsinnig, und er schüttelte den Kopf. Er hätte davon dringend abgeraten. Er hätte geraten, das sein zu lassen, denn so verstärkte sich der Zuzug der Eindringlinge unweigerlich. Man könnte höchstens einwenden, die Indianer benötigten bestimmte Dinge, die nur die Weißen hatten, wie Gewehre, Blei oder Kessel und Messer und Äxte. Man hätte eben nur die Händler hereinlassen sollen. Händler mit den Waren. Da wäre man nicht drum herumgekommen, aber die anderen nicht.
Nach und nach strömten denn auch aus den Gebieten im Osten des Kontinentes Scharen von Neuankömmlingen, die meinten, einfach siedeln zu dürfen, wo es ihnen beliebt, und die das Land in Beschlag nahmen, denn in ihren Augen war es frei verfügbar. Umherschweifende Indianerbanden konnten ihrer Meinung nach schwerlich als rechtmäßige Besitzer angesehen werden. Das Land musste genutzt werden, wer wollte daran zweifeln. Herr von Schritte zweifelte daran, das schöne, wilde Land mit dem Pflug zu bearbeiten, um Getreide auszusäen, Kartoffeln anzubauen oder Rinder zu züchten anstelle der hingeschlachteten Bisons. Als schließlich die Landvermesser mit ihren Stangen und Peilgeräten auftauchten, war es bereits zu spät. Das Land wurde vermessen, in Parzellen eingeteilt und an Interessenten abgegeben. Herr von Schritte erfuhr auf diese Weise, dass man Land kaufen konnte, obwohl es den Verkäufern nicht gehörte und die eigentlichen Besitzer davon keine Ahnung hatten. Es war Indianerland, worum sich aber niemand scherte. Er teilte die Empörung der Indianer, für die er schnell während der Lesestunden eine heftige Bewunderung und tiefe Zuneigung empfand, die nicht verstanden, wie man Land einfach in Besitz nehmen konnte. In den Black Hills wurde dann noch Gold entdeckt, und es brach ein fiebriger Goldrausch über die heiligen Berge der Dakotas herein, und endlose Folgen von Planwagen strömten zu dem Gebiet und überschwemmten es. Dabei kam Herr von Schritte ins Grübeln, ob Tokai-ihto da recht getan hatte, als er seine Büchse in der Handelsstation von dem kleinen, listigen Uatschitschun erwerben wollte. Er war damals zur Handelsstation geritten, hatte dem Fuchsgesichtigen einmal erklärt, was er bräuchte, und dieser schleppte ein altes Gewehr nach dem anderen heran und bot es an. Tokai-ihto sah den Händler nur an, ohne ein weiteres Wort zu sagen und schob die Flinten jedes Mal beiseite. Er legte allerdings ein Beutelchen mit Goldnuggets auf die Ladentheke. Da wurden die Gewehre allmählich besser und moderner, aber da der junge Häuptling immer noch stumm blieb, rückte der Händler schließlich die doppelläufige Büchse mit gezogenem Lauf heraus, die eigentlich für den Besitzer der Handelsstation bestimmt war. Das war in dem Buch beeindruckend geschildert, aber Herr von Schritte fragte sich, ob es klug von Tokai-ihto gewesen war, mit den Goldnuggets zu bezahlen. Es konnte sich doch jeder zusammenreimen, woher das Gold stammte, nämlich von dort, wo die Bärenbande lebte, und das war in den Black Hills. Er hätte Tokai-ihto davon abgeraten, das Gold so offen zu zeigen, mit dem Gold das Gewehr zu bezahlen. Die Black Hills, Pahá Sápa, sind der Mittelpunkt der Erde, sind das Herz von allem, was ist.
Bald war es um die Black Hills geschehen. General Custer führte in das Gebiet eine Erkundigungsexpedition, die auf Gold stieß, die Armee rückte an und errichtete Forts, um den Siedlern und Goldgräbern den ungeduldig geforderten Schutz zu gewähren. Nun wusste Herr von Schritte auch keinen Rat. Es war zu spät. Die Entwicklung war abgeschlossen und in die Vergangenheit hinabgesunken und, mochte sie noch so ungerecht verlaufen sein, sie blieb unumstößlich. Man konnte Tränen vergießen, wenn man wollte, aber ändern ließ sich nichts. Doch er verstand oder ahnte zumindest, dass Vergangenes nicht wirkungsloses, erstarrtes Gestein darstellte, nicht etwas ein für alle Mal Geformtes, das ohne Folgen blieb, sondern unaufhörlich rumorte, sich beweglich und liquide wie eine Flüssigkeit den Weg in die Gegenwart und Zukunft suchte. Er ahnte, dass die Ungerechtigkeit von damals nicht im Indianerland stecken geblieben war, vielmehr Bestandteil für alle Zeiten ist.
Tief brannte sich ihm der Aufbruch Tokaiihtos ein, der noch vor der ersten Morgendämmerung aus dem Gefängnis entwich. Man hatte ihn dahinein geworfen, als er seinem Vater Mattotaupa zu Hilfe kommen wollte, der - trunken beim Kartenspiel - wegen einiger Goldnuggets von Fred Clarke erschlagen wurde. Fred Clarke hatte flammendrote Haare, weshalb man ihn Red Fox nannte, zudem fielen seine Zähne durch ein ekliges Gelb auf. So hieß es im Buch, bis auf den heutigen Tag konnte sich Schritte daran erinnern. Red Fox stand für alles Verabscheuungswürdige dieser raffgierigen, ausbeuterischen Welt, und er wurde am Ende des Buches in einem den Atem verschlagenden Kampf von Tokai-ihto getötet. Tokai-ihto hatte seinen Vater gerächt. Diesen Aufbruch, in der Morgendämmerung bei noch sichtbaren Sternen am Himmel sich aufzumachen, alles hinter sich zu lassen, um zu seiner Bärenbande zu stoßen, vergaß er nie. Auf dem Pferd die kalte Luft des anbrechenden Morgens fröstelnd auf den Schultern zu spüren, die verblassenden Sterne über ihm und eine hoffnungslose Geschichte vor ihm. Nichts geht über eine Geschichte, die unweigerlich auf den Untergang zusteuert und in der mit aller Macht Widerstand geleistet wird.
Ebenfalls das Bild, dass nach der Schlacht den getöteten Soldaten Erde in den Mund gestopft wird, um deren unersättlichen Landhunger zu stillen, fraß sich bei ihm ein. Er stellte sich das vor. Er blickte sich um und sah einige Maulwurfshügel auf der Wiese, sah die aufgehäufte, schwarze Erde und dachte daran, wie es sein würde, wenn man sie im Mund hätte. Er wollte sie nicht in seinem Mund haben. Auch nicht, wenn er tot wäre. „Kannst du das Letzte nochmal lesen“, bat er. Und tatsächlich wurde in die Mäuler der toten Soldaten Erde gestopft, auf dass ihnen ihr Landhunger verginge. Die Squaws gingen von Leichnam zu Leichnam, zerrten deren Münder weit auf und pressten Erde in sie hinein, bis sich kleine Hügel auf ihnen bildeten. Sie gaben ihnen die Erde zu essen. Er vergaß das nie mehr. „Kannst du das bitte nochmal lesen“, bat Herr von Schritte und sah wieder zu den Maulwurfshügeln und stellte sich vor, dass unter ihnen die toten Landgierigen lagen.
Herr von Schritte hieß nicht immer Herr von Schritte. Sein eigentlicher Name war Micha oder Michael Schritte. Das änderte sich, als er einmal bei einem Spaziergang im Wald mit seinen Eltern und seinem Bruder an eine große Pfütze kam, die ihnen den Weg versperrte. Inmitten der Pfütze ragten einige Erhebungen und Steine hervor, die ein sicheres Hinüberkommen versprachen. Sein Vater, seine Mutter und sein Bruder traten vorsichtig der Reihe nach auf die sich anbietenden Stellen und überquerten die Pfütze trockenen Fußes. Sie lachten aufmunternd, als sie es geschafft hatten. Sie forderten Micha auf, es ihnen gleich zu tun. Micha war an der Reihe. Er setzte behutsam den Fuß auf das nächsterreichbare Inselchen, zögerte aber, den anderen Fuß nachzuziehen, um ihn auf einen gleich dahinterliegenden Stein zu stellen. Er stand am Rand der Pfütze, das eine Bein auf dem Inselchen und mit dem anderen noch abgestützt auf dem sicheren Grund. Er traute sich nicht, das hintere Bein nachziehen, um auf den nächstgelegenen Stein zu treten, konnte dabei aber diese gespreizte Stellung nicht länger halten.
„Du musst Schritt um Schritt gehen …, von einem Schritt vorsichtig zum anderen …, von Schritt zu Schritt ... Und immer die trockenen Stellen ansteuern … von Schritt zu Schritt. Hörst du?“
„Ah“, sagte er, „von Schritt zu Schritt …, so geht das ...“ Er holte tief Luft. „Herr von Schritte überquert den Amazonas“, rief er laut, hob die Arme, und er ging los und strauchelte nicht und rutschte nicht aus und balancierte sich hinüber. Seine Eltern und sein Bruder klatschten und riefen: „Bravo, toll gemacht …, eine Überquerung voller Gefahren.“ Und lachten, als er das andere Ufer der Pfütze erreicht hatte, und seine Mutter nahm ihn in den Arm und sagte: „Komm in unsere Mitte, Herr von Schritte.“ Er wurde fortan Herr von Schritte genannt, das heißt, bis zu seiner Einschulung wurde er so genannt. Danach ließ man das ‚von‘ häufig weg und sagte meistens nur Herr Schritte zu ihm. Später ließ man es sein.
Stück um Stück gewann sein Lesen im Laufe der Zeit an Sicherheit und Tempo, und ihm gelang es, immer flüssiger hinter die Bedeutung der Wörter und der ganzen Sätze zu kommen. Gebannt verfolgte er das Schicksal der Bärenbande und deren Häuptling Tokai-ihto. Er las in den folgenden Jahren das Buch sechs Mal, was nicht ohne Folgen blieb.
Folgen? Was für Folgen soll eine Lektüre haben, auch wenn das Buch mehrmals gelesen wird? Darauf lässt sich keine eindeutige Antwort geben, weil nichts eindeutig ist, am allerwenigsten die Gedankenwelt des Herrn von Schritte. Wir nehmen deshalb an, dass die Söhne der großen Bärin ihn in seiner Denkweise geformt und sein Bewusstsein für Recht und Unrecht geweckt haben. Das ist in der Tat gravierend, wenn jemandem das Unrecht wehe tut, das grassiert, und er erfährt, dass die Indianer nicht verstünden, warum Land verkauft werde wie ein Packen Seife oder eingetauscht gegen einen Schwung Messer und Beile. Land kann nicht verkauft werden, da war sich Herr von Schritte einig mit den Indianern.
1951 erschien in der DDR von der Schriftstellerin und Althistorikerin Liselotte Welskopf-Henrich „Die Söhne der großen Bärin“. Etwas später fächerte sie diese grandiose Erzählung auf sechs Bände aus. Die UNESCO zählte das Buch 1963 zu einem der besten Jugendromane der Welt. Es machte von Beginn an großen Eindruck und genoss bald unter älteren Kindern und Jugendlichen einen sagenhaften Ruf. Die dort geschilderten Abenteuer übten einen unwiderstehlichen Sog auf Heranwachsende aus. Das kenntnisreich, in genauen Details veranschaulichte Leben der Dakota schien um so vieles mehr anziehend, als der dröge sozialistische Alltag mit seinen endlosen Parolen, seinen hohlen Inhalten und seinem Gefuchtel mit Verboten und Drohungen. Allein die dargestellte Jagd auf eine der letzten Bisonherden entzündete die Fantasie der jungen Leser auf das Heftigste und ließ sie in die Rollen der Jäger mit Bogen und Pfeilen und Lanzen schlüpfen. In das Leben eines Dakotas einzutauchen war ein Traum, den man in der DDR durchaus träumen konnte, denn die indianische Tragödie war verhältnismäßig einfach als Ablauf einer Tragödie im Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus zu verstehen. Das passte hinein. Was nicht so recht hineinpasste war der Freiheitsdrang, der jedem Indianer zugeschrieben wurde. Der Wunsch nach Freiheit gehört zur Grundausstattung eines Indianers, und hier gab es gewisse Reibungspunkte, die es zu vermeiden galt.
Liselotte Welskopf-Henrich unternahm später Reisen in die USA und besuchte die Schauplätze, die sie beschrieben hatte. Sie war willkommener Gast bei den Stämmen und erhielt den Ehrentitel Lakota-Tashina (Schutzdecke der Lakota). 1975 besuchten sie die Red Power Aktivisten Vernon Bellecourt und Denis Bank in ihrem Haus in Berlin.
Es gab einen weiteren Autor, der sich gegen die fabulierenden, romantisierenden Karl May Schilderungen stellte, und der bei der Jugend in der DDR großes Ansehen genoss. Der Schweizer Ernst Herzig schrieb unter dem Pseudonym Ernie Hearting eine fünfzehnbändige Serie „Berühmte Indianer, weiße Kundschafter“, die zwischen 1949 und 1963 im Waldstatt Verlag erschien. Die Bücher lehnten sich weitgehend an historische Quellen an. Band 1 beschäftigte sich mit Rote Wolke, und der nächste Band war Sitting Bull gewidmet. Band 5, „Rollender Donner. Kriegshäuptling Chief Joseph. Die Geschichte seines Lebens und seines Volkes“, bekam Schritte 1954 im Pionierhaus beim Heiligen See in Potsdam für seine Antworten bei einem Quiz geschenkt. Bei diesen Veranstaltungen im Pionierhaus erhielt jeder für die richtige Antwort auf lächerlich leichte Fragen ein ansehnliches Geschenk. „Kolumbus“ hatte Schritte gesagt, als der FDJler im blauen Hemd von ihm wissen wollte, wer Amerika entdeckt hat. Heute hätte Schritte die Frage anders beantwortet, gewiss hätte er sie anders beantwortet. Nie und nimmer hätte er Kolumbus genannt.
Schrittes Vater, der das Aquarellmalen beherrschte, fertigte für Micha nach den Vorbildern der Buch-Cover die Portraits von Rote Wolke, politischer und militärischer Stratege von den Oglala, von Sitting Bull, spiritueller Anführer und Stammeshäuptling der Hunkpapa, der den Sieg am Little Big Horn im Traum vorausgesehen hat, und von Kleine Krähe an. Little Crow, Chef der Mdewakanton Dakota Bande, überzog Minnesota mit einem blutigen Krieg, nachdem versprochene Nahrungsmittel seitens der Regierung nicht geliefert wurden. Der zuständige Agent Andrew Myrick, ließ ihn wissen: „Was mich betrifft, sollen sie Gras fressen, wenn sie hungrig sind.“ Daraufhin fand man den abgeschlagenen Kopf von Myrick, den Mund vollgestopft mit Gras. Das brauchte Schritte nicht mehr vorgelesen werden, er las es selbst. Fortan schauten die drei Sachems ernst, aber voller Wohlwollen, von den gerahmten Bildern an der Wand des Kinderzimmers herab auf Schritte. Band 7, „Kriegsadler. Die Geschichte des Comanchenhäuptlings Quanah Parker“ aus dem Jahr 1955 war das letzte Buch der Reihe, das Schritte zu lesen bekam, denn im darauffolgenden Jahr 1956 kehrte seine Familie der DDR den Rücken. Der DDR den Rücken kehren klingt leichthin, als ob man auf dem Absatz kehrtmachte und eine andere Richtung einschlagen würde. So war es nicht. Es war eine regelrechte Flucht, bei deren vorzeitiger Entdeckung langjährige Haftstrafen drohten. Auf Republikflucht stand Haft, auch auf Vorbereitungen und Vorkehrungen zur Republikflucht. Die Schrittes bestanden aus fünf Personen, den Eltern, Schritte und seinem Bruder Heiner und der Jüngsten, der Schwester Katrein und dem Airedale Terrier Anitra. Zu der Zeit stand die Mauer noch nicht, und man musste nicht um sein Leben fürchten. Man konnte sich in Potsdam in die S-Bahn setzen und nach Westberlin fahren, allerdings galt es, die Grenzkontrolle in Griebnitzsee zu überwinden. Dort hielt der Zug. Volkspolizisten betraten die einzelnen Abteile, fixierten die Passagiere, um deren schlechte Gewissen zu prüfen, ließen sich alle Ausweise zeigen und nahmen verdächtige Personen aus dem Zug, führten sie in eine Baracke, wo sie gründlich gefilzt wurden. Schrittes Musiklehrerin, Frau Müller, war eines Tages verschwunden. Man hatte sie in Griebnitzsee aufgegriffen, als sie versuchte, Kaffee aus Westberlin in die DDR zu schmuggeln. Die freundliche Frau Müller, die sie jede Woche mit dem Akkordeon vor der Brust „Die Tählmann-Kolonne“ und weitere Revolutionslieder zu singen anhielt:
„Spaniens Himmel breitet seine Sterne, über unsere Schützengräben aus. Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne, bald geht es zu neuem Kampf hinaus ...“
Der Winter 1955/56 war eisig. Die Temperaturen erreichten die zwanzig Grad im Minus, und die Menschen zogen ihre Kleidungsstücke übereinander, bis sie wie kleine Tonnen die Straßen entlangwackelten. Das war ein rechtes Glück. Schrittes
